Ein Blick darauf, wie die Irrwichtstunde im dritten Schuljahr für die Slytherins ausgesehen haben könnte. Wir sehen durch die Augen einer Figur, die im Kanon nur als Name auf einer Liste existiert und beobachten mit ihr die anderen.
Die Slytherins der dritten Klasse versammelten sich vor dem Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Sally bemühte sich, ihre Anspannung nicht sichtbar werden zu lassen – sie hatte rasch gelernt, daß in ihrem Haus Wert darauf gelegt wurde, keine Schwäche zu zeigen. Die meisten ihrer Klassenkameraden trugen desinteressierte oder neutrale Mienen zur Schau. Sie hatten die Gerüchte gehört: Es hieß, Professor Lupin hätte den Gryffindors gleich in der ersten Stunde einen Irrwicht vorgesetzt. Die Eigenschaften des Wesens und der Verlauf der Stunde hatten sich rasch herumgesprochen, und niemandem in Salazars Haus war wohl dabei, den anderen seine oder ihre größte Furcht zu präsentieren.
Professor Lupin kam den Gang entlanggeeilt, grüßte freundlich und ließ die Schüler ein. Sally sah die Blicke, die die anderen tauschten und mehr als ein abfälliges Grinsen.
„Kann er sich nicht mal etwas Vernünftiges anziehen? Die Schule wird ihn doch wohl bezahlen?" flüsterte neben ihr Pansy mit hochgezogener Augenbraue. Sie gab ein „Tsk" und ein Nicken zurück. Oder er könnte wenigstens Reparaturzauber benutzen? ergänzte sie in Gedanken. Oder funktioniert ein Reparo irgendwann nicht mehr, wenn er zu oft auf denselben Gegenstand angewendet wird? Wie alt ist das Zeug, das er da anhat?
Noch bevor sie sich setzen konnten schwang Lupin den Zauberstab und Tische und Stühle stapelten sich an den Wänden des Klassenzimmers. Nun war der Raum frei bis zu dem großen Schrank vor der Tafel, an dem Platz, den gewöhnlich der Lehrertisch einnahm. Er wackelte.
„Laßt eure Taschen neben der Tür. Ihr braucht nur die Zauberstäbe."
Es folgte ein Frage-Antwort-Spiel, in dem der Lehrer ihnen das aus der Nase zog, was sie über Irrwichte wußten. Es gab genügend Schüler, die sich mit dem Wissen, daß eine Praxisstunde auf sie zukam, vorbereitet hatten, sodaß immer jemand antworten konnte. Professor Lupin lobte überschwänglich und verteilte sogar ein paar Hauspunkte. Neben ihr zog Pansy eine Schnute. Sally wußte, daß sie es mißbilligte, daß Professor Lupin die Schüler mit Vornamen ansprach. In den Augen vieler hier ein Mangel an Distanz. Für sie selbst war es zwar zunächst ungewohnt, weil die meisten Lehrer Nachnamen benutzten, doch sie empfand es nicht als Respektlosigkeit. Allerdings sollte sie es als solche werten, wenn sie dazugehören wollte.
Die Übung rückte näher und Sallys Nervosität wuchs. Was sie am meisten fürchtete… Sie wußte, daß sie eine geradezu irrationale Angst vor Wespen hatte. Wahrscheinlich würde es etwas in dieser Richtung werden. Eine Hornisse, oder ein Wespenschwarm. Wie sollte man so etwas lächerlich machen?
„Bildet eine Reihe, ihr kommt alle nacheinander dran."
Langsam schlurften die Schüler durch den Raum. Niemand wollte nach vorn, doch keiner wollte das zugeben. Am Ende landete Tracy an erster Stelle, gefolgt Blaise, der wahrscheinlich versuchte, dem unvermeidlichen Übel noch irgendeinen Vorteil abzuringen, Gregory, und Millicent. Danach folgte schon sie selbst. Draco hatte eine Show daraus gemacht, ihr galant den Vortritt zu lassen. Pansy hatte das gleiche Angebot lächelnd abgelehnt und darum gebeten, daß er ihr die Aufgabe zunächst vorführen möchte. Was machen wir hier eigentlich für einen Unsinn? Am Ende kommt ja doch jeder dran, und dann kennen die anderen unsere Ängste – und wir kennen ihre. Ausgeglichen. Aber ganz so einfach war es wohl doch nicht. Gerade den angeseheneren in ihrer Klasse, wie Draco, Pansy, aber auch Daphne und Blaise mußte es mißfallen, diesen Blick hinter die Kulissen zu gewähren.
Von hinten hörte sie ein Poltern, gefolgt von einem wütend gezischten Schimpfwort.
„Was ist passiert, bist du verletzt?" Professor Lupin eilte heran.
„Ich bin auf irgendwas ausgerutscht."
Theodore. Den hatte sie glatt vergessen. Sie wandte sich halb um und sah ihn verlegen und mit schmerzvollem Gesicht am Rand stehen und sich den Hinterkopf reiben. Ob das Absicht war? Gregory traute sie ohne weiteres zu, auf ebenem Grund zu fallen, den anderen eher nicht. Professor Lupin jedoch schien das ganze ernst zu nehmen.
„Du hast dir den Kopf gestoßen? Dann geh besser zur Krankenstation und laß Madam Pomfrey sehen, ob alles in Ordnung ist."
„Soll ich ihn begleiten, Professor?" Draco. Draco?!
„Ja, danke."
Und so verließen die beiden das Klassenzimmer.
Draco will wahrscheinlich nicht zugeben, daß er überhaupt etwas fürchtet. Und wovor könnte Theodore Angst haben? Bestimmt irgendetwas Abgedrehtes. Schmetterlinge? Konfetti?
„Achtung, die Übung beginnt. Konzentriere dich, Tracy, du schaffst das!"
Mit einem Zauber öffnete er den Schrank. Es kroch ein Stück undefinierbare Dunkelheit hervor, die sich rasch wieder zusammenzog. Dann flog ein großes eulenartiges Wesen heraus. Die Federn in hellen Grau- und Brauntönen waren schön anzusehen, doch diese Eule war eindeutig zu menschlich. Körper und Beine waren zu lang, und an den Flügeln waren fingerartige Klauen. Der Schnabel war zu breit und voller spitzer Zähne. Als es landete klappte es die Handschwingen ein und setzte die Hände auf. Es ging eigenartig gestelzt auf allen Vieren auf Tracy zu und zeigte dabei ein zahnreiches Grinsen. Ihre Klassenkameradin hob mit zitternder Hand den Zauberstab. „Riddiculus!" Peng. Die Federn der Kreatur waren pink und flauschig. Sie sah an sich herab in wirkte sehr irritiert.
„Sehr gut! Blaise!"
Tracy trat beiseite und zog sich nach hinten zurück. Die rosa Monstereule starrte Blaise an. Peng. Ein übergroßer Leopard mit rot glühenden Augen und verlängerten Eckzähnen schlich durch das Klassenzimmer. Einen Zauber später war er ein geflecktes Plüschkätzchen.
„Hervorragend! Gregory!"
Peng. Der Irrwicht verwandelte sich in eine riesige Ratte.
„Riddiculus!" Nichts geschah. „Riddiculus!" Gregorys Stimme war höher und schriller als beim ersten Mal, doch es geschah wieder nichts. Die Ratte kam näher. „Riddiculus!" schrie er verzweifelt.
„Tritt beiseite. Millicent, versuch du es!"
Millicent hatte zur gleichen Zeit reagiert wie Professor Lupin, und noch während er sprach schob sie sich an Gregory vorbei. Peng. Ein dicker grüner Frosch. Sally nahm nur noch am Rande wahr, wie Millie dem Lurch entgegentrat: sie war als nächstes dran. Langsam wie im Traum sah sie den breiten Rücken vor sich verschwinden. Peng. Sally sah sich einer übertrieben großen Hornisse gegenüber. Sie atmete tief ein und aus und versuchte sich auf das Bild in ihrem Kopf zu konzentrieren.
„Riddiculus!"
Die Flügel des Insekts waren limonadenverklebt. Es versuchte aufzustehen, rutschte aber immer wieder aus.
„Bravo! Pansy, du bist dran!"
Erleichtert zog sich Sally in den hinteren Teil des Klassenzimmers zurück. Sie hatte es tatsächlich geschafft.
