Kapitel 18a
Freitag, 9. August 2002
Mitternacht bis zum frühen Morgen
Severus ging den langen Weg außen herum zu seiner Wohnung, indem er in den siebten Stock hinunterging und das Schulleiterbüro betrat. Die Portraits schnarchten, wofür er dankbar war, aber auf seinem Schreibtisch lagen die dreimal verdammten Spielkarten, unübersehbar wie eine Anklage. Mit zu einer kompromisslosen Linie zusammengekniffenen Lippen steckte er den Satz Karten ein und zog sich in seine Wohnung zurück.
Der rote Halbkniesel war drinnen, und bei seinem Eintritt maunzte das Geschöpf grüßend und rieb sich an seinem Knöchel, wo er eine Spur Katzenhaare hinterließ. „Du irrst dich", informierte er die Katze. „Du hast dich früher schon geirrt, weißt du, – du hast Sirius Black für gutartig gehalten, nicht wahr?" Er nahm ein Katzenleckerli aus einer Dose, die er auf die Kommode gestellt hatte, und ließ es auf den Boden fallen. Die Katze schlenderte hinüber und begann, es auf dem Teppich in Krümel zu zerkauen.
Severus leerte seine Taschen und legte das Kartenspiel zu der Sammlung von Hermione Granger-Erinnerungsstücken: einem Damentaschentuch, einem ramponierten Silberring mit einem keltischen Kreuz, dem Pergament mit dem Zeitplan, der nun seinen Namen trug, und dem Notizbuch, das eine getrocknete gelbe Blume enthielt. Die Spielkarten passten vortrefflich zu der pathetischen Sammlung.
Zweifellos geriet er aus den Fugen; ehe er wusste, wie ihm geschah, würde er vom Ministerium in eine Art Rehabilitation für durchgeknallte Schulleiter geschickt werden, und am ersten September würde McGonagall anstelle von Severus die Schüler begrüßen. Unvorstellbar!
Als er sich seiner Regencykleidung entledigt hatte, fühlte er sich etwas mehr wie er selbst. War es möglich, dass dieses emotionale Durcheinander eher ein Ergebnis der Regency-Woche-Verrücktheit war als eine echte Verwirrung wegen einer … möglichen Zuneigung zu einem weiblichen Wesen? Durfte er darauf hoffen, dass die Woche endete, die Gäste abreisten, bald gefolgt von Granger und ihrem Stab, und die Erinnerung an sie würde mit dem Port, den Zigarren und den endlosen Wiederholungen von Mr Beveridge's Maggot verblassten?
In seinen Bademantel gehüllt sah er sehnsüchtig auf seinen Lieblingssessel, der jedoch viel zu nah an der Wand stand, durch die es wahnsinnig leicht war, ein unangemessen intimes Gespräch mit Hermione zu führen. Stattdessen nahm er auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers an seinem kleinen Schreibtisch Platz und stellte überrascht fest, dass der die Spielkarten in der Hand hielt. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie ergriffen zu haben, doch während er dies noch dachte, begannen seine Hände, die Karten zu mischen.
Unmöglich, mit diesem Satz Karten ein Spiel Solitaire zu gewinnen? Nun, Severus hatte jahrelang bemerkenswerte Erfolge gefeiert, das (nicht einsame! eigenständige!) Spiel zu spielen. Er würde verdammt nochmal mit Leichtigkeit ein Spiel Solitaire mit Dumbledores Karten gewinnen.
Mischen. Austeilen. Verlieren. Mischen. Austeilen. Verlieren. Mischen. Austeilen. Verlieren.
„Scheiße!", fluchte er, und mit grimmiger Entschlossenheit begann er zu schummeln.
Schummeln. Austeilen. Verlieren. Schummeln. Austeilen. Verlieren. Schummeln. Austeilen. Verlieren.
„Was hast du getan, Albus?", murmelte er, und er griff nach seinem Zauberstab und begann, Erkennungszauber für Dunkle Magie zu werfen.
~oo0oo~
Hermione schloss die Tür zu Harrys Zimmer hinter sich und ging mit dem ziemlich sicheren Gefühl den Korridor hinunter, dass er jetzt schlief. Sie war nicht sicher, was sie von der Idee halten sollte, dass Harry und Draco ein Paar waren, und offensichtlich war Harry sich dessen ebenfalls nicht sicher. Aber er war gleichzeitig entsetzt und fasziniert – eine Mischung von Gefühlen, das ihr nicht gänzlich unvertraut war –, und sie hatte ihn es sich von der Seele reden lassen und Feedback gegeben, wenn er darum bat.
Als sie eintrat, war Crooks nicht in ihrem Zimmer – zweifellos war er draußen unterwegs und drehte seine Runden im Schloss. Sie streifte ihr Abendkleid ab und erledigte eilig ihre abendliche Toilette, dann kletterte sie ins Bett und ergriff ihren Zauberstab. Heute Abend war sie so voller Hoffnung gewesen, dass sie eine Chance bekäme …, mehr Zeit mit Severus allein zu verbringen. Aber Harrys hatte sie dringend gebraucht, und Hermione war niemand, die einen Freund in Not im Stich ließ. Doch es war mehr als eine Stunde her, seit Severus sie und Harry verlassen hatte – ob er noch war war? Würde er es vermessen finden, wenn sie ihn störte bei was immer er gerade tat?
Sie senkte ihren Zauberstab und biss sich auf die Lippe. Sie war spontan und unverfroren gewesen, nur auf Freude aus, seit Draco sie herausgefordert hatte, 'lockerzulassen und die Regency-Woche zu genießen'. Sie folgte ihrem Herzen – oder war es ihre Libido? –, ohne sich viele Gedanken über die Konsequenzen zu machen, geschweige denn darüber, was käme, sobald die Regency-Woche vorüber war. Konnte sie guten Gewissens weiterhin ohne einen Gedanken an das Morgen ihrer Wege durch den Regency-Urlaub gehen?
Würde sie Severus – gesellschaftlich – wiedersehen, nachdem das Event beendet war? Wollte sie das? Er schien von ihrer gegenseitigen Anziehung ebenso betroffen wie sie zu sein, aber er hatte die Einladung in ihr Zimmer abgelehnt, wie sollte sie das also verstehen? Und was war, wenn sie ihren schreienden Sinnen freien Lauf ließ – zuließ, dass ihre Gelüste sie zu ihrem logischen Abschluss führten –, was wären dann Severus' Erwartungen an sie? Schließlich war er ein Produkt der Siebzigerjahre, in denen solches Benehmen (laut dem, was sie gelesen hatte) nicht nur akzeptabel, sondern bewundernswert war. War er die Art Mann, der mit einer Frau schlief und dann fröhlich seiner Wege ging?
Kümmerte sie das?
Wieder hob sie ihren Zauberstab. Sie war zu keinem Schluss gekommen und traf keine endgültigen Entscheidungen, aber zumindest konnte sie sagen, dass sie die Konsequenzen ein wenig überdacht hatte. Sie wollte nicht vernünftig sein – sie wollte in die Emotionen eintauchen, die die Nähe zu Severus Snape in ihr weckten, koste es, was es wolle!
„Murus Perlucidus!", sagte sie und lehnte sich zurück, während sie nach Geräuschen von der anderen Seite der Mauer lauschte. Hörte sie ein Rascheln? Vielleicht war er schon im Bett. „Severus?", fragte sie, und die hoffnungsvolle Aufregung ließ ihr Herz schneller schlagen.
Er antwortete ihr nicht. Sie wusste von Dingen, die er gesagt hatte, dass sein Bett nicht wie ihres an der Wand stand. Die Räumlichkeiten des Schulleiters waren zweifellos größer als die Gästezimmer; wenn er also schon im Bett war, mochte er sich zu weit entfernt von der Wand aufhalten, um sie zu hören, selbst wenn er wach war.
„Severus?", versuchte sie es wieder.
„Miau?"
Sie zog sich ein wenig zurück. Das war definitiv eine Katze, und es mochte albern sein, aber sie war ziemlich sicher, dass es Crookshanks' Stimme war.
„Crooks?"
Es gab ein Geräusch wie ein Poltern gegen die Wand, und Hermione sah im Geiste, wie ihr Kater versuchte, durch die Wand zu gehen. Aber was tat er in Severus' Zimmer?
Sie wartete ein paar Minuten, aber Severus' Stimme hörte sie nicht, und schließlich sprach sie den Gegenzauber. Wenn er schnarchte – oder sie! –, hatte sie nicht das Verlangen, dass einer von ihnen so etwas über den anderen aufgrund eines schlampig ausgeführten Zaubers erfuhr. Sie legte ihren Zauberstab beiseite und kuschelte sich unter ihre Decke, während sie liebevoll die Wand streichelte und an den Mann auf der anderen Seite dachte.
~oo0oo~
Severus starrte die Spielkarten an. Weder waren dunkle Zauber in ihr Material eingewoben, noch stellte er fest, dass der Satz auf irgendeine dunkle Weise verhext war. Nein, der Zauber in der Substanz, aus dem die Karten hergestellt waren, war eine Spielart Hoher Magie, von der wenig bekannt war, und die in dieser Zeit nicht mehr praktiziert wurde. Er erkannte die Spuren nur deshalb, weil sie ins Quecksilber auf der Rückseite des Spiegels Nerhegeb aus dem sechzehnten Jahrhundert eingewoben waren, einem Objekt, das er seit Jahrzehnten immer wieder untersuchte.
Was zum Teufel hatte er losgetreten, indem er diese Karten ausgeteilt hatte, unbekümmert wie ein Dummkopf, der sich von Dumbledore einwickeln ließ?
Mit einem tiefen Seufzen stapelte er die Karten und hob sie ab – die Herzdame. Wie lauteten die Worte des alten Liedes? Die Herzdame ist die Beste. Die Herzdame war die Karte gewesen, die sein Blatt an diesem Abend komplettiert hatte, als er das Recht gewonnen hatte, Hermiones Eskorte zu sein – es war die Karte, die er in einem Winkel seines Hirns für immer mit seinem wuschelhaarigen Plagegeist verbinden würde.
Als er die Karten erneut abhob, zog er den Pikbuben. Er grinste. Nun, hier war eine Figur, mit der er sich identifizieren konnte – ein listiger, nicht vertrauenswürdiger Mann mit einer nachtschwarzen Seele. Er legte die Karte neben die Dame, sodass die beiden Figuren einander ansahen, getrennt durch die Hellebarde des Buben. Es war, wie es sein sollte, oder? Die Reinheit der Dame wurde von einer wohlgeschliffenen Klinge vor der Korruption durch den Buben geschützt.
Sogar einem solchen Toren wie Severus Snape war die Symbolik klar.
Selbst wenn sie ihn in ihr Bett einladen sollte, bedeutete dies nicht, dass sie an etwas Längerem als dem Rest der Regency-Woche interessiert war, einer Zeitspanne, die zu Beginn unendlich erschienen war und ihm nun viel zu schnell zwischen den Fingern zerrann. Konnte er sie an sich heranlassen und sie dann gehen lassen? Bereits jetzt wusste sie zu viel über ihn, um zu seinen One-Night-Stands zählen zu können. Diese Frauen, die nur einen Kriegshelden ins Bett bekommen wollten, hatten kein Interesse an den Dingen, die ihm am Herzen lagen, und noch weniger an dem, was in seinem Kopf vorging – dennoch hatte Hermione ihm mit Leichtigkeit diese Dinge von den Lippen gelockt, indem sie sich in ebendiesen Verstand … in ebendieses Herz geschlichen hatte.
Plötzlich wütend klappte er den Satz Karten zusammen, mischte und hob wieder ab.
Herzdame. Pikbube.
Mischen. Abheben. Herzdame. Pikbube.
Mischen. Abheben. Herzdame. Pikbube.
Er schob die beiden leidigen Karten ans andere Ende des Schreibtischs, wo sie wie ein von üblem Schicksal getroffenes Liebespaar über einem Kliff hingen, und er wiederholte den Vorgang.
Mischen. Abheben. Herzdame. Pikbube.
Die Katze setzte rote Tatzen auf sein Bein und streckte sich mit einem fragenden, „Miau?"
Severus starrte auf das Tier hinab. „Du kommst allein hier herein – warum kannst du nicht auf dem selben Weg hinaus, ohne mich zu belästigen?"
Dennoch ließ er die verfluchten – nein, nicht verfluchten! Es wäre alles ao viel einfacher, wenn sie verflucht wären! – Karten liegen und ging hinüber, um der Katze die Tür zu öffnen. Er stand im Türrahmen und sah den Korridor hinunter, wo Hermione, Weasley (und zweifellos Miss Vane) und Potter in ihren jeweiligen Zimmern schliefen. Mit schwächer werdender Willenskraft ließ er sich gegen den Türpfosten sinken und starrte auf ihre Tür. War sie wach? Wenn nicht, würde sie Einwände haben, wenn er sie weckte? Würde sie ihn in ihrem Schlafzimmer willkommen heißen? Einen zügellosen Moment lang stellte er sich vor, ihre Türschwelle zu überqueren, sie in seine Arme zu nehmen, ihren Mund zu verschlingen, während er sie aus ihrem Nachthemd schälte …
Nein, wahrscheinlich trug sie einen rosa Schlafanzug mit Katzenbabys darauf, dachte er.
Er beendete diese Fantasie mit einem geistigen Türenknallen, während er geräuschlos die Tür zu seinem Zimmer schloss. Selbst wenn sie ihn wollte – für mehr als eine Urlaubsaffäre wollte –, würde eine solche Verbindung niemals gedeihen. Er war zwanzig Jahre zu alt für sie und durch seine Karriere an dieses Schloss im fernen Schottland gebunden.
Wozu gibt es das Flohnetzwerk?, fragte der liebeskranke Teenager in ihm.
Ihren Namen mit dem eines Todessers in Verbindung zu bringen – selbst einem, der als Dumbledores Spion bekannt und Empfänger des Orden des Merlin Erster Klasse war –, würde ihre Aussichten auf eine Beförderung in ihrer Karriere nicht fördern, was für Hermione Granger von höchster Wichtigkeit war. Und was würde solch eine Liaison für Severus' Amt als Schulleiter einer weiterführenden Schule bedeuten? Ein Schulleiter hatte keine öffentlich bekannte sexuelle Beziehung mit einer Frau, die nicht seine Ehefrau war. Der Schulrat würde dies niemals dulden, und offen gesagt, würde Severus dies ebenswenig, wenn es um einen seiner Lehrer ginge. Jedes Mitglied des Kollegium konnte beliebig mit jedem ins Bett gehen, solange sie es diskret handhabten. Welche Art Vorbild wären sie sonst für die Schüler? Und er würde Hermione nicht bitten, sein schmutziges kleines Geheimnis zu sein – nicht in diesem Leben.
Heirate sie, schlug der Dummschwätzer in seinem Kopf vor.
„Verpiss dich!", schnarrte er laut und schwang sich zum Getränkewagen herum, wo er einen Schuss Feuerwhisky in ein Glas goss. Merlin sei Dank hatte er vor langer Zeit alle empfindungsfähigen Objekte aus seinen Räumen entfernt, um Portraits oder Spiegel daran zu hindern, Antwort zu geben oder sich angegriffen zu fühlen, wenn er sich zu einem lauten Fluch hinreißen ließ.
Ohne etwas wahrzunehmen, starrte er an die Wand, während er trank. Er hatte selbst gesehen gewesen, welch eine miserable Art Freundin Hermione war – war Zeuge von Weasleys Elend gewesen!
So würde sie mich nicht behandeln, dachte er und kniff die Augen zusammen. Ich würde das nicht dulden.
Mit einem Knall setzte er das Glas wieder auf das Tablett. Es hatte keinen Sinn, sich mit Dingen aufzuhalten, die nie passieren würden. Stattdessen war es nötig, über seine Pläne für den Rest der Regency-Woche nachzudenken und zu beschließen, wie er seine Verteidigung gegen ihre naive Anziehungskraft verstärken konnte.
Es würde eine lange Nacht werden.
