Zum wiederholten Mal warf Tom einen Blick auf seine Armbanduhr. Er wartete jetzt schon seit knapp einer Stunde in seinem Auto vor dem Haus in dem Anna wohnte. In der SMS hatte es geheißen das sie ‚nur kurz' an die frische Luft wollte, dann aber zu Hause sei.

10 Minuten später und gerade als es Tom endgültig zu bunt wurde, erspähte er sie schließlich im Rückspiegel und beobachtete mit hochgezogenen Augenbrauen wie sie die letzten Meter zum Hauseingang lief.

Als sie näher kam musste er unwillkürlich den Kopf schütteln. Selbst aus der Entfernung konnte er sehen das ihre Laufsachen komplett durchgeschwitzt waren, was bei einer Außentemperatur von immer noch knapp 30°C auch kein Wunder war, und sie so aussah als würde sie jeden Moment umkippen.

Er wartete bis sie an seinem Wagen vorbeigelaufen war, ehe er ausstieg und das Stück bis zum Eingang, wo sie jetzt schwer atmend neben der Tür lehnte, hinter ihr her ging.

„Das verstehst du also unter ‚kurz' an die frische Luft gehen..." Anna sah etwas überrascht auf, öffnete den Mund um etwas zu sagen, zuckte nach einem Moment aber nur mit den Schultern.

Tom schüttelte erneut den Kopf ehe er süffisant fragte: „Schaffst du es die Treppen alleine hoch, oder soll ich dich tragen?"

„Das bekomme ich sehr gut alleine hin, danke!" Sie stieß sich mehr oder weniger energisch von der Wand ab und schloss die Tür auf.

Während Anna unter der Dusche war saß Tom schon auf der Dachterrasse und grübelte darüber nach, wie er die bevorstehende Konversation am besten anfangen sollte. Er wusste das er behutsam vorgehen sollte, da sie vermutlich sonst sofort dicht machen würde.

Als sie sich fünf Minuten später schließlich in den Stuhl ihm Gegenüber fallen ließ, hatte er jedoch beschlossen das es keinen Sinn machte, um den heißen Brei herum zu reden.

„Du weißt das es keine Zeichen von Schwäche ist, wenn man vielleicht manchmal mit etwas oder einer Situation überfordert ist, oder?"

„Wie bitte?" fragte seine Gegenüber etwas überrascht. Allerdings konnte Tom wie erwartet an ihrer sich rapide verändernden Körperhaltung erkennen, dass sie sich bereit machte in den Angriffsmodus über zu gehen.

Er griff über den Tisch, der sie trennte und nahm ihre Hände in seine. „Hör mir bitte einfach ein paar Minuten zu. Mehr möchte ich gar nicht." Die braunen Augen sahen ihn immer noch skeptisch an, aber ein leichtes Nicken genügte ihm fürs Erste.

„Wir haben beide schon viel Schlechtes in unserem Beruf gesehen und auch das ein oder andere Schlimme erlebt. Das gehört leider nun mal dazu. Ich für meinen Teil kann aber sagen, dass mich bis jetzt noch nichts so aus der Bahn geworfen hat, wie das was im Januar passiert ist. Und ich war bei dem eigentlichen Überfall nicht einmal dabei." Anna sah ihn überrascht an und Tom nickte bekräftigend. „Ich habe mich in meinem Leben noch nie so hilflos gefühlt wie in den knapp fünf Minuten, in denen ich neben dir gekniet habe und dabei zusehen musste wie du mit jeder Sekunde tiefer in die Bewusstlosigkeit gefallen bist und ich rein gar nichts dagegen tun konnte."

Anna wollte darauf etwas sagen, wurde aber von ihm abgehalten in dem er kurz eine Hand hob. „Die erste Woche nach dem Überfall bin ich, wie fast alle Kollegen, auf Autopilot gelaufen und habe kaum etwas mitbekommen. Die Alpträume, oder vielmehr: Der Alptraum hat nach der ersten Beerdigung eines Kollegen angefangen und ich habe kaum noch eine Nacht durchgeschlafen. Das hat dazu geführt das ich mehr als einmal heftig mit Semir und auch immer wieder mit Stöcker aneinandergeraten bin. Mit Semir wirklich Reden konnte beziehungsweise wollte ich nicht, da ich mir unsicher war und bin wie er reagieren würde. Das Ende vom Lied war, das ich vor 3 Monaten nur haarscharf um ein Disziplinarverfahren herumgekommen bin. Ich war ständig so angespannt und aufgebracht das ich es bei einer Auseinandersetzung mit Stöcker maßlos übertrieben habe." Nachdem Tom aufgehört hatte zu sprechen herrschte für eine ganze Weile Stille, bis Anna leise fragte: „Wie hast du das wieder in den Griff bekommen?"

„Ich habe mir jemandem zum Reden gesucht, von dem ich wusste, dass er völlig unvoreingenommen war. Meinen Stiefvater. Bei ihm habe ich all das offen an- und ausgesprochen was mich so umhergetrieben hat. Das ich das vielleicht alles hätte verhindern können, wenn ich damals doch die Nachtschicht gemacht hätte oder zu mindestens wenigsten auch da gewesen wäre." Anna schüttelte beharrlich den Kopf. „Das ist doch nicht deine Schuld gewesen! Ich, ich hätte niemals zustimmen dürfen das die Drogen bei uns auf dem Revier zwischen gelagert werden...!" Nun war es Tom der den Kopf schüttelte.

„Nein, wenn Semir und ich diesen verdammten Transporter nicht kontrolliert hätten, dann wären die Kollegen vermutlich noch am Leben und du hättest keine 7 Monate deines Lebens damit verbracht wieder auf die Beine zu kommen."

„Das habt ihr doch nicht wissen können!"

Tom lächelte. „Genauso ist es! Wir konnten das nicht wissen. Du konntest auch nicht wissen das diese Verrückten es wagen würden ein Polizeirevier zu überfallen." Er lehnte sich vor und drückte sanft ihre Hände. „Manche Dinge passieren einfach. Und dagegen können wir nichts tun. Wir können nur versuchen damit zu Leben und das Beste aus der Situation machen, die so entsteht. Mit ein bisschen Glück haben wir jetzt die Möglichkeit bald eine Verbrecherbande Dingfest zu machen und können dadurch vielen Menschen viel Leid ersparen." Anna nickte langsam. „Vermutlich hast du recht..."

„Ich bin mir dieses Mal sogar sehr sicher das ich recht habe!" Er sah sie aufmunternd an. „Wenn du dazu bereit bist, bin ich jeder Zeit da, um zuzuhören. Und wenn du nicht mit mir reden willst, dann vielleicht mit deiner Schwester oder jemand anderem. Aber mach es!" Tom konnte ihr ansehen, dass sie noch nicht zu 100% überzeugt war, beließ es aber dabei.


Anna schreckte um 04:45 Uhr panisch nach Luft schnappend aus dem Schlaf hoch. Da war es wieder, das Gefühl von Enge in ihrer Brust das ihr den Atem raubte. Neben ihr im Bett setzte Tom sich ebenfalls auf, ließ ihr jedoch Raum.

Hastig schlug sie die Bettdecke beiseite, stand auf und ging zum Fenster, welches sie mit fahrigen Händen öffnete. Die frische Luft sorgte nach ein paar Minuten dafür das sich ihre Atmung und auch ihr Herzschlag wieder einigermaßen beruhigt hatten.

Tom hatte das ganze vom Bett aus beobachtet und war kurz in die Küche gegangen, um ein Glas Wasser zu holen, mit dem er jetzt neben sie trat.

„Geht es wieder?" Sie nickte kaum merklich und wandte sich von ihm ab. Anna hasste es, dass er das gerade mitbekommen hatte.

Tom spürte deutlich, dass es das Best war ihr weiter Raum zu geben und keine Fragen zu stellen. Wenn er sie jetzt einengte, würde sie mit Flucht reagieren.

„Ich gehe oben auf die Terrasse..." Sagte er leise und zog sich zurück.

Anna stand ein paar weitere Minuten am Fenster bis sie diese wieder schloss und automatisch zum Kleiderschrank hinüber ging. Während sie erneut zu den Laufsachen griff, hielt sie jedoch inne und starrte in das Gesicht, dass ihr von einem Spiegel in der Innenseite der Schranktür entgegenblickte.

Selbst im Halbdunkeln des Schlafzimmers waren die Schatten unter ihren Augen deutlich zu sehen und trotz des vielen Sonnenscheins der letzten Wochen wirkte sie blass. Ihr Blick glitt automatisch zu der kreisrunden Narbe knapp unterhalb der Schulter. Langsam, ganz langsam schlug die Panik in heißglühende Wut um.

Sie schlug die Schranktür mit einer derartigen Wucht zu und schlug mit der Faust dagegen, dass der Spiegel im Inneren herunterfiel. So konnte es nicht weiter gehen! Sie war lange genug davongelaufen.