Jetzt, wo sie ihre Uniform hatte, musste Hafwen natürlich auch ihr Versprechen halten, das Deck zu schrubben. Also suchte sie sich brav wie die anderen Männer eine Ecke, die sie saubermachen konnte. Sie konnte hören, wie Wolfe und Matthews sich unterhielten.

„Ist ihm vielleicht sehr viel lieber, einen Franzosen vor der Brust, als einen Iren im Rücken zu haben.", meinte Matthews. Wolfe grinste.

„Die Marine rekrutiert sich zur Hälfte aus Iren. Wären wir alle Verräter, wärt ihr schon lange versenkt.", meinte er nur. Hafwen schmunzelte. Wolfe schien ein ganz umgänglicher Zeitgenosse zu sein.

„Gar nicht lange her, da kam uns ein Ire auf einem französischen Schiff in die Quere. Der Kerl hielt sich für einen Rebellen.", erzählte Matthews. Orrock, der schon die ganze Zeit über das Deck geschlichen war, schien der Geduldsfaden zu reißen.

„Ich hoffe, Sie scheren nicht alle Iren über einen Kamm, Matthews!", sagte er.

„Sir? Nein, Sir. Verzeihung, war nicht so gemeint.", antwortete Matthews verdutzt.

„Weitermachen.", befahl Orrock mit einem Nicken. Unglaublich, dass schon wieder das alte, leidige Thema aufgebracht wurde.

Trotz allem war Hafwen mit ihrer Ecke des Decks bald fertig und auch die anderen schienen längst fertig zu sein. Schien, als hätte sie jetzt genug Zeit, sich auszuruhen. Hafwen machte sich auf den Weg auf das Achterdeck, wo die Fähnriche gespannt mit den Fernrohren an Land schauten, genauso wie Mr. Bush. Es wurde langsam Zeit, dass Horatio und der Major zurückkamen.

„Halbe Stunde der letzten Hundewache verstrichen, Sir.", bemerkte Mr. Prowse.

„Ich weiß, wie viel Uhr es ist, Mr. Prowse.", entgegnete Bush in einem bissigen Tonfall. Dann schaute er in eine andere Richtung.

„Der feindliche Turm schickt wieder eine Meldung.", sagte er.

„Meldung an Deck: Segel in Sicht!", rief auf einmal der Ausguck.

„Position?", fragte Bush nach.

„Sie kommen durch die Fahrrinne, Sir!"

Hafwen schaute sich danach um. Tatsächlich, man konnte ganz klein ein Schiff erkennen. Bush schaute durch sein Fernrohr.

„Unsere alte Freundin, die Loire.", sagte er dann.

„Wir machen uns lieber davon, Mr. Bush, sollten sowieso längst weg sein.", meinte Prowse. Bush schaute wieder zu der Bucht.

„Mr. Bush!", sagte Prowse noch einmal, als er nicht reagierte.

„Ja, ich höre, Mr. Prowse."

„Sie hält auf uns zu, Sir. Sir!"

„Also gut, Kurs auf backbord und ab Richtung Heimat.", befahl Bush. Hafwen seufzte. Was war denn nun schon wieder schief gegangen? Horatio überlebte seine verrückten Einfälle doch sonst immer. Was war heute los?

„Die Vorsegel setzen! Großmast aufbrassen!", befahl Mr. Prowse. Hafwen überlegte, ob sie auch mit in die Wanten steigen sollte, immerhin hatte sie es so lange nicht gemacht. Aber sie würde nicht schnell genug dort sein können.

„Miss Gwyther, ich hätte Sie fast nicht erkannt.", hörte sie jemanden neben sich sagen. Hafwen drehte sich zu der Stimme um. Es war Orrock.

„Glauben Sie mir, ging mir genauso.", erwiderte sie. Orrock lachte leise und schaute weiter durch das Fernrohr.

„Sie schulden mir noch die lange Fassung Ihrer Geschichte, Miss."

„Ich glaube, jetzt ist nicht ganz der geeignete Zeitpunkt dafür. Meinen Sie nicht auch?", entgegnete Hafwen.

„Natürlich. Haben Sie die Erlaubnis, in der Fähnrichsmesse zu speisen?"

„Ich habe die Erlaubnis überall zu speisen, wo ich will, Mr. Orrock."

„Gut. Vielleicht können Sie mir und Mr. Hammond Ihre Geschichte ja beim Abendessen erzählen.", meinte er.

„Mit Vergnügen."

Bush warf ihnen einen strengen Blick zu. Hafwen räusperte sich und lächelte entschuldigend, woraufhin er wieder durch sein Fernrohr schaute.

„Sie holt auf, Sir!", meldete Mr. Prowse.

„Ich fürchte, das wird sehr knapp."

„Sir, da…", begann Styles auf einmal, der auf das Achterdeck gekommen war.

„Styles, jetzt doch nicht, Herrgott noch eins.", entgegnete Bush.

„Aber wann sonst?", fragte Styles aufgeregt. Bush, der sowieso schon seinen heiligen Zorn auf ihn hatte, wollte ihn mit einem lauten „Styles!" zum Schweigen bringen.

„Sir! Da sind die beiden. Da ist der Captain!", rief Styles aus. Seltsamerweise sah Hafwen als nächstes, wie Orrock auf die Bucht zeigte und rief: „Hart an Backbord, dort, Sir!"

Sie fragte sich, wie er es geschafft hatte, unbemerkt von neben ihr wegzukommen und in so kurzer Zeit in die Wanten zu klettern. Um Himmels willen, sie musste besser aufpassen. In der Richtung, in die Orrock zeigte, war wirklich ganz klein ein Boot zu sehen, aus dem jemand „Ahoi!" rief.

„Bei Gott, sie sind es wirklich.", murmelte Bush vor sich hin. Dann wandte er sich den anderen zu und rief: „Alles zur Halse klarmachen! Mr. Prowse, wir halten auf sie zu!"

„Die Fregatte ist klar zum Gefecht. Wenn Krieg wäre…", protestierte Mr. Prowse. Hafwen biss sich auf die Unterlippe. Sie kamen der kleinen Jolle immer näher. Horatio und der Major kletterten an Bord der Hotspur.

„Einen Moment lang hatten wir uns gefragt, auf welches Schiff Sie zuhalten.", bemerkte Wolfe, als er dem Major an Bord half. Horatio sah recht erfreut darüber aus, dass man seine Befehle nicht exakt befolgt hatte. Mit einem Lachen im Gesicht kam er auf Bush zu und fragte: „Immer noch hier, Mr. Bush?"

„Die Sanduhr schien mir etwas zu schnell zu laufen, Sir.", meinte Bush nur.

„In Reichweite ihres Buggeschützes, Sir.", meldete Prowse jetzt sichtlich verärgert.

„Hart anbrassen, Mr. Prowse! Mr. Bush, Klarschiff zum Gefecht.", befahl Horatio.

„Aye-aye, Sir. Klarschiff zum Gefecht!"

Der junge Hammond sah ziemlich erschrocken aus, als er das Wort Gefecht hörte, aber er folgte den Anweisungen von Mr. Bush. Alle liefen über das Deck, in alle nur erdenklichen Richtungen. Hafwen hatte sich bei dem Chaos immer herausgehalten. Sicher, wenn man eine bestimmte Aufgabe hatte, dann war das ganze kein Problem, aber sie half ja nur gelegentlich mit. Und als Schiffsärztin hatte sie einzig und allein die Aufgabe, zu warten, bis es Verletzte gab.

„Bitte um Verzeihung, Sir. Die Mannschaft würde gern wissen: Sind wir im Krieg, Sir?", fragte Matthews, der auf halbem Weg zum Achterdeck war.

„Die da drüben wissen es, aber wir leider nicht, Matthews.", antwortete Horatio.

„Verstanden, Sir."

„Sie holen schnell auf, Sir!", meldete Orrock, der schon wieder komplett woanders war, als zuvor. Hafwen fragte sich, wie schnell der Mann eigentlich seinen Platz wechseln konnte.

„Wir müssen schnell wenden, Sir. Sonst sitzen wir in fünf Minuten auf Grund.", rief Mr. Prowse.

„Wenn wir das tun, haben uns die Froschfresser.", sagte Bush nur. Klasse. Konnte Horatio nicht jetzt einmal mit einem genialen Plan daherkommen?

Von der Loire war zu hören, wie ein Schuss abgefeuert wurde. Alle Köpfe folgten der Kugel, die eine Leine traf und dann im Meer landete.

„Mr. Matthews! Lassen Sie die Fallen neu scheren!", rief Horatio.

„Aye-aye, Sir."

„Und Matthews, wenn Sie es für richtig halten, können Sie allen sagen, dass wir wieder im Krieg sind!"

Hafwen lachte, zusammen mit den anderen Männern auf dem Achterdeck. Das war Musik in ihren Ohren. Krieg bedeutete, dass endlich mal wieder etwas Aufregendes passieren würde.

„Mr. Orrock, ich möchte, dass Sie mit vier Mann nach vorne gehen. Ich gebe gleich das Wende-Kommando. Aber dann überlege ich es mir anders. Auf mein Zeichen setzen Sie Klüver an Steuerbord mit steifer Schot an Back. Verstanden?", fragte Horatio.

„Aye-aye, Sir.", erwiderte Orrock. Hafwen folgte ihm mit schnellen Schritten.

„Sir, dürfte ich mich freiwillig melden? Ich habe lange nichts Spannendes mehr gemacht.", sagte sie leise. Orrock warf ihr einen etwas irritierten Blick zu, dann meinte er mit einem Lächeln: „Wenn Sie das Risiko eingehen wollen, Miss."

„Natürlich. Danke, Sir."

Horatio gab das Kommando zum Wenden, während Hafwen mit drei anderen Männern bereit stand, um die Klüver zu setzen.

„Brassen Sie wieder zurück! Mr. Orrock!", kam endlich der Befehl von Horatio.

„Aye-aye, Sir! Klüver setzen! Los!"

Hafwen begann mit einem Lächeln den Klüver zu setzen. Es ging überraschend schnell, dafür, dass sie so etwas lange nicht mehr gemacht hatte.

„Klüver back setzen!", kam kurz darauf der Befehl. Kurz darauf machten sich die Männer auf dem Geschützdeck bereit zum Gefecht. Sie fuhren die Kanonen aus und warteten nur auf den Befehl.

„Miss, vielleicht sollten Sie in die Krankenstation gehen. Sieht so aus, als würden Sie Arbeit bekommen.", meinte Orrock. Bei dem Wort Miss lauschten die anderen drei Männer auf.

„Aye, Sir. Schon unterwegs.", erwiderte Hafwen. Sie machte sich auf den Weg zur Krankenstation und kam gerade am Geschützdeck vorbei, als die Kanonen abgefeuert wurden. Es war ein schrecklicher Lärm und Hafwen stolperte eine Weile hilflos umher. Sie hatte nicht mit den Erschütterungen gerechnet.

Ein Schuss des gegnerischen Schiffes traf plötzlich das Geschützdeck, gerade als Hafwen wieder auf den Beinen war. Sie wurde erneut von den Füßen geworfen.

„In Deckung!", rief jemand mit einem starken irischen Akzent, Hafwen tippte auf Wolfe. Im selben Moment gab Bush den Befehl zum Nachladen. Der kleine Junge mit dem Pulver kam schnell zu Mr. Bush gerannt, schaffte es allerdings nicht so weit. Ein Sack mit Pulver ging in die Luft und zerrupfte den armen Jungen in Einzelteile.

Hafwen hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Sie hatte noch nie jemanden so plötzlich und schnell und mit so extrem viel Blut sterben sehen. Niemanden, dessen Gliedmaßen durch die Luft geschleudert wurden. Anscheinend war sie dabei nicht die einzige. Der junge Charlie Hammond, der eine ziemliche Ladung Blut abbekommen hatte, begann panisch zu schreien. Wolfe hielt ihn irgendwann fest und rief: „Halt die Klappe! Wirst du wohl die Klappe halten?"

Dann ließ er ihn los und Matthews kam auf ihn zu. Er sagte: „Kommen Sie. Sie haben nichts. Es ist nicht Ihr Blut, Sir!"

„Was ist da los, Matthews?", fragte Horatio. Hafwen hatte sich von ihrem Schreck inzwischen erholt. Für den kleinen Jungen konnte sie nichts mehr tun, aber es sah aus, als wäre Hammond nicht ganz in Ordnung.

„Alles unter Kontrolle, Sir!", meldete Matthews, der inzwischen Hammond den Mund zuhielt.

„Noch ein Mucks von Ihnen, dann wird Sie hier keiner mehr herauspauken. Dann schmeißt man Sie, wie die da, gleich über Bord. Haben Sie verstanden? Haben Sie verstanden?", fragte er dann. Hammond sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen.

„Lassen Sie, Matthews. Ich kümmere mich um ihn.", sagte Hafwen und ging auf die beiden zu.

„Aye, Miss.", erwiderte Matthews und trat zurück.

„Kommen Sie, Hammond. Sie stehen unter Schock, Sie brauchen ein wenig Ruhe. Und wir müssen das verdammte Blut von Ihrem Gesicht waschen.", meinte sie und half ihm hoch.

„Oh Gott, er ist… er ist gestorben! Vor meinen Augen, er ist einfach zerfetzt worden. Und da war so viel Blut… so viel Blut…", murmelte Hammond vor sich hin.

„Ist ja gut, Mann, ist ja gut. So was passiert eben. Kommen Sie, ich koche Ihnen einen Tee, zur Beruhigung."

„Geht es Ihnen wieder besser, Mr. Hammond?", fragt Hafwen, als sie nach einiger Zeit wieder auf die Krankenstation kam. Sie hatte das Blut abgewischt und ihm einen Tee bringen lassen und danach hatte sie ihm erst einmal ein wenig Ruhe gelassen und sich um die anderen Männer gekümmert.

„Ich bin mir nicht sicher, Miss.", antwortete er leise und müde. Hafwen lächelte ein wenig.

„Vielleicht wird es Sie freuen, dass wir wieder auf dem Weg nach Hause sind. Wir sind sicher bald wieder in Portsmouth. Und jetzt kommen Sie mit, wir gehen in die Fähnrichsmesse. Sie müssen etwas essen.", sagte sie.

„Ich habe keinen Hunger.", murmelte Hammond nur. Hafwen seufzte.

„Na schön. Wollen Sie nicht wenigstens trotzdem mitkommen? Dann sind Sie ein wenig unter Leuten und werden ein bisschen abgelenkt."

„Es ist mir unangenehm. Verdammt, ich schäme mich so! Ich habe geschrien, wie ein kleines Mädchen, obwohl eigentlich gar nichts war. Wahrscheinlich bin ich nicht für die Navy geeignet. Tut mir Leid.", sagte er.

„Unsinn, Hammond. Wissen Sie, was Mr. Hornblower passiert ist, als er das erste Mal als Fähnrich an Bord der Justinian war?"

„Nein, was denn, Miss?"

„Er ist seekrank geworden. Als die Justinian im Spithead vor Anker lag. Glauben Sie mir, das war peinlich, aber er hat es auch überlebt. Sie haben jemanden vor Ihren Augen sterben sehen und haben eben Panik bekommen. Das kommt vor. Das ist eigentlich völlig normal, Also reißen Sie sich jetzt zusammen und kommen Sie mit."

„Sie kennen Mr. Hornblower schon länger?"

„Natürlich, was denken Sie denn, warum ich hier bin? Ganz sicher nicht, weil es die Admiralität gern sieht. Also, was ist? Kommen Sie jetzt mit oder nicht? Mr. Orrock wollte sowieso meine ganze Lebensgeschichte hören und ich werde das alles ganz sicher nicht zweimal erzählen.", meinte sie mit einem Augenzwinkern. Hammond lächelte zaghaft.

„Also gut.", sagte er dann.