„Ich habe im ersten Moment überhaupt nicht realisiert das Geschossen wurde." Tom sah überrasch auf als Anna auf die Terrasse trat und sich neben ihm in die Sitzecke gleiten ließ.

„Ich war müde und völlig übernächtigt und habe erst wirklich verstanden was da gerade passiert als ein Großteil der Männer schon im Revier waren. Das Holster mit meiner Waffe hat an der Garderobe neben der Tür gehangen. In dem Moment als ich sie holen wollte, hat Koslov angefangen wild umher zu schießen. Die Treffer selber habe ich kaum gemerkt. Die Schmerzen haben erst etwas später eingesetzt. Und obwohl ich in meinem Leben noch nie solche Schmerzen hatte, war das nicht das schlimmste." Sie machte eine Pause und spielte nervös mit dem Gürtel von dem Bademantel, den sie übergeworfen hatte. „Das Schlimmste war es nicht mehr richtig Luft zu bekommen. Das Atmen ist mir von Minute zu Minute schwerer gefallen und ich hatte immer mehr das Gefühl zu ersticken. Die Bewusstlosigkeit war die pure Erlösung. Außerdem hatte ich panisch Angst. Angst, weil ich mir ziemlich sicher war das ich sterben würde. Eine Mischung aus diesem Gefühl der Angst und keine Luft mehr zu bekommen ist das, was mich nachts immer wieder so wach werden lässt wie vorhin. Es war in letzte Zeit etwas besser geworden, aber die Begegnung mit Koslov gestern hat nicht wirklich geholfen..."

Tom musterte sie kurz und zog sie anschließend zu sich heran, was sie jetzt zuließ und ihren Kopf an seine Brust leget.

„Es ist normal Angst zu haben..." sagte Tom sanft.

„Ich weiß... Aber..."

„Nichts aber! Es ist normal manchmal Angst zu haben!" sagte er jetzt mit mehr Nachdruck und küsste ihre Stirn.

Gemeinsam blieben sie so sitzen und beobachtete den Sonnenaufgang bis das Knurren von Toms Magen sie aufstehen und frühstücken ließ.

Gerade als sie mit frühstücken fertig waren, klingelte es, was Anna überrascht aufschauen ließ. Es war gerade einmal kurz nach 8 Uhr.

„Erwartest du Besuch?" auch Tom wirkte überrascht. „Eigentlich nicht, nein..."

„Soll ich mich im Schrank verstecken...?" fragte er mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht. „Sei nicht albern!" rief Anna ihm über die Schulter zu, während sie zur Tür ging. Als sie diese öffnete, wuchs ihr Erstaunen noch ein wenig und sie überlegte kurz ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn Tom sich im Schrank versteckt hätte.

„Was machst du denn hier?"

„Guten Morgen. Entschuldige die frühe Störung, aber darf ich kurz reinkommen?"

„Ja, natürlich..." Anna trat beiseite und lies ihren Vater in die Wohnung. Der staunte nicht schlecht, als er Tom am Esstisch sitzen sah, versuchte aber sich sein maßloses Erstaunen nicht anmerken zu lassen. „Herr Kranich... Guten Morgen." Er nickte Tom zu, der sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen schien. „Guten Morgen..." erwiderte er kurz angebunden.

„Möchtest du auch einen Kaffee?" fragte Anna die sich selber nachschenkte. „Sehr gerne, danke dir." Lorenz Engelhardt lächelte kurz, ehe er fragend zwischen Tom und seiner Tochter hin und her sah, sodass Tom sich wünschte er könnte im Erdboden verschwinden.

Die Chefin warf ihrem alten Herrn jedoch einen warnenden Blick zu ehe sie fragte: „Was treibt dich zu so früher Stunde hier her?"

Engelhardt Senior setzte sich ebenfalls an den Tisch und holte eine Mappe aus seiner ledernen Aktentasche.

„Mir hat Gestern keine Ruhe gelassen." Fing der Anwalt schließlich an. „Herr Haverlant war so freundlich mir die Akte Kastrati unter der Hand zukommen zu lassen." Tom und Anna sahen ihn beide überrascht an. „Hat er das?" fragte Kranich. „Das hat er allerdings. Ich habe die halbe letzte Nacht damit verbracht über die Gräueltaten der Familie Kastrati zu lesen..." Lorenz schwieg einen Moment und starrte geradeaus ins Nichts. „Jedenfalls, den Rest der Nacht habe ich damit verbracht alles was wir in der Kanzlei über die Familie an Informationen haben zusammen zu tragen." Er deutet auf die Mappe auf dem Tisch. „In der Hoffnung das es euch vielleicht weiterhilft."

Nun war Anna aufrichtig überrascht, was sich auch deutlich in ihrem Gesicht wiederspiegelte. „Dir ist schon bewusst, dass du gerade gegen jegliche Anwaltliche Schweigepflicht verstößt, oder? Und noch gegen einiges mehr."

„Das bin ich mir in der Tat. Weswegen ich auch zu dir, meiner Tochter, gekommen bin und nicht zu irgendeinem x-beliebigen Polizisten."

Anna musterte ihren Vater schweigend und recht lange, ehe sie langsam begann zu nicken. „Ich verstehe."

„Ich hoffe wirklich das euch davon vielleicht etwas weiterhilft. Wie dem auch sei, ich muss wieder los. Ein Termin bei Gericht. Danke für den Kaffee." Lorenz stand auf und griff nach seiner Aktentasche. Anna erhob sich ebenfalls und begleitet ihn zur Tür.

„Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir uns die Tage treffen würden, um uns endlich mal in Ruhe zu unterhalten. Ich denke das ist schon sehr lange überfällig." Sagte Lorenz bevor er die Wohnungstür öffnete.

„Das ist es wohl, ja. Ich melde mich bei dir, wenn ich ein bisschen Luft habe. Und nochmal danke für den Ordner!"

„Sehr gerne! Und Anna?" er strich ihr über die Wange. „Pass bitte auf dich auf! Mit den Typen ist nicht zu spaßen. Die sind wirklich gefährlich!"

„Ich weiß... Deswegen müssen wir sie auch aufhalten."


Pünktlich um 10 Uhr betraten Tom und Anna das Büro von Mark Haverlant in Düsseldorf. Auch Anton Zeidler war bereits dort.

„Guten Morgen, sie kommen genau richtig!" begrüßte Mark sie knapp. „Unsere Techniker haben uns gerade darüber informiert das seit einer knappen halben Stunde rege Kommunikation zwischen einigen der Nummer, die wir abhören ausgebrochen ist. Koslov hatte wohl recht. Betim Kastrati scheint es tatsächlich eilig zu haben den Deal über die Bühne zu bringen! Sehr eilig sogar!"

„Das hier könnte uns vielleicht dabei helfen heraus zu finden wo der Deal über die Bühne gehen könnte." Anna hielt den Ordner hoch, den sie vorhin von ihrem Vater bekommen hatte und während der Fahrt nach Düsseldorf durchgesehen hatte.

„Was ist das?" fragte Zeidler neugierig.

„Mit besten Grüßen aus der Kanzlei Engelhardt, Völkers und Partner. Hier sind, unteranderem, Kopien von sämtlichen notariell beglaubigten Urkunden und Kaufverträgen von Grundstücken und Immobilien der Kastrati-Brüder." Mark grinste verschmitzt und wollte nach der Mappe greifen, die Anna jedoch zurückhielt. „Inoffiziell, versteht sich..."

„Selbstverständlich, Frau Kollegin. Ich werde blitzschnell vergessen das ich den Inhalt je gesehen habe..." Die Chefin nickte zufrieden und reichte Haverlant die Mappe.

Wie sich herausstellte, halfen ihnen die Informationen in dem Ordner tatsächlich beträchtlich weiter.

Mit Hilfe von Hartmut, der die Signale der verschiedenen Handys, welche sie überwachten, über Triangulierung auf einen gewissen Standort einschränken konnte und den Informationen über die Immobilien die den Brüdern gehören, schafften sie es relativ zügig den wahrscheinlichsten Ort des Deals zu ermitteln.

Die Brüder hatten vor etwas über fünf Monaten einen Großteil der stillgelegten Kiesgrube in Flerzheim gekauft. Ein weiträumiges, abgelegenes Arial in dessen Mitte sich das alte, verlassene Fabrikgebäude befand.

Und genau dieses Gebäude beobachtete seit geraumer Zeit eine kleine, oder auch nicht so kleine, Armee von Polizisten aus sicherer Entfernung. Eine recht große Anzahl von Kastratis Handlanger waren schon den ganzen Tag vor Ort und überwachten das Gelände. Nach und nach waren im Verlauf des Tages Autos mit Kennzeichen aus unterschiedlichen Teilen der Bundesrepublik eingetroffen. Dabei handelte es sich um weitere hochrangige Mitglieder des Kastrati-Clans, die einen Teil der Waffen im Land verteilen sollten.

Von den beiden Brüdern, den Waffen, Drogen und Verkäufern war bis jetzt jedoch noch nichts zu sehen. Das GPS Signal, welches die Position von Besnik Kastrati anzeigte, befand sich immer noch in der Kölner Innenstadt.