div class="chaptertext"emTrafen uns heute wieder. Und wieder auf der Wiese. Etwas früher diesmal. Hatten uns verabredet – zum ersten Mal. Ich kam, sah sie, an einem Baume lehnend, ein Buch auf den Knien. Ich wollte rufen, winken gar, so sehr hatte es mich gepackt, ehe mir bewusstwurde … /embr /br /emAch, Nels …, alter, alter Nels …/embr /br /emTrat zu ihr. Bandit hob den Kopf, beachtete mich jedoch kaum, wohl, weil er mich kennt. Sie aber erhob sich, da sie's rascheln hörte, wandte sich mir zu, die Arme nach mir ausgestreckt. Ich ergriff ihre Hände, hielt kurz inne, betrachtete sie in ihrem leichten Sommerkleid, dann zog ich sie an mich. Konnt' nicht anders als sie umarmen. Den ganzen Morgen über, als ich im Laden stand, dachte ich nur an sie. Und an diesen Augenblick, da ich sie endlich wiedersehen dürfe./embr /br /em„Nels", sagte sie leis, „ich habe auf dich gewartet", und legte ihre Arme um meinen Hals, „sah" auf. Nun, es hätt' nicht viel gefehlt – sie war mir so nah. Ach, ich sah sie stattdessen nur an und ließ auch diesen Moment verstreichen./embr /br /br /br /emHeiß war's an diesem Nachmittag, selbst hier im Schatten des Baumes. Der Wind trug die Hitze in Schwaden heran, fuhr durchs Gras, sengte das Land und wuchs sich schier zu einem Glutofen aus. Ich öffnete die oberen Knöpfe meines Hemdes und musste einige Male tief Luft holen./embr /br /emUnd da wir uns setzten, neigte sie sich zu mir hinüber, küsste mich auf die Wange – ganz plötzlich./embr /br /em„Schön, dass du da bist."/embr /br /emLehnten uns dann an den Baum. Beide. Zusammen. Ein seltsames Gefühl war das, ihr so nah zu sein. Nahm ihre Hand in die meine. Sie „sah" mich an. Lächelte. Dies Mädchen. Mein Gott. Wie alt ist sie? So alt wie Nellie? Und doch sehe ich in ihr … /embr /br /br /emAch, Nels, was geschieht hier? Wenn ich's doch nur begreifen könnte. Wenn … /embr /br /br /emSprachen nicht viel, hielten uns nur bei den Händen. Ich sah hinaus auf die Wiese, die, trotz der Regentage gelblich verfärbt war. Der Wind zauste sie leicht – kämmte sie in Wellen, so schien's mir. Wie schön ist es hier. Wie schön. So weit das Land und so still. Möcht' an keinem anderen Ort sein, es sei denn, sie käme mit mir. /embr /br /emIrgendwann/emem,/emem und ich weiß nicht wie ich's fertigbrachte, legte ich den Arm um ihre Schulter und sie lehnte sich an mich, schmiegte sich gar, „sah" auf. Und in dem Moment durchzuckte es mich und ich begriff, ja, ich begriff, dass auch sie … – verstehe es dennoch kein Bisschen. Wie auch?/embr /br /Nels keuchte, als er's schrieb, keuchte und fuhr sich mit der Hand über's Gesicht, dann hob er den Kopf, sah in die kleine Flamme, die ihm nächtliches Licht zuflackerte. Vor Jahren, so erinnerte er sich, hatte sich Doktor Baker in seine Nichte verliebt und sogar seine Verlobung bekanntgeben. Nels hatte nicht gewagt, diesen Mann emeinen törichten Narren/em zu nennen. Nein, aber gedacht hatte er's schon. Dieser Mann, kaum jünger als er … aber unverheiratet …br /br /emEs war so heiß. Selbst im Schatten wurde es unerträglich, obwohl sich die Sonne gen Westen zu neigen begann und ich fragte sie: „Was meinst du? Wollen wir baden gehen?"/embr /br /em„Ich habe aber nichts dabei und außerdem …"/embr /br /em„Was?"/embr /br /em„Na ja …"/embr /br /em„Was?"/embr /br /em„Ach Nels …"/embr /br /emDoch auch ihr war zu warm, ich sah's an ihrer Stirn und Nase, da sich kleine Schweißperlen gebildet hatten./embr /br /em„Aber du darfst nicht hinsehen. Versprich's mir."/embr /br /em„Ich versprech's dir."/embr /br /emUnd ich sah nicht hin. Auch, als sie mir die Hand reichte und mich bat, sie zum Wasser zu führen. Auch, als sie stolperte, sich den Fuß stieß und ich sie hochnahm und trug. Ich sah nicht hin. Würde es nie tun, wenn sie's nicht wollte. (Für einen kurzen Moment sah ich jedoch den weißen Saum ihres Unterkleides, das sie anbehalten hatte, sah's, weil ich den Kopf nicht schnell genug abwandte. Auch sah ich, dass ihr ein Träger von der Schulter geglitten war, als sie vor mir im Wasser stand.)/embr /br /br /br /em… ich weiß, dass er Wort hielt, mich nicht betrachtete, /emschrieb Mary in ihr Tagebuch, spät abends, sitzend vorm Haus. Und sie schrieb in die Nacht hinein: emObwohl? Wär's so schlimm gewesen, wenn er's getan hätte, da ich doch Gleiches auch gern täte – ihn betrachten. Ihn nicht nur mit den Händen sehen, sondern wirklich betrachten. In der Bibel heißt es, dass sich Mann und Frau ob ihrer Nacktheit voreinander schämten. Aber ich schäme mich vor diesem Mann nicht. Jetzt nicht, tat es auch am Creek nicht. Ist es eine Sünde, sich nicht vor einem Mann zu schämen, ja sich sogar zu wünschen, von ihm berührt zu werden?/embr /br /emEs ist eine Sünde. Ich weiß es, die Bibel sagt es. Ehebruch ist es. Das 6. Gebot. Ich weiß es, ich spür's, fühl's. Aber es ist, wenn ich an Adam denke … nun, und doch lehrte man mich, dass die Ehe heilig sei. Auch gab ich mein Versprechen vor nicht einmal einem Jahr – damals noch in Winoka vor all meinen Lieben. Damals noch dachte ich, ich fühlte ewig so, wollt' auch, konnt' nicht anders. Und nun? Da ist nichts mehr./embr /br /emOh Mary, gib dir Mühe, versuch es. Versuch zu fühlen. Ein Gefühl für ihn … /embr /br /emAber da ist nichts. Vermag's nicht. Wieder und wieder hab' ich's versucht und versucht und versucht. Nichts. Sollt' ich hinfahr'n zu ihm nach New York. Mich zwingen? Es wäre meine Pflicht. /embr /br /emEs ist Ehebruch von einem anderen Mann berührt werden zu wollen. Sich dies zu wünschen. /embr /br /emMary!/embr /br /emDas Wasser brachte Kühlung, Linderung keine. Wir standen wohl einige Momente nur nebeneinander und ich ließ meine Hände durchs Wasser gleiten, eh ich die seine fand. Und wieder hielten wir uns bei den Händen. /embr /br /emUnd was ist's bei ihm? Das gleiche doch, Ehebruch, wenn er gleiches begehrt./embr /br /emIch will mich diesen Gedanken nicht hingeben./embr /br /emIch möchte von ihm berührt werden und das in einer Weise, die –… Ich schreib's nur auf, über meine Lippen wird's nie niemals kommen. Und das Papier wird niemand finden. Niemand. Zu gut verwahrt ist's./embr /br /emIch möchte von ihm in einer Weise berührt werden, die nur Eheleuten gestattet ist .../embr /br /br /br /Nels schnappte nach Luft, denn ihm war's in diesem Moment, da er in die Flamme sah, so, als hätt's ihn durchzuckt und er schrieb: emGingen nach dem Bad nebeneinander her, über die Wiese, um unsere Unterkleider trocknen zu lassen. Hand in Hand. Und Bandit neben uns. Er ist der einzige Zeuge dieses frühen Abends. Er sah, wie wir uns dann setzten – mitten auf die Wiese, uns dann auch niederlegten, wie sie sich an mich schmiegte und schließlich ihren Kopf auf meine Brust bettete, wie ich sie hielt. Er hat's gesehen, aber er wird schweigen./embr /br /emOh Nels, alter Junge, was würde Charles zu all dem sagen? Dass du seine Tochter – … Aber ich hielt sie doch nur und spürte ihr noch nasses Haar am Kinn; auch schloss ich nur die Augen, als ich sie zu streicheln begann. Mehr tat ich doch nicht./em/div
