Hoffnung in dunkler Stunde
Mit einem Blitz materialisierte sich Ciri mit Avallac'h im Arm mitten im Flüchtlingslager. Erschrocken fuhren die Heerführer zurück.
»Zireael, was soll das?!«, brauste der Aen Elle auf.
»Dich retten!«, keifte sie zurück. »Wonach sieht es denn sonst aus? Der Drache allein war kein Gegner allein für dich und mit Caranthir zusammen erst recht nicht!«
»Ich hatte alles unter Kontrolle! Du ungestümes Kind!«
»Das habe ich gesehen! Einen Moment länger und Caranthir hätte deine Verteidigung durchbrochen! Ohne mich wärst du nur noch ein Rußfleck!«
»Genug!«, fuhr Geralt dazwischen. »Ciri, du hättest sterben können.«
»Du nicht auch noch!«, giftete sie ihn an. Mit einem wütenden Schnauben machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte davon.
»Ich verlange zu wissen, was geschehen ist!« Aragorn war der Erste, der sich von Ciris plötzlichem Auftauchen wieder erholt hatte. »Was ist mit dem Drachen, der meine Stadt niederbrennt?«
»Ich fürchte, dass er nun im Königspalast sitzt«, räumte Avallac'h etwas zögernd ein. »Mir ist es nicht gelungen, ihn zu töten. Ich hoffe, ich konnte ihn wenigstes lang genug beschäftigen, damit die letzten Flüchtlinge entkommen können.«
Sie befanden sich mitten in den Bergen auf einem verborgenen Pass, den nur wenige Außenstehende kannten. Es war Aragorns Rückzugsplan gewesen, die Bevölkerung hierher in Sicherheit zu bringen, sollte die Stadt fallen. Niemand hatte damit gerechnet, dass das so schnell geschehen würde. Noch immer hasteten Flüchtende an ihnen vorbei in die Höhlen, zu denen der Pass führte, doch es waren weitaus weniger, als sie gehofft hatten.
Legolas sah zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Jetzt, wo die Hitze des Gefechts allmählich abklang, wusste er nicht, was er von alldem halten sollte. War er froh, dass ihr nichts geschehen war? Oder war er vielmehr entsetzt über das, was sie angerichtet hatte? Er selbst hatte von seinen Leuten gerade einmal eine Hundertschaft retten können, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Die meisten seiner Soldaten waren gleich im ersten Feuersturm ums Leben gekommen. Entsetzen schnürte seine Kehle zu, wenn er auch nur daran dachte. Er selbst hatte mit seinen Freunden und seiner Leibwache nur wegen Avallac'hs Magie überlebt.
»Aragorn, wir müssen weiter und uns selbst in Sicherheit bringen«, drängte Elladan. »Die letzten werden auch bald hier sein und Arwen und die Kinder sind schon in den Höhlen.«
Aragorn fiel es sichtlich schwer sich einzugestehen, dass er Minas Tirith verloren hatte. Legolas konnte ihn nur allzu gut nachvollziehen. Doch sie wandten sich zum Gehen und schlossen zu den Flüchtenden auf, die sich bereits in den Höhlen versammelt hatten. Als auch die letzten Menschen, auf die sie hoffen konnten, zu ihnen gestoßen waren, versiegelten die die Eingänge hinter sich. Mit einem Male hatte Legolas das Gefühl, gefangen zu sein, abgeschnitten von alldem, was Leben bedeutete. Tot. Er merkte, wie Angst seine Kehle zuschnürte.
»Die Höhlen haben andere Ausgänge«, sagte Gimli neben ihm. Offenbar hatte er erraten können, was Legolas ängstigte. »Vertrau dieser Zwergennase, die liegt bei so etwas nie falsch.«
Legolas versuchte sich an einem Lächeln, vermutete aber, dass es eher zu einer Grimasse verkam.
Aragorn hatte bereits befohlen, dass eine Bestandsaufnahme der Flüchtenden gemacht wurde und die Verwundeten versorgt wurden, so gut es eben ging. Dann berief er die Heerführer zu einer Lagebesprechung zu sich.
»Ein Drache sitzt auf den Trümmern meines Palastes und hat meine Stadt niedergebrannt«, begann er. »Und als wäre das noch nicht genug, zieht nun eine unbekannte Armee durch meine Lande und vernichtet alles in ihrem Weg.«
»Eine Rückeroberung steht außer Frage, doch unsere Armee ist ausgedünnt und zersplittert«, sagte General Ohtur. »Ich schlage vor, dass wir hier wieder zu neuen Kräften kommen und derweil Späher aussenden, die für uns die Lage auskundschaften. Wir können Gondor nicht sich selbst überlassen und uns in den Norden zurückziehen.«
»Auf gar keinen Fall!«, bekräftigte Aragorn. »Faramirs Waldläufer können uns dabei von enormer Nützlichkeit sein.« Dieser nickte bei diesen Worten. »Legolas, kann ich auf dich zählen?«
Legolas ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Während sich die Menschen in den Höhlen verteilt hatten, waren seine Leute nahe bei ihm, ihrem König, geblieben. Zu viele ängstliche Gesichter sahen zu ihm herüber. Es zerriss ihn förmlich zwischen der Verantwortung für seine Leute und der Loyalität zu seinen Freunden. Was sollte er bloß tun?
Mit einem bedauernden Seufzer schüttelte er den Kopf. »Mit welchen Soldaten, mellon nín? Das ist alles, was von meinem Reich im Süden übrig geblieben ist. Der Rest ist nur noch Asche.«
»Gerade deine Schützen sind von großem Wert gegen den Drachen«, drang Aragorn weiter auf ihn ein.
»Und sie haben genau nichts genützt«, konterte Legolas, wenn auch mit Widerwillen. »Wie gern ich an deiner Seite stehen würde, glaub mir! Aber ich habe einfach nicht mehr die Mittel dazu und muss an meine eigenen Leute denken.« Die Worte waren wie Asche in seinem Mund. Er verabscheute es, sie sagen zu müssen, gaben sie ihm doch das Gefühl, seinen Freund in Zeiten der Not im Stich zu lassen.
»Ich habe eine bessere Idee«, mischte sich Gimli ein. »Aragorn, das Tor hielt bis zum Schluss. Was nachgab, war nicht die zwergische Schmiedekunst, sondern Mörtel und Stein. Lass Legolas seine Leute in Sicherheit bringen, sie haben genug Schrecken in den letzten Tagen erlebt. Ich gehe derweil nach Aglarond und befeuere die Schmieden.«
Freya, seine Frau, sah mit besorgter Miene zu ihm, doch sie nickte. Legolas war froh, dass der Zwergin nichts geschehen war. Er hätte es sich nicht verzeihen können, wenn der Frau seines Freundes in seiner Obhut ein Leid geschehen wäre.
Aragorn wirkte nicht glücklich darüber, doch schließlich nickte er. »Ihr habt Recht. Verzeih mir, Legolas, dass ich das von dir verlangt habe. Es wäre zu viel gewesen.«
Legolas winkte ab. »Ich verstehe dich nur allzu gut. Ich hätte wohl an deiner Stelle nicht anders gehandelt. Und glaub mir, es fällt mir nicht leicht, dir in der Stunde deiner Not den Rücken kehren zu müssen. Doch …« Er räusperte sich. Mit einem Male steckten ihm die Worte, die er als nächstes sagen wollte, ihm Halse fest. »Doch ich bin es, den … sie will. Ich und niemand anderes. So lange ich bei euch bin, bin ich eine Gefahr für euch alle. Findrilas, ich will, dass du unser Volk in den Norden in unsere alten Hallen führst.«
»Und was ist mit dir?«, wollte dieser wissen. »Willst du dich dieser Bestie zum Fraß vorwerfen?«
Legolas konnte nicht abstreiten, dass ihm dieser Gedanke tatsächlich für einen kurzen Augenblick kam. »Ich … weiß es noch nicht«, sagte er stattdessen. »Hierbleiben kann ich aber auf keinen Fall.«
»Falls du das wirklich vorhast, werde ich dich festketten und eigenhändig nach Valinor schleifen, damit dein Vater dir Vernunft einprügeln kann«, drohte Findrilas. Die Sorge um seinen Freund und König sprach ihm deutlich aus dem Gesicht.
»Legolas, komm stattdessen mit mir«, schlug Gimli vor. »Wir können in einer kleinen Gruppe ungesehen entkommen. In Aglarond wird man dich vermutlich nicht als erstes suchen. Dort können wir in Ruhe Ballisten und Bolzen schmieden, stark genug, um einen Drachenpanzer zu durchschlagen.«
Den Gedanken, wer auf diesem Drachen saß, schob Legolas eilig von sich.
»Meine Herren, in aller Ehre, aber wir sollten die Forderungen des Feindes nicht vergessen«, erinnerte sie Ohtur. »Minas Tirith ist nun in seinem Besitz, sein nächstes Ziel wird der Orthanc sein.«
»Und dann Angmar«, schloss Aragorn. »Angmar ist geschliffen, doch wer weiß, was sie aus den Ruinen zusammenkratzen werden. Und Orthanc ist eine Festung, die jeglicher herkömmlichen Armee standhält. Vergessen wir nicht Fangorn. Doch das ist keine herkömmliche Armee. Das Wissen, das im Orthanc liegt, ist … delikat.« Letzteres führte er nicht weiter aus. Nur der König Gondors und Anors hatte vollen Zugriff auf all das verbotene Wissen, das Saruman über all die Jahre angesammelt hatte. Doch seine Freunde konnten sich denken, worum es sich dabei handelte.
»Wir haben jedoch einen Vorteil«, fuhr Aragorn fort. »Die Augen des Königs sind nicht geblendet worden. Ich werde wissen, was im Nan Curunír vor sich geht.«
Der palantír!, durchfuhr es Legolas. Natürlich. Wenigstens ein Hoffnungsschimmer in dunkler Stunde, dass der Sehende Stein von Minas Tirith während der Eroberung der Stadt nicht in die Hände des Feindes gefallen war.
Nun ergriff Éowyn das Wort, die bisher schweigend an der Seite ihres Gemahls saß. »Ich kann versichern, dass mein Bruder, König Éomer, seinen Verbündeten in Gondor in Zeiten der Not beistehen wird. Die Leuchtfeuer wurden entzündet, bald schon wird er von unserer Notlage wissen.«
»Sehr gut«, sagte Aragorn. »Legolas, Gimli, kann ich euch bitten, als meine Boten König Éomer aufzusuchen, wenn ihr nach Aglarond geht?«
»Selbstredend!«, bekräftigte Gimli. Auch Legolas nickte.
Und damit war zunächst alles beredet. Es war an der Zeit, dass auch sie einen kleinen Moment zur Ruhe kamen und ihre Wunden versorgen ließen. Jeder von ihnen hatte es nötig.
