Schiefe Optik
I.
Es kam nicht jeden Tag vor, dass Rick Grimes bei einem zu Hause vorstellig wurde. Nachdem Aaron derjenige war, der Rick nach Alexandria gebracht hatte, hatte er zuerst versucht den Omega und sein Rudel zu unterstützen, wo er nur konnte; dann, als sich die Zwischenfälle um die Neuankömmlinge herum gehäuft hatten und Deanna ihn von Gabriels Behauptung erzählt hatte, hatte er begonnen daran zu zweifeln, ob es klug gewesen war Rick und die Seinen mit in sein Nest zu nehmen; und dann wiederum hatte der unermüdliche Einsatz der Neuankömmlinge für ihre Gemeinschaft ihn davon überzeugt, dass es nicht nur richtig sondern auch wichtig gewesen war, dass er diese Gruppe nach Alexandria geholt hatte. Rick und seine Leuten hatten den Durchblick, soviel war klar. Er selbst hingegen, er war der, der seine Heimat immer neuen Gefahren aussetzte, immerhin hatte seine Nachlässigkeit die Wölfe hierher gelockt. Und er wollte nicht mehr nachlässig sein, wollte sich bessern, wollte jemand werden, auf den man sich verlassen konnte.
Alles in allem war er der Meinung, dass seine Beziehung zu Rick Grimes eine relativ gute war. Rick schien seine Bemühungen sich verbessern zu wollen zur Kenntnis zu nehmen und seine Freundschaft mit Daryl zu schätzen zu wissen. Trotzdem standen sie sich nicht unbedingt nahe. Zumindest dachte Aaron das, bis Rick Grimes bei ihm zu Hause auftauchte.
„Ähm, Daryl ist nicht hier", lautete Aarons erste Reaktion auf seinen Gast, auf die er, wenn er offen war, auch nicht besonders stolz war.
„Ja, ich weiß", erwiderte Rick, „Ich wollte eigentlich auch dich besuchen."
Diese Ankündigung verwunderte Aaron und machte ihn ein bisschen nervös, aber er trat zur Seite und ließ den anderen Omega herein. Der sah sich suchend um. „Ist Eric da?"
„Nein, er ist bei Denise", erklärte Aaron, „Kann ich dir was anbieten?"
„Etwas zu trinken vielleicht", meinte Rick, und Aaron brachte ihm einen ihrer kostbaren selten gefundenen Softdrinks. Danach setzten sie sich zusammen an den Esstisch und schwiegen sich an. Aaron hatte keine Ahnung, was er von diesem Besuch halten sollte, aber er wollte höflich bleiben und geduldig. Rick würde nicht einfach so auftauchen, wenn er keinen guten Grund dafür hätte.
„Ich wollte sicher gehen, dass du kein Problem mit unsere neuesten … Gast hast", sagte Rick schließlich.
„Mit Owen? Nein, ich habe kein Problem mit Owen. Ich weiß, dass andere das anders sehen, aber obwohl er ein Wolf war, war er offensichtlich das Opfer der anderen Wölfe, also finde ich es gut, dass du und Morgan euch dafür eingesetzt habt, dass er bleiben kann", erwiderte Aaron. Er fand es auch gut, dass Rick nicht einfach nur verfügt hatte, dass Owen in Alexandria bleiben würde, sondern um die Zustimmung der anderen Bewohner von Alexandria gekämpft hatte.
Nach Deannas Ableben war er nun ihr neuer Anführer, er hätte einfach befehlen können, dass sie sich mit dem Wolf in ihrer Mitte abzufinden hatten, doch das hatte er nicht, er hatte Gegenargumente akzeptiert und entkräftet. Es gab zwar immer noch Leute, wie etwa Spencer Monroe, die nicht glücklich mit Ricks neuer Machtposition waren, doch die Mehrzahl der Alexandrianer hatte ihn inzwischen als ihren Anführer akzeptiert, und das empfand Aaron als gute Entwicklung.
„Ja, Morgan setzt sich sehr für Owen ein. Hat ihn als Omega angenommen, kümmert sich um ihn", stimmte Rick ihm zu und ah ja, daher wehte der Wind. Aaron hatte allerdings keine Ahnung, warum Rick mit seinen Beziehungsproblemen zu ihm kam und nicht etwa zu jemanden aus seinem Rudel. Aber er würde sich nicht beschweren, er war immer bereit neue Freunde anzunehmen und anderen als offenes Ohr zu dienen, das war nun mal seine Art.
„Alphas können einen Omega und einen Omega haben. Das eine bedroht das andere nicht", meinte er also.
„In diesem Fall sollte es das aber vielleicht. In diesem Fall wäre es vielleicht besser, wenn dieser Alpha nur noch eine Omega hat. Morgan ist zu nett um es zuzugeben, aber das würde er bevorzugen", meinte Rick leise.
„Das glaube ich wirklich nicht. Jeder kann sehen, wie wichtig du ihm bist", protestierte Aaron pflichtschuldig.
„Weil er etwas in mir sieht, das nicht mehr da ist. Jemanden, der nicht mehr da ist", widersprach Rick, „Es ist nicht … Er sieht Owen an und sieht genau, wen er vor sich hat, und das stört ihn nicht. Aber wenn er mich ansieht, sieht er das Eine, bekommt dann aber das Andere. Und ich weiß nicht …. Ich weiß nicht, wie ich es reparieren soll. Alphas haben Bedürfnisse. Bedürfnisse, die ich im Moment nicht erfüllen kann, und Morgan ist zu sehr Gentleman um irgendetwas zu sagen, aber er könnte jemanden haben, der ihm geben kann, was ich nicht kann. Sollte er dann nicht lieber mit dieser Person zusammen sein als mit mir? Ich weiß, dass Daryl dir gesagt hat was mit passiert ist. Pete Anderson hat es erwähnt."
„Moment, warte mal", unterbrach Aaron den anderen, „So ist das nicht gewesen. Daryl hat mir nichts gesagt, das deine Privatsphäre in irgendeiner Hinsicht verletzen würde. Er hat sich nur Sorgen gemacht und wollte, dass du dich von einem Arzt ansehen lässt, und hat meine Meinung über Pete eingeholt. Und ich habe nur angeregt, dass du vielleicht nicht freiwillig zu einem Alpha-Arzt gehen würdest. Ich würde niemals…"
„Das weiß ich doch", warf Rick ein, „Und ich weiß, dass Daryl nie etwas zu dir gesagt hätte, wenn nicht…" Er unterbrach sich. Ja, wenn nicht. Wer sagte, dass es nach der Apokalypse keine Selbsthilfegruppen mehr gab? Aaron verstand jetzt, warum Rick ausgerechnet zu ihm gekommen war.
„Jeder wusste es damals. Ich habe das gehasst. Dass mich jeder angesehen hat und wusste, was mir passiert ist. Ich fand, dass es niemanden etwas angeht", meinte Aaron sanft, „Aber ich habe gelernt, dass es gut war, dass es ein paar Personen gab, die es wussten. Dass es ein paar Personen gab, die es wissen mussten. Eric und ich haben uns in einer Selbsthilfegruppe kennengelernt, wusstest du das? Und das war gut so, denn so hatten wir von Anfang an keine Geheimnisse voreinander. Hast du Morgan jemals gesagt, was dir passiert ist?"
Rick schüttelte stumm den Kopf. „Denkst du nicht, dass du das vielleicht tun solltest?", wollte Aaron dann wissen, „Dass das die bessere Lösung wäre als einfach wegzulaufen?"
Rick erwiderte darauf nichts. „Er hätte Verständnis, er hätte Geduld, das weiß ich, aber ich würde mich trotzdem schuldig fühlen", gab er dann zu, „Morgan ist Morgan, aber er ist trotzdem immer noch ein Alpha. Er ist nicht wie wir. Er hat Bedürfnisse, alle Alphas haben die. Ich weiß nicht wie … Daryl hat Carol erlaubt sich zu holen, was sie braucht und er ihr nicht geben kann, aber ich kann das nicht, ich kann nicht teilen. Und natürlich würde er sagen, dass er ohne leben kann und seine Hand sein bester Freund ist und all das, aber ein Teil von mir würde ihm nie glauben."
Aaron nickte verständnisvoll. „Ich weiß, dass das nicht das ist, was du hören willst, aber aus eigener Erfahrung und der von anderen weiß ich, dass es Jahre dauern kann, bis du soweit bist dich wieder normal zu fühlen und eine gesunde Beziehung zu einem anderen aufbauen zu können, mit allem, was dazu gehört", sagte er dann, „Und das ist vollkommen normal."
Rick ließ den Kopf hängen. „Deswegen würde dir ein Therapeut jetzt wohl auch raten darüber nachzudenken, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist eine neue Beziehung einzugehen", fuhr Aaron fort, „Und dir empfehlen dich auf deine Bedürfnisse und nicht auf die anderer zu konzentrieren."
„Ich bin Vater und Rudelführer. Das ist keine Option", meinte Rick dazu.
„Das ist etwas anderes. Und das weißt du auch. Ich habe von anderen Bedürfnissen gesprochen. Du hast es mir selbst gerade gesagt. Es stresst dich auch nur daran zu denken, dass du Morgan etwas verweigerst, was er brauchen könnte. Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass das der Fall ist, aber ich bin nie mit Alphas ausgegangen und kenne Morgan kaum. Ich persönlich finde, du solltest mit ihm reden, ihm deine Lage erklären, ihm eine Chance geben auf dich zu warten. Aber letztlich gibt es nur eine Person, die weiß, was das Beste für dich im Moment ist, und diese Person bist du selbst. Aber wenn du dich dazu entschließt zu beenden, was ihr habt, dann sei zu dir selbst und zu Morgan ehrlich darüber warum du es tust und schieb es nicht auf einen anderen Omega, der ihm geben könnte, was du nicht kannst. Einen anderen Omega, der von einem ganzen Haufen Alphas über eine sehr lange Zeitspanne hinweg misshandelt und missbraucht wurde, und daher vermutlich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie du. Sei dir also nicht so sicher, dass du, wenn das Feld räumst, Morgan eine Partnerschaft ermöglichst, die ihm mehr verspricht als eine Partnerschaft mit dir", schloss Aaron und stellte fest, dass er sich regelrecht professionell anhörte. All die Jahre der Therapie und Selbsthilfegruppen hatten sich scheinbar doch ausgezahlt.
Rick seufzte. „Ich weiß eigentlich nicht, warum ich mit all dem zu dir gekommen bin. Tut mir leid", ließ er sich dann vernehmen.
„Doch das weißt du", widersprach Aaron, „Und es ehrt mich, dass du mir genug vertraust um damit zu mir zu kommen. Und es ist in Ordnung, okay? Keiner hat durchgemacht, was du durchgemacht hast, aber du wolltest mit jemanden sprechen, von dem du denkst, dass er es trotzdem verstehen kann. Das ist vollkommen natürlich. Du kannst jederzeit zu mir kommen, Rick."
Rick sah auf und blickte Aaron an. „Ich weiß, ich war nicht fair zu dir als wir uns kennengelernt haben. Und jetzt, wo ich weiß, dass…"
„Vergiss es. Das war damals meine Schuld, nicht deine. Und es ist ewig her", würgte Aaron ihn ab, „Und woher hättest du wissen sollen, wen du vor dir hast? Es war irgendwie sogar schmeichelhaft zur Abwechslung einmal als Bedrohung und nicht nur als Opfer oder als Freak angesehen zu werden."
„Du bist kein Freak, Aaron", erklärte Rick überzeugt, „Du bist einer der besten Männer, die ich kenne."
Aaron spürte wie er errötete. „Das kann ich nur zurückgeben", murmelte er.
„Nein, ich meine es ernst. Du bist Daryl ein Freund gewesen, obwohl du ihn kaum kennst und hast ihn aus seinem Schneckenhaus herausgeholt. Und du hast uns alle gerettet, indem du uns hierher gebracht hast. Du hast Judith und Carl gerettet. Du hast mich gerettet. Ich glaube, ich beginne jetzt erst langsam zu begreifen wie wahr das ist. Und du glaubst immer nur an das Gute in den Menschen, was ich bewundere", meinte Rick, „Du willst in jedem das Beste sehen und jedem helfen. Das ist selten, du hast ja keine Ahnung wie selten es ist."
„Ich … Danke, schätze ich", murmelte Aaron.
„Nein, ich danke dir", betonte Rick, „Ich wusste einfach nicht wie es weitergehen soll, aber jetzt weiß ich es. Ich werde mit Morgan reden, und wir werden gemeinsam eine Lösung finden. Wie auch immer die aussehen mag. Danke, dass du mir zugehört hast."
Aaron nickte. „Wie immer das hier ausgeht, Rick, denk daran, dass du nicht alleine bist. Du hast dein Rudel. Und deine Nachbarn. Wir achten aufeinander", erklärte er.
„Deanna wollte, dass ganz Alexandria mein Rudel wird. Und ich will das auch", sagte Rick, „Nicht nur weil sie es wollte, sondern weil es so sein sollte. Also ja, du hast recht, wir achten aufeinander. Wir alle."
Rick verabschiedete sich, und Eric kam gerade noch rechtzeitig zurück um ihn ihr Haus verlassen zu sehen. „Rick Grimes alleine bei dir? Muss ich mir Sorgen machen, dass du eine leidenschaftliche Affäre hinter meinem Rücken hast?", spottete Eric, was Aaron wieder zum erröten brachte. Ja, natürlich war Rick sehr gut aussehend, und tapfer und … Aber nein, solche Gedanken waren nicht einmal im Ansatz angebracht.
„Ich habe etwas Besseres. Ich habe einen neuen Freund gewonnen", gab Aaron stolz zurück.
„Schön für dich. Sich beim neuen Boss einzuschleimen ist nie verkehrt", meinte Eric, „Aber im Ernst: Ist alles in Ordnung? Er hat irgendwie seltsam gewirkt."
„Du musst dir keine Sorgen machen, Eric, alles ist Bestens", versicherte Aaron seinem Partner, „Rick hat nur ein offenes Ohr gebraucht. Das Schlimmste liegt hinter uns. Von nun an geht es für uns alle bergauf." Eric wirkte zweifelnd, sagte aber nichts dazu. Aaron jedoch war überzeugt, dass er recht hatte, und von jetzt an alles für alle in Alexandria besser werden würde.
Er konnte ja nicht ahnen, dass die Erlöser ihn und seine ganze Gemeinde eines Besseren belehren würden.
II.
Wie es zu erwarten gewesen war, war Ricks Armee alles andere als begeistert von Negans Anwesenheit in ihrem Camp. Und noch weniger begeistert von der Idee eines Bündnisses mit Negan. Negan hatte sich ja inzwischen daran gewöhnt mit hasserfüllten Blicken bedacht zu werden, aber so viele hasserfüllte Blicke auf einmal waren ihn schon lange nicht mehr zugeworfen worden.
„Nein auf keinen Fall! Schlimm genug, dass wir die anderen Erlöser am Leben lassen, aber den auch noch?! Kommt nicht in Frage! Mein Sohn ist nicht gestorben, damit wir dem da dabei helfen seine Machtbasis zu sichern!", brüllte ein Alpha aus dem Königreich und schien bereit zu sein auf der Stelle auf Negan loszugehen. Ezekiel schien seine liebe Not zu haben ihn davon abzuhalten genau das auch zu tun. Das hatte man davon, wenn man als unechter Alpha einen echten Alpha beherrschen wollte. Allein die Idee war schon lächerlich, aber das war nicht Negans Problem, es war das von Ezekiel.
Rick und die anderen erklärten nun, was im Königreich geschehen war, was den wütenden Alpha nur noch wütender zu machen schien, bis ihn der Omega-Junge, der offenbar sein Kind war, irgendwie wieder beruhigte. Dann kam die Sprache auf Olivia und Simons Reaktion auf das Angebot zu verhandeln. „Wenn sie ihn nicht wollen, dann haben wir erst recht Grund ihn umzubringen", meinte der wütende Alpha daraufhin, wie es zu erwarten gewesen war.
„Nur er kann den Kreislauf der machtgierigen Erlöser, die etwas zu beweisen haben, unterbrechen", erklärte Rick, „Simon ist ein Wahnsinniger, der keine Grenzen kennt. Negan kennt zumindest Grenzen. Und er hat zugestimmt zu verhandeln, wenn wir ihm helfen sein Rudel zurückzubekommen."
„Wir können Simon einfach selbst umbringen", meinte der wütende Alpha unbeeindruckt.
„Und damit den nächsten machtgierigen Alpha in seine Position hieven? Die Erlöser würden niemals einen Beta oder vernünftigen Alpha als ihren Rudelführer akzeptieren, weil sie die als schwach ansehen würden", erklärte Rick, „Womit uns eine Reihe wahnsinniger Alphas bevorsteht, die eine riesige Gruppe brutaler entfesselter Alphas anführen. Um das zu überleben müssten wir gehen. Bist du bereit dazu deine Heimat aufzugeben? Ging es bei all dem nicht darum uns von der Herrschaft der Erlöser zu befreien?"
„Dann muss eben einer von uns deren Alpha werden!", meinte der wütende Alphas aus dem Königreich unbeeindruckt.
„Und ich nehme an, du nominierst dich selbst?", erwiderte Shane trocken, „Viel Glück dabei. Ich kenne Simon, er ist ein verdammter Feigling, er würde zu verhindern wissen, dass du an ihn herankommst und sich sicherlich nicht auf einen Alphakampf einlassen, den er nicht glaubt gewinnen zu können. Und warum sollten die anderen Erlöser zulassen, dass irgendein dahergelaufener Fremder ihr Rudel an sich reißt?"
„Und wer bist du eigentlich?!", wollte der Alpha aus dem Königreich herausfordernd von Shane wissen, „Der ansässige Erlöser-Experte? Davon haben wir hier schon genug!"
Das war die zweite Bemerkung in diese Richtung. Negan blickte sich im Camp um und achtete für einen Moment nicht mehr auf die Streitereien der anderen und entdeckte dann den Käfig mit den Gefangenen. „Rick", meldete er sich sofort, „meine Leute, die dort drüben eingesperrt sind, müssen auf der Stelle freigelassen werden."
„Auf keinen Fall", lautete die einzige Antwort, die er auf seine Forderung erhielt.
„Jetzt stellt er auch noch Forderungen an uns!", empörte sich der wütende Königreich-Alpha, „Warum können wir diesen verdammten Kerl nicht einfach…."
„Es reicht jetzt langsam, Richard!", donnerte Ezekiel, „Die Entscheidung ist gefallen. Rick ist der Anführer unsere Armee, er hat entschieden, was mit Negan geschieht, und seine Entscheidung ist richtig. Akzeptiere sie, oder verlasse uns. Sofort."
Das brachte den Alpha aus dem Konzept. „Das ist doch nicht euer Ernst?!", entfuhr es ihm, und er sah suchend zu den anderen Wachen des Königreichs, leicht erkennbar an ihren seltsamen Pseudo-Rüstungen, die ihn alle nur ernst anblickten und offenbar vorhatten zu Ezekiel zu stehen, egal was passieren würde. „Ihr würdet mich einfach so verbannen? Was ist mit Henry?!", wollte er wissen und deutete auf seinen Sohn.
„Der junge Henry hat bei uns immer ein Zuhause", erklärte Ezekiel ruhig, „Du aber hast das nicht, falls du weiterhin alle unsere Entscheidungen in Frage stellst. Wofür entscheidest du dich also, Richard?"
Richard funkelte seinen König wütend an, warf dann Negan einen düsteren Blick zu, und drückte sein Kind an sich. „Ihr macht einen Fehler", knurrte er, „Aber bitte, ihr habt die Befehlsgewalt." Er warf Ezekiel, Rick, Michonne, und ein paar anderen noch einen aufgebrachten Blick zu und stapfte dann davon und zog seinen Sohn dabei hinter sich her.
„Nun da das geklärt ist, können wir auf meinen Leuten zurück kommen", meldete sich Negan wieder zu Wort.
„Nein", erwiderte Rick schlicht.
„Komm schon, Rick, du kannst nicht von mir erwarten, dass ich hier sitze, während meine Leute eingesperrt sind", argumentierte Negan. Zumindest nicht, wenn sie mitbekommen könnten, dass ich nicht einmal versuche sie freizubekommen. Im Augenblick brauchte er jeden Verbündeten, den er kriegen konnte, selbst Loser, die sich gefangen nehmen ließen. Simon hatte klar gemacht, dass ihn Kriegsgefangene nicht scherten, er musste anders auftreten, wenn er wollte, dass sich seine Leute für ihn und nicht für Simon entschieden.
„Wir können dich gerne zu ihnen sperren", bot Rick lediglich an. Was Negan hätte erwarten müssen, denn das war eine typische Rick Grimes-Antwort.
„Das sollten wir wirklich", meinte jetzt ein junger weiblicher Beta, den Negan nicht kannte. Die Kleidung wies darauf hin, dass es sich um eine dieser geheimnisvollen Verbündeten handelte, die Rick und Co mit Waffen versorgt hatten, „Schlimm genug, dass er hier ist. Schlimm genug, dass er von uns weiß."
Negan wandte sich mit einem strahlenden Lächeln an die junge Frau. „Wir wurden uns noch nicht vorgestellt, glaube ich, ich bin Negan. Lebt ihr hier? Ein netter Ort. So … natürlich", sagte er, „Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen machen, wir stehen alle auf derselben Seite. Auf der anderen als Simon. Dass ich jetzt weiß, wo ihr wohnt, sollte euch keine Sorgen machen. Man sollte immer wissen, wo seine Freunde zu finden sind."
Der junge Beta funkelte ihn an. „Es ist nicht allzu lange her, dass deine Leute bei uns eingefallen sind und alle unsere Alphas getötet haben. Und alle männlichen Betas", erklärte sie, „Selbst wenn du uns auf Knien um Vergebung anflehen würdest, wir wären niemals Freunde."
„Oh, diese Gruppe seid ihr also. Nun, in diesem Fall kann ich euch keine Vorwürfe machen. Natürlich hasst ihr mich. Aber ich sollte da mal etwas klarstellen: Das war Simon. Nur Simon. Ich habe ihm andere Befehle erteilt, er hat sie ignoriert. Und Dinge getan, die ich niemals gutheißen würde. Mit euch genau wie mit dem Königreich. Wir haben also beide ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Ich würde niemals zulassen, dass Kinder zu Schaden kommen. Oder ganze Gruppen ausgerottet werden", erklärte Negan, „Tatsächlich haben wir mehr gemeinsam als alle anderen hier. Wir wurden beide von Simon auf unverzeihliche Weise betrogen. Und ich honoriere das. Es ist ganz einfach. Ich bin mir sicher, dass ihr nicht vergessen habt, wer damals zusammen mit Simon über euch hergefallen ist. Sobald ich wieder an der Macht bin, werde ich jeden einzelnen von diesen Verbrechern für euch hinrichten lassen. Ihr müsst nur mit den Fingern auf sie zeigen, und ich erledige das persönlich. Langsam und genüsslich. Was haltet ihr davon?" Er würde Lucille benutzen und es genießen. Er wusste, dass Rick und die anderen sie immer noch hatten, bisher weigerten sie sich sie ihm zurückzugeben, doch wenn die Zeit dafür reif war, rechnete er fest damit sie wieder in den Händen halten um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.
Der Beta musterte ihn mit Verachtung in den Augen. „Wenn es gegen deinen Befehl war, wenn du es als Verbrechen ansiehst, warum hast du diese Mörder dann nicht schon damals, als du erfahren hast, was passiert ist, hingerichtet?", wollte sie dann wissen. Nun, sie war nicht dumm, das musste man ihr lassen.
„Ich hielt das damals nicht für angebracht. Meine eigenen Leute für etwas zu bestrafen, von dem sie dachten sie würden es auf meinen Befehl hin tun", meinte Negan, „Doch inzwischen sehe ich das anders. Sie kenne die Regeln und haben sie gebrochen. Ihre Loyalität zu Simon war größer als ihre Loyalität zu mir. Das muss bestraft werden. Und Simon wurde damals bestraft."
Der Beta hob eine Augenbraue. „So nachhaltig, dass er nun als Toter die Gunst der Stunde genutzt hat um dich zu entmachten?", wunderte sie sich. Ich hasse Betas. Kommen immer mit Logik, wenn ihnen nichts Besseres einfällt.
Negan zwang sich weiterzulächeln. „Ich war damals milde gestimmt. Jetzt bin ich das nicht mehr", meinte er, „Simon wird bekommen, was er verdient."
Der Beta schüttelte nur den Kopf und wandte sich an Rick. „Der da schwingt nur große Reden, das weißt du hoffentlich. Er hat sich kein Stück geändert, er will nur seine Macht zurück und uns dafür benutzen. Weder steht er auf unserer Seite, noch ist ihm über Nacht ein Gewissen gewachsen", behauptete sie und deutete anklagend auf Negan, „Wenn du ihn zurück an die Spitze der Erlöser setzt, wird sich nichts ändern."
„Das weiß ich", versicherte Rick ihr, „Ich weiß, dass er uns nur benutzt. Aber wir können ihn ebenso benutzen." Zu schade, dass er das nicht so dreckig meinte, wie es klang. „Und er hat zugestimmt über Frieden zu verhandeln."
Negan nickte heftig „Und es wird sich etwas ändern", betonte er, „Ich werde wissen, wer mir treu war und wer nicht, und es wird viele freie Stellen unter mir geben. Die ich neu besetzen werde…." Er warf einen vielsagenden Blick in die Runde. „Mit Leuten, von denen ich weiß, dass sie loyal sein können."
Owen schnaubte, als er das hörte. „Er will seine neuen Stellvertreter aus unseren Reihen rekrutieren!", stellte er fest und lachte trocken, „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?"
Negan hätte den Wolf ja ignoriert, doch die anderen starrten ihn alle mit ungläubigen und spöttischen Blicken an und schüttelten ihre Köpfe.
„Was? Tut nicht so als wäre das unter eurer Würde! Viele von euch würden gute Erlöser abgeben, bessere als ich jetzt habe! Shane war ein Erlöser, er könnte wieder einer sein. Morgan mit seinen Gerechtigkeitssinn, Michonne mit ihr tödliches Schwert, die blutrünstige Beta-Dame hier ist genau der Typ, Owen unser Wolf, keiner passt besser zu uns. Der König kann sein Reich in einem unserer Außenposten neu aufbauen. Andy kriegt Alexandria unter den gleichen Bedingungen. Rick kann mein Stellvertreter werden. Eugene bastel uns allen Scheiß zusammen, den wir brauchen könnten, Maggie und Glenn helfen Laura dabei die landwirtschaftliche Abteilung auf Vordermann zu bringen. Zusammen könnten wir ein ganzes Reich erschaffen. Carl und Enid erben das eines Tages, genau wie Henry und die kleine Judith!", argumentierte er, „Was ist daran so lächerlich?!"
„Die Tatsache, dass du das fragen musst, sagt schon alles", meinte Andrea nur.
Okay, offenbar teilten sie seine Vision nicht. Zumindest noch nicht. Mal sehen, ob sie immer noch dieser Meinung sind, wenn Simon erst tot ist.
„Halte dich einfach an unseren Deal", meinte Rick, „Und erspar uns deine Rekrutierungsversuche. Du hast niemanden hier irgendetwas anzubieten." Sei dir da mal nicht so sicher, Schätzchen.
Als wäre damit das letzte Wort gesprochen, löste sich die Menschentraube um ihn herum auf. Negan begab sich wütend hinüber zu den Gefangenen. Shane, sein ewiger Schatten, folgte ihm. „Hi, Leute, ich werde euch hier raus kriegen, keine Sorge", versicherte Negan den Gefangenen, „Alden, nicht wahr? Sind das deine Leute?"
Der Beta nickte und näherte sich Negan. „Wir wurden überrascht, uns blieb keine andere Wahl als uns zu ergeben, ansonsten hätten sie uns alle getötet", erklärte der junge Mann.
„Ihr habt richtig gehandelt", log Negan, „Es ist besser am Leben zu bleiben um an einem anderen Tag weiterkämpfen zu können anstatt sein Leben sinnlos wegzuwerfen. Deswegen bin ich auch hier. Ich habe einen Deal mit Rick geschlossen. Wir entmachten Simon, und sobald das getan ist und ich wieder dort bin, wo ich hingehöre - an der Spitze - wird verhandelt, und ich werde euch alle nach Hause holen, nur keine Sorge. Simon allerdings hat klar gemacht, dass er kein Interesse daran hat Gefangene freizubekommen. Er hat einen Omega-Boten getötet. Wollte sich nicht einmal auf einen kurzfristigen Waffenstillstand einlassen. Darauf, dass er euch befreit, könnt ihr euch also nicht verlassen. Aber ich plane das alles so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen. Keine Sorge."
Alden und seine Leute nickten ehrerbietig. „Wir wurden gut behandelt", versicherte der Beta Negan.
„Natürlich wurdet ihr das", meinte Negan, „Ricks und die anderen würden es niemals wagen mich gegen sich aufzubringen, indem sie euch misshandeln." Er nickte den Gefangenen zu und entfernte sich dann wieder von deren Käfig.
„And the Oscar goes to….", spottete Shane, wenn auch wenigstens nicht laut genug damit Alden und die anderen es hören konnten, „Deren Wohlergehen ist dir doch vollkommen egal. Und seit wann bist du dafür, dass man sich lieber gefangen nehmen lassen soll anstatt kämpfend unterzugehen?"
„Vielleicht kennst du mich nicht so gut, wie du denkst, Shane Walsh", erwiderte Negan, „Vielleicht denkst du nur mich zu kennen."
„Oh, ich kenne dich gut genug. Du tust alles, was du kannst, um andere dazu zu bringen sich auf deine Seite zu stellen. Gewalt und Drohungen sind eine deiner Spezialitäten, aber Manipulation eine andere. Wenn du jemand siehst, der nicht so einfach einzuschüchtern ist, dann greifst du gerne darauf zurück. So hast du mich damals dazu gebracht mich dir anzuschließen. So hast du es geschafft uns zu entkommen. Und so willst du jetzt eine Anti-Simon-Front schaffen", meinte Shane dazu, „Zu dumm nur, dass die meisten hier zu klug sind um darauf reinzufallen. Selbst der Junge im Käfig dort drüben, würde ich wetten."
„Ich halte meine Versprechen, vergiss das nicht. Vielleicht ist es Manipulation, das heißt aber nicht, dass ich nicht das, was ich verspreche, trotzdem einhalte", argumentierte Negan, „Ist es immer noch verwerflich, wenn es die Wahrheit ist?" Darauf wusste Shane nichts zu sagen, was Negan als Sieg wertete.
Er spürte, dass sie beobachtet wurden und blickte sich suchend um. Carl stand ein paar Meter entfernt und starrte ihn mit großen Augen an. Negan machte Anstalten ihn herüberzuwinken, doch der Junge drehte sich um und floh. „Ich glaube dein Kind braucht dich. Rick ist zu beschäftigt damit Anführer zu spielen", merkte Negan an, „Aber du könntest dich zur Abwechslung mal nützlich machen und dich als Vater betätigen. Ich werde schon nicht weglaufen. Jeder hier hat ein Auge auf mich."
Shane schüttelte den Kopf. „Genau das ist ja das Problem", meinte er dann nur und blickte sich nervös um. Oh, ist er auf einmal um mein Leben besorgt? Wie rührend.
Negan verdrehte die Augen. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, Walsh", meinte er beleidigt, „Außerdem hat Rick beschlossen, dass ich wichtig bin und nicht angerührt werden soll. Oder nicht? Ich bin hier absolut sicher." In dem Moment, als er das sagte, glaubte er das auch noch. In all der Zeit, seit seiner ersten Begegnung mit Rick Grimes und dessen Rudel hatte er offensichtlich nichts dazu gelernt.
III.
Während Rick Alexandria neu aufbaute, versuchte er auch sein eigenes Leben neu aufzubauen. Dazu gehörte auch das unangenehme Gespräch mit Morgan. Aaron hatte recht gehabt, was immer er auch entschied, er konnte es nicht ohne Morgan entscheiden. Natürlich reagierte Morgan genauso wie er vorhergesehen hatte, verständnisvoll, geduldig, bereit zu warten, und je verständnisvoller er war, desto schuldiger fühlte Rick sich deswegen. Also erinnerte er sich an etwas anderes, das Aaron gesagt hatte, und traf die Entscheidung, die am besten für ihn war.
Es liegt nicht an dir, es liegt an mir, war dieser schreckliche Spruch, der Omegas immer zum Vorwurf gemacht wurde, aber oft stimmte er einfach und gerade in diesem Fall stimmte er umso mehr. Rick konnte mit Morgan nicht zusammen sein, weil ihn diese Beziehung zu großem Stress aussetzte. Also beschlossen sie nur Freunde zu bleiben.
Morgan zog aus, zog mit Owen zusammen, und Rick machte alleine weiter. Zumindest fast, denn er hatte immer noch seine Kinder und Andrea und Michonne. Und es stellte sich heraus, dass es gesünder für ihn war, wenn sich Michonne seinen Bedürfnissen annahm, als wenn Morgan das tat. Der hatte ja einen neuen Omega, und zunächst war Rick eifersüchtig, auch wenn da nichts zu laufen schien, doch dann stellte er fest, dass was auch immer Morgan tat oder nicht tat etwas zu bewirken schien.
Natürlich half auch Denise. Und Carl, auch wenn es Rick lieber gewesen wäre, wenn sein Sohn sich von dem Wolf ferngehalten hätte, aber letztlich war es wohl vor allem Morgan, der etwas in Owen bewirkte, denn der Wolf veränderte sich. Er entspannte sich, wirkte nicht mehr so als würde er jeden Moment damit rechnen angegriffen zu werden, knurrte nicht mehr ständig alle an, unterhielt sich sogar ab und an normal mit anderen Leuten, und er begann sich nützlich zu machen, ging mit Morgan auf die Jagd, manchmal auch mit Daryl, begann zu schnitzen. Irgendwo dort drinnen war immer noch ein Mensch. Sie alle sind Menschen, hätte Deanna dazu gesagt, und Rick versuchte wirklich ihren letzten Wunsch zu ehren, alle anderen in Alexandria als Menschen anzusehen und als nichts anderes, und das schloss Owen mit ein, der ein schwer traumatisierter Mensch zu sein schien, der sich langsam wieder daran erinnerte wie es war ein Mensch zu sein.
Morgan tat ihm gut, und er tat Morgan gut, auch das war nicht zu übersehen. Ja, es schien wirklich irgendeine Verbindung zwischen den beiden zu geben, und letztlich wollte Rick, dass Morgan glücklich war, und er hatte nicht vergessen, wie es sich anfühlte mit dem einen Menschen zusammen zu sein, auch welche Art auch immer, mit dem einen mehr verband als mit allen anderen. Morgan hatte so viel an diese neue Welt verloren, dass er jetzt etwas zurückgewann, war nur fair.
Rick selbst gewann auch etwas zurück - Stück um Stück von sich selbst. Dabei zuzusehen wie Tara und Denise zusammen Liebe fanden, erfreute ihn, mit Aaron Freundschlaft zu schließen vertrieb seine Einsamkeit, Gabriel zu helfen die Kirche neuaufzubauen vereinte ihn mit den anderen, bei der ganzen Abraham-Sasha-Rosita-Eugene-Soap zuzusehen verwirrte ihn, aber auch normale Weise, die ihn früher erinnerte, an die Zeit davor, als er und Lori daneben gesessen hatten, als Loris beste Freundin Hannah ihren Alpha für einen junge Beta von der Arbeit verlassen hatte, was für Lori und Rick unangenehm gewesen war, weil sie mit Hannah und ihrem Alpha befreundet gewesen waren und dann auf einmal nicht mehr gewusst hatten, wie sie sich verhalten sollten, nachdem die beiden nicht mehr zusammen waren. Ja, ihre Leben normalisierten sich. Ja, dort draußen gab es immer noch die Wandelnden Toten. Ja, sie hatten keinen richtigen Doktor, nur Denise, und ja, Daryl, Sasha, und Abraham hatte ihm von diesen Leuten erzählt, die versucht hatten sie auf ihrem Weg zurück nach Alexandria zu überfallen, aber die Wochen vergingen ohne weitere Zwischenfälle, alles schien friedlich zu sein, alle schienen sich zu mögen und Maggie erwartete ein Kind.
Das Leben schien keine Qual mehr zu sein, sondern eine Freude. Sogar Carl fand wieder zu sich, begann wieder Zeit mit Enid zu verbringen, freute sich auf die Geburt von Maggies Baby, und schien in den Namen Ron Anderson nur noch einen Geist seiner Vergangenheit zu sehen. Alles schien gut zu sein.
Die Wochen wurden zu Monaten. Heath drängte Rick ihn auf eine längere Versorgungsfahrt gehen zu lassen, während dieser er auch zugleich die Umgebung erforschen wollte. Rick war geneigt ihm das zu gestatten.
Und dann kam der Tag, an dem Daryl und er auf Jesus trafen. Es war dieser seltsame irgendwie nervige Omega, mit dem sie sich um ihre Beute stritten, aber auf harmlose Weise, es gab keinen Mord und Totschlag, keine echten Drohungen - okay, Daryl war schon sehr wütend und behauptete, dass er den anderen Omega umbringen wollte, aber Rick fand das ganze Hin und Her beinahe amüsant. Es war kein Wettbewerb, mehr ein Spiel um zu sehen, wer der Bessere von ihnen war. Wenn Jesus alleine unterwegs wäre, und danach sah es aus, könnten sie ihn vielleicht in Alexandria aufnehmen, dachte Rick. Und das war das erste Mal seit langem, dass er wieder daran dachte jemand Fremden in sein Nest hineinzulassen, in sein Rudel aufzunehmen, denn, so erkannte er nun, das war Alexandria inzwischen für ihn, sein Nest, und dessen Bewohner, alle von Olivia bis zu Spencer Monroe, von Daryl über Morgan bis hin zu Carl und Judith, sie alle waren sein Rudel.
Jesus bewies ihm, dass es dort draußen auf den Straßen immer noch Leute gab, die keine Monster waren, sondern normale Menschen, die anderen halfen, wenn es darauf ankam anstatt sie zurückzulassen. Jesus half ihnen im Kampf gegen die Toten, anstatt mit der Beute abzuhauen.
Daryl hasste den anderen Omega vielleicht eine Spur zu sehr. Bei jedem anderen als Daryl hätte Rick das verdächtig gefunden, aber da es sich um Daryl handelte, wusste er nicht, was er davon halten sollte. Er wusste nur, dass Paul Rovia („Meine Freunde nennen mich Jesus, ihr seht ja selbst warum") sein Weltbild auf den Kopf stellte, als er ihm anvertraute, dass er kein einsamer Reisender war, sondern aus einem Nest stammte, einer Gemeinschaft, die gar nicht weit entfernt von Alexandria lag.
„Dort draußen erwartet euch eine vollkommen neue Welt", versprach er Rick, „Ihr seid nicht alleine." Wie sich herausstellte hatte die Armee der Toten im Steinbruch Alexandria von der Außenwelt abgeschirmt, und nun wartete diese Außenwelt darauf von ihnen entdeckt zu werden.
Jesus nahm sie mit nach Hilltop, wo es einen richtigen Arzt gab und die Aussicht auf einen Handelspartner. Doch der Beta-Anführer von Hilltop, Gregory, erwies sich als ziemlich knausrig, was die Dinge, die er bereit war ihnen zu überlassen, anging. Rick war noch nie jemand gewesen, der genug Geduld für die Feinheiten von Handelsgeschäften besaß. Zum Glück hatte er Andrea und Maggie dabei.
Allerdings stellte sich heraus, dass Gregory nicht nur so wenig entgegen kommend war, weil er knausrig war (obwohl er das auch war), sondern weil er bereits einen anderen Handelspartner besaß, dem der Großteil der Ressourcen von Hilltop zustand. „Handelspartner ist vielleicht das falsche Wort", meinte Gregory, „In der alten Welt hätte man wohl gesagt, dass ich diesen Leuten Schutzgeld bezahle. Sie nennen das Tribut. Ihr habt vielleicht schon von ihnen gehört. Sie nennen sich die Erlöser. Ihr Anführer heißt Negan. Und sie denken, dass ihnen alles zusteht, was wir ernten, züchten, finden, in unser Nest bringen. Sie haben das ganze Territorium hier zu ihrem Revier erklärt und uns zu ihrem Vasallen-Rudel. Der Grund, warum wir euch nicht geben können, was ihr wollt, ist nicht der, dass wir es nicht möchten, es ist der, dass wir es nicht können, weil wir alles, was wir besitzen an sie abtreten müssen. Oder zumindest den Großteil davon. Ich meine, sie lassen uns genug zum Überleben. In den warmen Jahreszeiten zumindest. Aber trotzdem sind wir mehr oder weniger ihre Sklaven."
Und das waren die Worte, die den hart erkämpften Frieden, den Rick für sein Rudel und sich selbst gefunden hatte, in tausend Stücke zerschmetterten und alles wieder von vorne beginnen ließ.
IV.
Jeder im Camp behielt Negan genau im Auge. Trotzdem schien es niemand kommen zu sehen. Niemand außer Carol. Vielleicht deswegen, weil die meisten dachten, dass es am ehesten wohl jemand aus Oceanside sein würde, der etwas versuchte. Oder vielleicht Rosita. Hilltop wäre ebenfalls ein heißer Tipp, aber Carol wusste, dass es Richard sein würde.
Nach Negans Auseinandersetzung mit Cyndie war Oceanside nicht erfreuter über Negans Anwesenheit in ihren Wäldern als zuvor, aber sie akzeptierten sie, wenn auch zähneknirschend. Rosita war immer noch verletzt und wurde von Sasha im Auge behalten, und Hilltop hatte kein wirkliches Interesse an Rache, wie es schien. Das Königreich wiederum wusste, dass sie ihre jüngsten Verluste Simon zu verdanken hatten und nicht Negan. Jerry kümmerte sich um seine Kinder und weinte viel und oft. Niemand schien ihn trösten zu können, aber alle schienen es zu versuchen. Was vielleicht der Grund war, warum sie alle auf Richard vergaßen.
Henry aber vergaß natürlich nicht auf seinen Vater. Er war es, der Carol weckte. „Carol, Carol, wach auf. Mein Dad, er, er ist so komisch, und ich habe Angst, dass er was Dummes tut", erklärte Henry gedämpft, „Vielleicht irre ich mich ja, und ich will niemanden damit belästigen, aber ich hab Angst, was Morgan tun würde, wenn ich's ihm sage. Und den König will ich damit nicht belasten. Und Dianna ist bei Jerry."
„Keine Sorge, ich kümmere mich darum", versicherte Carol dem Omega-Jungen, „Bleib du hier."
Sie hatte immer gewusst, dass der Tag kommen würde, an dem Richard eine Grenze überschreiten würde. Seit sie seine Interaktion mit den Erlösern beobachtet hatte, wusste sie, dass er eine tickende Zeitbombe war, die nur darauf wartete loszugehen. Und nach Benjamins Tod war Richard minütlich uneinsichtiger geworden. Er hörte kaum noch auf Ezekiel, und nun, da seine Freunde mit ihren eigenen Verlusten zu kämpfen hatten, fehlte ihm ein Ventil um seinen steigenden Frust abzubauen.
Zuerst überprüfte Carol die Gefangenen. Alden und die anderen waren vollzählig und unverletzt. Dann machte sie sich auf die Suche nach Negan.
Zunächst hatte es niemand gewagt ihn aus den Augen zu lassen. Shane war sein ständiger Schatten gewesen, und wenn er sich eine Pause gönnte, war es Andrea, und auch alle anderen Augen waren ihm scheinbar auf Schritt und Tritt gefolgt. In den ersten paar Stunden. Doch dann hatten sich alle beruhigt und waren nachlässiger geworden. Hatten sich an seine Anwesenheit gewöhnt, sich damit abgefunden, dass er offenbar nicht plante sie einen nach dem anderen mit bloßen Händen zu ermorden. Er wurde natürlich immer noch bewacht, aber nicht mehr von allen beobachtet.
Zur Zeit hatte es offenbar Michonne auf sich genommen ihn zu bewachen. Sie und Andrea hatten sich kurz herzhaft umarmt, seit sie wiedervereint worden waren, waren sonst aber beide immer vollauf beschäftigt gewesen das weitere Vorgehen zu planen. Seit der Konflikt mit den Erlösern begonnen hatte, fragte sich Carol öfter wie die beiden Frauen es immer noch schafften Zeit füreinander zu finden, in all dem Chaos um sie herum. Viel konnte es nicht sein. Und sie waren nicht die einzigen, die einander aus den Augen verloren, Carl war offensichtlich frustriert und einsam -wer konnte ihm das verdenken? – und schwirrte vielleicht deswegen öfter in Negans Nähe herum. Zumindest war das im Moment nicht der Fall.
Negan döste an einen Baum gelehnt vor sich hin, während Michonne schlecht gelaunt neben ihm saß und sich auf ihr Katana stützte. Alles wirkte friedlich, und Carol traute der Szenen keinen Moment lang.
Sie sah sich nach Richard um, konnte ihn allerdings nirgendwo entdecken. Ihr nächste Stopp war Ezekiel, der neben Shiva saß, und aufblickte, als er sie entdeckte. „Carol, alles in Ordnung?", wollte er wissen.
„Ich versichere mich nur, dass auch wirklich alles in Ordnung ist", erwiderte sie.
„Das musst du nicht. Das Camp ist sicher", meinte Ezekiel, und sie wünschte sich das würde auch stimmen, doch sie wusste es besser. Leider. Auch hier war von Richard nichts zu sehen, und unter anderen Umständen würde sie sich fragen, ob Henry vielleicht nicht nur einen Alptraum gehabt oder ob Richard seinen Sohn einfach verlassen hatte oder ähnliches, aber, dass der Alpha nirgends zu finden war, konnte einfach nur eine schlechte Nachricht sein.
Sie nickte Ezekiel zu und suchte weiter. Als sie Richard entdeckte, war es beinahe zu spät. Sie sah, wie er seine Waffe auf Negan gerichtet hatte; niemand schien zu bemerken was er plante. Einen Moment lang war sie versucht ihn einfach abdrücken zu lassen. Doch dann erinnerte sie sich an alles, was Simon getan hatte. Letztlich lief es auf die Frage hinaus, wer von ihnen beiden schneller abdrücken würde, Richard oder Carol.
Ein Schuss knallte durch die Nacht und weckte alle auf. Besonders Negan, der regelrecht aufsprang. „Was zum Teufel!"
Richard war blutend zusammengebrochen. Carol senkte ihr Gewehr wieder, und ihr Blick traf Negans, der sie anstarrte. „Ich habe das nur getan, weil wir dich noch brauchen. Sobald wir das nicht mehr tun, habe ich kein Problem damit das nächste Mal dich zu erschießen", erklärte sie dem Alpha.
„Wer … wer bist du eigentlich?", stotterte dieser und musterte ihr Outfit, „Du gehörst zu Ezekiel, bist du nicht eine seiner Wachen?`"
Carol schüttelte nur den Kopf. „Carol", das kam von Ezekiel, der wie viele andere auch angerannt gekommen war und den niedergeschossenen Richard nun auf den Rücken drehte. Und der sie jetzt genau auf die Art und Weise ansah, auf die sie immer befürchtet hatte von ihm eines Tages angesehen zu werden. „Ich musste es tun", rechtfertigte sie sich vor ihm, „Nach Negan hätte er sich als nächstes die Gefangenen vorgenommen und dann dich, weil du in ihm Stich gelassen und Benjamin in den Tod geführt hast. Ich musste ihm zuvorkommen, ich konnte nicht zulassen, dass er dir etwas antut."
„Henry….", begann Ezekiel.
„Wird mir nie verzeihen, ja ich weiß. Aber diese Art von Wahnsinn, sie geht nicht so einfach weg, verstehst du? Morgan dachte, er wird ihn los, aber es hat ihn wieder erwischt. Ich konnte kein Risiko eingehen, nicht jetzt. Nicht mitten im Krieg", erklärte Carol, „Nicht wenn so viel auf dem Spiel steht. Er wäre sowieso gestorben. Eher früher als später. Aber das hier, genau das hier ist der Grund, warum wir niemals eine Zukunft hatten. Weil ich so bin."
Sie wandte sich ab und floh von der Szene. Konnte seinen Blick nicht mehr ertragen.
„Klar natürlich, eine von Ricks!", hörte sie Negans Stimme ihr hinterher hallen, „Was stimmt nur nicht mit euch verrückten Omegas hier?!"
Sogar jemand wie Negan sah es. Ja, sie wusste, was alle anderen dachten. Dass sie Richard nicht hätte töten müssen, dass sie ihn nur in die Schulter hätte schießen müssen. Aber sie alle irrten sich. Sie hatte es tun müssen. Es hatte keinen anderen Weg gegeben. Sie hatten keine Zeit für langatmige Rehabilitierungsprogramme. Nicht gerade jetzt.
Zumindest weiß er jetzt, warum es kein wir geben kann. Zumindest sieht er mich jetzt endlich so wie alle anderen mich sehen, sagte sie sich, So ist es besser. Für uns beide. Das macht es einfacher zu gehen, wenn alles vorbei ist. Daran, was Henry von ihr denken würde, wollte sie nicht denken. Er war zu ihr gekommen, damit sie seinem Vater half und nicht damit sie ihn tötete. Doch jemand hatte es tun müssen, und sie war die Einzige, die dazu in der Lage gewesen war. Sie war diejenige, die das tat, was alle anderen nicht tun konnten. Wie immer eben. Sie würde sich nur wünschen, dass nicht ausgerechnet Ezekiel Zeuge davon geworden wäre, wie sie es diesmal getan hatte.
A/N: Obwohl ich meinen Charakteren viel antue, gebe ich ihnen auch Dinge, die sie dringend brauchen, wie etwa Freunde, die für die da sind oder zumindest irgendeine Art von Therapie und Unterstützung. Oder zumindest manchen von ihnen, bevor der nächste Hammer fällt.
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