„Ich will nicht, will nicht, will nicht!", rief Willie, riss sich aus seines Vaters Griff los und wollte wegrennen, stolperte jedoch, sprang herum und brüllte, wohl von einer unsäglichen Wut gepackt: „Ich hasse die Schule und du kannst mich nicht dazu zwingen, in den Ferien zur Schule zu gehen! Und schon gar nicht bei Mary Ingalls …"
So schnell, wie sein Sohn den Laden verlassen hatte, konnte Nels gar nicht sehen. Er holte tief Luft, presste die Lippen fest aufeinander und strich sich mit beiden Händen über die Brust. Dann wandte er sich an Mary, die schräg hinter ihm stand: „Es tut mir leid. Ich hätte es wissen müssen."
Sie schwieg einen Moment, „sah" nur in seine Richtung. Und er, nicht recht wissend, jedoch noch um seine Fassung kämpfend, schob hinterher: „Ich weiß nicht, was mit ihm gerade los ist. Im Grunde ist er doch ein lieber Junge, treibt nur manchmal seine Scherze …"
„Ich weiß", erwiderte Mary sacht. „Ich kann ihn verstehen. In den Ferien zur Schule zu müssen? Auch wenn sie im heimischen Wohnzimmer abgehalten wird und es sich nur um ein paar Stunden am Vormittag handelt? Für ihn unvorstellbar."
„Und was jetzt?", fragte Nels hilflos. „Was meinst du, was …?"
„Ich werde wohl morgen wiederkommen und es noch einmal versuchen."
Sie hörte, wie Nels Luft holte, hörte auch, wie er sich erneut über die Brust fuhr.
„Gut", sagte er schließlich, „gut, dann …"
Er sah, wie sich Mary anschickte, den Laden zu verlassen. Heute Morgen hatte er sie von daheim abgeholt – er dann allein mit ihr auf dem Kutschbock diese 20 Minuten bis nach Walnut Grove hinab. Schweigend hatten sie beieinandergesessen, als wären sie sich vollkommen fremd. Und das einerseits, weil ihm der Mut gefehlt hatte, sie anzusprechen, gar das zu fragen, was ihm schier das Herz verbrannte. Andererseits jedoch, weil sie plötzlich so ungreifbar wirkte. Doch nun, da sie seinen Laden wieder verlassen wollte, um zu Fuß nach Plum Creek zurückzukehren, nahm er sich ein Herz und fasste sie am Arm.
„Mary", sagte er ganz leis', dann räusperte er sich. Sein Blick glitt ab, so als hätte sie ihn tatsächlich angesehen. Und er, sich nun schämend … Er war ein Feigling! Solch ein Feigling! „Ich wollt' dir nur sagen, dass du selbstverständlich auch für den heutigen Tag den vollen Lohn erhältst. Und fragen wollt' ich dich auch, ob du ihn gleich …"
„Nels", unterbrach ihn Mary und löste sich aus seinem Griff, „ich möchte meinen Lohn erst erhalten, wenn ich deinen Sohn tatsächlich unterrichtet habe."
„Ja", schnappte er, „schon gut, schon gut", und sein Herz begann zu rasen, da er sah, wie sie tatsächlich seinen Laden verlassen wollte, ohne, dass er … Es schmerzte ihn beinahe, sie so gehen zu sehen und sie nicht gefragt zu haben.
„Mary", rief er, eilte ihr nach und ergriff sie wieder beim Arm. „Mary, wann … wann sehen wir uns wieder? Wann …?"
Einen Moment lang blieb sie nur stehen, dann löste sie sich wiederum aus seinem Griff, sagte: „Morgen früh, wenn du mich abholst."
„Und die Wiese …?", entfuhr's ihm, sie aber schüttelte nur den Kopf.
Anderntags stand sie wieder Willie Oleson gegenüber. Er diesmal etwas ruhiger, schien sich in sein Schicksal zu fügen, wie ein junges Pferd, dem man Bandagen angelegt hatte. Sie wusste nicht, was sein Vater mit ihm angestellt hatte. Geschlagen hatte er ihn nicht. Das wusste sie. Er würde das nie tun. Vielleicht aber hatte er ihm ins Gewissen geredet. Den Widerwillen hatte er seinem Sohn nicht ausreden können, das spürte Mary, denn Willie war zapplig, und seine Stimme wirkte gedrückt, die Worte brachte er gepresst heraus. Er trug an einem großen Groll. Und das schlug sich auch auf seine Konzentration nieder. Er konnte kaum bei der Sache bleiben. Rechnen, das wollte er absolut nicht, das Lesen ebenso wenig. Geschichte? Geographie? Keine Spur von Interesse. Was er wolle, was er gut könne, hatte sie ihn noch gefragt und dafür nur ein Schweigen geerntet. Schließlich beschloss sie, für heute abzubrechen, wollte sich schon von ihm verabschieden, da sagte er plötzlich: „Ich war gestern draußen. Weit draußen – in Richtung Plum Creek bei den Wiesen und ich hab' Sie gesehen, Miss Ingalls."
„So?", entfuhr es ihr.
„Ja, und nun frage ich mich, was Sie da getan haben."
„Gesessen habe ich dort", erwiderte sie.
„Ich hab's gesehen. Und Sie haben nur nach Westen geschaut."
„Das stimmt, Willie, das hab' ich … Ja …"
„Und warum?"
Mary schwieg einen Moment, überlegte, was sie erwidern sollte, ja konnte. „Ich mag diese Wiesen", sagte sie schließlich, „schon als Kind habe ich sie gemocht. War am Liebsten dort draußen, zumeist, um zu lesen."
„Das geht ja jetzt nicht mehr", entfuhr es Willie.
„Doch Willie", entgegnete sie, „das geht noch immer. Es gibt Bücher für blinde Menschen."
„Und wie sollen die aussehen? Wie kann ein blinder Mensch lesen?"
„Nun, ich kann dir morgen ein Buch mitbringen, wenn du magst, dann kann ich's dir zeigen – oder, wir gehen jetzt gleich zur Blindenschule hinüber. Was meinst du?"
Willie schwieg einen Moment, dann sagte er: „Ich frage mich wirklich, warum Sie die ganze Zeit gen Westen gesessen haben, die ganze Zeit … obwohl sie doch überhaupt nichts mehr sehen können. Das ergibt doch keinen Sinn."
„Du warst also auch auf der Wiese? Hast mich sogar beobachtet?"
„Ja", erwiderte Willie, „ich hab' mich eine Weile sogar ganz in Ihre Nähe gesetzt."
„Was? Aber das hätte ich doch – oder zumindest Bandit hätte es …"
Mary fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.
„Na ja, wenn Sie mich schon fragen, was ich gut kann, dann wohl das, mich anschleichen wie ein Indianer."
