Epilog
Sie hatten sich alle um den Helikopter herum versammelt. Maggie und Glenn, die sich aufeinander stützten, leicht verletzt zu sein schienen, die von hier weggegangen waren, weil sie sich hier nicht mehr sicher gefühlt hatten, aber trotzdem zurückgekommen waren um ihre ehemalige Heimat zu verteidigen. König Ezekiel und Jerry, bewaffnet und von Schnee bedeckt, ihre Haare vereist, standen neben den beiden. Jesus und Aaron, vereint und immer noch am Leben, beide immer noch am Leben, daneben. Alden, der Rachel Ward stützte. Daryl, der neben Connie stand, die trotz allem mitgekämpft hatte. Ihre Schwester Kelly und der Musiklehrer Luke, die für Alexandria zu den Waffen gegriffen hatten, genau wie Magna und Yumiko, die nebeneinander standen sich aber doch so fern zu sein schienen. Scott, Gabriel, Sasha, und Eugene, die ihre Heimat verteidigt hatten, die die irgendwo im Schneesturm mit den Kindern des Ortes verschollene Rosita verteidigt hatten. Michonne humpelte langsam durch die Schneemassen in ihre Richtung hinüber. Carl stand mit Lydia in seinem Armen immer noch hinter Rick, und Negan stand immer noch neben ihm. Laura und Siddiq kämpften sich ebenfalls durch Schneeverwehungen vorwärts in Richtung Landeplatz. Dianne senkte ihre Bogen und genau wie viele andere aus den Allianztruppen langsam aber sicher ihre Waffen senkten.
Der Kampf war vorbei. Sie hatten gewonnen. Die Flüsterer hatten sich ergeben, hatten sich in den Schnee geworfen und verkündete, dass sie sich ergaben; die Angst vor der Gefahr von Oben hatte sie in die Knie gezwungen.
Rick sah wie Carol aus dem Hubschrauber sprang, doch er beachtete sie kaum, er konzentrierte sich auf die andere Person, die aus den Hubschrauber geklettert kam. Sein Herz schlug schneller. Er war es, er war es wirklich, er lebte – es war Shane.
Seit er Shanes Brief in dem Lager von Magnas Rudel unter Lukes Instrumenten gefunden hatte, hatte sich wieder Hoffnung in sein Herz geschlichen. Er hatte aber niemand von seinem Fund erzählt, weil er wusste, dass es sich vielleicht um eine leere Hoffnung handelte, dass der Brief vielleicht Jahre alt war, dass Shane trotzdem tot sein könnte, dass er ihn trotzdem nie wieder sehen könnte. Diese Georgie-Person war niemals in Alexandria aufgetaucht, hatte ihm den Brief niemals gebracht. Luke hatte nicht einmal von seiner Existenz gewusst. Und ganz abgesehen davon prangte das CRM-Logo auf dem Brief, und diese Organisation hatte Heath und wer wusste wie viele andere noch entführt und hatte sie Andrea gekostet. Es gab so viele Gründe nicht zu hoffen, nicht zu glauben. Und doch hatte er gehofft und geglaubt.
Der Funke, der in ihm zu lodern begonnen hatte, als Magna und ihr Rudel in Alexandria aufgetaucht waren und ihr friedliches idyllisches Leben voller Unglauben bestaunt hatten, was Rick so sehr an seine eigene Ankunft in Alexandria vor all den vielen Jahren erinnert hatte, war befeuert worden, war hoch aufgelodert, und hatte sich von seiner Hoffnung genährt, von seiner Hoffnung darauf, dass vielleicht doch noch alles gut werden könnte. Denn wenn nach all diesen Jahren zufällig ein Brief von Shane seinen Weg zu ihm finden konnte, was war dann noch alles möglich?
Trotzdem hatte er sich nur Carol anvertraut, nachdem er sie losgeschickt hatte um Hilfe zu holen. Er hatte ihr gesagt, was er gefunden hatte, und zu ihr gesagt: „Dort draußen sind noch andere, andere, für die die Flüsterer ebenso eine große Gefahr darstellen, wie für uns. Finde sie und bring sie her."
Trotzdem hatte er nicht wirklich gedacht, dass es ihr gelingen würde Shane zu finden. Er war sich nicht einmal sicher gewesen, ob sie überhaupt dazu in der Lage sein würde rechtzeitig irgendjemanden zu finden, der ihnen zu Hilfe kommen würde. Negan hatte ihn verlassen gehabt, Dante der Spion war in seiner Stadt aufgetaucht, und sein Zeitplan war vollkommen auf den Kopf gestellt worden. Sie hatten ursprünglich abwarten wollen, bis der Winter milder wurde, bevor sie losgingen um Hilfe aufzutreiben, doch als klar wurde, dass Alpha nicht warten wollte, bis der Winter vorbei wäre, konnten auch sie nicht mehr warten.
Zumindest könnte Carol anderen berichten, was aus der Allianz geworden war, hatte er sich gedacht. Daran, dass sie rechtzeitig mit Verbündeten auftauchen würde, hatte er nicht wirklich geglaubt. An Hubschrauber und Maschinengewehre hatte er noch weniger geglaubt. Oder daran, dass irgendjemand verrückt genug wäre bei diesem Sturm zu fliegen.
Doch natürlich war Shane verrückt genug dazu gewesen.
Andere Gestalten kletterten aus dem Hubschrauber. Shane befahl ihnen die Flüsterer zusammenzutreiben und zu entwaffnen. Der Pilot, ein dunkler Alpha namens Strand, kam dieser Anweisung zusammen mit einem Beta namens Alicia und einem Omega namens Nick nach, die rochen, als wären sie Geschwister. Doch Rick achtete kaum auf sie.
Hund rannte auf Carol zu und setzte sich erwartungsvoll vor sie hin, erwartete offensichtlich eine Begrüßung. Und da war er nicht der Einzige.
Rick trat auf Shane zu, blieb vor ihm stehen, und musterte ihn. Sein Alpha schien kaum älter geworden zu sein, schien sich kaum verändert zu haben, für einen Moment war ihm als wäre die Zeit stehen geblieben, als wären sie immer noch Shane und Rick, die als Polizisten gemeinsam für Recht und Ordnung in ihrer Heimatstadt sorgten, während sie tief in sich und getrennt voneinander, Krieg gegen sich selbst fühlten.
„Shane", krächzte Rick, dem auf einmal die Stimme versagte.
„Rick", erwiderte Shane im selben Tonfall, in dem er seinen Namen das letzte Mal gesagt hatte, als sie zusammen gewesen waren.
Und dann umarmten sie einander. Rick umarmte seinen Alpha und hatte hier mitten im Schneesturm, direkt nach der Schlacht, nach sehr langer Zeit endlich einmal wieder das Gefühl Zuhause zu sein.
Wie in jeder Schlacht und jedem Krieg hatte es Opfer gegeben. Rosita und die Kinder wurden unverletzt gefunden, doch Tobin war tot, und er war nicht das einzige Opfer. Mrs. Miller war kämpfend untergegangen um ihre Familie zu verteidigen, Oceanside und Hilltop hatten Verluste zu beklagen, die letzten Reste der Erlöser, Jeds Leute, hatten sich in die Schlacht geworfen als würde es kein Morgen geben. Fast niemand war unverletzt. Gebrochene Knochen und Schnitte würden heilen, doch andere Wunden, wie die die Siddiq davon getragen hatte, als er Dante getötet hatte, würden nicht ohne Folgen bleiben.
Doch es gab auch unerwartete Wiedervereinigungen. Zu Shanes Leuten gehörten der lange verschollene Beta Heath, einer der ursprünglichen Bewohner von Alexandria – Tara wäre so froh gewesen zu erfahren, dass er immer noch am Leben war – sowie der junge Alpha Tony und die anderen jungen Erlöser, die von Jadis gefangen und an die Hubschrauber geopfert worden waren. Sherry, die das Sanctuary vor langer Zeit verlassen hatte, schien sich seiner Gruppe im Laufe der Zeit ebenfalls angeschlossen zu haben.
Und dann waren da seine neue Freunde, die Gruppe um die Geschwister Alicia und Nick und diesen Strand, eine Gruppe Überlebender, die nach dem Ausbruch scheinbar quer durch Amerika und sogar bis nach Mexiko unterwegs gewesen war.
Die CRM, erklärte Shane, wäre keine Gefahr mehr für die Allianz. „Die haben ihre eigenen Probleme", sagte der Alpha, „Ihre geheimen Pläne für die Zukunft der Menschheit. Ich hatte nie vor lange bei denen mitzumachen, das hatte keiner von uns. Es war aber auch nicht leicht ihnen zu entkommen. Es hat Zeit erfordert und Opfer. Aber ich hatte ein eindeutiges Ziel vor Augen: Zu meiner Familie zurück zu kommen."
Shane hatte ein paar Bemerkungen darüber gemacht, dass Carl nun ein Mann war, und war etwas befangen in Judiths Gegenwart, und starrte R.J. mit ein wenig Respekt und Angst an. Rick wusste, was er dachte -er dachte, dass er schon wieder so viel versäumt hatte, so viel Zeit mit denen, die er liebte, verloren hatte. Und er wusste auch, dass sich der Alpha nicht mehr sicher war, ob sein Platz immer noch bei ihnen war. Doch dieses Gefühl würde vergehen, davon war Rick überzeugt. Das alles hatten sie schon einmal hinter sich gebracht, sie würden es ein weiteres Mal überstehen.
„Die Welt dort draußen hat sich verändert, Rick. Die Allianz ist nicht alleine. Die Zivilisation kehrt zurück, langsam aber stetig, die Welt ist dabei sich wieder neu aufzubauen, sich wieder miteinander zu vernetzen. Ich habe viele Beispiele dafür gesehen, vieles miterlebt, das darauf hindeutet, dass das Schlimmste hinter uns liegt. Die Flüsterer sind eine Randerscheinung. Sie sind hierhergekommen, weil sie von überall sonst vertrieben wurden. Weil ihre Art zu leben niemand sonst ertragen wollte", erklärte Shane, „Nicht sie sind die Zukunft. Wir anderen sind es."
„Aber was soll aus ihnen werden?", wollte Rick wissen, der immer noch keine Lust auf ein weiteres Erlöser-Szenario hatte, aber auch nicht die Verantwortung für Massenhinrichtungen übernehmen wollte.
„Wir verbannen sie von hier, und sie werden weiterziehen", meinte Shane, „Das tun sie immer, wenn sie mit zu technisierten Gruppen zusammenstoßen. Technologie ist das sicherste Mittel um die Flüsterer zu vertreiben. Sie werden weiterziehen und sich einen Ort suchen, an dem sie ungestört sind."
„Aber es ist nicht unsere Technologie, oder?", gab Rick zu bedenken, „Es ist die der CRM. Wir haben sie nur gestohlen."
„Sie steht uns genauso zu wie denen", behauptete Shane, „Und die CRM ist nicht alleine dort draußen. Es gibt auch andere Gruppen, andere Rudeln, die versuchen Technologie zurückzubringen. Zivilisation und Technologie gehen Hand und Hand. Auf die eine oder andere Art wird sich die Menschheit immer weiterentwickeln, vielleicht werden wir nie alles zurückbekommen, was wir verloren haben, aber wir werden retten, was zu retten ist, und das neu erfinden, was wir brauchen, und Alternativen für das finden, was nicht funktioniert hat. Durch den Virus wird das Leben nie wieder so werden wie zuvor, aber wir werden uns anpassen. Und das wird reichen um die Flüsterer und diejenigen, die so sind wie sie, fern zu halten, sofern wir uns nicht vom Rest der Welt abwenden, sondern von allen anderen lernen, was es zu lernen gibt."
Rick wünschte sich, dass das wahr wäre. Dass er und sein Rudel, die gesamte Allianz bzw. das, was von ihr noch übrig war, nicht mehr alleine wären, und dass diejenigen, die es dort draußen noch gab, endlich nicht mehr ihre Feinde sondern ihre Freunde wären. Doch seine Erfahrung hatte ihn anderes gelehrt. Gestern waren es die Erlöser gewesen, heute waren es die Flüsterer, wer wusste schon, wer es morgen sein würde?
Und doch hatte Shane nicht unrecht. Zusammen hatten Alexandria, Hilltop, das Königreich, und Oceanside die Erlöser besiegt, und zusammen hatten die Allianz und Shanes neue Gruppe die Flüsterer besiegt. Wer oder was immer dort draußen noch lauerte, zusammen mit ihren Nachbarn und Verbündeten würde sich die Allianz auch dem stellen können.
„Ich hoffe du hast recht", sagte der Omega also, „Ich hoffe, dass dich das, was du dort draußen gefunden hast, gelehrt hat, dass die Zivilisation nicht tot zu kriegen ist und Frieden am Ende dem Krieg immer vorzuziehen ist. Nach allem, was ich erlebt habe, kann ich mir das nur wünschen, verlassen kann ich mich aber nicht darauf. Worauf ich mich jedoch verlassen kann, ist, dass es immer Hoffnung gibt, und dass es immer neue Freunde geben wird, die an unserer Seite gegen unsere neuen Feinde kämpfen werden." Er schenkte Shane ein sanftes Lächeln. „Und dann und wann kehren auch alte Freunde unvermittelt zurück." Er drückte Shanes Hand.
Der wirkte auf einmal unsicher. „Ja, was das angeht … ich weiß, dass ich lange Zeit weg war. Mir ist klar, dass sich in dieser Zeit viel verändert haben muss. Ich habe nie erwartet, dass du auf mich wartest. Du musst angenommen haben, dass du mich nie wieder sehen wirst, dein Leben weitergelebt haben", meinte der Alpha langsam, „Deswegen bin ich auch nie davon ausgegangen, dass wir dort weiter machen, wo wir aufgehört haben. Das Einzige, was ich will ist weiterhin ein Teil deines Lebens sein zu können, in welcher Kapazität auch immer. Und weiterhin ein Teil von Judiths und Carls Leben sein zu können." Da war sie wieder diese Befangenheit und Unsicherheit.
Rick drückte die Hand des anderen Mannes. „Soviel sich in meinem Leben auch immer verändern mag, Shane Walsh, eines wird sich nie ändern: Du bist und bleibst mein Alpha. Das warst du von Tag eins an, warst es als ich dachte du wärst tot, als ich wütend und enttäuscht von dir war, und auch heute bist du das noch. Du wirst immer meine Familie sein", versicherte Rick seinem ältesten Freund, „Und was alles andere angeht …." Er beugte sich vor und küsste den anderen Mann sanft auf die Lippen. „Wir waren schon immer überaus kompatibel. Falls sich das nicht geändert haben sollte, sehe ich nicht warum wir nicht einfach doch dort weiter machen sollten, wo wir aufgehört haben, von der einen oder anderen notwendigen Anpassung vielleicht einmal abgesehen."
Shane schenkte ihm ein scheues Lächeln. „Du hast mich also nicht ersetzt, oder ähnliches?", vergewisserte er sich.
„Niemand könnte dich jemals ersetzen", meinte Rick nur dazu, „Nur du bist du." Und jede Beziehung ist einzigartig, fügte er in Gedanken hinzu, wagte es aber nicht das laut auszusprechen um Shane nicht zu verunsichern, Keine ist wie die andere. Und genau das ist doch das Schöne daran. Aber was dieses Wissen für das tägliche Leben bedeutete, nun das musste jeder für sich selbst herausfinden.
Rick bereute keines seiner Jahre mit Lori, zugleich bereute er aber, dass und Shane Jahrzehnte verschwendet hatten, in denen sie sich das vorenthalten hatten, was ihnen immer bestimmt gewesen war. Seine Zeit mit Merle, seine Zeit mit Negan, er bereute sie während er sie zugleich auch nicht bereute. Michonne, seine treue Partnerin, war nie seine Liebe gewesen, aber immer seine Partnerin, die Mutter seiner Kinder, und so viel mehr als das ebenfalls, und Andrea, seine Andrea, war niemals seine Partnerin gewesen, aber immer sein Beta, seine rechte Hand, und ihr Verlust brannte bis heute ein Loch in seine Seele. Morgan vermisste er bis heute, und zugleich wusste er, dass es ein Fehler gewesen war mehr sein zu wollen als es ihnen bestimmt gewesen war zu sein. Manchmal dachte er noch an Jessie und an die Familie, die niemals aus ihnen und ihren Kindern geworden war. Carol, Maggie, Glenn - sie alle waren seine Freunde und manchmal auch mehr gewesen, sie waren sein Rudel gewesen, seine Familie, sie hatten sich zerstritten, sich wieder versöhnt, sie hatten ihn verlassen, doch am Ende waren sie zurück gekommen um für ihn da zu sein, als er sie brauchte. Und Daryl war sein Bruder, sein engster Vertrauter, und ihm aber niemals auf diese eine Weise nahe gewesen war, auf die er niemanden nah sein wollte. Jede dieser Beziehungen war anders, war speziell, und war auf einzigartige Weise intim.
Und wie seine Beziehungen zu Carl, Judith, und R.J., zu Sasha, Rosita, Eugene, Aaron, Gabriel, Siddiq, Jesus, Ezekiel, Magna, Lydia, Tara, Enid, Owen, Olivia, Eric, Abraham, Deanna, Noah, Tyreese, Beth, Bob, Hershel, T-Dog, Dale, und all den anderen, wollte er keine einzige davon missen, wollte er keine einzige davon umschreiben, nicht wirklich, so sehr er sich auch wünschte, dass manche Dinge anders gelaufen wären. Was er wollte war, sie nicht wieder aufgeben zu müssen, sich nicht wieder vor der Welt zurückziehen zu müssen, weil sie ihn zu sehr verletzt hatte. Was er wollte war, der Welt und den Menschen in ihr mit offenen Armen entgegen zu treten.
Er wollte Judith und R.J. aufwachsen sehen, wollte Yumiko, Luke, und Kelly näher kennenlernen, wollte dabei zusehen, ob aus Connie und Daryl etwas werden würde, wollte dabei sein, wenn Henry sich wieder erholte und wieder mit Lydia Händchen hielt, wollte Shane neu für sich entdecken und Shanes neue Freunde kennenlernen. Was Rick Grimes wollte, war zu leben und nicht mehr einfach nur zu überleben.
Und zum ersten Mal seit sehr sehr langer Zeit, vielleicht zum ersten Mal seit er aus dem Koma erwacht war, hatte er das Gefühl, dass endlich der Zeitpunkt gekommen sein könnte, an dem das nicht nur ein frommer Wunsch bleiben würde, sondern an dem das auch tatsächlich zu einer Wirklichkeit werden könnte – ein Leben nach dem Ende des Krieges, in dem er nicht mehr Rick Grimes, der Rudelführer, der Warchief, der Alpha, sein musste, sondern einfach nur Rick der Omega sein durfte, und das nicht nur für heute, sondern für immer, ohne sich deswegen schlecht fühlen zu müssen. Und wenn er es wirklich schaffte das sein zu können, dann deswegen, weil er geliebt wurde und endlich nicht mehr alleine war, sondern sein Rudel gefunden hatte, in absolut jeder Hinsicht.
Wie schnell kann Zeit vergehen, wenn man glücklich ist? Und wie langsam, wenn man unglücklich ist? An manchen Tagen erschien es Rick nahezu unwirklich, dass es zwanzig Jahre her sein sollte, dass er aus dem Koma erwacht war und sich vollkommen alleine in einem verlassenen nur noch von Wandelnden Toten bevölkerten Krankenhaus wiedergefunden hatte. An manchen Tagen wusste er auch nicht, ob das überhaupt wirklich wahr war, an manchen Tagen fragte er sich, ob sie in Wahrheit nicht alle jedes Zeitgefühl verloren hatte, ob sich nicht jeder rekonstruierte Kalender irrte, jede Uhr log, jeder Computerchip falsch funktionierte, und er nicht erst vor wenigen Wochen niedergeschossen worden war.
„Ich werde niemals vergessen, wie ich meinen ersten Wandelnden Toten gesehen habe. Alle dachten, ich hätte Drogenphantasien, teilweise dachte ich das ja auch selbst, ich meine, wer hat schon mal davon gehört, dass ein Toter zu neuem Leben erwacht und sich in eine fleischfressende hirnlose Bestie verwandelt? Das klingt nach dem Plot eines schlechten Horrorfilms. Für diejenigen, die es nicht wissen, dass waren Filme, die dazu gedacht waren den Zuseher Angst zu machen, darin kamen Monster vor. Das war natürlich bevor wahre Monster in unserem täglichen Leben auftauchten", erzählte Nick Clark, und alle lachten pflichtschuldig.
Wahre Monster war ein bereitgefächerter Begriff. Nick spielte natürlich auf die Wandelnden Toten an, doch die waren von all den Monstern, denen sie alle im Laufe ihrer Reise durch die Welt nach der Welt begegnet waren, noch die harmlosesten. Die wirklich wahren Monster, denen sie begegnet waren, die waren nicht tot gewesen, zumindest nicht äußerlich.
Doch manche dieser Monster hatten damit aufgehört Monster zu sein und waren wieder zu Menschen geworden. Zu diesen ehemaligen Monstern würde Rick ohne zu zögern auch sich selbst zählen. Einst betrat ich diesen Ort hier und war die größte Gefahr für ihn, auch wenn ich das nicht wahrhaben wollte. Er blickte sich um und staunte einmal mehr darüber wie sehr sich Alexandria in den letzten Jahren verändert hatte.
Nach dem Schneesturm und den Flüsterern hatten sie ihr Nest erneut wieder aufbauen müssen, und wieder hatten sie alles größer und schöner gemacht als es zuvor gewesen war. Wieder hatten sie diesen Ort „Wir leben noch!" mit voller Lautstärke jedem entgegen brüllen lassen, der ihn betrat. Deanna und Reg würden diesen Ort lieben, das wusste er, sie würden ihren Traum in ihm wiedererkennen und in all den Leuten, die sich heute hier versammelt hatten um zu feiern, dass sie alle noch am Leben waren.
Manche würden sagen, dass es seltsam war das Jahr des Ausbruchs zu feiern, doch sie missverstanden das Konzept, sie feierten nicht den Ausbruch, sie feierten die Tatsache, dass sie ihn überlebt hatten. Dass sie immer noch da waren, sie alle.
Judith war zu einer sehr hübschen jungen Frau herangwachsen, und sie ging ausgerechnet mit Gracie aus, was Aaron und Jesus im wahrsten Sinne des Wortes graue Haare bescherte. Sie war immer noch herzensgut, las immer noch Streuner auf und brachte sie mit nach Hause. Sie wollte immer noch die Welt retten. Lori wäre stolz auf sie. Andrea wäre es ebenfalls.
Die beiden Omega-Mädchen saßen lachend nebeneinander und warfen ab und zu amüsierte Blicke auf die alte Generation derer, die von der Welt davor sprachen, die sich noch an die Welt davor erinnern konnten. Für Judith und Gracie gab es keine Welt davor, für sie gab es nur die Welt, in der sie lebten. Wandelnde Toten waren für sie seit jeher eine Lebensrealität.
R. J. sah zu seiner Schwester hinüber und zog eine Grimasse. Der Junge hatte sich wie seine Geschwister ebenfalls als Omega manifestiert und war selbst ein wenig in Gracie verliebt und mehr als nur ein wenig eifersüchtig auf seine Schwester, der es gelungen war das Herz des jüngeren Mädchens zu erobern, während er versagt hatte. Michonne ärgerte sich über die private Soap zwischen ihren Kindern, Shane hingegen fand sie witzig. Rick hingegen war einfach nur froh darüber, dass seine jüngeren Kinder in der Lage waren Herzschmerz zu erleben und nicht von der Frage abgelenkt wurden, ob sie morgen überhaupt noch am Leben sein würden.
Ein paar Sitze von Judith und Gracie entfernt saß Lydia, die ihr erstes Kind stillte und Nicks Geschichte mit einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck lauschte. Wenn jemand genug wahre Monster in seinem Leben gekannt hatte, dann wohl sie. Trotzdem hatte sie es überstanden, hatte sich endgültig befreit, als sie Beta geköpft hatte, und war nun glücklich mit Henry verheiratet und Mutter eines Kindes, das sie vollkommen anders aufziehen würde als sie von ihrer Mutter aufgezogen worden war.
Ezekiel hatte auf der Hochzeit seines Sohnes geweint, erinnerte sich Rick, genau wie Rick, der Lydia zum Altar geführt hatte anstelle eines Elternteils, während Carol über all diese Tränen nur den Kopf geschüttelt hatte und sich wie immer hart gab, obwohl sie selbst mit Sicherheit genauso berührt gewesen war wie die anderen.
Heute saß sie neben Ezekiel, trug seinen Ring stolz am Finger, hielt ihr spätgeborenes Kind auf dem Schoß, obwohl das dem eigentlich nicht mehr kleinen Samuel eindeutig nicht recht war, und tat so als würde sie ebenfalls über diese Geschichte von Drogen und reanimierten Toten lachen, und vielleicht lachte sie ja sogar wirklich.
Rositas Sohn Abe lief lachend an den Tisch vorbei und tat so als würde er panisch vor seinem Verfolger davonlaufen, doch dieser, Magnas Sohn Bernie, zerstörte die Illusion, indem er stolperte und wenig graziös auf seiner Nase landete, was den älteren Jungen dazu brachte ihn auszulachen. Die entnervten Elterntrios – Rosita, Sasha, und Eugene sowie Magna, Yumiko, und Luke nahmen das ruhig hin und schienen vorzuhaben Jungs Jungs sein zu lassen.
Magna und Yumiko hatten sich, so wie Rick vorhergesagt hatte, wieder versöhnt, und kurz darauf hatte sich Luke als Samenspender angeboten, und seit dem waren sie eine kleine glückliche Familie, die hier in Alexandria lebte, und immer wieder für Ärger und Freude gut war.
Rick Blick irrte zu Kelly, die sich angeregt mit Scott unterhielt, und dann sah er hinüber zu Connie, die zu Daryls Entsetzen Hund vom Tisch fütterte und so tat als würde sie seinen hitzigen Protest in Zeichensprache nicht verstand, und das obwohl Daryls Zeichen nicht fehl zu interpretieren waren. Daryl, fiel Rick auf, wirkte trotz seines angeblichen Ärgers glücklich und wie jemand, der mit sich selbst im Reinen war. Seine Frustration darüber, dass Jesus und Aaron ihr Glück miteinander gefunden hatten und darüber scheinbar auf ihn vergessen hatte, war lange Vergangenheit, nicht nur weil sie ja nicht wirklich auf ihn vergessen hatten, sondern auch weil er inzwischen gelernt hatte sich anderen zu öffnen, und dadurch wiederum festgestellt hatte, dass es sehr wohl Menschen gab, für die es nicht auf Sex ankam, wenn es um Intimität ging. Er hatte in Connie eine liebevolle und geduldige Partnerin gefunden, die gelernt hatte, durch seine raue Schale hindurch zu blicken und ihn so zu sehen, wie er wirklich war, so wie er gelernt hatte ihre Sprache zu sprechen und sie besser zu verstehen als jeder andere.
Nicks Schwester Alicia begann nun von dem Moment zu erzählen, als sie verstanden hatte, dass die Toten zu neuen Leben erwachten und das keine gute Sache war, und während der Beta erzählte, nahm Nicks Alpha Strand neben dem Omega Platz und tätschelte diesem liebevoll sein Knie.
„Und dann kam das Militär und hat alles versaut", murmelte Maggie, neben Rick, die diese Geschichte schon auswendig kannte, wie es schien, „Wir wissen es. Als ob wir es auf der Farm viel leichter gehabt hätten, nur weil man uns in Ruhe gelassen hat."
Rick drehte sich zu ihr um und musterte sie. Die Jahre waren nicht spurlos an ihr vorbei gegangen, aber sie wirkte immer noch so jung und lebendig auf ihn wie damals, als sie Shane mit ihrem Gewehr bedroht hatte. „Ich bin sehr froh, dass ihr hierher zurückgekommen seid, du und Glenn", gab Rick zu, „Hab ich dir das je gesagt?"
„Nein, aber das musstest du auch nicht", erwiderte Maggie.
Nach dem Angriff der Flüsterer waren nicht nur Magna und ihr Rudel von Hilltop nach Alexandria umgezogen, auch Maggie und Glenn waren zusammen mit Hershel hierher zurückgekommen. „Im Grunde ist uns keine Wahl geblieben", fuhr der weibliche Omega fort, „Unsere Heimat hat uns gebraucht, also sind wie gekommen. Und Glenn hat, glaube ich, all die Jahre dazwischen sein Rudel sehr vermisst." Sie nickte in Glenns Richtung, der zusammen mit Hershel am Grill stand, und versuchte Jerry darüber zu belehren wie man ein Steak richtig grillte. Omegas stritten sich selten, doch über Fragen der Küche gerieten sie untereinander schon einmal sehr heftig aneinander. Auch wenn Glenn und Jerry beide im Grunde zu gutmütig für einen echten Streit waren. Sie waren nicht wie Rick oder Maggie, oder Daryl oder Carol – sie waren sanfte Wesen.
„Wir haben euch hier auch vermisst", sagte Rick, „Ihr seid dort, wo ihr sein solltet. Wenn Tara jetzt auch noch hier wäre, dann…"
„Ja, ich weiß", sagte Maggie leise, „Wir alle vermissen sie sehr. Wir vermissen alle, die wir verloren haben." Sie blickte hinüber zu Pater Gabriels Gedenkstein. Auch nachdem sie die Flüsterer losgeworden waren, hatte der Tod sie nicht auf einmal auf magische Weise verschont.
Rick beobachtete wie Siddiq eine Rose vor den Gedenkstein legte. Während andere Einwohner zurück nach Alexandria gezogen waren, hatte der Arzt sich dazu entschlossen die Gemeinde zu verlassen und war nach Hilltop umgezogen, ohne jemals zurückzublicken. Alexandria hielt für ihn zu viele böse Erinnerungen an Dante und die Flüsterer bereit, und so hatte der Beta woanders neu angefangen und diese Entscheidung auch niemals bereut, in seiner medizinischen Tätigkeit war er nach wie vor für die gesamte Allianz zuständig, und er hatte in den letzten Jahren auch damit begonnen einen weiteren Arzt auszubilden; ausgerechnet der Alpha-Erlöser Tony hatte sich dazu berufen gefühlt zu lernen wie man andere heilte und machte in seiner Ausbildung große Fortschritte.
„Aber ich bin davon überzeugt, dass sie stolz auf das wären, was wir hier erschaffen haben", fuhr Maggie fort, „Jeder einzelne von ihnen."
Rick nickte und hoffte, dass sie recht damit hatte. Er ließ seinen Blick wieder schweifen und sah wie Dianne, Rachel Ward, Laura, Heath, und Alden, die am anderen Ende des Tisches saßen, angeregt miteinander sprachen, nicht auf das zu achten schienen, was die anderen gerade zum Besten gaben, aber alle gut miteinander auskamen und gerne zusammen sein zu schienen. Hilltop, Oceanside, und Alexandria glücklich vereint, mit einer noch komplizierteren Vergangenheit, die sie alle nicht mehr trennte, sondern vereinte. Ja, vermutlich wären diejenigen, die es nicht bisher geschafft hatten, stolz auf das, was ihre Freunde inzwischen erreicht hatten. Und vielleicht wären sie ja auch stolz auf ihren ehemaligen Rudelführer, der getan hatte, was in seiner Macht stand, um das hier möglich zu machen.
Michonne zwängte sich seufzend zwischen Maggie und Rick. „Hab ich was verpasst? Ich hoffe nicht. Ich bin gespannt auf die Rick Grimes-Story, sie wird sicher ein Highlight", meinte sie.
„Alles sicher?", gab Maggie zurück.
„Alles sicher", bestätigte der Alpha-Beta, „Keine Spur von irgendwelchen Beißern, und falls doch welche auftauchen, haben wir das Alarmsystem. Aber das ist jetzt nicht mehr mein Problem, sondern das von Sherry. Es ist ihre Schicht."
„Findet ihr nicht, dass sie in letzter Zeit langsamer geworden sind?", wollte Maggie von ihnen wissen, „Ist das wirklich nur mir aufgefallen?"
Michonne verdrehte die Augen. „Bitte nicht schon wieder eine von Eugenes verrückten Theorien", beschwerte sie sich, „Ja, wir alle würden gerne sehen, dass er recht hat, die letzten Toten endgültig sterben, und die Lebenden, die sterben, sich irgendwann nicht mehr verwandeln. Aber niemand sagt, dass das zu unseren Lebzeiten passieren wird. Wir sollten uns nicht von Wunschträumen den Blick auf die Realität versperren lassen. Unser Leben der letzten zwanzig Jahre wird nicht einfach so von Heute auf Morgen zu etwas vollkommen anderem werden. Es wird sich nicht einfach so zurück zu dem entwickeln, was es vor dem Ausbruch war, egal wie sehr wir uns das auch wünschen. Ja, wir haben es geschafft uns eine Leben aufzubauen, das wieder einigermaßen normal ist. Unsere Kinder sind sicher, gehen zur Schule, müssen sich nicht ständig davor fürchten von Toten oder von Lebenden überfallen zu werden, wir haben Essen, Medizin, und Technologie zu unserer Verfügung. Aber vergesst nicht, dass wir all das durch harte Arbeit erreicht haben, und uns nichts davon einfach in den Schoß gefallen ist. Gute Dinge passieren, aber sie fallen einem nur sehr selten einfach so in den Schoß."
„Ich finde trotzdem, dass sie langsamer geworden sind", murmelte Maggie.
Michonne rammte Rick ihren Ellenbogen in die Rippen. „Sieh mal, da kommen deine Jungs", merkte sie an.
Rick folgte ihrem Blick. „Es sind auch deine Jungs", korrigierte er sie.
„Nur manche davon", gab Michonne zurück.
Rick lächelte seinem Sohn entgegen, als dieser zusammen mit seiner besseren Hälfte auf ihn zukam. Nach Jahren, in denen Carl immer irgendwie Angst vor Alphas gehabt hatte, sich zugleich aber nach einem eigenen gesehnt hatte, war er nun endlich in einer glücklichen Beziehung mit einem männlichen Alpha, der zum Glück auch noch seiner Altersgruppe angehörte. Theo war vor einigen Jahren zusammen mit seiner Familie im Allianz-Revier aufgetaucht, und nach einigen Anfangsschwierigkeiten und Unsicherheit von Carls Seite in Bezug auf sein fehlendes Auge war Liebe zwischen den beiden jungen Männern erblüht, und Rick war stolz darauf einen so guten jungen Alpha seinen Schwiegersohn nennen zu können und froh darüber, dass Carl jemanden gefunden hatte, der ihn so glücklich machte. In manchen dunklen Stunden hatte er sich Sorgen um seinen Ältesten gemacht, nun jedoch wusste er ihn guten Händen und einer Beziehung, die den jungen Omega glücklich machte, und das war mehr, als er sich nach allem, was Carl zugestoßen war, jemals erhofft hatte.
Hinter Carl und Theo schritten Shane und Negan. Und was waren wohl die Jungs, auf die Michonne keinen Anspruch erheben wollte. Was Rick ihr nicht übel nahm, nicht wirklich. Sie kam gut genug mit den beiden Alphas aus, zumindest immer dann, wenn es nicht gerade um Fragen der Elternschaft ging, in der nicht nur zwei sondern gleich drei Alphas dachten ihre Meinung durchsetzen zu müssen, denn Negan hatte ja schon vor langer Zeit beschlossen, dass er ein Recht dazu besaß Vater für Ricks Kinder zu spielen, und irgendwann hatte Rick sich mit dieser Tatsache einfach abgefunden.
Nach dem Sieg über die Flüsterer war zunächst nicht alles Eilte Wonne zwischen Shane und Negan gewesen. Shane war nicht übermäßig begeistert davon gewesen Negan in Freiheit zu sehen, wenn er auch nicht wirklich überrascht gewirkt hatte und Ricks Entscheidung niemals in Frage gestellt hatte. Und Rick hatte auch immer gewusst, dass es keinen Zweck hatte verbergen zu wollen, was zwischen ihm und Negan gewesen war. Tatsächlich hatte ein Teil von ihm sogar befürchtet, dass Negan Shane hämisch unter die Nase reiben könnte wie gut er auf Rick während der Abwesenheit des anderen Alphas achtgegeben hatte. Zumindest dazu war es zum Glück nie gekommen, aber zwei sture Alphas vom Format dieser beiden würden in den jeweils anderen immer einen Rivalen sehen, wenn ein Omega im Spiel war.
Seltsamerweise waren sie aber trotzdem irgendwie Freunde geworden. Vielleicht weil sie auf irgendeine verdrehte Weise, die Rick nie wirklich begriffen hatte, immer schon Freunde gewesen waren. Er wusste, dass Shane und Negan beide der Meinung waren, dass der ältere Alpha den Jüngeren damals, als sie sich kennengelernt hatten, das Leben gerettet hatte. Und nun verband sie auch noch das Rudel miteinander, und ein paranoider Teil von Rick glaubte bis heute, dass sie irgendwann einmal hinter seinen Rücken über ihn gesprochen hatte, wenn sie das nicht sogar öfter taten. Wie auch immer, inzwischen vertrugen sie sich im Großen und Ganzen die meiste Zeit über.
Natürlich gab es gewisse offene Wunden. Auf beiden Seiten. Aber Shane hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Negan dankbar dafür war, dass er für Rick, Carl, und Judith dagewesen war, als er es nicht hatte sein können. Und Negan wiederum wusste auch, was Rick für Shane empfand, hatte das immer gewusst, und auch wenn es ihn manchmal traurig stimmen mochte, akzeptierte es stillschweigend, so wie Rick stillschweigend die Tatsache akzeptiert hatte, dass Negan stetige Gefühle für ihn hegte, die sich nicht so einfach wieder verabschieden würden.
Für Omegas konnte es durchaus belastend sein zu wissen, dass sie von jemandem geliebt wurden, dessen Gefühle sie nicht entsprechend erwidern konnten. Negan hatte ihn nie bedrängt, sich zurückgezogen, ob wegen Shane oder wegen dem, was Rick zu ihm gesagt hatte, war unklar. Trotzdem hatte Rick sich manchmal Vorwürfe gemacht, sich manchmal gewünscht er könnte lernen den Alpha so zu lieben wie er es verdiente. Letztlich aber war es ihm wichtiger gewesen, dass sie nun, da sie endlich den Punkt erreicht hatten, an dem sie sich gegenseitig so weit respektierten und vertrauten wie das zwischen ehemaligen Feinden möglich war, endlich eine ehrliche Beziehung zu einander aufbauen konnten. Keiner sollten mehr versuchen den anderen zu manipulieren, und keiner sollte es mehr für nötig befinden den anderen vor sich auf die Knie zu zwingen.
Sie wurden Freunde. Freunde mit einer bewegten Vergangenheit, die niemals wirklich verschwand, Freunde, die viel teilten, wenn auch kein sexuellen Gefälligkeiten mehr. Ihre Beziehung sollte gleichberechtigt sein, und wenn einer mehr für den anderen empfand als dieser für ihn, dann zerstörte Sex jede Chance auf so eine Gleichberechtigung.
Sie lernten miteinander zu leben, sie alle drei – Rick, Shane, und Negan. Zu Beginn war es nicht leicht, aber irgendwann fanden sie einen Rhythmus. Michonne sah ihnen zu, schüttelte manchmal enttäuscht den Kopf, verdrehte manchmal genervt die Augen, und nickt manchmal zustimmend über ihre Versuche zu lernen miteinander in ihren neuen Rollen auszukommen.
Michonne wohnte immer noch in ihrem Zimmer im Haus der Grimes. Sie hatten sich niemals eine neue Partnerin gesucht und schien mit dem Leben, das sie nun führte, zufrieden zu sein. Shane und Rick schliefen im selben Bett, teilten ihre Hitzen und Brünfte, und waren im Großen und Ganzen glücklich miteinander. Gelegentlich stritten sie sich, aber es waren kleine Streits über banale Dinge, nach denen sie sich schnell wieder versöhnte. Es war nichts im Vergleich zu den großen Auseinandersetzungen, die sie in den schlimmen Zeiten gehabt hatten, und es war nicht zu vergleichen mit den kalten feindseligen Grabenkämpfen, die Rick so lange und intensiv mit Lori ausgefochten hatte.
Vielleicht war das die Art von Beziehung, die man haben sollte, vielleicht waren sie beide aber inzwischen einfach nur zu alt und zu sichtbar neu zusammengeklebt anstatt frisch getöpfert um anders zueinander sein zu können. Rick wusste nur, dass ihn das, was er hatte, glücklich machte, und das war die Hauptsache, nahm er an. Sie beide hatten zusammen und getrennt so viel durchgemacht, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie doch noch ein gemeinsames Happy End gefunden hatten. Und Wunder hinterfragte man nicht, man nahm sie einfach dankend an.
Carl und Theo nickte ihm zu, als sie an ihm vorbeischritten, Negan zwinkerte ihm zu, als er ihnen folgte und sich neben Carl weiter unten am Tisch platzierte, während Michonne zur Seite rückte um Platz für Shane neben Rick zu machen. „Was habt ihr denn getrieben?", wollte Rick wissen.
„Alphazeug", erwiderte Shane nur, „Nichts, was du wissen müsstest."
„Ihr habt hoffentlich nicht den armen Theo bedroht, denn dafür ist es ein bisschen zu spät, weißt du?", wandte Rick besorgt ein.
„Oh, nein, es waren keine Drohungen involviert, du musst dir keine Sorgen machen. Es war nur … ein freundliches Gespräch. Denn, ob du es glaubst oder nicht, manchen Alphas ist es wichtig sicher zu gehen, dass sie Omegas richtig behandeln, und anderen Alphas ist es wichtig weiter zu geben, wie man sich als Alpha zu verhalten hat und wie nicht", elaborierte Shane jetzt doch, „Auch wir sprechen manchmal über unsere Gefühle."
„Das ist gemeint, wenn es um Alphazeug geht? Das hättest du mir schon vor Jahren sagen können! Ich dachte immer Dad hätte dir irgendwas Mystisches beigebracht, von dem Nicht-Alphas nichts wissen dürfen!", empörte sich Rick spielerisch und knuffte Shane in die Schulter, „Jetzt bin ich beinahe enttäuscht!"
„Oh den Mystischen Teil gibt es auch, aber der ist geheim, wenn du verstehst was ich meine", neckte Shane ihn.
Rick rollte die Augen, doch seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. Die anderen am Tisch hatten seinen Namen genannt.
„Ja, genau, was ist mit dir, Rick?", wollte Alicia wissen, „Wie hast du den Ausbruch erlebt?"
Michonne grinste wenig unauffällig, doch Rick ignorierte sie und musste feststellen, dass beinahe alle Anwesenden außer vielleicht den Kindern ihre Aufmerksamkeit nun auf ihn konzentrierten. Nun, wenn es denn sein muss, dann ist es wohl Zeit für die Rick Grimes-Story….
„Eigentlich habe ich ihn gar nicht miterlebt. Genau genommen habe ich ihn verschlafen", begann er seine Erzählung, „Ich war nämlich bei einem scheinbaren Routine-Einsatz mit meinem Partner angeschossen worden und lag im Koma, als der Ausbruch stattfand. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich vollkommen alleine in einem verlassenen Krankenhaus wieder und hatte keine Ahnung, was eigentlich los war…."
Und so erzählte er seine Geschichte und alle hörten ihm zu.
Fin.
A/N: Fürs Ende also noch schnell ein Crossover mit „Fear the Walking Dead", das in meinem Verse offensichtlich sehr anders verlaufen ist.
Ja, wir haben das Ende erreicht. Natürlich gäbe es immer noch Dinge zu erzählen, etwa zum Beispiel was Shane alles widerfahren ist, während er weg war, doch fall ich jemals einen Spin-Off schreibe, der sich damit auseinandersetzt, dann wohl erst, wenn und falls ich den entsprechenden Canon-Handlungsstrang um Rick in „The World Beyond" und den Film(en) gesehen habe, und ob ich das jemals sehen werde steht noch in den Sternen, wenn man bedenkt, dass schon „Fear" bei uns im Grunde nur über Amazon oder DVDs anzuschauen ist.
Wie auch immer, deswegen ist das hier zumindest für jetzt einmal das Ende-Ende.
Ich wollte ein Ende schreiben, dass dem Geist des Comic-Endes entspricht, aber zugleich etwas versöhnlicher daher kommt.
Als ich diese Reihe begonnen habe, wollte ich den A/B/O-Aspekt in einer unzivilisierten Welt erforschen, in einer Welt nach der Welt, in der sie althergebrachten Regeln nicht mehr gelten, deswegen habe ich „The Walking Dead" gewählt. Im Laufe der Zeit habe ich dann außerdem ungefähr fast jede WD-Fanfiction-Idee, die ich jemals hatte, hier eingebaut. Und dann ist leider die Realität auch noch passiert und auch das hat sich seinen Weg in manche Passagen dieser Fic gebahnt. Es ist also ein relativ wilder Mix geworden, der immer mehr und immer umfangreicher wurde (ich Naivchen dachte wirklich dieser dritte Teil würde kürzer werden als die ersten beiden, weil ich ja nur noch dir 9. Staffel und Negan und die Flüsterer vor mir hatte, ja so kann man sich irren). Manchmal war es mehr „The 100" als „The Walking Dead", was aber letztlich auch immer eine Zielsetzung von mir war – Zombies und Gewalt haben mich nie wirklich interessiert, es ging immer und den gesellschaftlichen Aspekt, Fragen von Macht, Moral, Schwäche, Stärke, Schuld und Sühne.
Ich hoffe diese Fic und ihre beiden Vorgänger haben euch gefallen. Vielleicht lesen wir uns ja mal wieder.
In diesem Sinne: Hinterlasst mir gerne abschließende Reviews!
