Mit diesem Kapitel habe ich mich sehr schwer getan und ich bin auch nicht ganz zufrieden damit, aber ich wollte nicht noch länger daran herumbasteln und alles verschlimmbessern. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem. Ich denke, ich weiß jetzt auch, dass die Geschichte wahrscheinlich ungefähr 30 Kapitel insgesamt haben wird. Viel Spaß beim Lesen.
Wesker hatte einen seltsamen Traum. Er war unter Wasser, irgendwo draußen im Meer. Er sah die Oberfläche über sich, aber konnte nicht auftauchen. Unter ihm befanden sich die düsteren Weiten des Ozeans. Er sah ein riesiges Monster auf sich zu schwimmen, das sein Maul aufsperrte und ihn verschlingen wollte. Er konnte nicht wegschwimmen. Hilflos musste er zusehen, wie die Tiefseekreatur auf ihn zukam. Kurz bevor sich ihr Maul um ihn schließen konnte, erwachte er.
Schwer atmend schrak Wesker hoch. Einen Moment war er geblendet vom hellen Licht in der großen Halle. Ihm war schwindelig und er fühlte sich, als hätte ihn ein Zug angefahren. Sein Kopf dröhnte, als müsste er gleich zerspringen. Er lag auf einem weichen Ledersofa unter einer Wolldecke. Der Schmerz in seinem rechten Oberarm hatte nachgelassen und die Schwellung war abgeklungen. Seine Stirn war noch heiß, aber auch das Fieber schien gesunken zu sein.
Wie war er zurück in die Halle gekommen? In seiner letzten Erinnerung lag er auf dem Seitendeck im Regen. Er hatte Gesichter gesehen, lange vergessene Gesichter. Er musste halluziniert haben. Hatte er nicht im Sterben gelegen? Er hatte fest damit gerechnet, allein und verlassen auf dem Seitendeck des Schiffes im Regen sterben zu müssen. Und doch lebte er.
„Sie sind wach, sehr gut", sagte eine Stimme in seiner Nähe.
„HUNK, was ist … Das Labor, wir müssen …", Wesker konnte noch keinen klaren Gedanken fassen.
„Ganz ruhig, Sie sind noch geschwächt", sagte HUNK und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wie lange habe ich geschlafen?", fragte Wesker.
„Ein paar Stunden. Es war gut, dass Sie die Antibiotika gleich genommen haben. Ich habe die Wunde noch mal gereinigt und neu verbunden. Sie war entzündet und eitrig", erklärte HUNK. „Sie hatten eine schwere Blutvergiftung."
„Ein paar Stunden?!" Wesker wollte sofort aufspringen, doch eine Welle des Schwindels überkam ihn und er musste sich wieder hinlegen.
„Keine Sorge, VECTOR und ich haben das Labor gefunden und durchsucht."
„Was haben Sie gefunden?", wollte Wesker sofort wissen.
„Wir haben den R-Virus gefunden. Und die Raketen, die Raphael noch verschicken will. Sie sind mit der tödlichen Fracht geladen. VECTOR und ich haben das Labor weitestgehend gesichert, aber manche Räume wimmeln nur so von B.O.W.s. Sie müssen postiert worden sein, um die Forschungsanlage zu beschützen. Wir wollten ohne Sie nicht weitergehen."
Wesker richtete sich auf, diesmal etwas langsamer. Erst jetzt bemerkte er, dass er und auch HUNK andere Kleidung trugen.
„Ich habe Ihnen saubere, trockene Kleidung besorgt, weil sie völlig durchnässt waren", sagte HUNK. „Ich habe mich auch umgezogen, weil meine Uniform kaputt war. Eines der Viecher hat mich am Rücken erwischt."
„Danke", sagte Wesker und er glaubte, selten zuvor solche Dankbarkeit für jemanden empfunden zu haben. „Danke HUNK. Sie haben mir das Leben gerettet."
HUNK nickte. „Wie fühlen Sie sich jetzt?"
„Ich habe mich schon mal besser gefühlt", sagte Wesker. „Aber ich denke, ich werde es schaffen. Vielleicht muss ich es ab jetzt nur etwas langsamer angehen lassen."
„VECTOR hat sich Ihr Schwert ausgeliehen. Wir haben Teile des Labors schon von den Monstern gesäubert", sagte HUNK. „Wenn Sie bereit sind, dann gehen wir nochmal runter."
„Ja", sagte Wesker. „Haben Sie etwas Wasser für mich?"
HUNK reichte ihm eine kleine Flasche Mineralwasser. Wesker nahm zuerst noch zwei Antibiotika-Tabletten, dann trank er die Flasche in wenigen Zügen leer.
„Nehmen Sie auch etwas zu essen. VECTOR und ich haben uns schon gestärkt." HUNK gab ihm Bohnen aus der Dose und ein paar Müsliriegel. „Ich würde ihnen ja etwas Feineres anbieten, aber die Filets haben die Monster schon gefressen."
Wesker ließ sich zu einem schwachen Lächeln hinreißen. Täuschte er sich ohne roch HUNK nach Essig?
„Was ist das für ein Geruch an Ihnen?", fragte er den Söldner.
„VECTOR hatte die geniale Idee, einem Monster in der Küche Essig zu verabreichen. Ich habe dabei einiges abbekommen. Ich habe mich schon gewaschen, aber der Geruch haftet immer noch an mir. Zumindest wissen wir, dass ihnen dunkler Balsamico-Essig nicht schmeckt." HUNK lachte leise.
„Vielleicht sollten wir uns mit Essig ausstatten anstatt mit Waffen", bemerkte Wesker sarkastisch.
HUNK wurde wieder ernst. „Wir müssen mit unseren Vorräten gut haushalten. Wir haben in den Kämpfen gegen die Monster fast alle Granaten aufgebraucht. VECTOR hat kaum noch Pfeile. Wir haben das Schiff nach Munition durchsucht, aber haben nur ein paar Magazine gefunden."
„Wie haben Sie mich eigentlich gefunden?", wollte Wesker wissen.
„Unsere Kommunikationsgeräte haben GPS. Wir wussten deshalb sofort, wo Sie waren. Wir haben Ihre Warnung vor dem B.O.W. beherzigt und sind nicht durch die Aussichtsplattform gegangen, sondern kamen von der anderen Seite. Wir haben das Monster aber gesehen. Es hat die Wand durchbrochen und sitzt draußen auf der Außenseite der Plattform im Regen. Was ist das? Eine Kellerassel?"
„So was in der Art", sagte Wesker. „Legen wir uns nicht mit ihm an."
HUNK nickte. „Ich habe vorhin mit Ms. Redfield gesprochen."
„Was haben Sie erzählt?", fragte Wesker sofort.
„Dass wir noch etwas Zeit brauchen", sagte HUNK. „Keine Angst, ich habe ihr nicht gesagt, was mit Ihnen passiert ist. Ich habe gesagt, dass wir auf B.O.W.s getroffen sind und kämpfen mussten und Sie sich gerade ausruhen. Das ist nicht die Wahrheit, aber gelogen habe ich auch nicht."
„Hat Claire etwas gesagt?"
„Sie wollte sich entschuldigen", sagte HUNK. „Und sie hat mir gesagt, dass ihr Bruder und die B.S.A.A. bereit sind. Sie warten nur auf unser Signal."
„Verstehe. Geht es Ihrer Familie gut, HUNK?", fragte Wesker.
„Den Mädchen ja, aber … Ich weiß nicht, irgendetwas ist seltsam. Ms. Redfield hat gesagt, dass es meiner Frau nicht gut geht. Sie musste sich wohl übergeben."
Bevor Wesker darauf eingehen konnte, kam VECTOR zu ihnen zurück. „Gut, dass Sie wach sind. Ich habe mir Ihr Schwert ausgeliehen und ein paar Schleimmonster im Labor damit getötet." Der Söldner übergab Wesker das Schwert. Wesker nahm sich vor, die Klinge zu reinigen, wenn sie zurück waren. Sie war von oben bis unten mit Blut verkrustet. Seine Entscheidung, das Schwert als Waffe mitzunehmen, hatte sich als richtig erwiesen.
„Wir haben ein paar Unterlagen sichergestellt", erklärte HUNK und gab Wesker einen Stapel Papiere zum Lesen. „Sie sind der Wissenschaftler, Wesker, Sie müssen die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Das Dokument ganz oben ist eine Notiz von Raphael."
„Raphaels Aufzeichnungen: Ich habe verschiedene Stränge des R-Virus entwickelt. In den Strang 1D habe ich Veränderungen am Genom vorgenommen, sodass er besonders kompatibel mit Meereslebewesen ist. Ich habe ihn erfolgreich an Fischen getestet. In den Strang 1D-1 habe ich direkt DNS von Meereslebewesen eingebaut. Die Ergebnisse aus den Versuchen am Menschen sind vielversprechend.
…
Vielleicht werde ich den Strang bei ihm ausprobieren, aber das wäre eigentlich zu einfach. Für das, was er getan hat, verdient er eine härtere Strafe. Ich habe ihm vertraut und er hat mich und unsere ganze Familie verraten. Es ist eine Schande, dass wir denselben Namen tragen müssen. Es war dumm, ihm so blind zu vertrauen.
…
Von meinen Kontakten habe ich erfahren, dass Amanda die B.S.A.A. eingeschaltet hat. Ich wusste, dass sie mit ihm zusammenarbeiten würde. Ich habe seinen Plan noch nicht vollständig durchschaut, aber ich denke, er will den R-Virus für sich."
„Wenn könnte Raphael damit meinen? Womöglich seinen Onkel Gabriel, so wie Sie vermutet hatten, Wesker?", sagte HUNK.
„Es muss auf jeden Fall jemand aus seiner Familie sein und da bleibt nur sein Onkel", sagte Wesker, der seine Überlegungen bestätigt sah. „Mehr von Raphaels Aufzeichnungen haben Sie nicht gefunden?"
„Nein, leider nicht", antwortete HUNK. „Nur noch die Aufzeichnungen über seine Forschung. Werden Sie schlau daraus?"
Wesker nickte. Er verstand die Notizen. Etliche Informationen hatte er durch seine Experimente mit dem R-Virus schon selbst herausgearbeitet.
„Sehen Sie sich wieder in der Lage weiterzumachen?", fragte HUNK. „Wenn Sie wollen, können Sie sich noch ausruhen. VECTOR und ich können das Labor übernehmen."
„Nein, ich bin OK", sagte Wesker und stand auf. Er war immer noch geschwächt, aber hatte durch seinen kurzen Schlaf wieder etwas Kraft schöpfen können. Er musste das Labor selbst sehen, denn er vermutete, dass HUNK und VECTOR, die beide zwar fähige Soldaten, aber keine Virenforscher waren, allein keinen Weg finden würden, das Virus zu neutralisieren. Wesker war zudem neugierig. Er wollte sich Raphaels Forschung ansehen und Daten aus den Computern herunterladen, die er für seine eigene Forschung benutzen konnte. Vielleicht fand er in Raphaels Arbeit den Schlüssel für sein Heilmittel oder die Wiederbeschaffung seiner Kräfte. Außerdem hatte er immer noch den Wunsch nach Vergeltung. Raphael hatte ihn für seine Experimente missbraucht und noch dazu seine Arbeit gestohlen.„Ich will das Labor selbst untersuchen."
Wesker schnallte sich das Schwert wieder um und die drei Männer luden ihre Waffen nach.
„Also gut, dann gehen wir."
Wesker, HUNK und VECTOR stiegen über die leblosen Körper der Schleimmonster hinweg, die die beiden Soldaten bereits erledigt hatten. Raphaels geheimes Forschungslabor war ein großer, runder Raum, in dessen Mitte sich ein riesiger Glastank mit einer rötlich-violetten Flüssigkeit befand. Mehrere Gänge führten sternförmig vom Hauptraum zu mehreren kleineren Laboren. Sie befanden sich auf dem oberen Stockwerk des Labors. Was unter ihnen lag, war nicht zu erkennen, weil der Bauch des Schiffes mit Wasser gefüllt war.
Als sich die elektronische Tür vor Wesker und den beiden Söldnern öffnete, gab sie nicht nur den Blick auf die Anlage frei, sondern auch auf eine ganze Reihe unheimlicher B.O.W.s, die den Glastank bewachten. Nach der Form ihrer Köpfe zu schließen waren sie einmal Hammerhaie gewesen. Sie standen aufrecht auf zwei Beinen. Manche von ihnen hatten ein Schild und einen scharfen Speer als Hände, andere hatten zwei scharfe Klingen anstatt Hände. An den Wänden hingen gigantische Seeigel in allen möglichen Farben.
Wesker sah über das Geländer nach unten auf das Wasser. Er glaubte, ein paar Schatten zu sehen, die sich im Wasser bewegten. Er wollte gar nicht herausfinden, mit welchen Kreaturen aus dem Meer Raphael noch experimentiert hatte.
„VECTOR und ich haben uns alle Labore ringsum angeschaut", erklärte HUNK und deutete auf die Türen an der Wand. „Sie sind alle monsterfrei. Nur um die Mitte konnten wir uns noch nicht kümmern. Wir müssen an die Steuerungskonsole an dem Tank, der von den Haien bewacht wird. Wir sind uns noch nicht sicher, wie wir sie besiegen sollen. Wir haben nicht mehr genug Granaten und andere Munition, um sie alle zu töten. Vielleicht locken VECTOR und ich sie weg, während Sie sich um den Tank kümmern."
„Zuerst möchte ich mir die anderen Labors ansehen", sagte Wesker und schritt zielstrebig nach links zu ersten Tür, ohne aber den Blick von den Seeigeln an der Wand zu nehmen. „Was ist mit denen? Tun die irgendetwas?"
„Sie haben sich bislang nicht bewegt", teilte VECTOR ihm mit.
„Verhalten wir uns so, dass sich das nicht änder", sagte HUNK, aber hielt zur Vorsicht seine TMP bereit und deckte Wesker, bis sie durch die Tür geschritten waren.
Ohne zu zögern ging Wesker zum ersten Computer, der in Reichweite stand, startete ihn und begann, die Daten zu durchsuchen. Er besah sich alles genau, doch konnte etliche Dateien nicht öffnen, weil sie passwortgeschützt waren. Er tat ein paar Versuche, aber musste bald aufgeben, weil ihn das System darüber informierte, dass ein Notfallmechanismus im Falle eines unbefugten Zutritts die Computer abschalten und Alarm auslösen würde.
„Das kann ich nicht riskieren", erklärte er VECTOR und HUNK.
„Können Sie wenigstens etwas über das Virus herausfinden?"
„Ja, an Raphaels Aufzeichnungen komme ich heran, aber das sind nur seine Feldstudien mit den B.O.W.s. Seine Experimente mit den Kreaturen da draußen", sagte Wesker und fluchte leise. Er hatte sich mehr erhofft. Seine Hand ballte sich zur Faust.
„Gibt es irgendeinen Weg, das Virus zu neutralisieren?", fragte VECTOR. „Wenn wir den Tank zerstören …"
„Wenn wir da rankommen", meinte HUNK und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ich kann so viel sagen", sagte Wesker. „Raphael hat kein Gegenmittel entwickelt. Es gibt keine Immunisierung und keinen Antivirus. Mein Heilmittel ist das einzige Mittel gegen den R-Virus, das wir haben. Es gibt hier nichts, mit dem wir das Virus neutralisieren können."
„Können Sie etwas mischen? In dem anderen Labor ein paar Türen weiter gibt es ein Chemikalienlager", wollte VECTOR wissen. „Vielleicht gibt es keinen Weg, das Virus zu neutralisieren, aber wir könnten die Flüssigkeit so verunreinigen, dass das Virus zerstört und damit wertlos wird. Fällt Ihnen da etwas ein, Wesker?"
Wesker überlegte kurz. „Natürlich. Aber wir müssen die Haie weglocken, um an den Tank zu gelangen."
„Das überlassen Sie mal VECTOR und mir", sagte HUNK. „Kümmern Sie sich um die Chemikalien."
HUNK führte Wesker zu dem Labor, wo er die Chemikalien finden würde, um ein starkes Gift zu mischen, während VECTOR die Haie beobachtete und versuchte, einen Weg zu finden, wie er sie von dem Tank weglocken konnte. Die B.O.W.s waren ruhig und wanderten langsam um den Tank herum. Sie hatten längst bemerkt, dass sich Eindringlinge im Labor befanden, aber warteten auf die richtige Gelegenheit, um zuschlagen zu können. Ihre Intelligenz beunruhigte Wesker.
„Hier", sagte HUNK und öffnete die Labortür. Ein Schleimmonster lag tot auf dem Boden. Sein Körper hatte sich in eine formlose, stinkende Schleimmasse verwandelte.
„Damit kann ich arbeiten", sagte Wesker und besah sich die Behälter. Er brauchte nur ein paar Minuten, um eine effektive Mischung zusammenzustellen, die die Viren zielsicher abtöten konnte. Er zog sich Handschuhe und einen Mundschutz an und füllte eine Reihe Chemikalien in mehrere Behälter.
„Sie machen das, VECTOR und ich erledigen die Viecher. Geben Sie mir Ihr Schwert", bat HUNK.
Wesker, der die Behälter tragen musste, würde es für den Moment ohnehin nicht brauchen. HUNK ging voraus, Wesker folgte ihm mit den Behältern in der Hand. VECTOR stand auf der anderen Seite und zog einen Pfeil aus seinem Köcher. Er pfiff laut, um die Aufmerksamkeit der Monster auf sich zu ziehen, dann schoss er einen Pfeil direkt in den Bauch eines Hais. Der Oberkörper des Monsters wurde auseinandergerissen und seine Gedärme verteilten sich auf dem Boden. Seine Beine torkelten noch eine Weile hin und her, dann fielen sie um und zerflossen zu Brei. Seine Artgenossen brüllten vor Wut und stürmten nun auf VECTOR zu.
„Das ist unsere Chance!", rief HUNK und rannte los. „Ich helfe VECTOR, Sie tun, was Sie tun müssen!"
Die Zeit drängte. Wesker musste schnell handeln. Er ignorierte seine Müdigkeit, seine körperliche Schwäche und rannte los. Sobald er die Konsole erreicht hatte, tippte er los. Er schaltete die Kühlung der Flüssigkeit ab, dann schraubte er den Verschluss des Tanks auf und schüttete seine Mixtur hinein. Die chemische Reaktion fiel so heftig aus, wie Wesker spekuliert hatte. Die Flüssigkeit schäumte und verfärbte sich umgehend ins Dunkelblaue, dann ins Schwarze. Das Glas des Tanks wurde heiß, bekam Risse und zerplatzte, worauf hin sich die dampfende Flüssigkeit über den Boden ergoss. Ein lauter Knall ertönte, als VECTOR und HUNK mehrere B.O.W.s mit einer Granate töteten. Sie kehrten zu Wesker zurück. Drei der Haie standen noch und machten sich zum Angriff bereit.
„Gut gemacht", lobte HUNK.
„Ich muss nochmal an einen Computer", sagte Wesker. „Ich brauche mehr Informationen und ich will den Selbstzerstörungsmechanismus des Labors aktivieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass die B.O.W.s in Freiheit gelangen. Wenn wir seine Forschung zerstören, können wir Raphael empfindlichen Schaden zufügen."
„Alles klar."
HUNK und VECTOR liefen voraus und gaben ihm Deckung, während sie die Labors durchsuchten. Sie fanden die Steuerungszentrale für die Raketen. Wesker deaktivierte den Countdown für ihren Abschuss, der bei weniger als drei Stunden gestanden hatte.
„Das war knapp."
Er loggte sich ins System ein und durchsuchte die Dateien.
„Beeilen Sie sich bitte", drängte VECTOR ihn. „Wir bekommen gleich Besuch."
„Das darf doch nicht wahr sein!", fluchte Wesker. Er war auf etwas sehr Beunruhigendes gestoßen, das er kaum fassen konnte. Er hatte Raphael und die Familie wirklich unterschätzt, aber das würde ihm sicher kein zweites Mal passieren.
„Was haben Sie gefunden?", fragte HUNK.
„Das erkläre ich Ihnen später. Jetzt ist keine Zeit", sagte Wesker. „HUNK, ich brauche einen Datenträger, auf den ich die Informationen herunterladen kann. Haben Sie irgendetwas zur Hand?"
„Nur das hier." HUNK ergriff ein kleines PDA, einen elektronischen Taschenkalender, der neben den Computern lag. „Wird das ausreichen?"
„Ja", antwortete Wesker, steckte das Gerät an den Computer und lud die Daten herunter. Der Speicher des Geräts war zu klein, um alles erfassen zu können, aber das machte nichts. Wesker hatte die wesentlichen Informationen, die er und die B.S.A.A. brauchen würden, auf den 8 GB untergebracht. Wesker steckte das PDA in seine Tasche. Danach aktivierte er den Selbstzerstörungsmechanismus des Schiffes und setzte den Zähler auf 20 Minuten, damit sie genug Zeit hatten, vom Schiff zu entkommen. „Gehen wir."
Die Haie hatten sich ins Wasser zurückgezogen. Stattdessen waren die Seeigel zum Leben erwacht und der hohe Raum war von Rascheln erfüllt, als sie sich über die Metallwände bewegten. Die drei Männer liefen zurück zum Haupteingang, Wesker voraus. Plötzlich bohrte sich ein bestimmt ein Meter langer Stachel vor seinen Füßen in den Boden und er stoppte abrupt. Kurz darauf folgte eine ganze Salve an spitzen Stacheln, denen sie ausweichen mussten. HUNK schwang das Samurai-Schwert und wehrte mehrere Stacheln ab.
„Zum Ausgang!"
Vor ihnen lagen vielleicht 100 Meter, die sie noch vom Ausgang trennten, doch ein paar Seeigel lösten sich von der Wand, sprangen auf den Boden und versperrten ihnen den Weg. Wesker packte einen der Stachel und rammte ihm dem Seeigel, der ihm am nächsten war, direkt ins weiche Fleisch seiner Unterseite. Die anderen verschossen ihre tödlichen Waffen. Ein Stachel verfehlte Wesker nur um Millimeter. Er fühlte einen Luftstoß an seiner Wange. HUNK duckte sich weg, rollte sich über seine Schulter ab und zog seine TMP. Da die Seeigel gepanzert waren und Kugeln abwehren konnten, schoss er stattdessen vor ihnen auf den Metallboden, um sie zurückzudrängen. Seine Strategie schien aufzugehen. Die Seeigel wichen zur Seite, doch der dröhnende Lärm von den Kugeln auf dem Metallboden machte sie nur noch wütender.
Wesker, HUNK und VECTOR nutzten die Chance und kämpften sich weiter Richtung Ausgang. Die Monster gaben nicht auf. Sie verschossen ein weiteres Mal ihre scharfen Stacheln. Wesker und HUNK konnten ausweichen, doch VECTOR hatte diesmal nicht so viel Glück. Ein Schmerzensschrei ertönte hinter Wesker und HUNK und die beiden Männer wirbelten herum. VECTOR kippte zur Seite.
„Nein, VECTOR!" HUNK war sofort an der Seite seines Partners. VECTOR röchelte und sein Atem war abgehackt und unregelmäßig. Unablässig trat Blut aus den Wunden.
Wesker zog VECTOR sofort die Maske vom Gesicht, damit er nicht an seinem Blut erstickte. Zum Vorschein kam ein Asiat um die 40. Blut lief aus VECTORs Mund und er würgte große Mengen davon hervor.
„VECTOR, durchhalten", ermahnte HUNK ihn und besah sich die Wunden. Ein Stachel des Seeigels hatte VECTORs rechte Schulter durchbohrt. Ein anderer steckte in seinem Bauch und ein dritter in seinem Oberschenkel. Um die Schulter und das Bein machte sich Wesker keine Sorgen, denn die Wunden waren nicht tödlich. Doch der Stachel, der sich in VECTORs Körpermitte gebohrt hatte, konnte ein lebenswichtiges Organ oder die Bauchschlagader verletzt haben.
„Wir müssen die Stacheln entfernen", sagte Wesker. „Wir wissen nicht, ob sie giftig sind."
„Erst mal müssen wir hier raus." HUNK griff von hinten unter VECTORs Arme und zog ihn durch die Tür, die ihren einzigen Schutz vor den Monstern darstellte. Wesker tippte auf das Bedienfeld und sie schloss sich gerade noch rechtzeitig hinter ihnen, bevor ihnen die Seeigel folgen konnten.
So sanft er konnte, legte HUNK seinen Partner auf den Rücken.
„VECTOR, das wird jetzt weh tun." So vorsichtig er konnte, zog Wesker die Stacheln aus den Wunden. VECTOR verzog das Gesicht und stöhnte vor Schmerz auf.
„VECTOR, reißen Sie sich zusammen", sagte Wesker.
HUNK drückte sofort seine Hände auf die Bauchwunde. „Wesker, nehmen Sie den Verband aus meiner Medizintasche. Wir müssen die Blutung stoppen!"
Wesker nickte und tat wie geheißen. Der Verband würde nicht lange halten, aber sollte ihnen genug Zeit verschaffen, VECTOR zurück zum Hubschrauber zu bringen. Von ihrer kostbaren Zeit waren bereits fünf Minuten verstrichen. Der Alarm über ihren Köpfen informierte sie sachlich und erbarmungslos, dass das Schiff in einer Viertelstunde in die Luft fliegen würde.
VECTOR schob Weskers Hände weg. „Sie müssen mich hier lassen", presste er unter Schmerzen hervor. „Gehen Sie. Retten Sie sich. Ich halte Sie nur auf." Er sah zwischen Wesker und HUNK hin und her. „Ich habe niemanden, zu dem ich zurückkommen kann, aber ihr schon. Wir müssen nicht alle drei sterben."
Wesker wechselte einen kurzen Blick mit HUNK. „Kein Mann wird zurückgelassen, VECTOR. Du stirbst heute nicht", sagte HUNK. „Wer weiß, wer noch auf dich wartet. Und jetzt reiß dich zusammen, Soldat, und steh auf."
HUNK half VECTOR auf die Beine und stützte ihn, während Wesker vorausging und ihren Weg sicherte. Die Stimme über ihren Köpfen erinnerte sie in regelmäßigen Intervallen daran, dass die Zeit bis zur Explosion des Schiffes weiter verstrich.
Der Alarm schreckte eine ganze Reihe Schleimmonster auf. Wesker erledigte so viele von ihnen wie möglich, damit sie den Verletzten sicher transportieren konnten. Er war inzwischen an seine körperliche Belastungsgrenze gestoßen und wusste nicht, wie lange er noch durchhalten würde. Die Antibiotika und der kurze Schlaf hatten zwar geholfen, doch er hatte eine gefährliche Infektion überstehen müssen, die nicht zu unterschätzen war. Sein Körper brauchte eigentlich dringend Ruhe. Dazu wurde seine Munition allmählich knapp. HUNK überließ ihm deshalb seine TMP.
Während sie liefen, funkte Wesker Claire an.
„Wesker, was gibt es?"
„Claire, wir verlassen gerade das Schiff. Wir sind auf dem Rückweg. Es gab einen Zwischenfall, wir haben einen Verletzten, der sofort medizinische Versorgung braucht."
„Dir geht es doch gut, oder? HUNK wollte mir vorhin nichts sagen. Und Patricia fragt nach ihrem Mann."
„HUNK geht es gut. Es hat VECTOR erwischt. Er hat viel Blut verloren und muss in ein Krankenhaus. Sag deinem Bruder Bescheid, dass wir auf dem Weg sind und dass sie sich um VECTOR kümmern müssen. Sie sollen jemanden schicken."
„Geht klar. Ich kümmere mich sofort darum."
„Sie sollen sich mit uns beim Anwesen treffen."
„OK, alles klar."
Ihr Streit, ihre persönliche Unstimmigkeit war für den Moment vergessen. Die Aufgaben, auf die sie sich konzentrieren mussten, waren wichtiger.
Sie kannten das Schiff inzwischen so gut, dass sie einen kürzeren Weg zurück zu ihrem Hubschrauber nehmen konnten. Die riesige Unterwasserassel lauerte gab oben bei der Antennenanlage, aber ließ sich von den drei Menschen, die über das Decke liefen nicht stören. In wenigen Augenblicken würde das Inferno der Explosion sie mit sich reißen und ihr kurzes Leben beenden.
HUNK half VECTOR sich hinzulegen und versorgte die Verletzungen. Wesker startete sofort die Maschine. Gerade noch rechtzeitig hob der Hubschrauber ab und brachte genug Abstand zwischen sie und das Schiff, bevor dieses mit einem lauten Knall explodierte. Die Nacht wurde von einem blendenden orangen Licht erhellt und die einst stolze Queen Tisiphone wurde von den Tiefen des Ozeans verschlungen.
Auf halbem Weg musste Wesker mit HUNK tauschen, weil die Müdigkeit drohte, ihn zu übermannen. „Fliegen Sie, HUNK, ich werde mich weiter um VECTOR kümmern."
HUNKs Hände und Kleidung waren voller Blut. Er nickte schwach und übernahm das Steuer des Helikopters. VECTOR war in eine Decke eingehüllt. Er hatte das Bewusstsein verloren und sein Puls war schwach. Er hatte zu viel Blut verloren. Wesker hoffte, dass VECTOR so ein zäher Bursche war, wie HUNK gesagt hatte, und überleben würde. Er überprüfte alle Verbände und erneuerte den um VECTORs Oberschenkel, nachdem er Erste-Hilfe-Spray auf die Wunde gesprüht hatte. Wie VECTOR so verletzt und regungslos vor ihm lag, erinnerte er Wesker an Jill, wie sie vor so vielen Jahren nach ihrem Fenstersturz vor ihm gelegen und er ihre Wunden versorgt hatte. Wesker stellte sicher, dass VECTOR gut in die Decke eingewickelt war, damit sein Körper nicht auskühlte, dann musste er sich setzen und einen Schluck Wasser nehmen. Er musste sich zwingen, die Augen geöffnet zu halten, obwohl er sich nach nichts sehnlicher sehnte als etwas Schlaf.
„Chris, Wesker, HUNK und VECTOR sind auf dem Rückweg!" Claire war so aufgeregt, dass sie beinahe in das Mikrofon schrie.
„Alles klar, wir machen uns bereit. Gib ihnen die Koordinaten des Treffpunkts in Texas", sagte Chris.
„Chris, wir haben ein Problem. VECTOR wurde schwer verletzt, er braucht dringend einen Arzt. Ihr müsst ihn abholen. Wir müssen hier beim Anwesen einen Zwischenstopp einlegen, bevor wir weiterfliegen."
Chris schien zu überlegen, denn er antwortete nicht gleich. „Also gut, wollten ohnehin mit einem Flugzeug und einem Hubschrauber kommen, um HUNKs Familie abzuholen. Helena Harper ist immer noch verletzt, sie kann also nicht auf unseren Einsatz mitkommen. Sie soll sich um VECTOR kümmern und mit ihm zurück zu unseren Leuten fliegen. Was ist jetzt mit dem Heilmittel? Hast du eine Probe?"
„Leider nein", sagte Claire zerknirscht. „Wesker will mir nicht sagen, wo die Proben sind. Er will nicht, dass ich euch das Heilmittel gebe. Ich glaube, dass will er selbst machen, wenn wir von dem Schiff zurück sind."
„Dieser Bastard!", fluchte Chris. „Das darf doch nicht wahr sein! Claire, die Zeit drängt! Wir brauchen das Heilmittel! Je länger wir warten, desto schlimmer wird es!"
„Ich weiß, Chris, aber … Ich habe es versucht. Wesker war stinksauer auf mich, dass ich hinter seinem Rücken das Heilmittel aushändigen wollte. Du kennst ihn doch, er mag es nicht, wenn man ihn hintergeht."
„Claire, jede Minute zählt. Rebecca und Alex wollen daran arbeiten."
„Ich weiß doch. Es kommt auf ein paar Stunden jetzt auch nicht mehr an", widersprach Claire. „Ihr bekommt das Heilmittel, aber ich schätze, Wesker verfolgt damit irgendein Ziel."
Chris schnaubte. Er wollte noch etwas hinzufügen, doch er riss sich zusammen und sagte schließlich ruhig: „Also gut, wir sind auf dem Weg. Wir kümmern uns um VECTOR."
„Danke."
Eine ungeduldige Patricia wartete im Salon auf Claire.
„Haben Sie etwas von meinem Mann gehört?", fragte sie sofort. Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Werden sie bald wieder da sein?"
„HUNK geht es gut. Sie machen sich gerade auf den Rückweg. Nur sein Freund VECTOR wurde verletzt."
Patricia atmete erleichtert auf, weil es ihrem Mann gutging. „Gott sei Dank. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Was ist mit VECTOR?
„Ich weiß es nicht genau, nur dass er schwer verletzt wurde und Hilfe braucht."
„Was passiert denn jetzt?"
„Sie kommen hier her. Wesker und Ihr Mann werden mit meinem Bruder, mir und den anderen von der B.S.A.A. dann gleich weiterfliegen. Sie, Kelly und Rebecca werden mit VECTOR fliegen. Man wird Sie an einen sicheren Ort bringen. Sie sollten ihre Sachen packen."
„Alles klar, ich sage den Mädchen Bescheid. Vielen Dank, Claire."
Chris, Jill und die anderen waren schon da. Rebecca, Helena und ein Ärzteteam bereiteten den Transport für VECTOR vor.
„Ich möchte auch helfen. Immerhin hat VECTOR uns in großer Not aufgenommen", bot Patricia an. „Ich bin Krankenschwester, ich werde tun, was ich kann."
Sogar Alex war mitgekommen. Claire fühlte sich wie auf Kohlen, als sie auf die Ankunft von Wesker und den beiden Soldaten warteten. Dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit landete der Hubschrauber.
Wesker hatte einen Schritt aus dem Hubschrauber gemacht, als Claire ihn auch schon stürmisch umarmte. Es war ihr gleich, dass ihr Bruder und diverse andere zusahen. Das einzige, was sie wollte, war, Wesker in die Arme schließen zu können. Erleichtert, dass sie ihn wiedersah, schloss sie die Augen und lehnte sich an seine Brust. Wesker legte langsam seine Arme um sie.
„Ist ja gut, Claire, ich bin da", sagte er leise, dass nur sie es hören konnte.
„Ich bin so froh, dass du wieder hier bist." Es tat so gut, von ihm in die Arme geschlossen zu werden und die Wärme seines Körpers zu spüren.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen", sagte Wesker.
Erst als sie sich von ihm löste und ihn von oben bis unten betrachtete, sah sie, dass er andere Kleidung trug und mitgenommen aussah. Er war blass und müde.
„Geht es dir auch wirklich gut?", fragte sie eindringlich. „HUNK hat vorhin gesagt, dass du …"
„Es geht mir gut, Claire", versicherte er ihr. „Niemand hat behauptet, dass es einfach wird. Ohne meine Kräfte ist es … Aber es ist alles wieder gut. Ich bin zurück."
„Was ist genau passiert?", wollte Claire wissen. Ihre Hand, die über seinen rechten Oberarm glitt, hielt bei dem Verband inne, der durch seine Kleidung deutlich zu spüren war.
„Ich erkläre dir alles später, Claire", sagte Wesker. „Jetzt müssen wir an unseren Plan denken. Und an VECTOR. Chris, kümmert euch um VECTOR. Er braucht schnell Hilfe."
Rebecca und Helena eilten sofort zu VECTOR, um zu sehen, wie es dem Soldaten ging. Sie betteten ihn auf eine Liege und brachten ihn zu zum B.S.A.A.-Hubschrauber. Wesker übergab Alex etwas und gab ihr leise Anweisungen.
Auch ein anders Paar war froh und erleichtert, sich wieder in die Arme schließen zu können.
„Matt, ich bin so froh, dich zu sehen", sagte Patricia und fiel ihrem Mann um den Hals. „Geht es dir gut? Bist du auch nicht verletzt?"
„Ich bin OK", sagte HUNK sanft. „Ich habe dir ja gesagt, ich komme immer zurück."
Sie lächelte schwach. Es standen noch eine Menge unausgesprochener Dinge zwischen ihnen.
„Matt, es …"
„Es tut mir sehr leid, dass ich dir die Wahrheit verschwiegen habe. Ich wollte dich und die Mädchen schützen."
„Das weiß ich, nur manchmal ist es einfach so, dass man jemandem damit nur vorübergehend Unannehmlichkeiten erspart", sagte Patricia ernst. „Die bitterste Wahrheit ist immer noch besser als die süßeste Lüge, Matt. Du hast mich sehr, sehr verletzt."
„Wenn du … mich nicht zurück willst, dann … dann respektiere ich das, Patricia", sagte HUNK langsam. „Aber gib mir wenigstens die Chance alles zu erklären. Ich schulde dir noch eine Menge Antworten. Allerdings müssen die bis nach unserem Einsatz warten."
„Das tust du, ja. Matt, ich war, nein bin verdammt sauer auf dich", sagte Patricia. „Aber ich liebe dich, ich habe mich damals für die entschieden und ich will die letzten 20 Jahre und alles, was wir zusammen aufgebaut haben, nicht wegwerfen. Du musst Geduld mit mir haben und wir Zeit geben, das alles zu verdauen."
„Dann gibst du mir noch eine Chance?", fragte HUNK.
„Ja. Wenn du zurück bist, dann reden wir, aber ich will diesmal alles wissen."
„Keine Lügen mehr, keine Ausreden mehr, nur die Wahrheit. Versprochen."
Patricia umarmte ihren Mann. „Gut. Es gibt auch etwas, was ich dir sagen muss, Matt. Das kam wie ein ganz schöner Schock für mich, weil ich das einfach nicht erwartet hätte."
„Was ist los?", fragte HUNK beunruhigt. „Es ist doch nichts passiert, oder? Claire meinte, dass du …"
„Doch, eigentlich schon." Patricia lächelte. „Matt, es ist unglaublich, aber … Ich bin wieder schwanger."
HUNK sah seine Frau entgeistert an. „Was? Wie …"
„Ich hatte schon den Verdacht, als wir unsere Wohnung verlassen haben. Bei VECTOR zu Hause habe ich dann einen Test gemacht", erklärte Patricia. „Ich weiß, das kommt alles so plötzlich. Ich hoffe, du freust dich. Ich habe mich von dem Schrecken jedenfalls noch nicht ganz erholt."
„Und ob ich mich freue. Das ist die beste Nachricht seit langem", sagte HUNK. „Wir reden später. Wir müssen los."
Sie nickte und gab ihrem Mann einen letzten Kuss auf die Wange.
„Chris, gib uns 20 Minuten, damit wir unsere Vorräte wieder auffüllen können", sagte Wesker.
„Also gut, aber beeilt euch."
„Wir sehen uns später", sagte HUNK, dann löste er sich von seiner Frau und folgte Wesker zurück ins Haus. Für Patricia und die Mädchen war es an der Zeit zu VECTOR, Rebecca und Helena in den Hubschrauber zu steigen. Sie umarmten HUNK ein letztes Mal und winkten ihm zum Abschied, dann hob der Hubschrauber ab.
Claire wollte schon ins Flugzeug steigen, doch Wesker bat sie, mit ihm ins Haus zu kommen.
„Was gibt es?"
Er antwortete ihr nicht. Claire folgte ihm verwundert. Drinnen bat Wesker HUNK, ihre Medizintaschen und Munitionsvorräte wieder aufzufüllen.
„Was ist los, Albert?"
„Reden wir in der Küche."
In der Küche genehmigte sich Wesker erst wortlos ein Glas Orangensaft, bis er etwas sagte. Claire war verwirrt. Er verhielt sich merkwürdig.
„Ist doch irgendetwas passiert? Über das du vor den anderen nicht sprechen möchtest?", fragte sie vorsichtig. „Wenn es wegen des Heilmittels ist, ich … es tut mir leid. Ich wollte dich nicht hintergehen. Ich wollte …"
Er winkte ab. „Nein, Claire, darum geht es nicht. Ich lag auf dem Schiff im Sterben. Wenn HUNK und VECTOR mich nicht rechtzeitig gefunden hätten, dann wäre ich vielleicht jetzt nicht mehr hier."
„Oh, mein Gott, er hat gar nichts erzählt!"
„Es ist schon gut. Ich habe mich schon wieder erholt. Aber mein Erlebnis mit dem Tod hat mich ein paar Dinge erkennen lassen. Ich habe eine Entscheidung getroffen." Er stellte das leere Glas auf der Küchenablage ab. Langsam drehte er sich zu Claire um und sah sie direkt an.
„Claire, ich möchte dich etwas fragen", sagte Wesker. „Ich möchte dir eine Frage stellen, von der ich nie geglaubt habe, dass ich sie jemals einer Frau stellen würde."
„Und welche Frage?", fragte Claire etwas entgeistert.
„Ich habe lange nachgedacht. Über das, was ich will. Und über das, was du gesagt hast. Ist es wirklich dein Wunsch, mit mir für immer zusammen zu sein?"
Claires Wangen wurden heiß und sie biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Ja, das ist mein Wunsch."
„Es gibt zwei bedeutende Frauen in meinem Leben, Claire", fuhr Wesker langsam fort. „Die eine hat mir ein wunderbares Geschenk gemacht, meinen Sohn, aber es war uns offenbar nicht bestimmt, zusammen, eine Familie zu sein."
„Und die andere?" Claire spürte, wie ihr Herz heftiger gegen ihre Rippen schlug. Sie wagte kaum zu atmen.
„Die andere hat über Umwege sehr spät in mein Leben gefunden und stand mir in einer Zeit bei, die ich wahrscheinlich nicht allein hätte bewältigen können. Mit ihr habe ich jetzt die Gelegenheit zusammen zu sein."
„Albert …"
„Claire Redfield, willst du meine Frau werden?"
Claire stockte der Atem und sie griff sich erschrocken an die Brust. „Albert … Wesker … ich … Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist … Du machst mir hier zwischen Tür und Angel einen Heiratsantrag?"
Wesker wandte sich um. „Ich wusste nicht, ob ich später noch den Mut dazu haben würde. Du musst mir jetzt keine Antwort geben, Claire. Ich wollte dir die Frage einfach jetzt stellen. Denk darüber nach und teile mir deine Entscheidung mit, wenn du sie getroffen hast. Ich warte."
Sie saßen im Flugzeug nicht nebeneinander, sondern so weit voneinander entfernt, wie es ging. Claire wollte im Moment nicht in seiner Nähe sein. Wesker saß neben HUNK, mit dem er leise sprach. Chris saß neben Jill, Leon neben Ada. Claire saß allein, aber da war sie zumindest nicht die einzige. Auch Jake saß weit abseits und hatte die Arme nachdenklich verschränkt. Genau wie er war auch Claire tief in Gedanken versunken. Sie starrte auf ihre Hände oder nestelte am Reißverschluss ihrer Jacke herum. Die anderen unterhielten sich, aber Claire hörte nur mit einem Ohr zu und beteiligte sich nicht. Wesker hatte sie mit seinem unerwarteten Heiratsantrag in ein völliges Gefühlschaos gestürzt. Sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte.
„HUNK. Mr. Death persönlich", meinte Ada Wong mit einem vielsagenden Grinsen. „Lange nicht gesehen. Wie stehen die Dinge?"
„Hattet ihr mal miteinander zu tun?", fragte Leon misstrauisch.
„Nicht direkt, aber wir kennen uns. Wir sind uns ein paar Mal begegnet. Wir haben beide für Wesker gearbeitet. Tatsächlich bin ich eine der wenigen, die behaupten kann, HUNK ohne seine Gasmaske zu kennen. Und ich kenne zufällig auch einen von HUNKs alten Kollegen. Martinez."
„Bei mir stehen die Dinge hervorragend, danke. Sie kannten Martinez, Ada Wong?", fragte HUNK verwundert.
„Nicht kannte, ich kenne ihn. Er lebt. Er hat es genau wie ich rechtzeitig aus der Stadt geschafft. Natürlich hoffe ich für ihn, dass er es jetzt rechtzeitig geschafft hat, sich in Sicherheit zu bringen."
„Birkin hat Martinez getötet", entgegnete HUNK. „Ich kam als einziger raus."
Ada Wong schüttelte den Kopf. „Nein, er überlebte schwer verletzt. Es gelang ihm sogar, eine Probe des G-Virus mitzunehmen. Die habe ich ihm in der Untergrundbahn abgenommen. Sonst wäre ich selbst nie an eine Probe gekommen."
„Das war also die Probe, die du damals mir gebracht hast", sagte Wesker. Leon machte ein Gesicht, als hätte er etwas Bitteres im Mund.
„Eine Menge Dinge, die du mir wohl noch nicht in aller Ausführlichkeit erzählt hast, Ada", meinte er säuerlich.
Ada nickte. „Leon, tu mir bitte einen Gefallen. Das ist ein Gespräch unter alten Freunden. Könntest du …"
„Schon verstanden." Leicht pikiert ließ Leon sie allein zurück. Er ging an Claire vorbei in Richtung Cockpit.
„Der arme Martinez tat mir leid. Wir flohen zusammen. Er ist mir bis heute dankbar dafür. Er hat Sie so viele Jahre dafür gehasst, HUNK, dass Sie ihn zurückgelassen haben."
„Ich wusste nicht mal, dass er noch lebt. Ich habe mehrere Tage in einer stinkenden Kanalisation ohne Essen zugebracht, bis ich Nighthawk erreicht habe. Er hatte alle Zeit der Welt mich zu suchen und zu finden. Das ist 25 Jahre her, ich verschwende keinen Gedanken mehr daran", sagte HUNK kalt. „Sein Überleben war seine eigene Verantwortung. Alles, was zählte, war der Auftrag. Den ich erfüllt habe."
„Ich glaube, er kam drüber weg", meinte Ada zuckersüß. „Er war ein ganz ansehnlicher Kerl. Ich fand ihn niedlich und noch dazu war er Hals über Kopf in mich verliebt, weil ich ihm das Leben gerettet habe. Wir hatten zwei Jahre lang eine kleine Affäre."
„Sie sind eine Schlange, Ada Wong", meinte HUNK giftig. „Ich nehme mal an, Ihr Freund weiß nichts davon."
„Ich hatte immer ehrliche Absichten mit Martinez", sagte die asiatische Agentin, ohne auf HUNKs Kommentar einzugehen. „Er war es, der mich abserviert hat. Weil er Dinge wollte, die ich ihm nicht geben konnte. Er hat heute eine ganz reizende Frau und Kinder. Mit seiner Vergangenheit beim U.S.S. hat er abgeschlossen. Aber hin und wieder tat er mir trotzdem einen kleinen Gefallen. 2013 begleitete er mich nach Tall Oaks und China und half mir, ein U-Boot zu untersuchen."
„Und was genau macht er heute?", wollte HUNK wissen.
„Was er genau macht, weiß ich nicht. Als wir zusammen waren, hat er bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet, um sich die Physiotherapeutenschule zu finanzieren", erklärte Ada. „Ich weiß, wo er lebt. Ich könnte es Ihnen verraten, HUNK. Sprechen Sie sich doch mal aus."
„Wir werden sehen. Vielleicht komme ich bei Zeiten auf Sie zurück."
Leon passierte Claire ein zweites Mal. „Ist es mir gestattet wieder zu kommen?", fragte Leon.
„Ja, natürlich." Er setzt sich neben Ada, die sich an ihn lehnte.
„Darf ich mich auch mal zu Ihnen gesellen?", fragte Jill und deutete auf den freien Platz gegenüber von HUNK. HUNK nickte und bot Jill den Platz mit einer einladenden Handbewegung an.
„Jill Valentine", sagte HUNK. „Ihr Ruf eilt Ihnen voraus. Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört."
Jill lächelte. „Ich habe von den anderen gehört, dass Sie als Soldat für Umbrella gearbeitet haben", sagte sie. „In welcher Einheit, wenn ich fragen darf?"
„U.S.S.", antwortete HUNK.
„Verstehe. Kennen Sie auch den U.B.C.S.?"
„Natürlich. Die wurden damals 1998 genau wie wir nach Raccoon City geschickt, wenn auch mit einem anderen Auftrag."
„Ich bin mit einem der Soldaten des U.B.C.S. aus Raccoon City geflohen", sagte Jill. „Vielleicht kennen Sie ihn ja. Sein Name war Carlos Oliviera."
„Den kannte ich", sagte HUNK, „wenn auch nur dem Namen nach."
„Sie wissen nicht zufällig, was mit ihm danach passiert ist, oder? Was er heute macht?"
„Nein", sagte HUNK zu Jills Enttäuschung. „Er kehrte Umbrella unmittelbar nach dem Vorfall den Rücken. Mehr weiß ich leider nicht."
„Schade", meinte Jill. „Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben. Ich hätte gerne gewusst, wie es ihm nach Raccoon ergangen ist."
„Ich wollte Sie auch etwas fragen, Ms. Valentine. Ich hörte, Sie seien in Raccoon City Nikolai über den Weg gelaufen. Wissen Sie, was mit ihm geschehen ist?"
„Ja, das stimmt. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber soviel ich weiß, entkam er aus Raccoon City", sagte Jill. „Ob er noch lebt und was er heute macht", sie zuckte mit den Schultern, „keine Ahnung."
Claire entschied sich nun, sich ebenfalls ins Gespräch einzumischen. „Jetzt fällt mir wieder ein, woher ich Sie kenne, HUNK", sagte sie, erhob sich von ihrem Sitz und nahm neben Leon Platz. Sie ignorierte Wesker bestmöglich. „Ich habe in dem Untergrundlabor, NEST, einen kurzen Film gefunden, auf dem Ihre Spezialeinheit zu sehen war. Ein gewisser Martinez hatte ihn mit seiner Helmkamera aufgenommen. Sie und Ihr Team haben Birkin konfrontiert. Es war dieser Martinez, der auf Sherrys Vater geschossen hat."
„Ja. Birkin wollte eine Waffe ziehen. Martinez war zu voreilig. Er hatte immer einen nervösen Finger am Abzug. Aber er hat es nicht geschafft, Birkin zu töten. Wenn er es getan hätte, wäre unser gesamtes Team heil raus gekommen und die Stadt wäre nicht zerstört worden."
„Was ist genau passiert?", fragte Claire. „Auf dem Video ist nur zu sehen, wie Sie von Birkin verlangen, mit Ihnen zu kommen. Sie wollten seine Arbeit, nicht wahr? Die Virus-Proben."
„Die Umbrella-Spitze gab uns die Anweisung, Birkin abzuführen und seine Arbeit an uns zunehmen", erklärte HUNK. „Er weigerte sich. Unser Befehl war, ihn lebend in Haft zu nehmen. Niemand hatte die Absicht ihn zu töten. Aber er wollte sich von seiner Arbeit nicht trennen."
„Bevor ich meinen Tod fingierte und Raccoon City verließ, wollte William den G-Virus und den T-Virus an das US-Militär verkaufen. Ich habe ihn immer und immer wieder gewarnt, dass er die Skrupellosigkeit von Spencer und der Umbrella-Führung nicht unterschätzen sollte. Für die war er nur ein Mittel zum Zweck, aber er hielt sich für wichtig und unverzichtbar. Ein Irrtum, den er mit dem Leben bezahlt hat", sagte Wesker.
„Und eine ganze Stadt dazu", meinte Jill.
„Was ist passiert, nachdem Sie Birkin niedergeschossen hatten?", fragte Claire.
„Ich nahm den Koffer mit den Proben an mich", erklärte HUNK. „Mein Team und ich machten uns auf den Rückweg. Wir sollten von unserem Hubschrauberpilot Nighthawk ausgeflogen werden. Auf dem Weg an die Oberfläche wurden wir von einem Monster angegriffen. Birkin hatte sich mit seinem eigenen Virus infiziert und war in eine Monstrosität mutiert. Er nahm unser gesamtes Team auseinander. Ich konnte eine Probe an mich nehmen, aber wurde niedergeschlagen. Ich muss zwei Tage bewusstlos gewesen sein. Als ich wieder aufgewacht bin, war mein Team tot. Ich nahm mit Nighthawk Kontakt auf und kämpfte mich durch die infizierte Stadt. Ich wusste nicht, dass Martinez überlebt hatte. Wenn sie nicht schon von Birkin getötet worden waren, starben Goblin-6 und die anderen durch die Infizierten."
„Annette meinte, Ratten hätten die Infektion in die Stadt getragen", sagte Claire.
„Ja und nein", sagte HUNK. „Der Koffer mit den Proben ging zu Bruch und das T-Virus wurde freigesetzt. Ratten mögen es in sich aufgenommen und verteilt haben, ich weiß aber, dass auch ein Teil in die Wasserversorgung gelangte. Die Kanalisation wimmelte nur so von B.O.W.s"
„Deshalb hat sich die Infektion binnen weniger Tage in der ganzen Stadt ausgebreitet. Die Menschen haben das Virus getrunken", sagte Jill. „Den Rest haben dann die Zombies selbst erledigt. Mein Gott."
„Ich war verletzt, aber halbwegs wohlauf. So bin ich rausgekommen", sagte HUNK.
„Und Ihr Ruf als Mr. Death hat sich abermals bestätigt."
„Nun ja, wenn ich Ada Wongs Worten Glauben schenken darf, dann … war Raccoon City wohl die Ausnahme von der Regel", meinte HUNK.
Jake hatte seinen Kopf in ihre Richtung gewandt. Er hörte aufmerksam zu. Claire bemerkte, dass sein Blick auf seinem Vater ruhte. Noch hatten die beiden Männer kein einziges Wort miteinander gewechselt. Als Wesker Jake beim Einsteigen ins Flugzeug bemerkt hatte, hatte er seinen Sohn nur kurz gemustert und sich dann auf einen Platz weit weg von ihm gesetzt. Jake hatte nichts unternommen, um sich seinem Vater irgendwie zu nähern, sondern warf ihm aus der Entfernung immer mal wieder taxierende Blicke zu. Sie schienen sich wie zwei Raubtiere in sicherem Abstand zu umkreisen. Für beide war es eine angespannte Situation, das war ihnen anzumerken. Claire vermutete, dass keiner von ihnen wusste, wie er ein Gespräch beginnen sollte.
„Wesker, kann ich dich kurz unter vier Augen sprechen?", fragte Chris ernst.
„Natürlich, Chris."
Sie stiegen eine Etage tiefer in den Lagerraum, wo ihre Ausrüstung lagerte, weil sie nur dort ungestört reden konnten. Wesker merkte sofort, dass Chris mehr als ungehalten war, und er vermutete, dass es wegen des Heilmittels war.
„Dass wir niemals beste Freunde werden, bedarf ja keiner Erläuterung", begann Chris, „aber ich hätte wenigstens gedacht, dass wir in dieser Situation an einem Strang ziehen. Wenn du ein Heilmittel hast, dann musst du damit rausrücken. Uns läuft die Zeit davon! Je länger die Leute infiziert bleiben, desto geringer ist die Chance, dass wir ihnen noch helfen können. Was ist dein Problem?! Alex und Rebecca hätten längst mit der Arbeit an dem Heilmittel beginnen können, während wir uns um Raphael kümmern. Also was zum Teufel, Wesker, ist das nur mit dir? Was bezweckst du damit?"
„Ich sichere meine Zukunft", sagte Wesker schlicht. Er war Chris keine weiteren Erklärungen schuldig.
„Was ist mit der Zukunft der Menschheit? Ach ja, hab ich ja vergessen, die ist dir ja egal. Insgeheim freust du dich doch wahrscheinlich, dass die Weltbevölkerung ein bisschen reduziert wirst, oder? Ein paar Menschenleben mehr oder weniger … damit hat Albert Wesker ja keine Probleme. Was ist mit Claires Zukunft? Ich hätte eigentlich gedacht, dass dir zumindest Claire nicht egal ist."
„Chris, ich werde euch das Heilmittel überlassen, wenn wir zurück sind, was in ein paar Stunden der Fall sein wird, und ich vorher mit Ingrid Hunnigan gesprochen habe", erklärte Wesker ruhig und sachlich.
„Ich vermute letzteres lässt sich einrichten", sagte Chris. „Ich werde Kontakt mit ihr aufnehmen. Was haben du, dieser VECTOR und dieser HUNK auf dem Schiff herausgefunden?"
„Ich habe einen kleinen Einblick in Raphaels Forschung nehmen können", sagte Wesker, der froh über den Themenwechsel war. „Raphael hat mehrere Stränge des R-Virus entwickelt. Er hat auch einen Strang speziell für Meereslebewesen entwickelt. Wir haben mit ein paar hässlichen B.O.W.s Bekanntschaft gemacht, was sich sicher auf der Queen Megaira wiederholen wird, Chris, also sollten wir uns auf alles gefasst machen. Auf der Queen Tisiphone lagerten noch weitere präparierte Raketen, die er vermutlich in Afrika abschießen wollte. Wir haben das Virus und das Schiff zerstört. Sorgen macht mir, dass es ein drittes Schiff gibt, die Queen Alekto. Ich konnte ein paar Einblicke in das System werfen. Sie liegt momentan im Hafen, aber Raphael könnte sie jederzeit rausschicken, nachdem jetzt die Queen Tisiphone zerstört ist."
„Das ist nicht gut. Konntest du sie wenigstens orten?"
„Ich habe die Koordinaten der Queen Alekto. Wir sollten sie vorsorglich zerstören."
„Gut, ich werde O'Brian anfunken und ihm sagen, dass er ein Team hinschicken soll. Was noch?"
„Ich habe mir Material aus dem System heruntergeladen."
„Das war das Gerät, das du Alex gegeben hast", sagte Chris. „Was ist drauf?"
„Alex wird die richtigen Schlüsse ziehen", sagte Wesker. „Das besprechen wir alles später. HUNK und ich sollten euch ein Briefing über die Monster geben, denen wir begegnet sind."
„Gut, dann macht das." Chris machte sich auf den Weg zurück nach oben. „Ach ja im Übrigen … rede endlich mit Jake", sagte er noch verärgert.
Wesker atmete tief durch. Er wusste, dass er sich seinem Sohn stellen musste, er wusste nur nicht, wie. Als er Schritte hinter sich hörte, rechnete er schon damit, dass Chris Jake zu ihm geschickt hatte, doch stattdessen stieg Claire die Leiter in den Frachtraum hinunter. Bislang hatte sie ihn komplett ignoriert.
„Hey", sagte sie.
„Claire."
„Ich wollte jetzt doch mal mit dir reden", sagte sie und holte tief Luft. „Du hast mich vorhin mit … deiner Frage eiskalt erwischt."
„Das wollte ich nicht", sagte Wesker. „Hast du etwa schon eine Entscheidung getroffen? Du kannst dir noch Zeit nehmen, wenn du willst."
„Nein, ich habe noch keine Entscheidung getroffen", sagte Claire. „Ich wollte einfach ein paar Dinge mit dir besprechen. Das kam einfach so völlig … unerwartet für mich."
„Was gibt es, Claire?"
„Ich weiß nicht so richtig, wo ich anfangen soll", meinte sie. „Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?", fragte sie beunruhigt. Wesker merkte ihr an, dass sie sich unwohl fühlte, wenn sie über das Thema Heiraten sprach. „Ich meine … verheiratet zu sein, das … das bedeutet bis zum bitteren Ende zusammen sein, für einander einstehen, auch wenn die Dinge mal nicht so gut laufen. Verstehst du? Bis wir sterben. Wir werden nicht immer so sein wie jetzt. Wir werden alt werden. Man kann dann nicht einfach mal eben für ein halbes Jahr weglaufen. Es ist eine Entscheidung, die man nicht einfach umkehren kann. Was ist, wenn einer von uns Alzheimer oder so was bekommt? Kannst du damit umgehen?"
Wesker überlegte einen Moment. Als er die Entscheidung getroffen hatte, Claire einen Antrag zu machen, hatte er über die genannten Dinge nicht nachgedacht. Weil er nicht über sie nachdenken musste. Sie waren für ihn in seiner Entscheidung schon mit eingeschlossen gewesen.
„Ich weiß, was das bedeutet. Claire, ich bin bereit dazu", sagte er ruhig.
„Aber ich vielleicht nicht!" Ihre Stimme war nun lauter, sie war aufgebracht. „Du hast keine Ahnung, wie das ist, aber ich schon!", ereiferte sie sich. „Ich war schon mal verlobt. Ich dachte, ich hätte den richtigen Mann gefunden und dann ist alles in einem Augenblick kaputt gegangen. Damals bin ich fast daran zerbrochen. Ich schaff das kein zweites Mal, Wesker. Warum kommst du jetzt damit? Es war doch gut zwischen uns, wie es war! Und wenn ich nein sage?", fragte sie mit Tränen in den Augen. „Kannst du dann damit leben?"
„Wie immer deine Entscheidung ausfällt, Claire, ich respektiere sie."
„Aber es wird zwischen uns nicht mehr so sein wie früher", entgegnete sie. „Weißt du, nach dem, was ich durchgemacht habe, habe ich einfach Angst. Ich liebe dich und ich will für immer mit dir zusammen sein. Aber du bist mir zu wichtig, was wir haben, ist mir zu wichtig, um es einfach wieder leichtfertig mit so was wie einer blöden Verlobung aufs Spiel zu setzen. Kannst du das verstehen?"
Er verstand. Claire wandte sich um, wollte nach oben gehen, dann entschied sie sich dagegen und wanderte stattdessen nervös im Lagerraum auf und ab. Sie war aufgeregt, außer sich. Wesker näherte sich ihr langsam und legte seine Arme um sie. Sie protestierte im ersten Moment, wollte sich seiner Umarmung entziehen, doch schließlich ließ sie seine Nähe zu. „Ich könnte das nicht noch mal ertragen, wenn es ein zweites Mal schiefgeht. Dann überlebe ich das nicht."
Niemals wollte Wesker es zulassen, dass Claire etwas geschah. „Es tut mir leid", sagte er und es kam selten vor, dass ihm etwas aufrichtig leidtat. „Ich hätte nicht fragen sollen."
Eine ganze Weile standen sie einfach nur da und genossen die Nähe des anderen. Claire hatte ihren Kopf an Weskers Brust gelehnt.
„Claire, HUNK war wegen seiner Frau sehr beunruhigt", sagte Wesker. „Was war da los?"
Claire, die sichtlich froh war, dass er das Thema wechselte, wischte sich die Tränen weg und lächelte sogar wieder. „Patricia war ziemlich … durch den Wind. Der gute HUNK wird noch mal Vater."
„Wirklich?", fragte Wesker erstaunt. „Eine gute Nachricht in dieser dunklen Zeit."
„Das finde ich auch", meinte Claire. „Vater ist ein gutes Stichwort. Tust du mir einen Gefallen? Rede bitte mit Jake."
Wesker seufzte. „Ich weiß doch nicht wie, Claire. Wie soll ich das Gespräch beginnen?"
„Ich werde dir helfen", bot Claire an. „Komm." Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn nach oben. Es war an der Zeit für Wesker, sich seiner größten Angst zu stellen.
„Ihr Bruder, Alex, kann ein richtiger Idiot sein", meinte Rebecca ärgerlich.
„Das ist Albert, er tut kaum etwas, ohne sich etwas davon zu versprechen", meinte Alex. Sie war auch enttäuscht von ihrem Bruder. Sie hatte erwartet, dass sie bald am Heilmittel arbeiten könnte. „Ich bin mir sicher, dass er das Heilmittel als Druckmittel ausspielen will. Sollte mich wundern, wenn nicht."
VECTOR erwachte immer wieder für wenige Augenblicke, nur um dann gleich wieder in die Dunkelheit abzugleiten. Er hörte Stimmen um sich herum, sah schemenhafte Gesichter. Er trug eine Sauerstoffmaske und die Schmerzen waren fast vollständig abgeklungen.
Eine Frau beugte sich über ihn und sprach mit ihm. „VECTOR, geht es Ihnen besser?" Er blinzelte ein paar Mal, bis sich seine Sicht scharfstellte. Er blickte in das Gesicht einer dunkelhaarigen Frau, die ihn freundlich anlächelte. „Mein Name ist Helena. Wissen Sie, wo Sie sind?"
VECTOR schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Sie sind in einem Helikopter. Wir bringen Sie an einen sicheren Ort und kümmern uns um ihre Verletzungen", erklärte ihm die unbekannte Frau namens Helena. Sie gefiel VECTOR, er fand sie überaus attraktiv. Wenn er nicht so schwach gewesen wäre, dann hätte er sie um ein Abendessen gebeten. Vielleicht wollte er das nachholen, wenn es ihm besser ging.
Ihr erster Wortwechsel erwies sich als enorme Herausforderung, wie Wesker schon befürchtet hatte. Claire erleichterte ihnen den Einstieg, indem sie ihnen einen Aufhänger für ein Gespräch gab, doch sie sprachen nur wenig in der halben Stunde, bis Chris zu ihnen kam und Wesker darüber informierte, dass er jetzt mit Ingrid Hunnigan telefonieren konnte. Wesker konnte nicht leugnen, dass er mehr als erleichtert über die Unterbrechung war.
Während ihres Gesprächs hatte er den Eindruck gewonnen, dass Jake sich nicht traute, das zu sagen, was eigentlich in ihm vorging und Wesker selbst hatte nicht den Mut, das Thema aufzuwerfen: seine Vergangenheit mit Jakes Mutter Anna, ihre gemeinsame Geschichte, warum es zur Trennung gekommen war. Jake hatte eine Menge Wut und Verdruss in sich angestaut. Auch wenn er versuchte, möglichst freundlich zu sein, entging Wesker nicht die Abneigung, die sein Sohn für ihn empfand. Es stand eine Menge Unausgesprochenes zwischen ihnen. Während des gesamten Gesprächs hatte Jake die Arme verschränkt gehalten und seinem Vater nur hin und wieder einen Blick von der Seite zugeworfen. Meistens hatte er nachdenklich nach vorne auf den Boden gestarrt. Sie hatten hauptsächlich über Sherry und das Baby gesprochen, ein bisschen auch über Klavierspielen, Kampfsport und Motorräder. Claire hatte ihn auf letzteres gebracht.
„Vielleicht leiste ich dir ja mal beim Training Gesellschaft, wenn deine … Freundin nichts dagegen hat", meinte Jake, als Wesker sich erhob, um zu telefonieren. Wesker schmunzelte. Dankbar der angespannten Situation zu entkommen, entschuldigte er sich bei Jake und nahm das Handy von Chris entgegen. Er entfernte sich von den anderen, um offen und ungestört reden zu können. Ihm entging jedoch nicht, dass Chris ihn genau beobachtete.
„Sie wollten mich sprechen, Mr. Wesker?", fragte Ingrid Hunnigan am anderen Ende.
„In der Tat."
„Mr. Redfield hat mich darüber informiert, dass Sie über ein Heilmittel gegen das R-Virus verfügen. Er sagte, dass Sie es bewusst zurückhalten. Mr. Wesker, ich muss Sie in aller Dringlichkeit bitten, es sofort auszuhändigen."
„Was für ein Zufall, eigentlich hatte ich genau das vor", sagte Wesker ruhig.
„Warum tun Sie es dann nicht?", fragte Hunnigan ungeduldig.
„Ich weiß eben, in welchen Momenten ich meine Trumpfkarte ausspielen muss", sagte Wesker. „Ich werde Ihnen das Heilmittel geben. Besser gesagt, werde ich es meiner Schwester und Rebecca Chambers übergeben und mit ihnen zusammen daran arbeiten. Im Moment ist seine Wirkung leider noch nicht völlig zufriedenstellend. Ich werde das tun, wenn wir von dem Schiff zurückkommen. Ich werde das aber nur unter einer Bedingung tun."
„Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie eine Forderung stellen. Was wollen Sie, Wesker?" Sie war ungehalten, ihre Stimme verriet sie, aber sie bewahrte ihre Contenance.
„Wenn wir Raphael geschnappt haben und die Gefahr gebannt ist, dann möchte ich in ein normales Leben zurückkehren", sagte Wesker. „Ich möchte nicht, dass Sie mich wegen meiner Vergangenheit weiter verfolgen."
„Sie wollen, dass wir Ihnen Immunität im Austausch für das Heilmittel garantieren, verstehe ich Sie richtig?"
„Ja."
„Das kann ich nicht entscheiden. Ich muss meine Vorgesetzten und den Präsidenten darüber informieren. Aber Wesker, Sie können doch nicht ernsthaft glauben, dass Ihre Taten ungesühnt bleiben? Die Verbrechen, die Sie begangen haben, sind nicht verjährt. Ihr Tod hat Sie vor Strafverfolgung bewahrt, ja. Aber da Sie nun wieder am Leben sind …"
„Dann wird es nichts mit dem Heilmittel. Und Sie vergessen wohl, dass ich Ihnen auch helfe, Raphael auszuschalten", entgegnete Wesker. „Das muss ich nicht tun. Nichts verpflichtet mich dazu. Ebenso verpflichtet mich nichts, ein Heilmittel für Sie zu produzieren. Entweder Sie nehmen das Angebot an oder Sie tragen die Konsequenzen. Angesichts unserer Notlage wäre es wohl kaum zu verantworten, ein schon bestehendes Heilmittel nicht anzunehmen. Wie lang würden Ihre Forscher für ein Neues brauchen? Monate, vielleicht Jahre?"
„Das ist Erpressung", erwiderte Hunnigan.
„Sie nennen es Erpressung, ich nenne es einen klugen Schachzug zu meinen Gunsten", meinte Wesker. „Ich erwarte Ihre Antwort, wenn wir zurück sind."
Er legte auf und das gute Gefühl des triumphalen Sieges durchströmte ihn. Die Regierung konnte nicht ablehnen, dafür war ihre Lage zu heikel. Er kam nicht umhin zu grinsen, als er zu Chris hinübersah. Dieser sah grimmig drein. Einige Dinge hatten sich geändert, aber manche Dinge blieben, wie sie waren.
Claire hatte sich aus ihrer Höhle getraut und saß nun neben Wesker. Er und HUNK schliefen während des restlichen Fluges, um sich von den Strapazen ihres letzten Einsatzes zu erholen. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter angelehnt und döste vor sich hin. Sie machte sich wegen seiner Verletzung, die er auf dem Schiff erlitten hatte, immer noch Sorgen um ihn. Durch den Stoff seiner Uniform war der Verband deutlich zu spüren. HUNK hatte ihr nicht erzählen wollen, was Wesker passiert war, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass er im Kampf mit irgendeiner Monstrosität wahrscheinlich nur knapp dem Tod entronnen war. Er war blass und sah müde und entkräftet aus. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte und wenn Weskers Fähigkeiten nicht so unverzichtbar gewesen wären, hätte Claire ihn gedrängt, im Anwesen zu bleiben und sich zu erholen. Nur beim Gedanken daran, ihn verlieren zu können, zogen sich ihre Eingeweide schmerzhaft zusammen.
An der Küste tauschten sie das Flugzeug gegen einen Helikopter. Der Pazifik hatte hohen Wellengang, aber die mächtige Queen Megaira trieb gemächlich dahin, völlig unbeeindruckt von den Wellen, die an ihre Seiten schlugen. Wesker und HUNK, die den Aufbau des Schiffes bereits kannten, liefen voraus und führten Claire und die anderen auf dem kürzesten Weg zum Labor. Wie zu erwarten, hatte Raphael vorgesorgt. Das ganze Schiff wurde von widerlichen Monstern bewacht. Wesker und HUNK erledigten so viele wie möglich mit Schwert und Messer, damit sie keine Kugeln verschwenden mussten und die Monster nicht zu sehr aufregten. Überwachungskameras verfolgten sie auf Schritt und Tritt. Claire hatte Angst, was sie im Labor erwarten würde. Sie hielt sich an Wesker. In seiner Nähe fühlte sie sich einerseits beschützt, andererseits wollte sie nicht von seiner Seite weichen, solange er geschwächt war.
Bevor sie den Aufzug in Richtung Maschinenraum betreten konnten, erledigten sie eine Horde mutierter Krebse. Die Schlüsselkarte, die Wesker aus der Queen Tisiphone mitgebracht hatte, funktionierte und öffnete einen langen Gang, der sie zu einer runden, elektronischen Tür brachte. Den Schließmechanismus bildeten mehrere Schlangen, die ineinandergriffen. Die Tür war verriegelt und konnte nur mit einem speziellen Code geöffnet werden. Wesker versuchte es ein paar Mal auf dem Bedienfeld, doch der Zutritt wurde ihnen verweigert.
„Verdammt, was machen wir jetzt? Wir müssen da rein."
Während sie überlegten, öffnete sich die Tür plötzlich von allein und gab den Blick auf eine runde Plattform preis, in deren Mitte sich ein riesiger Glastank auftürmte, der mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt war. Ringsum an den Wänden befanden sich eine ganze Reihe Türen, die, so vermutete Claire, zu weiteren Räumen des Labors führten. Unter ihnen lag nur der Bauch des Schiffes, der mit Wasser gefüllt war. Claire war sich nicht sicher, aber sie glaubte Schatten im Wasser zu erkennen, die sich schnell bewegten. Genau auf der gegenüberliegenden Seite des runden Raumes befand sich ein Aufzug, der nach unten führte.
Claires Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich, sobald die Tür aufging. Sie war sich sicher, dass eine Falle auf sie wartete. Auch ihr Bruder und die anderen schienen ähnlich zu denken, denn sie hoben allesamt ihre Waffen. Ada Wong legte einen Pfeil in ihre Armbrust.
Wesker und HUNK tasteten sich vorsichtig mit erhobenen Waffen nach vorne. Das Labor schien verlassen. Sie nickten Claire und den anderen zu und gaben ihnen so das Zeichen, ihnen zu folgen.
„Diese Ruhe gefällt mir nicht", meinte Jake.
„Was ist der Plan, Wesker?", fragte Chris.
„Wir müssen das Virus neutralisieren und den Selbstzerstörungsmechanismus des Schiffes aktivieren. Darum werde ich mich kümmern. Ihr anderen durchsucht die Labors nach nützlichen Informationen. Aber seid vorsichtig, wir wissen nicht …"
Bevor er zu Ende sprechen konnte, schloss sich die Tür hinter ihnen und die Schlangen griffen ineinander.
„Verdammt, wir sind eingesperrt!", sagte Leon, nachdem er an der Verriegelung gerüttelt hatte.
In diesem Moment sprangen bestimmt zwei Dutzend B.O.W.s aus dem Wasser und auf die Plattform. Es waren allesamt verschiedene Haie. Manche hatten eine graue Haut, manche eine violette oder blaue. Ungefähr die Hälfte hatte lange Klingen an den Händen, die andere Hälfte so etwas wie einen Speer und ein Schild. Claire und die anderen waren eingekreist. Die Haie kamen bedrohlich auf sie zu, aber griffen nicht an.
Ein Lachen schallte durch den hohen Raum. Raphael Simmons trat hinter dem Glastank hervor.
„Raphael …" Wie lang hatte Wesker auf diesen Moment gewartet? Raphael war ganz in Schwarz gekleidet und trug eine Sonnenbrille. Fast kam es Wesker so vor, als blicke er in den Spiegel und sah sein jüngeres Selbst, nur dass Raphael schwarze Haare hatte. In Wesker kochte beim Anblick des verhassten jungen Mannes die Wut hoch.
„Albert Wesker", sagte er ruhig. „Mein entlaufenes Forschungsprojekt kommt von alleine wieder zurück. Leider ein wenig zu spät. Ich fürchte, ich habe keine Verwendung mehr für dich. Tut mir leid."
„Du wirst bezahlen, Raphael", knurrte Wesker.
Raphael hatte nur ein süffisantes Grinsen für Wesker übrig. „Das glaube ich kaum. Wir schön, Sie alle mal persönlich kennenzulernen." Er sprach nun die ganze Gruppe an. „Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört. Wie mir zugetragen wurde, haben zwei von Ihnen meiner Familie schon eine Menge Ärger bereitet."
Leon und Ada tauschten einen Blick miteinander.
„Sie haben mir mit Ihrer konstanten Überwachung eine Menge Unannehmlichkeiten bereitet", sagte Raphael. „Es war lästig, aber schlussendlich waren Ihre Mühen umsonst. Es hat es Ihnen nichts genützt. Ich bin ein wenig enttäuscht von der B.S.A.A. Da hat Sie Amanda schon auf meine Spur gebracht und Sie schaffen es trotzdem nicht, die Katastrophe zu verhindern." Er schüttelte den Kopf. „Und Sie haben Amandas Lügen nicht durchschaut. Was sind Sie? Unfähig? Unwillens Ihren Job zu machen?"
Wesker ballte seine freie Hand zur Faust.
„Das ist im Übrigen mein Schwert", sagte Raphael an Wesker gewandt. „Es befindet sich seit über zweihundert Jahren im Besitz meiner Familie. Ich will es zurück haben."
„Wer's findet, dem gehört's", gab Wesker als knappe Antwort zurück.
Raphael schnaubte. „Es war überhaupt nicht nett, mein Schiff mit meiner Arbeit zu zerstören. Darüber kann ich nicht einfach hinwegsehen. Ich kann es nicht zulassen, dass mein Werk torpediert wird."
Die Haie gingen auf Angriff.
„Die Welt verdient es nicht zu existieren", sagte Raphael. „Jeder, der glaubt, die Welt wäre es wert, gerettet zu werden, ist ein Narr, der die Wahrheit nicht erkannt hat. Die Menschen verdienen es nicht zu leben. Alles, was sie tun, alles, was sie können, ist zerstören. Sie zerstören unseren Planeten und sie fügen sich gegenseitig Schmerzen zu. Es ist ein ewiger Kreislauf aus Schmerzen und Zerstörung. Ich werde diesen Kreislauf durchbrechen und dem Leiden ein Ende bereiten."
„Raphael, egal wie viele Menschen du tötest, du wirst damit die Stimmen in deinem Kopf niemals zum Schweigen bringen können", sagte Wesker. „Der Schmerz in deinem Inneren, der dich so quält, wie dadurch nicht weggehen."
„Dabei dachte ich eigentlich, dass gerade du mich verstehen würdest. Wir haben eine Menge gemeinsam."
„Das habe ich hinter mir gelassen", sagte Wesker.
„Das heißt, du würdest alles tun, um die Welt zu schützen?", fragte Raphael.
Wesker sah zu Claire. „Ja, das würde ich. Es gibt immer etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wir wissen, dass Amanda dich verraten hat. Und ich kann mir vorstellen, wie es dir damit geht, Raphael, aber die Welt zu zerstören, ist keine Lösung. Das wird nichts besser machen."
„Sei still!", knurrte Raphael verärgert. Er zog ein kleines Gerät aus seiner Tasche und drückte einen Knopf. „Ihr könnt euch entscheiden. Entweder seid ihr für mich oder gegen mich. Ich werde euch jetzt zeigen, was mit denen passiert, die meinen, sich mir in den Weg stellen zu müssen."
Eine gewaltige Kreatur, so groß wie zwei erwachsene Männer, sprang aus dem Wasser und landete neben Raphael. Es war ein mutierter Hai mit Klingen an den Händen. Er war muskulös und gut gepanzert. Auf seinem Rücken prangten Stacheln. Bedrohlich peitschte er mit seiner mächtigen Schwanzflosse durch die Luft.
„Darf ich vorstellen, das neueste Tyrantenmodell, inspiriert von Thalos, geschaffen durch meinen R-Virus", erklärte Raphael. „Ich habe jetzt zu tun. Amüsiert euch schön, solange ihr könnt. Ihr werdet dieses Schiff ohnehin nicht mehr verlassen. Es war nett, euch kennengelernt zu haben."
Er verschwand und stieg in den Aufzug. Wesker wusste, dass er noch ein Chance hatte. „Es ist dein Onkel Gabriel, oder? Er hat dir Amanda weggenommen und will dich aus dem Weg räumen, um Oberhaupt der Familie zu werden, nicht wahr?"
Trotz der Sonnenbrille, die seine Augen verbarg, war auf Raphaels Gesicht sofort zu erkennen, dass Wesker einen Nerv getroffen hatte. Zum ersten Mal war Raphaels Selbstsicherheit gewichen. Leider verschlossen sich die Aufzugtüren, sodass Raphael nichts mehr erwidern konnte.
„Verdammt!", fluchte Wesker. Sie waren nicht nur in eine Falle gelaufen, Raphael war schon wieder dabei zu entkommen.
„Er darf nicht entkommen!", rief Chris und lief nach vorne, doch die B.O.W.s stellten sich ihm in den Weg.
Sie standen einer gewaltigen Übermacht gegenüber. Raphaels Falle war zugeschnappt. Wesker verlor die anderen aus den Augen. Er hörte nur Schüsse und Schreie. Er wollte zur Claire, er wollte sie beschützen, doch die Haie hatten sie voneinander getrennt und in die Enge getrieben und der Tyrant hatte Wesker ins Visier genommen. Wesker stand ihm in seinem geschwächten Zustand nicht nur allein gegenüber, sondern auch praktisch chancenlos.
Das wild gewordene Vieh holte mit seiner Klingenhand aus. Wesker wich aus, indem er sich über die Schulter abrollte. Die Klinge erwischte ihn gerade noch an den Haarspitzen. Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen verletzten Arm. Gerade als er sich wieder aufgerichtet hatte, wurde er schon von der dicken Schwanzflosse von den Füßen gefegt und ein paar Meter weit durch die Luft geschleudert. Er schoss, doch die Kugeln seiner Pistole prallten völlig wirkungslos vom Panzer der Kreatur ab. Wesker sprang auf die Füße und wollte das Schwert ziehen, doch er war nicht schnell genug. In diesem Moment drang eine scharfe Klinge in seinen Brustkorb ein und durchbohrte seinen Lungenflügel.
Wesker entfuhr noch ein kurzer Schmerzensschrei, dann verstummte er. Seine Sicht verschwamm. Er wurde auf den Boden geworfen. Er konnte nicht atmen und schmeckte Blut in seinem Mund. Alle Kraft war aus einem Körper gewichen und er konnte nicht mehr aufstehen. Der B.O.W. beugte sich über ihn und rammte ihm ohne zu zögern seine Klingenhand in den Bauch.
„Nein!" Der Schrei einer Frau drang aus weiter Ferne zu ihm. In diesem Moment wusste Wesker, dass es vorbei war. Es fühlte sich genau wie damals an, als ihn der Tyrant im Spencer-Anwesen durchbohrt hatte. Die kalten Klauen des Todes griffen nach ihm.
Der B.O.W. zog seine Waffe aus Weskers Körper und verschwand. Seine kleineren Artgenossen zogen sich ebenfalls zurück. Eine weitere Welle des Schmerzes durchfuhr Wesker. Die Geschehnisse um ihn herum waren plötzlich nicht mehr wichtig. Warum waren sie eigentlich gekommen? Was hatten sie sich von ihrer Reise versprochen? War es etwa um Raphael gegangen? Oder um den R-Virus? Das hatte längst seine Bedeutung für Wesker verloren.
„Wesker! Wesker …" Die Stimme war nun ganz nah. Ein rothaarige Frau beugte sich über ihn, ihre Haare kitzelten sein Gesicht.
„Claire …" Wesker rang nach Luft. Er röchelte. Nun wusste er, wie es sich anfühlte, wenn man erstickte.
„Wesker, bitte halte durch. Bitte!", flehte sie verzweifelt. Ihre sanften Hände berührten sein Gesicht.
Er versuchte es, aber die Kraft, die ihn mit sich in die Dunkelheit hinabzog, war zu stark.
„Nein, Wesker! Bitte!" Heiße Tränen fielen auf sein Gesicht.
Die Welt hier wurde bedeutungslos für ihn. Nicht mal Claire konnte an diesem Umstand etwas ändern. Müdigkeit überkam ihn und seine Augen fielen zu.
