„Mary", sagte er und hatte Mühe, sie nicht zu berühren. „Mary, ich …"
Er schien aufgeregt, gar verzweifelt, das spürte Mary, reagierte jedoch nicht. Sie wusste, ja ahnte, was er ihr sagen wollte. Auch wenn es Zeit gehabt hätte. Zeit. Zu so früher Stunde hätte er nicht hierher müssen, um mit ihr zu sprechen. Nein, für ihr letztes Treffen hätte sie sich eine andere Umgebung gewünscht. Wenn nicht die Wiese, dann …
„Mary", hob er sie aus ihren Gedanken, „ich hab' den Jungen bei mir."
„Wie?", fragte sie nun doch und zuckte leicht, da er sie an den Oberarmen berührte.
„Ja", erwiderte er. „Gestern um die Mittagszeit, ich wollt' den Laden gerade schließen, ereilte mich ein Telegramm von Harriet, in dem sie mir mitteilte, nun …"
Wieder unterbrach er sich und Mary spürte seine Erregung.
„Sie teilte mir mit … nun, ums kurz zu machen: Ich hab' ihn mit mir genommen. Er wird nun hier bei mir bleiben, den ganzen Sommer über."
„Oh", erwiderte Mary und trat einen Schritt zurück. „Und was …"
„Ja, das ist es. Was …?" Er hatte es leise gesagt, räusperte sich dann. „Mary", sagte er schließlich lauter und sein Herz raste, „... du weißt, dass Willie ein schlechter Schüler ist. Er hat das Klassenziel nur mit Ach und Krach geschafft. Und da wollte ich dich fragen, ob du bereit wärst, ihn ein wenig unter deine Fittiche zu nehmen. So drei-, viermal in der Woche … Selbstverständlich gegen eine ordentliche Bezahlung."
„Drei-, viermal?", echote Mary.
„Ja … Du würdest mir damit einen großen Gefallen tun."
„Nun, das muss ich erst einmal mit meiner Mutter …"
„Tu das …", erwiderte Nels und berührte wieder am Oberarm. „Ich würde mich freuen."
„So? Nels Oleson ist also eigens hier heraus gekommen – und das noch zu so früher Stunde –, um dich zu fragen, ob du seinem Sohn Nachhilfestunden geben würdest?", hörte Mary ihre Mutter wenig später am Frühstückstisch fragen.
„Ja …"
„Aber das ist doch eine gute Idee", mischte sich Laura ein. „Jeder weiß doch, dass Willie faul und dumm ist und zu nichts nütze."
„Also bitte", widersprach Caroline.
„Na ja", versetzte Albert, „wenn's darum geht, Murmeln zu spielen oder angeln zu gehen, ist er der Beste."
„Auch im Streiche-Aushecken", bemerkte Laura, die sich sehr wohl an das letzte Schuljahr erinnerte. Willie war es gewesen, der Miss Beadle einen Kaugummi auf den Stuhl geklebt hatte. Willie war es auch gewesen, der Tinte in ihr Federmäppchen gegossen hatte … Willie aber war es auch, der hernach immer wie ein braves Tierchen im Schmähwinkel verschwand und dort ausharrte, bis man ihn rief. Seltsam war das, fand Laura.
„Nun, Mary, wichtig ist doch, was du dazu sagst. Würdest du es denn tun wollen?", wandte sich Caroline schließlich an ihre älteste Tochter.
„Na ja, Mister Oleson sagte mir, dass er mich dafür bezahlen würde. Und da wir das Geld benötigen …"
„Ja, ja, aber traust du es dir zu? Willie ist kein leichtes Kind", gab Caroline zu bedenken.
„Ich denke schon", erwiderte Mary. „Ja, das denke ich."
„Aber drei-, viermal in der Woche …"
„Es soll ja nur an den Vormittagen sein. Die Nachmittage hätte Willie frei. Schließlich sind ja Ferien."
„Mary, ich denke dabei an dich", sagte ihre Mutter.
„Ja, ich weiß doch, aber ich hab' schon so lang nichts mehr getan. Und ich bin doch Lehrerin, also warum nicht Willie helfen?"
„Und am Nachmittag nehmen wir ihn uns vor", rief Albert.
„Also weißt du", warf Caroline ein. „Das klingt jetzt so …"
„Na, ich mein' doch", unterbrach sie Albert, „dass wir ihn dann mit zum Angeln nehmen und so …"
Es war also entschieden: Mary würde Willie, der nun bei seinem Vater war, helfen. Gleich morgen würde sie beginnen. Und sie würde ihr Bestes geben, ihn auf das kommende Schuljahr vorzubereiten. Sie war in ihrem Element. Und in gewisser Weise freute sie sich auch auf die neue Aufgabe. Über das andere wollte sie nicht nachdenken. Doch sie wusste, dass es wohl, auch angesichts der neuen Umstände, künftig keine Treffen mehr geben würde. Die Wiese also bliebe verwaist …
„Willie, ich hab' dir gesagt …", setzte Nels daheim im Laden an und hielt seinen Jungen am Handgelenk fest. Der aber ruckte und zuckte und versuchte zu verbergen, was er getan hatte – nämlich mal wieder Bonbons gestohlen und sie sich in den nur allzu geräumigen Mund gestopft. Nun sah er ob seiner prallen Backen wie ein Hamster aus. Nels hätte darüber lachen können, doch war ihm nicht danach. Er spürte, dass er dem Jungen mit Strenge begegnen musste.
„Spuck sie aus", rief er. „Sofort!"
Doch Willie weigerte sich.
„Jetzt", wiederholte Nels und drückte den Arm seines Jungen noch heftiger, sodass der ihn plötzlich verwundert ansah, ja sogar irritiert, wenn nicht gar ein wenig ängstlich.
„Jetzt", beharrte Nels. Und der Junge, nicht recht wissend, wie der Vater gestimmt und zu was er fähig war, spuckte die Bonbons in seine Hand und klatschte sie auf den Tresen, gleich neben die Registrierkasse. Dann riss er sich los und rannte davon.
Nels blieb zurück, sah ihm nach, wollte ihn rufen, unterließ es jedoch und klaubte stattdessen die Bonbons mit bloßen Händen auf und ließ sie im Abfall verschwinden. Wenn er nicht aufpasste, würde ihm der Junge ebenso entgleiten wie Nellie. Das wusste er ganz sicher. Wenn er nicht aufpasste, dann würde aus ihm einer werden, der die Schule ohne Abschluss verließ und gezwungen wäre, sich irgendwo zu verdingen. Aber selbst das traute er ihm nicht zu. Also würde er … Nels wollte darüber nicht nachdenken und so holte er sich aus dem Lager einen Lappen, pumpte Wasser auf ihn und machte sich daran, den klebrigen Bonbonfleck zu beseitigen. Dann öffnete er den Laden …
