Kapitel 17a
Donnerstag, 8. August 2002
Vormittag und Nachmittag
War es Zufall, dass sie ihre jeweiligen Zimmer beinahe zeitgleich verließen und sich am oberen Ende der Treppe trafen, oder war es eine Form von Schicksalsfügung? Hermione wusste es nicht, noch kümmerte sie irgendetwas außer der Art und Weise, wie ihr Herz schneller schlug, wenn sie ihn sah, sein Gesicht raubvogelgleich und eindrucksvoll über seiner Regency-Krawatte. Durch die Wand hatten sie sich bis in die späten Nachtstunden unterhalten, und sie hatte ihm Dinge anvertraut, über die sie nie zuvor mit einer anderen Seele laut gesprochen hatte. Noch einnehmender waren seine ruhigen Beiträge gewesen, denn auch wenn er es nicht gesagt hatte, hatte Hermione den Verdacht, dass es Jahrzehnte her war – wenn überhaupt –, seit er eine Vertraute gehabt hatte.
„Guten Morgen", murmelte sie und sah ihm direkt in die Augen.
Ein seltsamer Reiz lag im Verziehen seiner Lippen, während er ihren Blick kontinuierlich erwiderte. „Überraschenderweise", stimmte er zu und bot ihr seinen Arm.
Mit einem Gefühl überwältigender Zufriedenheit legte Hermione ihre Hand auf seinen Arm, und sie stiegen schweigend zusammen durch die Stockwerke des Schlosses hinab … in perfektem Einvernehmen.
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Der Regen vom Vortag war vergangen, und am Vormittag war die Feuchtigkeit zu einer ziemlich schwülen Hitze verdampft. Der Tanzunterricht war auf zwei Stunden erweitert worden, um den Gästen Hilfestellung zu bieten, sich auf den ländlichen Tanzabend an diesem Tag vorzubereiten. Entsprechend übten sie den Sir Roger de Coverley* und Mr Beveridge's Maggot*, bis sogar McGonagall sie dafür lobte, dass sich niemand in die falsche Richtung bewegte.
Voller Selbstvertrauen und Zufriedenheit trennten sich die Tänzer anschließend, um mit ihren verschiedenen anderen Projekten fortzufahren. Einige flohten nach Malfoy Manor für einen angenehmen Ritt, und einige andere gingen zu den angebotenen Kursen. Für die Schauspieler war jedoch eine Probe vorgesehen, die den größten Teil des Tages einnehmen würde, denn am nächsten Tag sollten sie Teile aus Ein Mittsommernachtstraum zur Unterhaltung ihrer Mitgäste aufführen.
George Weasley verbrachte einen höchst unzufriedenstellenden Vormittag mit dem Versuch, seine Schauspieler dazu zu überreden, an ihren Rollen zu arbeiten. Diejenigen, die sich wie Ron und Romilda und Fin und Penny zu Paaren gefunden hatten, schienen weit mehr daran interessiert zu sein, miteinander zu flüstern, als seinen Instruktionen Folge zu leisten, und sogar seine eigenen Eltern, die die Feenkönigin und den Feenkönig spielten, schenkten ihm nicht viel Aufmerksamkeit, sondern tratschten mit Professor Mortelle.
Mit frustriert zusammengebissenen Zähnen wandte George seinen versammelten Schauspielern den Rücken zu und warf sein Skript auf den Tisch. Luna, die immer feinfühlig auf seine Stimmungen reagierte, berührte sacht seinen Arm.
„Warum gehst du nicht eine Runde nach draußen?", schlug sie vor, und ihre grauen Augen waren groß und besorgt. „Ich räume mit den Schlickschlumpfen auf, weißt du, und wenn du zurück bist, wirst du dich viel besser fühlen."
George konnte das schiefe Grinsen nicht unterdrücken, das ihre Ankündigung auslöste. Was zum Teufel war ein Schlickschlumpf?
„Mach dir keine Sorgen wegen der Probe", drängte sie, „Ich werde alle anleiten, bis du zurück bist."
George tätschelte die Hand auf seinem Arm. „Du bist eine großartige Assistentin", sagte er ernsthaft und beobachtete mit einigem Interesse, wie ihre Wangen sich leuchtend rosa färbten.
„Ich kümmere mich hier um alles", wiederholte sie und trat von ihm weg.
George brauchte keinen weiteren Ansporn. Für ein paar Minuten das Vorzimmer zu verlassen, war der allerbeste Vorschlag und würde vermutlich verhindern, dass Blut floss.
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Arthur bemerkte es nicht, als sein Sohn das Vorzimmer verließ. Er hörte seiner Molly zu, die sich mit Leticia Mortelle über die besten magischen Reinigungsmöglichkeiten von Vorhängen austauschte. Auch Lucius Malfoy lauschte den Hexen. Arthur würde den älteren Malfoy niemals mögen; es war bei beiden zu viel vorgefallen, als dass sie Freundschaft vorgäben. Dennoch hatte Malfoys Umerziehung offensichtlich eine große Veränderung bezüglich seines Standpunkts gegenüber Menschen bewirkt, die seine Weltsicht nicht teilten. In den letzten vier Jahren war seitens des Mannes kein einziges verächtliches Wort gefallen, und Arthur musste die augenscheinliche Veränderung bewundern, egal, ob sie wirklich stattgefunden hatte oder nicht.
Seltsamerweise war es Luna Lovegood, die Mollys und Leticias traulichen Austausch über Haushaltsfragen unterbrach. In einem süßen, echten Sopran begann sie, ein Liebeslied aus dem neunzehnten Jahrhundert zu singen. Einer nach dem anderen unterließen die Schauspieler ihre persönlichen Gespräche, um ihre Blicke dem anscheinend selbstvergessenen Mädchen zuzuwenden. Sie sang eine ganze Strophe des Liedes, und als sie fertig war, schaute sie in die nun aufmerksame Gruppe.
„Danke", sagte sie, obwohl ihr niemand applaudiert hatte. Stattdessen schien die Dankbarkeit ihrer Aufmerksamkeit zu gelten. „Ich verstehe, dass dies für alle ein Ferienspaß ist. Wir möchten, dass die Teilnahme am Schauspiel auch ein freudvolles Erlebnis ist." Sie stand vor ihnen und schaute jede einzelne Person nacheinander an und suchte Blickkontakt, ehe ihre Augen sich zum nächsten Gesicht weiterbewegten. „Dieselben Zeilen immer wieder zu üben, kann langweilig sein – aber wenn wir nicht üben, werden wir in unserer Aufführung nicht gut sein, oder? Und wir möchten gut sein, damit die Aufführung für uns und für unser Publikum ein Spaß wird – schließlich sind sie auch in den Ferien, und sie wollen Spaß daran haben, wenn sie uns das Stück spielen sehen." Sie hielt inne und holte Luft, ehe sie fortfuhr, und ihre Zuhörer saßen in respektvollem, aufmerksamem Schweigen da. „George hätte diese Aufgabe nicht übernehmen müssen, wissen Sie. Auch er hat Urlaub, aber er wollte es tun, für Hogwarts. Es gibt nichts, das George mehr liebt als Spaß, und wenn wir ihn lassen, wird er unsere Proben auch zu einem Vergnügen machen." Ihr Stimme schwankte ein klein wenig, als sie sagte, „Er ist der beste Mensch, den ich kenne. Ich hoffe, wir alle können dem, worum er uns bittet, von jetzt an mehr Aufmerksamkeit schenken, damit wir alle stolz darauf sein können, was wir geschafft haben, wenn die Aufführung vorbei ist "
Mit leuchtenden, spekulativen Augen wandte Molly ihr Gesicht Arthur zu. Molly war eine liebevolle Mutter; sie liebte nichts mehr, als Lob für ihre Kinder zu hören. Aber Arthur erkannte das Funkeln in diesen braunen Augen, als sie aufstand, um zur Frontseite des Zimmers zu gehen und Luna in eine Umarmung zu ziehen.
Du liebe Zeit. Jetzt hatte seine Molly ein Projekt.
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Nach dem Mittagessen zog sich Severus in sein Büro zurück, weil Hermione ein Treffen mit ihren Helfern wegen der Arrangements für das ländliche Tanzfest an diesem Abend hatte. Sie beherrschte jeden seiner Gedanken. Er dinierte mit ihr, tanzte mit ihr, ritt mit ihr, und in der Nacht machte er mit ihr Bettgeflüster ohne Bett, durch die Wand wie ein sentimentaler Schuljunge.
Ganz klar litt er an einem frühen Anfall seniler Demenz, wenn er sich einbildete, Hermione Granger habe eine emotionale Zuneigung zu ihm. Einmal hatte er geglaubt, ein weibliches Wesen fühle sich zu ihm hingezogen, und er war auf spektakuläre Weise eines Besseren belehrt worden. Er hatte nicht vor, solch eine Narretei wieder zu riskieren.
Ruhelos wechselte er zu seinem Schreibtisch und nahm Platz. Sicher gab es so kurz vor Schuljahrsbeginn Papierkram zu erledigen, der die Aufmerksamkeit des Schulleiters erforderte – aber nein, sein Schreibtisch war bis auf einen Satz antiker Spielkarten leer, deren Farbe zu einem Elfenbeinton gealtert war, und die er nach dem Pokerspiel nicht weggeräumt hatte. Er nahm sie in die Hand und mischte sie ein- oder zweimal, dann legte er ein Blatt Solitaire auf.
„Mit diesen Karten wirst du nie ein Spiel Solitaire gewinnen."
Severus spürte ein irritiertes Zucken, und er machte sich nicht die Mühe, es zu verbergen, als er sich umdrehte und Dumbledores Portrait anstarrte.
„Wovon redest du?", schnappte er.
Das Portrait grinste. „Natürlich von magischen Karten."
Severus fühlte sich, als sei ein dicker Eisblock aus großer Höhe in seinem Bauch gelandet, und die Kälte begann sich nach oben und außen zu stehlen. „Was hast du getan, alter Mann?", spie er aus und focht gegen das schleichende Grauen an, das sich wie Gift mit der Kälte ausbreitete.
Das joviale Aussehen des Portraits blieb unverändert. „Nichts, nur Karten zur Verfügung gestellt, als du sie brauchtest, Severus."
Severus kniff die Augen zusammen und verschränkte die Arme kompromisslos vor der Brust. „Du hast nie irgendjemandem irgendetwas ohne Hintergedanken zur Verfügung gestellt – in all den Jahren nicht, seit ich dich kenne."
Das Portrait nickte, und der lächerliche Pokerhut verrutschte. „Stimmt! Wie sonst sollte ich meine Schokoladenkessel bekommen? Ganz zu schweigen von diesem wunderbaren Hut!" Er rückte den fraglichen Hut auf seinem langen weißen Haar wieder gerade.
Severus sprang auf die Füße, die Fäuste in die Seiten gestemmt. „Es ist völlig unmöglich, dich ernst zu nehmen, wenn du diesen lächerlichen Hut trägst!", rief er. Er trat drohend einen Schritt vor und schob sein Gesicht bis auf wenige Zentimeter an das Gemälde heran. „Wenn du in deinem pigmentierten, zweidimensionalen Leben jemals wieder Süßigkeiten bekommen willst, erzählst du es mir jetzt, alter Mann! Was sind die magischen Eigenschaften dieser Karten?"
Der unterträgliche alte Bock hatte die Frechheit, ihn anzufunkeln. „Sicher, Severus", sagte er liebenswürdig und ließ den Hut auf seinen Schoß fallen. „Ich habe danach gelechzt, dass du nach den Karten fragst. Weißt du, ein Portrait zu sein, liefert einen gewissen … Mangel an Tiefe in der Existenz eines Zauberers."
Severus wich ein wenig zurück, abgestoßen von dem überschwänglichen, vertrauensseligen Ton. „Los jetzt!", befahl er.
Dumbledore nickte artig. „Die Karten sind verzaubert, siehst du, damit ein verdienstvoller Spieler bei passender Gelegenheit sein … geheimer Herzenswunsch erfüllt wird."
Severus ignorierte die Alarmglocken in seinem Hinterkopf und grinste überaus höhnisch. „Und was, bitteschön, ist dieser mysteriöse Wunsch?"
Dumbledore lächelte engelhaft. „Bei dir, lieber Junge, eine Seelengefährtin. Bei Mr Weasley die Freiheit, seine zu finden."
Severus stieß ein bellendes, rüdes Lachen aus. „Das ist der lächerlichste Haufen Pixiescheiße, der mir je untergekommen ist." Er beugte sich näher und zischte, „Sag die Wahrheit!"
Dumbledores Lächeln verblasste, aber trotz alledem war seine Gelassenheit ungeschmälert. „Du findest die Wahrheit unwahrscheinlich, ich verstehe. Warum erzählst du mir nicht deine Version?"
Severus holte tief Luft, und seine Nasenflügel blähten sich. „Ich habe keine Seelengefährtin!", fauchte er. „Mir wurde über die Maßen deutlich klargemacht, dass mir ein Leben in Einsamkeit bestimmt ist!"
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Nein, Severus. Das ist die Entscheidung, die du getroffen hast, keine unverrückbare Naturgewalt."
Der alte Mann breitete seine Hände aus und lehnte sich nach vorn, und seine Stimme nahm einen überredenden Ton an, den Severus viele Male zuvor gehört hatte.
„Der Krieg ist vorbei. Du hast das Leben geopfert, das andere Männer deiner Generation in diesen letzten zwanzig Jahren genossen haben, indem du dich dem Dienst an anderen verschrieben hast – dem übergeordneten Wohl, wie die Dinge lagen. Jetzt ist es an der Zeit, den Preis einzufordern, den du dir erarbeitet hast, und den du so sehr verdienst!"
Das Alarmglöckchen in Severus' Hinterkopf begann wie eine Warnglocke zu läuten. „Aber … HERMIONE GRANGER?", krächzte er und war nicht in der Lage, den panischen Anklang in seiner Stimme zu verbergen. „Was habe ich getan, um dieses Elend zu verdienen?"
Dumbledore lachte laut, und alle Durchtriebenheit schien von ihm abzufallen. „Ich habe Miss Granger nicht ausgesucht, und du kannst kaum die Karten beschuldigen. Sie ist deine Wahl!" Er grinste ungeniert. „Ah, Severus, du bist mir eine Freude."
Severus begann auf- und abzugehen, aber der alte Mann fuhr fort zu plaudern und ließ ihm keinen Frieden.
„Du warst ein Spion, ein Lehrer, ein Schulleiter, ein Held – jetzt sei einfach ein Mann, lieber Junge. Tu es für dich selbst. Das ist es letztlich, weshalb die Karten ausgeteilt wurden!"
Die eisige Kälte schien das Blut in Severus' Adern ersetzt zu haben, und jetzt floss das Grauen ungehindert und durchdrang jedes Gefäß in seinem Körper. Zornig wirbelte er herum, schritt zur Tür und sprach beim Gehen.
„Setz den verdammten Hut wieder auf, Albus, – mit ihm bist du vernünftiger."
Die Bürotür krachte so fest ins Schloss, das die Portraitrahmen an ihren Haken klapperten. Dumbledore setzte den Pokerhut auf seinen Kopf, packte einen Schokoladenkessel aus und schob ihn sich mit echtem Vergnügen in den Mund. „Ich glaube, das ist ziemlich gut gelaufen, nicht wahr?", fragte niemand Bestimmten.
Und von den anderen Portraits, die an den Wänden hingen, kam einstimmig zustimmendes Gemurmel.
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Hermione kleidete sich sorgfältig für das Abendessen an und summte dabei ihre jetzt übliche, fröhliche Melodie. Seit dem Mittagessen hatte sie Severus nicht gesehen, was ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Für ihren ersten gemeinsamen Tanz in der Öffentlichkeit wollte sie bestens aussehen. Sie lehnte das Foto, das sie in der Bibliothek gefunden hatte, an den Spiegel ihres Toilettentischs, während sie ihr Haar frisierte. Es war ein Portraitfoto einer Regencydame; ihr Haar war wie das einer griechischen Statue arrangiert, und Hermione ahmte den Stil nach. Als sie mit der Wirkung zufrieden war, befestigte sie die Perlen um ihren Hals und bemerkte kaum mehr den sehr tiefen, quadratischen Ausschnitt ihres Abendkleides.
Sie trug blaugrünen Crêpe über einem weißen Satinunterkleid. Die breite Borte am Saum des Rocks war aus weißem Tüll, der mit winzigen lavendelfarbenen und blauen Girlanden bestickt war. Kurze, weite Ärmel waren mit feiner Netzspitze besetzt; der Rand des Ausschnitts trug den gleichen Besatz. Sie streifte weiße Ziegenlederhandschuhe über, die bis über den Ellenbogen reichten, und an den Füßen trug sie blaue Satinslipper. Das Kleid war nicht so fein wie dasjenige, das sie auf dem formellen Ball am letzten Abend der Regency-Woche tragen würde, aber es war sehr schön, und sie fühlte sich wie eine Prinzessin darin.
Sie ging zum Treppenabsatz in der Hoffnung, dort wie am Morgen Severus vorzufinden, aber sie sah ihn nicht. Sie war noch immer zuversichtlich; er hatte sich vermutlich schneller als sie angekleidet und würde sich im Salon aufhalten und darauf warten, ihr ein Glas Sherry zu holen. Sie ging hinunter und erinnerte sich glücklich daran, wie sie an seiner Seite durch die sommergrünen Felder geritten war, nicht länger von der Longe festgehalten wie eine Schülerin, sondern als ihm gleichwertige Reiterin. Das Gefühl glich nichts, was sie bisher erlebt hatte, es war vielmehr etwas, das sie sich sehr wünschte, weiter zu erforschen.
Um das zu tun, müsste sie ihn allein sehen.
Im Salon war er jedoch nirgendwo zu sehen, und she begann sich zu fragen, ob irgendein Notfall ihn aufhielt. Sollte sie einen Hauselfen schicken, nach ihm zu fragen? Aber Gäste kamen näher, lächelten und erzählten, und bald war sie anderweitig beschäftigt.
Sicher würde er zum Abendessen erscheinen.
