Hafwen wurde mit dem Behandeln des Mannes gerade so fertig, bevor alle Mann wegen der Bestrafung an Deck gerufen wurden. Styles tat ihr ein wenig Leid, wie er so geknickt an Deck geführt wurde. Er hatte es sicher nicht böse gemeint und Hafwen wusste, wie verzweifelt man sein konnte, wenn man ewig keine Arbeit hatte. Sie konnte nachvollziehen, dass er gelogen hatte, um an Bord kommen zu dürfen.
„Nun denn, Styles, Sie haben das Schiff Seiner Majestät und das Leben Ihrer Kameraden gefährdet. Was haben Sie zu sagen?", fragte Horatio. Er schien sich auch nicht ganz wohl dabei zu fühlen, aber es war nun einmal seine Pflicht.
„Ich war es nicht, Sir.", meinte Styles mit einer absoluten Unschuldsmiene. Horatio sah ein wenig vor den Kopf gestoßen aus. Irgendwie konnte Hafwen sich vorstellen, dass es nicht Styles' Schuld war. Er war vielleicht ein wenig ungeschickt, aber es war nicht so schlimm.
„Will jemand etwas zu seiner Verteidigung anführen?", wollte Horatio wissen. Niemand sagte etwas. Natürlich nicht. Es hatte ja auch niemand darauf geachtet, ob Styles die verdammten Herdklappen offen gelassen hatte oder nicht!
„Lautet das Urteil, dass er böswillig gehandelt hat, sieht unsere Kriegsdienstordnung bloß eine Strafe für diesen Fall vor: Den Tod.", begann Horatio.
„Es war womöglich nur ein Unfall, Sir. Er war nachlässig, nicht böswillig.", warf Bush ein.
„Sehe ich auch so. Dann binden Sie ihn.", befahl Horatio. Styles zog sein Hemd aus.
„Nehmt die Hüte ab.", sagte Bush. Hafwen fiel ein, dass sie Horatio schon längst nach einer ordentlichen Uniform fragen wollte. Sie war es leid, immer in irgendwelchen zusammengeschusterten und selbstgeflickten Sachen herumzulaufen. Ein Hut wäre auch nicht allzu übel.
„Paragraph 36: Alle anderen Vergehen, die nicht mit dem Tode bestraft werden und die nicht in dieser Verordnung erwähnt werden oder für die darin keine Bestrafung vorgeschrieben ist, und die von einem oder mehreren Angehörigen der Flotte verübt wurden, werden bestraft nach den herrschenden Gesetzen und Gebräuchen der Seefahrt.", las Horatio vor.
Er schien sich wirklich sehr unwohl zu fühlen. Man sah es in seinem Gesicht, als er das Buch wieder niederlegte. Hafwen sah sich unauffällig um. Sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die neue Crew zu begutachten. Es waren größtenteils komplett neue Gesichter und außerdem war sie nicht unbedingt scharf darauf, die Bestrafung zu sehen.
„Drei Dutzend, Mr. Matthews.", ordnete Horatio an und die Seesoldaten begannen mit einem Trommelwirbel. Hafwen hörte, wie die Peitsche auf das Fleisch schlug. Ein paar unangenehme Erinnerungen an die Renown kamen bei ihr hoch. Ihr fiel der arme Henry Wellard wieder ein. Sie hatte lange nicht mehr an ihn gedacht, aber jetzt fiel er ihr wieder ein. Sie würde also gleich noch jemanden haben, den sie auf der Krankenstation behandeln konnte.
„Ich habe noch niemals so viel Blut gesehen.", flüsterte der junge Mr. Hammond Orrock zu. Hafwen stand seltsamerweise schon wieder bei den beiden herum. Warum landete sie immer wieder bei den Fähnrichen? Vielleicht lag es daran, dass sie sich seit sie auf der Justinian war, immer mit den Fähnrichen abgegeben hatte.
Hammond sah aus, als würde ihm der Anblick wirklich Probleme bereiten. Natürlich hatte Hafwen für das bisschen Blut, das da floss, nur ein müdes Lächeln übrig, aber Hammond schien aus einer höhergestellten Familie zu kommen. Wahrscheinlich war er noch nie besonders lange von zu Hause weg gewesen. Es musste wirklich schwer für ihn sein…
„Drei Dutzend, Sir.", meldete Mr. Matthews schließlich.
„Losmachen lassen, Mr. Bush.", befahl Horatio.
„Macht ihn los!", gab Bush den Befehl weiter. Styles brach auf dem Boden zusammen, als man ihn losmachte. Hammond musste schlucken.
„Danke, Mr. Bush. Alle Mann wegtreten.", sagte Horatio.
„Weggetreten, alle Mann!", rief Bush. Hafwen ging zu Styles, um ihn in die Krankenstation zu bringen. Hammond sah schockiert zu Styles herüber. Horatio kam vom Achterdeck herunter und sah Styles anklagend an.
„Ich war es nicht, Sir.", murmelte Styles vor sich hin. Horatio sah ihn enttäuscht an und verschwand dann ohne ein Wort.
„Mr. Orrock! Helfen Sie mir bitte mal eben, ihn auf die Krankenstation zu bringen.", sagte Hafwen. Sie hatte daran gedacht, nach Hammond zu rufen, aber wahrscheinlich wäre er zusammengeklappt, wenn sie ihn darum gebeten hätte.
„Natürlich, Miss.", erwiderte Orrock und kam mit seinem federnden Gang auf sie zu. Immer wenn er irgendwo hinlief, sah er auf eine merkwürdige Weise motiviert aus.
„Dankeschön.", meinte sie. Orrock stützte Styles auf der anderen Seite. Zusammen brachten sie ihn auf die Krankenstation. Dort legten sie ihn mit dem Gesicht nach unten in eine der Krankenkojen. Hafwen hatte nur drei – mit ihrer eigenen Koje vier – Krankenkojen. Das hieß, dass die Krankenstation schon beinahe voll war. Es war ganz anders als auf der Justinian oder der Indy. Und es war erst recht anders als auf der Renown.
„Kann ich Ihnen noch irgendwie helfen, Miss?", wollte Orrock wissen. Er sah schon wieder so motiviert aus. Hafwen fand das faszinierend.
„Nein, ich denke nicht. Danke, Mr. Orrock.", antwortete sie und lächelte. Orrock tippte sich an den Hut und entgegnete ein höfliches: „Miss."
Allerdings ging er nicht, wie es üblich gewesen wäre, sondern blieb in der Krankenstation stehen. Hafwen bemerkte es am Anfang gar nicht, da sie damit beschäftigt war, eine Salbe aus ihrem Vorrat herauszukramen. Erst als sie sich wieder umdrehte, um zurück zu Styles zu gehen, bemerkte sie, dass er noch da war.
„Ist noch etwas, Mr. Orrock?", fragte sie nach.
„Nun ja, ich wollte Sie gern fragen, wie es kommt, dass Sie in der Navy dienen. Ich meine, es ist doch recht ungewöhnlich für eine Frau, oder?", erwiderte er. Hafwen klappte die Kinnlade herunter. Das war unglaublich! Orrock redete ganz offen darüber, dass sie als Frau eine Ausnahme in der Navy darstellte. Das machte sonst niemand und es hatte auch noch nie jemand gemacht. Und dann auch noch mit diesem leicht unverschämt klingenden irischen Akzent. Hafwen war klar, dass sie und Orrock sich wahrscheinlich gut verstehen würden.
„Um Himmels willen, Sie sind der Erste, der völlig ohne gezwungene Höflichkeit darüber redet. Ich glaube es nicht.", meinte sie nur.
„Tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe, Miss Gwyther…", begann er.
„Nein, nein, nein, ganz und gar nicht. Es ist nur… es ist mir noch nie passiert, das ist alles. Sie sind aus Irland, nicht wahr? Ich glaube, ich kann sie ganz gut leiden, Mr. Orrock.", unterbrach sie ihn.
„Ja, ich komme aus Irland. Ich bemühe mich, den Akzent abzulegen.", sagte er.
„Nein, das ist doch Unsinn. Man versteht Sie wunderbar, Sie müssen sich doch nicht dafür schämen. Ich bin selbst zur Hälfte Irin.", erwiderte Hafwen.
„Tatsächlich, Miss?"
„Ja, meine Mutter war Irin, mein Vater Waliser. Sie sind allerdings ziemlich früh gestorben, deswegen bin ich bei Adoptiveltern aufgewachsen, in Liverpool. Mein Adoptivvater war Arzt, von ihm habe ich viel gelernt, was mir jetzt recht nützlich ist. Die Kurzfassung, wie ich in die Navy kam, ist, dass er gute Kontakte hatte.", erklärte Hafwen.
„Und was ist die Langfassung?", wollte Orrock wissen.
„Sie sind im Dienst, Mr. Orrock. Sie sollten zurück an Deck gehen. Ich erzähle Ihnen die Langfassung ein andermal."
„Natürlich, Miss Gwyther. Auf Wiedersehen.", sagte er und tippte sich noch einmal höflich an den Hut. Dann drehte er sich um und verschwand aus der Krankenstation. Hafwen wandte sich wieder Styles zu, der jetzt vor sich hinmurmelte.
„So hat es mit Ihnen und Mr. Kennedy auch angefangen, wenn ich mich recht erinnere, Miss."
„Halten Sie die Klappe, Styles.", entgegnete Hafwen.
