Ilija Koslov sah auf, als die Tür aufging und Mark Haverlant hereinkam. Als er sah wer Haverlant in den Raum folgte, schlich sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht.
„Ahh, sieh an... die ‚Chefin', wenn ich mich rechtentsinne. Ich hätte sie in dem Kostüm fast nicht erkannt. Sie sehen auch um einiges besser aus, nicht ganz so blass wie bei unserer letzten Begegnung." Tom, der hinter dem Einwegspiegel stand ballte seine Hände zu Fäusten.
„Herr Koslov, ganz ohne Ski-Maske heute. Schade, mit Maske haben sie mir wesentlich besser gefallen." Koslov grinste. „Und ich glaube das sie mir schweigend besser gefallen haben."
„Das reicht jetzt Koslov!" ging Mark dazwischen. Der Albaner hob beschwichtigend die Hände. „Nein im Ernst: Freut mich das sie am Leben sind. Ich bin fest davon ausgegangen, dass sie das nicht überleben." Er wog den Kopf hin und her. „Allerdings war ich schon etwas enttäuscht das sie vorhin gleich ihr Waffe auf mich gerichtet haben. Ich hätte ein bisschen mehr Dankbarkeit erwartet."
„Dankbarkeit?" zischte Anna
„Wenn ich nicht bei ihnen geblieben wäre und den Jungen dazu geholt hätte, würden sie jetzt ganz sicher nicht hier stehen."
„Ich sagte es reicht!" Haverlant schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ist ja gut... Ich hab's verstanden!" Ilija sah fragend zwischen den beiden Kollegen hin und her. „Und, wie geht's jetzt weiter? Hier scheint ja einiges nicht ganz nach Plan gelaufen zu sein." Er grinste wieder.
„Für dich geht es gar nicht weiter. Du bist raus! Vielleicht hättest du erwähnen sollen, dass du im Januar nicht nur dabei warst, sondern den Mob angeführt hast! Und du es warst er auf die Kollegien hier geschossen hast!" sagte Haverlant wütend. „Muss mir bei unserem Einstellungsgespräch wohl entfallen sein. Sorry! Und der Schuss auf deine charmante Kollegin hier war ein Versehen."
„Ein Versehen? Na, dann ist das natürlich etwas anderes... Unser Deal ist damit trotzdem vom Tisch!" Nun war es Haverlant der grinste und Ilija dem das Lachen verging. „Das kannst du nicht machen! Ich habe dir schon mehr als genug geholfen die beiden Psychopathen hinter Gitter zu bringen das mir der Deal zusteht! Ohne mich hättet ihr gar nichts!"
„Dir steht überhaupt nichts zu! Du bekommst das, was ich willig bin dir zu geben!" Die beiden Männer starrten sich wütend an.
Anna, die bis jetzt gestand hatte, setzte sich neben ihren Kollegen an den Tisch und sah Koslov fragend an. „Warum haben sie sich überhaupt darauf eingelassen mit dem BKA zusammen zu arbeiten?" Ilija warf ihr einen Blick zu und sah sie recht langen an ehe er antwortete. „Haben sie gesehen, wozu die Kastrati-Brüder fähig sind? Ich bin mit Sicherheit kein Engel, aber für mich gibt es Grenzen. Die beiden Brüder kennen keine Grenzen. Das sind Tiere!" Die Polizistin nickte. „Wir planen Besnik Kastrati nachher wieder laufen zu lassen. Glauben sie das dieser Deal trotz allem sattfinden wird?" Koslov wog den Kopf hin und her. „Schwer zu sagen. Besnik ist nicht der Schlauste und auch nur er glaubt, dass er etwas zu sagen hat. Betim Kastrati ist der wahre und eigentlich einzige Anführer des Klans. Und der ist nicht so dumm wie sein Bruder. Auf der anderen Seite ist der Deal extrem wichtig für die Kastraties, um ihre Position endgültig zu festigen. In den letzten Monaten hatten sie mit immer mehr Wiederstand von anderen Gangs und der Mafia zu kämpfen, die ihr Territorium nicht kampflos aufgeben wollen. Bekommen sie die Waffen und schaffen es sie in der Bundesrepublik zu verteilen, werden sie und ihre Kollegen viel zutuen haben. Das wird Straßenschlachten geben wie sie sie sonst nur aus dem Fernseher und den USA kenne."
Mark und Anna warfen sich einen kurzen Blick zu, ehe Haverlant fragte: „Hast du irgendeine Idee wo der Deal über die Bühne gehen könnte? Und wann?"
„Das kann überall und jeder Zeit sein!" Ilija zuckte mit den Schultern. „Sie werden den Deal mit Sicherheit nicht auf der Domplatte durchziehen, soviel kann ich dir sagen, Haverlant! Zum ‚Wann' kann ich nur sagen das es jetzt, mit den heutigen Ereignissen, entweder sehr zügig passieren wird, oder aber alles auf Eis gelegt wird und der Deal vielleicht erst in nem Jahr stattfindet!"
„Scheiße damit können wir nichts anfangen!" Der BKA Mann war kurz davor endgültig die Fassung zu verlieren. Er stand derart schwungvoll von seinem Stuhl auf, dass dieser klappernd zu Boden fiel.
„Was ist mit den Waffen? Wo kommen die her und wer sind die Verkäufer?" fragte Anna, während Mark ungeduldig im Raum auf und ab lief.
„Eine Mischung aus alten Sowjet Beständen und den Waffen, die im Kosovokrieg abhandengekommen sind. Ich weiß nur, dass sie den Verkäufer ‚Zmeya' nennen. Die Schlange. Wer er ist, keine Ahnung."
„Wir haben versucht an diesen ‚Zmeya' ranzukommen. Die Kollegen im Osten waren aber nicht besonders kooperative und auch bei Interpol kannte man zwar den Namen und hatte ihn schon einige Male mit Waffengeschäften in Verbindung gebracht, aber er ist ein Phantom." Bestätigte Haverlant missmutig.
Es klopfte an der Tür und Lorenz Engelhardt wurde von Semir in den Raum gebracht. „Herr Koslov? Ich bin der Anwalt von Herrn Kastrati. Er lässt ihnen schöne Grüße ausrichten und sie mögen bloß nichts ‚Falsches' sagen." Ilija hob erst verwundert die Augenbraune, grinste dann aber wieder.
„Clever, den Gesetzes-Verdreher mit ins Boot zu holen... Alle Achtung Haverlant! So viel Raffinesse hätte ich dir gar nicht zugetraut." Er nickte Lorenz zu. „Ich hoffe die Polizei bezahlt dich gut dafür, dass du Besnik verarscht. Wenn der das spitzbekommt, bist du ein toter Mann, Herr Anwalt."
„Das lassen sie meine Sorge sein. Soweit ich informiert bin sind sie bereit den Behörden zu helfen?"
„Das kommt ganz darauf an, ob die Behörden bereit sind mir zu Helfen." Koslov sah Haverlant an. „Wir hatten gerade eine kleine Meinungsverschiedenheit diesbezüglich."
„Das ist nicht mehr alleine meine Entscheidung." Er warf der Chefin einen Blick zu und erklärte dann „Der Deal war es ihm eine neue Identität und die Ausreise nach Montenegro zu gestatten."
„Also Straffreiheit..." Mark nickte erneut. Anna brauchte einen kurzen Moment, um die Information sacken zu lassen. Zähneknirschend und mit unter dem Tisch geballten Fäusten, nickte sie schließlich.
Ilija Koslov klatsche in die Hände. „Nachdem wir das dann geklärt haben, bin ich sehr gerne dazu bereit den Behörden auch weiterhin zu helfen!"
Lorenz Engelhardt nickte langsam, zeigte sonst aber keinerlei Emotion. „Also gut. Was kann ich ihrer Meinung nach Herrn Kastrati am besten erzählen, warum sie verhaftet worden sind? Was weiß er?"
„Er weiß selbstverständlich das ich im Januar hier war und hat sich schon gedacht das man mich wiedererkannt hat. Ich würde nur nicht erwähnen das ich eine Polizistin vorm Verbluten bewahrt habe, das würde sicher Fragen aufwerfen." Die Kiefer des Anwalts mahlten, aber er nickte professionell. „Selbstverständlich nicht. Ist es plausibel zu sagen das sie als Fahrer für ihn arbeiten?"
„Das würde Sinn machen, ja."
„Ist ihr Verhältnis zu den Brüdern so gut, dass es glaubwürdig ist, dass sie die gesamte Schuld auf sich nehmen und die beiden nicht verraten würden?"
„Ja. Ganz einfach, weil sie wissen, dass ich weiß, das ich es nicht überleben würde, würde ich sie verraten. Also wenn ich nicht gerade mit dem BKA gemeinsame Sache mache."
„Ich verstehe schon was sie meinen." Lorenz sah zu Mark und Anna. „Es scheint alles einigermaßen plausibel zu sein. Ich denke das es einen Versuch wert ist."
