Hafwen hatte es die letzten paar Tage ziemlich gut geschafft, Charles Orrock aus dem Weg zu gehen. Es war ein Fehler gewesen, ein riesiger Fehler, ihn zu küssen. Sie hatte natürlich immer noch die Ausrede, dass sie ziemlich angetrunken war.
Sie fühlte sich wie eine Verräterin. Es war zwar schon über ein Jahr her, dass Archie gestorben war, aber es fühlte sich an, wie gestern und ihre Schuldgefühle waren stärker denn je. Wem machte sie eigentlich etwas vor? Sie hatte Archie schließlich umgebracht. Gut, er wäre so oder so gestorben und Hafwen beruhigte sich immer noch damit, dass er so wenigstens nicht allzu viel von seiner Ehre eingebüßt hatte und außerdem nicht protestiert hatte, aber Vorwürfe machte sie sich trotz allem immer noch.
Und die Sache mit Charles machte es auch nicht einfacher. Er war ein netter Mann und sie mochte ihn wirklich, aber sie hatte doch erst Archie verloren. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn sie die Finger von den Männern lassen würde. Dann würde vielleicht niemand mehr sterben oder verletzt werden.
Irgendwann konnte sie ihm allerdings nicht mehr ausweichen. Zum Glück waren sie alle beide auf dem Achterdeck, zusammen mit so gut wie allen höher gestellten Offizieren, und konnten daher keine privaten Dinge klären.
„Wieder Signale auf dem Turm, Sir.", meldete Mr. Prowse. Bush und Horatio gingen auf ihn zu und Hafwen folgte ihnen schnell, damit Charles keine Gelegenheit haben würde, mit ihr zu sprechen. Es tat ihr regelrecht im Herzen weh, ihn so zu verletzen (denn sie wusste, dass sie das tat), aber sie konnte es nicht ändern.
„Wüsste wirklich zu gern, was die sich zu sagen haben.", meinte Mr. Bush als nächstes.
„Meldung an Deck, Sir! Segel in Sicht! Ein ganzer Verband Steuerbord querab!", rief der Ausguck.
„Was geben die von sich, Mr. Bush?", fragte Horatio.
„Die Flotte!", erwiderte Bush erstaunt.
„Gibt das Flaggschiff Signale?", wollte Horatio wissen.
„Mr. Hammond?", wandte Bush sich an den jungen Fähnrich, der angestrengt durch ein Fernrohr schaute.
„Sir?", fragte er verwirrt. Er schien nicht so wirklich mitbekommen zu haben, um was es gerade ging.
„Gibt das Flaggschiff Signale, Sir?", wiederholte Bush die Frage. Hammond sah ziemlich nervös aus und schaute wieder durch sein Fernrohr.
„Ja. Und zwar, ähm… unsere Nummer gefolgt von… gefolgt von zwei, eins, drei…", stammelte Hammond und klemmte sich das Fernrohr unter das Kinn, während er in einem Handbuch blätterte. Charles warf ihm einen irritierten Blick zu, ein wenig später auch Horatio und Bush.
„Das bedeutet… bedeutet… ähm…", murmelte Hammond.
„Mr. Orrock?", fragte Bush, dem es langsam zu viel wurde.
„Captain zum Rapport aufs Flaggschiff, Sir.", sagte er mit einem Stirnrunzeln. Bush wandte sich an den jungen Hammond, der inzwischen ziemlich elend aussah.
„Lernen Sie die Signale, Sie kleiner… junger Mann. Ein Buch ist im Gefecht nutzlos.", stauchte er Hammond zusammen. Der schluckte und schaute verlegen auf die Decksplanken. Hafwen verschwand schnellstens vom Achterdeck. Wahrscheinlich würden sie jetzt Männer suchen, die den Captain zum Flaggschiff rudern würden und das war die perfekte Gelegenheit, Orrock zu entkommen.
Der Plan war also den Signalturm zu zerstören und die Festung anzugreifen. Natürlich wollte niemand Hafwen bei dem Landungstrupp dabei haben, aber das ganze roch nach Abenteuer. Allerdings überzeugte nicht einmal das Argument, dass sie, sollte sie sterben, nicht als Gefallene gerechnet werden würde, da sie ja immerhin eine Frau war. Die Navy hatte es ja lieber, wenn ihre Existenz einigermaßen geheim blieb.
Also musste Hafwen sich etwas anderes einfallen lassen. Wie ein Mann auszusehen, machte ihr keine besonders großen Probleme, aber man würde sie auf dem Schiff sicher bemerken. Also musste sie sich ein paar Waffen besorgen und sich verstecken, am besten in einem der Boote. Und noch dazu in einem, das einfache Matrosen benutzen würden und nicht gerade Horatio und Bush.
Also hatte sie sich in Segeltuch eingewickelt und in einem der Boote versteckt, in der Hoffnung, dass sie keines der Boote mit Offizieren darin zu erwischen. Sie hörte gedämpft, wie Horatio den Männern Anweisungen gab.
„Mr. Matthews, Sie bleiben mit den Gardisten bei den Landungsbooten und decken unseren Rückzug."
„Aye-aye, Sir."
„Mr. Orrock, Sie sind für das Sprengkommando zuständig. Suchen Sie ein paar Freiwillige, die den Sprengstoff und die Lunten tragen."
Hafwen horchte bei diesen Worten auf. Freiwillige? Das wäre ihre Chance. Allerdings war da das Problem, dass Charles für die Leute zuständig war. Vielleicht würde sich auch eine andere Möglichkeit…
„Das mache ich gern, Sir.", meldete sich auf einmal ein starker irischer Akzent, der nur Wolfe gehören konnte.
„Sehr guter Mann. Suchen Sie sich ein paar Helfer. Weitermachen, Mr. Orrock.", meinte Horatio. Hafwen atmete durch. Das Segeltuch war wirklich stickig. Aber sie hatte diese Möglichkeit immer noch, sollte sich nichts anderes finden.
„Aye-aye, Sir. Wolfe, Sie haben den Captain gehört?", fragte Charles.
„Aye-aye, Sir. Na dann! Wer meldet sich freiwillig für die kinderleichte Aufgabe, den Sprengstoff zu transportieren?", wollte Wolfe wissen und ging offenbar auf dem Deck herum. Hafwen hätte sich ärgern können, dass sie jetzt in ein Segeltuch eingewickelt war und sich nicht dafür melden konnte. Eine Zeit lang war es still.
„Mr. Hammond, zu mir in meine Kajüte!", befahl Horatio dann.
„Kommt schon, Jungs! Sprengstoff muss euch keine Sorgen machen! Wenn ihr euch vorseht. Wenn nicht, seid ihr alle Sorgen los. Styles, hast du etwa Schiss?", plapperte Wolfe drauflos.
„Ja.", erwiderte Styles genervt.
„Ausgezeichnet. Dann wirst du dich auch gut vorsehen.", meinte Wolfe. Hafwen merkte, dass das letzte Wort bei der ganzen Sache noch nicht gefallen war. Vielleicht hatte sie ihre Chance ja doch noch.
Hafwen saß letztendlich doch an einem der Ruder, relativ weit weg von Horatio und dem Major. Sie war aus ihrem Segeltuch gekrochen und hatte sich freiwillig bei Wolfe gemeldet. Der hatte nur gelächelt und gemeint, sie könne mitkommen, aber man müsse dafür sorgen, dass niemand etwas mitbekam.
Also hatte sie noch schnell ein wenig an ihrer Verkleidung gefeilt und sich dann auf die allerhinterste Ruderbank gesetzt, wo man ihr Gesicht nur schwer sehen konnte. Und jetzt hoffte sie, dass alles gut gehen würde. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Horatio sie schon längst bemerkt hatte und sie nur duldete, weil er jetzt nicht wieder umkehren konnte.
Von der Küste aus wurde irgendetwas auf Französisch gerufen. Hafwen verstand kein Wort Französisch. Sie hatte nur Spanisch in El Ferrol gelernt, das war alles. Als sie näher kamen, warfen sie dem Wachmann an der Küste eine Leine zu und zogen ihn damit in das Boot. Matthews erstach ihn, bevor er um Hilfe rufen konnte.
Hafwen sprang aus dem Boot und schnappte sich eine Tonne Schießpulver. Die Tonne war überraschend schwer und Hafwen konnte nur hoffen, dass sie das durchhalten würde.
„Nicht so laut. Matthews, Sie führen hier an!", befahl Horatio.
„Aye-aye, Sir."
„Stoßtrupp, mitkommen, alle mir nach!"
Hafwen folgte den Männern mit dem Fass Schießpulver unter dem Arm. Es war noch dunkel und ein wenig neblig. Hafwen hätte nie im Leben gedacht, dass die Sachen so schwer sein konnten. Und sie hatte auch nicht damit gerechnet, wie anstrengend es war, damit bergauf zu laufen.
Bald kam der Signalturm in Sicht. Styles schlich sich an die Tür und lauschte kurz. Dann nickte er Horatio zu und klopfte an die schwere Metalltür. Ein Mann öffnete die Tür und sah ziemlich verwirrt aus.
Styles gab ihm einen ordentlichen Schlag ins Gesicht, sodass der Franzose zu Boden ging. Plötzlich ging ein lautes Geschrei los und Styles kam rückwärts aus dem Turm heraus, während eine Frau ihn wie eine wilde Furie zu Boden warf. Styles sah ziemlich schockiert aus, als er sich von ihr befreien konnte. Währenddessen waren Horatio und der Major in den Turm gegangen.
„Los! Mr. Orrock, bringen Sie die Ladungen an!", befahl Horatio. Hafwen folgte ihm und Hammond mit dem Pulverfass in der Hand.
„Styles! Schluss mit dem Versteckspiel unterm Rock. Helfen Sie mit, Mann!", rief er.
„Her mit der Lunte.", forderte Major Côtard.
„Verzeihung, Sir, aber die hat Wolfe.", entgegnete Styles.
„Von Wolfe keine Spur, Sir!", rief Charles dem Major zu. Plötzlich war irgendeine Musik zu hören. Hafwen wusste nicht so recht, was da los war, aber im Moment musste sie sich auf die Sprengladungen konzentrieren. Sie wollte nicht unbedingt zusammen mit dem Turm in die Luft gehen.
„Schaffen Sie den Mann raus! Und dann alle raus!", rief Horatio ihr und einem anderen Matrosen zu. Hafwen nahm die Arme des Mannes und hob ihn hoch, während der andere ihn an den Füßen packte. Sie hievten ihn mehr oder weniger heraus und dann rannten sie von dem Turm weg.
„Aber wie wollen wir die Ladung ohne Lunten zünden, Sir?", fragte Charles besorgt.
„Styles! Zielen Sie mit der Rakete auf die Tür.", befahl Horatio. Styles nickte.
„Fertig, Sir.", sagte er, als er die Rakete ausgerichtet hatte. Horatio zündete die Rakete mit seiner Pistole. Die Rakete zündete und traf den Turm, der daraufhin in Flammen aufging und explodierte.
„Das wird als Signal wohl reichen. Vorwärts!", meinte Horatio und gab das Signal zum Rückzug. Hafwen lächelte ein wenig. Das lief doch besser als gedacht.
„Und Sie, Miss! Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen auf dem Schiff bleiben!", sagte Horatio während sie durch den Wald gingen.
„Tut mir leid, ich wollte mich nur endlich mal wieder nützlich machen. Und da hat Mr. Wolfe die Freiwilligen gesucht, also hab ich mich gemeldet.", erwiderte sie.
„Sie sind unmöglich!", murmelte Horatio nur.
„Ich weiß, Sir.", erwiderte Hafwen gelassen. Sie wusste, dass sie als Ärztin – und noch dazu als einzige Ärztin – nicht viel zu befürchten hatte. Was ihr viel mehr Sorgen machte, war Charles. Als Horatio mit ihr gesprochen hatte, hatte er kurz zu ihr herübergeschaut. Er sah einfach so verletzt aus und jetzt wusste Hafwen gar nicht mehr, was sie tun sollte.
Als sie schon fast am Strand waren, wo die Boote warteten, sahen sie ein paar französische Soldaten zum Turm laufen. Sie riefen sich irgendetwas zu, was Hafwen nicht verstand.
„Wir klettern runter zum Strand. Ich brauch zwei Mann, die sie von uns ablenken.", sagte Horatio leise.
„Ich bleibe hier.", bot der Major an.
„Ich hätte sie lieber bei mir, Major.", erwiderte Horatio. Der Major lachte nur mitleidig.
„Vertrauen Sie mir. Ich werd mich nicht lange aufhalten.", meinte er nur.
„Ich bleibe auch, Sir!", meldete Charles sich. Hafwen spürte einen Stich im Herzen. Gut, sie machte sich Sorgen um ihn. Sie mochte ihn wirklich gerne. Aber was war mit Archie…? Sie war jetzt schon fast zweimal eine Witwe, zumindest fühlte es sich so an.
„So machen wir es. Geben Sie ihm Ihre Pistolen. Bleiben Sie nicht zu lange!", sagte Horatio, während alle ihre Waffen abgaben. Hafwen drückte Charles ihre Pistole in die Hand.
„Pass bloß auf dich auf!", murmelte sie leise.
„Wir sehen uns am Fuß der Klippe.", sagte Horatio zu den beiden. Charles und der Major verschwanden zusammen.
„Alles mir nach!", befahl Horatio als nächstes. Hafwen fluchte leise und folgte ihm mit den anderen Männern zum Strand. Sie hörten ein paar Schüsse fallen, als sie auf dem Weg zurück waren und nach nicht allzu langer Zeit trafen sie wieder auf den Major und Charles, beide unverletzt. Als sie allerdings am Strand ankamen, war keine Spur von den anderen.
„Wo sind die verdammten Gardisten?", fragte Styles verwirrt. In dem Moment kam ein ganzer Trupp französischer Soldaten an den Strand. Hafwen seufzte leise auf. Das war es dann wohl. Die nächste Kriegsgefangenschaft. Oder gleich eine Erschießung, je nachdem. Die Soldaten legten an und machten sich bereit zum Schießen.
Sie riefen irgendetwas auf Französisch, woraufhin Horatio seinen Säbel zog und ihn auf den Boden legte. Sie ergaben sich also. Wunderbar. Wo waren denn nur die verfluchten Boote abgeblieben?
