Ein Gartenfest bei den Malfoys Mitte der 80er Jahre, gesehen durch Severus Snapes Augen. Lysette und Arcana Nott habe ich dem Kanon hinzugedichtet, weil ich sie für die Geschichte brauchte, deren Nebenprodukt diese Texte sind.
Narcissa hatte Glück gehabt, zu seinem Unglück: der Regen der vergangenen Tage war strahlendem Sonnenschein gewichen und das Gartenfest konnte wie geplant stattfinden. Deshalb hockte er nun unter einem Sonnenschirm auf einer lindgrünen Picknickdecke und sah den Bälgern beim Spielen zu. Er hätte absagen sollen, immerhin war Dracos Geburtstagsfeier erst einen Monat her. Genügte es nicht, einmal im Jahr so viele kleine Kinder auf einmal um sich zu haben? Die waren noch anstrengender als die kleinen Dummköpfe, die er den größten Teil des Jahres zu unterrichten hatte. Wenigstens war er hier nicht dafür verantwortlich, daß sie sich nicht selbst oder gegenseitig umbrachten.
In ein paar Jahren würden sie ihm im Klassenraum gegenübersitzen. Dieser Gedanke ließ seine Laune weiter sinken. Schüler, die er persönlich kannte und mit deren Eltern er privat Umgang pflegte, und das zumindest teilweise freiwillig. Höchstwahrscheinlich würden sich die meisten in seinem Haus wiederfinden. Wie sie sich wohl in seinem Fach schlagen werden? Draco, sein Patenkind, konnte er bald selbst in den Grundlagen unterweisen, wann immer er die Zeit dafür fand – dankenswerter Weise allein und nicht in einer Meute. Und Lysette würde dafür sorgen, daß ihre Kinder gut vorbereitet waren. Die Jungen von Crabbe und Goyle? Bei ihnen war wohl jegliche Hoffnung vergebens. Bei den übrigen galt es, abzuwarten. Besser, er erwartete nicht zu viel. Die Greengrasses und die Parkinsons schienen bei der Ausbildung ihrer Töchter andere Schwerpunkte zu setzen.
„Daphne, komm sofort hierher!"
Der weithin tragende Ruf riß ihn aus seinen Gedanken. Geraldine Greengrass saß auf der Nachbardecke und bedachte ihre ältere Tochter mit einem strengen Blick. Langsam und unwillig ging das Mädchen zu ihr. Einige Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst, der ihre halboffenen Haare aus dem Gesicht hielt.
„Es ziemt sich nicht für junge Damen, Pfauen zu jagen!"
„Aber Tori…"
„Sie ist erst drei!", wurde sie von ihrer Mutter unterbrochen. „Du bist die Ältere und solltest ihr ein gutes Vorbild sein. Aber auch sie muß lernen, sich nicht an Lucius' Federvieh zu vergreifen", seufzte sie. „Ist sie auch bei den Rhododendren?"
Daphne nickte und ihre Mutter stand auf und eilte davon, um ihr jüngstes Kind einzufangen.
Lysette, die mit ihrer Tochter mit auf der Decke saß, sprach das Mädchen an, eine Miniaturversion ihrer selbst, die die ganze Zeit still in einem Märchenbuch gelesen hatte.
„Arcana, bitte geh mit ihr. Und fragt die anderen, ob sie mitspielen wollen."
„Ja, Mutter." Mit einem leisen Seufzen legte sie ein Lesezeichen zwischen die Seiten und stand auf. „Komm, Daphne, wollen wir Ringe werfen?"
Die beiden Mädchen entfernten sich und es kehrte wieder Ruhe ein.
Severus nutzte die Gelegenheit, sich nach Lysettes Brauexperimenten zu erkunden und mit ein wenig Fachsimpelei die Langeweile zu vertreiben.
„Severus, da bist du ja", hörte er schließlich die Stimme der Gastgeberin. „Lucius sucht nach dir, drüben, bei der Terrasse."
„Danke." Hat er endlich seine Besprechung beendet. Hätte er Goyle dafür nicht allein an irgendeinem Abend einbestellen können? dachte er während er gemächlich aufstand. Narcissa hatte sich bereits an die Dame auf der Decke gewandt:
„Hatte Arcana inzwischen einen Spontanzauber?"
„Nein, bisher nicht. Aber noch ist Zeit, sie ist erst sieben…"
Die Stimmen wurden leiser und verschwammen während er sich über den perfekten Rasen entfernte.
Ein Stück näher am Haus standen bereits weiß gedeckte Tische und Gartenstühle unter blaßblauen Sonnenschirmen. Mehrere Hauselfen ließen Geschirr und Besteck an die Plätze schweben, verteilten Kuchen, Torten und Sommerblumen. An einem Ende der längeren Tafel – der kleinere Tisch war niedriger und offenkundig für die Kinder bestimmt – saß die ältere Generation Malfoy und Black, ergänzt um einen weiteren ehemaligen Kollegen in Diensten des Dunklen Lords, Carisius Nott. Der paßte dort dem Alter nach auch wesentlich besser hin. Immerhin war er im Gegensatz zu den anderen alten Säcken (und Schachteln) in der Lage, Severus' geistige Fähigkeiten anzuerkennen, obwohl sie sich nicht besonders nahestanden. Die Damen und die anderen Herren in der Runde schienen sich durch seine Anwesenheit gestört zu fühlen. Sie nutzten jede Gelegenheit, um ihm mit kleinen Gesten klarzumachen, daß er nicht hierhergehörte. Zügig, doch ohne Hast ging er an ihnen vorüber.
Am Rande seines Sichtfelds bemerkte er ein schwarzhaariges Mädchen, das einem der Elfen einen Muffin vom Tablett stibitzte und in Richtung des Pavillons verschwand, weit fort von den Rosenbeeten. Das mußte die kleine Parkinson sein, offensichtlich darauf bedacht, ihren Eltern nicht über den Weg zu laufen. Er schmunzelte.
Am Rande der Terrasse stand Lucius und fütterte eine Gruppe Pfauen. Die meisten hatten weißes Gefieder, doch es waren auch ein blauer Hahn und zwei grünbraune Hennen darunter. Den Hennen folgten bereits recht stattliche Küken. Die Hähne hatten ihre langen Federschleppen schon verloren. Es gab Obst, Getreide und Mehlwürmer für die Vögel. Lucius wirkte entspannt, zeigte sogar den Anflug eines Lächelns.
„Ah, Severus, da bist du! Möchtest du auch etwas Futter?"
„Nein, danke."
„Sind die Tiere nicht wundervoll? Die Ruhe und Eleganz, die sie ausstrahlen."
Severus zeigte ein freundlich-neutrales Gesicht. Er wußte daß die Pfauen der Stolz seines Freundes waren. Die Malfoys züchteten die Vögel schon seit dem 18. Jahrhundert, wie er bereits mehrfach gehört hatte, und es hatte gelegentlich auch Versuche gegeben, magische Vögel ähnlicher Größe einzukreuzen, hauptsächlich Augureys. Bislang jedoch ohne Erfolg. Allerdings waren diese Versuche nie wirklich forciert worden und wurden in den Sechzigerjahren ganz aufgegeben.
Lucius war einer seiner wenigen Freunde, deshalb tat er ihm den Gefallen, sich den altbekannten kleinen Vortrag über Pfauenzucht ruhig und zumindest oberflächliches Interesse heuchelnd anzuhören. Allmählich schwenkte das Thema zur Politik („Ich müßte eine Genehmigung beantragen, um mit magischen Vögeln zu züchten. Ist das zu fassen?!"), und schließlich auch zu tagesaktuellen Themen. Offenbar gab es Pläne, die Anwendung der Dunklen Künste weiter einzuschränken. Zudem waren weitere Bücher auf die Verbotsliste gesetzt worden. Es wurde schwieriger, bestimmte Zweige der Magie zu praktizieren oder sich auch nur darüber zu informieren. Severus fühlte sich darin bestätigt, weder den Dunklen Lord, der einfach einen Schritt zu weit gegangen war, noch das Ministerium zu schätzen. Ersteres behielt er allerdings für sich: Er war nicht sicher, wie es um Lucius' Loyalität bestellt war. Nach allem was er wußte, suchte Lucius nicht nach Ihm und wirkte deutlich entspannter als vor vier Jahren. Vielleicht gefiel es ihm, den Kampf für das große Ziel mit seiner politischen Arbeit fortzusetzen, ohne von einem charismatischen, mächtigen, doch zu Grausamkeit neigenden und bisweilen unberechenbaren Herrn getrieben zu werden. Aber er war nicht sicher, ob sich darunter nicht doch etwas anderes verbarg.
Das plötzliche Erscheinen eines Hauselfen beendete das Gespräch und Severus' Überlegungen. Man rief zum Tee.
