„Miss Gwyther, wollen Sie nicht an Land gehen?"

Hafwen hatte gerade aufs Meer hinausgesehen und drehte sich nach der Stimme um. Dort stand Mr. Bush, zusammen mit Orrock und Hammond und ein paar der Matrosen.

„Ich war das ganze letzte Jahr an Land, Sir. Und es war schrecklich!", erwiderte sie mit einem schiefen Lächeln.

„Nun ja, aber Sie wissen doch nicht, wann Sie das nächste Mal an Land können. Vielleicht ärgern Sie sich dann über die verpasste Gelegenheit.", meinte Bush. Hafwen ließ ihren Blick kurz durch die kleine Gruppe schweifen, dann seufzte sie.

„Also gut. Ich wüsste zwar nicht, was ich an Land machen soll, aber ich komme mit.", entgegnete sie. Bush nickte.

Die anderen Männer hatten schon begonnen, in das Boot zu klettern. Hafwen war einigermaßen froh, dass sie ausnahmsweise mal wieder ihr Kleid angezogen hatte, sonst hätte sie sich jetzt noch umziehen müssen, bevor sie an Land ging. Auf See mochte eine Frau in Männerkleidung nicht so wild sein, aber an Land…

Hafwen fand es zwar äußerst kompliziert in einem Kleid in ein Boot zu klettern, aber irgendwie gelang es ihr doch immer wieder. Diesmal suchte sie sich ihren Platz neben Orrock und Hammond sogar selbst aus.

„Miss, wenn Sie noch keine Pläne haben, würden Sie dann Mr. Hammond und mir vielleicht ein wenig Gesellschaft leisten?", fragte Orrock leise, als sie vom Schiff aus an Land ruderten. Hafwen verdrehte die Augen.

„Mr. Orrock, ich habe Ihnen vor wenigen Tagen meine halbe Lebensgeschichte erzählt. Meinen Sie nicht, dass Sie mich langsam einfach nur Hafwen nennen sollten? Dieses ganze Miss-Getue geht mir langsam auf den Nerv.", erwiderte sie.

„Entschuldigung… Hafwen. Also, würdest… du?", fragte Orrock erneut.

„Wohin soll ich Sie und Mr. Hammond denn begleiten?", wollte sie wissen.

„Naja, wir dachten, wir essen etwas Nettes zu Abend und lassen es uns einfach mal gut gehen. Es gibt da diesen Pub, der einem Iren gehört…"

„Murphy's?"

„Genau den."

„Okay, ich bin dabei. Ich wüsste sowieso nicht, was ich mit meiner freien Zeit anfangen sollte. Vielen Dank für die Einladung, Mr. Orrock.", sagte sie.

„Charles."

„Was?"

„Charles. Naja, wenn ich dich Hafwen nennen darf, dann wäre es nur fair, wenn du mich Charles nennst.", meinte Orrock mit einem kleinen Grinsen auf den Lippen. Hafwen lachte leise auf.

„Also gut, Charles."

Nach einem kurzen Fußmarsch saßen die drei wohlbehalten in dem kleinen Pub, der sich Murphy's nannte. Eigentlich hatte Hafwen sparen wollen – immerhin wusste sie jetzt, wie es war, kein Geld zu haben und es hatte ihr nicht gerade Spaß gemacht – aber die Aussicht auf eine gute, saftige Lammkeule warf ihre Vorsätze dann doch über den Haufen. Dann musste sie eben an den Getränken sparen, auch wenn es ihr in der Seele wehtat, nach so langer Zeit, kein richtig gutes irisches Bier zu trinken.

„Sie scheinen ja mächtig Appetit zu haben, Miss Gwyther.", sagte der junge Hammond, als er mitbekam, wie Hafwen die Lammkeule herunterschlang.

„Sie haben ja keine Ahnung, Sir.", murmelte sie mit halbvollem Mund und kaute den Bissen dann schnell herunter.

„Außerdem, Mr. Hammond, auch Sie dürfen mich gern Hafwen nennen, immerhin waren Sie dabei, als ich in der Fähnrichsmesse meine Lebensgeschichte zum Besten gegeben habe.", fügte Hafwen hinzu.

„In Ordnung, ähm… ich bin John, aber ich glaube, es wäre einfacher, wenn Sie… du mich einfach Hammond nennst. Mein Name ist nun mal nicht ganz so ungewöhnlich.", sagte er und wirkte schon fast, als wolle er sich entschuldigen.

„Fein, Hammond. Du scheinst allerdings recht wenig zu essen, wenn ich mir das so anschaue.", meinte Hafwen. Hammond nickte.

„Ich bin nicht sehr hungrig.", erwiderte er. Hafwen konnte nur vermuten, aber sie glaubte, dass es dabei immer noch um den Vorfall mit dem Pulveraffen ging.

„Hammond, du musst essen. Das ist eine ärztliche Anweisung. Hier, ich geb dir auch was von dem Fleisch ab, wenn du magst.", sagte sie. Es fühlte sich fast ein bisschen an, als wäre sie wieder auf der Justinian, nur ohne Simpson. Wahrscheinlich war dieser Landgang die beste Entscheidung, die Hafwen treffen konnte. Sie fühlte sich wieder wie das junge Mädchen, das darauf gehofft hatte, raus in die Welt zu segeln.

„Nein, das ist wirklich nicht nötig…", begann Hammond, aber Hafwen warf ihm nur einen strengen Blick zu und trennte einen Teil von ihrer Lammkeule ab.

„Ärztliche Anweisung, Hammond."

„Du trinkst ja gar nichts, Hafwen!", bemerkte Orrock… nein, Charles plötzlich.

„Ja, ich wollte wenigstens die Hälfte von meinem Sold sparen. Ich habe das ganze letzte Jahr auf Halbsold gelebt, ich will lieber ein bisschen sparen, falls das wieder der Fall werden sollte.", entgegnete sie.

„Oh nein, nein, nein, nein. Der erste Lohn wird in Trinken investiert! Das hat Tradition, Hafwen, und du wirst sie nicht brechen.", protestierte Charles energisch und mit einem Grinsen auf den Lippen.

„Hey, ein Bier für die Lady!", rief er. Hafwen verdrehte die Augen.

„Was soll das werden, Charles?", wollte sie wissen.

„Wir haben ziemlich lange Landgang bekommen und den müssen wir doch gut nutzen. Außerdem gibt es da die Regel über den ersten Sold. Außerdem kann es hier zu etwas späterer Stunde noch sehr lustig werden und dann wollen wir doch nicht die einzigen sein, die griesgrämig in der Ecke sitzen, oder?"

Hafwen staunte. Sie hätte Orrock eigentlich nicht als so eine Person eingeschätzt. An Bord wirkte er immer so korrekt und pflichtbewusst. Aber vielleicht war es gerade sein Pflichtbewusstsein, dass ihn erkennen ließ, dass er im Moment nicht im Dienst und auch nicht an Bord der Hotspur war, sich also ein paar kleine Freiheiten gönnen konnte.

Hafwen musste lächeln, als sie darüber nachdachte. Charles Orrock war ein wirklich guter Freund für sie geworden. Und irgendwie schaffte er es, dass der Schmerz wegen Archies Tod besser wurde.

Ein paar Stunden später schien der Pub wirklich um einiges lebhafter geworden zu sein. Jemand hatte seine Fiedel dabei und spielte in einem fort Jigs und Reels und alte Volkslieder, wobei sich immer ein paar Leute fanden, die irgendeine Version des Textes kannten und mitsangen. Hafwen war wirklich froh, dass Charles ihr das Bier aufgezwungen hatte.

Immerhin tat sie etwas, das sie seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatte. Sie tanzte. Und sie war immerhin nicht alleine. Fähnrich zur See Charles Orrock persönlich raffte sich zu dem ein oder anderen Jig oder zu einer Polka auf (wobei der Alkohol natürlich sein Übriges tat) und auch der junge Hammond ließ sich zeigen, wie man eine Polka tanzte.

„Ich glaube, ich weiß schon, wen ich wieder auf den nächsten Landurlaub mitnehme.", meinte Charles nach einer ziemlich schnellen Polka. Hafwen lachte.

„Ich glaube nicht, dass man es so locker sieht, wenn du eine Polka mit Hammond tanzt.", entgegnete sie mit einem spitzbübischen Grinsen. Charles verdrehte die Augen. Dann schien er plötzlich auf die Geige zu lauschen.

„Hör mal, kennst du das Lied?", fragte er Hafwen. Sie hörte etwas genauer hin.

„Ja! Ja, das kenne ich…", erwiderte sie und sang die erste Strophe.

"I am a young maiden, my story is sad
For once I was carefree and in love with a lad
He courted me sweetly by night and by day
But now he has left me and gone far away"

"Oh if I was a blackbird, could whistle and sing
I'd follow the vessel my true love sails in
And in the top rigging I would there build my nest", sangen Charles und Hafwen zusammen, allerdings hatten beide eine andere Version für die letzte Zeile des Liedes.
"And I'd flutter my wings o'er his broad golden chest.", war die Version, die Hafwen kannte. Charles sang dagegen: "And I'd flutter my wings o'er her lily white breast."

Hafwen war noch ein wenig verwirrt darüber, dass es scheinbar eine Version für Frauen und eine für Männer gab, aber Charles sang als nächstes die erste Strophe seiner Version.

„I am a young sailor, my story is sad,
Though once I was carefree and a brave sailor lad,
I courted a lassie by night and by day,
Oh but now she has left me, and sailed far away."

Und damit war e seine abgemachte Sache, dass sie jeweils abwechselnd eine Strophe und den Refrain gemeinsam singen würden.

He sailed o'er the ocean, his fortune to seek
I missed his caresses and his kiss on my cheek
He returned and I told him my love was still warm
He turned away lightly and great was his scorn.

I sailed o'er the ocean, my fortune to seek
Though I missed her caress and her kiss on my cheek
I returned and I told her my love was still warm
But she turned away lightly and great was her scorn.

He offered to take me to Donnybrook Fair
To buy me fine ribbons, tie them up in my hair
He offered to marry and to stay by my side
But then in the morning he sailed with the tide

I offered to take her to Donnybrook Fair
And to buy her fine ribbons to tie up her hair
I offered to marry and to stay by her side
But she says in the morning she sails with the tide.

My parents they chide me, and will not agree
Saying that me and my true love married should never be
Ah but let them deprive me, or let them do what they will
While there's breath in my body, he's the one that I love still

My parents, they chide me, oh they will not agree
Saying that me and my false love, married should never be
Oh let them deprive me, or let them do what they will
While there's breath in my body she's the one I love still.

Das Lied endete mit einer wehmütigen kleinen Melodie. Hafwen trank den letzten Rest ihres inzwischen dritten Bieres schnell aus.

„Verdammt, war das traurig.", murmelte sie dann und musste lachen.

„Hammond, wie lang haben wir noch, bis wir zurück müssen?", wollte Charles wissen.

„Wir haben noch ein bisschen Zeit, aber nicht mehr allzu lange.", antwortete er.

„Tja, Hammond, gerade noch Zeit für einen netten Tanz. Siehst du das wunderschöne Mädchen mit den blonden Haaren dort drüben? Sie schaut schon die ganze Zeit zu dir herüber, mein Junge. Das ist deine Chance.", sagte Hafwen mit einem Lächeln. Sie hatte mitbekommen, dass Hammond und dieses Mädchen sich auf eine seltsame Art gegenseitig beobachteten.

„Meinst du wirklich? Aber sie ist so hübsch…"

„Na, hör mal! Du hast da eine Navy-Uniform an. Glaub mir, kaum ein Mädchen kann so einer Uniform widerstehen. Also, los, mach schon!", drängte Hafwen ihn. Hammond nickte und trank noch einen Schluck Bier. Dann stand er aus, atmete tief durch und machte sich auf den Weg zu dem Mädchen.

„Im Ernst? Kann wirklich kein Mädchen so einer Uniform widerstehen?", wollte Charles wissen. Hafwen zuckte mit den Schultern.

„Ich habe kaum gesagt, aber grundsätzlich glaube ich, ist es so. Manche wollen sogar selbst so eine haben.", erwiderte sie mit einem Lächeln.

„Himmel, dann habe ich meine Chancen die ganze Zeit über völlig falsch eingeschätzt!", rief er aus und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Hafwen lachte.

„Also, wie sieht es aus? Noch ein letzter kleiner Tanz oder sollen wir uns lieber ein wenig an die frische Luft gewöhnen, damit Mr. Bush nichts von unseren Eskapaden bemerkt?", fragte Charles. Hafwen gähnte müde.

„Ich schätze, die frische Luft wäre besser. Ich bin ein bisschen erschöpft.", antwortete sie. Charles nickte und bedeutete Hammond, der sowieso kaum etwas von seiner Umgebung mitbekam, dass sie draußen warten würden.

Die Luft war ziemlich kühl und frisch. Es sah fast aus, als ob es am nächsten Morgen regnen würde. Hafwen sog die frische Luft tief ein. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie stickig es in dem Pub geworden war.

„Hey, Charles. Danke, dass ihr mich mitgeschleift habt. Ich hatte schon lange keinen solchen Spaß mehr gehabt.", sagte sie mit einem kleinen Lächeln.

„Ich glaube, das ging mir und Hammond nicht anders. Du bist einfach eine großartige junge Frau, Hafwen.", meinte er mit einem schüchternen Lächeln. Hafwen lachte leise auf.

„Ach, ja?"

„Ja. Ich meine, so… so anders! Fast wie ein richtig guter Kamerad, nur eben als Frau. Ich meine, du kannst darüber reden, ob ein Mädchen hübsch ist oder nicht, fast wie ein Mann. Du kannst Klüver setzen, verdammt nochmal! Du kannst…", erzählte Charles, aber Hafwen unterbrach ihn, indem sie ihm mit einem spitzbübischen Grinsen einen Finger an die Lippen legte. Charles sah sie verwirrt an.

„Mr. Orrock, Sir, ich glaube, Sie sind betrunken, Sir."

Hafwen lächelte ein wenig und küsste ihn.

Weit hinten in ihrem Gehirn meldeten sich enorme Schuldgefühle, aber der Alkohol schaffte es ganz gut, die zu verdrängen. Sie würde sich am nächsten Morgen wahrscheinlich selbst dafür ohrfeigen, aber im Moment war ihr das relativ egal.