CN Krieg, Tod
Ein neuer König
Mornáro bereitete es große Freude, durch die Straßen der Stadt zu kriechen und all diese kleinen schmackhaften Ratten aus ihren Löchern zu treiben. Es war der Befehl Eredins, die überlebenden Bewohner zusammenzutreiben und die letzten Widerstandsherde auszuräuchern, doch der Drache liebte es, einfach grundlose Zerstörung und namenlose Schrecken zu verbreiten. Der Anblick der vor ihm fliehenden Menschen war ein erhabenes Gefühl. Schon lange hatte er sich nicht mehr so machtvoll gefühlt. Jetzt endlich hatte seine Mutter ihm erlaubt, seine volle Macht zu entfalten, und er hatte sie mit Genuss über Minas Tirith hereinbrechen lassen.
Während er so durch die Straßen kroch und Trümmer zu allen Seiten herniedergehen ließ, erschien mit einem Male wie aus dem Nichts Caranthir vor ihm. Er zischte den Aen Elle wütend an, dass er sich ihm in seinen Weg der Zerstörung stellte.
»Was willst du?«, fragte seine Mutter, die noch immer auf seinem Rücken saß.
»Avallac'h deckt den Rückzug der Fliehenden«, sagte Caranthir. »Eredin befielt, dass wir ihn gemeinsam niederwerfen.«
Mornáro knurrte. Die Schmach, diese Ratte nicht gleich beim ersten Mal vernichtet zu haben, nagte an ihm. »Wo?«, verlangte er zu wischen. »Er wird mir kein zweites Mal widerstehen können!«
»Im Palasthof im obersten Ring.« Mit diesen Worten verschwand Caranthir erneut einfach so im Nichts.
Mornáro brüllte zornig auf und schwang sich in die Lüfte. Mit einem Feuerstoß landete er, wohin ihn der Aen Elle geführt hatte. Selbiger war ebenfalls dort. Ihnen gegenüber stand Avallac'h, ruhig und gefasst. Mornáro konnte keine Furcht an ihm riechen und das machte ihn rasend. Dieser Wurm hatte ihn zu fürchten!
»Avallac'h«, kommentierte Caranthir nur trocken.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte der Andere. »Du bist eine meiner größten Errungenschaften. Nun sieht es ganz danach aus, als ob ich meinen Erfolg mit dir persönlich auf die Probe stellen kann.«
Zu viele Worte! Mornáro wollte zerstören, wollte seiner Wut ihren freien, ungezügelten Lauf lassen. Er wollte seine Macht spüren und sie aller Welt zeigen. Mit einem Brüllen ließ er eine gewaltige Feuergarbe über den Aen Elle niedergehen. Caranthir stieß seinen Stab auf den Boden und schien ebenfalls Magie zu wirken. Mornáro kümmerte es nicht.
Sein Feuer war heiß, so heiß, dass es die weißen Steine Minas Tiriths erst schwärzte und schließlich sogar zum Glühen brachte. Erst dann war Mornáro mit seinem Werk zufrieden. Doch als er sein Maul schloss und sein Feuer vergangen war, erwartete ihn eine böse Überraschung: Avallac'h lebte noch immer und stand seelenruhig inmitten eines kleinen Flecks unberührten Steins. Mornáro brüllte und zögerte nicht lang, sondern ging sogleich zum Frontalangriff über. Dass dieser kleine Wurm ihn dermaßen verhöhnte, konnte er nicht kampflos über sich ergehen lassen!
Mit vorgestreckten Klauen sprang er wie eine Katze auf seine Beute. Erst da kam Bewegung in den Aen Elle. Er schwang seinen Stab und rief ein fremdes Wort. Eine ungeheure Macht stieß wie ein Rammbock in die Brust des Drachens und schleuderte ihn davon. Mit lautem Krachen und Getöse stürzte Mornáro in ein nahestehendes Gebäude und begrub es unter sich. Den Schrei seiner Mutter, die bei dem Sturz von seinem Rücken gefallen war, vernahm er kaum, so sehr waren seine Sinne vor Zorn getrübt.
All das war nur innerhalb von wenigen Augenblicken vonstattengegangen. Nun schwang auch Caranthir seinen Stab und ging zu einem magischen Angriff über. Mornáro sah seine Gelegenheit gekommen. Erneut stürzte er sich mit Klauen und Feuer auf den verhassten Gegner.
Und plötzlich … war alles vorüber.
Inmitten des Infernos des Drachen blitze ein helles Licht auf und sämtliche Magie, die Avallac'h gegen ihn gewirkt hatte, hörte mit einem Schlag auf. Verwundert betrachtete Mornáro sein Werk. Von dem Aen Elle keine Spur.
»Wo ist er hin?«, rief seine Mutter, die sich aus den Trümmern des Gebäudes aufgerappelt hatte. »Hast du ihn getötet?«
»Nein«, widersprach Caranthir. »Zireael hat ihn mit sich genommen.«
»Was soll das heißen?«, brauste Earenis auf. »Wir müssen ihm nach! Er macht sonst alles zunichte!«
»Ich verbiete es Euch.« Als hätte er auf sein Stichwort gewartet, erschien hinter ihnen Eredin, in seinem Gefolge Imlerith und seine Leibwache. »Zireael mag Avallac'h vor dem Feuertod bewahrt haben, doch wir haben, was ich will. Das genügt. Die Stadt ist mein, und Ihr habt mir einen großen Dienst dabei erwiesen.«
Mornáro knurrte wütend, weil ihm erneut seine Beute verwehrt worden war. Auch seine Mutter schien mit dem Beschluss Eredins nicht glücklich zu sein.
»Schön. Ihr habt, was Ihr wolltet. Aber ich nicht!«, brauste sie auf. »Noch immer lebt die Brut des Kindermörders. Ich will sie auslöschen, die Wurzel allen Übels bis aufs Letzte ausbrennen!«
Mornáro stellte sich neben sie, um ihren Standpunkt zu untermauern. Was seine Mutter verlangte, würde er ihr geben, und er würde nicht eher ruhen, bis sich ihr Herzenswunsch erfüllt hatte. Er hasste es, dass Eredin ihm wieder einen Maulkorb anlegen wollte, jetzt wo er ihn gerade erst los geworden war.
»Gemach, meine Liebe«, beschwichtigte der Anführer der Wilden Jagd sie. »Lasst ihnen Zeit, lasst sie betrauern und darunter leiden, was Ihr ihnen genommen habt. Sät das nicht viel größere Qualen unter Euren Feinden?«
Earenis wirkte nicht glücklich darüber. Sie atmete schwer und ballte die Hände zu Fäusten. Doch schließlich nickte sie und entspannte sich etwas. »Ihr habt Recht. Meine Rache ist noch nicht vollendet.«
Eredin wirkte zufrieden. Er winkte seinen Leuten. »Tragt alle Kostbarkeiten, die ihr im Palast und in der Stadt finden könnt, zusammen und errichtet Mornáro einen Hort, der seiner würdig ist. Und Ihr, Earenis, weist mich doch bitte in die Archive Gondors ein. Ich bin gespannt, was ich alles aus ihnen lernen kann.«
Die Aussicht auf seinen eigenen Hort besänftigte Mornáros Gemüt in der Tat etwas. Noch immer verlangten seine Klauen, sich in das Fleisch seiner Feinde zu graben und sie in Stücke zu reißen. Doch ein Hort, der sich mit den Legenden der Vergangenheit, Smaug oder gar Glaurung, messen konnte, war eine angemessene Entschädigung für den neuerlichen Verlust seiner Beute.
»Nur mit der Ruhe, yonya«, sagte seine Mutter und klopfte ihm beruhigend gegen das Bein. Die Zeiten, wo er sich in ihrem Schoß zusammenrollte und sie ihm das Kinn kraulte, waren lange vorbei, doch noch immer beruhigte ihn ihre Nähe. Widerwillig ließ er seinen Zorn verrauchen. Stattdessen rollte er sich nur kurze Zeit später auf seinem ersten eigenen Hort zusammen, während seine Mutter Eredin in die Archive der Stadt führte, um dort mit ihm nach geheimen Wissen über die Ringschmiedekunst zu forschen.
Alles in allem ein befriedigendes Ergebnis des Tages, befand der Drache und döste auf seinem Hort im Hof des Königspalastes von Gondor, während um ihn herum der Rauch tausender verbrannter Leben aufstieg. Er fühlte sich wie ein König. Der König, der er nun war.
