Kapitel 17

Am nächsten Tag stand Hermine ein paar Minuten lang vor den großen Flügeltüren, die ins St.-Mungo-Hospital führten, und fühlte sich … merkwürdig. Sie hatte geduscht und sie hatte gefrühstückt, aber irgendetwas war … anders. Sie fühlte sich fremd in dieser vertrauten Umgebung. Falsch. Sie fühlte sich, als sollte sie gerade ganz woanders sein.

Aber Severus hatte ihr geschrieben, dass er mehr Zeit brauchte und diese Woche noch nicht weitermachen wollte mit seinen Erinnerungen. Er hatte auch geschrieben, dass er ihre Hilfe bei den Tränken gerade nicht brauchte. Jedes Wort in seiner Nachricht hatte höflich geklungen, keines wie ein Vorwurf. Trotzdem fühlte es sich so an.

Sie hatte sich falsch verhalten. Das war eine dieser Situationen gewesen, wegen derer sie seine Bitte ursprünglich hatte ablehnen wollen. Schon wieder. Sie war nicht hilfreich gewesen, vermutlich hatte sie eher alles noch schlimmer gemacht. Sie hatte als Heilerin mit ihm gesprochen, obwohl er … jemand anderen gebraucht hätte. Jedenfalls niemanden, der ihm vorhielt, wie ungesund sein Essverhalten war. Sie hätte …

Hier befahl sie sich aufzuhören. Sie hatte in diesem Gedankenkarussell schon mehr Zeit verbracht, als sie vor sich selbst verantworten konnte. Ein Teil von ihr war dankbar dafür, dass sie sich jetzt wieder mit Arbeit ablenken konnte – auch wenn es sich falsch anfühlte.

Und für Ablenkung hatte die Arbeit schon vor diesem Morgen gesorgt. Entgegen ihrer Abmachung mit Mrs Bucklemore war Hermine für die Janus Thickey-Station eingeteilt worden. Als sie ihren Arbeitsplan gesehen hatte, der am Montag mit einer Eule gekommen war, hatte sie sich mit ihr in Verbindung gesetzt und sie gefragt, was dahinter steckte.

„Befehl von oben", hatte sie gesagt, „Ich kann nichts daran ändern. Aber es ist nur vorübergehend."

Hermine schwante Böses. Es gab nicht viele Gründe, die die Klinikleitung dazu veranlassen könnte, sie für die Janus Thickey-Station einzuplanen, und als sie nun die Station betrat und das Gesicht von Heilerin Strout sah, wusste sie, dass sie recht gehabt hatte.

„Ich hab ihnen gesagt, dass das Blödsinn ist, aber sie haben mir nicht zugehört", sagte die ältere Hexe ohne eine Begrüßung und warf die Hände in die Luft.

„Ich soll mir alle Langzeitpatienten anschauen und gucken, ob ihnen nicht doch zu helfen ist, oder?", fragte Hermine resigniert.

Heilerin Strout nickte. „Die Klinikleitung wittert das große Geld, es tut mir leid, Hermine."

Das St.-Mungo-Hospital arbeitete auf Erfolgsbasis, was bei 99% der Patienten funktionierte, weil sie problemlos geheilt werden konnten. Die Langzeitpatienten hingegen waren der Klinikleitung ein Dorn im Auge. Wenn es ihr gelingen sollte, auch nur einen der Langzeitpatienten zu heilen, würde das eine Menge Geld in die chronisch leere Krankenhauskasse spülen. Dass der unter diesem Aspekt eher unglückliche Patient das Geld erst mal haben musste, wurde dabei wohl geflissentlich übersehen.

Hermine rieb sich die Stirn. „Die wissen aber schon, dass ich bereits mehrere Monate lang hier gearbeitet habe und bei keinem der Patienten den Eindruck hatte, dass ihm noch zu helfen ist?"

„Ich weiß nicht, ob sie das wissen, aber ich hab versucht, es ihnen klar zu machen. Es hört nur niemand zu. Mach was dagegen …" Sie wandte sich um und betrat vor Hermine das Dienstzimmer. „Vielleicht kannst du deine Zeit hier ja nutzen, um uns ein paar Tricks von den Muggeln beizubringen. Dann ist das hier wenigstens für etwas gut."

„Davon war die Klinikleitung letztes Mal auch nicht so richtig begeistert", erinnerte Hermine sie.

Heilerin Strout drehte sich mit einem verschmitzten Lächeln zu ihr um. „Das müssen sie ja nicht wissen. Ich hab ein paar Kollegen angesprochen, von denen ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass sie schweigen können und aufpassen werden, dass niemand mitbekommt, was sie tun. Wir würden uns sehr freuen, wenn du uns ein bisschen was beibringen könntest."

Hermine presste die Lippen aufeinander. Es widerstrebte ihr, etwas gegen die Anweisung der Klinikleitung und des Ministeriums zu tun. Aber genauso widerstrebte es ihr, Methoden nicht zu nutzen, wenn sie doch halfen. „Ich werd es versuchen."

„Prima! Aber jetzt erst mal das Wichtigste." Sie deutete auf ein limonengrünes Stoffpaket auf dem Tisch, das sich als Umhang entpuppte, auf den Hermines Name und das Emblem des St.-Mungo-Hospital gestickt waren. „Herzlichen Glückwunsch zu deiner bestandenen Prüfung, Hermine!"

„Dankeschön!" Hermine nahm ihr den Umhang ab und hielt ihn vor sich in die Höhe. Ein bisschen kribbelte es nun schon in ihrem Bauch.

„Ich erwarte übrigens, dass du jetzt aufhörst, mich 'Heilerin Strout' zu nennen. Ich bin Miriam und nicht mehr deine Chefin – Merlin sei Dank, wenn ich das mal so sagen darf! Jetzt bist du selbst für dich verantwortlich."

Hermine lachte. „Ja, darüber hab ich auch schon nachgedacht. Vielleicht sollte ich jetzt ein bisschen vorsichtiger werden."

„Nein, bloß nicht!", rief Miriam entsetzt. „Bring sie ordentlich ins Schwitzen, sie haben es nicht besser verdient. So, ich muss jetzt los, meine Tochter wartet auf mich. Ich soll auf meine Enkelin aufpassen, damit sie mit ihrem Mann zwei Tage wegfahren kann."

„Oh, ich wünsch dir viel Spaß mit der Kleinen!"

„Den werd ich haben. Ich bin Samstag wieder da, musst du da auch arbeiten?"

„Ja. Ich hab Freitag frei."

„Gut, dann sehen wir uns. Bis dann, Hermine!" Sie wirbelte so schnell aus dem Dienstzimmer, dass Hermine ihr ihre Abschiedsworte hinterherrufen musste.

Als sie alleine war, hob sie den Umhang wieder vor ihr Gesicht und schnaubte leise. Dann zog sie sich um und begann ihre erste Schicht als fertig ausgebildete Heilerin.


Es war eine ereignislose Schicht, wie sie es meistens waren auf der Janus Thickey-Station. Es gab zum Glück nur selten neue Patienten hier und bei den Langzeitpatienten standen immer dieselben Maßnahmen auf dem Plan. Körperpflege, Essen, Medikamente, Beschäftigung für die Patienten, die bei Bewusstsein waren, wieder Essen, wieder Medikamente, wieder Körperpflege. Die meisten dieser Aufgaben erledigten die Medimagier, aber Hermine half gern mit, denn viel anderes hatte sie nicht zu tun. Es musste nur immer ein Heiler anwesend sein.

Obwohl sie es für sinnlos hielt, fing sie trotzdem an, die Patienten neu zu begutachten. Sie zweifelte die Diagnosen ihrer Kollegen nicht an. Severus hatte keine Diagnose gehabt, die Heiler hatten keine Ursache für seinen Zustand gefunden. Bei allen anderen Langzeitpatienten stand die Ursache oft schon seit Jahren fest und es hatte niemals Zweifel daran gegeben – weder für Hermine, noch für ihre Kollegen.

„Hallo Bob", begrüßte Hermine den ersten auf ihrer Liste, einen 56jährigen Mann, der durch einen Fluch von einem beschädigten Zauberstab schwere Hirnschäden davongetragen hatte. In einem Muggelkrankenhaus würde man sagen, er läge im Wachkoma. Hier sagte man: „Pass auf, dass deine Kinder nicht die alten Zauberstäbe von Oma und Opa in die Finger bekommen, denn sonst wirst du möglicherweise menschliches Gemüse." Das war es jedenfalls, was Heiler Higgs gesagt hatte, als er Hermine an ihrem ersten Tag hier die Patienten vorgestellt hatte. Nun sah sie, dass das glücklicherweise nicht als Diagnose in seiner Akte stand, sondern irreparabler Fluchschaden ohne Aussicht auf Besserung. Seine Aufnahme lag inzwischen dreizehn Jahre zurück.

„Ihr Kind weiß vermutlich inzwischen, wie man einen Zauberstab benutzt. Es tut mir leid, dass Sie das nicht mehr erleben können."

Bob starrte an die Decke.

„Die Klinikleitung hat gesagt, ich soll Sie mir nochmal anschauen. Ich denke nicht, dass das viel bringt, auch wenn ich es mir für Sie wünschen würde." Hermine legte seine Akte auf den Tisch neben seinem Bett. „Ich werde Sie jetzt untersuchen, ohne Zauberstab. Ich hoffe, das ist okay für Sie."

Eine halbe Stunde später verließ sie das Zimmer von Bob wieder und machte ein Kreuz vor seinem Namen auf der Liste. Hier war nichts mehr zu retten.

Auf diese Art begutachtete sie in ihrer Schicht vier von insgesamt zweiundzwanzig Langzeitpatienten, unter anderem auch Nevilles Eltern. Es schmerzte sie bei den beiden am meisten, dass ihnen nicht mehr zu helfen war. Sie hätte Neville gern seine Eltern zurückgegeben.

Als sie am Abend in ihre Wohnung zurückkehrte, wurde ihr bewusst, dass sie an diesem Tag tatsächlich wenig an Severus gedacht hatte. Anscheinend hatte sie die Pause-Taste ihres Kopfes wiedergefunden.


Das Problem war nur: Sie brauchte die Pause nicht während der Arbeit, sondern wenn sie abends erschöpft in ihrem Bett lag und schlafen wollte. Aber da gab ihr Kopf dann keine Ruhe mehr. Nicht mal nachdem sie eine Woche nicht mehr bei Severus gewesen war, gab ihr Kopf keine Ruhe. Sie wusste nicht, wie es ihm ging. Sie wusste nicht, womit er sich beschäftigte. Sie wusste nicht, ob seine Versprechen noch galten. Würde er sich auch jetzt noch melden, wenn er Hilfe brauchte? Wollte er überhaupt noch weiter mit ihr an seinen Erinnerungen arbeiten?

Vielleicht wäre es besser, wenn er es nicht täte. Vielleicht sollte sie ihm jemand anderen suchen, der besser dafür geeignet war. Vielleicht … Sie rieb sich stöhnend über das Gesicht. Sie wollte nichts davon tun! Sie wollte nicht aufhören, ihn zu begleiten. Sie wollte … weiter für ihn da sein.

Hermine fühlte sich wie damals, als sie in der Notaufnahme gearbeitet hatte. Sie hatte Patienten in Empfang genommen, sie untersucht, eine Diagnose gestellt und sie – sofern sie stationär behandelt werden mussten – auf die entsprechenden Stationen geschickt. Und danach hatte sie nicht mehr erfahren, wie es mit ihnen weitergegangen war. Sie hatte sich durch diesen Teil ihrer Ausbildung gequält und war ihren Kollegen auf Station auf die Nerven gegangen, weil sie wissen wollte, wie es den Patienten ging, die sie geschickt hatte. Sie war nicht gemacht für Unvollendetes.

Nach einer weiteren nahezu schlaflosen Nacht war sie morgens mit einem Plan aufgestanden. Sie musste mit irgendjemandem reden. Da Severus sie nicht bei sich haben wollte, konnte sie ihn nicht fragen, ob sie jemanden einweihen durfte. Also brauchte sie jemanden, der schon eingeweiht war. Zumindest grob.

Morgens um neun stand sie vor den Toren Hogwarts' und wartete, dass Professor McGonagall sie abholen würde. Sie hatte ihr gegen sieben eine Eule geschickt und gefragt, ob sie vorbeikommen durfte, um acht war die Antwort da gewesen. Natürlich durfte sie.

Hermine sah ihre ehemalige Lehrerin schon von Weitem auf die Tore zukommen. Sie trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Obwohl es tagsüber inzwischen schon fast frühlingshaft warm wurde, war es um diese Uhrzeit und noch dazu auf der Schattenseite des Schlosses empfindlich kalt. Sie hatte sich nicht warm genug angezogen.

Schließlich öffnete Professor McGonagall quietschend das alte, mit Rostflecken übersäte Tor und hieß sie willkommen. „Schön, Sie zu sehen. Kommen Sie rein!"

Hermine folgte ihr über die bekannten Ländereien, durch die Eingangshalle und quer durch das Schloss in Richtung des Schulleiterbüros. Das Schloss schien zu summen, obwohl es überall still war. Der Unterricht lief, aber Hermine konnte die Geschäftigkeit hinter den Türen der Klassenräume fast spüren. Sie fühlte sich zurückversetzt in ihre eigene Schulzeit und das noch mehr, als ein gewaltiges Krachen Professor McGonagall in ein leer stehendes Klassenzimmer eilen ließ. „Peeves!", rief sie zornig.

Hermine schielte um die Ecke und sah, dass der Poltergeist offenbar die Pulte und Stühle aufeinander gestapelt hatte. Natürlich war alles in sich zusammengestürzt. Nun drehte er mit Begeisterung Loopings neben dem Chaos, das er verursacht hatte, versteckte sich aber schnell dahinter, als er Professor McGonagalls Stimme hörte.

„Räum das sofort wieder auf!", befahl Professor McGonagall ihm mit in die Seiten gestemmten Händen. Ihre Augen blitzten hinter den quadratischen Brillengläsern.

Hermine sah, dass Peeves ihr gern widersprochen hätte. Aber sein Respekt vor der Schulleitung war anscheinend zu groß. Er jaulte widerwillig und trat gegen ein abgebrochenes Stuhlbein, das gegen die Tafel knallte und dann in eine Ecke des Raumes schoss.

„Peeves!", wiederholte Professor McGonagall mit einem Ton, der selbst Hermine den Kopf einziehen ließ.

„Mach ich ja", nörgelte der Poltergeist und nachdem Professor McGonagall sich umgedreht hatte, zog er hinter ihrem Rücken eine Grimasse und streckte ihr die Zunge raus.

Professor McGonagall zückte ihren Zauberstab und deutete über ihre Schulter mitten in den Haufen von Pulten, Stühlen und abgebrochenen Holzbeinen. Einer der Stühle verwandelte sich in eine Schatulle, die durch die Luft flog, Peeves einfing und zuklappte, ehe sie auf dem Lehrerpult landete. Sie erzitterte ein paar Mal, während der Poltergeist versuchte, sich daraus zu befreien. Sein Schreien war gedämpft zu hören.

„Das wird ihm hoffentlich eine Lehre sein", sagte Professor McGonagall und winkte Hermine weiter. „Um das Chaos kümmere ich mich später."

„Wie lange wollen Sie ihn da drin lassen?"

„Bis irgendjemand neugierig genug ist, um die Schatulle zu öffnen. Und selbst das wird noch zu früh sein."

Hermine lachte leise. Es hatte sich nicht viel verändert hier in Hogwarts.

Wenige Minuten später hatte Professor McGonagall ihnen von den Hauselfen Tee und ein kleines Frühstück bringen lassen. Hermine war nach wie vor fasziniert von den Portraits der ehemaligen Schulleiter und lächelte, als Professor Dumbledore ihr zuzwinkerte.

„Was führt Sie her?", riss Professor McGonagall sie schließlich aus ihren Gedanken.

Hermine spürte, wie die Leichtigkeit der letzten halben Stunde der Schwere der letzten Tage wich. Sie sank in sich zusammen und schlang ihre kalten Finger um die Tasse. Die Wärme prickelte auf ihren Handflächen. „Ich brauche jemanden zum Reden", sagte sie schließlich. „Über … Mr Snape", fügte sie hinzu, als Professor McGonagall sie fragend ansah. Beinahe hätte sie ihn beim Vornamen genannt.

Nun zog Professor McGonagall ihre Augenbrauen in die Stirn. „Er ist Ihr Projekt, nicht wahr?"

Hermine nickte.

Sie bedeutete ihr zu warten und ging hinüber zum Schreibtisch. Öffnete die oberste Schublade, zog einen Brief heraus und reichte ihn Hermine.

Auf dem Umschlag stand ihr Name. In Severus' Schrift. Ihr sank das Herz in die Hose. Sie schluckte, sah Professor McGonagall fragend an, aber die bedeutete ihr mit einer Geste, ihn zu öffnen. Hermine drehte den Brief um. Ein Siegel gab es nicht, er war einfach zugeklebt. Sie bohrte ihren Finger in den kleinen Spalt am Rand des Umschlages und riss ihn auf. Mit zitternden Händen begann sie zu lesen.

Hermine,

ich weiß, dass Du Deine Schweigepflicht sehr ernst nimmst. Ich bin Dir dankbar dafür und weiß das zu schätzen. Ich weiß aber auch, dass Du Dinge erfahren wirst, die ein Mensch wie Du nicht komplett mit sich ausmachen kann. Du hast meine Erlaubnis, mit Minerva über alles zu reden, was Dich an unserem Kontakt belastet.

Severus

Als sie die wenigen Zeilen zweimal gelesen hatte, lachte sie leise auf, vor Erleichterung und weil sie es nicht fassen konnte, dass er diesen Moment vorausgeahnt hatte. „Seit wann haben Sie den?", fragte sie und hielt den Brief hoch.

„Seit fast drei Wochen."

Hermine runzelte die Stirn und rechnete zurück. Vor drei Wochen hatten sie sich das erste Mal getroffen, um ihre Zusammenarbeit zu besprechen. Er musste diesen Brief kurz danach geschrieben und Professor McGonagall gegeben haben. Er hatte von Anfang an gewusst, dass sie irgendwann hierher kommen würde. „Und hat er Ihnen gesagt, was drin steht?"

„Nein. Er hat mir nur gesagt, dass Sie irgendwann bei mir auftauchen könnten, um mit mir über ihn zu reden, und dass ich Ihnen dann diesen Brief geben soll. Nach dem Gespräch, das Sie neulich mit Ginny über dieses Projekt führten, hab ich allerdings vermutet, dass das miteinander zusammenhängen könnte. Was steht denn drin?" Hermine reichte ihr wortlos den Brief und beobachtete Professor McGonagall dabei, wie sie ihn las. „Er erzählt Ihnen … Dinge?", fragte sie dann, klang aber ein bisschen scheinheilig dabei.

Hermine lächelte. „Offensichtlich."

„Und Sie duzen sich?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Offensichtlich", wiederholte Hermine und spürte ihre Wangen heiß werden.

Professor McGonagall warf dem Portrait von Professor Dumbledore einen Blick zu und Hermine konnte sehen, dass da irgendetwas zwischen ihnen lief, das sie nicht verstand, denn Professor Dumbledore verdrehte die Augen. Sie entschied sich, nicht danach zu fragen.

„Nun", riss Professor McGonagall sich schließlich aus diesem Moment, „Da Sie offen reden dürfen: Worüber möchten Sie denn reden?"

Hermine holte tief Luft und ließ sie dann ungenutzt wieder entweichen. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", stellte sie fest. Sie war so fest davon ausgegangen, dass sie auf jedes ihrer Worte würde achten müssen, um die Grenzen ihrer Schweigepflicht nicht zu verletzen. Diese Erlaubnis von Severus brachte sie völlig durcheinander.

„Versuchen Sie es mit dem Anfang, Miss Granger." Ein mitfühlender Ausdruck hatte sich in Professor McGonagalls Augen geschlichen.

„Der Anfang …", murmelte Hermine. „Haben Sie – abgesehen von dem Treffen, bei dem er Ihnen den Brief gegeben hat – mit Severus gesprochen, nachdem er aus dem St.-Mungos entlassen wurde?"

„Das hab ich. Regelmäßig. Er hat mir erzählt, dass er sich um die Erinnerungen kümmert. Es wurde allerdings nicht deutlich, ob er sie bearbeitet oder nur wieder wegsperrt. Ich bin froh, dass es ersteres zu sein scheint, habe aber nicht über die Möglichkeit nachgedacht, dass er das zusammen mit Ihnen tun könnte."

„Ich habe auch nicht damit gerechnet."

„Er scheint einiges in Kauf zu nehmen, damit Sie es weiterhin tun", wandte Professor McGonagall ein.

Hermine nickte. Es musste ihn viel Überwindung gekostet haben, ihr die Erlaubnis zu geben, offen mit Professor McGonagall zu reden. Sie dachte an all die Kämpfe, die er mit sich ausgefochten hatte, um sich ihr zu zeigen. Obwohl er und Professor McGonagall sich länger kannten und vermutlich vertrauter miteinander waren, konnte sie sich nicht vorstellen, dass es ihm gleichgültig war, was sie wusste. „Ja, das tut er", sagte sie leise und senkte den Blick auf den Brief, den sie noch immer in der Hand hielt.

Professor McGonagall schnalzte leise mit der Zunge und als Hermine den Blick hob, sah sie sie leicht den Kopf schütteln. „Ich sehe schon, Sie werden keinen Gebrauch machen von seiner Erlaubnis."

Hermine lächelte nachdenklich. „Nein, werde ich nicht. Jedenfalls nicht mehr, als ich es muss. Als ich herkam, wusste ich nicht, dass er diesen Brief hier für mich deponiert hat. Ich war trotzdem überzeugt, dass ein Gespräch mit Ihnen mir helfen würde. Also brauche ich sie nicht." Sie steckte den Brief wieder in den Umschlag und ließ diesen in ihrer Tasche verschwinden.

„Ich bin froh, dass Severus zwar einiges zu ahnen scheint, aber immer noch nicht weiß, was es heißt, eine Gryffindor zu sein." Sie lachte in sich hinein.

Hermine runzelte die Stirn. „Ich glaube, es steckt mehr Gryffindor in ihm, als es dem Sprechenden Hut bewusst gewesen ist."

„Oh, ich glaube, dem Sprechenden Hut kann man keinen Vorwurf machen. Severus war durch und durch Slytherin, als er nach Hogwarts gekommen ist. Seine Erfahrungen haben in ihm das entstehen lassen, was Sie heute als Gryffindor wahrnehmen."

Hermine presste die Lippen aufeinander.

Professor McGonagall lächelte fein. „Ich sehe, Sie möchten mir widersprechen."

„Vehement", erwiderte sie. „Ich weiß, Sie hassen es genauso wie ich, wenn Sie etwas nicht selbst beurteilen dürfen, aber Sie können mir vertrauen: Es war genau umgekehrt."

Professor McGonagall holte tief Luft, sichtlich unzufrieden mit dieser Antwort. „Ich lass das mal so stehen – widerwillig."

„Das nehme ich zur Kenntnis", entgegnete Hermine mit einem entschuldigenden Blick.

„Ich nehme an, Sie sind nicht hergekommen, um Severus' Hauszugehörigkeit zu diskutieren."

„Nein." Nun war es an Hermine, tief Luft zu holen. „Unsere letzte Begegnung endete nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Er hat mich … höflich gebeten zu gehen und bat mich um eine Pause."

Professor McGonagall nickte verstehend. „Und jetzt haben Sie Angst, dass er diese Pause nicht mehr beenden könnte."

„Ja. Nein … Doch", stotterte Hermine und wischte sich mit einer Hand über die Stirn. „Ich mache mir hauptsächlich Sorgen. Er hat mir versprochen, sich zu melden, wenn er Hilfe braucht, aber ich weiß nicht, ob er sich jetzt noch daran halten wird. Ich hab … Ich war einfach nicht hilfreich für ihn beim letzten Mal. Ich mache mir Sorgen." Sie seufzte und sank in ihren Stuhl.

Professor McGonagall hingegen lehnte sich ihr ein Stück entgegen. „Slytherin hin, Gryffindor her – was ich Ihnen mit Sicherheit über Severus sagen kann, ist, dass er Versprechen ernst nimmt. Egal, was bei Ihrem letzten Treffen passiert ist, er wird sich daran halten, bis er Sie darüber informiert, dass er es nicht mehr tun wird."

Es war ein schweres Gewicht, das in diesem Moment von Hermine abfiel. Sie atmete durch und es fühlte sich an, als könne sie das erste Mal seit Tagen wieder richtig atmen.

„Ich kann wirklich nicht glauben, dass ich Ihnen das auch sagen muss, aber lassen Sie ihm etwas Zeit, Miss Granger!"

Auch?", fragte Hermine überrascht.

Professor McGonagall nickte ungeduldig. „Auch wenn Severus mir keine Erlaubnis gegeben hat, offen mit Ihnen zu sprechen, wage ich es jetzt einfach mal und vertraue auf Ihre Verschwiegenheit." Sie warf ihr einen prüfenden Blick über den Rand ihrer Brille hinweg zu.

„Okay …", murmelte Hermine skeptisch.

„Severus saß in einem ähnlichen Zustand an meinem Krankenbett, als Sie ihn nach dem Tod Ihrer Mutter aufgesucht hatten. Ich hab zugegebenermaßen nicht damit gerechnet, dass es zwei Jahre und eine Nahtoderfahrung seinerseits brauchen würde, bis Sie das miteinander klären würden, aber er hat Ihnen alle Zeit gegeben, die Sie brauchten. Erwidern Sie ihm diesen Gefallen."

Hermine senkte beschämt den Blick. „Das wusste ich nicht."

„Natürlich nicht, ich kann schließlich auch schweigen." Professor McGonagalls Augen blitzten.

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe, während sie dieses Puzzlestück einzufügen versuchte in das Bild, das sie von Severus hatte. Schließlich sah sie Professor McGonagall direkt in die Augen und sagte: „Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mich dazu genötigt haben, ihm zu helfen. Ich hätte von mir aus sicherlich nie wieder Kontakt zu ihm aufgenommen."

Professor McGonagall lachte leise. „Ach Miss Granger, selbst Sie unterschätzten es immer noch, was es heißt, eine Gryffindor zu sein."


Sie hatte sich um die Mittagszeit von Professor McGonagall verabschiedet und war kurz in ihre Wohnung zurückgekehrt, um etwas zu essen und ihre Sachen für die Arbeit zu holen. Heute stand eine Spätschicht auf dem Plan.

Als sie die Küche betrat, sah sie auf der vor dem Fenster angebrachten Holzstange einen Uhu sitzen, der eine Nachricht am Bein trug. Ein kleiner Adrenalinstoß fegte durch ihren Körper. Sie öffnete das Fenster und die Eule streckte ihr das Bein entgegen. Hermine band mit zitternden Fingern das Pergament ab, warf einen Blick darauf und … sackte enttäuscht in sich zusammen. Es war nur ihr neuer Arbeitsplan.

Sie fischte einen Eulenkeks aus dem Glas, das neben dem Fenster stand, und der Uhu wollte ihn ihr aus der Hand schnappen, aber Hermine zog sie zurück. „Kannst du eine Nachricht für mich überbringen?", fragte sie.

Der Vogel legte den Kopf schief und blinzelte sie an.

Hermine hielt ihm wieder den Keks hin und er nahm ihn entgegen, blieb aber auf der Stange sitzen. „Das heißt wohl ja", murmelte sie.

Sie überflog den Plan, dann ging sie ins Wohnzimmer hinüber und setzte sich, um eine kurze Nachricht an Severus zu schreiben. Ihre beiden freien Abende waren diese Woche für Mittwoch und Donnerstag eingeplant. Das war schon übermorgen. In der Woche danach waren es Freitag und Samstag. Das wiederum war noch anderthalb Wochen hin.

Sie seufzte leise und bemühte sich, die Nachricht so neutral wie möglich zu formulieren. Professor McGonagall hatte recht; er hatte ihr die Zeit gegeben, die sie gebraucht hatte. Gut, Professor McGonagall nicht, aber das auch nur, weil Severus die Zeit davongelaufen war. Es war nur fair, ihm diesen Gefallen zu erwidern und ihm vor allem das gleiche Vertrauen entgegenzubringen, das er ihr entgegen gebracht hatte. Er würde sich melden, wenn er soweit war.

Hermine rollte die Nachricht ein und ging in die Küche zurück, wo der Uhu noch immer geduldig und leicht aufgeplustert am offenen Fenster wartete. Die Aprilluft zog kühl in ihre Wohnung und ließ ein paar Federn des Tieres flattern. Hermine band ihm die Nachricht für Severus ans Bein, ließ eine Münze in den Beutel am anderen Bein gleiten und reichte ihm dann noch einen Eulenkeks. „Danke!", rief sie ihm hinterher, als er die Flügel ausbreitete und sich von der Stange in die Tiefe fallen ließ.

Gedankenverloren sah Hermine der Eule ein paar Sekunden hinterher, dann schloss sie fröstelnd das Fenster. Sie würde sich jetzt etwas zu Essen machen, danach ihre Sachen zusammensuchen und eine ereignislose, fast schon langweilige Schicht auf der Janus Thickey-Station hinter sich bringen. Sie würde ein paar Namen auf ihrer Liste abhaken, jedes Mal einen Stich der Enttäuschung spüren, weil sie den Patienten nicht helfen konnte, eine Stunde lang mit Gilderoy Lockhart reden, bevor sie überhaupt anfangen konnte, ihn zu untersuchen, und sich auf ihren Feierabend freuen. Und wenn dieser endlich da war, würde sie nach Hause kommen und wieder eine Eule vor ihrem Küchenfenster antreffen. Diese Eule würde ihr tatsächlich eine Nachricht von Severus bringen. Eine Nachricht, in der er dem nächsten Treffen übermorgen zustimmen würde.

Aber das wusste Hermine noch nicht, als sie eine Pfanne auf den Herd stellte und etwas Butter darin zerließ, um sich ein paar Kartoffeln von gestern zu braten. Sie hoffte es nur.