Kapitel 17b
Donnerstag, 8. August 2002
Abend
Harry zappelte während des Abendessens herum und wünschte sich, anderswo zu sein. Um ihn herum benahmen sich alle seltsam, und nach dem Abendessen fand der ländliche Tanz statt. Er hatte sich vor fast jeder Tanzstunde gedrückt, daher hatte er keine Ahnung, wie er die Schritte tanzen sollte. Er hatte nicht vor, dort aufzutauchen und mit Mädchen zu tanzen, an denen er kein Interesse hatte.
Verdrießlich starrte er auf sein Roastbeef. Ron saß neben ihm, aber er und Romilda klebten inzwischen wie siamesische Zwillinge aneinander; Harry hatte sie zwei Tage oder länger nicht getrennt voneinander gesehen, und er war ziemlich sicher, dass Romilda jetzt sogar im Zimmer neben seinem schlief. Andererseits benahm sich Severus, als hätte ihm jemand einen gefrorenen Schürhaken in den Hintern geschoben. Er kam genau pünktlich zum Abendessen, und er beantwortete jeden Versuch einer Unterhaltung mit gelangweiltem Gleichmut. Hatte er mit Hermione gestritten oder was? Sogar Draco war den ganzen Tag geistesabwesend erschienen. Den größten Teil des Nachmittags hatte er für die Schauspielproben in Violets Vorzimmer eingesperrt verbracht, und Harry war zu einen Nachmittag lang zu Rasenspielen mit schwächeren Gegnern verdammt gewesen.
Das Abendessengeschirr wurde abgeräumt, und die Damen erhoben sich, um die Herren ihrem Port zu überlassen. Harry erwog seine Möglichkeiten. Es gab den Clubraum, wo er jemanden zum Kartenspielen finden konnte, oder das Billiardzimmer, obgleich er in diesem Spiel nicht gut war. Wenn er auf keine andere Art und Weise von den Leuten wegkommen konnte, konnte er sich in seinem Zimmer verbergen. Es war unwahrscheinlich, dass ihn dort jemand belästigte.
Draco erhob sich und ging ans andere Ende des Tischs, wo sein Vater und der Schulleiter sich unterhielten. Fast gegen seinen Willen folgte Harrys Blick dem anderen Zauberer. Wann hatte er angefangen, von ihm als Draco anstatt Malfoy oder das Frettchen zu denken? Er rutschte unbehaglich herum, und sein Verstand huschte vor der Frage davon.
Ein Elf schlich sich in die Große Halle, und Harry erkannte ihn als einen der Stallknechte aus dem Manor. Was in aller Welt hatte ein Stallelf in Hogwarts zu suchen? Draco sah den Elfen ebenfalls, und er ging zu dem winzigen Stallknecht hin. Nach einem kurzen Gespräch sah er zu Harry, und Harry wandte sofort seinen Blick ab. Verflixt, wenn Draco ihn so ansah, fühlte es sich an, als stünde Harrys Haut in Flammen.
„Ich sehe, dass du deine Tanzschuhe anhast", schnarrte Draco hinter ihm.
Harry schaute nach unten und sah, dass sie identische Schuhe trugen. „Du auch", gab er zurück.
Draco beugte sich nach vorn, legte seine Unterarme auf den Tisch und betrachtete Harry abschätzend. „Also, willst du hierbleiben und mit den Damen tanzen, oder würdest du lieber mit mir kommen, um zu sehen, wie Perses Fohlen zur Welt kommt?"
Augenblicklich war Harry auf den Füßen. „Was glaubt du wohl, Frettchen?"
~oo0oo~
Severus saß dünnlippig und schweigend da, während die Herren die Dekanter mit Port und Weinbrand herumgehen ließen und ihre Zigarren rauchten. Um ihn herum wurden Gespräche geführt, aber er war düsterer Stimmung, und Lucius wehrte ruhig jeden Versuch ab, ein Gespräch mit Severus zu beginnen, und lenkte die Aufmerksamkeit von der Unaufmerksamkeit des Schulleiters ab.
Dumbledores Portrait war zweifellos genauso verrückt, wie der alte Mann immer gewesen war. Dennoch ergaben die angeblichen magischen Eigenschaften der Karten auf verstörende Art und Weise einen Sinn, und Severus war zu glauben geneigt, was der alte Mann über sie geäußert hatte. Zu Lebzeiten hatte Dumbledore seinen Schachfiguren, von denen Severus eine gewesen war, ausgewählte Wahrheiten mitgeteilt, aber Dumbledore hatte Severus nie direkt angelogen.
Das Geschwätz über Seelengefährtinnen war dennoch gewaltiger Unfug, jedoch ähnelten Dumbledores Worte dazu, etwas für sich selbst zu tun – eine gute Sache in seinem Leben zu akzeptieren –, so sehr Potters Worten gegenüber Longbottom zum selben Thema, dass Severus dies sehr verstörend fand. Ihm schien, dass sein renitenter Verstand (Herz, insistierte sein innerer Teenager) gegen besseres Wissen – sogar gegen seinen Willen! – über die Möglichkeit einer … Tändelei mit Hermione Granger nachdachte.
Allein der Gedanke war lachhaft.
Als er jedoch die Große Halle betreten hatte, gerade bevor die Hauselfen das Essen zu servieren begannen, hatten ihre warmen braunen Augen sein Gesicht sofort gefunden, und das Lächeln, das sie ihm schenkte, hatte nur seinen Schritt an ihre Seite beschleunigt. Das Abendessen war eine Zwickmühle gewesen, sie mit dem Anschein von Desinteresse wegzustoßen, nur um durch ein Wort oder eine kleine Geste wieder zu ihr hingezogen zu werden, wenn seine Wachsamkeit nachließ. Konnte er die nächsten drei Tage ständig auf der Hut sein, bis sie aus seiner Domäne verschwunden war?
Wollte er das?
Schließlich hob er das Glas Port, das ihm Lucius in die Hand gedrückt hatte, und nahm einen großen Schluck. Er konnte dies tun – tun, was immer von ihm gefordert wurde – für Hogwarts.
~oo0oo~
Harry kniete neben Draco im frischen Stroh und beobachtete die Stute Persephone. Sie hatten ihre schicken Regency-Röcke in der Sattelkammer aufgehängt, ehe sie die große Box betraten. Perse hatte sich leicht nach einer Seite niedergelegt, und während Harry verwundert zusah, erschien mit einem Schwall Flüssigkeit ein gewölbter, gräulicher Beutel unterhalb ihres Schweifs. Harry fühlte sich deswegen ein wenig überempfindlich, aber Draco schien in Ordnung zu sein, daher tat Harry sein Bestes, die Haltung des anderen Mannes nachzuahmen.
Der Stallelf, Groats, blieb in der Nähe des Kopfes der Stute mit einer Hand an ihrem Halfter, während die andere ihren Hals streichelte, und er ihr zumurmelte. Draco gab Harry mit leiser Stimme ständig Kommentare.
„Das ist das Bein des Fohlen, es ist noch immer in der Fruchtblase", sagte er.
Harry schaute nervös über seine Schulter. „Kommt der Tierheiler?", fragte er.
Draco schüttelte den Kopf. „Wir können den Heiler per Flohnetzwerk rufen, wenn es Probleme gibt, aber dies ist nicht Perses erstes Fohlen. Normalerweise kommt der Heiler anschließend, um das Fohlen zu untersuchen."
Die Muskeln an den Flanken der Stute schienen sich zu kräuseln, und der vorstehende Teil wurde größer, begleitet von einem weiteren Schwall Flüssigkeit. Harry wischte seine schweißnassen Handflächen an seinen Kniehosen ab. „Sollten wir … ihr irgendwie helfen?", fragte er.
Die Stute wieherte leise, und Flüssigkeit trat aus ihr aus. Draco stand auf und näherte sich der Blase. Er schob die Membran beiseite, und Harry sah deutlich ein schwarzes, staksiges Pferdebein. Sein Mund öffnete sich – was ein ziemlich beängstigender, ekelhafter Ausstoß aus dem Inneren eine Tieres gewesen war, wurde plötzlich zu einem erkennbaren Körperteil. Es war erstaunlich.
„In Ordnung, Perse", sagte Draco und ergriff das dünne Bein. „Lass uns diesen kleinen Unbekannten nach draußen holen." Zu Harrys Entsetzen und Bewunderung begann Draco, an der Gliedmaße zu ziehen. Harry spürte ein Aufblitzen von Angst – was war, wenn Draco dem Babypferdchen das Bein ausriss? Oder die Mutter irgendwie verletzte? Aber mit einem weiteren Schwall Flüssigkeit wurde eine Masse schwarzen Fells aus dem Bauch der kastanienbraunen Stute ausgestoßen, und Harry sah ein winziges schwarzes Pferd im Stroh.
„Verdammt, Draco", flüsterte er, und das Gesicht des anderen Zauberers wandte sich Harry zu und war von der Freude des Augenblicks so schön, dass Harry den Schock der Anziehung spürte, als träfe ihn ein Klatscher in den Bauch.
„Ich weiß, okay?", fragte Draco und ließ sich aus der Hocke zurückfallen, um sich ins Stroh zu setzen.
Harry kroch näher, angezogen von einem plötzlichen Bedürfnis, Draco nahe zu sein. „Wie willst du ihn nennen?", fragte Harry, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Groats beim Untersuchen des Fohlens zuzusehen, und dem, Draco in Rückenlage zu ringen.
„Es ist ein Stutchen, Master Draco", informierte Groats.
Draco legte seine schmutzigen Arme auf seine aufgestellten Knie und sah zu Harry hin. „Dieses kleine Mädchen gehört Severus", teilte Draco ihm mit. „Er hat uns Apollyon zum Decken von dreien unserer Zuchtstuten ausgeliehen, und als Gegenleistung darf er sich eines der Fohlen aussuchen. Er sagte, er wolle Perses, daher wird er ihrem Fohlen einen Namen geben."
Harry wandte seinen Blick von Dracos Gesicht ab – hatte Draco bemerkt, dass er ihn angestarrt hatte? – und beschwor einen Eimer Wasser her.
„Wasch deine Arme", sagte er, zauberte auch noch ein Handtuch herbei und widerstand dem Drang, seinen Kopf in den Eimer zu stecken, um wieder zur Vernunft zu kommen.
Er war nicht sicher, ob er wieder zur Vernunft kommen wollte. Er fühlte sich zu gut, um davon zu lassen.
~oo0oo~
Unter den magisch heraufbeschworenen Leuchtern boten die Damen und Herren an diesem Abend einen bezaubernden Anblick, während sie die komplizierten Tänze der englischen Landbevölkerung aus dem neunzehnten Jahrhundert tanzten. Die Herren waren vornehm, die Damen farbenfroh und elegant, und die Musik ganz und gar authentisch für die Zeit. Es war ein Anblick, der das Herz eines jeden Liebhabers von Regency-Romantik erfreute, und Hermione war entzückt.
Beim Abendessen hatte sich Severus seltsam benommen, fast, als wolle er sich von ihr distanzieren, aber nachdem die Herren sich wieder zu den Damen im Salon gesellt hatten, schien ihr vorheriges Einvernehmen wiederhergestellt. Er tanzte mit ihr und spielte bewundernswert seinen Part, und wenn andere Herren sie um einen Tanz fragten, bat er sehr korrekt eine andere Dame, mit ihm zu tanzen.
Hermione freute sich jedoch sehr auf den letzten Tanz des Abends, einen Walzer. Zwei volle Tage lang war sie nicht in Severus' Armen gewesen, und sie war voller Erwartung, dies wieder zu erleben. Sie hoffte, er würde keine andere Dame um den letzten Tanz bitten.
~oo0oo~
An diesem Abend sah Leticia Mortelle atemberaubend aus. Das raffiniert drapierte Abendkleid aus irisierendem, silberfarbenen Stoff unterschied sich von den Kleidern aller anderen anwesenden Damen – kurz gesagt, sie sah wie eine griechische Göttin aus, und Lucius konnte kaum die Augen von ihr abwenden. Sie hatte ihn schlimm geneckt mit … dem vielversprechenden Geplänkel um die Reitgerte – hatte ihn mit Küssen zu anscheinend willkürlichen Zeitpunkten an köstlich abgeschiedenen und gewagt öffentlichen Plätzen in den Wahnsinn getrieben –, und heute Abend schenkte sie vielen anderen Männern ihre Gunst beim ländlichen Tanzabend. Aber Leticia hatte ihm den Walzer versprochen, und er hatte vor, ihn zu bekommen.
Als es Zeit dafür war, führte er sie auf die Tanzfläche, und sie sah ihn mit ihren saphirblauen, strahlenden Augen neckend, aber mit dennoch stets präsenter Zurückhaltung verführerisch an. Trotz seine Entschlossenheit, gelassen zu bleiben, trieb ihn ihr peinigendes Verhalten zu einer leidenschaftlichen Rede.
„Leticia, ich habe mein Herz wie ein offenes Buch vor Sie gelegt. Sagen Sie mir jetzt, ob ich Grund zu hoffen habe!"
Ihr Blick konzentrierte sich auf einen Punkt jenseits seiner Schulter, und einen Moment lang dachte er, sie gäbe keine Antwort. Aber nach einer Weile sagte sie, „Ich freue mich sehr auf die Jagd morgen."
Lucius war vor Frustration sprachlos. Hatte sie ihn nicht verstanden? Aber dann trafen ihre Augen seine wieder, und er wusste es besser.
„Also werden Sie mir dann antworten?", fragte er und zog sie dichter an sich, während seine Stimme vor Gefühl tiefer wurde.
Die Hand auf seiner Schulter glitt nach oben unter sein Haar, und als ihre Finger sein Genick berührten, stöhnte er beinahe laut.
„Es ist mir ganz unmöglich, über ein Thema außerhalb des Rahmens unserer Jagd nachzudenken", erklärte sie und schaffte es, dies alles provokativer klingen zu lassen, als es sollte.
„Was ist die Jagd im Vergleich zu einem langen, gemeinsamen Leben?", fragte er heiser.
Die Hand unter seinem Haar kniff sacht in sein Genick. „Aber mein Lieber, wie könnte ich wohl den Mann abweisen, der den Jagdsnitch fängt?"
Lucius schluckte. Der Jagdsnitch war nicht das Jagdobjekt; er legte die Fährte, der die Hunde folgten, dann fand er seinen Weg zurück in das Kästchen, aus dem er losgeschickt worden war. Ihn zu fangen war keinesfalls ein unmögliches Kunststück. Der Zweck des Jagdsnitches war, eine Substanz auf dem Grund zu verteilen, daher flog er nicht in großer Höhe wie ein Quidditchsnitch. Dennoch war er winzig und zu Pferd bekanntermaßen schwierig zu erhaschen.
Der Tanz endete, und währenddessen durchströmte ihn Sicherheit, genährt von der Entschlossenheit, den Preis zu erlangen, den er nun in den Armen hielt. Er sah ihr tief in die Augen, die fast fragend aussahen – zweifelte sie an ihm? –, und ein sachter Versuch von Legilimentik traf auf solide Okklumentik. Zuversichtlich vor Gefühl, das nur Liebe sein konnte, hob er die Hand, die er hielt, an seine Lippen.
„Aber natürlich, mein Liebling", schnurrte er und beobachtete entzückt, wie ihre Augen sich weiteten. „Von meiner Göttin erwarte ich keine geringere Herausforderung. Ist schon so gut wie erledigt."
~oo0oo~
Hermione hätte sich nicht sorgen müssen, denn Severus wich in den Momenten vor dem Walzer nicht von ihrer Seite, und sie glaubte sogar, dass er einen anderen Mann mit einem Blick seiner Wege geschickt hatte. Mit einer Hand auf ihrer Taille führte er sie auf die Tanzfläche, seine andere Hand hielt ihre, und sie sah arglos in sein Gesicht hinauf. Schienen seine Augen wachsam? Oder missverstand sie ihn? Es fiel ihr so sehr schwer, sicher zu sein.
Die Musik setzte ein, und sie bewegten sich miteinander, genau wie sie es unter der Anleitung von Minerva McGonagall geübt hatten. Hermione hatte die Vorstellung, dass es viele verschiedene Wege gab – Listen, die zu lernen sie sich nie bemüht hatte –, einen Mann wissen zu lassen, dass man mit ihm alleine zu sein wünschte, aber sie kannte nur einen Weg, dies zu kommunizieren.
„Severus", sagte sie, und er neigte leicht den Kopf, als wolle er zeigen, dass er ihr zuhörte. Sie musste lächeln, denn er hatte außerdem eine fragende Braue gehoben. Ein Nerv zuckte in seinem Mundwinkel, als hätte er beinahe gelächelt, sich aber rechtzeitig beherrscht. „Möchten Sie heute Abend gern in mein Zimmer mitkommen?"
Sein Gesichtsausdruck wechselte undefinierbar, aber definitiv. „Nein, Hermione, das möchte ich nicht."
Sie fühlte sich leicht verlegen. „Ich dachte nur, es wäre einfacher, sich im selben Raum zu unterhalten statt durch die Wand", sagte sie und betrachtete dabei eher seine Krawatte statt seines Gesichts.
„Wir sollten alles, was wir sagen möchten, aussprechen, ehe wir gute Nacht sagen", antwortete er in neutralem Ton.
Sie spähte wieder auf sein Gesicht, denn er erschien ihr etwas weniger distanziert als noch einen Augenblick zuvor.
„Am Morgen findet die zweite Jagd statt, wie Sie wissen", fuhr er fort, „und für diesen Ritt werden Sie ausgeruht sein wollen."
Hermione biss sich auf die Lippe, und es schien ihr, als sei er besonders an der Bewegung ihres Mundes interessiert. „Werden Sie bei dieser Jagd mit mir reiten?", fragte sie.
Seine dunklen Augen – ich kann die Iris nicht vom Schwarz seiner Pupillen unterscheiden, dachte sie vage – glitten träge von ihrem Mund zu ihren Augen. „Vielleicht werde ich das", sagte er.
… Wenn du ein braves Mädchen bist, hörte sie, obwohl er die Worte sicher nicht aussprach. Nein, aber seine Hand legte sich fester auf ihre Taille, und falls das möglich war, schien sein Blick noch intensiver zu werden. Als Antwort fiel ihr kein vernünftiger Gedanke ein, aber sie war sicher, dass er sie den Rest des Walzers enger an sich drückte, und ganz sicher sahen sie nicht voneinander weg, bis die Musik endete.
~oo0oo~
Draco nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche Feuerwhisky, die er aus Horologium Blacks Büro hatte mitgehen lassen, und reichte sie an Harry weiter. Sie lehnten an der Wand der Box, während sie im Stroh saßen, und beobachteten, wie das winzige Rappfohlen auf seinen wackeligen, unglaublich zerbrechlichen Beinen an den Zitzen seiner Mutter trank. Der kleine Stallknecht hatte es den Pferden bequem gemacht und war zu Bett gegangen.
„Groats kennt sich mit Pferden aus", erzählte Draco Harry. „Er wurde in den Ställen aufgezgen, wie die Hauselfen im Haus aufgezogen werden." Nach einem Moment sagte er, „Die Stallelfen haben es wirklich besser."
Harry nickte, aber er sprach nicht. Er besaß einiges Insiderwissen über das Leben eines Malfoy Hauselfen.
Draco nahm die Flasche, als Harry sie wieder zurückgab. „Vater hat kaum jemals schlechte Laune, wenn er sich in den Ställen aufhält", sagte Draco mit einem leichten Hauch von Bitterkeit. „Würde die Pferde nicht stören wollen, nicht wahr?"
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte sich Dracos Leben komfortabel und leicht vorgestellt. Dracos beide Eltern liebten ihn; das wusste Harry genau – er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich in der Schlacht von Hogwarts verhalten hatten. Aber es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Draco nicht dieselbe Einstellung wie sein Vater gegenüber den Dienstboten haben mochte.
Draco wandte den Kopf um, und Harry fühlte Dracos konzentrierten Blick auf sich wie Wärme auf seiner Haut. Es wusste, es war feige, sich nicht umzudrehen und Draco ins Gesicht zu sehen, aber er hatte Angst, was passieren mochte, wenn er Draco in die Augen schaute. Sein Herz schlug jetzt bereits zu schnell.
„Die Hauselfen haben mich praktisch aufgezogen", sagte Draco ruhig. „Mutter und Vater waren gesellschaftlich sehr beschäftigt. Daher waren die Elfen meine Gefährten und meine Spielkameraden, als ich klein war." Draco lachte, ein erdiger, sexy Klang, und Harry spürte, wie das Haar sich in seinem Nacken aufstellte. „Dobby war jedoch der Tapferste von ihnen – er war besonders. Immer, wenn ich etwas zerbrach oder meine Kleidung beschmutzte, und Mutter oder Vater fanden es heraus, ehe einer der Hauselfen es richten konnte, nahm Dobby die Schuld auf sich."
Die letzten paar Worte endeten in einem etwas zittrigen Ton, und Harry war bewegt, sodass er seinem Begleiter das Gesicht zuwandte – aber Dracos Aufmerksamkeit lag auf seinen Händen. Harry dachte, dass Dracos Augen etwas übermäßig hell aussahen.
„Dobby war großartig", sagte Harry eilig, um die Stille auszufüllen. „Natürlich hat er mich jedes Mal beinahe umgebracht, wenn er mich retten wollte."
Draco ließ noch ein leises Lachen hören, aber dieses hörte sich eher dünn und wässrig an. „Er dachte, dass du großartig bist", sagte Draco, und seine Stimme hörte sich kratzig an. „Manchmal habe ich ihn in Hogwarts gesehen – er hat mehr über dich als sonst irgendetwas gesprochen."
Harry fühlte einen Strudel von Verwirrung in sich: den Schmerz des Jungen, der seinen liebsten Betreuer verloren hatte, die Trauer in den Erinnerungen des Mannes und seinen eigenen, plötzlich überwältigenden Wunsch, den schönen, peinigenden Draco Malfoy in seine Arme zu nehmen und ihn irgendwie zu trösten. Er sprang auf die Füße, und Draco sah überrascht zu ihm auf.
„Komm schon", sagte Harry und streckte Draco eine Hand hin, um ihn hochzuziehen.
Draco ließ sich von Harry auf die Füße ziehen. Seine Wimpern waren feucht von ungeweinten Tränen, und seine Augen – diese verdammt verführerischen Augen – hatten die Farbe wabernden Rauches. Auch wenn er größer als Harry war, fühlte sich Harry in diesem Augenblick stärker – mächtiger. Ohne eine Erklärung legte er seine Arme um Dracos Oberkörper und disapparierte.
Harry wappnete sich bei der Ankunft, bereit, Draco zu stabilisieren, der keine Tandem-Apparation erwartet hatte. Die Luft war würzig von Salz, und unter dem Mond – ein Tag nach Vollmond – war es möglich, die Gischt des Ozeans zu sehen, der unerbittlich gegen die felsige Küste brandete. Draco erlangte seine Balance wieder und stieß sich von Harry ab.
„Was tust du, Potter?", fragte er, und obgleich Draco sich ärgerlich anhörte, vernahm Harry die Angst hinter dem Gepolter – die Unsicherheit.
Er streckte die Hand aus und nahm Dracos Hand in seine. „Komm mit mir", sagte er.
Und überraschenderweise zog Draco nicht davon oder stritt mit ihm; stattdessen überließ er Harry die Führung am Cliff entlang Richtung der Silhouette eines Cottages. Harry sah Licht im oberen Geschoss, während das Erdgeschoss dunkel war. Ein Mann ging am Fenster vorbei, dann wandte er sich um und ging wieder in die andere Richtung vorbei und drückte dabei ein Bündel an seine Schulter, das einem Kartoffelsack sehr ähnelte.
„Wer ist das?", fragte Draco.
„Bill Weasley", antwortete Harry. „Er trägt das Baby herum, Dominique."
„Wo sind wir?"
„Shell Cottage", teilt Harry ihm mit, und zwischen den Büschen am Ende des Gartens blieben sie stehen. Harry ließ Dracos Hand los und ging in die Hocke, um das wilde Gras wegzuziehen, das dort um den großen, weißen Felsbrocken herum wuchs. „Lumos", murmelte er, und die Schrift auf dem Felsen wurde sichtbar.
HIER LIEGT DOBBY, EIN FREIER ELF
Draco stieß ein würgendes Schluchzen hervor, und Harry zog den anderen Mann in seine Arme. Draco wehrte sich nicht, sondern barg sein Gesicht an Harrys Hals, und Harry wiegte Draco sacht in seinen Armen, genau wie Bill seine Tochter hinter den Cottagemauern wiegte. Harry begann, Draco ins Ohr zu sprechen, während er das weißblonde Haar aus Dracos Gesicht strich.
„Er brachte uns aus eurem Salon direkt hierher, mich und Griphook, den Kobold. Zuerst hatte ich nicht kapiert, dass etwas nicht stimmte. Aber ich fragte ihn, ob wir am richtigen Ort seien, und er antwortete mir nicht – das sah ihm gar nicht ähnlich. Dann sah ich ihn an, und ich sah den Griff des Messers deiner Tante, das in seiner Brust steckte." Draco klammerte sich an Harry, und seine Trauer schüttelte ihn. „Da war Blut, und er streckte die Arme nach mir aus, als könne ich ihn retten." Harry spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte, als er sich des Grauens erinnerte, aber er zwang sich, trotz des Kloßes in seinem Hals weiterzusprechen. „Ich legte ihn auf der Erde nieder und bat ihn, nicht zu sterben. Er sagte meinen Namen, und dann starb er."
Dort am Ende der Welt neben dem Ozen hielten sie einander; die beiden jungen Zauberer teilten ihren Schmerz und schämten sich nicht ihrer Tränen und ihrer Liebe zu einer Kreatur, deren Herz so viel größer gewesen war als der zerbrechliche Körper, in dem es geschlagen hatte.
Harry holte japsend zweimal tief Luft, und Draco richtete sich ein wenig auf. „Ich habe sein Grab mit einem Spaten gegraben", sagte Harry. „Irgendwie erschien es wichtig, das für ihn zu tun. Nach einer Weile kam Ron und half mir. Wir wickelten ihn in meine Jacke, und Ron zog seine Schuhe und Socken aus und zog sie Dobby an. Luna schloss ihm die Augen, und wir alle sagten etwas über ihn – dankten ihm, weißt du?"
Draco nickte verstehend, zog sein Taschentuch aus seiner Tasche und begann, Harrys Wangen abzutrocknen. All das wusste ich nicht", sagte er. „Nur, dass er starb. Ich … ich werde mich Weasley gegenüber anständig betragen müssen, verdammt."
Harry brachte ein schwaches Lächeln zustande, und er nahm Draco das Taschentuch aus der Hand, um sich zu revanchieren und die Wangen über dem spitzen Kinn zu trocknen – das Gesicht, das ihm innerhalb weniger Tage unglaublich ans Herz gewachsen war.
Draco legte eine Faust um Harrys Handgelenk, um die Trocknungsaktivitäten zu stoppen, und er trat näher zu Harry und zog dessen Arm um seine Taille. „Wappne dich", sagte Draco grimmig, „weil ich dich gleich küssen werde, ob dir das gefällt oder nicht."
Harry war nicht gewillt, Draco die Oberhand zu lassen. Mit der Finesse des wahren Kämpfers legte er seine freie Hand in das glatte, blonde Haar und zog Draco in einen schrecklich unbeholfenen Kuss.
Sie rangen miteinander, als stünde eine Partie Blind-Badminton auf dem Spiel, und schnell hatten sie sich sortiert.
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Severus zögerte es hinaus, Hermione zu ihrem Zimmer zu begleiten, bis die Treppen frei von anderen Gästen waren. Sie standen an der Tür der Großen Halle und verabschiedeten jeden Gast, ehe sie begannen, in den achten Stock hinaufzusteigen. Er wusste nicht, was er wollte – was er dachte –, wie er sich das Ende des Abends vorstellte. Eiskalte Vernunft hatte seine Antwort auf ihre Einladung in ihr Zimmer gesteuert, aber nachdem er sie in den Armen gehalten hatte, nachdem ihre großen, aufrichtigen Augen – genau in der Farbe warmen Honigs – ihm ungekünstelt ins Gesicht gesehen hatten, wollte er sie mindestens gegen ihre Zimmertür drücken und die Süße ihres Mundes kosten.
Während sie aufwärts gingen, war sie nicht gesprächig, aber wenn er ihr ins Gesicht sah, erwiderte sie furchtlos seinen Blick, und die Spannung zwischen ihnen intensivierte sich.
Guter Gott. Er wollte ihr durch ihre Schlafzimmertür folgen, aber er wusste, wenn er das tat, war die Wahrscheinlichkeit, dass er vor dem Morgen wieder herauskam … nicht groß.
Ehe er dazu in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen, standen sie einmal mehr vor ihrer Tür, und sein Entschluss fiel mehr und mehr von ihm ab. Sie hob ihr Kinn, ihre provokativen Lippen öffneten sich, und ihre warmer-Honig-Augen luden zu allem und jedem ein, das durch seinen zuchtlosen Verstand wanderte.
„Hermione?"
Severus trat hastig einen Schritt von ihr weg, ehe er sich umdrehte, um zu sehen, wer nach ihr rief.
„Harry!"
Sie hastete den Korridor hinunter zu Potter, der keine Jacke trug, und dessen Kleidung ein zerknittertes, fleckiges Chaos war. Sein Gesicht war rot und fleckig, als habe er geweint. Severus war einen halben Schritt hinter Hermione, als sie zu ihrem Freund eilte.
„Bist du okay?", rief sie, als sie bei ihm war.
Potter sah zuerst auf Severus, dann auf Hermione und nickte. „Ja, aber …" Er sah wieder zu Severus. „Ich muss wirklich mit Hermione reden …"
Severus nickte. „Natürlich. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Miss Granger."
Sie wandte sich zu ihm um, und er dachte, dass sie ihn flehend ansah. „Gute Nacht, Sir", sagte sie, als sei sie sich Potters Augen auf ihnen bewusst. „Ich hoffe, Sie schlafen heute Nacht gut."
Severus verbeugte sich vor ihr, dann ging er von ihnen weg und fühlte, wie mit jedem Schritt, den er sich von Hermione Granger entfernte, seine Zurechungsfähigkeit wieder zurückkehrte.
~oo0oo~
Anmerkung der Autorin
Das Geburtsdatum von Dominique Weasley wurde von der Autorin willkürlich gewählt.
