Kapitel 15

Am Abend war Hermine angenehm erschöpft. Ihr taten die Hände etwas weh von den ungewohnten Handgriffen und Bewegungen und ihr Nacken war steif, weil sie die ganze Zeit auf die Tischplatte hinunter geschaut hatte. Aber Severus hatte es geschafft, seine Auftragsliste komplett abzuarbeiten.

Ihm war erstaunlicherweise keine Erschöpfung anzumerken. Auf halbem Weg die Treppe nach oben fragte er: „Möchtest du einen Tee oder lieber Wasser?"

Hermine wusste im ersten Moment gar nicht, wovon er sprach. Erst verzögert fiel ihr ein, dass sie ihm angeboten hatte, heute Abend noch die nächsten Erinnerung aus dem Käfig zu holen. „Willst du wirklich heute noch weitermachen?"

„Du hast es vorgeschlagen", sagte er und sah sich zu ihr um.

„Da wusste ich noch nicht, wie anstrengend ein kompletter Tag Laborarbeit sein kann."

„Also bist du zu müde?"

„Du nicht?" Sie zog eine Augenbraue in die Stirn.

Severus zuckte angedeutet mit den Schultern. „Müdigkeit macht mir nichts aus."

„Stimmt, deswegen brauchtest du ja auch meine Hilfe", murmelte sie ironisch.

Er kniff die Augen etwas zusammen. „Das Problem ist nicht die Müdigkeit, sondern meine Konzentration."

„Heute erschienst du mir sehr konzentriert."

Er wandte den Blick ab. „Es hilft mir, wenn du da bist. Dann verliere ich mich nicht so leicht in meinen Gedanken."

„Weil es dir unangenehm wäre, wenn ich das bemerken würde?"

Nun sah er sie doch wieder an. „Nein." Seine geschlossenen Lippen bewegten sich, als würden sie Worte formen, die Severus nicht aussprechen wollte. Als er Hermines Blick begegnete, verschränkte er die Arme vor der Brust und sagte: „Du bist wie ein Anker im Hier und Jetzt für mich."

„Oh", sagte sie leise. „Das klingt … gut irgendwie."

Er verzog das Gesicht und stieg weiter die Stufen hinauf.

Hermine seufzte. „Also willst du heute wirklich noch weitermachen."

„Nur wenn es dir nicht zu viel ist."

Sie dachte einen Moment darüber nach. Sie war zwar körperlich erschöpft, aber ihr Kopf war fit. Wäre sie jetzt nach Hause gegangen, hätte sie vermutlich noch ein paar Stunden gelesen. „Nein", sagte sie deswegen, „ich denke, ich schaffe das. Und ich hätte gern erst ein großes Glas Wasser und danach dann Tee." Sie hatte furchtbaren Durst, die letzten beiden Tränke hatten das Labor in ein tropisches Klima gehüllt. Ihr Shirt klebte an ihrem Rücken.

Also saßen sie ein paar Minuten später wieder vor dem Kaminfeuer in den Sesseln. Severus hatte ihr wie gewünscht ein Glas Wasser hingestellt und einen kräftigen schwarzen Tee gekocht. Für sich selbst hatte er kein Wasser mitgebracht.

Nachdem er seinen Zauberstab wie üblich auf den Kaminsims gelegt und Hermine ihre von der Hitze und Feuchtigkeit im Labor entfesselten Haare gebändigt hatte, machte sie es sich bequem und wandte sich ihm zu. „Darf ich?", fragte sie.

„Ja, du darfst."

Mittlerweile war es eine Sache von Sekunden, in Severus' Geist zu schlüpfen, eine Erinnerung aus dem Käfig zu lassen und wieder zu gehen. Hermine schüttelte kurz den Kopf, als sie wieder durch ihre eigenen Augen sah, und hörte Severus leise stöhnen. „Was ist los?", fragte sie.

„Das ist die Erinnerung, die du gesehen haben musst." Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht.

Hermine verzog das Gesicht. „Oh. Okay. Dann brauchen wir wohl einen Eimer."

Severus sah sie entrüstet an. „Ich besitze keine Eimer. Ich besitze Kessel und Bechergläser und Messbecher und Phiolen, aber keine Eimer. Davon abgesehen verfüge ich über ein Bad, ich werde ihn nicht brauchen."

Hermine lachte bitter. „Doch, wirst du."

Er kniff die Augen zusammen, aber ehe er sich weiter auf diese Diskussion einlassen konnte, zog die Erinnerung ihn mit sich.

Hermine beobachtete ihn einen Moment lang, dann ging sie in die Küche und öffnete zielsicher den Schrank neben dem Fenster. Wenn Severus keinen Eimer besaß, musste sie eben einen erschaffen. Sie schob die Tassen auf dem Regal herum und zog eine merkwürdige rosa Tasse aus der letzten Reihe. Ihrer Erfahrung nach landeten die ungeliebten Tassen immer ganz hinten im Schrank. Und rosa wollte auch nicht so richtig zu ihm passen. „Ich hoffe, du hängst nicht allzu sehr daran", murmelte Hermine. Mit einem Schwenk ihres Zauberstabes verwandelte sie die Tasse in einen – immer noch rosafarbenen – kleinen Eimer. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

Eigentlich hätte sie sich wieder auf ihren Platz gesetzt und ihm Raum gegeben, aber sie wollte es ihm ersparen, sich über sein Hemd zu erbrechen. Das machte wirklich keinen Spaß. Also blieb sie neben seinem Sessel stehen, hielt den Eimer in Position und wartete. Mit pochendem Herzen.

Severus gab Geräusche von sich, die Hermine ahnen ließen, an welcher Stelle der Erinnerung er sich gerade befand. Sie hatte eigentlich einen sehr robusten Magen und es machte ihr nicht viel aus, jemanden beim Erbrechen zu begleiten. Ginny hatte davon bereits mehrere Male profitiert, wenn eines der Kinder krank gewesen war. Oder Harry. Aber Severus' Erinnerung hatte auch Spuren in ihr hinterlassen. Es fühlte sich fast so an, als hätte sie es selbst erlebt. Jedenfalls wurde ihr etwas flau im Magen und sie war froh, dass das Mittagessen schon einige Stunden zurücklag.

Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Severus aus der Erinnerung auftauchte. Genauso wie bei ihr vor einigen Wochen waren auch bei ihm das Erwachen und das Erbrechen quasi ein- und derselbe Vorgang. Er schien entsetzt, dass sie recht behalten hatte. „Ich hab dich gewarnt", murmelte Hermine und hoffte gleich darauf, dass er es nicht gehört hatte.

Was er vermutlich nicht hatte, denn sobald er den ersten Schreck überwunden hatte, nahm er ihr den Eimer aus der Hand, stand auf und ging mit großen Schritten hinüber ins Bad. Er riss zwar die Tür hinter sich zu, aber Hermine konnte ihn trotzdem hören. Deutlich.

Severus litt mehr, als sie es getan hatte. Sie hatte das Ekelgefühl zwar noch eine Weile lang mit sich herumgetragen, aber es war innerhalb von Sekunden so sehr abgeflaut, dass sie es hatte aushalten können. Bei Severus schien es gar nicht vergehen zu wollen.

Nach ein paar Minuten ging sie zur Badezimmertür. Sie klopfte dagegen und fragte: „Kannst du mich hören, Severus?"

Von drinnen war ein Geräusch zu hören, das sich unterschied von allen anderen, wenn auch nicht wesentlich. Trotzdem beschloss sie, es als Zustimmung zu werten.

„Gut. Dann schließ die Augen und stell dir vor, du wärst auf einer Waldlichtung. Ein kleiner Bach schlängelt sich hindurch und das Sonnenlicht glitzert auf der Wasseroberfläche." Weil sie wusste, dass er mit der Vorstellungskraft seine Schwierigkeiten hatte, untermalte sie ihre Worte mit magisch erzeugten Geräuschen; Wind, der durch Blätter raschelte, ein Specht, der gegen einen Baumstamm klopfte, Vogelgezwitscher. Für sie vor der Tür waren die Geräusche eine Spur zu laut. Sie hoffte, dass sie für ihn genau die richtige Lautstärke hatten. „Du siehst kleine Fische im klaren Wasser und setzt dich an das Ufer, um zu verweilen. Der Wind fährt dir durch die Haare, die Sonne ist warm auf deinem Gesicht."

Sie lehnte sich gegen die Wand, während sie mit langsamer, ruhiger Stimme dieses Bild malte, das ihn ablenken sollte von den Bildern der Erinnerung, die ihn immer wieder zu überkommen schienen. Nach ein paar Minuten wurde es ruhig im Bad.

Hermine überließ ihn für einen Moment seiner Fantasie und den Naturgeräuschen, die noch immer den Flur ausfüllten. Sie lief ins Labor hinunter, erschrak über das zischende Geräusch der sich selbst entzündenden Lichter und durchsuchte die Phiolen, die noch auf einem der Labortische standen. Der Trank gegen Übelkeit war Teil der Bestellung gewesen. Als sie fündig geworden war, ging sie wieder hinauf und weiter in die Küche, holte zwei der Schnapsgläser, die sie im Regal unter den Tassen entdeckt hatte, und füllte sie beide zu drei Vierteln mit dem Trank.

Wieder klopfte sie gegen die Tür, wartete aber nicht auf eine Reaktion, bevor sie hineinging. Ein säuerlicher Geruch lag in der Luft. Sie fand Severus auf dem Boden sitzend, den Rücken gegen die Badewanne gelehnt, die Augen geschlossen. Schweiß stand auf seiner Stirn, er sah entsetzlich fahl aus. Sie tippte ihm gegen die Schulter. Er blinzelte schwerfällig. „Hier", sagte sie und hielt ihm eines der Gläser hin. Sie stieß mit ihrem eigenen dagegen, so dass es leise klirrte, dann leerte sie ihres mit einem Zug.

Severus war vorsichtiger. Er trank es in mehreren kleinen Schlucken, während Hermine einen Frischluftzauber sprach. Die Wohltat der eintretenden Wirkung beider Dinge war ihm deutlich anzusehen.

„Ich hab mich im Labor bedient, ich hoffe, das war okay."

Er nickte matt. „Danke", krächzte er heiser.

„Dafür bin ich da."

Severus schloss wieder die Augen. Er atmete tief durch. „Das war … unerwartet", stellte er nach ein paar Minuten fest.

„Offensichtlich."

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich …" Er brach ab.

Hermine ließ sich neben ihm auf den Boden sinken. „Warum nicht?"

Er stieß leise auf und verzog das Gesicht. Hermine goss ihm noch einmal von dem Trank ein und gab ihm das kleine Glas. Diesmal leerte auch er es in einem Zug. „Ich kann das kontrollieren. Eigentlich." Seine Stimme verlor sich und ihr fiel ein, wie verzweifelt er in seiner Erinnerung den Brechreiz zu beherrschen versucht hatte. Er hatte es lernen müssen, das zu kontrollieren. Für einen Moment schloss Hermine die Augen. „Es tut mir leid, dass wir schon wieder hier sind." Er gestikulierte durch das Bad.

„Kein Problem. Möchtest du über die Erinnerung reden?"

„Nein."

„Okay. Du kannst den Traumlos-Schlaftrank nehmen und wir machen dann morgen weiter."

„Dagegen bin ich allergisch. Helmkraut …" Er verdrehte die Augen.

„Dann der Trank der lebenden Toten. Mit zwanzig Tropfen solltest du die Nacht über deine Ruhe haben."

Er nickte missmutig. „Ja, ich weiß."

Während er sich weiter ausruhte, fiel Hermines Blick auf seine trockenen Lippen. Er stützte den Kopf in die rechte Hand, runzelte die Stirn. Hatte er eigentlich etwas getrunken, seitdem sie aus dem Labor gekommen waren? Hermine beschwor seine Vitalwerte herauf. Sie schnalzte leise mit der Zunge.

„Was?", fragte Severus; er klang gereizt.

„Du hast wenig getrunken heute und das Erbrechen eben hat es nicht besser gemacht."

„Nein, ehrlich?" Diesmal war seine Stimme wie Säure und sein Blick so vernichtend, dass Hermine eine Augenbraue in die Stirn zog.

„Du hast gefragt." Wieder glitten ihren Blicke über seine Werte, ehe sie sie verschwinden ließ. Sie wollte ihn fragen, warum er so wenig getrunken hatte, verkniff es sich aber. Falsche Stimmung für ein Kreuzverhör. „Du musst tierische Kopfschmerzen haben", sagte sie stattdessen.

Er brummte leise. „Ich werde keine größere Menge Wasser mehr trinken heute."

„Ja, das dachte ich mir. Deswegen meine Besorgnis. In Kombination mit dem Trank der lebenden Toten ist das gefährlich. Du würdest nicht aufwachen, wenn es kritisch wird."

„Und was hast du jetzt vor?"

„Angesichts deiner verständlichen Empfindlichkeit gegenüber dem Ernährungszauber würde ich ungern die magische Variante ausprobieren. Wenn du damit einverstanden bist, besorg ich Kochsalzlösung und leg dir eine Infusion an."

„Das heißt, du stichst mir wieder so ein Ding in den Arm?"

„Ja."

„Für wie lange?"

„Etwa eine Stunde."

„Hab ich eine Wahl?"

„Hast du. Du könntest stattdessen langsam Wasser trinken. Oder auf den Trank der lebenden Toten verzichten."

„Sag doch einfach Nein." Er massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.

„Aber das entspräche nicht der Wahrheit."

Er sah sehr erschöpft und irgendwie auch verwundbar aus, als er sich ihr zuwandte. Als hätte die letzte Stunde ihm jeden Schutz weggerissen, den er sich für den Kontakt mit der Welt zugelegt hatte. „Doch, das würde es", erklärte er müde. „Ich ertrage es gerade nicht, größere Mengen von irgendwas in meinem Magen zu haben und ich schaffe es nicht, mich die ganze Nacht aus eigener Kraft gegen die Erinnerung zu wehren."

„Okay. Dann hast du tatsächlich keine andere Wahl. Ich könnte dir die Infusion anhängen, während du schläfst. Ich würde warten bis sie durchgelaufen ist und dann gehen."

„Nein." Er klang, als würde er das nicht diskutieren.

Hermine nickte und verkniff sich auch jede Frage dazu. „Okay … Dann musst du noch ein bisschen durchhalten. Ich besorg alles und bin gleich wieder da. Schaffst du es allein ins Wohnzimmer?"

Er nickte, sie disapparierte.

Hermine brauchte etwa zwanzig Minuten, um eine Notapotheke in London zu finden, Infusionsbesteck und Kochsalzlösung zu bekommen, eine Rolle Klebeband aus ihrer Wohnung zu holen und wieder zu Severus zurückzukehren. Er saß mit einem Buch im Sessel, aber entspannt sah er dabei nicht aus. Er schlug es erleichtert zu, als er sie sah. „Rede mit mir", bat er sie.

„Ist die Erinnerung so aufdringlich?"

Er nickte mit verbissener Miene. „Ja."

Hermine stach den Infusionsschlauch in den Verschluss am Beutel und ließ die Flüssigkeit hineinlaufen, bis ein paar Tropfen auf den Teppich fielen. Dann holte sie einen Stuhl vom Esstisch, der noch immer hier im Wohnzimmer stand, und legte beides darauf. „Mach bitte deinen Arm frei", wies sie Severus an.

Er knöpfte den Ärmel auf und schob den Stoff über den Ellbogen. „Hast du mir zugehört?", fragte er ungeduldig.

„Ja, hab ich." Mit dem Zauberstab desinfizierte sie seine Armbeuge und machte seinen Venen sichtbar.

„Und, was …" Er sog zischend die Luft ein, als sie die Nadel in seinen Arm stach und mit Klebeband fixierte. „… sagst du dazu?" Mit gerunzelter Stirn beobachtete er ihr Tun.

Hermine drehte den Infusionsschlauch auf die Kanüle und befestigte auch diesen dann mit einem Stück Klebestreifen auf seinem Unterarm, bevor sie den Stuhl in einen Infusionsständer verwandelte und den Beutel daran aufhängte. Sie drehte das Rädchen am Schlauch etwas nach oben und beobachtete ein paar Sekunden lang, wie die Kochsalzlösung zügig in den Schlauch tropfte.

Schließlich begegnete sie wieder seinem ungeduldigen Blick und seufzte. „Diese Erinnerung ist eine von den wirklich heftigen, Severus. Sie hat viel Energie an sich gebunden. Zwischen allen Erinnerungen war es diese, die mich als erste angefallen und mit sich gezogen hat. Ehrlich gesagt überrascht es mich, dass es nicht auch die erste war, die sich wieder aus dem Käfig drängelte. Sie einmal anzuschauen, schwächt sie vermutlich nicht nennenswert. Vor allem dann nicht, wenn du sie danach sofort zu verdrängen versuchst."

„Was soll ich denn deiner Meinung nach sonst tun?", fragte er scharf.

„Das war kein Vorwurf. Du kannst gerade nichts anderes tun, du bist am Limit. Wir machen es so, wie wir es eben besprochen haben. Die Infusion läuft etwa eine Stunde lang, in der Zeit werden wir uns unterhalten, um es dir ein bisschen leichter zu machen, dich der Erinnerung zu widersetzen. Und danach nimmst du den Trank der lebenden Toten und hast hoffentlich mindestens acht Stunden lang deine Ruhe. Morgen früh komm ich wieder her und dann schauen wir, was geht. Reden oder nochmal anschauen, das entscheiden wir morgen. Okay?"

Ein Schaudern durchlief seinen Körper. Der Widerwille gegen die weitere Beschäftigung mit dieser Erinnerung war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Hermine konnte es ihm nicht verdenken. „Okay", presste er schließlich hervor.

„Gut." Hermine setzte sich nach einem weiteren Blick auf seinen Arm zurück in den Sessel. Die Müdigkeit hatte auch sie inzwischen etwas dünnhäutig gemacht. Wenn sie geahnt hätte, welche Erinnerung die nächste sein würde, hätte sie sich geweigert, damit heute noch weiterzumachen. Aber nun war es so. In den Käfig zurück bekam sie sie jedenfalls nicht ohne weiteres, die Gefahr, dass sich alle Erinnerungen dabei wieder befreiten, war zu groß. „Was für ein Buch hast du gelesen?"

Zaubertränke der Antike", erwiderte er und fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht.

„Klingt interessant."

„Ja, in guten Zeiten ist es das. Jetzt gerade ist es … einfach nicht das Richtige."

„Das verstehe ich." Sie musste ein Gähnen unterdrücken. „Ich find's nett von deiner Chefin, dass sie dich im Moment von hier aus arbeiten lässt."

Severus lehnte den Kopf gegen die Sessellehne und beobachtete, wie die Kochsalzlösung in den Schlauch tropfte. „Ja, ich hab vermutlich Glück mit ihr. Sie hätte mir auch kündigen können, es gibt genug Tränkemeister, die einen Job suchen."

„Dann ist sie wohl sehr zufrieden mit dir."

„Es scheint so. Sie hat einen zweiten Tränkemeister eingestellt und meine Stelle auf uns beide verteilt. Er bearbeitet die außergewöhnlichen Bestellungen vor Ort, ich die Standardtränke, die sie immer auf Vorrat hat, von hier aus. Dadurch habe ich mehr Zeit."

„Elegante Lösung."

„Es bedeutet aber auch, dass ich im Moment weniger verdiene. Halbe Stelle, halber Lohn."

Hermine runzelte die Stirn. Seine plötzliche Offenheit zu dem Thema war ungewohnt und sicherlich seinem Kampf gegen die Erinnerung geschuldet. Wohl fühlte sie sich damit aber nicht. „Das beschäftigt dich sehr", sagte sie schließlich.

Er schnaubte. „Würde es dich nicht beschäftigen, wenn du auf einmal nur noch halb so viel Geld zur Verfügung und noch dazu eine saftige Krankenhausrechnung zu begleichen hättest?"

„Doch, natürlich. Kommst du denn zurecht, wenn du alle bestellten Tränke zubereiten kannst? Also reicht das halbe Gehalt grundsätzlich?"

„Ja, wenn ich alles schaffe, reicht es."

Hermine nickte. „Wie gesagt, ich helfe dir gern aus im Labor, auch nachdem ich wieder angefangen habe zu arbeiten."

Er stützte den Kopf in die Hand. „Du wirst dir eine gute Ausrede für deine Freunde einfallen lassen müssen, wenn du neben der Zeit im St.-Mungos noch mehr Zeit hier verbringst."

Hermine lächelte verschmitzt. „Ich muss mir gar nichts einfallen lassen. Ich hab ihnen gesagt, ich habe ein Projekt neben der Arbeit, das der Schweigepflicht unterliegt. Es fällt zwar gerade Ginny schwer, nicht mehr darüber zu erfahren, aber sie respektiert es."

„Ich bin also ein Projekt", sagte Severus mit hochgezogener Augenbraue.

„Solange du mir nicht erlaubst, dich vor ihnen anders zu bezeichnen, bist du das, ja."

„Damit kann ich leben."

„Gut." Sie lächelte ihn müde an.

Severus warf einen Blick auf den Infusionsbeutel. „Ist da überhaupt schon was raus? Das hängt doch schon mindestens eine halbe Stunde da."

Hermine schnaubte. „Das waren maximal fünf Minuten! Ein bisschen musst du es noch mit mir und der Nadel im Arm aushalten."

„Mit dir gern, die Nadel hingegen …"

„Konzentrier dich auf mich, dann vergisst du bald, dass sie da ist. Aber nicht den Arm anwinkeln!"

Er schnalzte mit der Zunge. „Genau das war mein Plan."

„Dann ist es ja gut, dass ich das nochmal erwähnt hab."

Hermine genoss es, dass seine Stimmung sich wieder lockerte. Sie schafften es, das Gespräch die ganze Zeit über auf diese Art fortzuführen, fanden auch mehrmals Anlass zum Lachen und nach einer Weile vergaß sogar Hermine die Zeit und ihre Müdigkeit. Severus' Gesellschaft war angenehm, auch und gerade abseits von Erinnerungen und Laborarbeit. Beinahe schämte sie sich ein bisschen dafür, wie sehr sie das überraschte. Und sie fragte sich, ob es diese Seite an ihm früher schon gegeben hatte oder ob sie zusammen mit den Erinnerung weggesperrt gewesen war. Zu fragen traute sie sich nicht. Nicht jetzt, wo es gerade so angenehm war. Vielleicht irgendwann mal.

Schließlich war es soweit und der letzte Tropfen der Kochsalzlösung fiel in den Schlauch. „Du hast es geschafft", verkündete Hermine und stand auf, um ihn von der Nadel in seinem Arm zu befreien.

„Es wurde auch Zeit", entgegnete Severus und klang dabei nicht ganz so bissig, wie sie es von ihm kannte. Die Erleichterung darüber, diesen Tag bald beenden zu können und sich nicht mehr gegen die Erinnerung wehren zu müssen, war ihm deutlich anzusehen.

Hermine musste sich auf die Zunge beißen, um ihm nicht vorzuhalten, dass er es hätte leichter haben können. Sicherlich hatte er seine Gründe. Aber sie würde ihn beizeiten darauf ansprechen, denn diese Gründe interessierten sie auch. „Morgen früh musst du unbedingt trinken!", sagte sie, während sie in ihre Schuhe schlüpfte. „Die Infusion war ein Anfang, aber …" Sie presste kurz die Lippen aufeinander. „Trinkst du immer so wenig?"

„Ich trinke, wenn ich Durst habe", entgegnete er überreizt, rieb sich die Stirn.

Hermine war in Versuchung, ihn danach zu fragen, wie er nach den letzten Tränken und dem überhitzten Klima im Labor keinen Durst gehabt haben konnte, aber er war offensichtlich am Ende seiner Geduld angelangt; sie kannte diese Falte zwischen seinen Augenbrauen aus zahlreichen Momenten im Zaubertrankunterricht. „Okay", sagte sie also. „Dann bis morgen. Ich hoffe, du hast eine gute Nacht."

Severus nickte knapp, fand aber keine Worte des Abschieds für sie, ehe Hermine disapparierte.


Sie hatte eine unruhige Nacht hinter sich, als sie am nächsten Morgen vor Severus' Tür apparierte. Sie war sich nicht sicher, ob sie überhaupt richtig geschlafen hatte; obwohl sie müde und erschöpft gewesen war, schien ihr Kopf vergessen zu haben, wie man einschlief. Stattdessen hatte sie ihre Nacht damit verbracht, sich Sorgen zu machen. Severus mit dem Trank der lebenden Toten im Organismus allein zu lassen, hatte ihr ein ungutes Gefühl bereitet. Normalerweise verabreichte sie den Trank nur im klinischen Umfeld und da gab es auch nachts Kontrollen.

Sie war jedenfalls erleichtert, als er ihr die Tür öffnete. Ihre Schultern sackten ein kleines Stück herab, als sie sich entspannte. Sie lächelte unwillkürlich. „Es geht dir gut", hörte sie sich sagen, ehe sie es verhindern konnte.

Severus zog die Augenbrauen hoch. „Hattest du etwas anderes erwartet?"

„Nein!", sagte sie schnell, „Ich hatte nur … so ein blödes Gefühl irgendwie."

„Es war unbegründet." Er runzelte die Stirn. „Anscheinend hat meine Eule dich verpasst." Er trat zur Seite und Hermine ging verwundert an ihm vorbei.

„Eule?", fragte sie.

Er rieb sich über die Stirn, während er die Tür hinter ihr schloss. „Ich hatte dir geschrieben, dass du später kommen sollst."

„Warum?"

„Der Trank der lebenden Toten wirkt nach. Ich nehme die Erinnerung im Moment kaum wahr, ansehen könnte ich sie mir jetzt nicht."

„Huh!", machte Hermine. „Ich wusste nicht, dass der Trank der lebenden Toten so was kann."

„Ich habe gestern versäumt, es dir zu sagen." Er verzog das Gesicht.

„Verständlich. Wie ist es mit den Emotionen zur Erinnerung? Sind die wahrnehmbar gerade?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein."

„Wenn du möchtest, komme ich …" Ein Krachen schnitt ihr das Wort ab. Hermine zuckte zusammen. „Was war das?"

Severus verdrehte die Augen. „Die Schwerkraft, nehme ich an." Er ging an ihr vorbei und Hermine folgte ihm langsam.

Sie zog überrascht die Augenbrauen in die Stirn, als sie das Wohnzimmer einsehen konnte. Es stand voll mit Möbeln, die sie erst auf den zweiten Blick als das Küchenmobiliar erkannte. Anscheinend war der alte Brotkasten vom restlos überfüllten Tisch gerutscht, Severus hob ihn gerade auf. „Was ist denn hier los?", fragte sie erstaunt.

Erst vermied er es sie anzusehen und rümpfte die Nase. Aber dann reckte er das Kinn vor und begegnete ihrem Blick. „Nachdem ich gestern meine eigenen Erfahrungen mit der Erinnerung gemacht habe, die auch du gesehen hast, kann ich verstehen, dass du dich in der Küche nicht wohl gefühlt hast. Ich bin dabei zu renovieren."

Hermine vermutete stark, dass 'nicht wohlfühlen' eine glatte Untertreibung war, aber sie nahm es so hin. „Find ich gut."

Er musterte sie mit schmalen Augen, dann nickte er knapp und stellte den Brotkasten, den er immer noch in den Händen hielt, auf einen der Stühle.

„Weißt du schon, wie du es haben möchtest? Welche Farbe sollen die Wände bekommen? Wie sollen die Möbel aussehen? Was willst du überhaupt verändern?"

Wieder verdrehte er die Augen. „Es soll anders werden, weiter bin ich noch nicht."

„Okay", murmelte sie, biss sich auf die Unterlippe.

Er stöhnte leise. „Möchtest du mir helfen, Hermine?"

Sie grinste, sie konnte es einfach nicht verhindern. „Gern!" Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. „Aber vorher: Wie viel hast du heute schon getrunken?" Sie fragte es im besten Heiler-Tonfall.

„Fast einen Liter. Zufrieden?"

„Sehr."

Severus ging an ihr vorbei in die nun komplett leere Küche und nachdem Hermine ihren Umhang an die Garderobe gehängt hatte, folgte sie ihm. Sie ließ ihren Blick einen Moment lang schweifen. „Es hilft schon, sie leer zu sehen, oder?"

Er nickte knapp.

„Willst du den Raum so lassen oder willst du ihn ganz anders gestalten?" Sie deutete auf das Fenster und die Türen, insbesondere auf die Tür, die in den Hinterhof führte.

„Die Aufteilung kann so bleiben."

„Also möchtest du Farben und Aussehen ändern."

„Ja."

„Und welche Farbe schwebt dir vor?"

Er sah sie an, zog eine Augenbraue hoch. „Sehe ich so aus, als würden mir Farben vorschweben?"

Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht schon wieder zu grinsen. „Nicht direkt, nein." Zu ihrer Überraschung zuckten auch seine Mundwinkel. „Ich kann mir mintgrün gut vorstellen. Oder apricot?" Sie runzelte die Stirn.

„Bitte was?" Severus blinzelte, als hätte sie russisch mit ihm gesprochen – und vermutlich

hätte er selbst davon noch mehr verstanden.

„Die Wandfarbe, Severus! Terracotta könnte ich mir auch vorstellen, das wäre aber schon ein bisschen … kräftiger. Muss man mögen." Ein Blick in sein fragendes Gesicht verriet ihr, dass sie ihn verloren hatte. „Am besten, ich zeig es dir, oder?"

„Ich bitte darum."