Mittlerweile war es bereits nach 21:00 Uhr und nur langsam fing sich an auf dem Gelände mehr zu tun.
„Es nähern sich drei Lastwagen und zwei Kleintransporter." Tönte es aus einem der Funkgeräte in der mobilen Einsatzzentrale. „Das ist verstanden. Jeder bleibt auf seinem Post!" befahl Haverlant und stellte das Funkgerät zurück auf den Tisch.
Neben ihm waren noch zwei Techniker, Zeidler, Anna, Tom und Semir in der Einsatzzentrale. Letzterer hatte es sich trotz seines Gips-Arms nicht nehmen lassen dabei zu sein. Auch wenn er nur als Zuschauer da war.
Sie waren bereits seit gut sieben Stunden hier, was Semir viel Zeit gegeben hatte seine beiden Kollegen zu beobachten. Und was er gesehen hatte, gefiel ihm im Moment gar nicht. Beide wirkten müde und angespannt. Außerdem war er sich mittlerweile nahezu sicher, dass sein Freund ein Auge auf ihrer beider Chefin geworfen hatte. Alles zusammen ergab eine unglaublich ungünstige Mischung, wenn man daran dachte das sie kurz davor waren eine bis unter die Zähne bewaffnete Verbrecherbande hochzunehmen.
Und genau jetzt verkündete einer der Techniker das das GPS Signal von Besnik Kastraties Handy sich ebenfalls näherte.
„Also schön... Es scheint ernst zu werden!" Mark Haverlant sah in die Runde. „Überprüfen sie bitte ihre Ausrüstung! Herr Gerkhan, sie halten hier die Stellung." Semir nickte knapp und trat zu Tom, der genau wie die Anderen seine kugelsichere Weste anlegte und seine Waffen überprüfte.
Da sie mit massiver Gegenwehr rechneten, trugen sie zusätzlich zu ihren normalen Dienstwaffen jeder eine MP5 Maschinenpistole.
„Bist du dir sicher das das eine gute Idee ist?" fragte Semir Tom leise. „Was soll denn keine gute Idee sein?" sein Freund sah nicht nur angespannt aus, er klang auch so. „Das ihr beide bei dem Zugriff dabei seid!" Semir zog Tom noch ein Stück weiter beiseite. „Die Engelhardt hat in letzte Zeit mehr als einmal bewiesen das sie derzeit unberechenbar sein kann. Und du scheinst auch nicht ganz bei der Sache zu sein! Lasst das doch die Profis von SEK und GSG9 machen..."
„Wir wissen beide was wir tun, danke! Sonst noch etwas?" Sagte Tom trotzig, obwohl er sich tief im Inneren selber fragte ob es wirklich eine gute Idee war, dass sie sich an dem Zugriff beteiligten. Er wusste aber auch, dass es zwecklos sein würde zu versuchen Anna davon zu überzeugen hier zu bleiben. Und er würde sie unter keinen Umständen alleine lassen!
Semir schüttelte nur den Kopf. „Passt bloß auf euch auf! Ich trete dir so kräftig in den Hintern das du für Wochen nicht mehr sitzen kannst, solltest du da nicht unbeschadet rauskommen!" Darauf musste Tom kurz schmunzeln. „Keine Sorge, das wird schon gut gehen!"
Betim Kastrati sah sich vom Beifahrersitz seines Geländewagens nervös um, als er und sein Bruder auf das Gelände der ehemaligen Kiesgrube fuhren. Ihm gefiel das alles überhaupt nicht! Erst der Vorfall mit seinen idiotischen Neffen und dann auch noch Koslov's Verhaftung.
Sein Bruder hatte ihm zwar mehrfach versichert das die Polizei ausschließlich an Ilija interessiert war, den man von dem Überfall auf die Autobahnpolizei wiedererkannt hatte und ihn, Besnik, zügig hatte gehen lassen, dennoch hiterließ das alles einen bitteren Beigeschmack.
Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt alles abzublasen und den Deal platzen zu lassen. Zmeya wäre vermutlich nicht begeistert gewesen, aber ein paar hunderttausend Mark hätten auch das Problem gelöst.
Meldungen von gestern Abend über Revierkämpfen mit rivalisierenden Banden in Berlin und Rostock hatten ihn jedoch davon abgehalten. Sie brauchten die zusätzlichen Waffen dringend, um die Machtverhältnisse ein für alle Mal zu klären.
Und genau deswegen stieg er jetzt vor dem alten Fabrikgebäude aus seinem Jeep und beobachtete wie die Taschen mit dem Bargeld von seinen Leuten aus dem Kofferraum geholt wurden. Die Lastwagen mit den Waffen parkten um die Ecke. Zmeya's Leute waren schon damit beschäftigt einige der Kisten von den Ladeflächen zu heben, damit sie die Waffenlieferung prüfen konnten.
Besnik trat neben ihn und gemeinsam betraten die Brüder das heruntergekommene Gebäude, allerdings erst nach dem sie sich vergewissert hatten, dass ihre kleine Privat-Armee um die ehemalige Fabrik Stellung bezogen hatte.
Semir rutschte unruhig auf seinem Stuhl in der mobilen Einsatzzentrale hin und her. Über zwei Kameras konnte er immerhin einen Teil des Geländes beobachten. Den Rest bekam er nur über Funk mit.
Die Kollegen machten sich gerade bereit von allen Seiten gleichzeitig zuzugreifen. Semir war lange genug Polizist, um zu wissen das dieser Zugriff brandgefährlich war. Auch wenn die Auflösung auf dem kleinen Bildschirm vor ihm nicht die Beste war, erkannte er trotzdem das die Männer, die um die Fabrik herum wachestanden, schwer bewaffnet waren. Als Gerkhan Haverlant's Stimme aus dem Funkgerät deutlich „Zugriff!" sagen hörte, zuckte er merklich zusammen. Es dauerte keine 10 Sekunden, bis die ersten Schüsse fielen.
Betim Kastrati ließ eine ganze Tirade an wüsten Flüchen los, als er die Schüsse von draußen hörte. Hätte er doch bloß auf sein Bauchgefühl gehört und den Deal abgesagt!
Sein Bruder neben ihm fluchte genauso ungehalten und Zmeyas Leute fingen hastig an die Kisten, in denen sich die Waffen befanden aufzubrechen.
Sturmgewehre, die dazu passende Munition, Handgranaten und einige tragbare Raketenwerfen kamen zum Vorschein. Immerhin, damit würden sie sich den Weg schon freischießen können!
Einer seiner Cousins kam auf ihn zugelaufen und verkündete das die Bullen von allen Seiten auf das Gebäude zustürmten. Erneut fluchend griff Betim nach einem der Sturmgewehre. Auch zwei Handgranaten fanden den Weg in seine Jackentasche. Zusammen mit seinem Bruder, der genau wie er mit Sturmgewehr und Handgranaten bewaffnet war, rannte er auf einen der beiden Ausgänge zu.
Die Schüsse waren bereits sehr viel nähergekommen und auch das Gebrüll der Bullen, die ihnen befahlen, sich zu ergeben war jetzt deutlich zu hören. Außer sich vor Wut feuerte Betim eine ganze Salve in Richtung des ersten Polizisten, den er sah. Von den Kugeln getroffen und wie der Albaner hoffte, tot, ging der Beamte zu Boden.
Tom und Anna hatten sich genau wie Haverlant und Zeidler erst einmal ein wenig im Hintergrund gehalten und die Kollegen von SEK und GSG9 ihre Arbeit machen lassen.
Da die ersten Beamten der Sondereinsatzkommandos mittlerweile trotz des heftigen Beschusses bis in die Fabrik vorgedrungen waren, rückten auch die vier Kommissare in Begleitung von weiteren SEK-Beamten immer weiter vor und gerieten selber unter heftigen Beschuss.
Nur dank eines beherzten Schubses von Tom, der ihn und Anton Zeidler zu Boden warf, entging der BKA Beamte einer Kugel. Anna und Haverlant warfen sich ebenfalls zu Boden und suchten hinter einem nahegelegenen Kieshügel Deckung.
„Alles in Ordnung bei euch?" rief Tom den Beiden zu, während er und Anton hinter einem Sandhügel Schutz suchten. „Ja, bei euch?" kam prompt die Antwort von Mark.
„Ja, das ist gerade noch mal gut gegangen!" Anton wandte sich an Tom. „Danke, Kranich! Ich schulde ihnen was!" sagte er aufrichtig. Tom nickte und sah dann wieder zu Haverlant und Anna herüber. Die Beiden waren ca. 15 Meter von ihnen entfernt und bereits näher am Gebäude.
Während einer kurzen Feuerpause nutzen beide Polizisten die Gunst der Stunde und rannten die letzten Meter zur Fabrik, in der sie umgehend verschwanden. Tom und Zeidler wollten ihnen folgen, wurden aber erneut schwer unter Beschuss genommen und mussten einmal mehr hinter dem Sandhügel in Deckung gehen.
Nur langsam verlagerte sich das Feuergefecht in das Innere der alten Kiesfabrik und die ersten von Kastratis Leuten wurden abgeführt oder lagen verletzt am Boden.
