Täter und Opfer


I.

Der Omega Wolf befand sich wieder in dem leeren Haus, in dem er zuvor gefangen gehalten worden war, und Morgan fürchtete um sein Leben. Es hatte sich herausgestellt, dass Owen seine Chance zu fliehen nicht genützt hatte, wie er vielleicht hätte sollen, ja, offenbar hatte er geplant zusammen mit Denise zu fliehen, war aber von der Masse der Toten aufgehalten worden und vollauf damit beschäftigt gewesen Denise am Leben zu halten, doch dann hatte er seine Flucht vollkommen aufgegeben und stattdessen Carl gerettet, was Morgan unter anderen Umständen erleichtert hätte, weil es ihm bestätigte, dass sein Instinkt in Bezug auf den Omega Wolf richtig gewesen war, dass Owen nicht verloren war, sich immer noch ändern konnte, doch unter den gegebenen Umständen würde es Owen das Leben kosten, und das wiederum machte Morgan unglücklich.

Rick war über den Anblick eines lebendigen Wolfs hinter den Mauern von Alexandria alles andere als erbaut gewesen. Er reagierte genauso wie Carol vorausgesagt hatte. Der einzige Grund, warum er den Wolf nicht sofort umbrachte, war, dass dieser offensichtlich sein Kind gerettet hatte, und dass er alle Hände voll damit zu tun hatte Alexandria vor der Masse an Toten zu retten, die die Straßen unsicher machten. Nachdem es ihnen gelungen war Owen und Carl voneinander zu trennen, hatte sich Denise um Carl gekümmert und Morgan um Owen, den er einfach dorthin zurückgebracht hatte, wo er ihn zuvor gefangen gehalten hatte. Vor allem deswegen, weil ihm keine bessere Lösung einfiel.

„Wieso warst du überhaupt im Haus?", wollte Morgan von dem Wolf wissen, der nur abfällig grinste.

„Ich war auf der Suche nach nützlichen Zeug", erklärte der Wolf, denn natürlich, was außer der Drang zu plündern sollte ihn in dieses oder sonst irgendein Haus bringen? „Denise meint, dass ich dabei bin mich zu ändern, glaub ihr nicht, Morgan Jones, du weißt es besser." Er grinste Morgan mit seinen dreckigen Zähnen an. „Ich habe sie nur am Leben erhalten, weil sie nützlich für mich war."

„Trotzdem hast du Carl gerettet. Was dir nichts eingebracht hat, außer, dass du deswegen gefangen wurdest", stellte Morgan fest, worauf Owen keine Antwort hatte. Entweder weil er selbst nicht wusste, warum er es getan hatte, oder weil er seine Gründe vor Morgan nicht nennen wollte, „Ich glaube, Denise hat recht, und du bist dabei dich zu ändern. Keine Sorge, ich werde für dich kämpfen, werde tun was ich kann um dein Leben zu retten."

Owen schnaufte abfällig. „Wenn du klug wärst, Morgan Jones, dann würdest du das nicht tun", meinte er. Doch Morgan war noch nie besonders klug gewesen, nicht wahr?

Er wollte alles tun, was er konnte, um Rick davon zu überzeugen Owen am Leben zu lassen. Doch er fürchtete, dass er trotzdem versagen würde. Dass es nichts gab, was er tun könnte um Owen zu retten. Denn im Grunde wusste er, dass Owen und Carol mit dem, was sie sagten, Recht hatten, dass eine einzelne gute Tat nicht alles ungeschehen machen konnte, was der Wolf zuvor getan hatte oder änderte wie er war oder wer er war. Morgan wusste, dass er keine wirklichen Argumente zu bieten hatten, die dafür sprachen Owen am Leben zu lassen, aber er wollte trotzdem alles tun, was in seiner Macht stand um den Wolf zu retten.

Zumindest hatte Rick es nicht besonders eilig sich mit seinem Gefangenen auseinanderzusetzen. Es gab Dringenderes. Seinen traumatisierten Sohn. Eine Bestandsaufnahme der Verluste, den Wiederaufbau von Alexandria. Deanna Monroe hatte den Überfall der Toten nicht überlebt, weswegen Rick jetzt de facto Anführer von ganz Alexandria war. Das schmeckte nicht jedem, aber viele einflussreiche Bewohner wie Heath, Tobin, Olivia, und Aaron sprachen sich für ihn aus, weswegen Spencer Monroe und andere, die immer noch gegen Rick eingenommen waren, ihn als neuen Anführer akzeptieren mussten. Als offizieller Anführer hatte Rick nun einiges zu tun. Es dauerte einige Zeit, bis er sich ihrem Wolfproblem annehmen konnte.

Schließlich bestellte er Morgan und Denise zu sich in Deannas Büro. „Carl will nicht, dass ich den Wolf umbringe. Ich habe es ihm versprochen. Also stellt sich die Frage, was ich mit ihm tun soll", erklärte Rick, „Ich würde gerne eure Meinung dazu hören, nachdem ihr es auf euch genommen habt ihm am Leben zu halten und seine Anwesenheit hier vor mir zu verbergen."

Morgan fühlte sich wie ein unartiges Kind, das zum Direktor bestellt worden war. Denise ging es wohl ähnlich. Sie wechselten einen Blick, und dann meinte Morgan: „Ich bin derjenige, der ihn uns eingebrockt hat, ich bitte dich mir die Entscheidung zu überlassen, was mit ihm passieren soll."

„Er ist immer noch mein Patient", fügte Denise hinzu, „Und er hat mich beschützt."

„Ja, ja, schon klar. Er ist ein Mörder und Dieb, aber keiner, der ihn kennt, will mir erlauben ihn umzubringen. Deswegen wollte ich wissen, was ich mit ihm machen soll. Nicht, was ich nicht mit ihm machen soll", erwiderte Rick müde, „Bisher hab ich noch keinen brauchbaren Vorschlag gehört."

„Rehabilitation", sagte Morgan, und Denise nickte zustimmend.

„Nein, auf keinen Fall", meinte Rick dazu, „Wisst ihr, was ihr da von mir verlangt? Carl ist immer noch ein Kind, seine Gefühle blenden ihn, aber ihr? Ihr solltet es besser wissen."

„Er ist dabei sich zu ändern", meinte Denise, „Ich glaube daran, dass er sich ändern kann."

„Möglich, aber seine Freunde haben unsere Nachbarn ermordet. Und versucht jetzt nicht mir einzureden, dass er das nicht auch vor hatte", gab Rick zurück, „Denn das glaube ich euch keine Sekunde lang."

„Owen wäre der Erste, der uns widersprechen würde, wenn wir das behaupten würden. Allerdings ist er hergekommen, weil er auf der Suche nach medizinischer Hilfe war, und nicht um uns alle zu töten. Das war die Agenda der anderen. Ich glaube, dass er … ich glaube, ich habe eine Verbindung zu ihm. Er sagt immer, dass er mich töten würde, aber er tut es nie, versuchte es nicht einmal. Ich denke, er wollte uns nicht töten, dass er hier wirklich nur hergekommen ist um sich selbst zu retten. Dass er das Gefühl hat mir etwas schuldig zu sein, weil ich ihn verschont habe. Jetzt schon mehrmals", erklärte Morgan, „Hör mal, Rick, ich übernehme die Verantwortung für ihn und für alles, was er tut. Wenn etwas schief geht, dann wird es meine Schuld sein und nicht deine. Und ich werde mit den Konsequenzen leben müssen. Und auch die entsprechenden ziehen. Lass es uns wenigstens versuchen. Er hat Carl gerettet. Das muss etwas bedeuten. Oder etwa nicht?"

Rick schüttelte den Kopf. „Deanna ist weg. Von jetzt an trage ich die Verantwortung für alles, was hier passiert. Ich kann sie nicht einfach auf dich abwälzen. Wie stellt ihr euch das überhaupt vor? Soll er Müll von der Straße aufsammeln und jede Nacht in einer Zelle schlafen, bis wir der Meinung sind er habe sich genügend rehabilitiert? Woran sollen wir merken, dass er nicht mehr plant uns zu beklauen und zu töten? Falls es euch entgangen sein sollte, wir haben keinen Psychologen mehr. Und niemand von uns ist dazu qualifiziert Bewährungshelfer für einen wie ihn zu spielen. Und wer sagt, dass er bei alle dem überhaupt mitmachen wollen würde?", wollte er dann wissen.

„Ich kann sein Bewährungshelfer sein. Wie gesagt, wir haben eine Verbindung. Lass mich sein Alpha sein, ihn als Omega annehmen", meinte Morgan sofort, und erst als er Ricks Gesichtsausdruck sah, wurde ihm klar, was er gerade gesagt hatte, „Nein, nicht so. So habe ich das nicht gemeint."

„Ich denke, das hast du doch", meinte Rick leise.

„Ich habe nur gemeint, dass ich ihn bei der Stange halten kann. Das ist alles", erklärte Morgan.

„Als Alpha?", wollte Denise zweifelnd wissen.

„Nicht so. Ich habe nicht vor ihn zu misshandeln oder ihm irgendetwas aufzuzwingen", verteidigte sich Morgan, „Ihr kennt mich doch. So bin ich nicht. Aber er ist nun mal meine Verantwortung." Er blickte Rick fragend an, doch dieser schwieg.

Schließlich meinte er langsam: „Ich muss es von ihm selbst hören. Ihr könnt nicht für ihn sprechen. Er muss mir selbst sagen, dass er bereit ist sich zu ändern. Dass er hier bleiben möchte und bereit ist dafür zu tun, was notwendig ist. Dass er nie wieder gegen einen von uns seine Hand erheben wird. Das muss er mir schwören. Ansonsten … Ansonsten muss ich in Betracht ziehen die Menschen, die ich liebe, zu enttäuschen." Was er damit meinte war klar.

Hatte Morgan damit verloren? Ja, Owen war verdammt schlau, aber er machte keinen Hehl daraus wer oder was er war. Er würde nie zustimmen sich einfach so von Grund auf zu ändern, oder? Morgan wusste es nicht. Überlebensinstinkt war eine Sache, aber Rick würde spüren, wenn Owen log, und die Konsequenzen ziehen. „Lass mich nur vorher mit ihm sprechen", bat Morgan, „Danach wird er dir selbst sagen, was du hören möchtest."

Rick nickte zustimmend. „Von mir aus. Dann lass uns los gehen", verkündete er.

„Was? Jetzt gleich?", wunderte sich Morgan erschüttert und war gar nicht begeistert von dieser Aussicht.

„Natürlich. Wenn du denkst, er könnte alles aufgeben was er ist, und ist bereit sich von Grund auf zu ändern, dann sollte er dafür immer bereit sein. Oder etwa nicht?", meinte Rick nur dazu. Er glaubte offenbar nicht daran, dass Owen sich ändern wollte, oder auch nur bereit wäre irgendeiner ihrer Bedingungen zuzustimmen. Und vielleicht wäre es ihm sogar lieber, das so schnell und ungeschminkt wie möglich ins Gesicht gesagt zu bekommen. Vielleicht wollte er Owen jetzt sogar umbringen, weil Morgan den Fehler gemacht hatte zu betonen, dass er den Wolf als Omega annehmen wollte. Er hätte das nicht so unüberlegt sagen dürfen, für Rick musste das ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Aber er ist nun mal meine Verantwortung, war sie von dem Moment an, als er mich im Wald überfallen hat. Und ich muss ihn retten. Rick versteht das nicht, aber so ist es nun einmal.

„Natürlich", meinte Morgan, „Gehen wir zu ihm. Je schneller wir das alles hinter uns bringen, desto besser." Er hoffte nur, dass Owen schlau genug war um auf seinen Stolz zu verzichten, seinen blöden Code aufzugeben, und sich stattdessen auf sein Überleben zu konzentrieren. Denn wenn er das nicht wäre, dann gäbe es wirklich nichts mehr, das Morgan noch tun könnte um ihn zu retten.


II.

Die Erlöser schienen nach wie vor nicht darauf vorbereitet zu sein erneut angegriffen zu werden. Offenbar hatten sie tatsächlich ihre Truppen beim Sanctuary gesammelt und die kleineren Außenposten damit verletzlich zurückgelassen. Ihr Angriff erfolgte schnell und erbarmungslos. Die bei diesen Außenposten stationierten Erlöser wehrten sich natürlich trotzdem, doch es stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen von der Anwesenheit eines Tigers äußerst schnell eingeschüchtert wurden. Viele ergriffen panisch die Flucht. Und dann gab es aber diesmal auch diejenigen, die sich ergaben. Ein Beta-Erlöser namens Alden führte diejenigen an, die ihre Waffen niederlegten und sich bereitwillig in ihre Gefangenschaft begaben.

Die Frage war nur, was sie mit Gefangenen anfangen sollten. Carol hatte nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass Negan zu jenen Anführern gehörten, die es besonders gerne sahen, wenn seine Leute in Gefangenschaft gerieten. Vielleicht würde er sie als schwach ansehen, weil sie sich lebendig hatten fangen lassen, vielleicht wären ihre Leben ihm egal. Und was sollten sie mit Gefangenen anfangen? Es war ja nicht einmal so, dass sie besonders wertvolle Lieutnants oder dergleichen gefangen genommen hatten, eher nur kleine Mitläufer.

Cyndie und die anderen Betas aus Oceanside argumentierten dafür die Gefangenen umzubringen. Michonne wollte davon nichts hören.

„Wir haben die Alexandria Erlöser nicht umgebracht, warum sollten wir jetzt dieser hier umbringen? Sie haben sich ergeben. Man töten niemanden, der sich ergibt", meinte sie voller Überzeugung.

„Sie haben aber nicht unrecht", meinte Carol in Bezug auf die Oceanside-Fraktion, „Diese Gefangenen sind kein Gewinn für uns, sie sind eine weitere Belastung. Jemand muss sie bewachen, wir müssen sie mit Essen und Trinken versorgen, können uns nicht mehr so frei wie zuvor bewegen. Taktisch gesehen wäre es klüger, wenn wir sie töten würden." Sie konnte Ezekiels Blick auf sich ruhen spüren, als sie das sagte, und ignorierte das Gefühl, das dieses Wissen in ihr aufsteigen ließ. Was spielte es schon für eine Rolle, was er von ihr hielt? Was spielte es überhaupt für eine Rolle, was irgendjemand von ihr hielt? Worauf es ankam war, dass sie überlebten und diesen Krieg gewannen, alles andere war sekundär.

Daryl nickte zustimmend. „Carol hat recht", erklärte er.

Jesus war derjenige, der nun lautstark protestierte. „Das mag alles stimmen, aber wir sind nicht wie die oder etwa doch? Wir töten keine Gefangenen. Das machen wir nicht. Wenn wir es tun würden, das würde uns dann noch von denen unterscheiden?", wollte er wissen und funkelte Daryl herausfordernd an.

„Dass wir am Leben sind, das würde uns von ihnen unterscheiden", erwiderte Daryl, „Was ist wichtiger: Unser Gewissen oder unsere Sieg?"

„Vielleicht ist das eine ohne das andere ja nichts wert", gab Sasha zu bedenken, „Was bringt uns ein Sieg, wenn wir nach diesem so sind wie diejenigen, die wir eigentlich besiegen wollten? Ihr wisst, was Rick zu all dem sagen würde."

„Rick ist aber nicht hier", wandte Daryl ein, „Wir sind hier. Also müssen wir die Entscheidung treffen."

Michonne wandte sich an Ezekiel. „Das Königreich hat seine Meinung zu diesem Thema noch nicht gesagt. Was meint Ihr, Eure Hoheit?", wollte sie von dem anderen Alpha-Beta wissen.

Der schwieg einen Moment lang nachdenklich, dann meinte er langsam: „Beide Seiten haben gute Argumente vorgetragen, doch meiner Meinung nach kam das beste Argument von unserer Scharfschützin aus Alexandria. Ein reines Gewissen und der Sieg sollten einander nicht ausschließen. Keiner verlangt von uns, dass wir alle Heilige sind, aber es gibt Grenzen, die wir nicht überschreiten sollten. Wer sich ergibt, unterwirft sich der Gnade desjenigen, dem er sich ergibt. Wenn diese Gnade dann verweigert wird, so kann das nicht richtig sein. Außerdem gilt es eine Sache zu bedenken: Wen wir jetzt verschonen, der wird uns in Zukunft dafür dankbar sein. Wenn Negan und seine Alphas besiegt und getötet sind, wird es immer noch Erlöser geben. Vielleicht wäre es von Vorteil für uns alle, wenn diejenige, die dann noch übrig sind wissen, dass wir anders sind als Negan und die Seinen."

Michonne nickte zustimmend. „Der König hat recht. Rick wollte Verbündete innerhalb der Erlöser. Vielleicht finden wir unter unseren Gefangenen welche", meinte sie, „So wie ich das sehen, haben zwei Gemeinden dafür gestimmt die Gefangen am Leben zu lassen, eine dagegen, und eine enthält sich, da wir uns untereinander nicht einig sind und Rick nicht anwesend ist um für uns zu sprechen. Damit bleiben sie am Leben und unsere Gefangene. Wenn sie sich zur Belastung entwickeln sollten, können wir noch einmal darüber abstimmen, aber bis es soweit ist, haben wir Gäste."

Carol sprach es nicht aus, doch sie war überzeugt, dass die Gefangenen jetzt schon eine Belastung für sie alle darstellten.

Sie hatte die Vorräte, die der Außenposten, den sie überfallen hatten, gelagert hatte, geplündert, genau wie dessen Waffen. Der Außenposten hatte außerdem Brot gebacken und an die anderen Außenposten verteilt. Das würde er jetzt nicht mehr tun, was einer der Gründe war, warum sie ausgerechnet diesen Außenposten angegriffen hatten, sie wollten die Erlöser Stück für Stück von dem, was sie brauchten ohne es zu realisieren abschneiden, und sie im Sanctuary isolieren. Wenn sie behutsam vorgingen, dann würden die Erlöser erst merken, was los war, wenn es zu spät war.

Unter ihren Gefangenen befanden sich keine Brotbäcker, diese hatten sie gehen lassen. Sie befreiten die Sklaven der Erlöser und versklavten sie nicht ihrerseits. All ihre Gefangenen waren bewaffnete Kämpfer gewesen, sie waren also nicht gleichzusetzen mit den Opfern der Erlöser. Sie haben sich für dieses Leben entschieden. Sich dazu entschieden Waffen zu tragen und andere auszunützen. Wenn sie dieses Leben nicht hätten leben wollen, dann hätten sie sich eben von Anfang an anders entscheiden müssen. Sasha, Michonne, und Ezekiel mochten das anders sehen, aber ein Feind blieb immer ein Feind, auch wenn er harmlos wirkte.

Sie beobachtete wie Ezekiel Shiva versorgte und einige der anderen den beiden beunruhigt auswichen. Es wäre amüsant, wenn Carol sich nicht die ganze Zeit über fragen würde, was der König jetzt wohl von ihr hielt, jetzt, da er ihr wahres Ich gesehen hatte. Ob er jetzt bereute ihr ein Haus geschenkt zu haben und sie immer als „schön" bezeichnet zu haben? Sie wusste, dass Tobin sie nicht mehr so ansah wie früher, als er sie noch für einen harmlosen warmherzigen Hausomega gehalten hatte. Ging es dem König genauso? Und warum verletzte sie der bloße Gedanke daran, dass es so sein könnte? Sie hatte nicht gelogen, als sie gesagt hatte, dass sie keine Blumen haben wollte. Sie war nicht auf der Suche nach einer Romanze oder auch nur einen Bettgefährten. Nicht mehr. Das Massaker im ersten Erlöser-Außenposten hatte sie daran erinnert, warum sie alleine sein musste. Warum sie nicht einmal mehr vorgeben konnte jemand anderer zu sein als die Mörderin von Karen und David und diejenige, die Lizzie hingerichtet hatte. Weil es etwas Hässliches in ihr gab, das in ihr gewachsen war in all den Jahren unter Eds Herrschaft über sie, das in dieser neuen Welt ausgebrochen war, weiter angewachsen war, und jetzt alles beherrschte, was sie ausmachte. Und anders als Rick konnte sie dieses Etwas nicht so einfach wieder ausschalten. Im Grunde war sie mehr wie Owen als wie Rick, sie war ein Unomega, jemand, dessen Inhalt in keinerlei Hinsicht der Verpackung entsprach. Jemand, der es nicht verdient hatte behandelt zu werden wie alle anderen. Und sie war es leid das zu verstecken oder vorzugeben, dass das irgendwann wieder vorbeigehen würde. Die Wahrheit war: es würde immer eine neue Gefahr geben, die diesen Teil von Carol zu neuem Leben erweckte. Die Wahrheit war: es würde kein friedliches Leben in einer Hütte für sie zusammen mit Tyreese und ihren Töchtern mehr geben. Die Wahrheit war, dass das Einzige, das sie in diese friedliche Hütte zurückbringen könnte und zu Tyreese und Mika und Lizzie und zu Sophia, der Tod wäre. Und dass sie, bis dieser sie ereilte, wohl keinen Frieden mehr kennen würde.

Dieses Wissen trennte sie von Rick und auch von Daryl, der Frieden finden konnte, ihn gefunden hatte, bevor das Alles mit den Erlösern losgegangen war. Wenn dieser Krieg vorbei wäre, falls er jemals vorbei wäre, würde sie gehen. Sie würde nicht zurück nach Alexandria gehen oder ins Königreich oder in ihr Haus, würde nicht nach Hilltop oder Oceanside ziehen, nein, sie würde einfach weggehen, weg von ihrem Rudel, von Ezekiel, und all den anderen, und endlich so alleine sein, wie sie sein musste. Und das diesmal wirklich.

Denn nur wenn sie das tat, könnte sie den Blicken entkommen, die ihr alle unausweichlich wieder zuwerfen würden, wenn sie auch in Friedenszeiten wieder diejenige sein würde, die argumentieren musste, dass man potentielle Gefahren umbringen musste, da es niemanden sonst gab, der das an ihrer Stelle tun würde. Und da sie diese Blicke nicht mehr ertrug, musste sie gehen.

Ezekiel sah zu ihr hinüber und schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Sie ertappte sich dabei, dass sie es erwiderte, und wünschte sich sie hätte das nicht getan. Wozu Hoffnung wecken, die niemals wahr werden würde? Für Carol würde es niemals ein Happy End geben, und es war an der Zeit sich mit dieser Tatsache abzufinden und sie allen anderen ebenfalls klar zu machen.

Alden und den anderen gefangenen Erlösern stand auch kein Happy End bevor, das wussten sie, das wusste Carol, und das wussten Cyndie und ihre Leute. Alle anderen würden es auch noch einsehen. Hoffentlich aber bevor es zu spät war und nicht erst danach. Carol ihrerseits würde auf jeden Fall alles dafür tun, dass es ihnen rechtzeitig klar werden würde, selbst wenn das das Letzte wäre, was für sie ihr Rudel jemals tun würde.


III.

Morgan Jones redete und redete und redete auf Owen ein, und im Grunde interessierte es ihn nicht. Allerdings wollte er überleben. Zugleich konnte er aber nicht wirklich fassen, wie jemand so unglaublich dumm sein konnte und damit durchkam. Er an ihrer Stelle hätte ihn schon längst getötet. Er verstand nicht, warum ein Alpha wie Morgan das nicht schon längst getan hatte. Ein Credo zu haben, eine Überzeugung zu verfolgen, sich einer Philosophie zu verschreiben, war gut und schön, doch es kam der Punkt, an dem man seine eigenen Überzeugungen hinter sich lassen musste um zu überleben. Wer diesen Punkt verpasste war selbst schuld und überlebte meistens nicht. Und Owen konnte sich nicht erinnern jemals einen Alpha gekannt zu haben, dem das passiert war. Aber offenbar gab es für alles ein erstes Mal, und offenbar war Morgan Jones der erste Alpha, den er kennenlernte, der diesen Punkt verpasste und deswegen zu Tode kommen würde. Jemand sollte auf ihn achtgeben, dafür sorgen, dass er nicht stirbt.

Als nächstes wurde ihm der Rudelführer vorgeführt. Der überraschte Owen ein wenig, da es sich um einen Omega handelte. Und um Carls Vater. Ander als Morgan, der vor ihm auf und ab geschritten war, machte er sich die Mühe sich vor Owen, der wieder angekettet am Boden saß, hinzuhocken.

„Denise, Morgan, Carl … sie alle haben mich angefleht dich zu verschonen. Dich am Leben zu lassen. Sie haben mir gesagt, dass du bereit bist dich zu ändern, willig bist deinen bisherigen Lebensweg hinter dir zu lassen", sagte der Omega zu Owen, „Ich kann mir das aber nicht vorstellen. Nicht bei jemanden wie dir." Offenbar war dieser Omega klüger als Morgan. „Trotzdem bin ich bereit die eine Chance zu geben", fuhr er fort und offenbarte damit, dass er eben doch nicht viel klüger war als Morgan, „Also frage ich dich, was willst du? Willst du wirklich alles hinter dir lassen, neu anfangen, und nach unseren Regeln leben? Oder würdest du eher sterben als das zu tun?"

Owen wollte leben. Aber auch nicht alles verraten, was er war. Er würde wohl lügen müssen. Aber wer sagte, dass man seine Lügen nicht sofort durchschauen würde? „Ich will leben", sagte er also, „Vielleicht regiert das Chaos und wir alle sollten wie die Wölfe leben, aber selbst Wölfe wollen leben. Genau wie ich."

„Freilassen können wir dich nicht. Nicht mit allem, was du weißt", erklärte der andere Omega, „Aber hierbleiben kannst du nur, wenn du unser Gefangener bist, oder wenn du dich unterwirfst und unsere Regeln annimmst. Ausnahmelos."

„Womit ich erst recht ein Gefangener wäre", erkannte Owen.

„Das hast du richtig erkannt, aber nach allem, was du getan hast, kannst du nichts anderes erwarten", informierte ihm der andere Omega kühl.

Das ergab Sinn. Wenn er überleben wollte, dann musste er seine Freiheit aufgeben. Musste aufhören ein Wolf zu sein, vorgeben ein Hund zu sein, vielleicht sogar ein Hund werden, er musste sich domestizieren lassen. Aber selbst wenn er das wollte, wer sagte, dass er es überhaupt konnte? „Es wäre klüger mich jetzt gleich umzubringen", erklärte Owen, „Selbst wenn ich sage, dass ich man eure Regeln halte, selbst wenn ich mich wirklich an sie halten will, selbst wenn ich es wirklich versuche, besteht immer noch die Chance, dass alles furchtbar schief geht. Vielleicht kann ich mich einfach nicht ändern, vielleicht bin ich zu sehr Wolf um zum Hund zu werden."

Der andere Omega nickte wissend. „Zumindest bist du ehrlich", stellte er fest und richtete sich auf. Er fuhr sich durchs Haar und begann eine kurze Wanderung durch den Raum. Dann hielt er wieder inne. „Morgan will dich als seinen Omega annehmen, will die Verantwortung für dich übernehmen", erklärte er dann, „Das würde bedeuten, dass alles, was du tust, auf ihn zurückfällt."

„Es würde bedeuten, dass er mich diszipliniert", stellte Owen fest.

„Nicht Morgan, nicht hier", korrigierte ihn der andere Omega, „Bei uns werden keine Omegas misshandelt."

„Vielleicht sollten sie das werden. Vielleicht sollte er mich disziplinieren. Wenn ihr sicher sein wollt, wenn ihr wollt, dass das hier klappt, dann muss es vielleicht sein", meinte Owen.

„So sind wir nicht", wiederholte der andere Omega, „So ist Morgan nicht. Du hast verdammtes Glück, dass er dich will. Trotz allem, was du getan hast, trotz allem, was du bist. Er sieht dich an, sieht genau, was dahinter steht. Und trotzdem will er dich. Will dein Alpha sein. Du solltest dankbar sein und nicht von vorne herein ablehnend."

Ach, so war das also. Morgan Jones, der Herzensbrecher. Der offenbar Owen wollte, obwohl er diesen hier haben könnte, der viel besser zu ihm passte. Aber vermutlich war das alles gar nicht so gemeint, vermutlich wollte Morgan Jones Owen auf diese Weise nur retten und hatte überhaupt kein anderweitiges Interesse an ihm. Und doch fiel Owen in diesem Augenblick wieder ein, wie sie sich kennengelernt hatten, wie Morgan ihn freundlich begrüßt hatte und ihm etwas von seinem Eintopf angeboten hatte, und Owen einen Moment lang nur zu schätzen gewusst hatte, dass hier ein Alpha saß, der ihn nicht vergewaltigen und unterwerfen wollte, der gut aussah und einfach nur freundlich zu ihm war, aus keinen anderen Grund als dass das nun mal seine Art war. Aber genau das war der Punkt, Morgan Jones hatte damals nur einen dreckigen verkommenen Omega gesehen, der ihn bestehlen wollte. Und er war viel zu sehr Gentleman um etwas anderes als eine geschäftliche Transaktion in seinem Angebot sein Alpha zu werden zu sehen.

„Ich will deinen Liebhaber nicht, Vater von Carl, du kannst ihn behalten", meinte Owen.

Der andere Omega blickte ihn müde an. „Rick, mein Name ist Rick", sagte er.

„Rick", wiederholte Owen, „Du kannst Morgan Jones behalten, ich will ihn nicht."

„Aber leben willst du? Dann ist das die Voraussetzung", erklärte Rick.

„Von mir aus unterwerfe ich mich ihm. Und dir. Von mir aus dürft ihr meine Alphas sein", meinte Owen, „Ich habe schon für ganz andere die Beine breit gemacht."

„Sei nicht obszön", empörte sich Rick, „Was wir wollen ist Loyalität. Und Gehorsam bis zu einem gewissen Grad. Wir brauchen keine Unterwerfung unter uns als Personen. Sondern dein Wort, dass du dich an unsere Regeln hältst."

„Mein Wort, mein Wort. Von mir aus gebe ich dir mein Wort. Wer sagt, dass ich mich daran halte? Was ist jemanden wie dir das Wort von jemanden wie mir wert?", spottete Owen, „Du willst mich nicht begnadigen, oder gar in dein Rudel aufnehmen. Deswegen bist du nicht hier. Du bist hier um Gründe zu finden mich umzubringen."

Rick kniete sich wieder vor ihn hin. „Warum hast du Carl gerettet? Denise hast du beschützt, weil du sie gebraucht hast. Aber Carl? Warum hast du ihn gerettet?", wollte er von Owen wissen.

Owen wollte weiterhin rebellisch sein, seinem Blick stand halten, doch die Frage wühlte ihn auf, also wandte er den Blick ab. „Ich …. Ich wollte den Alpha-Jungen töten. Dass dein Sohn gerettet wurde, war nur Zufall", behauptete Owen.

„Bullshit", blaffte ihn Rick an, „Lüg mich nicht an!"

Owen sah wieder in seine Richtung und funkelte ihn wütend an. „Ich weiß es nicht, okay?", knurrte er, „ich weiß nicht, warum ich ihn gerettet habe. Er war auf den Knien, hilflos, wollte das alles nicht, hat geweint - und der andere Junge, der hat ihm keine Wahl gelassen, wollte sich einfach nur das holen, was ihm nicht zusteht, wollte ihm weh tun, nur weil er es konnte. Also hab ich mich eingemischt. Was weiß ich warum. Ich hätte es nicht tun sollen, aber ich habe es getan, und deswegen sind wir beide jetzt hier."

Rick nickte. „Deswegen sind wir beide jetzt hier", bestätigte er, „Also gut, du kannst bleiben, darfst leben, darfst Morgans Omega sein. Hier neu anfangen. Gratulation. … Bring mich nicht dazu meine Entscheidung wieder zu bereuen."

Owen grinste ihn an. „Werd ich schon nicht, jetzt wo wir Nachbarn sind", meinte er.

Natürlich hatte er zu diesem Zeitpunkt noch seine eigenen Pläne, die nicht beinhalteten ein guter Nachbar zu sein. Er wollte leben, das ja, vorgeben brav zu sein, vorgeben Morgan Jones' Omega zu sein, vorgeben sich an all die Regeln zu halten, doch er wollte nicht wirklich bleiben, wollte sich nicht wirklich ändern. Er wollte sich ausheilen und dann abhauen von diesem unnatürlichen Ort, von Morgan und seinem Omega-Rudelführer mit dem Sohn, den er gerettet hatte. Irgendwo dort draußen waren immer noch andere Wölfe, das wusste Owen sehr genau. Nicht das ganze Rudel hatte Alexandria überfallen. Der anderen warteten irgendwo dort draußen auf ihn. Er könnte jederzeit zu ihnen zurück, das wusste er.

Doch Morgan vergewaltigte ihn nicht, Denise heilte ihn und erzählte ihm von ihrer Beziehung zu Tara als wären sie beide Freunde, Carl suchte ihn auf um sich zu bedanken und verbrachte manchmal ungefragt Zeit mit ihm, und Owen stellte fest, dass Alexandria sicher war. Dass er hier sicher war. Und beschloss doch ein wenig länger zu bleiben.

Und dann merkte er, dass Alexandria, wenn er wegginge, ungeschützt wäre. Dass Denise, Morgan, Carl, Rick, und all die anderen ohne ihn ungeschützt wären. Dass man ihn hier brauchte, dass Alexandria einen Wolf brauchte um es zu beschützen. Die Leute hier waren alle wie Morgan Jones, selbst die, die dachten sie wären hart wie Rick oder Carol oder der arme kleine Carl. Also blieb Owen in Alexandria um Alexandria zu beschützen. Vor jeder Gefahr, vor anderen Wölfen, vor Leuten wie ihm selbst.

Morgan war unübersehbar zufrieden mit dem, was er als Owens soziale Fortschritte bezeichnete. Owen war weniger begeistert über die Selbstzufriedenheit des anderen. Als ob dieser auch nur irgendetwas dazu beigetragen hätte, dass er sich entschlossen hatte hier zu bleiben. Oder dazu, dass er sich entschlossen hatte die Regeln zu achten.

Morgan und Rick waren kein Paar mehr. „Es ist besser so", behauptete Morgan, und Rick schien nicht eifersüchtig auf Owen zu sein, aber Owen hatte kein Interesse an Morgan Jones' Liebesleben, er hatte überhaupt kein Interesse an Morgan Jones. Ja, der Alpha war dämlich und auf sich alleine gestellt verloren, und irgendjemand musste auf ihn aufpassen, und das blieb nun da Rick offenbar genug von ihm hatte wohl Owen überlassen, aber sie waren ja nicht einmal Freunde, alles, was sie verband, war eine reine Geschäftsbeziehung.

Morgan hatte ihn einst verschont, zweimal, und dann noch einmal sein Leben gerettet, deswegen passte Owen jetzt auf ihn auf, das war alles. Mehr steckte nicht dahinter. Vielleicht war ja Morgan verliebt in Owen, aber nicht mal das glaubte der Wolf, denn immerhin rannte sein Alpha die meiste Zeit über Carol hinterher, aber Owen seinerseits sah in Morgan Jones nichts anderes als diesen Narren, auf den er Acht gab, weil er auf sich selbst nicht achtgeben konnte. Und er wusste es nicht zu schätzen, dass Carl und Rick und Denise ihn immer so ansahen als wäre er der Narr hier, wenn er etwas in diese Richtung erklärte.

Und dann tauchten die Erlöser auf, und Owen war beeindruckt, dass Rick offenbar vorhatte kurzen Prozess mit ihnen zu machen. Das war aber bevor er herausfand, dass offenbar niemand Hintergrundinformationen über die Erlöser gesammelt hatte, und Rick keine Ahnung hatte was er tat. Aber er hatte ja auch Owen in sein Rudel aufgenommen, also hätte das eigentlich von Anfang an klar sein sollen, nicht wahr?


IV.

Carl hätte niemals erwartet, dass sein Leben einmal so werden würde. Das Leben auf der Straße, in der ständigen Gefahr, an das hatte er sich gewöhnt. Beißer, aggressive feindliche Alphas, verrückte Betas, die seinen Vater umbringen wollten, das alles war er gewohnt. Kannibalen, die ihn und sein Rudel auffressen wollten, damit kam er klar. Doch das hier, das hier war neu, und er hasste es. Mehr noch als alles andere zuvor. Opfer, du bist ein hilfloses nutzloses Opfer geworden. Er wollte nicht glauben, dass es so war, doch er konnte sich nicht anders fühlen, konnte dem Gedanken nicht entkommen, dass das nun seine neue Rolle war. Alexandria hätte ihm Sicherheit vermitteln sollen, stattdessen hatte es ihm zum Opfer werden lassen. Fort war der Junge, der einst mutig genug gewesen war seine Mutter zu erlösen. Fort war der Junge, der Allen erschossen hatte um seinen Dad zu retten. Alles, was geblieben war, war der kleine hilflose Omega, der immer nur von allen benutzt wurde. Von Ron, von Negan, von jedem verdammten Alpha, den nichts Besseres einfiel. Ständig musste man ihn retten, Owen hatte ihn vor Ron retten müssen, Daryl und Jesus hatten ihn vor Negan retten müssen, Negan hatte ihn vor diesem halb-brünftigen Alpha gerettet, und jetzt erlaubte man ihn nicht einmal mitzukämpfen. Für seine eigene Freiheit einzustehen.

Der Moment, in dem Negan ihn eine Waffe in die Hand gedrückt hatte, hatte ihm das trügerische Gefühl vermittelt die Kontrolle zurückzuerhalten. Der Alpha hatte ihm genug vertraut um sich selbst und die schwangere Maggie zu beschützen, und das hatte Carl stolz gemacht, tief im Inneren berührt, ihn beruhigt und das Gefühl vermittelt ernst genommen zu werden. Doch dann war kein Feind in der Türe seiner Zelle aufgetaucht, sondern Daryl. Und das hätte eine gute Sache sein sollen, doch stattdessen hatte die Freiheit nur bitter geschmeckt. Sein Dad hatte ihn verlassen, kaum, dass sie wieder vereint worden waren, und dann hatte Michonne ihn zurückgelassen, war ohne ihn in den Krieg gezogen. Hatte ihn bei den Verletzten und der Verstärkung zurückgelassen.

Carl hasste es zurückgelassen zu werden, hasste es behandelt zu werden als wäre er Judith. Er war kein kleines Kind mehr. Verdammt noch mal, genau genommen war er erwachsen, genau das hatte doch dazu geführt, dass Ron ihn hatte Gewalt antun wollen! „Du weißt, was dein Vater dazu sagen würde", hatte Michonne gesagt, und Carl hätte sie am liebsten angeschrien: „Aber Dad ist nicht hier, nicht wahr?!" Doch geändert hätte es nichts an seiner Lage.

Er wusste, dass er nicht der einzige war, der frustriert war. Rosita musste den Kampf aussitzen, weil sie verletzt war. Maggie und Glenn waren zurückgeblieben, Eugene ebenfalls. Aaron trauerte noch um Eric. Gabriel kümmerte sich zusammen mit dem Doc um die Verletzten. Richard, der Alpha von Königs Ezekiels Leibwache, war auch nicht begeistert, dass er ebenfalls zurückgelassen worden war. Doch das änderte nichts daran, dass er sich nutzlos und wie ein Opfer fühlte. Maggie und Glenn versuchten ihn zu trösten, aber …. Nun es half nichts, dass sie ihn und seine Meinung nicht ernst nahmen.

Dad war losgezogen um Negan zu töten, und Carl hasste diesen Gedanken. Ja, er wusste, dass der Alpha verrückt und gefährlich war, dass er schuld daran war, dass sie Abraham verloren hatten, und er hatte nach wie vor ein wenig Angst vor ihm, aber trotzdem wollte Carl nicht, dass er starb. Er konnte es nicht einmal begründen, es war nur … es war nur wie damals mit Owen, er wollte einfach nicht, dass noch jemand sterben musste, er hatte einfach genug von all der Gewalt und dem Leid. Er wollte Frieden, für sie alle. Für Alexandria genauso wie für Negan und seine Leute. Und niemand schien das zu verstehen. Aber andererseits hatte niemand so viel Zeit mit Negan verbracht wie er. Niemand war von dem Alpha furchtbar unzureichend aber doch bemüht bemuttert geworden. Niemand anderen hier hatte Negan eine Waffe in die Hand gedrückt und darauf vertraut, dass er damit das Richtige tun würde.

Vielleicht war es nur dann möglich andere tot sehen zu wollen, wenn man sie als Monster sah. Vielleicht hörte es auf möglich zu sein, sobald man sie als Menschen sah. Die Erlöser waren auch nur Menschen. Wenn es damals falsch war Allen zu töten, warum ist es dann jetzt nicht falsch Negan zu töten? Natürlich wollte Carl kein Gefangener mehr sein. Er wollte nicht sein Leben lang als Geisel oder Leibeigener leben, aber es musste doch eine Möglichkeit geben sich zu einigen ohne Mord und Krieg. Hatten Mord und Krieg nicht erst dafür gesorgt, dass sie all den Ärger, in den sie jetzt steckten, bekommen hatten?

Nun, das waren seine Gedanken, aber sie interessierten niemanden. So wie er niemanden interessierte, nicht als Individuum zumindest. Er war nur als Omega interessant oder als Sohn von Rick Grimes, dem Rudelführer von Alexandria. Die einzige Person, die sich in letzter Zeit ehrlich für ihn als Individuum interessiert hatte, war Enid, und die war irgendwo in Alexandria, fern von ihm, fern von Glenn und Maggie, fern von diesem Krieg.

Vielleicht hatte Enid doch die richtige Idee gehabt, als sie weggelaufen war. Vielleicht war es naiv zu denken, dass man sich ein Leben aufbauen konnte, in einer Welt, in der sich niemand mehr für etwas anderes als seine eigenen Bedürfnisse interessierte und in der die nächste Katastrophe schon hinter der nächsten Weggabelung lauerte. Die Wahrheit war, dass Carl kein Ende sah. Nach dem Sieg über die Erlöser würde die nächste Katastrophe passieren, und dann die nächste, und dann die übernächste. Der nächste Feind würde aus den Schatten auftauchen, Menschen, die er liebte töten oder verstümmeln, seinen Dad die letzten Reste seines Verstandes abverlangen und ihn selbst traumatisiert zurücklassen. Wozu also kämpfen? Warum nicht einfach nur überleben, irgendwie, mit allen Kompromissen, die sein mussten? Eine ihrer Omegas an Negan verheiraten, warum nicht? Carl hatte zwar Angst vor dem Alpha und alleine dem Gedanken an Sex, aber er würde sich opfern, würde es tun, wenn es ausreichen würde, um ihnen allen eine Zukunft zu ermöglichen. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht mein Typ bist, mhm?, sagte Negan in seinen Kopf zu dieser Idee, und Carl verwarf diesen Gedanken, denn wozu über einen Frieden nachdenken, den es niemals geben würde? Soweit er wusste, war Negan inzwischen bereits tot.

„Sie kommen zurück!", hallte die Neuigkeit durchs Camp, und Carl machte sich bereit die Rückkehrer zu empfangen. Wie sich herausstellte kamen sie nicht alleine. Sie brachten Gefangene mit. Was nicht unbedingt auf allgemeine Begeisterung stieß, besonders nicht bei ihren Gastgebern, die es gar nicht gut fanden, dass die Erlöser erfuhren, wo sie wohnten.

„Ich kann nicht glauben, dass du so nachlässig warst, Cyndie!", schimpfte Beatrice.

„Ihre Augen wurden verbunden. Sie haben keine Ahnung, wo sie sich befinden. Ich habe alle notwendigen Vorkehrungen getroffen. Ganz abgesehen davon ist noch nicht klar, ob sie lebendig von hier wegkommen oder nicht", erwiderte Cyndie, was einen neuen Streit ausbrechen ließ, als Michonne wütend darauf hinwies, dass sie sich bereits darauf geeinigt hätten Gefangene nicht hinzurichten.

Michonne hatte kaum einen Gruß für Carl über. Genau wie Tara. Daryl und Carol waren nicht viel besser. Sasha umarmte ihn kurz, trieb dann aber die Gefangenen in eine Art abgesperrtes Gehege. Carl versuchte das alles nicht persönlich zu nehmen und sich nicht wie ein nach Aufmerksamkeit heischendes Kind zu benehmen, aber er konnte nicht anders als enttäuscht zu sein und sich unbeachtet zu fühlen. Die Gefangenen bekamen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als er. Es dachte nicht einmal jemand daran ihn eine der neu erbeutenden Waffen zu geben. Die, die er von Negan bekommen hatte, hatten sie ihn schon vor langer Zeit abgenommen, weil sie im Krieg gebraucht wurde. Und so musste er unbewaffnet durchkommen, unbewaffnet und alleine.

Konflikte waren vorprogrammiert. Richard, der Alpha aus dem Königreich, war immer noch wütend über den Tod seines Sohnes und war einer der stärkten Befürworter einer Hinrichtung der Gefangenen. Er schien sich nicht einmal mehr von seinem König etwas sagen lassen, doch es gelang seinen Kollegen Jerry und Dianna ihn zumindest im Moment davon abzuhalten seiner Wut freien Lauf zu lassen. „Dieser Richard wird noch ein Problem werden", hörte Carl Daryl sagen, und er war geneigt ihm zuzustimmen, nicht dass irgendjemand ihn nach seiner Meinung fragen würde.

Und dann, nicht besonders lange nach den anderen, kam noch eine Gruppe in ihrem Lager an. Es war Carls Dad, zusammen mit Shane und Andrea und Morgan und Owen, Enid und den zurückgebliebenen Bewohnern von Alexandria, und den restlichen Bewohnern des Königreichs und von Hilltop, wie es schien. Offenbar hatten die Erlöser ihre Wut den Heimatbasen ihre Feinde zugewandt.

„Eigentlich wollten wir uns in Hilltop verschanzen, aber nach euer Nachricht und euren Angriff fanden wir es klüger, wenn wir uns alle an einen Ort zurückziehen, den die Erlöser nicht finden können", erklärte Andrea, „Und es war gar nicht so einfach die Bewohner von Hilltop davon zu überzeugen mit uns zu kommen. Aber hier sind wir." Während Michonne Andrea umarmte, und Enid Maggie begrüßte, versuchte Carl sich zu seinem Dad und Shane durchzukämpfen und zu Judith, doch er erstarrte als er sah, wen die frisch angekommene Gruppe noch dabei hatte.

„Rick, verdammt ist das….!", rief Daryl in diesem Moment aus, „Warum ist der Scheißkerl noch am Leben und nicht in Ketten?!"

„Wir haben einen Deal mit ihm gemacht", erklärte Carls Dad, „Er hilft uns dabei Simon loszuwerden und die Erlöser wieder unter Kontrolle zu bekommen und ist nachdem das vorbei ist zu Verhandlungen bereit."

„Wir sind jetzt alle Freunde, Daryl", betonte die Person, um die es ging, und drehte sich dann zu Carl um. „Hi, Carl", meinte Negan erfreut, „Freut mich zu sehen, dass es dir gut geht, Kumpel!"

Er war unbewaffnet und wurde von Shane und Owen mit vorgehaltenen Waffen flankiert, aber trotzdem hatte Carl seinen Anblick noch niemals als so bedrohlich empfunden wie in diesem Augenblick, vielleicht wegen all der Selbstzufriedenheit, die er ausstrahlte und diesem siegessicheren Grinsen, das er zur Schau stellte, als er verkündete: „Ihr müsst euch keine Sorgen mehr machen, es wird alles gut werden."

Carl hatte sich so eine Lösung gewünscht, die ohne Mord und Totschlag auskam, ohne Krieg, doch als er Negan so ansah wurde ihm klar, dass die Lösung, die er sich wünschte, nicht diese hier sein würde. Oh nein, mit Sicherheit nicht.


A/N: Reviews?