„Sir, ich glaube, ich muss mit Ihnen reden."
Horatio schaute auf und sah Hafwen an der Tür zu seiner Kajüte stehen. Er räumte schnell ein paar Seekarten zur Seite.
„Komm rein. Tut mir Leid, hier sieht es ein bisschen unordentlich aus…"
„Ist kein Problem."
„Ehrlich gesagt, wollte ich auch mit dir reden."
„Um was geht es?", fragte Hafwen neugierig.
„Es geht da um eine junge Frau, Maria, ich… Während ich nur Halbsold bekam, habe ich bei ihrer Mutter zur Miete gewohnt. Sie ist wirklich eine gute Freundin geworden, aber ich glaube… naja…", begann Horatio. Hafwen waren fast die Ohren abgefallen, als sie das gehört hatte. Horatio hatte sich – neben Mariette – auf keine Frau eingelassen.
„Was glaubst du?", wollte sie misstrauisch wissen.
„Ich glaube, sie empfindet etwas mehr für mich, als bloße Freundschaft. Und ich habe so das Gefühl, dass sie das Konzept einer reinen Freundschaft nicht ganz zu verstehen scheint…", erwiderte er.
„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Du kannst sie nicht einfach nicht mehr wiedersehen, denn dafür magst du sie als Freundin zu sehr. Andererseits liebst du sie nicht, willst sie aber auch nicht verletzen…", fasste Hafwen zusammen.
„Ja, genau… und noch dazu haben sie nicht viel Geld. Ich will wenigstens schauen, wie es ihr geht, ob sie zurechtkommt. Und ich möchte ihr helfen, falls das nicht so ist. Wenn ich auf See bin, brauche ich meinen ganzen Sold ja kaum. Ich weiß gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Also könnte ich ihr doch helfen…", meinte Horatio.
„Es ist eigentlich ganz einfach. Mach, was du für richtig hältst. Wenn sie irgendwelche Andeutungen macht, dann sag ihr, dass du nicht dasselbe empfindest und wenn sie es nicht macht, dann kannst du weiter mit ihr befreundet bleiben. Du musst sie ja nicht gleich heiraten, nur weil du Zeit mit ihr verbringst.", sagte Hafwen. Horatio schaute nachdenklich vor sich hin. Dann nickte er.
„Ja, das hört sich jetzt so einfach an, aber wenn man dann einmal in der Situation ist…", entgegnete er. Hafwen lachte leise.
„Ich danke dir auf jeden Fall. Wegen was wolltest du mit mir sprechen?", wollte Horatio dann wissen.
„Es geht um Mr. Orrock.", antwortete Hafwen und schaute traurig zu Boden.
„Oh ja. Ihr habt euch ziemlich gut verstanden, nicht?"
„Das ist das Problem. Ich mag ihn, ich mag ihn wirklich, aber… da sind die Schuldgefühle.", sagte Hafwen. Sie zog an einer Kette, die in ihrem Kragen versteckt war und zeigte Horatio den silbernen Ring, der daran hing.
„Siehst du das? Ich hätte Mrs. Kennedy sein können."
Horatio schaute lange auf den silbernen Ring, dann sah er sie an.
„Oh nein…", murmelte er. Hafwen schüttelte traurig den Kopf.
„Ich verrate ihn doch, wenn ich und Mr. Orrock… wenn wir…", rief sie aus und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Archie war immer so optimistisch. Wollte aus jeder Situation das Beste machen. Denkst du, er hätte gewollt, dass du den Rest deines Lebens einsam verbringst und ihm jahrelang hinterher trauerst? Er hätte gewollt, dass du glücklich bist.", meinte Horatio. Hafwen sah auf.
„Natürlich, aber… wie soll ich das ganze denn Orrock erklären? Ich meine, ich verstehe, was du da sagst, aber ich trauere eben immer noch um Archie. Und ich vermisse ihn. Wie soll ich das Orrock beibringen?", fragte Hafwen verzweifelt.
„Rede einfach mit ihm. Entweder versteht er es oder… tja, er versteht es nicht. Aber wenigstens weißt du dann mehr oder weniger, woran du bist. Ich bin sicher, er wird es verstehen. Orrock ist ein anständiger Kerl.", erwiderte Horatio. Hafwen grinste schief.
„Danke. Ich glaube, ich habe jetzt noch ein Gespräch zu führen.", meinte sie dann. Hafwen war nicht dafür, Dinge aufzuschieben. Sie wollte das jetzt gleich geklärt haben.
„Es ist mitten in der Nacht!", rief Horatio aus.
„Sei's drum."
„Charles… hey, Charles! Wach auf!", flüsterte Hafwen eindringlich, als sie an seiner Koje stand. Charles schreckte aus dem Schlaf hoch und sah sich verwirrt um.
„Psst, ich bin es nur, Hafwen."
„Hafwen, was…?"
„Lass uns an Deck gehen, in Ordnung?", schlug Hafwen vor. Charles nickte müde und kletterte so leise wie möglich aus seiner Koje. Er folgte Hafwen an Deck.
„Was ist denn los, dass du mich mitten in der Nacht wecken musst?", wollte Charles wissen, als sie an der frischen Luft waren.
„Ich muss mit dir reden. Das Ganze war schon längst überfällig. Pass auf, Charles, ich mag dich wirklich sehr, nur gibt es da ein kleines Problem.", erwiderte Hafwen.
„Was für ein Problem?"
„Ich habe dir von dem guten Freund erzählt, der nach dem Vorfall auf der Renown gestorben ist. Naja, er war mehr als nur ein guter Freund. Wir wollten heiraten. Verstehst du? Ich brauche ein bisschen Zeit, um damit fertig zu werden. Also wäre ich dir sehr dankbar, wenn wir die Sache langsam angehen könnten…", erzählte sie. Als sie fertig war, atmete sie erleichtert aus. Das zweite Mal an diesem Tag fiel eine Riesen-Last von ihr.
„Um Himmels willen, Hafwen. Du denkst wirklich, ich hätte damit ein Problem? Das ist in Ordnung, das verstehe ich ja. Es wird zwar ein bisschen schwierig zu verdauen sein, aber… es ist in Ordnung. Ich komme damit zurecht.", sagte er. Hafwen nickte.
„Gut. Aber da ist noch etwas. Was ich dir jetzt sage, musst du unbedingt für dich behalten, sonst hänge ich vermutlich. Ich dachte mir nur, ich sollte gleich von Anfang an mit offenen Karten spielen. Ich bin…"
„Psst!", unterbrach Charles sie.
„Was ist?"
„Sag es nicht."
„Bitte?"
„Sag es mir nicht. Wenn es keinen oder fast keinen Einfluss auf die Gegenwart hat, dann sag es nicht. Bitte. Es ist mir egal, was früher war. Die Gegenwart ist entscheidend.", meinte Charles nur. Hafwen sah ihn verwirrt an und lachte dann leise. Es war so einfach gewesen. Und dafür hätte sie fast sterben müssen.
„Komm her.", forderte Charles sie auf. Hafwen nickte und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er schlang seine Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Es wird alles gut, Hafwen. Mach dir keine Sorgen.", murmelte er und strich ihr beruhigend über den Rücken. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht würde alles gut werden.
