div class="chaptertext"Sie wartete auf ihn – und das schon eine Weile. Die Zeit rückte voran – sie bemerkte es am Stand der Sonne. Doch er schien nicht zu kommen. Nicht. Aber gestern noch hatte er sie um ein weiteres Treffen gebeten, hatte sie ganz leis' gefragt, ob er sie heute wiedersehen dürfte. So verhalten, beinahe schüchtern hatte er sie gefragt, da ihr Kopf noch auf seiner Brust ruhte und er sie hielt. br /br /„Mary", hatte er gefragt, „darf ich das?"br /br /Sie hatte den Kopf gehoben, in seine Richtung gesehen, wusste ja, dass er im Gras lag, halb unter ihr, und hatte nach seiner Wange getastet. „Ich werde da sein."br /br /Und nun, nun war sie da. Er aber kam nicht. Was konnte geschehen sein? Doch hoffentlich nichts Schlimmes? Aber wäre er dann nicht gekommen? Oder … oder … verhielt es sich ganz anders? Gab's einen Grund für sein Fernbleiben? Ihr Herzschlag beschleunigte sich. br /br /Nun, sie hatten gestern, kurz bevor sie sich trennten, ein Thema angesprochen, das sie beide nicht glücklich machte. Sie hatte es gespürt, an dem, wie er reagierte. Und auch sie hatte sich ungut dabei gefühlt. Aber angesprochen gehörte es ihrer Meinung nach. Je früher desto besser … Das fand sie. Und so hatte sie – ach, dieses unsägliche Thema. Aber sie lebten nun einmal nicht im luftleeren Raum, sondern hier und jetzt. Sie waren beide verheiratet, wenn auch nicht glücklich. Er hatte obendrein /br /Konnte es sein, dass sie ihn mit ihren Gedanken, die sie freilich nur andeutete, verschreckt hatte? Dass er nun deswegen nicht mehr kam? Wenn ja, dann … dann … oh …br /br /Mary blieb noch eine Weile am vereinbarten Treffpunkt, unter dem Baum sitzen. Sie wollte noch nicht nach Haus, wollte warten, weil sie … – doch er kam nicht. Und so nahm sie sich schließlich ein Herz, fuhr Bandit kurz durchs Fell, erhob sich dann und ging auf die Wiese hinaus. Dort ließ sie sich nieder, den Blick gen Westen /br /Es war wohl besser so, dass sie sich, ja, dass sie sich nicht mehr treffen würden. Denn, wo führte das hin? Wie würde es enden?br /br /Tränen traten Mary in die Augen, aber sie wischte sie nicht weg, ließ sie einfach laufen, die Wangen hinab – und „sah" weiterhin gen Westen, der sich nun übers Land neigenden Sonne /br /Vielleicht dachte er gerade, daheim in seinem Laden, über all das nach? Oder saß auch er auf einer dieser vielen Wiesen, sah gen Westen? Er hatte ihr erzählt, dass er die Wiesen am liebsten hätte. Sie und den Creek – er angelte doch so gern. Ja, oder war er angeln? Und sann er dort über all das nach? Über sie und sich selbst und darüber, wie es weitergehen würde, ja konnte?br /br /Mary schniefte leise, da ihr bewusst wurde, dass dieser Verliebtheit – oder wie auch immer man es nennen mochte – keine Zukunft beschieden war. Das, was sie hatten und was sie miteinander verband – oder verbunden hatte – das spielte sich gleich einer Fata Morgana, ganz fern am Horizont ab. Es war die Spiegelung einer anderen Realität, sofern es so etwas überhaupt gab. Fühlte sich echt an, doch sobald man danach greifen wollte, um es vollends zu spüren, zerstob dieses Bild in der Luft. Es war nicht mehr, als ein Haschen nach Wind – auch wenn es, anders als es der Prediger sagte, nicht nichtig /br /Mary blieb an diesem Abend lang dort sitzen. Die Sonne war schon längt untergangen und färbte den Himmel erst rot, dann orange – bevor die ersten Ausläufer der Nacht die Farben zu ersticken begannen. Sie blieb auch, da der Wind leicht auffrischte, blieb, um sich auf das nun kräftiger werdende Rauschen der Halme um sie her zu /br /Im Grunde war es richtig, was Nels tat, wegzubleiben. Aber vielleicht sollten sie noch einmal darüber reden? Ganz sicher würden sie das. Aber erst einmal … Wieder traten ihr Tränen in die Augen und sie fühlte sich so hilflos und allein. Zwar war sie ein Mensch, der seine Gefühle sehr gut verbergen konnte, der selten über sich selber sprach, um sich nicht vorzudrängen, gar in den Mittelpunkt zu stellen, doch diesmal würde sie gern mit jemandem darüber sprechen. Und doch wusste sie, dass sie das nicht durfte. Weder ihrer Mutter noch ihren Geschwistern konnte sie sich anvertrauen. Der einzige, der davon erfahren durfte, war Reverend Alden. Ja, dem könnte sie, dem müsste sie sich sogar öffnen – und das noch vor dem nächsten Abendmahl …, darauf hoffend, dass er ihre Einsicht in die begangene Sünde als ausreichend betrachtete und ihr den erlösenden Segen gä /br /Mary schlief in der Nacht nicht gut, erwachte immer wieder, wälzte sich im Bett hin und her, ehe sie in den frühen Morgenstunden endlich in eine Art Dämmerschlaf /br /br /br /Nels trieb die Pferde zu schnellem Lauf gen Plum Creek. Sein Entschluss stand fest. Er hatte lange darüber nachgedacht. Gestern, den ganzen Tag, die Nacht über auch. Müde war er und erschöpft. Und er fragte sich wieder, ob es wirklich zielführend sei, ob nicht besser … Aber was sollte er denn tun? Was blieb ihm für eine Möglichkeit?br /br /Seinen Blick hielt er starr auf die Pferde gerichtete. Die an ihm vorbeifliegenden Wiesen und Haine nahm er nicht wahr. Auch den Sommerwind nicht, der noch mehr Hitze übers Land trieb und das schon so früh am Morgen. In einer Stunde erst würde er den Laden öffnen. Und bis dahin würde er es geschafft haben müssen – so dachte, ja, hoffte er. Und sein Herz raste ihm im Leib /br /Kaum auf der Farm der Ingalls angekommen, sprang er vom Wagen, holte tief Luft, klopfte dann an die Tür des kleinen Hauses, das Charles einst /br /„Mrs Ingalls?", rief er. „Caroline, sind Sie da?"br /br /Einen Moment später öffnete sich die Tür und Caroline erschien, sah ihn verwundert an. „Mister Oleson? Nels? Was gibt's? Was treibt Sie zu uns zu so früher Stunde?"br /br /„Ich, nun, Caroline. Verzeihen Sie mein ungebührlich frühes Erscheinen."br /br /Nels wich ihrem fragenden Blick aus und fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Es eilt sehr, erlaubt keinen Aufschub. Ist Ihre Tochter Mary zugegen?"br /br /Caroline zog die Stirn kraus und Nels befürchtete schon, dass sie den Kopf schütteln würde, doch sagte sie dann: „Wenn es eilt und keinen Aufschub erlaubt … dann warten Sie kurz, sie wird zu Ihnen herauskommen …"br /br /Nels nickte hastig, holte tief Luft. Er war so aufgeregt./div
