Kapitel 16
Drei Stunden hatte es gedauert, bis die Küche fertig umgestaltet war. Wann immer es irgendetwas zu renovieren gab, war Hermine ganz besonders dankbar für ihren Zauberstab und die Möglichkeit, verschiedene Optionen im direkten Vergleich anschauen zu können. Aber nachdem sie Severus mit der Wandfarbe schon so überfordert hatte (er hatte sich letztendlich für hellgrau entschieden), hatte sie sich danach zurückgehalten und seine Gedanken nur mit ihm diskutiert, wenn er sich unschlüssig war.
Nun jedenfalls hatte die Küche keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Raum, der sie vorher gewesen war. Sie war hell und freundlich – Hermine hätte nicht gedacht, dass der Raum das hergeben würde. Nicht mit all den dunklen, grausamen Dingen, die hier stattgefunden hatten. Sie fand es jetzt tatsächlich … schön.
Severus hingegen war seine Meinung nur schwer anzusehen und aus der Angst heraus, ihn zu sehr übergangen zu haben, sagte sie: „Wenn es dir so doch nicht gefallen sollte, kannst du es ja jederzeit ändern."
Er riss sich vom Anblick der Küche los und sah sie an. „Das ist es nicht. Solange sie anders aussieht, ist es mir recht."
„Die Erinnerung?", fragte sie.
Er nickte.
Hermine schluckte. „Gut, dass wir fertig sind. Wollen wir rübergehen?" Es fiel ihr dieses Mal schwer, sich von der entspannten Stimmung zu verabschieden. Sie wäre gern weiter in der Küche geblieben und hätte mit ihm über Farben und Details diskutiert. Severus hatte einen unglaublich trockenen Humor, den sie von ihm nicht erwartet hatte. Sarkasmus? Ja. Aber echten Humor? Eher nicht. Vielleicht hatte es auch ihm ein bisschen Spaß gebracht, die Küche umzugestalten.
Jedenfalls war die Falte zwischen seine Augenbrauen zurückgekehrt, nachdem er sich gesetzt hatte. Vielleicht fiel es auch ihm schwer, wieder hier zu sein.
„Ich glaube, wenn wir mit den Erinnerung fertig sind, musst du mindestens auch noch die Kaminecke umgestalten, oder?"
„Ja." Er ließ seinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Dann schloss er die Augen und schwieg.
„Schwieriges Thema?", fragte sie nach einer Weile und zog die Beine auf den Sessel.
„Ja", sagte er wieder, während er blinzelte. Aber er vermied es, sie anzusehen.
Hermine lehnte den Kopf zurück. Sie hatte während ihres Medizin-Studiums immer mal wieder mit Patienten zu tun gehabt, die unter Essstörungen litten. Es war schwierig gewesen, darüber zu sprechen und sie hatte das gern den psychologischen Kollegen überlassen. Jetzt wünschte sie, sie hätte solche Gespräche auch mal selbst geführt. Oder wenigstens dabei zugehört.
Schließlich war es Severus, der die Augen zusammenkniff und sagte: „Es war das erste Mal, dass sie mir das antaten, aber … nicht das einzige Mal."
Sie seufzte leise. „Das hatte ich befürchtet. Wie alt warst du?"
„Ich weiß es nicht genau. Sechs oder sieben vielleicht." Er sprach langsam, leise. Fixierte einen Punkt auf dem Boden vor dem Kamin und wirkte etwas abwesend. „Ich hatte die … ersten magischen Ausbrüche, mein Vater steckte tief in seinen Pferdewetten, meine Mutter hatte gerade keinen Job … Es blieb nicht viel Geld übrig für Essen."
Das Bild von Tobias Snape tauchte vor ihren Augen auf, das wutverzerrte Gesicht und wie groß er aus Severus' Perspektive gewirkt hatte. Wie übermächtig. Ihr Herz schlug schneller. „Weißt du noch, was das war, das du essen solltest?"
Severus schluckte angestrengt und fuhr sich mit einer Hand über den Mund.
„Wenn das zu viel ist, musst du es nicht beantworten", erinnerte Hermine ihn.
Er schüttelte den Kopf. „Lieber reden als anschauen", murmelte er.
„Okay."
Er atmete tief durch. „Erbsenpüree mit Leber. Mein Vater … Er kannte jemanden, der in einer Schlachterei arbeitete. Der brachte ihm manchmal Sachen mit, die sie nicht verkauft hatten."
Hermine rümpfte die Nase.
Severus schnaubte, als er es sah. „Ja", grollte er. „Ich kann das bis heute nicht essen, ohne dass sich mir der Magen umdreht." Er wurde still, aber nicht auf die friedliche Art, die Hermine sonst von ihm kannte. Nicht auf die Art, bei der er Gedanken in seinem Kopf wendete, bis er die richtigen Worte dafür fand. Es sah eher so aus, als tobte ein Krieg in seinem Kopf. Und in seinem Körper. Er atmete langgezogen aus, beugte sich ein bisschen nach vorn.
Hermine runzelte die Stirn, während sie ihn beobachtete. „Was geht gerade in dir vor, Severus?"
Er sah sie gequält an. „Hast du schon mal diesen Ernährungszauber am eigenen Leib erfahren?"
„Nur durch dich in deiner Erinnerung. Es fühlte sich nicht gut an."
„Nein", sagte er hohl, „das tut es nicht." Seine Stimme verlor sich und für einen Moment versank er komplett in ein Erleben, in das Hermine ihn nicht begleiten konnte. Sie kaute auf der Innenseite ihrer Wange. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit sagte er: „Solange ich mich zurückerinnern kann, hatte ich Schwierigkeiten mit dem Essen. Ich wollte es einfach nicht. Als ich nach Hogwarts kam …" Wieder atmete er langsam aus. „Ich hatte endlich die Kontrolle darüber. Dachte ich jedenfalls …"
„Was ist passiert?", fragte sie sehr leise.
Er sah sie müde an. „Was passiert mit Menschen, die nicht essen, Heilerin Granger?"
„Sie brechen irgendwann zusammen."
Severus nickte langsam. „Das tun sie."
Für einen Moment schloss sie die Augen. Dann fragte sie: „Wie hat Madam Pomfrey darauf reagiert?"
Er lachte so bitter, dass es ihr eiskalt den Rücken hinunterlief. Dann schwieg er wieder und sie rechnete schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als er sagte: „Sie hat mich ausgefragt. Wollte meine … Eltern informieren."
Hermine schluckte. Ihr schlug das Herz immer noch bis zum Hals, ihr ganzer Körper war angespannt. „Was hast du getan, Severus?"
„Ich hab sie obliviiert", sagte er, als wäre es die einzig logische Schlussfolgerung gewesen. „Und es nie wieder dazu kommen lassen."
„Aber … du warst doch erst …" Sie brach ab, als er sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Hermine konnte nichts dagegen tun, sie war zutiefst beeindruckt von der Leistung. Selbst sie hätte mit elf Jahren noch keinen Obliviate bewerkstelligen können. Aber sie war auch nie so verzweifelt gewesen wie er. „Und dann?"
Severus seufzte schwer. „Dann … wurde ich wütend. Diese ganze Zeit … Ich habe alles und jeden gehasst." Er senkte den Blick, kratzte sich an der Hand. „Ich hab Slytherin in der Zeit viele Punkte gekostet. Noch ein Grund, warum meine eigenen Leute mich ablehnten."
„Verstehe."
„Ach, kannst du das?" Er sah sie gereizt an.
„Ja", erwiderte Hermine ruhig und reckte das Kinn vor. „Schwierigkeiten mit dem Essen sind … einfach grausam. Ich verstehe, wie du dich damals gefühlt haben musst." Er wandte den Blick ab, aber sie sprach trotzdem weiter: „Du hattest so sehr gehofft, endlich etwas kontrollieren zu können, das schon immer deiner Kontrolle hätte unterliegen sollen. Und dann betrügt dich dein eigener Körper. Natürlich hat dich das wütend gemacht." Sie seufzte leise. „Wie bist du damit umgegangen?"
„Ich hab mich geprügelt", sagte Severus hohl. Sein Blick war leer, er starrte wieder vor sich auf den Boden und kratzte sich noch immer, als würde er gar nicht bemerken, was er da tat. Seine Hand war schon ganz rot. „Irgendjemand ließ sich immer provozieren. Je lädierter ich war, desto besser hab ich mich gefühlt."
Hermine griff nach seiner Hand. „Severus, hör bitte auf damit."
Erst als er ihrem Blick begegnete, schien ihm bewusst zu werden, was er da tat. Er legte die Hände auf seine Beine.
„Was hat Lily dazu gesagt?", kehrte Hermine zum Thema zurück.
„Nichts. Sie ist auf Abstand gegangen, als ich ihr nicht sagen wollte, warum ich das tue."
Hermine senkte den Blick. „Hast du … Wann hast du aufgehört, dieses Ventil zu nutzen?"
„Kurz nachdem meine Mitschüler versucht hatten, mich in der Toilette zu ertränken." Er rümpfte die Nase. „Lucius hatte mich wohl schon länger im Blick, Slughorn hatte ihn auf mich angesprochen. Er hat mich gefragt, was ich eigentlich damit bezwecke."
„Konntest du mit ihm darüber reden?"
Severus schnaubte. „Nein. Aber dass er mich darauf ansprach, brachte mich dazu, vorsichtiger zu werden. Ich wollte keine Aufmerksamkeit, ich wusste nur nicht …" Er brach ab und schüttelte den Kopf.
„Du wusstest dir nicht anders zu helfen."
„Nein. Ich musste diese Wut … irgendwie aus mir rauskriegen."
Seine Wortwahl machte sie hellhörig. Auch Severus fuhr kaum merklich zusammen und wischte sich mit der Hand über den Mund, als könnte er die Worte damit zurückrufen. Er schloss die Augen. Hermine holte gerade Luft, um die Frage zu stellen, die ihr auf der Zunge lag, aber er schnitt ihr das Wort ab. „Ja", sagte er leise. „Manchmal hab ich mich absichtlich erbrochen."
Sie schluckte.
Und zu ihrer grenzenlosen Überraschung erzählte er noch mehr, so als … Ja. Als hätte er seit Jahrzehnten darauf gewartet, dass ihm jemand zuhörte: „Es war so leicht. Ich musste nur … ein bisschen zu viel essen. Ich hab schon immer wenig gegessen, niemandem kam es je verdächtig vor, wenn es mal ein bisschen mehr war. Dank der … Bemühungen meiner Eltern hat das immer gereicht. Es ekelt mich so sehr, wenn mein Magen voll ist …"
Gegenwart. Dieser Gedanke durchfuhr sie wie ein kleiner Stromstoß. Er hatte in der Gegenwart gesprochen. Sie schloss die Augen. Natürlich hatte er das. Solche Probleme verschwanden nicht einfach, nur weil man erwachsen wurde. „Das ist immer noch so, oder?"
Er presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie ganz weiß wurden. „Ja, Hermine", sagte er mit dunkler Stimme und sah sie provokant an. „Das ist immer noch so."
„Verstehe."
Er schnaufte und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. „Sag nicht immer, dass du das verstehst! Wie willst du so was verstehen?" Er krallte die Finger der anderen Hand in die Lehne seines Sessels.
„Dann erklär es mir", bat sie ihn.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Lassen wir das."
„Okay."
„Ich werd mir die Erinnerung jetzt anschauen", sagte er, klang dabei regelrecht verbissen und schaffte es nicht, sie anzusehen.
„Okay. Möchtest du vorher noch eine Atemübung machen, um dich zu beruhigen?"
„Nein!" Er warf ihr einen kurzen Blick zu, dann ließ er sich von der Erinnerung mitziehen. Es war eine Flucht.
Hermine stand auf und lief langsam durch das Wohnzimmer, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. Sie versuchte, langsam zu atmen, um ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Das Gespräch hatte sie mitgenommen. Mehr als jedes andere vorher. Möglicherweise weil sie diese Erinnerung selbst durchlebt hatte. Weil sie sich nicht nur in ihn hineinfühlte, sondern es wirklich gefühlt hatte. Sie war da gewesen. Sie hatte seinen Vater gesehen. Und seine Mutter. Sie hatte es gespürt, das Essen in seinem Magen. Den Schmerz, den grenzenlosen Ekel. Und sie hatte die Erleichterung gespürt, als es endlich weg war. Es hatte einfach … gut getan. Ein gutes Gefühl, von denen es in seinem Leben offensichtlich nicht viele gegeben hatte.
Ihr war ein bisschen übel, als sie stehen blieb. Sie konzentrierte sich auf das Wohnzimmer. Auf die Möbel. Auf Formen und Farben. Auf Geräusche, die sie hören konnte. Und beruhigte sich. Erinnerte sich, weswegen sie hier war.
Ihr Blick flog zu Severus. Sie stand hinter seinem Sessel und konnte nur die schwarzen Haare sehen. Er würde bald wieder aus der Erinnerung auftauchen. Der kleine rosa Eimer hatte gestern Abend in der Badewanne gestanden. Dort fand sie ihn auch jetzt. Sie nahm ihn mit, stellte sich neben ihn und wartete.
Als Severus blinzelte, beobachtete sie ihn aufmerksam. Ihm standen feine Schweißperlen auf der Stirn und er war wieder sehr grau im Gesicht. Sie konnte sehen, wie sein Kehlkopf sich bewegte, und hielt ihm den Eimer hin. Er schüttelte den Kopf, wartete eine Sekunde, zwei, drei. Dann stand er auf und ging eilig an ihr vorbei ins Bad.
Hermine sah ihm nach und zu ihrer Überraschung hörte sie zwar ihn, aber keine Tür knallen. Sie spähte um die Ecke. Die Tür schwang langsam um ihre Achse. Vermutlich hatte Severus sie nicht richtig zu fassen bekommen. Er stand über die Toilette gebeugt, würgte, hustete.
Hermine schloss die Tür und beschwor die Waldgeräusche vom Vorabend wieder herauf. Dann wartete sie, bis es still wurde im Bad. Klopfte an. „Kommst du zurecht?", fragte sie.
„Ja", grollte er.
Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück, zog die Beine auf den Sessel und vergrub die Hände in ihrem Schoß. Severus kam ein paar Minuten später. Er hatte ein dunkelgraues Handtuch in der Hand und setzte sich. Dann sah er aus, als hätte man ihn ausgeschaltet. Starrte in den Kamin. Sie schwiegen lange Minuten. Zehn oder fünfzehn, sie verlor das Gefühl für die Zeit. Nur das Knistern des Feuers und das Knacken der Holzscheite füllten die Stille.
Schließlich atmete er scharf aus. „Niemand … weiß diese Dinge von mir. Niemand sollte sie je erfahren. Und du … ziehst sie mir so mühelos aus der Nase."
„Es tut mir leid", sagte sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer das für dich sein muss."
Er drehte seinen Kopf zu ihr, die Lippen so fest aufeinander gepresst, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Und fragte: „Wie ist es für dich?"
„Dir diese Dinge aus der Nase zu ziehen oder sie zu hören?", fragte sie.
Er schnaubte. „Ich weiß, dass du es genießt, mich zum Reden zu bringen. Du bist immer noch eine verdammte Gryffindor, ihr wurdet schon mit der Nase in anderer Leute Angelegenheiten geboren."
„Touché", entgegnete sie schmunzelnd.
„Also?"
Ihr Blick wanderte über das zerknüllte Handtuch in seinem Schoß und seine dünnen Finger hinauf zu seinem immer noch blassen, aber nicht mehr ganz so fahlen Gesicht. Stärker als in den letzten Tagen fielen ihr seine Wangenknochen auf, die sich deutlich unter der Haut abzeichneten. „Ich … hab vermutet, dass du Probleme mit dem Essen hast. Ich hab dich im Krankenhaushemd und weniger gesehen. Und Patienten werden im St.-Mungos gewogen, wenn sie stationär aufgenommen werden. Da es keine organische Ursache für dein Untergewicht gab, drängte sich der Gedanke auf. Aber es zu hören ist … anders."
„Du hast vorher nichts dazu gesagt."
„Nein, hab ich nicht. Es erschien mir sinnlos, ohne dass du diese Erinnerung kennst."
Er senkte den Blick.
„Und ich … hab versucht, nicht so viel darüber nachzudenken", gab sie zu. „Ein Teil von mir hat wohl gehofft, du vergisst es einfach, regelmäßig zu essen. Nicht mal gestern kam mir der Gedanke, dass das ein Problem sein könnte."
„Es ist kein Problem", sagte er dunkel.
Hermine zog die Augenbrauen hoch. „Also hältst du es für normal, dass du Essen manchmal dazu nutzt, um deine Gefühle zu regulieren?"
„Gefühle …", grollte er abfällig. Dann sagte er mit fester Stimme: „Nein, ich halte es nicht für normal. Trotzdem ist es kein Problem. Es kommt kaum noch vor, ich hab das im Griff."
„Natürlich hast du das", murmelte Hermine, ließ ihren Blick aber anscheinend so provokant über seinen dünnen Körper wandern, dass er die Nase rümpfte. „Konntest du dich wirklich gar nicht mehr daran erinnern?", fragte sie, bevor er etwas dazu sagen konnte. „An das alles, was du mir heute erzählt hast? Das hat einen so großen Teil deines Lebens bestimmt. Ich … Ich frage mich, wie du das einfach hinnehmen konntest ohne zu hinterfragen, warum das so ist."
„Nein, ich konnte mich nicht erinnern", sagte er scharf. „Für mich ist es normal. Es war schon immer so."
Hermine schnaubte leise. „Nichts daran ist normal."
„Ich weiß!" Er krallte die Hände in das Handtuch.
Hermine runzelte die Stirn. „Hast du mal versucht, dein Essverhalten zu ändern? Langsam mehr zu essen? Das Gefühl eines vollen Magens auszuhalten?"
„Nein."
„Warum nicht?"
„Weil es mir zuwider ist!", sagte Severus laut. „Essen ekelt mich an! Ich habe nie verstanden, wie man es als Genuss empfinden kann!"
„Aber dein Gewicht …", begann Hermine mit gequälter Miene.
Severus schnaufte. „Ich lege es nicht darauf an, so dünn zu sein. Ich esse so viel ich kann, für mehr reicht es eben nicht."
Sie presste die Lippen aufeinander.
„Vielleicht sollten wir für heute Schluss machen", sagte Severus leise.
Ein kleiner Adrenalinstoß fuhr durch ihren Körper. Sie war zu weit gegangen. Hatte vergessen, weswegen sie hier war. Hermine schluckte. „Es … tut mir leid, Severus. Es war nicht meine Absicht, dich an diesen Punkt zu bringen."
Er seufzte. „Das weiß ich. Ausnahmsweise verstehe ich mal."
Sie nickte. „Okay", murmelte sie, „okay." Rieb sich über die Stirn. „Soll ich morgen nochmal herkommen? Ich nehme an, du musst noch ein paar Mal durch diese Erinnerung durch?"
„Ja. Alleine." Er sah sie müde an. „Und dann brauche ich eine Pause."
Er sagte es ganz ruhig, aber für Hermine fühlte es sich an wie eine Ohrfeige. Sie schluckte mühsam, um ihn nicht merken zu lassen, wie hart sie seine Zurückweisung traf. „Okay. Ich schicke dir eine Eule mit den Tagen, an denen ich abends frei habe. Du kannst dann ja Bescheid sagen, ob du weitermachen möchtest oder … noch mehr Zeit brauchst." Sie schlüpfte in ihre Schuhe und stand auf.
„Das werde ich."
Sie sah ihn unschlüssig an, aber er schwieg. „Bis … Bis bald, Severus."
Er nickte.
Sie wandte sich um und schnappte sich im Vorbeigehen ihren Umhang von der Garderobe. Flüchtig fiel ihr Blick auf die Tür, die zur Küche führte, und sie dachte an den Spaß, den sie vorhin dort gehabt hatten.
Hermine verbrachte ihre letzten beiden Urlaubstage damit, Fachbücher zu wälzen. Sie suchte nach Antworten auf Fragen, die sie nicht mal in Worte fassen konnte. Und die ihr auch kein Buch dieser Welt beantworten konnte, weil sie sich alle um Severus drehten. Trotzdem las sie weiter, denn das war verdammt noch mal das einzige, das sie tun konnte! Das und Seite um Seite ihres Tagebuchs mit all den Fragen und Gedanken und Überlegungen zu füllen in der Hoffnung, dass irgendetwas davon aufhören würde, sich in ihrem Kopf zu drehen.
Aber auch das passierte nicht.
Was dafür passierte, war Ginny. Sie stand plötzlich vor ihrer Tür, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, die Arme vor der Brust verschränkt, den Zauberstab in der Hand, so als hätte sie sich selbst Zutritt verschafft, wenn Hermine ihr nicht die Tür geöffnet hätte.
„Was machst du denn hier?", fragte Hermine verdutzt.
„Ich wollte schauen, ob du noch lebst."
„Warum sollte ich nicht?"
„Ich weiß es nicht. Aber da ich seit vier Tagen vergeblich versucht habe, dich zu erreichen, hab ich mir Sorgen gemacht."
Die Erkenntnis sickerte Hermines Rücken hinab, als hätte ihr jemand einen Eiswürfel in den Kragen gesteckt. „Ich hab vergessen, deine Patroni zu beantworten."
„Ja. Und du hast vergessen, deinen Kamin zu beantworten. Dreimal. Und du hast auch die Eule vergessen zu beantworten."
„Es tut mir so leid!"
Ginny seufzte. „Lässt du mich denn jetzt wenigstens rein?"
Hermine warf einen Blick über ihre Schulter. „Ähm …" Das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall lagen offene Bücher, beschriebene Pergamente und Seiten aus einem normalen Notizblock herum. Dazwischen standen benutzte Teetassen, dreckige Teller und diverse Schachteln von Lieferdiensten der Umgebung. Sie hatte seit drei Tagen nicht mehr gelüftet und war sich nicht einmal sicher, wann sie das letzte Mal frische Kleidung angezogen hatte. „Wenn es okay für dich ist, kurz in der Küche zu warten? Ich muss … ein paar Sachen wegräumen."
Ginny nickte resigniert. „Meinetwegen."
Während sie also in die Küche ging, stolperte Hermine ins Wohnzimmer und versuchte, inmitten des Chaos ihren Zauberstab zu finden. Es war eine Weile her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie schob Papiere und Pergamente zusammen, klappte Bücher zu und stapelte sie mit dem Buchschnitt nach vorn und dem Cover nach unten in der Ecke neben dem Kamin und als sie endlich ihren Zauberstab gefunden hatte (er war halb unter die Couch gerollt), hatte sie schon fast alles, das mit Severus zu tun hatte, weggeräumt.
Zumindest konnte sie nun die Spuren ihrer in den letzten Tagen zweifelhaften Ernährung magisch beseitigen und erst, als sie einen Frischluftzauber anwandte, wurde ihr selbst bewusst, wie schlecht die Luft hier gewesen war.
Bevor sie Ginny in der Küche abholte, machte Hermine einen Umweg über ihr Schlafzimmer und zog sich rasch um. Ein Blick in den Spiegel verriet ihr, dass auch eine Dusche sich positiv auf ihr äußeres Erscheinungsbild ausgewirkt hätte; nun musste es reichen, die wilden Locken zusammenzubinden. Ginny hatte sie ja eh schon gesehen.
„Möchtest du auch einen Tee?", fragte sie, als sie die Küche betrat.
„Ja, gern."
Hermine brachte Wasser zum Kochen und hängte Teebeutel in die weiße Kanne. Das Brodeln des Wassers war für einen Moment das einzige Geräusch, dann das Zischen des heißen Wassers in der Kanne. Sie stellte Tassen, Teekanne und Zuckerfässchen auf ein Tablett (die Milch, die noch im Kühlschrank gestanden hatte, war sauer) und ging Ginny voraus ins Wohnzimmer.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich dir nicht geantwortet habe. Ich war … einfach mit den Gedanken woanders", versuchte Hermine sich zu erklären, nachdem sie sich gesetzt hatten.
„Ich kenne deine Phasen, in denen du mit den Gedanken woanders bist, Hermine. Das hier ist extremer. Was ist bloß los mit dir? Ich hab das Gefühl, seitdem du dieses mysteriöse Projekt neben der Arbeit hast, bist du nicht mehr du selbst."
Hermine nahm ihre Tasse in die Hand und lehnte sich auf der Couch zurück, während sie darüber nachdachte, wie sie Ginnys Sorgen zerstreuen könnte. „Das Projekt nimmt mich sehr ein. Es fordert mich. In meinem Kopf ist gerade nicht viel Platz für anderes."
„Ja, das sehe ich. Wann hast du das letzte Mal geduscht?"
„Ist ein paar Tage her", gab Hermine zu und steckte ihre Nase in die Tasse, um Ginny dabei nicht ansehen zu müssen.
„Ich mach mir Sorgen um dich, Mine."
Hermine seufzte. „Es geht mir gut."
Ginny runzelte die Stirn. „Das sagst du zumindest."
Sie spürte, wie sie ungeduldig wurde. „Soll ich es dir etwa vortanzen?"
Ginny sah sie sprachlos an.
Klirrend stellte Hermine die Tasse auf den Tisch und seufzte. „Es tut mir leid, das war nicht fair. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du dich um mich sorgst und es tut mir aufrichtig leid, dass ich in den letzten Tagen nicht auf deine Versuche reagiert habe, mit mir zu reden. Ich werde aufpassen, dass das nicht nochmal passiert. Ich will nicht, dass du dir Sorgen um mich machst."
„Ich werde mir immer Sorgen machen, ich bin eine Mutter." Ginny zuckte mit den Schultern. „Aber es ist nicht nur das … Das erste Mal, als du so abwesend warst, standest du unter dem Einfluss eines Fluches und wärst beinahe gestorben. Beim letzten Mal … war deine Mum gerade gestorben und du hast eine Woche lang auf dem Flur gelebt."
„Das war keine Woche", wandte Hermine halbherzig ein.
Ginny sah sie an. „Ich hab einfach Angst um dich."
Hermine griff nach ihrer Hand. „Kein Fluch, keine Lebensgefahr, keine Depression, das verspreche ich dir! Es fällt mir auch nicht leicht, mit niemandem reden zu können über dieses Projekt. Ich hab so viele Gedanken im Kopf … Ich wünschte, ich könnte sie mit jemandem teilen. Aber das geht nicht."
„Das tut dir nicht gut."
„Ich weiß. Morgen muss ich wieder zur Arbeit, dann komm ich auf andere Gedanken. Zumindest zwingt es mich dazu, regelmäßig zu duschen." Hermine lächelte und war erleichtert, als Ginny es erwiderte.
„Du solltest darum bitten, wenigstens eine Person in dieses Projekt mit einbeziehen zu dürfen."
„Ja, vielleicht mach ich das", entgegnete Hermine. „Danke, dass du mich immer noch magst."
„Das werde ich immer!"
