Nicht lange darauf fand Hafwen sich in einen Stock gelegt vor. Nun ja, wenigstens nur ihre Füße. Die Soldaten hatten nicht mal bemerkt, dass sie eine Frau war.
„Angekettet in einem muffigen Lagerraum.", seufzte Styles.
„Es gibt schlimmere Gefängniszellen, Styles.", meinte Horatio. Hafwen war natürlich auch noch zu Charles' linker Seite angekettet. Sie bemühte sich, ihren Rücken gerade zu halten, damit er nicht so wehtat und hatte die Augen geschlossen. Styles warf die ganze Zeit über mit Steinen nach irgendetwas. Hafwen wollte gar nicht wissen, um was es ging. Irgendwann gab es ein leises Platschen und Styles lachte leise.
„Hier kommen wir unmöglich raus, Capitaine.", sagte der Major. Hafwen öffnete ein Auge und sah, dass Charles abwesend geradeaus starrte.
„Wir bleiben bis Kriegsende in Gefangenschaft?", fragte er dann.
„Ach, Kopf hoch, Mr. Orrock! Sollte der Admiral obsiegen, wird es ein sehr kurzer Krieg.", erwiderte Horatio mit einem zuversichtlichen Grinsen im Gesicht. Irgendjemand rief etwas von einem Kommandanten auf Französisch. Jetzt öffnete Hafwen beide Augen und bemühte sich, sich umzudrehen. Ihr entgleisten alle Gesichtszüge, als sie sah, wer der Kommandant sein sollte.
„Wolfe.", knurrte Horatio, als er ihn sehen konnte.
„Machen Sie Mr. Hornblower los.", befahl er nur und ging wieder davon. Die Wachen taten wie geheißen und führten Horatio aus dem Lagerraum heraus. Hafwen stöhnte entnervt auf.
„Was sollte das denn?", fragte Styles irritiert.
„Sieht so aus, als wäre Mr. Wolfe ein Verräter.", meinte Charles nur. Er warf Hafwen einen leicht verärgerten Blick zu. Sie versuchte, ihn zu ignorieren, schaffte es aber nicht.
„Was?", wollte sie wissen.
„Oh, das frage ich dich, Hafwen? Oder soll ich vielleicht doch lieber Miss Gwyther sagen?", erwiderte er.
„Halten Sie den Mund, Orrock.", fauchte Hafwen und nickte ein wenig in Richtung des Majors.
„Tja, vielleicht werden wir ja alle bald für immer den Mund halten.", entgegnete Charles. Hafwen verdrehte die Augen.
„Also schön, wir werden das ausdiskutieren, aber nicht jetzt, in Ordnung?", meinte sie.
„Fein."
„Mann, alles gut mit Ihnen beiden?", fragte Styles irritiert.
„Ja!", antworteten beide wie aus einem Mund. Er zog nur die Augenbrauen hoch und lehnte sich mit einem Seufzen zurück.
„Warum sollte Wolfe auf Bonapartes Seite stehen?", wollte der Major wissen. Hafwen zuckte die Schultern.
„Er ist Ire. Wer weiß, was Bonaparte ihm versprochen hat. Ein freies Irland oder was weiß ich.", meinte Charles.
„Aber das ist doch völliger Unsinn. Bonaparte will kein freies Irland, er will Irland selbst beherrschen. Das kann man sich doch an zehn Fingern abzählen! Mit den Engländern haben wir uns wenigstens schon arrangiert. Einigermaßen.", entgegnete Hafwen.
„Stimmt. Ich sage nicht, dass die englische Herrschaft optimal ist, aber es wäre mir lieber, als die französische.", stimmte Charles ihr zu.
„Nichts gegen Sie, Major.", murmelte Hafwen müde und versuchte, sich auf die Seite zu legen. Allerdings war das extrem unbequem. Sie schielte zu Charles hoch.
„Oh, ich bitte dich. Wenn du schlafen willst, lehn dich ruhig an.", meinte er und schüttelte mit einem Seufzen den Kopf. Hafwen kämpfte sich wieder nach oben und legte den Kopf auf seine Schulter.
„Danke. Aber wir reden trotzdem noch.", sagte sie und machte die Augen zu, um ein wenig Ruhe zu bekommen. Allerdings hatte sie dazu kaum eine Chance. Sie war gerade einmal kurz eingeschlafen, da wurde die Tür aufgerissen und Horatio wurde wieder in den Stock gesperrt.
„Ich hätte diesen Wolfe durchschauen müssen. Er hat mich zum Narren gehalten.", murmelte er vor sich hin. Hafwen setzte sich wieder aufrecht hin. Schien, als wäre nicht mehr an Schlaf zu denken. Wäre ja auch zu schön gewesen.
„Je näher der Feind dir ist, desto schwerer fällt es dir, ihn zu sehen.", sagte Côtard.
„Ich hatte den Verräter an Bord meines Schiffes! Und ich ließ Sie für seine Tat auspeitschen.", meinte er dann zu Styles.
„Ist schon gut, Sir. Wird diesem Wolfe noch leidtun. Dafür zieh ich ihm irgendwann das Fell über die Ohren.", erwiderte der nur.
„Wolfe ist nicht unsere einzige Sorge. Hammonds Angriff auf die Batterie wird fehlschlagen und die Flotte wird vor ihre Geschütze fahren.", sagte Horatio.
„Woher wissen Sie das?", wollte der Major wissen.
„Weil Wolfe einen Kontaktmann in der Flotte hat. Einen gut platzierten Offizier, der alles bis ins letzte Detail an die Franzosen verrät.", antwortete Horatio mit einem Blick auf den Major.
„Und Sie verdächtigen noch immer mich? Sir, wann verdiene ich endlich Ihr Vertrauen? Wenn ich neben Ihnen hänge?", wollte er daraufhin wissen. Daraufhin herrschte wieder gedrücktes Schweigen. Hafwen lehnte sich wieder an Charles' Schulter an. Vielleicht würde sie jetzt doch noch ein wenig schlafen können. Eine ganze Zeit lang war es auch ruhig. Charles hatte einen Arm um sie gelegt und starrte immer noch geradeaus.
Nach einer kurzen Zeit hörte sie, wie jemand an den Fesseln rüttelte. Hafwen öffnete ein Auge und sah, dass es Horatio war. Sie stöhnte entnervt auf.
„Das ist leider unmöglich.", murmelte Côtard, der auch versucht hatte, etwas zu schlafen.
„Sie haben nie in Seiner Majestät Marine gedient, Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist.", meinte Horatio. Da hatte er allerdings Recht. Er sah sich ein wenig um.
„Orrock, Styles!", sagte er dann. Die beiden meldeten sich mit einem fragenden „Sir?".
„Zeit zum Ankerlichten!"
Horatio reichte ihnen eine Talje, die in der Ecke herumlag. Hafwen beobachtete das Geschehen mit einem Stirnrunzeln. Sie begannen Taue und Taljen quer durch den gesamten Raum zu sperren und als sie damit fertig waren, hatte jeder ein Tau in der Hand, an dem er ziehen sollte. Hafwen hatte keine Ahnung, was für ein ausgeklügeltes System das war, aber solange eine Chance auf Erfolg bestand, würde sie alles versuchen.
„Sind Sie bereit, Gentlemen?", fragte Horatio, als sie die Taue gespannt hatten.
„Eins, zwei,…", zählte er und zog mit aller Kraft an dem Tau. Die anderen taten es ihm gleich. Durch das Fenster ertönte ein Heulen, wie von einer Rakete, aber an den Fesseln tat sich immer noch nichts.
„Verdammt! Eins, zwei, hievt!", rief Horatio aus. Mit einem lauten Knarren brach der obere Teil des Stockes ab. Hafwen ließ das Tau locker und atmete erleichtert aus.
„Schön leise, schön leise!", ermahnte Horatio sie im nächsten Moment wieder. Sie standen einer nach dem anderen auf. Hafwen war erstaunt darüber, wie merkwürdig steif sich ihre Beine anfühlten. Sie wäre fast gestolpert, hätte sie sich nicht an der Wand festgehalten.
„Gut! Wer steigt freiwillig zuerst ins Plumpsklo? Styles?", meinte Horatio. Hafwen verzog den Mund. Na, das konnte ja noch lustig werden. Hafwen hoffte inständig, dass sich ihr nach dieser Sache die Gelegenheit für ein Bad bieten würde. Auch Styles schien nicht besonders begeistert von dem Vorschlag zu sein.
Es dauerte nicht allzu lange, da hatten sie eine Art Seil über dem Plumpsklo befestigt, um Styles herunterzulassen.
„Langsam runter, nicht dass er reinfällt!", sagte Horatio. Hafwen beobachtete, wie Charles und der andere Mann Styles herunterließen.
„Dem Gestank nach zu urteilen würde er weich landen, Sir.", meinte Charles mit einem leidenden Grinsen im Gesicht, während Styles herumnörgelte.
„Sir, hier ist ein Tunnel!", rief Styles, als er unten angekommen war.
„Wo führt der hin?", wollte Horatio wissen.
„Na, raus ins Freie, Sir!", erwiderte Styles.
„Wohin ins Freie?"
„Keine Ahnung, Sir."
„Na, sehen Sie schon nach, Mann!"
Man hörte Styles ein wenig grummeln und jammern, als er langsam durch den Tunnel ging. Horatio klammerte sich als nächster an das Seil.
„Gut. Halten Sie mich fest."
Mit diesen Worten ließen sie auch Horatio in den Tunnel hinab. Hafwen lehnte sich an die Wand und rümpfte ein wenig die Nase.
„Ich wäre heilfroh, wenn wir noch einen anderen Weg finden würden…", murmelte sie leise.
„Wer wäre das nicht?", entgegnete Charles und schaute zu ihr herüber. Sie lächelten sich kurz an, bis sie von einem Ruf unterbrochen wurden.
„Kommen Sie, hier kommen wir raus!"
Das war Horatio. Na, wunderbar, dann sollte es also doch das Plumpsklo werden. Nun ja, besser als gar nichts.
„Major, gehen Sie zuerst.", sagte Hafwen. Major Côtard nickte nur und klammerte sich mit einem Gesichtsausdruck, der äußersten Ekel verriet an das Seil.
„Als nächstes du, Hafwen.", meinte Charles. Hafwen nickte nur. Sie wollte nicht diejenige sein, die als letzte da herunter musste.
Der Gestank am Boden der Grube war geradezu bestialisch. Allerdings hatte sie glücklicherweise keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn der Major war schon auf dem Weg durch den Tunnel. Der führte zu einem offenen Gitterfenster, von dem aus man leicht aus der Festung herauskam. Da draußen war allerdings die Hölle los. Kanonenkugeln flogen umher, es war ein Lärm, dass man sich selbst kaum denken hören konnte. Was war denn da nur schief gelaufen? Es sah wirklich nicht gut aus für die englischen Schiffe auf See.
„Das schaffen die nie.", bemerkte Côtard.
„Nur, wenn wir ihnen nicht helfen. Mr. Orrock, was haben Sie dabei?", wollte Horatio wissen. Charles sah einen Moment lang verwirrt aus.
„Äh… nur die Handtalje, Sir.", antwortete er.
„Na bestens! Kommen Sie!"
„Gedenken Sie, die Geschützstellung mit einem Flaschenzug zu beschmeißen, Sir?", fragte Côtard äußerst irritiert.
„Lieber das, als untätig daneben zu stehen, während sie die Flotte vernichten. Kommen Sie!", entgegnete Horatio. Hafwen folgte den Männern. Sie konnte nicht recht durchschauen, was Horatio vorhatte – das hatte sie noch nie besonders gut gekonnt – aber sie vertraute ihm. Sie hatte jahrelang mit ihm zusammengearbeitet.
Ihr Weg führte sie zu einer Tür, die in die Geschützstellung hineinführte. In der Tür war ein Gitter, an dem Horatio die Talje festmachte. Er gab Orrock das Seil, damit er es festmachte, dann spannte er es und sagte: „Und bei drei ziehen. Eins, zwei, hievt!"
Mit einem lauten Schrei ging der Matrose hinter Hafwen zu Boden. Die Soldaten auf der Geschützstellung hatten sie wohl bemerkt und feuerten jetzt auf sie. Hafwen drehte sich erschrocken um, aber in dem Moment traf eine Kanonenkugel genau an die Stelle, wo die Soldaten standen. Es regnete Splitter, aber wenigstens liefen sie jetzt nicht mehr Gefahr, erschossen zu werden.
„Vorwärts, Männer! Los! Jetzt oder nie!", trieb Horatio sie auch sofort wieder zum Handeln an. Sie zogen wieder nach demselben Prinzip an dem Tau. Die Tür begann laut zu knirschen und mit einem Ruck lagen sie alle am Boden. Aber immerhin schien die Tür jetzt offen zu stehen. Hafwen rappelte ich schnell wieder auf und drängte sich durch den neuen Durchgang.
Der Weg führte eine enge Wendeltreppe nach oben, wo ihnen schon französische Soldaten entgegenkamen, die allerdings genauso erschrocken aussahen, wie sie sich alle fühlten. Styles zog einem der beiden das Bein weg und so schafften sie es, die Soldaten niederzuschlagen. Es ging weiter nach oben, bis zu den Geschützen. Hafwen hatte von Charles ein Bajonett zugeworfen bekommen, mit dem sie sich so gut wie möglich verteidigte. Sie tat es einfach den anderen gleich und schlug mit dem Ding auf die Franzosen ein. Es schien einigermaßen zu funktionieren.
Die paar Franzosen, die übrig blieben, sperrten sie in den Turm. Dann schauten sie alle atemlos auf die Plattform unter ihnen, von der immer noch fröhlich Kugeln abgefeuert wurden.
„Wir müssen die Geschütze außer Gefecht setzen. Drehen Sie die Kanone hier hin. Laden Sie sie mit Kartätsche.", befahl Horatio. Hafwen war froh, dass sie ein wenig Zeit zum Durchatmen hatte.
„Ganz schön anstrengend, was?", fragte Charles. Hafwen lachte mit einem Keuchen leise auf.
„Das kannst du laut sagen.", meinte sie nur. Die Kanone war schnell geladen. Horatio zündete sie und sie schlug nahe der zweiten Plattform ein, sodass die Soldaten von Splittern getroffen wurden.
„Das wird ihnen eine Lehre sein.", murmelte Styles.
„Vernageln wir lieber die Geschütze!", meinte Major Côtard. Währenddessen schienen die französischen Soldaten, die im Turm eingesperrt waren, regelrecht zu randalieren.
„Das Problem müssen wir anders lösen, Major Côtard.", sagte Horatio und lief davon. Er bedeutete ihnen mit einem Wink, ihm zu folgen und rief: „Mir nach!"
Sie gingen durch eine andere Tür wieder in die Festung. Hafwen hatte ein wenig den Überblick über die Gänge und Türen verloren, sodass sie den Männern mehr oder weniger blind folgte. An einer Holztür kamen sie zum Stehen und Horatio klopfte an. Ein Fenster wurde geöffnet und ein Franzose fragte: „Oui?"
Der Major schob Horatio von der Tür weg und redete irgendetwas auf Französisch, woraufhin die Tür geöffnet wurde. Côtard erschoss den Mann auf der anderen Seite sofort.
„Ich schieße nicht immer vorbei, Capitaine.", meinte der Major dann mit einem selbstgefälligen Grinsen.
„Sehe ich gern, Major.", erwiderte Horatio und drängte sich an ihm vorbei durch die Tür. In dem Raum schienen ganze Säcke voll Schießpulver zu lagern. Horatio schnitt einen an und rief: „Los, abhauen! Alle Mann raus hier!"
Das ließ Hafwen sich nicht zweimal sagen. Sie hatte heute schon einmal etwas gesprengt und war danach gefangen genommen worden. Ein zweites Mal musste das nicht sein. Sie nahm die Beine in die Hand und folgte den anderen durch verschiedene Gänge und Türen, bis sie an der frischen Luft und schließlich am Strand ankamen.
Kurz darauf flog die gesamte Festung in die Luft. Es war kompletter Wahnsinn. Niemand, der da drin gewesen war, konnte das überlebt haben, absolut niemand. Sie konnte nur hoffen, dass Horatio es rechtzeitig nach draußen geschafft hatte, denn er hatte den Plan.
Und da kam er auch schon angehumpelt, gestützt auf Styles. Charles und der Major liefen ihm entgegen, um ihm zu helfen. Während sie den Strand überquerten, trabte Hafwen neben Styles her und ließ sich genau berichten, was vorgefallen war.
„Wir dachten, Sie wären tot, Capitaine.", meinte der Major, als Styles fertig war.
„Noch nicht ganz, Major.", presste Horatio hervor.
„Beeilung, Sir, wir wollen das Glück nicht überreizen.", sagte Styles.
„Halten Sie ihn trotzdem möglichst still, Styles.", entgegnete Hafwen. Das erste Mal war sie allein Ärztin an Bord eines Schiffes und plötzlich wollte niemand mehr auf sie hören.
Auf einmal war ein lauter Schuss zu hören und der Major ging zu Boden. Er schrie und hielt sich die Schulter. Hafwen lief zu ihm hin und beugte sich über ihn. Sie drückte ihren Handballen gegen die Wunde.
„Ich brauche ein Tuch. Hat jemand ein Tuch?", fragte sie die anderen, die um sie herum standen. Allerdings antwortete ihr niemand. Als sie den Kopf wieder hob, sah sie wie ganze Massen französischer Soldaten anrückten und Aufstellung nahmen.
Sie halfen dem Major auf und stellten sich zu Horatio, der Wolfe entgegensah. Er kam durch die Reihen gelaufen, als wäre er Bonaparte persönlich. Hafwen schüttelte den Kopf. Und so einer nannte sich ein stolzer Ire.
„Ich hätte Sie hängen lassen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.", rief er.
„Ich ergebe mich Ihnen. Wenn Sie sich dafür verbürgen, dass den anderen nichts geschieht.", sagte Horatio.
„Wir handeln nicht, Hornblower!", rief jemand hinter Wolfe. Hafwen blinzelte. Der Mann trug eine Navy-Uniform, sogar eine Kapitänsuniform.
„Captain Hammond?", murmelte Horatio erstaunt.
„So viel zu Ihrer grandiosen Menschenkenntnis. Sie dachten, der Feind in Ihren Reihen sei ein Franzose?", erwiderte Hammond mit einem selbstgefälligen Grinsen. Horatio sah den Major an und schüttelte nur den Kopf – enttäuscht von sich selbst.
„Ich dachte, Sie, Sir, hätten Ihrem König die Treue geschworen.", meinte Horatio.
„Er ist nicht mein König, Sir. Ich diene Irland und seinem Volk.", entgegnete Hammond. Hafwen schüttelte ein wenig traurig den Kopf.
„Und all die Jahre gaben Sie vor, ein treuer, britischer Offizier zu sein?"
„Wie hätte ich meinem Land besser dienen können? Ich wusste, meine Chance würde kommen. Und Sie, Hornblower, hätten das um ein Haar zunichte gemacht. Commodore Wolfe?"
„Sir?", erwiderte Wolfe.
„Diese Männer sind alle aus der Gefangenschaft geflohen. Tun Sie Ihre Pflicht.", befahl Hammond mit einem abschätzigen Blick auf Hafwen und drehte sich um. Wolfe zog seinen Säbel und gab einen Befehl auf Französisch. Die Soldaten machten sich bereit, zu schießen. Hafwen griff instinktiv nach Charles' Hand. Das würde das Ende sein. Und sie war die ganze Zeit über einfach so dumm gewesen. Hätte sie nicht einfach mit ihm reden können? Jetzt würde sie diese Chance wahrscheinlich nie mehr haben.
„Orrock ist auch ein Ire! Herrgott nochmal, wollen Sie auch ihn erschießen?", rief Horatio. Hafwen schloss die Augen. Das würde nichts bringen. Selbst wenn sie Charles die Wahl lassen würden – er würde Horatio nie im Leben verraten. Er würde sie nie verraten.
„Alle anderen…", ereiferte sich Horatio, wurde aber von Charles unterbrochen.
„Danke, Sir. Aber ich bleibe bei Ihnen", meinte er nur.
„Was auch für mich gilt, Sir.", sagte Styles.
„Aye-aye."
Hafwen nahm wieder Charles' Hand und nickte. Sie spürte, wie ihr eine Träne über das Gesicht rann. Vielleicht war das wirklich alles zu viel für eine einfache Frau.
„Auch ich halte zu meinen Kameraden. Ich bleibe.", verkündete der Major.
„Ihr alle seid nur dumme Schafe. Und wie dumme Schafe werdet ihr nun geschlachtet.", meinte Wolfe und gab wieder Befehle auf Französisch. Die Soldaten legten an. Hafwen atmete tief durch und öffnete die Augen wieder. Wenn sie schon sterben sollte, dann wollte sie dem Tod wenigstens ins Gesicht sehen.
Es ertönten Schüsse. Aber seltsamerweise fühlte Hafwen keinen Schmerz. Stattdessen fielen die Franzosen um wie die Fliegen. Sie drehte sich um. Es gab nur eine logische Erklärung und zwar dass die Schüsse von hinter ihnen kamen…
Und da waren tatsächlich Seesoldaten! Seesoldaten und Matrosen, die aus Booten sprangen und gegen die Franzosen kämpften. Hafwen atmete erleichtert aus. Sie hatte erst jetzt bemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte.
Mit lauten Schreien und Rufen rannten die Männer los und auch Hafwen merkte, dass sie irgendetwas tun musste, um ihre aufgestaute Energie loszuwerden. Sie nahm einem der toten Franzosen einen Säbel ab und stürzte sich kopf- und planlos in die Schlacht. Es ging alles ziemlich schnell. Ein paar bekamen ihren Ellbogen ins Gesicht, anderen rammte sie den Säbel in die Schulter. Es war nicht besonders schwer, solange man nicht darüber nachdachte, was man tat.
„Miss Gwyther, immer eine Freude, Sie zu sehen.", rief jemand hinter ihr. Hafwen drehte sich um. Dort stand Bush und schlug gerade einen Franzosen nieder.
„Mr. Bush, lange nicht gesehen.", erwiderte Hafwen mit einem schiefen Lächeln.
„Kümmern Sie sich am besten um die Verwundeten, Miss. Die haben Ihre Hilfe nötiger.", meinte er. Hafwen nickte.
„Aye, Sir."
Als Hafwen sich kurz umschaute, bemerkte sie den jungen Hammond auf dem Boden liegen. Sie ging schnell zu ihm hin. Er atmete noch und war auch noch bei Bewusstsein.
„Hammond, kannst du mich hören? Hammond?", rief sie ihm zu. Er hatte eine Schussverletzung abbekommen.
„Geht schon, Hafwen, ich…", murmelte er und hustete. Es war Blut.
„Nicht reden, Hammond, ruhig bleiben. Sie können es noch schaffen.", versuchte Hafwen ihn zu beruhigen, obwohl sie wenig Hoffnung hatte. Hammond schüttelte den Kopf.
„Der Major kann noch überleben, ich nicht. Kümmer dich um den. Und falls… falls du das Mädchen wiedersiehst… Rosheen… sag ihr… dass ich… an sie gedacht habe…", murmelte er. Hafwen nickte.
„Das werde ich machen, Hammond, versprochen."
„Geh zu Charles. Er… er… l-liebt… dich wirklich… i-ich bin so gut… wie tot…", stammelte Hammond hervor. Hafwen schaute sich nach Charles um, der den Major stützte. Dann sah sie zurück zu Hammond. Sie strich ihm durch die Haare.
„Mach's gut, Jack. Wir sehen uns.", sagte sie und stand auf. Sie schaffte es schon wieder nicht, ihre Tränen zurückzuhalten. Hafwen hasste Abschiede.
