„Besanmarsstenge klarmachen! Land in Sicht!", rief der Ausguck. Das Wetter war nicht unbedingt das schönste Wetter, aber das machte Hafwen nichts aus. Sie hatte gerade ein bisschen freie Zeit und hatte sich am Bug der Hotspur einquartiert.
Prowse und der französische Major schauten gespannt durch ihre Ferngläser, als Horatio dazukam. Er schnappte sich das Fernglas und beredete irgendetwas mit dem Major. Hafwen fiel wieder ein, dass sie sich um eine Uniform kümmern wollte, aber der Zeitpunkt schien gerade nicht allzu günstig zu sein.
Sie hatte einem der Männer, Wolfe war sein Name, aufgetragen, sich ein wenig um Styles zu kümmern. Wolfe schien verlässlich zu sein. Er war auch Ire, das hörte man sehr deutlich an seinem Akzent.
„Segel in Sicht! Direkt an Backbord voraus!", wurde als nächstes gemeldet. Horatio forderte das Fernrohr ein. Der junge Hammond kam vorbei und reichte es ihm, dicht gefolgt von Orrock. Die beiden schienen ständig zusammen zu hängen.
„Mr. Orrock, Flagge hissen, wenn ich bitten darf!", rief Horatio als nächstes. Hafwen quälte sich von ihrem Platz am Bug hoch. Sah aus, als würde es interessant werden.
„Aye-aye, Sir!", erwiderte er und ging in seiner motivierten Art davon.
„Müssen wir nicht Signale geben?", fragte der Major.
„Würde ich, Major, wenn es ein britisches Schiff wäre.", antwortete Horatio. Inzwischen kam auch Bush dazu.
„Eine französische Fregatte, Sir.", meldete er.
„Der Zeitpunkt stimmt und wir sind auch an der richtigen Stelle.", meinte der Major.
„Mag aber nur ein Zufall sein."
„Sie nähert sich schnell, Sir. Soll ich den Kurs ändern?", rief Mr. Prowse.
„Sie bleiben genau auf Kus, Mr. Prowse!", befahl Horatio. Er sah beinahe ein wenig gestresst aus.
„Klarmachen zum Gefecht, Sir?", fragte Bush.
„Wir haben Frieden mit Frankreich, Mr. Bush.", entgegnete er.
„Hatten wir, als wir England verließen.", meinte der Major nur. Hafwen hörte interessiert zu. Gefecht würde Verletzte bedeuten und Verletzte würden Arbeit bedeuten.
„40 gegen unsere 20, Sir. Achtzehnpfünder.", bemerkte Mr. Prowse ein wenig besorgt.
„Danke, Mr. Prowse.", erwiderte Horatio leicht genervt.
„In zwei Minuten hat sie uns in Reichweite."
„Danke."
„Sie werden ihr doch wohl nicht trauen, Sir?", fragte Bush schockiert.
„In einer Minute in Reichweite ihrer Breitseite!", rief Prowse und schien langsam nervös zu werden. Die ganze Stimmung auf der Hotspur war nervös.
„Sie hat doppelt so viele Geschütze und viermal so viel Feuerkraft wie wir. Wir müssen klarmachen zum Gefecht!", sagte Bush mit Nachdruck. Hafwen konnte dem nur zustimmen. Sie traute den Franzosen nicht mehr so recht über den Weg.
„Nein, Mr. Bush. Bereit zur Ehrenbezeugung.", befahl Horatio.
„Bezeugung der Ehre, Sir? Einem Franzosen?", fragte Bush, als wäre es eine Zumutung. Was es vermutlich auch war.
„Es gibt für alles ein erstes Mal, Mr. Bush. Sie erinnern sich an das Prozedere?", erwiderte Horatio nur. Wahrscheinlich war das kein guter Zeitpunkt, um nach einer Uniform zu fragen.
„Aye-aye, Sir."
„Alle an Backbord antreten! Seargant, die Männer in Ehrenformation!", rief Bush. Hafwen wurde leicht nervös. Sie hatte ehrlich gesagt keinen Plan, was sie jetzt machen sollte. Vielleicht sollte sie einfach da bleiben, wo sie war.
„Aye-aye, Sir. Los, alle Mann antreten! Hurtig! Alle Richtung backbord!", rief Matthews.
„Alle Trommeln nach rechts! Zack-zack! Bootsmänner, pfeifen auf mein Kommando!", rief Bush. Hafwen reihte sich an der Backbordseite ein und landete wieder neben Hammond und Orrock. Es war unglaublich.
„In Reihe antreten, in Reihe antreten!", scheuchte Matthews die Mannschaft durch die Gegend. Es war ein unglaubliches Durcheinander, aber irgendwie bekamen sie die Sache gut hin.
„Kopf hoch, stillgestanden! Ihr zeigt den Froschfressern, was eine britische Mannschaft ist!", befahl Bush. Hammond sah unglaublich nervös aus.
„Zeigen wir's Ihnen, Mr. Bush.", befahl Horatio.
„Trommler! Präsentiert das Gewehr!"
Alle Männer nahmen ihre Hüte ab. Hafwen wurde wieder daran erinnert, dass sie sich dringend einen Hut organisieren sollte. Sie fühlte sich ein wenig übergangen, so ganz ohne Kopfbedeckung.
„Pfeifer!"
Orrock schielte ein wenig unsicher zu Hammond herüber. Hammond sah nervös nach vorne. Er schien wirklich Angst zu haben, irgendetwas falsch zu machen. Aber er stand wirklich ziemlich weit weg von der Bordwand…
Das wurde allerdings schnell korrigiert, indem Orrock in weiter nach vorne schob und dann wieder starr geradeaus schaute. Die Franzosen standen genauso hübsch an der Bordwand und taten nichts weiter, als geradeaus zu schauen. Hafwen atmete erleichtert aus. Sie hatte sich auch ein wenig Sorgen gemacht, dass der Frieden schon wieder gebrochen war.
„Das Gewehr über!", rief Bush. Als die Fregatte vorbeigezogen war, setzten alle ihre Hüte wieder auf. Horatio, Bush und der Major unterhielten sich wieder verschwörerisch. Hafwen seufzte. Anscheinend würde sie keine Gelegenheit bekommen, jetzt danach zu fragen. Vielleicht wäre der Abend ein besserer Zeitpunkt. Irgendwo mussten doch noch ein paar alte Uniformen herumliegen, die Hafwen sich zurechtschneidern konnte. Eine Jacke hatte sie ja schon.
„Ach, schierer Wahnsinn.", seufzte Bush. Horatio hatte wieder irgendeinen verrückten Plan und hatte daher sie und Bush in die Kapitänskajüte beordert.
„Major Côtard sollte seinen Kontaktmann an Bord eines englischen Schiffes treffen. Doch weit und breit nichts zu sehen. Napoleon plant irgendwas an der Küste und wir müssen rausfinden, was genau.", erklärte Horatio, während er sich umzog. Er hatte tatsächlich vor, in ziviler Kleidung an Land zu gehen.
„Ich bin mir nur nicht sicher, ob man Major Côtard diese Aufgabe übertragen kann, Sir.", wandte Bush ein.
„Ich mir auch nicht. Jedenfalls nicht ihm allein, soviel steht fest.", erwiderte Horatio und warf sich eine Jacke über.
„Und? Wie sehe ich aus?", fragte er dann und setzte sich abschließend noch einen Hut auf.
„Wie ein blasser, dürrer Engländer mit einem schlechten Schneider.", antwortete Bush. Hafwen und Horatio lachten. Hafwen fand, dass er so viel jünger aussah, als sonst.
„Sir, wenn man Sie erwischt, werden Sie als ausländischer Spion erschossen, Frieden hin, Frieden her.", meinte Bush dann besorgt und stand auf.
„Ich weiß, Mr. Bush.", entgegnete Horatio. In diesem Moment klopfte es auch schon an der Tür. Himmel, hatte Horatio denn keine ruhige Minute, in der Hafwen ihn wegen der verdammten Uniform hätte fragen können? Es war Wolfe, der die Tür öffnete und meldete: „Jolle abfahrbereit, Sir. Da ist ein Netz mit Kugeln drauf. Geht ganz bestimmt als Fischerboot durch."
„Danke, Wolfe."
„Ich geh schon an Bord.", meinte er und wollte wieder verschwinden.
„Nicht nötig. Wir rudern selbst.", sagte Horatio.
„Bitte um Verzeihung, Sir. Nur Sie und der Franzmann?", fragte Wolfe verdutzt.
„Bisschen rudern tut uns gut.", erwiderte Horatio nur. Hafwen zog eine Augenbraue hoch, aber Wolfe schien das so hinzunehmen. Mit einem „Aye-aye, Sir." verschwand er wieder aus der Kajüte.
„Wenn ich bis zur letzten Hundewache nicht zurück bin, segeln Sie wieder nach Portsmouth und sorgen dafür, dass das hier aufs Flaggschiff kommt.", wies Horatio als nächstes Bush an und hielt einen Brief hoch.
„Sir…", wollte Bush einwenden, aber Horatio unterbrach ihn.
„Sie kommandieren das Schiff, Mr. Bush. Geben Sie gut darauf Acht."
Mit diesen Worten verschwand Horatio. Na, wunderbar. Vielleicht sollte Hafwen nachher einfach Bush fragen. Das wer das einfachste. Er trottete Horatio gerade mit einem müden „Aye-aye, Sir." hinterher. Vielleicht war ja jetzt ihre Gelegenheit gekommen.
„Sir, ich hätte da noch eine Bitte…", wandte sie sich an Mr. Bush.
„Nicht jetzt, Miss Gwyther.", entgegnete er nur.
„Natürlich, Sir."
Gut, ihre Gelegenheit war also noch nicht gekommen. Als sie an Deck angekommen waren, bestiegen Horatio und der Major die Jolle und ruderten Richtung Land. Als sie etwas weiter weg waren, wandte Bush sich zu ihr um.
„Also schön, Miss Gwyther, was ist denn?", fragte er.
„Sir, ich hätte gern eine Uniform. Irgendwo muss es doch noch ein paar alte Uniformteile geben, die ich so zusammennähen kann, dass sie mir passen. Ich werde danach auch das Deck schrubben, Sir.", antwortete sie.
„Aber wozu brauchen Sie denn eine?", wollte er etwas verwirrt wissen.
„Ich falle nicht ganz so sehr auf, wenn ich eine Uniform trage, Sir. Ich glaube, es wäre besser, wenn die Männer durch die Tatsache, dass eine Frau an Bord ist weniger abgelenkt werden.", meinte Hafwen.
„Und warum haben Sie sich nicht schon früher eine Uniform geholt?"
„Sir, anfangs wollte die Navy das nicht, später schien es ihnen recht egal zu sein, aber ich hätte ja wohl kaum Captain Sawyer danach fragen können, Sir."
Bush seufzte wieder und meinte nur: „Also schön, im Lagerraum müssten noch ein oder zwei alte Seekisten stehen, vielleicht finden Sie da was."
„Danke, Sir."
