Claire lag den Großteil der Nacht wach, lauschte auf den Wind, der draußen heulte, und starrte an die dunkle Zimmerdecke. Gegen drei fielen ihr die Augen zu, doch ihr rastloser Geist wollte ihrem Körper keine Ruhe gönnen. Zweieinhalb Stunden später erwachte sie bereits wieder und musste aufstehen, weil sie es nicht mehr in ihrem Bett aushielt.

Sie erwartete niemanden so früh unten in der Küche und schaltete gedankenverloren das Licht ein. Umso überraschter war sie, dass sie HUNKs Frau Patricia dort am Tisch sitzend vorfand, ein Glas Wasser vor sich.

„Verzeihung, ich wusste nicht, dass Sie hier sind, ich wollte nicht stören …" Claire verstummte sofort, als sie sah, dass Patricia dunkle Ringe unter den Augen hatte und geweint hatte. Claire war wohl nicht die einzige gewesen, die eine harte Nacht hinter sich hatte.

Claire füllte sich selbst ein Glas mit Wasser an der Spüle, dann nahm sie gegenüber von Patricia Platz.

„Wie geht es Ihnen?", wollte Claire wissen. „Konnten Sie etwas schlafen?"

„Nein, nicht wirklich. Wie soll es mir gehen, nachdem ich erfahren habe, dass ich die letzten 20 Jahre eine Lüge gelebt habe? Warum habe ich nichts gemerkt, warum …"

„Seien Sie nicht so streng mit sich, Patricia", sagte Claire mitfühlend. „Ihr Mann liebt Sie. Das ist alles, was zählt."

„Wenn das so ist, warum hat er mich dann angelogen? Warum hat er mir nicht die Wahrheit über sich erzählt?", fragte Patricia. „Ich bin seit über 20 Jahren mit ihm verheiratet, aber ich kannte ihn überhaupt nicht."

„Ihr Mann hat Ihnen nicht alles über sich erzählt, weil er Sie und Ihre Familie schützen wollte", sagte Claire. „Er wollte Sie nicht verletzen und er wollte sie nicht in Gefahr bringen."

Patricia ließ sich zu einem schwachen Lächeln hinreißen.

„Wie haben Sie und HUNK, ich meine … Sie und Matthew sich eigentlich kennengelernt?", wollte Claire wissen.

„Es war 2001 auf Hawaii. Ich bin nur eine Krankenschwester, die nicht viel verdient, und hatte zwei Jahre auf den Urlaub gespart. Der erste Urlaub, den ich mir leisten konnte. Wir haben uns am Strand getroffen und irgendwie hat es sofort gefunkt. Er war der Richtige. Ein Jahr später waren wir schon verheiratet und haben unsere erste Tochter bekommen."

„Das hört sich so an, als wären Sie sehr glücklich", meinte Claire.

„Ich war es. Seit vorgestern stelle ich alles in Frage. Ich kenne Matthew nicht mehr. Ich habe ihn nie gekannt."

Claire ergriff Patricias Hand. „Das ist nicht wahr. Ihr Mann mag Sie vielleicht über seinen Beruf angelogen haben, aber alles andere war echt. Er hat Ihnen nicht die Liebe und Ihre glückliche Ehe vorgegaukelt. Das kann man nämlich nicht. Er liebt Sie und er würde alles tun, um seine Familie zu beschützen. Warum hätte er sie denn sonst zu uns bringen sollen?"

„Es fällt mir einfach so schwer, ihm noch irgendetwas zu glauben. Vielen Dank nochmal dafür, dass wir hier sein dürfen", sagte Patricia.

„Ist doch selbstverständlich", meinte Claire. „In diesen Zeit muss man zusammenhalten und sich helfen. Was hat Ihnen Ihr Mann denn über sich gesagt?"

„Er sagte mir, dass er für eine große Versicherungsgesellschaft arbeitet. Er ist jeden Tag morgens ins Büro gegangen und abends wieder nach Hause gekommen. Er musste für seine Arbeit viel ins Ausland verreisen, was ich aber immer akzeptiert und nie hinterfragt habe. Mir kamen immer mal wieder Gedanken, ob er mich vielleicht betrügen könnte, wenn er so lange und so oft weg ist, aber ich habe nie gedacht, dass er mich über seine Tätigkeit angelogen hat. Wo war er denn jeden Tag, wenn nicht im Büro?"

„Haben Sie nie Verdacht geschöpft?", wollte Claire wissen.

Patricia schüttelte den Kopf. „Nein, nie. Er hat immer so gut für uns gesorgt. Mein Mann hat sehr gut verdient. Ich bin beruflich wegen der Kinder kürzer getreten und ihm hat es nie etwas ausgemacht, so viel zu arbeiten. Es war ihm immer nur wichtig, dass es uns an nichts gefehlt hat. Er hat nie einen Geburtstag verpasst oder Weihnachten oder Thanksgiving, er hat nie, nicht in über 20 Jahren, auch nur einen Hochzeitstag vergessen. Er hat unseren Töchtern das Fahrradfahren beigebracht und ersten Fahrstunden mit ihnen gemacht. Er ist charmant, einfühlsam und der beste Vater, den man sich vorstellen kann. Ich dachte wirklich, er wäre der perfekte Mann."

„Sie haben zwei wirklich zauberhafte Töchter."

„Ja. Unsere ältere Tochter, Kelly, kommt total nach Matt. Ihr Vater war immer ihr Held und der Größte für sie. Er hat sie mit auf den Schießstand genommen und ihre Begeisterung für Kampfsport geweckt. Wahrscheinlich wollte sie deshalb zum Militär. Das haben wir ihr allerdings ausgeredet. Jetzt will sie zum FBI. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich nichts gemerkt habe. Einer, der so gut kämpfen und mit der Waffe umgehen kann, ein Versicherungsangestellter? Einmal kam er mit einer Schussverletzung nach Hause und ich habe ihm seine fadenscheinige Erklärung, dass er in einen Überfall geraten war, abgekauft. Wie konnte ich nur darauf reinfallen? Warum wollte ich es nicht sehen? Die Narben auf seinem Körper sprachen doch eine eindeutige Sprache."

„Wir sehen, was wir sehen wollen. Sie hatten keinen Grund, Ihrem Mann zu misstrauen. Und bei Menschen, die wir lieben … Da werfen wir unser Misstrauen gern über Bord. Wesker hatte in der Vergangenheit mal mit Ihrem Mann zu tun. Der Codename Ihres Mannes ist HUNK. Er war in einer Spezialeinheit für die Firma Umbrella tätig. Seit die Firma Pleite ist, scheint er wohl ein freischaffender Söldner zu sein."

„Ja. Auf der Autofahrt hierher hat er mir einen groben Umriss der Wahrheit gegeben. Ich dachte, er wäre auf dem College gewesen, dabei hat er nicht mal die Highschool abgeschlossen. Dieser VECTOR, den kennt er von seiner Arbeit, nicht wahr? Er hat nur kurz angedeutet, dass er ihn ausgebildet hat. Als die Monster kamen, sind wir zu VECTOR gefahren und haben einige Zeit bei ihm im Haus gelebt, aber dann kamen die Infizierten und wir mussten wieder fliehen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was Matt alles getan hat, wenn er verreist war. Was er und dieser VECTOR womöglich zusammen getan haben. Dieser Wesker, ist das Ihr Mann? Sind Sie zusammen?"

„Ich weiß nicht so richtig, was das mit uns ist", sagte Claire wahrheitsgemäß. „Unsere Beziehung ist sehr kompliziert. Ich weiß nur, dass ich ihn liebe und mit ihm zusammen sein möchte. Aber … " Claire wählte ihre nächsten Worte klug. „Auch ich sehe wegen der Liebe über einige Dinge hinweg. Wesker hat keine … besonders tolle Vergangenheit."

„Wie haben Sie sich kennengelernt?", fragte Patricia.

Claire wollte gerade etwas sagen, als die beiden Mädchen die Küche betraten.

„Guten Morgen." Beiden wirkten verunsichert, ob sie wirklich hier sein durften. In Claires Gegenwart verhielten sie sich schüchtern und zurückhaltend.

„Hey, ihr beiden." Patricia stand auf und schloss ihre Töchter in die Arme.

„Hast du was von Dad gehört, Mum?", fragte Rebecca hoffnungsvoll.

„Leider nein. Ich habe die ganze Nacht auf eine Nachricht von ihm gehofft. Es wird ihm gutgehen, da bin ich mir sicher." Patricia klang selbst nicht überzeugt von ihren Worten, aber Claire verstand, warum sie ihre Töchter beruhigen wollte.

„Euer Vater und VECTOR sind sehr fähige Soldaten, vielleicht die Besten, die es gibt. Die haut so schnell nichts um. Und sie sind mit Albert Wesker zusammen. Der ist ebenfalls einer der Besten", sagte Claire. „Habt ihr Lust auf Pancakes?"

Ihr Vorschlag wurde begeistert aufgenommen. Sie frühstückten zusammen und unterhielten sich weiter.

„Was macht ihr beiden? Geht ihr noch zur Schule?", wollte Claire wissen, während sie Teig in die Pfanne schöpfte.

„Ich habe noch ein ein knappes Jahr auf der Highschool", sagte Rebecca. „Danach möchte ich gerne studieren, aber ich weiß noch nicht welches Fach. Also eigentlich. Wenn es in Zukunft noch was zu studieren gibt."

„Wo liegen denn deine Interessen? Meine Freundin, von der ich dir erzählt habe, die auch Rebecca heißt, arbeitet im Labor bei der B.S.A.A. Sie ist eine echt geniale Wissenschaftlerin."

„Ich würde auch gerne im Labor arbeiten. Mein bestes Fach ist nämlich Chemie", sagte Rebecca mit vor Stolz geschwellter Brust.

„Und du? Deine Mum hat mir schon erzählt, dass du zum FBI willst."

„Ja", sagte Kelly. „Ich studiere im Moment Kriminologie. Danach will ich mich an der Akademie bewerben. Schießen und Kämpfen kann ich ja dank Dad schon."

Claire lächelte. „Wie geht ihr mit der ganzen Sache um?"

„Unser Dad ist unser Dad", meinte Kelly schulterzuckend. „Das ändert sich ja nicht. Wir haben ihn deswegen nicht weniger lieb. Auch wenn das schon irgendwie schräg ist. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Dad als so ein Supersoldat. Mr. Death, Sensenmann. Ich habe ihn mir immer hinter einem Schreibtisch vorgestellt."

„Ich seh Dad noch heute, wie er mir vor dem Einschlafen eine Geschichte vorliest", sagte Rebecca. „Dass er solche Geheimeinsätze auf der ganzen Welt macht, das kann ich kaum glauben. Ich hoffe so sehr, dass ihm nichts passiert."

„Vertraut HUNK, er weiß, was er tut", sagte Claire. „Wenn er zurückkommt, dann gebt ihm die Chance die ganze Geschichte zu erklären. Wie ihr selbst gesagt habt, er ist immer noch euer Vater. Und er ist immer noch Ihr Mann, Patricia. Werfen Sie deswegen nicht alles weg."

„Das fällt mir sehr schwer zu akzeptieren", meinte Patricia. „Ich hatte nie Geheimnisse vor ihm."

„Weil das alles sehr viel für Sie ist."

„Es ist der Vertrauensverlust. Dass unser gemeinsames Leben auf einer Lüge aufgebaut ist. Dass er mir so viel verschwiegen hat. Ich bin auch so verletzt, weil er offenbar nicht geglaubt hat, mir vertrauen zu können."

„Ich bin mir sicher, dass er Ihnen die Wahrheit sagen wollte. Er wusste wahrscheinlich nicht wann oder wie. Seine Arbeit ist gefährlich, er hätte niemals gewollt, dass Sie in irgendetwas hineingezogen werden. Er wollte sie mit Sicherheit schützen und manchmal denken wir, dass wir unsere Liebsten am besten schützen, indem wir ihnen Teile der Wahrheit über uns vorenthalten."

Nachdem die Worte ihren Mund verlassen hatten, wurde Claire schlagartig bewusst, in welcher Situation sich Wesker befunden hatte, als er mit Jakes Mutter zusammen gewesen war. Wesker, der bei geheimer illegaler Forschung und der Herstellung gefährlicher Biowaffen mitgewirkt hatte, hatte nach außen eine Scheinidentität gelebt. Wenn er mit Anna Muller zusammengeblieben und ein Vater für Jake gewesen wäre, dann hätte er seine Familie genauso wie HUNK ständig belügen müssen, um sie vor den schädlichen Einflüssen von Umbrella fernzuhalten.

Er war während ihrer gemeinsamen Zeit immer sehr verschlossen über seine Jugend gewesen, aber Claire hatte inzwischen verstanden, was das Wesker-Kinder-Projekt war und was er wegen Spencer erdulden musste. Niemals hätte er zugelassen, dass Anna etwas passierte. Ob er nun von Jake gewusst hatte oder nicht, er hätte Spencer mit allen Mitteln daran gehindert, sich an seinem Sohn zu vergreifen. Er hatte lieber die einzige Familie, die er je gehabt hätte, geopfert, als zuzulassen, dass Umbrella ihnen Schaden zufügte. Mit welchen finsteren Gestalten HUNK bei seiner Arbeit als Söldner zu tun hatte, konnte Claire nicht sagen, aber sie wusste, dass auch HUNK seine Familie um jeden Preis beschützen wollte. Manchmal gingen Männer bis zum äußersten, um ihre Familien zu schützen. Auch wenn das hieß, ihre Liebsten anzulügen, ihr Leben zu riskieren oder ganz auf sie zu verzichten.

„Kennen Sie unseren Dad auch von früher?", fragte Kelly.

Claire schöpfte nochmal Teig in die Pfanne. Nachdenklich betrachtete sie die kleinen Blasen, die sich auf der Oberfläche des Pfannkuchens bildeten. „Euer Vater und ich sind uns bis gestern nie persönlich begegnet, aber tatsächlich habe ich ihn schon mal gesehen. Wir sind beide Überlebende von Raccoon City."

„Dad war in Raccoon City?", fragte Rebecca.

„Ja. Wir sind beide zum Glück noch rausgekommen, bevor die Stadt weggebombt wurde", erklärte Claire.

„Ich hatte keine Ahnung", sagte Patricia betroffen. „Manchmal hatte er Albträume und konnte nicht schlafen. Ich dachte immer, das käme von dem Stress seiner Arbeit. Ich wusste ja gar nicht, wie Recht ich damit hatte."

„Wenn Ihr Mann zurück ist, dann fragen Sie ihn nach seinen Erlebnissen", sagte Claire. „Es ist nicht leicht, solche Geheimnisse über Jahre zu bewahren. Es ist belastend, wenn man selbst mit den Menschen, die einem nahestehen, nicht über die Wahrheit sprechen kann. Hören Sie ihm einfach zu."


Wesker fuhr, damit sich HUNK und VECTOR, die mehrere Tage durchgehend gefahren waren, abwechselnd ausruhen konnten. In Kürze erreichten sie einen verlassenen Flugplatz, von wo aus sie einen Helikopter nehmen wollten. In ein paar Stunden würden sie das Schiff, das im Atlantik trieb, erreichen.

VECTOR hatte sich zurückgelehnt und schlief eine halbe Stunde. HUNK machte derweil die Funkgeräte bereit, mit denen sie bei ihrer Mission kommunizieren wollten. Ihre Waffen lagen im Kofferraum. Wesker hatte das Samurai-Schwert mitgenommen, VECTOR hatte Messer, sowie Pfeil und Bogen dabei. HUNK bevorzugte wie immer seine TMP. Daneben hatten sie Pistolen, Granaten und Schrotgewehre dabei. Keiner von ihnen wusste, was sie auf dem Schiff erwarten würde. Es war noch nicht einmal klar, ob sie dort wirklich auf Raphael treffen würden, aber Wesker war es einerlei. Er wollte handeln, er wollte etwas tun. Und auch wenn sie nur an weitere Informationen gelangten, so war es ihm auch recht. Dann wussten sie vielleicht endlich mehr über Raphael und vielleicht ließen sich Weskers Überlegungen irgendwie verifizieren. Noch hoffte er ja, dass er sich irrte.

„Sie und Claire wollten eigentlich zu zweit gehen, oder? Ich habe wohl Ihren Plan zunichte gemacht", sagte HUNK. „Das tut mir leid. Aber danke, dass Sie sich um meine Familie kümmern. Hätte nicht gedacht, dass Sie sich mal um mehr als nur sich selbst kümmern."

Wesker grinste. „Zeiten ändern sich."

„Aber Menschen nicht unbedingt."

„Manchmal auch Menschen", meinte Wesker. „Es hat mich überrascht, dass der kalte, abgebrühte Mr. Death ein treusorgender Familienvater sein kann."

„Man kann nicht sein ganzes Leben lang allein sein", sagte HUNK nachdenklich. „Man muss andere in sein Leben lassen."

„Sind andere bei Ihrer Arbeit nicht ein Hindernis?", fragte Wesker.

„Das dachte ich sehr lange, aber das stimmt nicht", widersprach HUNK. „Es sind die, die einem einen Grund geben, lebend von der Mission zurückzukommen. Die dem, was man tut, überhaupt einen Sinn geben. Wenn jemand auf dich wartet, dann lohnt es sich, zu kämpfen. Und es erfüllt einen mit Stolz, durch seine Arbeit gut für sie zu sorgen."

Wesker ließ sich HUNKs Worte durch den Kopf gehen. Er hatte seine persönliche Situation nie so betrachtet. Er hatte seine Arbeit stets über alles gestellt. Für andere Menschen hatte er nie etwas aus freien Stücken getan, nur, wenn er daraus einen Vorteil ziehen konnte. Er hatte immer alles allein getan. Persönliche Verstrickungen hatte er als Hindernis für seine Pläne angesehen. Am Ende war er gescheitert. Und er hatte Menschen Schaden zugefügt. Aber war er nicht auch in einer anderen Situation als HUNK? Was er bereits in seiner Kindheit erlebt hatte, war mit der Situation des Söldners nicht zu vergleichen.

„Hatten Sie deshalb nie eine Familie?", fragte HUNK. „Weil Ihre Arbeit wichtiger war? Aber Sie haben doch einen Sohn? Eine Frau muss es ja auch dazu gegeben haben."

„Ja, die gab es", antwortete Wesker. „Ich wusste aber nichts von Jake. Sie hat mir nie von ihm erzählt. Ich hielt es damals für sicherer, unsere Beziehung zu beenden, um sie vor Umbrella zu schützen. Vor Spencer. Wenn ich von meinem Sohn gewusst hätte, dann hätte ich vermutlich erst recht so gehandelt. Ohne mich in der Nähe waren sie besser dran." Die Worte schmerzten ihn.

HUNK betrachtete ihn eine Weile von der Seite. Wesker war froh, dass er geradeaus auf die Straße schauen musste.

„Ich wusste nie viel von Ihnen. Wesker. Das war immer der geheimnisvolle Mann mit der Sonnenbrille mit dem Draht ganz nach oben zu Spencer. Man redete über Sie. Alle Leute, die Sie je in meiner Gegenwart erwähnten, sprachen immer mit Ehrfurcht und Respekt von Ihnen. Nicht wenige mit Angst. Ich war selbst neugierig, wer Sie waren. Ich habe unsere Zusammenarbeit immer geschätzt. Aber eines habe ich mich immer gefragt: Was hat Spencer Ihnen getan, dass Sie ihn so sehr gehasst haben, um dafür Ihre Familie aufzugeben und einen alten, kränklichen Mann zu töten?"

„Spencer und ich haben … eine Geschichte", sagte Wesker. Er überlegte einen Moment, ob er HUNK die Wahrheit erzählen sollte. Es gab niemanden, der diskreter war, niemanden, der mehr Grauen gesehen hatte als der maskierte Söldner, und demnach besser verstehen konnte, was in Wesker vorging.

„Eine komplizierte Sache." Wesker gab HUNK einen kurzen Umriss seiner Vorgeschichte. „Wenn Spencer von meinem Sohn gewusst hätte, dann … Ich mag mir nicht vorstellen, was er mit Alex' und meinen Kindern gemacht hätte."

„Ich verstehe. Ich wusste, dass die Firma Leichen im Keller hat, ich wusste nur nicht, wie verrottet die waren", sagte HUNK und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe Sie und es tut mir sehr leid. Für Ihren Sohn, die Mutter des Jungen und auch für Sie, Wesker. Ich kann Ihnen verraten, dass Sie eine Menge besondere Momente im Leben verpasst haben."

„Wie meinen Sie das?", fragte Wesker.

„Wissen Sie, ich habe eine Menge Dinge in meinem Leben getan. Ich habe es mit dem organisierten Verbrechen, Auftragskillern, Guerilla-Kämpfern und mit Monstern und Mutationen aufgenommen, aber nie hatte ich Angst. Aber in dem Moment als meine Frau mir sagte, dass sie schwanger ist, da hatte ich Angst. Ich habe nur gedacht, Nighthawk, meinen Evakuierungspunkt bitte."

Wesker grinste. „Wieso das?"

„Weil ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Da draußen war ich immer nur für mich selbst verantwortlich, Fehler haben nur mich selbst betroffen. Aber die Aussicht, für Kinder die Verantwortung zu tragen, ist was anderes. Ich musste in die Zukunft denken und in der Zukunft liegt Ungewissheit, das hat mir Angst gemacht. Mein Können, mein Training hat mir da nicht weitergeholfen. Aber man wächst in die Aufgabe hinein und es hat was, wenn man sein Kind zum ersten Mal in den Armen hält oder die ersten Fahrstunden mit ihm macht."

„Verantwortung …"

„Meine Verantwortung war, meine Familie von meiner Arbeit fernzuhalten. Diese Verantwortung haben Sie auch wahrgenommen. Es ist leider so, dass man die Folgen seiner Entscheidungen meistens nicht im Voraus abschätzen kann. Manchmal erweisen sich unsere Entscheidungen als fatal. Für alle Beteiligten."

„Das ist wahr", sagte Wesker, auch wenn er sich nicht sicher war, ob HUNK nicht gerade von seiner Arbeit gesprochen hatte. Weskers Entscheidung, sich nicht gegen Spencer aufzulehnen, hatte Anna und Jake zu einem Leben in bitteren Armut und in Elend verurteilt. Aber HUNK hatte Recht. Entscheidungen mussten getroffen und Konsequenzen getragen werden. Wesker hatte in der damaligen Situation nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Ein Bild von Claire erschien vor Weskers geistigem Auge. Entscheidungen mussten getroffen werden und Konsequenzen mussten getragen werden. Wesker musste endlich eine Entscheidung für ihre Beziehung treffen. Auch wenn er sich das über Monate hinweg eingeredet hatte, er wollte nicht mehr ohne sie leben. Ihm kam ein absurder Gedanke, den er jedoch nicht mehr abschütteln konnte. Hartnäckig setzte er sich in seinem Kopf fest und ließ ihn nicht mehr los. Er wurde langsam wirklich verrückt.

Er lachte leise auf. HUNK fragte ihn verwundert: „Was ist los?"

„Ach, schon gut."

Zum Glück regte sich VECTOR in diesem Moment und Wesker hatte einen Vorwand, das Thema zu wechseln. „Gut, dass Sie wach sind, VECTOR. Ich werde Sie beide jetzt über alle Fakten und Vermutungen zu Raphael in Kenntnis setzen." Wesker erklärte ihnen kurz und prägnant alles, was er zu Raphael wusste, aber auch, welche Vermutungen er zu Gabriel Simmons und Amanda Pierson hatte. HUNK und VECTOR lauschten aufmerksam.

„Das heißt, wir sollten auf dem Schiff nach Beweisen suchen", sagte HUNK. „Beweise, die Ihre Theorie untermauern oder entkräften könnten. Angesichts unserer Lage und der Aussicht auf weitere Anschläge müssen wir dringend wissen, woran wir sind", meinte HUNK.

„Das sehe ich auch so, Sir", sagte VECTOR.

Wesker musste schmunzeln. VECTOR, der unter HUNK gedient und von ihm persönlich ausgebildet worden war, hatte wohl die alten Gewohnheiten nie ablegen können.

„Erwarten Sie dort eine Falle?", fragte HUNK und er klang bei dieser Aussicht keineswegs beunruhigt.

„Auf jeden Fall. Wir können uns dem Schiff nicht nähern, ohne dass sie uns bemerken. Wenn wir eines der Schiffe durchsuchen, werden sie damit rechnen, dass wir das andere auch ausfindig gemacht haben. Sie werden vorbereitet sein."

Wenn er ehrlich war, gefiel Wesker der Gedanke an eine mögliche Falle überhaupt nicht. Er hatte den R-Virus bei infizierten Menschen und Hunden in Aktion gesehen. Auf was sie noch nicht gestoßen waren, waren die richtigen B.O.W.s, die Monster, die gezielt mit dem R-Virus erschaffen worden waren. Raphael war jemand, der bis zum Äußersten ging. Wenn er seine Pläne bedroht sah, dann war ihm jedes Mittel recht, seine Gegner auszuschalten. Wesker war sich dessen absolut sicher, denn er hätte an Raphaels Stelle genauso gehandelt. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er tatsächlich genau so gehandelt.

„Was könnte auf uns lauern?"

„Infizierte. R-Virus-Monster", sagte Wesker. „Vergessen Sie nicht, wir werden ein Schiff betreten, vermutlich einen Kreuzer oder einen Frachter, mitten auf dem Ozean. Wir können uns auf dem Schiff nur verstecken, aber nicht einfach wieder verschwinden."

„VECTOR", sagte HUNK nach hinten, „dein Bogen könnte uns dabei sehr nützlich werden. Er ist leise und schnell."

„Ja, Sir."

„Eines hat mich immer interessiert. Kennen Sie voneinander überhaupt die richtigen Namen?", fragte Wesker.

„Ja", sagte HUNK. „Aber wir verraten unsere Namen nie nach außen. In unserem Team hatten immer alle Codenamen."

„Wie sind Sie zu dem Namen HUNK gekommen?", wollte Wesker wissen. „Das ist nämlich ein etwas skurriler Codename für einen Soldaten."

HUNK lachte leise auf. „Eigentlich war es ein … ein Scherz. HUNK könnte man als eine Anspielung auf meine physische Konstitution auffassen." Da konnte Wesker nicht widersprechen. „Andererseits kam ich einmal, zweimal, dreimal als einziger von einem Einsatz zurück und meine Kollegen begannen zu munkeln, dass ich einen sehr guten Schutzengel hätte oder der Tod selbst wäre. Das Wort HUNK haben die sich ausgedacht. Es ist ein Akronym für Human Unit Never Killed. Ich habe einfach nie widersprochen und so wurde der Codename HUNK mein Markenzeichen."

„Wie passend", meinte Wesker. „Und was ist mit Ihnen, VECTOR? Steht Ihr Codename auch für etwas?"

„Nicht, dass ich wüsste", antwortete VECTOR von der Rückbank.

„HUNK, Sie haben VECTOR trainiert?", wollte Wesker wissen.

„Das ist richtig", erklärte HUNK. „Ich hatte noch nie einen besseren Mann in meiner Einheit. Als er zu uns kam, trat er im Nahkampf gegen mich persönlich an. Ausgang unentschieden, das hatte noch nie jemand geschafft. Fortan war er immer mein Stellvertreter bei allem. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen, und das kann ich nicht von vielen behaupten. Nach Umbrellas Untergang haben wir beide zusammen weiter gearbeitet."

„Was ist aus Wolfpack geworden?"

„Die sind alle untergetaucht", erklärte HUNK. „Ich habe den Kontakt zu fast allen verloren. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist."

„Warum verstecken Sie Ihr Gesicht hinter dieser Maske?"

„Die Soldaten des U.S.S. wurden für Situationen wie die momentane trainiert", fuhr HUNK fort. „Ausbrüche von Krankheiten, Seuchen, Unfälle mit biologischen Waffen. Die Gasmasken sind ein Schutz für uns."

„Moment, ich dachte, dafür waren die U.B.C.S. zuständig?"

„Nicht direkt", sagte HUNK. „Ganz ursprünglich, als ich zu Umbrella kam, gab es nur eine Einheit. Wir wurden später getrennt. Der U.B.C.S. wurde von Sergei Vladimir übernommen und diente offiziell zur Rettung von Menschen, zumeist Zivilisten, aus Gebieten, wo es zu Ausbrüchen gekommen war. Umbrella hat dafür irgendwelche Söldner angeheuert. Leute, denen man nicht vertrauen konnte. Der U.S.S. war eine Spezialeinheit für Geheimoperationen."

„Wenn Sie zuerst eine Einheit waren, dann waren Sie sicher mit Nikolai Zinoviev bekannt?"

HUNK schnaubte. „Als unsere Einheiten getrennt wurden, übernahm Nikolai die Führung des U.B.C.S., während mir das Alpha-Team des U.S.S. zugeteilt wurde. Vladimir und Spencer behielten uns beide scharf im Auge. Es entstand eine Art Wettstreit zwischen uns. Ich konnte den Kerl noch nie ausstehen. Er ist ein intriganter Einzelgänger und ein Opportunist, der nur an sich selbst und an Geld denkt. Bei einem Einsatz hätte er uns um ein Haar alle umgebracht. Ich war froh, nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Hat er Raccoon City überlebt?"

„Ich weiß es nicht. Jill Valentine sollte mehr darüber wissen."

„Jill Valentine, auch so eine Legende, von der ich schon einiges gehört habe. Ich bin gespannt darauf, Ihre Leute zu treffen, Wesker."

„Meine Leute … Wir sind da", sagte Wesker und bog auf den menschenleeren Flugplatz. „Machen Sie sich bereit."


Claire musste dringend mit Chris Kontakt aufnehmen und noch länger zu warten, kostete sie wertvolle Zeit. Zeit, die sie womöglich bei der Bekämpfung von Raphael brauchen würden. Doch sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Sie war einfach verschwunden, ohne ihrem Bruder und ihren Freunden eine Nachricht zu hinterlassen, und sie konnte sich Chris' Reaktion bildlich vorstellen. Sie hatte alle Menschen, die ihr wichtig waren, einfach wortlos in einer Ausnahmesituation zurückzulassen und sich für den Mann entschieden, den sie liebte – Albert Wesker.

„Hier ist Claire Redfield, Chris, Jill, Leon, irgendjemand, hört ihr mich?" Sie sprach langsam, laut und deutlich. Die Satellitenverbindung, im Moment ihre einzige Kommunikationsmöglichkeit, war immer noch sehr gut, aber Claire hatte Angst, sie könnte irgendwann doch abreißen und sie völlig von der Außenwelt abschneiden.

Sie wartete und wartete und wiederholte immer wieder ihren Satz. „Hört ihr mich denn nicht?"

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit meldete sich eine vertraute Stimme. „Claire, bist du das?"

„Barry?"

„Claire, wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht! Wo zum Teufel steckst du?"

„Ich bin in Louisiana, Barry", sagte Claire wahrheitsgemäß. Sie wusste, dass es wenig Sinn hatte, Barry etwas zu verschweigen.

„Claire, Chris ist fast durchgedreht vor Sorge, weil du einfach verschwunden bist. Niemand wusste, wo du warst. Warum bist du erst quer durch die USA gefahren, um zu uns zu kommen, nur um dann gleich wieder abzuhauen?!" Barry war aufgebracht, fassungslos und Claire konnte es ihm nicht verdenken.

„Es tut mir leid", sagte sie. „Ich bin … Ich bin zu Wesker gefahren. Im Moment ist er nicht hier, aber ich bin hier bei ihm. Mir, uns geht es gut, macht euch bitte keine Sorgen."

„Du hast gut reden, Claire. Wesker. Der Kerl wird dich noch umbringen. Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du mal an Chris gedacht?"

Claire hatte nicht an Chris gedacht. Zu Wesker zu fahren war eine Kurzschlusshandlung gewesen.

„Hat Wesker dich irgendwie kontaktiert? Wie hast du erfahren, wo er ist?"

„Ich habe Piers genötigt, es mir zu sagen", sagte Claire.

„Ach, Claire …"

„Barry, wir vergessen das jetzt mal für den Moment. Es gibt Wichtigeres. Wesker hat eine Spur. Er und zwei Soldaten, HUNK und VECTOR, sind gerade auf dem Weg zu einem der Schiffe, von denen aus Raphael die Angriffe ausgeführt hat. Ich schicke euch die Koordinaten der beiden Schiffe."

Barry notierte sich die Angaben. Er wollte etwas fragen, doch Claire unterbrach ihn sofort.

„Bitte bereitet euch auf den Einsatz vor. Sobald Wesker und die anderen zurück sind, treffen wir uns, um das zweite Schiff zu untersuchen. Und Barry?"

„Ja?"

„Ich passe gerade auf HUNKs Familie auf. Drei Zivilisten. Könnt ihr es irgendwie organisieren, dass sie bei euch unterkommen?"

„Das kriegen wir hin", versicherte Barry ihr. „Was soll ich Chris und den anderen sagen?"

„Gib ihnen alles weiter, was ich dir gerade gesagt habe. Und sag ihnen, dass Wesker vielleicht ein Heilmittel hat."

„Das hat uns Piers schon erzählt. Verdammt, warum rückt er nicht damit raus?!", fragte Barry verärgert.

„Das Heilmittel funktioniert noch nicht richtig", sagte Claire. „Wesker meinte, es fehle eine entscheidende Zutat."

„Hast du eine Probe davon bei dir?"

„Die müsste im Labor sein."

„Vielleicht kann Rebecca weiterhelfen", meinte Barry. „Claire, wir müssen alles versuchen. Die Monster durchbrechen die Quarantäne-Zone."

„Ja. An der Westküste auch. HUNK und seine Familie sind von dort geflohen. Barry, vereinbaren wir einen Treffpunkt. Ich werde eine Probe besorgen und sage HUNKs Familie, dass sie ihre Sachen packen sollen. Sobald Wesker, HUNK und VECTOR auf dem Rückweg sind, fahren wir los und treffen uns."

„Wir müssen nach Westen", sagte Barry nachdenklich. „Das zweite Schiff treibt auf dem Pazifik."

„Überlegt euch was", sagte Claire. „Ich melde mich wieder, wenn ich mehr von Wesker weiß. Bereitet euch auf den Einsatz im Pazifik vor. Claire, over and out."


Der Ozean zog unter ihnen dahin. Das Wasser war ruhig, wie ein blauer Riese, der schlief. Aus dem Hubschrauber heraus konnten HUNK und Wesker ein paar Wale und Delphine beobachten. Lange Zeit hatten sie nichts außer den blauen Weiten gesehen. Die Ruhe auf dem Meer war gespenstisch, unheimlich. Dann tauchten am Horizont die Umrisse eines großen Schiffes auf.

Das Schiff war ein Luxuskreuzfahrtschiff mit dem Namen Queen Tisiphone. VECTOR ging über dem Hubschrauberlandeplatz nach unten und stellte den Motor ab. Die Rotoren verstummten nach und nach. Wesker hoffte, dass der Name des Schiffes nicht Programm war. Das Deck des Schiffes war verlassen, was Wesker sofort in seiner Vermutung bestätigte, dass sie bereits erwartet wurden.

Die drei Männer nahmen ihre Waffen und machten sich bereit, das Schiff zu untersuchen. Sie befanden sich auf völlig unbekanntem Territorium und hatten keine Ahnung, was sie erwarten würde, doch alle drei waren für Situationen dieser Art trainiert und ihrem Element.

„Sollen wir uns trennen?", fragte VECTOR. „Allein können wir uns schneller fortbewegen."

„Ich weiß, dass du gern allein operierst, aber das wäre in unserem Fall äußerst unklug. Das ist keine Stealth-Operation. Als Team vorzugehen, ist sicherer", sagte HUNK streng.

„Sir, was ist mit dem Hubschrauber? Könnten die ihn nicht in unserer Abwesenheit zerstören?"

Der Einwand war berechtigt und es behagte Wesker auch überhaupt nicht, ihren einzigen Ausweg allein und unbewacht zurückzulassen. „Das glaube ich nicht, aber genau für solche Situationen habe ich Claire angewiesen, im Haus zu bleiben und mit ihrem Bruder Kontakt zu halten. Wenn wir uns binnen 24 Stunden nicht bei ihr melden, dann schickt sie uns Hilfe."


Wie Claire erwartet hatte, meldete sich kurz nach ihrem Gespräch mit Barry ihr Bruder.

„Claire, ich bin so froh, dass du in Sicherheit bist. Du bist einfach verschwunden und …"

„Chris, mir geht's gut", versicherte Claire ihm. „Ich bin bei Wesker. Hier ist es sicher."

„Barry hat mir alles erzählt. Wesker ist mit zwei Leuten raus zu diesem Schiff, sehe ich das richtig? Und dann sollen wir uns treffen, um das zweite Schiff zu untersuchen?"

„Ja."

„Wir bereiten uns schon vor und versuchen, einen Treffpunkt auszusuchen. Von uns aus ist der Pazifik leider nicht der nächste Weg. Wir glauben, dass es in Texas noch relativ sicher ist. Wir suchen dort einen Ort ohne Infektion, wo wir uns treffen können. Hast du schon was von Wesker gehört?", fragte Chris.

„Leider nein, aber sie sind erst vor acht Stunden los. Wenn sie sich in den nächsten 16 Stunden nicht melden, dann müsst ihr ihnen helfen."

„Das kalkulieren wir mit ein. Ich habe gehört, ihr habt drei Zivilisten bei euch."

„Ja, es ist HUNKs Familie. Ich will sie nicht allein hier zurücklassen, wenn wir gehen", sagte Claire. Sie hatte fest vor, bei dem zweiten Einsatz dabei zu sein, egal was Wesker oder ihr Bruder sagen mochten. „Könnt ihr sie zu eurem Versteck bringen? Dann sind sie wenigstens bei anderen Leuten."

„Ich überlege mir, wie wir das koordinieren können, Claire. Hier sind noch Rebecca und Alex, die dich sprechen wollen. Es geht um Weskers Heilmittel. Ich gebe dich mal weiter." Für einen Moment herrschte Stille auf der anderen Seite, dann hörte Claire die vertraute Stimme von Rebecca Chambers.

„Claire, stimmt es wirklich, dass Wesker ein Heilmittel gefunden hat?", fragte sie.

„Ja, das stimmt."

„Funktioniert es?"

„Ich bin nicht sicher, ich kenne mich da nicht aus, aber Wesker meinte, er hätte es draußen an einem Infizierten ausprobiert. Es hat gewirkt, aber die Wirkung verflog nach einer Weile wieder. Er sagte, wahrscheinlich würde eine bestimmte Zutat fehlen."

„Das dachte ich mir", sagte nun Alex Wesker. „Es ist nicht stark genug, um die Infektion dauerhaft zu unterdrücken. Wahrscheinlich fehlen ihm Antikörper, die wir den Infizierten verabreichen können."

„Ich weiß nicht, was er alles probiert hat", sagte Claire, „aber könnte er nicht seine eigenen dafür nehmen?"

„Wie ich Albert kenne, wird er das längst probiert haben", entgegnete Alex. „Wenn die nicht wirken, dann werden die von Jake auch nicht ausreichen. Um Genaueres sagen zu können, muss ich eine Probe des Heilmittels untersuchen."

„Claire, Barry meinte, du könntest eine Probe besorgen", sagte Chris.

„Wesker wird davon nicht begeistert sein, aber ja, ich werde sie mitbringen, wenn wir uns treffen. Ihr müsst sie dann irgendwie zu Rebecca und Alex schaffen."

„Das lässt sich organisieren", meinte Rebecca. „Es ist wohl jetzt der ungünstigste Zeitpunkt überhaupt, aber wir müssen die kleine Magdalena-Sophia endlich untersuchen. Vielleicht liegt in ihrem Blut der Schlüssel zur Heilung. Wir tun, was wir können, aber Claire, du musst uns die Probe besorgen. Wir werden uns derweil einen Ort für die Untersuchung organisieren. In das Labor der B.S.A.A. können wir ja leider nicht zurück."

„OK, ich werde es tun", sagte Claire. Sie hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Wesker. Dass sie seine Arbeit stahl und jemand anderem aushändigte, ohne ihn zu fragen, würde ihn mit Sicherheit verletzen und wahrscheinlich würde er sich von ihr hintergangen fühlen. Aber wenn sie damit die Millionen Infizierten retten konnten, dann wollte Claire einen kleinen Krach in ihrer Beziehung riskieren. „Wenn ich was von Wesker höre, dann melde ich mich sofort, OK? Haltet euch bereit."

„Wir stehen bereit", sagte Chris.

„Claire, over und out."


Sie hatten sich Zugang zum Schiff verschafft und untersuchten nun die dunklen Gänge. Gespenstische Stille umgab sie. Das Licht ihrer Taschenlampen war die einzige Lichtquelle. Wenn Wesker es nicht besser wüsste, hätte er fast geglaubt, sie befänden sich auf einem verlassenen Geisterschiff, das ohne Kurs auf dem Ozean trieb.

„Wo könnte sich das Labor befinden?", fragte HUNK. „Vermutlich im Untergeschoss, im Bauch des Schiffes."

„Das denke ich auch. Über uns ist die Aussichtsplattform. Darüber müsste sich normalerweise die Antenne für die Funkanlage befinden", sagte Wesker. „Gehen wir rauf."

Der Aufzug zur Aussichtsplattform funktionierte. Sie betraten einen großflächigen Raum mit Glasfassade, von wo aus man eine tolle Aussicht auf das Meer und den Nachthimmel hatte. Der Boden war mit Teppich ausgelegt und gemütliche Sofas luden dazu ein, mit der Geliebten im Arm die Aussicht zu genießen. Ein Halbmond und die Sterne leuchteten von einem beinahe wolkenlosen Nachthimmel.

„Ich werde mir kurz die Antennenvorrichtung ansehen", sagte Wesker und hatte bereits einen Fuß auf die Leiter nach oben gesetzt. „Sie beide bewachen den Aufzug."

Wesker beeilte sich. Bereits fünf Minuten später kehrte er zu seinen beiden Begleitern zurück. „Da oben funktioniert alles. Notfalls können wir über die Funkanlage da oben, Kontakt mit Claire aufnehmen."

„Hier unten war alles ruhig", sagte VECTOR. „Es ist komisch, dass es nirgendwo Überwachungskameras gibt."

Das war Wesker auch schon aufgefallen. „Gehen wir, wir müssen das Labor finden, und wir müssen es schnell finden. Je länger wir unsere Ruhe haben, desto besser."

„Ich habe ja schon mit einer Falle gerechnet", meinte HUNK. „Aber hier stimmt etwas nicht. Das ist alles sehr seltsam."

Der Aufzug brachte sie in eine hohe Halle, die im Stil eines alten Opernhauses gehalten war. Breite, mit edlen Teppichen ausgelegte Treppen führten in die oberen Stockwerke, wo es laut Wegweiser ein Solarium, ein Schwimmbad, ein Kino, ein Spielcasino, eine Bücherei, mehrere Bars und Cafés und sogar einen Konzertsaal für Veranstaltungen gab. Ringsum säumten breite Doppeltüren aus teurem Holz, die in andere Bereiche des Schiffes führten, die runde Halle.

„Wow, das nenne ich einen Luxuskreuzer", meinte HUNK.

„Die Schiffe sind noch luxuriöser als die Schiffe, die die Terragrigia-Terroristen benutzt haben", sagte Wesker. „Und noch eine Dimension größer."

„Wie finden wir jetzt das Labor?", fragte HUNK. „Wir können nicht das ganze Schiff durchsuchen. Und ich möchte ehrlich gesagt so wenigen Monstern wie möglich über den Weg laufen."

„Wir brauchen eine Karte des Schiffes", sagte VECTOR. „Ohne Lageplan sind wir völlig orientierungslos."

„Sehen wir uns die Halle mal an", sagte Wesker. „Verinnerlichen Sie alle Türen."

Sie trennten sich und untersuchten nacheinander die Türen. Promenadendeck, Restaurant, Kabinen, Salon. Nach ein paar Minuten kamen sie am Aufzug wieder zusammen.

„Wir müssen nach unten Richtung Maschinenraum", sagte Wesker. „Ich vermute, dass wir durch die Brücke müssen. Ein Aufzug müsste uns nach unten bringen."

„Was ist mit dem Casino?", fragte VECTOR. „Unten ihm müsste es doch Wartungsräume und Technik geben."

„Das war auch mein Gedanke, Wesker", sagte HUNK. „Was erwarten Sie auf der Brücke zu finden?"

„Den Kurs des Schiffes. Wir erfahren dort, wohin die Mühle steuert. Sie fährt nach Süden, langsam, aber stetig, das konnte ich über den Satelliten schon herausfinden. Wir müssen ihr Ziel in Erfahrung bringen. Ist Ihnen der Name des Schiffes aufgefallen?"

VECTOR und HUNK nickten. „Hat der was zu bedeuten?"

„Ich glaube, ja", sagte Wesker. „Und das ist das Problem. Tisiphone war eine der drei Furien aus der griechischen Mythologie. Die anderen beiden waren Alekto und Megaira. Wir haben zwei Schiffe ausfindig gemacht."

„Es muss ein drittes geben." HUNK seufzte.

„Das ist meine Befürchtung, deshalb müssen wir unbedingt herausfinden, was ihr Kurs ist und was ihre Ziele sind", sagte Wesker. „Und wo das dritte Schiff geblieben ist."

„Wir haben eine Chance von eins zu vier auf Anhieb die richtige Tür zu wählen", sagte HUNK. „Welche Tür, Wesker?"

„Die Brücke liegt an der Vorderseite. Das ist diese Richtung", sagte Wesker und deutete in Richtung der großen Treppe, die nach oben führte.


Ein schlechtes Gewissen plagte Claire, als sie Weskers Labor betrat und es nach seinem Heilmittel durchsuchte. Es behagte ihr gar nicht, ohne sein Wissen seine Arbeit an sich zu nehmen, aber sie hatte ein Versprechen gegeben. Alex und Rebecca verließen sich auf sie und die Zeit drängte. Vorsichtig sah sie Weskers Aufzeichnungen durch, doch sie verstand davon nichts. Claire konnte mit Waffen auf B.O.W.s schießen, aber sie hatte sich nie mit den Viren beschäftigt, die die Monster erschaffen hatten. Weskers Notizen, seine vielen Formeln und Fachbegriffe, die er handschriftlich notiert hatte, waren für Claire ein Buch mit sieben Siegeln. Sie fand etliche Glasphiolen, die Wesker im Laborkühlschrank aufbewahrte und die alle mit unterschiedlichen Flüssigkeiten gefüllt waren. Sie waren alle fein säuberlich beschriftet, aber aus den Zahlen- und Buchstabenkombinationen wurde Claire nicht schlau. Hätte Wesker nicht einfach „Heilmittel" auf den entsprechenden Behälter schreiben können?, dachte Claire verärgert. Sie konnte nicht alle Glasphiolen mitnehmen und wollte erst recht nicht das Risiko eingehen, den falschen Behälter abzuliefern. Nervös biss sie sich auf die Lippen. Was sollte sie nur tun?

Im Prinzip blieb ihr keine andere Wahl, als Wesker von ihrem Vorhaben zu erzählen und ihn direkt nach dem Heilmittel zu fragen. Sie konnte sich seine Reaktion schon bildlich vorstellen.

„Hilft ja nix", murmelte sie laut vor sich hin. Sie lief zurück nach oben und nahm Kontakt mit ihrem Bruder auf.


Ein leises Geräusch ließ Wesker, HUNK und VECTOR aufhorchen. Sie durchquerten gerade einen dunklen Lagerraum, der mit hohen Regalen, die bis zur Decke reichten, vollgestellt war. HUNK, der vorausging, hob die Hand, um seinen beiden Begleitern zu signalisieren, dass sie innehalten sollten.

„Hört ihr das?", fragte er im Flüsterton.

Wesker und VECTOR nickten. Über ihren Köpfen kratzte und schlurfte etwas auf Metall. Ein Körper schleppte sich über Metall.

„Wir sind nicht allein", sagte Wesker und sah nach oben. Über ihnen in Form eines Ls lief ein Lüftungsschacht. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er langsam an der Konstruktion entlang. Bei einem Einstiegsgitter hielt er inne. Er konnte nichts erkennen, doch irgendetwas bewegte sich. HUNK trat ein paar Schritte nach vorne und zielte mit seiner TMP nach oben.

„Da oben ist etwas", sagte er.

Die Geräusche, die aus dem Lüftungsschacht drangen, wurden lauter, polternder. Das Licht hatte das Etwas aufgeschreckt. Kurz bevor der Lüftungsschacht in die Wand zum angrenzenden Raum lief, verstummten die Geräusche plötzlich. HUNK näherte sich langsam dem letzten Einstiegsgitter und leuchtete nach oben. Von dem Gitter tropfte irgendein zäher, transparenter Schleim auf den Boden. Das leise Atmen eines Lebewesens war zu hören. Der Lichtkegel folgte dem Schleim nach oben zum Gitter und plötzlich spannte sich HUNKs Körper in Alarmbereitschaft an und der Söldner trat instinktiv ein paar Schritte zurück. Ein Fauchen schreckte sie auf. Wesker und VECTOR hoben sofort ihre Waffen und machten sich schussbereit.

Das Gitter wurde aufgestoßen und eine schleimige, unförmige Masse schlängelte sich nach unten, fiel mit einem schleimigen Schmatzen zu Boden und richtete sich auf. Was auch immer das Wesen war, es nahm die Umrisse eines menschlichen Körpers mit langen dünnen Armen und Beinen an. An seinen Unterarmen hatte es scharfe Klingen aus Knochen. Seine weiß-graue Haut war schleimig und offenbar ein paar Nummern zu groß für seinen Körper. Es hatte kein menschliches Gesicht und wenn es Augen hatte, dann waren sie unter Hautlappen verdeckt. Als es die Luft um sich und den Geruch der drei Menschen einsaugte, blähten sich seine Nüstern. Sein Maul war mit mehreren Reihen scharfer Zähne bestückt. Seine Zunge war dick und wulstig und lief in einem zweiten Mund mit scharfen Greifzangen aus. Leise gurgelnd bewegte es seinen Kopf zwischen HUNK, Wesker und VECTOR hin und her, aber griff nicht an.

„Was zum Teufel … ?", fragte VECTOR neben Wesker.

„Ich hatte ja gesagt, dass uns eine Falle erwartet. Ich wette mit Ihnen, dass noch mehr von den Viechern hier herumschleichen", raunte Wesker.

„Sollen wir es töten?", fragte HUNK.

„Nein", meinte Wesker. „Die Tür ist ein paar Meter neben Ihnen, HUNK. Wir gehen vorsichtig raus."

Ohne seinen Blick und seine Waffe von der seltsamen Kreatur zu nehmen, ging HUNK nach rechts Richtung Tür. Wesker und VECTOR umrundeten das Monster mit so viel Abstand wie möglich und folgten ihm, ohne auch nur einmal ihren Blick abzuwenden oder ihre Waffen zu senken. Das Monster beobachtete sie aufmerksam. Als HUNK die Türklinke nach unten drückte und die Tür langsam aufdrückte, ertönte ein lautes Knarren. Das Monster fauchte plötzlich wütend und sperrte sein Maul auf.

Keiner der drei Männer konnte rechtzeitig reagieren, als es einen Satz nach vorne machte und sich mit seinem vollen Körpergewicht auf HUNK stürzte. Durch die Wucht des Aufpralls wurde HUNK nach hinten durch die Tür in den dahinterliegenden Gang geworfen. Die Kreatur nahm HUNKs Kopf in den Zangengriff ihrer Zunge und wollte ihn verschlingen. Weil es HUNK mit seinem Körper auf den Boden drückte und seine Arme fixierte, lag die TMP nur nutzlos in seiner Hand. Das Monster hatte enorme körperliche Kräfte, sodass selbst der gut trainierte Soldat keine Chance hatte, sich gegen es zur Wehr zu setzen.

„HUNK!"

VECTOR wollte schießen, aber Wesker hielt ihn zurück. „Nein, Sie könnten HUNK treffen."

Ein Knacken und ein Klirren waren zu hören. Die Greifzangen des Monsters waren dabei HUNKs Helm und seine Gasmaske zu zerquetschen. Weskers Gedanken rasten, dann fiel ihm das Schwert ein. Er steckte seine Pistole weg und zog sein Samurai-Schwert. Mit einem schnellen, gezielten Schlag hob er dem Monster den rechten Arm ab.

Die Kreatur bäumte sich vor Schmerz auf und ließ von HUNK ab. Dieser hatte nun genug Bewegungsspielraum, um sein Kampfmesser aus seinem Gürtel zu ziehen. Er rammte es dem Monster mitten ins Gesicht. Als es von seiner Beute abließ und zurücktaumelte, holte Wesker ein zweites Mal mit dem Schwert aus und schnitt den weichen Körper des Monsters in der Mitte durch. Sein schmerzerfülltes Jaulen verstummte augenblicklich. Seine beiden Hälften kippten regungslos zur Seite. Blut und Organe verteilten sich auf dem Metallboden. VECTOR half seinem ehemaligen Ausbilder auf die Füße.

„Das war knapp. Danke, Wesker", sagte HUNK schwer atmend und zog sein Messer aus dem Kopf der Kreatur. Die roten Linsen seiner Gasmaske waren gesplittert und sein Helm auf beiden Seiten eingedrückt. Langsam und vorsichtig zog er beides aus.

Wesker nickte. „Hat er sie erwischt? Sind Sie verletzt?"

HUNKs Ausrüstung war unbrauchbar geworden. „Ich glaube nicht, aber das war haarscharf. Ich habe in den Schlund dieses Viehs geschaut." Er hatte Blutergüsse und kleine Schrammen im Gesicht und am Kopf. „Der hat einen ganz schön starken Griff. Wenn er meinen Arm gepackt hätte, hätte er mir die Knochen zertrümmert. Ich weiß jedenfalls, warum ich immer einen Schutzhelm trage. Wir müssen vorsichtig sein."

„Das Geräusch der Türklinke hat ihn aufgeschreckt", sagte VECTOR ernst. „Es wollte uns nicht angreifen. Das Quietschen von der Metalltür hat es wütend gemacht."

„Es reagiert auf Geräusche, wahrscheinlich auf hohe Frequenzen. Und das Licht unserer Taschenlampen hat es aufgeschreckt", sagte Wesker, der sofort begriffen hatte. „Es ist eine mutierte Tiefseekreatur."

„Dann dürfen wir nicht schießen", sagte HUNK. Es war ungewohnt, HUNK ohne seine Gasmaske, sein Erkennungszeichen, zu sehen. „Unsere Waffen sind nutzlos. Und mit den Taschenlampen müssen wir auch vorsichtig sein."

„Beeilen wir uns", drängte Wesker und ging mit erhobenem Samurai-Schwert voraus. Das Schwert war im Moment ihre beste Waffe gegen die neuen Monster. „Die Brücke liegt gleich vor uns."

HUNK und VECTOR, beide im Messerkampf gut ausgebildet, folgten ihm. Glücklicherweise erreichten sie die Brücke ohne weitere Zwischenfälle. VECTOR und HUNK hielten Wache, während Wesker sich die Steuerungsinstrumente besah.

„Sie steuert Richtung Afrika", sagte er, nachdem er den Kurs des Schiffes überprüft hatte. „Ihr Schwesternschiff treibt immer noch im Pazifik herum." Er stöhnte leise auf. „Ich hatte Recht. Es gibt tatsächlich ein drittes Schiff. Die Queen Alekto, aber sie liegt glücklicherweise im Hafen. Um die brauchen wir uns im Moment keine Gedanken machen. Wenn wir das Labor gefunden haben, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir das Schiff zerstören."

„Es gibt mit Sicherheit einen Selbstzerstörungsmechanismus", vermutete HUNK. „Können Sie den Kurs des Schiffes ändern?"

„Ich versuche es, aber man braucht die Login des Kapitäns. Das Schiff läuft sozusagen auf Autopilot", sagte Wesker, der vergeblich versuchte, sich Zugriff auf das Kontrollsystem des Schiffes zu verschaffen. „Man braucht einen Schlüssel und einen Zugangscode. Ohne die kann ich das Schiff nicht umleiten."

„Dann müssen wir den Kapitän finden", sagte VECTOR. „Da unten ist ein Aufzug, der uns zum Promenadendeck führt. Von dort aus kommen wir wieder zurück in die große Halle." Er deutete eine Treppe hinunter. Der kurze Gang am Fuß der Treppe führte sie zur breiten Tür eines Aufzugs.

„Wir haben wohl keine andere Wahl", sagte Wesker, obwohl er nicht begeistert war, das Schiff ohne Plan nach einer einzelnen Person durchsuchen zu müssen. Die drei Männer hatten gerade den Aufzug betreten, als Wesker angefunkt wurde.

„Das ist Claire. Claire, was ist los? Ist etwas nicht in Ordnung?", fragte er.

„Alles gut, keine Sorge. Wesker, ich muss dich etwas fragen, ich hoffe der Zeitpunkt ist nicht ungünstig."

„Nein, aber beeil dich. Wir durchsuchen gerade das Schiff."

„Ich mach es kurz", sagte Claire. „Wesker, ich brauche eine Probe deines Heilmittels. Rebecca und Alex wollen daran arbeiten."

Wesker wusste im ersten Moment nicht, was er antworten sollte. Hatte er richtig verstanden? Er hatte natürlich erwartet, dass Chris und die anderen inzwischen von seinem Heilmittel erfahren hatten, doch dass sie eine Probe verlangten, damit hatte er nicht so schnell gerechnet. Er war im Moment nicht bereit, ihnen eine Probe einfach so auszuhändigen. Das Heilmittel musste noch einen bestimmten Zweck für ihn erfüllen. Es war sein Triumph, den er im richtigen Moment ausspielen wollte. Und dieser Moment war noch nicht gekommen. Zum Glück war er so umsichtig gewesen, es nicht offen herumliegen zu lassen, sonst, da war er sich sicher, hätte Claire es inzwischen an sich genommen. Ihr ungeduldiger Tonfall ließ vermuten, dass sie wahrscheinlich schon verzweifelt danach gesucht hatte.

„Nein." Wesker teilte ihr seine Entscheidung kurz und schmerzlos mit. „Und dabei bleibt es."

„Albert, die Zeit drängt. Wir brauchen das Heilmittel!", entgegnete sie sofort. „Alex und Rebecca können dir helfen!"

„Das ist mein letztes Wort, Claire", sagte Wesker kalt und brach den Kontakt zu ihr ab.

„So spricht jemand, der einen Plan hat", meinte HUNK emotionslos. „Sie halten das Heilmittel zurück. Was haben Sie vor?"

„Das ist meine Sache", sagte Wesker etwas kälter, als er beabsichtigt hatte. „Konzentrieren wir uns bitte wieder auf unseren Plan." Seine Mitstreiter erwiderten nichts. Sie wussten, wann sie nicht mit ihm diskutieren durften.


Auf dem Promenadendeck gab es mehrere Cafés, doch in keinem einzigen saß ein Gast. Über eine Treppe gelangte man nach oben zu einigen Terrassen, wo Tische und Stühle standen. Das Licht war ausgeschaltet und ein unangenehmes Zwielicht drückte auf ihre Augen. Sobald die Aufzugtüren aufgingen, lauschten die drei Männer auf jedes Geräusch. Wesker hielt das Schwert locker in beiden Händen. Diesmal waren sie definitiv nicht allein. Sie hörten ein schleimiges Schmatzen. In der Mitte des hohen Raumes befand sich ein langes Bett mit tropischen Pflanzen. Irgendwo zwischen den Stämmen der Palmen bewegte sich etwas. Dunkle Schatten schlichen durch die verlassenen Cafés und stöhnten leise.

„Hier sind mehr von den Viechern", sagte VECTOR im Flüsterton.

„Nicht nur das", meinte HUNK und deutete mit seinem Messer nach oben. Von der oberen Etage drang ein gedämpftes Klopfen zu ihnen. Wesker glaubte eine Stimme zu hören.

„Sagt da jemand was?", fragte er seine Mitstreiter.

Hier spricht Ihr Kapitän, wir legen in Kürze im Hafen von Curacao an. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt."

Die Stimme klang verzweifelt, fast flehend und war mal höher, mal tiefer, so als würde ein Betrunkener lallen. Es war eindeutig die Stimme eines Mannes, aber immer wieder war sie so verzerrt, dass sie kaum noch menschlich klang und die Worte kaum noch zu verstehen waren.

„Ich haben den Kapitän wohl gefunden", meinte VECTOR. „Wir brauchen aber Licht."

Es führte kein Weg daran vorbei. Sie mussten das Licht anschalten. Im Dunkeln, umringt von noch mehr schleimigen Monstern und wer weiß von welchen Kreaturen noch, war es viel zu gefährlich, sich weiter vorzutasten. Wesker wünschte für einen Moment, sie hätten Nachtsichtgeräte eingepackt. Er schaltete seine Taschenlampe ein und leuchtete an der Wand entlang an einer Eisdiele vorbei. Der Lichtkegel stoppte bei einer Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Personal" angebracht war. „VECTOR, sehen Sie sich mal diesen Raum da drüben an. Vielleicht finden Sie dort den Sicherungskasten. Schalten Sie das Licht ein."

VECTOR tat wie geheißen, während HUNK und Wesker die Treppe nach oben gingen. Das Klopfen wurde lauter. Sie standen auf der Brücke, die mehrere Cafés und Terrassen miteinander verband, als um sie herum das Licht anging. Die beiden Männer schalteten ihre Taschenlampen aus.

Die Monster auf dem Promenadendeck erwachten sofort zum Leben und kreischten und brüllten wie verrückt. Augenblicklich nahmen sie VECTOR ins Visier. Dieser zog seinen Bogen und schoss einen Pfeil in den Bauch eines Monsters. Es dauerte nur drei Sekunden und die Kreatur explodierte, wobei sich ihre Eingeweide in die gesamte Umgebung verteilten.

Wesker und HUNK fanden sich plötzlich umringt von Schleimmonsters. Erst jetzt im Licht sah man, dass sie bei einer Bewegung nach vorne eine Schleimspur hinterließen. Sie fuhren ihre rüsselartigen Zungen aus und versuchten, sich auf Wesker und HUNK zu stürzen, doch die beiden Männer duckten sich elegant unter ihnen weg. Wesker wirbelte herum und stieß sein Schwert in den Bauch eines Monsters, HUNK unterdessen rammte einem zuerst sein Messer in den ausgestreckten Arm, zog dann in einer einzigen fließenden Bewegung seine Matilda und jagte ihm blitzschnell eine Kugel direkt durch die Stirn. Unter ihnen erledigte VECTOR weitere Monster mit seinen explosiven Pfeilen.

Plötzlich wurde der Boden unter ihnen erschüttert und es gab einen lauten Knall, als eine Wand durchbrochen wurde.

Hier spricht Ihr Kapitän!", verkündete eine massige Kreatur, die wohl irgendwann einmal ein Mensch gewesen war. Schwach waren noch menschliche Züge an ihr zu erkennen, doch nun ähnelte sie einem gigantischen Anglerfisch mit Armen und Beinen. Sie überragte Wesker und HUNK bei weitem und war so dick und rund, dass sie die ganze Breite der Brücke einnahm. Ein paar Kleiderfetzen hingen noch an ihr. Aus ihrer Stirn ragte ein langer Fangarm, der bedrohlich durch die Luft peitschte und versuchte, Wesker und HUNK zu ergreifen. Ihr Schlund war so breit, dass sie mit einem Schlag einen erwachsenen Mann in einem Stück verschlingen konnte. Die langen Fangzähne, die ihren Kiefer säumten, konnten mit Leichtigkeit einen Körper auseinanderreißen. Die Arme, viel zu kurz für ihren runden Körper, ruderten nutzlos durch die Luft. Ihre Beine waren ebenfalls zu kurz und zu dünn, um ihr massives Gewicht tragen zu können, weshalb sie unkontrolliert hin und her torkelte. Wo bei einem normalen Menschen das Gesäß war, hatte sie die Schwanzflosse eines Fisches. Ihre Haut war braun und schleimig. Immer wieder gab sie den letzten Satz des Kapitäns von sich. Aus ihrem menschlichen Leben war der Kreatur nur ihr Gesichtsausdruck geblieben. Die Augen sahen hilflos suchend umher. Wesker glaubte, Fleischreste zwischen den Zähnen zu sehen und er hatte keine Lust, die nächste Beute zu werden. Er und HUNK machten auf dem Absatz kehrt und kehrten zu VECTOR zurück.

Dieser war inzwischen umzingelte von einer ganzen Horde Schleimmonster. Er war zu Nahkampf übergegangen, um seine kostbaren Pfeile nicht zu verschwenden. Wesker bemerkte nun, dass die Schleimmonster die Knochensplitter, die aus ihren Unterarmen ragten, auch als Waffe verschießen konnten. Die drei Männer gingen hinter der Essensausgabe eines Cafés in Deckung, um nicht von den spitzen Wurfgeschossen getroffen zu werden. Der zum Anglerfisch mutierte Kapitän prallte mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den Boden, als er von der Brücke sprang, und zertrümmerte dabei den Großteil des Palmenbeetes.

Wesker, HUNK und VECTOR waren gezwungen, ihr Versteck zu verlassen, weil sich zwei weitere Monster durch den Abzug über dem Herd und über die Öffnung des Lüftungsschachts den Weg zu ihnen kämpften. Wesker versetzte einem von ihnen einen kraftvollen Fußtritt, dann schwangen sich die drei Männer wieder über die Theke nach vorne. Der Anglerfisch suchte laut jaulend nach ihnen, doch er konnte sich nur sehr langsam bewegen, sodass sie etwas Zeit gewannen.

„Lenken Sie beide ihn ab, ich werde oben nachsehen, wo er herkam", sagte Wesker. „Wir brauchen den Schlüssel! Vielleicht finde ich ihn."

„Alles klar." HUNK fackelte nicht lange, sondern zog den Stift einer Granate und warf sie.

Wesker steuerte eine kleine Seitentreppe an. Im Laufen köpfte er ein Schleimmonster mit dem Samurai-Schwert. Er war schon fast am Treppenabsatz angekommen, als seine Unaufmerksamkeit bestraft wurde. Er stöhnte laut vor Schmerz auf, als sich etwas mit eisernem Griff um seinen rechten Oberarm legte. Es war eine runde Knochenkonstruktion, die sich mit Widerhaken in das Fleisch von Weskers Oberarm festkrallte. Seine Uniform war sofort von Blut durchtränkt. Der Schmerz lähmte ihn für einen Moment, aber er zwang sich, weiterzulaufen. Nur einen Moment später schrie auch HUNK vor Schmerz auf. Er war mit einem Fuß in dieselbe Knochenkonstruktion geraten. Sie schlang sich wie eine Bärenfalle um seinen Knöchel. Es war sein Glück, dass er seine festen, hochgeschlossenen Soldatenstiefel trug, sonst hätte sie ihm womöglich den Knochen zertrümmert. Der Anglerfisch verteilte seine Fallen überall. Offenbar diente sein Fangarm doch nicht nur dem Ergreifen von Beute. Durch eine Öffnung am Ende verschoss er sein gefährliches Werkzeug.

Wesker lief weiter nach oben zu der Stelle, wo das Anglerfisch-Monster durch die Wand gebrochen war. Bevor der Kapitän mutiert war, war er in einem Lagerraum eingesperrt gewesen. Wesker rammte einem Schleimmonster, das gerade mit seinen Knochenklingen nach ihm ausgeholt hatte, die Spitze des Schwerts durch den Schädel, damit es Ruhe gab. Mit jeder Bewegung fraßen sich die Widerhaken tiefer in seinen Oberarm. Sein Arm war wie gelähmt und er spürte ein Kribbeln bis in die Fingerspitzen. Die Kraft verließ ihn.

„Komm schon!", fluchte er laut, während er das Lager nach Hinweisen durchsuchte. Er fand ein paar Aufzeichnungen und eine Karte des Schiffes, aber keinen Schlüssel.

„Wesker! Wir brauchen Hilfe!", rief VECTOR von unten. Wesker war sofort auf dem Rückweg, doch diesmal ließ er das Schwert zurück in die Scheide gleiten und zog seine Pistole. Mit ein paar gezielten Schlägen mit dem Schaft seiner Waffe zerschlug er die Knochen um seinen Oberarm. Zum Glück waren sie so brüchig, dass sie sofort zerbröselten. Wenn er doch nur seine Kräfte hätte, dachte Wesker ärgerlich. Sie hätten ihm jetzt gute Dienste leisten können. So musste er sich ganz auf seine menschlichen Fähigkeiten verlassen. Wie hatten Chris und Jill ohne übernatürliche Kräfte gegen die mutierten Monster gewonnen, die ihnen über die Jahre begegnet waren? Sie hatten als Partner zusammengearbeitet und sie hatten das Beste aus der Situation und ihrem Können gemacht. Wesker konnte das auch – mit oder ohne seine Kräfte. Er musste seinen Kopf gebrauchen.

So vorsichtig es ging ließ er sich von der Brücke gleiten und sprang auf eine der Palme, um nicht den längeren Weg über die Treppen nehmen zu müssen. Der Baum bog sich unter seinem Gewicht zur Seite und Wesker landete mit beiden Beinen auf dem Boden.

VECTOR und HUNK waren von den kleinen Schleimmonstern in die Enge getrieben worden, während sich ihnen der Anglerfisch näherte. Der ganze Boden war mit seinen Knochenfallen übersät und Wesker musste aufpassen, wo er hintrat. Er pfiff einmal laut, um die Aufmerksamkeit der Monster zu erregen und sie von seinen Mitstreitern wegzulocken. Er erreichte umgehend die gewünschte Wirkung. Gut die Hälfte der Monster waren wieder hinter ihm her. Er löste eine Brandgranate aus seinem Gürtel und warf sie nach den Kreaturen.

Das Feuer verängstigte sie und einige zogen sich umgehend zurück. Sie krochen in die Lüftungsschächte zurück. Die, die das Feuer erwischt hatte, wanden sich unter unheimlichen Schmerzensschreien, die einem einen kalten Schauer über den Rücken jagten, hin und her und verkohlten, bis sie zu unförmigen Schleimbatzen zusammengeschmolzen waren und sich nicht mehr rührten. Wenigstens ein kleiner Erfolg, dachte Wesker. Der einzige, der sich von der Brandgranate nicht beeindruckt zeigte, war der mutierte Kapitän, der nun noch wütender geworden war. Sein Fangarm schoss nach vorne und wickelte sich um Weskers Fußgelenk. Wesker wurde von den Füßen gerissen und durch die Luft geschleudert. Er landete zwischen Tischen und Stühlen und schlitterte ein paar Meter über den Steinboden, wobei ihm seine Pistole entglitt. Sie lag nun nutzlos ein paar Meter von ihm entfernt.

Ehe er reagieren konnte, wurde er erneut gepackt. Kopfüber hing er in der Luft. Er sah, dass HUNK auf der anderen Seite zusammenbrach, die Hände auf das Gesicht gepresst, während VECTOR versuchte, seinen Lehrer zu verteidigen. Ein lauter Knall ertönte, als VECTOR ein paar explosive Pfeile verschoss.

Wesker sah in den finsteren Schlund des Anglerfisches, der sich unter ihm auftat. Die scharfen Zähne blitzten. Wenn ihm nicht schnell etwas einfiel, dann würde er gleich in zwei Hälften geteilt werden. Der Anglerfisch wurde für einen Moment von Wesker abgelenkt, als VECTOR das gesamte Magazin von HUNKs TMP in seinen fleischigen Körper entlud. Wesker wurde durch die Luft gewirbelt, als sich der Anglerfisch umdrehte, um sich nach dem Angreifer umzusehen.

Hier ist Ihr Kapitän. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt", verkündete er mit metallisch-gutturaler Stimme.

VECTORs Ablenkung gab Wesker etwas Zeit, um einen Plan zu entwickeln. Er nahm eine Handgranate, zog den Stift und warf sie in den Schlund des Monsters.

„VECTOR verschwinden Sie!", rief er seinem Mitstreiter zu, dann nahm er sein Messer und schnitt den Tentakel um seinen Fuß durch. Er prallte schmerzhaft auf seine Schulter und rollte sich unsauber ab. Gerade noch rechtzeitig konnte er genug Abstand zwischen sich und das Monster bringen.

Der Anglerfisch röchelte, so als hätte er sich verschluckt, dann wollte er sich wieder Wesker widmen, doch mitten in der Bewegung hielt er inne. Dann gab es einen gewaltigen Knall und der fleischige Körper wurde in tausend Fetzen gerissen. Blut und Gedärme spritzten nach allen Seiten und bis an die Decke. Kleine Blutstropfen regneten auf Wesker.

Ohne sein Werk zu bewundern, rannte Wesker sofort auf die andere Seite des Raumes, wo VECTOR mit HUNK rang. Alle kleinen Schleimmonster waren tot.

„Was ist mit ihm?!", fragte Wesker.

HUNKs Gesicht war mit einer dicken Schleimschicht bedeckt. Sie war zu einer steinharten Kruste ausgehärtet und verklebte ihm Mund und Nase, sodass er nicht mehr atmen konnte. Er zuckte und wand sich hin und her, seine Finger krampften sich um die Kruste.

„Bewegen Sie sich nicht, HUNK", wies Wesker ihn an und HUNKs Körper kam zur Ruhe. Wesker musste schnell handeln. Mit dem Schaft seiner Pistole schlug er einmal, zweimal, dreimal auf die Schleimkruste, bis sie schließlich Sprünge bekam und auseinanderbrach. HUNK hustete und holte sofort tief Luft.

„Alles in Ordnung?", fragte Wesker.

„Ja", sagte HUNK schwach, nachdem er wieder Luft geholt hatte. An seinen Haaren, Augenbrauen und Wimpern klebten noch kleine Stücke der Kruste. Er staubte sich ab und rappelte sich vorsichtig hoch. „Das wäre nicht passiert, wenn ich meine Schutzausrüstung getragen hätte."

Nun sah Wesker, dass auch VECTOR eine Portion Schleim abbekommen hatte. Er brach ihn in großen Stücken von seine Uniform ab.

„Sie haben nicht nur diese Zungen, sie spucken auch", sagte VECTOR.

„Das war ganz schön knapp", meinte HUNK und überprüfte sofort seinen Munitionsvorrat. „Wir haben einiges verbraucht." VECTOR gab ihm seine TMP zurück.

Wesker war froh um sein Schwert, das keine Munition erforderte. Seine Bedienung hing nur von seinen Körperkräften ab. Aber er war angeschlagen. Die Wunde an seinem Oberarm pochte und juckte und war bereits angeschwollen.

„Das muss desinfiziert werden", sagte VECTOR und wollte schon seine medizinische Ausrüstung aus seiner Tasche nehmen, als Wesker abwinkte.

„Sparen wir unsere Sachen für später auf. Oben im Lager hängt ein Verbandskasten."

HUNK näherte sich misstrauisch dem zerfetzten Körper des Anglerfisches. Die Granate hatte nichts als Fleischbrocken von der Kreatur übrig gelassen. Er bückte sich und hob etwas vom Boden auf.

„Das könnte nützlich werden, oder?" Er hielt eine Schlüsselkarte in Händen.

Während Wesker seine Wunde versorgte, sahen HUNK und VECTOR die Aufzeichnungen des Kapitäns durch. Er hatte nun nebst einem blau-roten Striemen zahlreiche runde Einstiche an seinem Oberarm, von denen sich manche sehr tief gebohrt hatten. Er hatte Glück gehabt, dass ihm die Falle nicht den Knochen gebrochen hatte. Mit einer Pinzette entfernte er ein paar Knochensplitter, die in der Wunde steckengeblieben waren, und desinfizierte die Wunde mit Jod. HUNK assistierte ihm beim Verband.

„Ist Ihr Fuß verletzt?"

„Nein, ich trage feste Stiefel. Es ging nicht durch", sagte HUNK. „Aber wahrscheinlich wird sich ein blauer Fleck bilden."

„Ich habe einen Code gefunden", sagte VECTOR und gab ihnen eine Stelle in den Papieren zu lesen.

„Er hat den Code für den Notfall aufgeschrieben. Ich frage mich, wie lange er schon verwandelt war", sagte Wesker, nachdem er den Absatz überflogen hatte. „Jetzt sollten wir uns Kontrolle über das Schiff verschaffen können."

„Die Monster … Meinen Sie, dass die Crew und die Gäste …"

„Ganz bestimmt sogar", sagte Wesker und erhob sich von der Holzkiste, auf der er gesessen hatte. „Wahrscheinlich der R-Virus mit der DNS von Meereslebewesen. Raphael hat mit Sicherheit verschiedene Stränge entwickelt. Die Monster sollen uns garantiert beschäftigen, damit wir das Labor nicht erreichen. Wir müssen endlich einen Weg nach unten finden. Je länger wir hier Zeit verschwenden, desto geringer werden unsere Chancen, dass wir Raphael rechtzeitig stellen."

„Auf der Karte ist kein Labor verzeichnet", meinte HUNK nachdenklich. „Aber ein Weg, wie wir nach unten in den Maschinenraum kommen. Dort gibt es garantiert einen Einstieg ins Labor. Wir müssen den Aufzug bei den Crew-Kabinen nehmen. Dorthin gelangen wir am besten über die Küche. Es gibt noch einen zweiten Weg über die Wartungsschächte unter dem Casino, aber angesichts der Tatsache, dass sich diese Monster gerne in irgendwelche Schächte verkriechen, weil es dort feucht und dunkel ist, sollten wir diesen Weg wohl eher nicht einschlagen."

„Die Küche ist sicherer. Sie ist direkt unter dem Restaurant", fügte Wesker hinzu. „Kehren wir zur Brücke zurück, damit ich den Kurs des Schiffes ändern kann. Von der Halle aus gelangen wir zum Restaurant."


Als Wesker die Schlüsselkarte in die dafür vorgesehene Vorrichtung steckte und den Zugangscode aus den Notizen des Kapitäns eingab, leuchteten plötzlich die Steuerungsinstrumente auf. Der Autopilot war deaktiviert und die Geräte freigegeben worden. Er war kein Experte für Schiffe, aber er brauchte nicht lange, um den Kurs zu ändern. Die Queen Tisiphone steuerte weiterhin nach Süden, aber statt des afrikanischen Kontinents fuhr sie nun eine kleine Insel mitten im Atlantik an, von der Wesker wusste, dass sie unbewohnt war und keine Gefahr von dem Schiff ausgehen konnte. Er aktivierte ein weiteres Mal den Autopiloten und nahm die Schlüsselkarte wieder an sich. Ein Hieb mit seinem Schwert und sie brach entzwei.

„So kann niemand den Kurs wieder ändern", sagte er und steckte sein Schwert zurück in die Scheide.


Der Rückweg in die große Halle verlief ohne weitere Zwischenfälle. Sie begegneten erneut ein paar Monstern, die sich in die Dunkelheit der Gänge zurückgezogen hatten, aber ignorierten sie, um nicht noch mehr Munition zu verbrauchen und ihre Kräfte zu schonen. Wenn sie nicht durch Licht oder laute Geräusche aufgeschreckt wurden, waren die Monster völlig harmlos.

Weskers Oberarm pochte unangenehm. Die Wunde juckte so stark, dass er ständig das Verlangen verspürte, sich zu kratzen. Er unterdrückte den Drang, um die Wunde nicht zu reizen. Hoffentlich hatte ihn der Anglerfisch nicht mit irgendetwas infiziert. Einen Virus konnte sein Körper selbst bekämpfen, aber eine Blutvergiftung konnte sogar ihn in die Knie zwingen. Er hatte sie zwar gereinigt und desinfiziert, aber er hatte keine Ahnung, welche möglicherweise gefährlichen Bakterien sich auf dem Anglerfisch getummelt hatten. Er musste beobachten, wie sich die Wunde entwickelte. Bislang war der Schmerz noch erträglich.

Langsam und mit erhobenen Waffen öffneten sie die Tür zum Restaurant. Ein Schild wies sie darauf hin, dass das Restaurant drei Sterne hatte. Die Tafel, auf der die Tagesgerichte beworben wurden, war voller verkrustetem Schleim. Das Restaurant konnte ungefähr 50 Gäste beherbergen. Die Tische standen noch an ihrem angestammten Platz, so als warteten sie nur darauf, dass sich Gäste an ihnen niederließen. Sogar Teller mit Speisen standen noch auf den Tischen. Die einzige Lichtquelle war ein Kronleuchter an der Decke, doch das Licht war so weit gedämpft, dass es düster im Raum war. Eine Schleimspur zog sich durch das gesamte Restaurant und endete unter einem Tisch. Ein Schleimmonster grunzte von unter der Tischdecke heraus, griff aber nicht an. Um zu den Küchen zu gelangen, mussten sie den Raum durchqueren und auf der anderen Seite durch einen Durchgang für das Personal gehen. Wesker ging zielstrebig voraus – das Pochen in seinem Arm schien ihn anzutreiben – doch VECTOR und HUNK hielten ihn zurück.

„Bleiben Sie mal stehen, Wesker", sagte HUNK im Flüsterton und deutete nach oben.

Im schlechten Licht hatte er sie erst gar nicht gesehen und ihre Haut war noch dazu schwarz, sodass sie in der Dunkelheit gut getarnt waren. Erst ihre Bewegung verriet ihre Anwesenheit. Plötzlich wurde der Raum in ein grelles blaues Licht getaucht, als sie zum Leben erwachten. An den Wänden und der Decke des Restaurants hingen riesige schwarze Seeschnecken. Über ihren Rücken zogen sich blaue Leuchtstreifen, die nun blau fluoreszierten.

„Gehen wir", sagte Wesker, der keine Lust auf noch mehr Konfrontationen hatte.

Eine Schnecke klatschte vor ihm auf den Boden und richtete sich auf, ihr Kopf auf Weskers Schulterhöhe. Sie versperrte ihm nun den Weg durch die Tür. Ihr Maul war mit scharfen Zähnen bestückt. Sie war definitiv nicht in der Lage, jemanden in einem Stück zu verschlingen und Wesker wollte nicht herausfinden, was für ein Arsenal sie in petto hatte, um Beute zu machen. Ohne zu zögern, zog er sein Schwert und stieß es der Schnecke in den Schlund. Blut sickerte über die Klinge und die Schnecke kippte röchelnd zur Seite.

Die drei Männer rannten, bevor noch mehr Schnecken zum Angriff übergehen konnte, drängten sich durch die Tür und schoben ein paar Kisten davor.

Ein paar Monster plünderten die Lebensmittelvorräte in der Küche, aber sie waren so sehr mit Fressen beschäftigt, dass sie Wesker, HUNK und VECTOR nicht beachteten. Ungeduld hatte von Wesker Besitz ergriffen und angetrieben wurde sie nicht nur von der Tatsache, dass ihnen die Zeit davonlief, sondern auch von dem konstanten rhythmischen Pulsieren in seinem Oberarm.

Ein Aufzug brachte sie nach unten zu den Umkleidekabinen und Duschen des Personals. Wenn Wesker sich richtig an den Plan erinnerte, mussten die Crewkabinen, sowie die Personalkantine auch in der Nähe sein. Irgendwo musste es einen Aufzug nach unten in den Maschinenraum geben. In einer Dusche lief rauschend Wasser und heißer Wasserdampf waberte bis nach draußen auf den Gang. VECTOR drehte den Hahn zu und augenblicklich legte sich Stille über die Umgebung. Ein Schleimmonster, dass sich in der Feuchtigkeit einer Duschkabine zusammengerollt hatte, wurde aufgeschreckt. VECTOR tötete es mit einem Messerstoß durch den Kopf.

Die Gänge waren dunkel. Wesker warf immer wieder einen misstrauischen Blick nach oben zu den Lüftungsschächten, die sie auf ihrem Weg zum Aufzug begleiteten. Aus manchen Gittern tropfte Schleim und leises Schmatzen war zu vernehmen, doch sie trafen kein Monster. Die Crewkabinen waren verlassen, aber zumindest fanden sie drei 9-Millimeter-Magazine für ihre Pistolen, die sie untereinander aufteilten.

Wesker warf einen nervösen Blick auf die Uhr. Wertvolle Zeit verstrich, während sie planlos durch das Schiff irrten. Er musste zugeben, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sie so langsam vorankommen würden. Bevor sie in den Aufzug in den Maschinenraum nahmen, funkte er Claire an, doch sie antwortete nicht. Dann fiel ihm ein, dass er sie beim letzten Mal unfreundlich abgewürgt hatte. Sie war wahrscheinlich sauer auf ihn. Wenigstens funktionierte der Aufzug ohne Probleme und brachte sie ein Stockwerk tiefer zu den Wartungsräumen. Von hier aus wurde die Technik des Schiffes instandgehalten und die Stromversorgung, das Warmwasser, die Klimaanlage und die Heizung betrieben.

Abermals standen sie vor einem Aufzug, aber diesmal kam ihre Reise durch den Bauch des Schiffes zu einem abrupten Ende. Wesker legte den Hebel des Aufzuges um, aber er rührte sich nicht. Die große Plattform, über die Maschinenteile transportiert werden konnte, brauchte den Schlüssel des Cheftechnikers, um nach unten fahren zu können. Der Schlüssel war nirgends zu sehen.

„Das darf doch nicht wahr sein!", fluchte Wesker laut und trat gegen die Konsole.

„VECTOR und ich werden den Schlüssel suchen", sagte HUNK. „Sie sehen sich hier unten um, Wesker. Suchen Sie den Eingang zum Labor."

„Wir sollten uns nicht trennen", sagte Wesker.

„Ich weiß, aber es hilft ja nichts", widersprach HUNK. „Wir dürfen nicht noch mehr Zeit verschwenden. Wir gehen noch mal rauf und durchsuchen die Kabinen. Wir beschaffen den Schlüssel."

Ehe Wesker seine Mitstreiter aufhalten konnte, waren sie schon zurück zum Aufzug gelaufen.


HUNK und VECTOR teilten sich auf und durchsuchten jede einzelne Kabine, doch sie fanden den Schlüssel nicht. Durch ihre Hektik brachten sie soviel Unruhe in die engen Gänge, dass sie ein paar Monster aufschreckten. Sie wollten keine Munition verschwenden und lockten die schleimigen Kreaturen stattdessen eine Treppe nach oben, bis in einen Lagerraum. HUNK leuchtete mit seiner Taschenlampe, um die Monster anzulocken, während VECTOR die Türen öffnete. Sie führten die Monster bis nach draußen auf das Seitendeck. Die frische Luft war eine willkommene Abwechslung zum stickigen Schiff. Der Himmel war nun komplett wolkenverhangen. Es hatte zu regnen begonnen und das Meer war unruhig. Die beiden Männer umrundeten ein paar hohe Holzkisten, dann löschte HUNK das Licht. Die Monster kamen zur Ruhe und ließen von ihnen ab. Der Regen schien sie ohnehin viel mehr zu interessieren als die mögliche Beute, die ihnen gerade entging.

HUNK und VECTOR hasteten zurück nach drinnen und verriegelten die Tür. Die Monster waren ausgesperrt und sollten sie nicht mehr stören. Die einzigen Räume, die sie noch nicht durchsucht hatten, waren die Personalküche und die Kantine. Die Zeit drängte.

HUNK spürte mittlerweile, wie Müdigkeit und Erschöpfung an ihm zehrten. Er war kein junger Soldat Mitte 20 mehr und das merkte er bei Einsätzen dieser Art. Die letzten Jahre hatte er meist nur noch einfache Aufträge angenommen, aber keine mit B.O.W.s oder Virusausbrüchen mehr. Er wusste genau, dass er in seinem Alter an seine körperlichen Belastungsgrenzen stieß. Und da er eine Familie hatte, zu der er zurückkehren musste, wollte er keine unnötigen Risiken mehr eingehen. Die Risiken, die seine Arbeit mit sich brachten, waren ohnehin hoch genug. Einmal hatte er den Auftrag bekommen, ein Entführungsopfer zu befreien und war dabei angeschossen worden. Patricia hatte kritische Fragen gestellt und HUNK hatte sie mit Lügen abspeisen müssen. Es war die erste brenzlige Situation gewesen, wo seine Frau wirklich misstrauisch geworden war und wo HUNK erste Zweifel bekommen hatte, ob er das Richtige tat. Fortan hatte ihn nach jedem Auftrag ein schlechtes Gewissen geplagt, weil er seiner Familie die Wahrheit über seine Arbeit verschwieg. Er hatte den Entschluss gefasst, Patricia die Wahrheit zu sagen, er wusste nur nicht wann und vor allem wie. Auf keinen Fall wollte er sie verlieren. Als sein Gesicht mit dem Schleim verklebt gewesen war und ihm vom Sauerstoffverlust langsam schwarz vor Augen geworden war, hatte er schon gedacht, es ginge mit ihm zu Ende und er würde Patricia, Kelly und Rebecca nie wieder sehen.

Es war reiner Zufall gewesen, dass sie sich damals auf Hawaii getroffen hatten. Es war der erste Urlaub für HUNK gewesen, seit er bei Umbrella angefangen hatte. Die Firma war damals Anfang 2001 im Untergang begriffen gewesen. Die Aktienkurse waren eingebrochen und ein Insolvenzverwalter einberufen worden. HUNK hatte keine Aufträge mehr vom U.S.S. bekommen. Natürlich hatte Umbrella sofort alle illegalen Aktivitäten eingestellt und seine unzähligen Geheimabteilungen und -einheiten aufgelöst, als die Staatsanwaltschaft begann, kritische Fragen zu stellen. HUNK hatte es mit Gelassenheit gesehen. Er hatte bereits andere geschäftliche Kontakte geknüpft und hatte entsprechend vorgesorgt. Bis sein nächster Auftrag ihn ins Ausland führte, verbrachte er ein paar Wochen auf Hawaii. Eines Tages war er am Strand versehentlich mit einer jungen Frau zusammengestoßen. Niemals hätte er erwartet, dass sie nur kurze Zeit später seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder werden sollte. Sie war sein Antrieb. In Gedanken war er bei ihr. Er wusste sie bei Claire Redfield in guten Händen und musste sich keine Sorgen machen.

Es hatte ein paar Mädchen in seinem Leben gegeben, aber es war nie mehr mit ihnen entstanden. GOBLIN-6, die einzige Frau im Alpha-Team, hatte immer ein Auge auf ihn geworfen, aber HUNK hatte ihr Interesse nie erwidert. Sie war nicht sein Typ gewesen. HUNK hatte sich immer als einsamer Wolf gesehen und seine Arbeit hatte es ihm immer schwierig gemacht, tiefgehende Beziehungen einzugehen. Wenn er an seine Zukunft dachte, dann hatte er sich nie als Familienvater gesehen. Aber Dinge änderten sich, wenn man den richtigen Partner traf. Er hatte VECTOR oft geraten, es zu versuchen, doch sein Schüler hatte es bislang vorgezogen, für sich zu bleiben.

HUNK trat die Tür zur kleinen Küche auf, doch bis auf benutztes Geschirr gab es hier nichts Interessantes. Auf dem Boden lagen Fleischreste. Etwas hatte den Kühlschrank geplündert und sich mit Genuss über Rinderfilets hergemacht. Eine transparente Flüssigkeit tropfte aus dem Lüftungsschacht nahe des Herds. Sie war anders als der Schleim der Monster, die ihnen bislang begegnet waren.

„Das sollten wir besser ausmachen", sagte VECTOR und drehte den Gasherd ab. Die kleinen blauen Flammen erstarben umgehend.

„Wesker, bitte kommen, hören Sie mich?", fragte HUNK in sein Funkgerät. Nach einem Knistern meldete sich Wesker.

„Ja? Wie ist die Lage bei Ihnen da oben? Haben Sie den Schlüssel gefunden?"

„Bislang nicht", sagte HUNK. „Ich habe nur so das ungute Gefühl, dass hier eine Kreatur durch die Gegend schleimt, die wahrscheinlich das bei sich hat, was wir brauchen."

„Seien Sie vorsichtig."

„Haben Sie den Eingang zum Labor gefunden?"

„Ich glaube, ja", sagte Wesker. „Aber die Tür ist verschlossen. Ich kann es von hier oben nicht richtig erkennen, aber man braucht wohl eine spezielle Schlüsselkarte, um sie zu öffnen. Ich muss sie finden. Uns bleibt keine andere Wahl, als die oberen Stockwerke mit den Gästekabinen auch noch zu durchsuchen. Oder warten Sie mal … " Wesker brach ab.

„Was ist los?", fragte HUNK.

„Verdammt!", fluchte Wesker durch das Funkgerät. „Ich habe Sie oben auf dem Aussichtsdeck gesehen! Warum habe ich sie nicht mitgenommen?! Ich muss wohl zurück und nochmal zur Aussichtsplattform rauf."

Das war nicht gut. So verloren sie erneut wertvolle Zeit.

„Roger", sagte HUNK. „Wir besorgen den Aufzugschlüssel, Sie suchen nach der Schlüsselkarte. Wir halten Kontakt. Halten Sie uns auf dem Laufenden."

„Roger."

„HUNK over und out."

„Sir, passen Sie auf!" Kaum hatte HUNK sein Gespräch mit Wesker beendet, als VECTOR ihn am Arm packte und zur Seite zog, gerade noch rechtzeitig, bevor ein Monster durch den Abfluss im Boden schoss und sich auf HUNK stürzen konnte. Die beiden Söldner zogen umgehend ihre Waffen.

Diesmal hatten sie es mit einer anderen Kreatur zu tun. Sie war den anderen Schleimmonstern zwar ähnlich, aber hatte längere Arme, die mit langen Knochenkrallen bestückt waren. Auf dem Rücken hatte sie Stacheln. Sie überragte die beiden Männer um mindestens 30 Zentimeter.

HUNK spürte etwas Warmes seinen Rücken hinablaufen und einen Augenblick später ein Brennen auf seiner Haut. Die Krallen hatten ihn erwischt. Hätte VECTOR ihn nicht weggestoßen, sie hätten ihn von hinten durchbohrt.

Das Monster war um einiges schneller und aggressiver als seine harmlosen Artgenossen und versuchte sofort sich auf seine Beute zu stürzen. HUNK und VECTOR sprangen jeder in eine andere Richtung zur Seite, rollten sich ab und schossen gleichzeitig. Das weiche Fleisch des Monsters schien die Kugeln regelrecht zu absorbieren. Es heulte vor Schmerz auf, aber ließ sich von Schusswaffen offenbar deutlich weniger beeindrucken als seine schleimigen Verwandten. Es spie Schleim und erwischte VECTORs Fuß. Der Schleim verfestigte sich sofort und wurde hart wie Beton, sodass sich VECTOR nicht mehr von der Stelle bewegen konnte. Die Kreatur wollte ihn in eine stachelige Umarmung nehmen, um seinen Schlund über seinen Kopf stülpen zu können. VECTOR trug zwar noch seinen Schutzhelm und die Gasmaske, doch von ihrer ersten Begegnung mit den Monstern hatten sie gelernt, dass Schutzausrüstung keinen adäquaten Schutz vor den kräftigen Kiefern bot. HUNK zögerte keinen Moment, sondern handelte instinktiv. Er nahm Anlauf und verpasste dem Monster einen Sprungkick in die Seite. Sie flogen zur Seite, das Monster protestierte mit lautem Knurren. VECTOR ergriff unterdessen einen Kochtopf und schlug mit dessen Boden auf den Schleim ein, um sich zu befreien. Ob er erfolgreich war, konnte HUNK nicht erkennen. Er rang mit dem Monster, das nun begann, ihn festzuhalten, sodass er nicht mehr aufstehen konnte. Das zweite Mal in dieser Nacht sah er in den Schlund des Monsters. Er packte die Kiefer mit beiden Händen und versuchte, den Kopf der Kreatur von sich wegzudrücken.

„Friss das!", ertönte VECTORs Stimme hinter ihm und plötzlich tauchten seine Hände vor HUNKs Gesicht auf. Er stopfte dem Monster ein paar Glasflaschen ins Maul. HUNK zog sofort seine Hände von den Kiefern zurück, die sich automatisch um das schlossen, was sie aufgenommen hatten. Ein Knacken ertönte und HUNK wurde mit etwas übergossen, das verdächtig nach Essig roch. Das Monster ließ sofort von ihm ab und winselte laut. Seine Mundhöhle und Zunge waren von den Glasscherben zerschnitten und bluteten. Es schüttelte seinen hässlichen Kopf, gab ein Geräusch von sich, dass entfernt nach „Bäh!" klang und flüchtete ins Abflussrohr.

Schwer atmend lehnte sich HUNK an die Küchentheke. Zum wiederholten Male in dieser Nacht war er nur knapp dem Tod entronnen, doch diesmal war ihm zum Lachen zumute. Mit seinen behandschuhten Händen wischte sich HUNK den Essig vom Gesicht. Er hatte Essiggeschmack im Mund und nun ständig den säuerlichen Geruch in der Nase.

„Balsamico-Essig, VECTOR? Im Ernst? Wie bist du denn darauf gekommen?"

„Hat doch funktioniert. Offenbar hat ihm das nicht geschmeckt", meinte VECTOR nur schulterzuckend. Das Lachen tat gut. Es war befreiend und die beiden Soldaten konnten ihre Suche fortsetzen.


Wesker war sich inzwischen sicher, dass er sich eine Wundinfektion zugezogen hatte. Sein rechter Arm war vor Schmerz halb gelähmt, die Wunde war dick geschwollen und juckte so stark, dass er sich gegen den Drang zu Kratzen nicht mehr wehren konnte. Er zitterte und schwitzte. Als er auf seinem Weg zum Aussichtsdeck kurz pausierte, zog er das Oberteil seiner Jacke aus und besah sich die Wunde. Sie hatte sich schwarz verfärbt und ein Streifen wanderte seinen Arm hinab zu seiner Hand, ein anderer über seine Schulter zu seinem Oberkörper. Wesker war sich sicher, dass er Fieber hatte. Die Blutvergiftung schwächte ihn und er kam langsamer voran. Seine Angriffe mit dem Schwert waren weniger kraftvoll.

Er umrundete die meisten Monster. Ihnen aus dem Weg zu gehen, war in seinem Zustand das Klügste. Er atmete auf, als er im Aufzug nach oben zur Aussichtsplattform angekommen war. Erschöpft lehnte er sich gegen die Wand und durchsuchte seine Medizintasche nach etwas Brauchbarem. Er sprühte etwas Erste-Hilfe-Spray auf die Verletzung. Er seufzte erleichtert, als das kühlende Spray auf die glühend heiße Wunde traf. Das Spray linderte seine Schmerzen, aber es hielt die Infektion nicht weiter auf. Wesker durchsuchte die Tasche weiter. Als er eine kleine Schachtel mit Antibiotika fand, machte er sich eine Notiz im Geiste, dass er HUNK danken musste, wenn sie sich später wiedertrafen. Der Söldner hatte wirklich an alles gedacht. Seine Erfahrung hatte ihn mit Sicherheit gelehrt, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Wesker teilte sich die Antibiotika in mehrere Portionen auf und schluckte anschließend zwei Tabletten. Er hoffte, die Wirkung würde zügig eintreten. Ihr Einsatz war noch nicht zu Ende und sie mussten immer noch das andere Schiff untersuchen. Schwäche durfte er sich jetzt nicht erlauben.

Der Aufzug hatte fast das Obergeschoss erreicht, als Wesker eine Erschütterung spürte. Gerade noch rechtzeitig trat er zur Seite, als die Aufzugwand, an die er sich bis eben gelehnt hatte, eingedrückt wurde. Der Aufzug verlangsamte sich, weil sich etwas an ihn klammerte. Wesker nahm das Gewehr von seinem Rücken und blickte wachsam umher. Durch das Glasfenster in der Aufzugkabine sah er, dass er fast oben angelangt war. Es gab einen Knall und das Glas zersprang. Die Kabine wurde verbogen und kam zum Stehen. Wesker musste die Tür aufstemmen, um auszusteigen.

So schnell er konnte, eilte er zur Leiter, die ihn nach oben zur Funkantenne bringen würde. Er hatte den weiten, halbmondförmigen Raum zur Hälfte durchquert, als sich ihm eine bestimmt vier Meter große B.O.W. in den Weg stellte. Selbst Wesker schrak bei ihrem Anblick für einen kurzen Moment zusammen. Er stand einer Unterwasserassel gegenüber, die bedrohlich mit den Greifarmen klickerte. Mit ihren Augen fixierte sie Wesker.

Wesker sah zwischen der Assel und der Leiter hin und her und entschied sich für einen Sprint. Das Monster war schneller. Es rollte sich zusammen und schoss wie eine Kanonenkugel auf Wesker zu. Mit voller Wucht prallte es zuerst gegen die Leiter und riss sie zur Hälfte auseinander und anschließend in die Wand, wo es eine tiefe Delle hinterließ. Wesker klammerte sich an die obersten Sprossen der Leiter, seine Füße baumelten in der Luft. Bevor ihn die Greifarme der Megaassel erwischen konnten, zog er sich mit letzter Kraft nach oben. Seine Wunde schmerzte nun so stark, dass er für einen Moment liegen bleiben musste. Er bekam kaum noch Luft und schwitzte so stark, dass der Schweiß über sein Gesicht lief. Auf keinen Fall konnte er denselben Weg zurücknehmen. Er konnte keinen Kampf mit dem Monster riskieren. Selbst wenn er nicht geschwächt gewesen war, es alleine mit der B.O.W. Aufzunehmen, war glatter Selbstmord.

Noch auf dem Boden liegend funkte er HUNK an. „HUNK, wo sind Sie?"

„Wir kämpfen gerade mit einem Seestern", sagte HUNK. Schüsse waren im Hintergrund zu hören. „Wir melden uns gleich wieder."

„HUNK, ich muss einen Umweg zu Ihnen zurücknehmen", sagte Wesker schnell. „Ich brauche noch ein bisschen mehr Zeit."

„Geht es Ihnen gut?", fragte HUNK. Dem Soldaten entging nichts. Seine Stimme und sein erratisches Atmen verrieten Wesker.

„Ich bin verletzt. Ich melde mich wieder. Auf der Aussichtsplattform ist ein Monster …"

Wesker brach den Funkkontakt ab und stemmte sich zitternd hoch. Die Schlüsselkarte für das Labor lag auf dem Tisch neben der Konsole für die Antenne. Er ergriff sie und steckte sie in seine Tasche. Statt den Weg zu nehmen, den er gekommen war, ging er nach draußen und überblickte das Schiff. Er stand am höchsten Punkt des Kreuzers und konnte den vorderen und den hinteren Teil des Schiffes von seinem Standpunkt aus gut erkennen. Ihr Hubschrauber stand noch genau an dem Platz, wo VECTOR ihn vor etlichen Stunden gelandet hatte.

Die frische Luft, die Wesker entgegenschlug, war wohltuend, aber ließ ihn erschaudern. Er fröstelte vom Fieber. Es stürmte und das Schiff bewegte sich im Wellengang kaum merklich hin und her. So schnell es ihm möglich war, nahm Wesker eine Treppe nach unten, wobei er sich abwechselnd an der Reling und ein paar Holzkisten abstützte. Der Schmerz vernebelte regelrecht seine Sinne. Nur der Gedanke, dass er HUNK und VECTOR erreichen musste, hielt ihn auf den Beinen.


HUNK und VECTOR öffneten vorsichtig die Tür zur Angestelltenkantine. Neben der Essensausgabe stand ein Snack- und Getränkeautomat, der gut gefüllt war. Die Tische und Stühle standen ordentlich an ihrem Platz. Auf einer Ablage standen Behälter mit Messern, Löffeln, Gabeln und Servietten bereit. Das einzige, das einem Außenstehenden verriet, dass hier etwas nicht stimmte, waren die Blutspritzer und die Schleimspuren auf dem Fußboden und den Wänden. Im Gegensatz zur Küche lag der Raum fast vollständig im Dunkeln, nur das grelle rot-grüne Neonlicht vom Automaten wies HUNK und VECTOR den Weg durch die Tische.

HUNK hatte immer noch den Geruch nach Essig in der Nase. Wenn sie auf dem Rückweg waren, wollte er sich in der Küche waschen. Er sehnte sich jetzt schon nach einer Dusche, wenn sie zurück waren. Sein Fußgelenk, mit dem er zuvor in die Falle des Fischmonsters getreten war, war ein wenig angeschwollen und schmerzte. Zum Glück hatten seine Stiefel das Schlimmste verhindert.

Weil es so still in der Kantine war, hatte er erwartet, dass sie allein waren, doch plötzlich regte sich etwas über ihren Köpfen. Eine unheimliche Stimme flüsterte: „Muss Maschinenraum kontrollieren. Ersatzteile."

VECTOR stupste HUNK am Arm und deutete nach oben zur Decke.

„Scheiße", raunte HUNK beim Anblick des Wesens. Es war ein gigantischer Seestern, der ohne Zweifel mal ein Mensch gewesen war und in der Technik des Schiffes gearbeitet hatte. Wie ein Mantra wiederholte er unentwegt seine Arbeitsroutine und gab zusammenhanglose Worte von sich. Bei „Aufzugschlüssel" wurden HUNK und VECTOR hellhörig.

Muss Bilge kontrollieren", verkündete der Seestern.

HUNK nahm seine Pistole und schlug ein paar Mal mit dem Schaft auf den Tisch zu seiner nächsten, um die Aufmerksamkeit des Monsters zu erregen. Das Klopfen ließ den Seestern aufhorchen. Er drehte sich einmal um sich selbst und löste einen seiner Arme von der Decke. Ein hässliches, verzerrtes Gesicht starrte die beiden Soldaten an.

Ersatzteile!", sagte das Monster und holte mit einem Arm aus. Mit Leichtigkeit fegte es HUNK und VECTOR von den Füßen. HUNK prellte sich die Schulter. Genau in dem Moment erwachte sein Funkgerät zum Leben.

„HUNK, wo sind Sie?", fragte Wesker. Seine Stimme klang schwach und zittrig.

„Wir kämpfen gerade mit einem Seestern", erklärte HUNK, zog seine Pistole und schoss, wobei er einem weiteren Schlag des Seesterns ausweichen musste. „Wir melden uns gleich wieder."

„HUNK, ich muss einen Umweg zu Ihnen zurücknehmen", sagte Wesker schnell, so als würde er von etwas gehetzt werden. „Ich brauche noch ein bisschen mehr Zeit."

„Geht es Ihnen gut?", fragte HUNK sofort zurück.

„Ich bin verletzt. Ich melde mich wieder. Auf der Aussichtsplattform ist ein Monster …" Der Kontakt brach ab.

HUNK hatte sofort verstanden. Wesker steckte in Schwierigkeiten. Wenn er einem weiteren Ungeheuer begegnet war, war er vermutlich verletzt worden und brauchte ihre Hilfe.

Sie schossen. Die Kugeln drangen in das weiche Fleisch des Seesterns ein und grünes Blut tropfte auf den Boden.

Ersatzteile, Ersatzteile!", verkündete der ehemalige Techniker immer wieder, während er versuchte, HUNK und VECTOR zu packen.

„Wir müssen zurück zu Wesker, er hat Probleme", ermahnte HUNK seinen Partner.

VECTOR warf eine Blendgranate. Das grelle Licht erschreckte den Seestern so sehr, dass er nach unten fiel und in die Tische krachte. Für einen Moment zappelte er hilflos auf dem Rücken und entblößte seinen Bauch. Seine gesamte Unterseite war mit Saugnäpfen versehen. In der Mitte seines fünfzackigen Körpers wartete ein zahnbestückter Schlund auf seine Beute.

„Da!", rief VECTOR und deutete auf etwas, das an einem der Saugnäpfe aufblitzte. „Der Schlüssel!" VECTOR spannt seinen Bogen.

Mit einem kraftvollen Schwung richtete sich die Kreatur auf und packte HUNK. Der schoss ins Gesicht des Seesterns. VECTOR zielte und schoss seinen Pfeil direkt in die Öffnung am Bauch der Kreatur. Nur ein paar Sekunden später riss es den Stern auseinander. Seine fünf Gliedmaßen flogen nach allen Seiten. Der Kopf würgte noch einmal „Ersatzteile" hervor, dann verstummte er. HUNK befreite sich aus seiner glitschigen Umarmung und VECTOR entfernte den Aufzugschlüssel mit einem schmatzenden Ploppen von dem Saugnapf des Seesterns.

„Kommen Sie", sagte er und reichte seinem ehemaligen Vorgesetzten die Hand, um ihm aufzuhelfen. Gerade als VECTOR HUNK hochziehen wollte, verkrampfte er vor Schmerz.

„VECTOR, alles in Ordnung?!", fragte HUNK alarmiert. VECTOR brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. „Hab ein paar Schläge abbekommen. Und ich habe mich etwas überanstrengt."

Die Erklärung irritierte HUNK ein wenig. VECTOR war doch um einige Jahre jünger als er selbst und seine Kondition stand der von HUNK in nichts nach. HUNK musterte seinen früheren Schüler. Auch wenn er VECTORs Mimik durch dessen Maske nicht sehen konnte, wusste er trotzdem, dass VECTOR etwas verheimlichte.

„Was ist los?"

„Es ist nichts. Mein Körper … funktioniert eben nicht mehr … so wie früher. Belassen wir es dabei."

HUNK konnte sich ausrechnen, was mit VECTOR los war, auch ohne große Erklärung. Er würde seinen Partner später darauf ansprechen. Jetzt mussten sie weiter an ihren Plan denken.

„Wesker braucht uns."


Um der Monsterassel nicht zu begegnen, musste Wesker den Weg über das Seitendeck nehmen. Die frische, kalte Meeresluft und der Regen taten ihm gut. Das Fieber wollte noch nicht nachlassen und er glühte regelrecht. Schweiß lief seinen Rücken hinab. Er nahm zwei weitere Antibiotika-Tabletten. Er hoffte, dass er es sich nicht nur einbildete, aber er glaubte, dass das Medikament allmählich zu wirken begann. Die Wunde und sein Immunsystem arbeiteten auf Hochtouren. Er war nun so geschwächt, dass er sich nicht länger auf den Beinen halten konnte. Er brach neben der Reling zusammen und konnte nicht mehr aufstehen. Unfähig sich zu bewegen, war er gezwungen in den wolkenverhangenen Himmel zu schauen. Regen prasselte auf ihn nieder und durchnässte seine Kleidung. Die Schmerzen in seinem Arm wurden so stark, dass seine Sinne betäubt wurden und er die Kontrolle über seinen Körper verlor. Sein Bewusstsein spielte ihm Streiche. Er driftete immer wieder geistig ab und verlor das Gefühl für die Zeit.

Sein Körper befand sich in einem Kampf um Leben und Tod. Er kannte das Gefühl nur zu gut. Als der Tyrant ihn durchbohrt hatte, hatte er sich genauso gefühlt wie jetzt. Die Schmerzen hatten alles überschattet und schließlich war er in Dunkelheit versunken.

Statt der Dunkelheit war er nun plötzlich nicht mehr allein. Eine vertraute Stimme sprach mit ihm.

„Claire, bist du das?", fragte er in die Nacht hinein. Warum er ausgerechnet nach ihr fragte, wusste er nicht. Wahrscheinlich wünschte sich sein Unterbewusstsein, dass Claire hier bei ihm sein möge. Was hätte er darum gegeben, ihre sanften Hände auf seiner Haut spüren zu können?

„Albert, hör auf dich dagegen zu wehren", sagte Spencer zu ihm und Wesker war gezwungen in das verhasste Gesicht seines Vaters zu blicken. „Du hast am Ende doch verloren. Gib auf. Niemand braucht dich hier."

„Nein …", widersprach Wesker.

„Albert, lass es gut sein", sagte William. „Du hast genug getan."

„William, was machst du …"

„Albert?" Er hörte eine sanfte Frauenstimme und dachte im ersten Moment, dass sein Wunsch erfüllt worden war und Claire bei ihm war.

„Claire …" Er streckte die Hand nach ihr aus, doch es war nicht Claire, die seine Hand ergriff und ihn anlächelte. Es war Anna Muller.

„Albert, es ist in Ordnung, du musst nicht mehr kämpfen, du hast so viel getan", sagte sie. „Komm zurück zu mir. Komm nach Hause." Sie streichelte seine Wange und küsste ihn. Wesker hätte mit ihr gehen können und beinahe hätte er nachgegeben, doch eine innere Stimme erinnerte ihn daran, dass seine Reise noch nicht zu Ende war. Dass er eine zweite Chance bekommen hatte. Dass zu Hause jemand auf ihn wartete, zu dem er zurückkehren wollte.

„Albert, lass los, du musst nicht mehr kämpfen", sagte Anna erneut.

„Ich kann nicht", antwortete Wesker ihr.

Aus weiter Entfernung wie durch einen Nebel hörte er jemanden nach ihm rufen. „Wesker! Wesker!"

Die Gesichter verschwammen vor seinen Augen. Plötzlich spürte er wieder den Regen auf seiner Haut. Etwas bewegte sich um ihn herum. Schemenhafte Gestalten beugten sich über ihn, aber er war nicht mehr imstande seine Augen geöffnet zu halten.