Ein Sohn von Königen

Nachdem das Adrenalin des Kampfes abgeklungen und die schlimmsten Wunden versorgt worden waren, lag Eldarion noch lange wach und sann über die Ereignisse des Tages nach. Mit Ruhm hatte er sich nicht gerade bekleckert, ging ihm zähneknirschend auf.

Vater saß noch immer, obwohl außerhalb der Höhlen längst die Nacht angebrochen war, mit seinen Generälen zusammen und besprach ihr weiteres Vorgehen. Sobald Eldarion zu Atem gekommen war, war er hinzu geeilt und wollte sich daran beteiligen. Doch Vater hatte es ihm verboten und ihn zu seiner Mutter und seinen Schwestern geschickt. Angeblich, um auf sie aufzupassen. Er schnaubte. Mutter war eine Nachfahrin Lúthien Tinúviels, sie brauchte ganz sicher niemanden, der auf sie aufpasste.

Und das galt auch für ihn.

Eldarion fasste einen Entschluss.

Vater wollte Faramirs Männer dazu nutzen, um Dol Amroth zurückzuerobern und dem Feind in den Rücken zu fallen, während er selbst alle Soldaten sammelte, die er auftreiben konnte. Die Waldläufer besaßen Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichten, eine Festung zu infiltrieren und ihre Verteidigung von innen heraus so weit zu schwächen, dass Vater einen Rückeroberungsangriff starten konnte. Er wollte nicht, dass sein Sohn sich daran beteiligte, doch Eldarion sah das anders.

Alle Gelegenheiten, bei denen er sich hätte beweisen können, waren in einer Katastrophe geendet. Das erste Mal war er dem Drachen nur entkommen, weil sein Onkel mit ihm von der Klippe gesprungen war und ihn dann durch die Wildnis geführt hatte. Und dieses Mal musste er sogar von einem verrückten Mädchen gerettet werden. Dabei war er ein Königssohn, Nachkomme der Schifffahrer von Númenor. Und er ließ sich ganz bestimmt nicht von seinem Vater die Gelegenheit nehmen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten.

Lang genug war er vor deren Größe zurückgeschreckt.

Mit einem Ruck erhob sich Eldarion von seinem Lager. Irgendwer hatte für die Königsfamilie ein Zelt auftreiben können, damit sie ein wenig Privatsphäre hatten. Eldarions Schwestern schliefen bereits, seine Mutter war jedoch noch immer bei Vater; sie hatte er anders als bei seinem Sohn nicht so leicht abwimmeln können. Dennoch schlich sich Eldarion möglichst leise hinaus.

Niemand achtete wirklich auf ihn, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Der Tag hatte eine kollektive Wunde im Gedächtnis aller hinterlassen, die vielleicht nicht minder schwer wog wie all die Verluste, die sie erlitten hatten. Wer hätte auch gedacht, dass ein Drache Minas Tirith angreifen und dann auch noch so spielend erobern würde? Viele der Flüchtlinge saßen in kleinen Gruppen zusammen, wahrscheinlich oft Familien, Nachbarn und Freunde. Die meisten besaßen nur noch das, was sie am Leib trugen. Kinder weinten und wurden von ihren Müttern getröstet, und viele der Männer, an denen Eldarion vorbei kam, stöhnten leise vor Schmerzen. Manch einer unter ihnen hatte einen erschreckend leeren Blick, viele jedoch auch einen harten, entschlossenen Zug um die Augen.

Eldarion ballte die Hände zu Fäusten. Er würde es dieser Verrückten und ihrer Echse schon zeigen! Ihr erster Schlag mochte gewaltig gewesen sein, doch Gondor war noch lange nicht am Boden. Die Raben waren bereits nach Norden entsandt worden, um die Truppen Arnors zu rufen, und wenn König Éomer erst einmal Kunde von ihrer Notlage erhalten hatte, dann würde auch er mit seinen Reitern heran stürmen und die Feinde davon fegen. Dieses Mal würde Eldarion jedoch nicht tatenlos zusehen, wie sein Vater es gern hätte.

Die Waldläufer Ithiliëns saßen alle etwas abseits der Flüchtlinge und hielten sich eher für sich. Faramir als ihr Anführer und Kommandant, den viele von ihnen noch aus Zeiten des Ringkrieges kannten, würde sicher bald zu ihnen stoßen. Die Männer tuschelten in kleinen Gruppen leise miteinander und aßen ein mageres Mahl. Eldarion schnappte auf, dass auch sie über nichts anderes als die Ereignisse des Tages sprachen. Selbst die alteingesessensten unter ihnen, die bereits im Ringkrieg gekämpft hatten, waren unruhig, regelrecht verängstigt.

Eldarion hielt sich bedeckt und lugte hinter einem Stalagmiten hervor, stets darauf bedacht, sich im Schatten der Fackeln aufzuhalten. Ein Tropfen Wasser fiel ihm just in diesem Augenblick genau in den Nacken. Beinahe hätte er erschrocken aufgesprungen, konnte sich aber gerade noch zusammenreißen.

Als sich sein rasendes Herz etwas beruhigt hatte, hielt er nach den Vorräten der Waldläufer Ausschau. Wo hatten sie ihre Waffen und Kleider abgelegt? Da! Eldarion schätzte den Weg zu seinem Ziel ab, fasste eventuelle Wachen ins Auge und schlich dann los. Zu seinem Glück erwartete wohl niemand, dass ausgerechnet jetzt jemand etwas aus der Ausrüstung klauen würde. Es kam ihm nur gelegen.

Es gelang ihm, ohne allzu große Schwierigkeiten, sich ein Bündel Kleidung zu stehlen. Er hoffte, dass es bis zum Morgen niemand vermissen würde. Bis dahin konnte er es bei sich verstecken. Dann musste er nur noch einen günstigen Moment abwarten, in seine Verkleidung schlüpfen und ungesehen davon schleichen. Morgen sollten Faramirs Männer ausrücken, um die Rückeroberung Dol Amroths in Angriff zu nehmen. Das wäre seine Gelegenheit, um Vater zu entwischen und sich endlich zu beweisen.

Eldarions Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich auf den Rückweg zu seinem Lager machte, und mit einem Male war er sich doch nicht mehr so sicher mit dem, was er hier eigentlich tat. Doch dann erinnerte er sich all der kleinen und nicht ganz so kleinen Begebenheiten seiner Vergangenheit, in denen er stets von einer Möglichkeit wie dieser geträumt hatte. Er war vielleicht kein Elendil oder Isildur, aber immer noch deren Nachfahre. Er wollte nicht als bedeutungslose Fußnotiz in irgendeiner staubigen Chronik enden. Also atmete er noch einmal tief durch, schob das Kleiderbündel unter seine Decke und fasste sich ein Herz.

Er hatte eine Aufgabe zu erledigen.