„Sie will nicht von seiner Seite weichen", sagte Jill, als sie die Tür hinter sich schloss.
Sie hatten das Schiff verlassen, doch sie hatten Raphael nicht aufhalten können. Weitere Raketen mit der tödlichen Fracht hatten weitere Millionen infiziert und Raphael war erneut verschwunden. Chris und die anderen waren alle lädiert und mitgenommen von ihrem Zusammentreffen mit den B.O.W.s. Ihre äußeren Verletzungen waren inzwischen verarztet worden, doch ihre Niederlage konnten sie nicht so leicht wegstecken. Sie hatten für ihre übereilte Aktion einen hohen Preis bezahlt. Albert Wesker war getötet worden.
„Hat sie was gegessen?", fragte Chris.
Jill schüttelte den Kopf. „Sie will niemanden zu ihm lassen. Nicht mal Jake oder Alex. Sie will allein mit ihm sein."
Seine Schwester war am Boden zerstört und Chris hatte Angst, sie endgültig verloren zu haben. Ihre Beziehung mit Wesker hatte ihr neues Leben eingehaucht und nun war ihre Stütze weggebrochen. Chris fühlte sich so hilflos wie noch nie zuvor. Er wollte so dringend für sie da sein, doch er wusste nicht wie. Seit einem Tag saß Claire nun allein neben Weskers Leiche und weinte. Sie hatte weder gegessen, noch getrunken, noch geschlafen.
„Geh mal zu ihr, Chris", mahnte Jill ihn. „Das geht nicht so weiter. Sie muss da raus."
„Ich werde mein Bestes versuchen", versprach Chris und nickte.
Leise und vorsichtig betrat er das kleine Zimmer. Wesker lag regungslos auf einem Tisch. Er trug noch die Kleidung vom Einsatz. Das Blut, das aus seinen Wunden ausgetreten war und seine Kleidung durchtränkt hatte, war inzwischen verkrustet. Niemand hatte ihn angerührt, seit sie ihn zurück in ihren Unterschlupf gebracht hatten. Claire saß auf dem Boden mit dem Rücken an das Tischbein gelehnt und starrte vor sich hin. Ihr Gesicht war fleckig und ihre Augen gerötet vom vielen Weinen. Neben ihr stand ein unberührtes Tablett mit einem Teller Suppe.
Es war düster im Raum, aber Chris traute sich nicht, das Licht anzuschalten.
„Hey, Claire", sagte er sanft. „Ich weiß ganz genau, wie du dich fühlst."
„Ach, tatsächlich, Chris? Hast du jemanden verloren, den du liebst? Mit dem du für immer zusammen sein wolltest?"
„Das nicht, aber ich habe schon eine Menge Menschen verloren, die mir sehr wichtig waren", sagte Chris. „Claire, bitte, ich … ich habe Angst um dich. Wir wissen alle nicht mehr, was wir noch tun sollen. Wir machen uns große Sorgen um dich. Wir wissen, wie viel dir Wesker bedeutet hat, aber du hilfst ihm nicht, indem du dich hier vergräbst."
„Kurz bevor wir losgeflogen sind, hat er mir einen Heiratsantrag gemacht", sagte Claire unter Tränen und lächelte. „Ich konnte ihm nicht mal mehr eine Antwort geben, Chris. Ich wollte ja sagen."
Von dieser Neuigkeit wurde Chris tief getroffen. Er hatte große Schwierigkeiten, Claires und Weskers Beziehung zu akzeptieren, aber die Vorstellung seine Schwester könnte … Für einen Moment hatte er völlig vergessen, warum er eigentlich gekommen war, weil eine ganze Kaskade an Gefühlen von Wut über Zorn hin zu Mitleid ihn übermannte.
„Claire … Komm bitte."
Er ging neben ihr in die Hocke und legte seine Arme um sie, um sie auf die Beine zu ziehen. Claire wehrte sich, sie wollte nicht gehen, aber Chris ließ nicht locker. Er packte sie und hob sie hoch. Sie wand sich und schrie ihn an, dass er sie loslassen solle, aber Chris überhörte ihr Wüten. Er trug sie aus dem Raum und den Flur hinunter bis zur Treppe. Jill, die vor der Tür gewartet hatte, starrte ihn ungläubig an.
„Chris!"
Chris setzte Claire auf der Treppe ab. „Lass mich sofort wieder zu ihm!", giftete sie ihn an, aber sie war so schwach, dass sie nicht aufstehen konnte.
„Claire, ich bringe dich jetzt auf dein Zimmer und da bleibst du", ermahnte Chris sie. „Du wirst etwas essen und schlafen. Wenn du dich wehrst, wird dir Rebecca ein Beruhigungsmittel geben. Hast du verstanden?"
Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an wie ein kleines Kind, das von seinen Eltern ausgeschimpft wurde.
„Hast du mich verstanden?", fragte Chris erneut.
Claire nickte. „Aber Wesker … ich …" Tränen rannen ihre Wangen hinab.
„Claire, du musst essen und schlafen. Wesker läuft dir nicht weg."
Er hob sie hoch und trug sie nach oben in ihr Zimmer, wo er sie sanft auf ihr Bett legte.
„Soll ich bei ihr bleiben?", fragte Jill, die neben ihm her gelaufen war.
„Das wäre gut, Jill, dann muss sie nicht allein sein", sagte Chris. Er strich Claire die Haarsträhnen aus dem Gesicht und hauchte seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. „Du wirst dich jetzt erst mal ausschlafen und dann sehen wir weiter. Wesker würde nicht wollen, dass du … dass du dir selbst wehtust, Claire. Ich verspreche dir, dass Raphael dafür bezahlen wird, aber alles zu seiner Zeit."
Jill legte eine Wolldecke über Claire und setzte sich auf die Bettkante. „Ich bleibe ein bisschen bei dir. Es tut uns allen sehr leid, was passiert ist, Claire."
„Im Flugzeug haben wir zum ersten Mal miteinander geredet", sagte Jake leise. „Wir haben über einen Haufen banalen Blödsinn gequatscht, Sherry, aber es hat sich gut angefühlt, mit ihm zu reden. Gerade hatte ich mit dem Gedanken angefreundet, dass er wieder lebt, und jetzt habe ich ihn schon wieder verloren."
„Es tut mir leid, Jake", sagte Sherry. Sie versuchte für ihn da zu sein, versuchte ihm Halt zu geben. „Wenn ich irgendwas tun könnte, ich würde es tun."
„Ich stand nur hilflos da, Sherry, und musste zusehen, wie dieses Monster ihn abgeschlachtet hat", sagte Jake niedergeschlagen. Die Erinnerung an den Kampf auf dem Schiff schmerzte ihn. Die Bilder, wie der riesige Hai seine Klingen in den Körper seines Vaters bohrten, drängten sich ihm immer wieder auf und quälten ihn.
„Das darf alles nicht wahr sein, Sherry. Ich habe ihn schon wieder verloren. Ich konnte ihm nicht helfen. Es ist meine Schuld …"
„Ach Jake. Bitte tu dir das nicht an", entgegnete Sherry. „Es ist nicht deine Schuld. Ihr hattet keine Chance gegen die B.O.W.s. Ihr hättet alle sterben können. Ich hätte dich verlieren können."
„Wieso, Sherry? Womit habe ich das verdient?", fragte Jake verzweifelt. „Es kommt mir wie ein Fluch vor. Warum habe ich ihm nicht all die Fragen gestellt, die ich ihm immer stellen wollte? Stattdessen haben wir über belanglosen Quark geredet."
Sherry legte ihre Arme um ihn und drückte ihn fest.
Chris wusste nicht, warum er ein paar Stunden, nachdem er seine Schwester nach oben gebracht hatte, später, als schon die Nachtruhe in ihrem Versteck eingekehrt war, noch mal zurück zu Wesker ging. Vielleicht hatte er so eine Ahnung. Tatsächlich fand er Alex, die neben ihrem Bruder wachte. Sie streichelte sanft seinen Arm, während sie ein paar Mal leise schniefte. Chris beobachtete sie eine Weile leise von der Tür, während er überlegte, was er tun wollte. Sie war allein und hatte niemandem mehr. Bevor sie alle zusammen in dem Hotel in den Bergen Zuflucht gefunden hatten, hatten sie sich monatelang nicht gesehen. Seine Wut über ihre Lügen, die vor gut anderthalb Jahren zu ihrer Trennung geführt hatte, war inzwischen abgeflaut und es tat nicht mehr gar so weh, sie zu sehen. Chris sah sich in der Lage, ihre gemeinsame Vergangenheit für den Augenblick zu vergessen und freundschaftliche Hilfe anzubieten.
Alex spürte, wie jemand von hinten einen Arm um sie legte und sie aus dem Raum führte. Sie war innerlich so gelähmt und betäubt, dass sie es geschehen ließ. Chris geleitete sie nach oben zu ihrem Zimmer.
„Es tut mir leid", sagte er aufrichtig mitfühlend. „Raphael wird dafür bezahlen, das verspreche ich dir."
„Danke", hauchte sie.
„Du solltest auch schlafen. Wir sehen uns dann morgen. Gute Nacht." Er wollte gehen, doch sie hielt ihn unerwartet zurück. Ihre zarten Hände auf seinem Unterarm schickten ein komisches Gefühl durch seinen Körper und er verspürte einerseits das Bedürfnis, seinen Arm wegzuziehen, andererseits genoss er die Berührung.
„Chris." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Würdest du heute Nacht bei mir bleiben? Ich möchte nur ungern allein bleiben."
Warum er einwilligte, wusste er nicht. Vielleicht erregten ihre vom Weinen geröteten Augen sein Mitleid oder sein Gewissen redete ihm ein, dass er nett zu ihr sein musste. Jedenfalls fand er sich gleich darauf in Alex' Bett wieder, seine Geliebte aus vergangenen Tagen eng an ihn geschmiegt. Alex schloss die Augen und döste vor sich hin. Ihr Atem ging ruhig und ihr Kopf ruhte an Chris' Brust.
Chris fand keine Ruhe, seine Gedanken hielten ihn wach. Warum war er hier? Warum fand er Alex' Nähe angenehm? Anderthalb Jahre lang hatte er sich nicht nach ihr gesehnt und jetzt wurde er von einer Flucht widersprüchlicher Gefühle übermannt.
Alex verspürte ein unerklärliches Bedürfnis nach Chris' Nähe. Sie war die vergangenen Monate einsam in ihrer Wohnung gewesen und sehnte sich nach der Berührung, dem Körperkontakt eines anderen. Sie hatte jemanden kennengelernt und versucht eine neue Beziehung einzugehen, aber hatte sich dabei ertappt, wie sie den jungen Mann ständig mit Chris verglichen hatte.
Als sie an ihn gelehnt dasaß, seine Körperwärme spürte, seinen Geruch einatmete, konnte sie nicht mehr anders. In ihrer Situation hatte sie keine Selbstbeherrschung mehr und sie wollte ihre Bedürfnisse nicht länger zurückstellen. Sie richtete sich auf und setzte sich auf Chris' Schoß. Ihre Blicke kreuzten sich einen Augenblick, dann küsste sie ihn schon. Nicht gierig oder voller Leidenschaft, sondern zögerlich, fast um Erlaubnis fragend, als wäre sie auf Erkundungstour. Sie suchte nach Zuwendung, Trost, Halt und Geborgenheit.
Der Sex war ganz anders als in ihrer Beziehung. Alex musste sich nicht mehr verstellen. Sie konnte sie selbst sein und im Moment war sie verletzt und von Trauer erfüllt und brauchte jemanden, der ihr Trost spendete, ihr mit seiner Nähe zeigte, dass sie nicht allein war. Sie war so angespannt und verkrampft, dass sie eine Weile brauchte, bis sie bereit war und bis ihr Liebesspiel sie zum Höhepunkt führte, doch Chris hatte Geduld mit ihr, ließ ihr Zeit und half ihr, richtig in Stimmung zu kommen. Ungefähr anderthalb Jahre waren sie sich nicht mehr so nah gewesen wie jetzt und Chris wurde klar, wie sehr sie unter der Trennung gelitten hatte und wie einsam sie gewesen war. Er selbst merkte, dass er ihre Nähe ebenfalls vermisst hatte, es war ihm aber bislang nicht bewusst gewesen. Er hatte sie aus seinem Leben getilgt, als hätte es sie nie gegeben. Sie oft bei der B.S.A.A. zu sehen, hatte ihn auf eine harte Probe gestellt. Dann festzustellen, dass sie ihm fehlte, hatte ihn nicht gerade motiviert nach vorne zu sehen.
Während sie langsam mit rhythmischen Bewegungen auf ihm ritt, wanderten Chris' Hände ihre Taille entlang nach unten zu ihren Hüften und wieder nach oben zu ihren Brüsten. Sie hatte etwas zugenommen, ihre Hüften und ihr Busen fühlten sich voller und weicher unter seinen Händen an. Ihre weichen, schwarzen Haare fielen offen über ihre Schultern und kitzelten Chris' nackte Haut, wenn sie sich nach vorne beugte, um ihn zu küssen. Chris fand, dass sie nie zuvor so attraktiv, verführerisch oder sexy gewesen war wie jetzt, da sie so verletzlich war. Heute Nacht ging es nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um wohltuende Berührungen, Zweisamkeit, das Für-Einander-Dasein in einer schmerzlichen Situation, das Auffangen des anderen.
Ihr Atem wurde schneller, ihre inneren Muskeln zogen sich um Chris zusammen. Sie war kurz vor ihrem Höhepunkt. Chris spürte, dass er selbst kurz davor war zu kommen.
„Chris, ich will, dass du in mir kommst", raunte sie in sein Ohr und krallte sich in seine Schultern.
Chris' Hände krallten sich in das weiche Fleisch ihrer Hüften und zogen sie näher an ihn. Sie kam zuerst, Chris folgte ihr gleich darauf und entließ alles in ihr, was er hatte. Schwer atmend lagen sie nebeneinander. Eng aneinander gedrängt fielen sie in tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen trennten sie sich und schworen sich, dass ihre gemeinsame Nacht ein Einzelfall gewesen war. Kurz darauf verbrachten sie erneut eine Nacht miteinander, die sie nur kurz darauf wiederholten. Hier und da nahmen sie eine Dusche zusammen oder aßen zusammen. Und so begann es.
Es kostete Claire ein paar Tage, bis sie wieder imstande war, klar zu denken und sie den ersten Schock nach Weskers Tod verarbeitet hatte. Ihr Bruder und Jill hielten sie konsequent von Wesker fern. Sie wollten nicht, dass sie sich erneut allein mit ihm in dem Raum vergrub. Sie akzeptierte die drastische Maßnahme stillschweigend, weil sie Alex und Jake die Gelegenheit zum Trauern geben wollte. Sie hatte sich egoistisch verhalten, als sie alle anderen von Wesker weggescheucht und nicht daran gedacht hatte, dass es auch andere gab, die um seinen Tod trauern wollten.
Nun fühlte sich Claire so verloren wie vor einigen Jahren, als ihr Leben über ihr zusammengebrochen war. Wesker hatte ihr in ein neues Leben geholfen, wofür sie ihm auf ewig dankbar sein würde. Ohne ihn hätte sie niemals mehr nach vorne sehen, Pläne machen und Ziele erreichen können. Durch Wesker hatte sie Hoffnung und Zuversicht zurückerlangt. Sie wollte den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Sein plötzlicher Tod hatte ihr Herz auseinandergerissen und Schuldgefühle plagten sie. Hätte sie ihm helfen können? Hätte sie etwas tun können, um seinen Tod zu verhindern?
Claire distanzierte sich von ihren Freunden und verbrachte viel Zeit allein draußen im Wald, wo sie lange Spaziergänge unternahm und nachdachte. Alles war seltsam bedeutungslos für sie geworden, da Wesker nicht mehr da war. Raphael, der Zustand der Welt, das Heilmittel – nichts schien mehr wichtig zu sein. Sie fühlte sich so allein und einsam wie niemals zuvor. Ein tiefes, schwarzes Loch hatte sich in ihrem Leben aufgetan. Gähnende Leere breitete sich in ihrem Inneren aus. Ohne Albert Wesker hatte Claire Redfield jede Motivation zum Weitermachen, zum Weiterleben verloren.
Ein paar Tage später schaffte es Piers, Claire zu überreden, aus ihrer selbstgewählten Isolation zurück in die Wirklichkeit zu kommen und mit ihm und den anderen zu essen. Claire hatte die Nacht kaum geschlafen und zwang sich, eine Scheibe trockenes Brot zu essen. Danach wollte sie Wesker besuchen. Jake und Alex hatten vorsichtig ihr gegenüber die Idee einer Bestattung angedeutet, aber Claire war noch nicht so weit, Wesker loszulassen. Chris, Barry und Jill diskutierten über ihr weiteres Vorgehen gegen Raphael, aber Claire hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Speisesaal leerte sich bereits, als eine aufgeregte Rebecca Chambers zu ihnen eilte.
„Claire, Alex, Jake das müsst ihr euch ansehen!" Rebecca war völlig außer Atem und aufgelöst und musste erst mal wieder Luft holen. „Wesker …", presste sie hervor und stützte sich mit den Händen auf ihren Oberschenkeln ab.
„Was ist mit Wesker?!" Claire sprang sofort auf. Jake tat es ihr gleich. „Was ist mit meinem Vater?"
„Ich weiß, das hört sich unglaublich an", meinte Rebecca, als sie sich aufrichtete, und sie sah so aus, als glaubte sie selbst nicht an ihre Worte, „aber ich glaube, Wesker ist nicht tot. Dein Dad lebt, Jake."
„Was?!" Jetzt wurden nicht nur Claire, Jake und Alex hellhörig, sondern auch Chris, Jill und Barry legten ihr Besteck beiseite und erhoben sich.
Keine Minute später waren Claire und Alex und die anderen an Albert Weskers Seite. Rebecca hatte ihn an medizinische Geräte angeschlossen, die Puls und Herzschlag maßen, doch auf dem Bildschirm wurde nichts angezeigt. Eine gerade Linie ohne Ausschläge lief dahin.
„Was meinst du, Rebecca?", wollte Claire wissen. Albert lag genauso regungslos da, wie sie ihn vor einer Stunde verlassen hatte.
„Bei einer Leiche gäbe es eine Geruchsentwicklung, man würde Leichenflecken sehen, eine Leichenstarre würde eintreten, der Körper würde erkalten", meinte Rebecca.
„Ja und?", fragte Claire irritiert.
„Seht ihn euch an. Er sieht nicht wie eine Leiche aus. Und fass ihn mal an", bat Rebecca.
Claire ergriff Weskers Hand, aber sie verstand nicht, was Rebecca meinte. Sie sah Rebecca fragend an und schüttelte den Kopf. Alex, die Alberts andere Hand ergriffen hatte, schien schon begriffen zu haben. „Er ist nicht kalt, Claire."
Dann dämmerte es Claire plötzlich. Alberts Körper war nicht kalt wie eine Leiche normalerweise sein sollte. Er war warm. Fast so warm für früher, als sie sich geliebt hatten.
„Was zum …?"
Ein Toter war nicht warm. Wenn Albert warum war, dann bedeutete das doch … „Aber ich habe ihn sterben sehen." Ihre Emotionen übermannten sie und Tränen rannen über ihr Gesicht. Ihr Kopf war leer, weil ihr Verstand gerade nicht in der Lage war, die widersprüchlichen Eindrücke zu verarbeiten.
„Wir haben ihn alle sterben sehen", sagte Chris. „Aber Rebecca hat vollkommen Recht. Wesker ist nicht tot. Er sieht aus, als ob er schlafen würde."
„Weil mir die Sache komisch vorkam, habe ich angefangen, in regelmäßigen Abständen Weskers Körpertemperatur zu messen. Sie sank nicht tiefer als 32° und sie steigt ganz langsam an. Sie liegt jetzt bei 34,5°. In ein paar Stunden könnte sie wieder das Normalmaß erreicht haben." Rebecca reichte Alex ein Blatt Papier. „Als seine Temperatur auf 34° gestiegen war, habe ich ihn an die Geräte angeschlossen. Sehen Sie sich an, Alex, was ich aufgezeichnet habe."
„Das gibt es nicht. Sein Herz hat geschlagen."
„Nur alle paar Stunden einmal ganz schwach, aber … Sein Körper hat wieder angefangen zu arbeiten. Er ist definitiv nicht tot."
„Mein Vater lebt …", murmelte Jake.
„Wie ist das möglich?", hauchte Claire. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und beugte sich nah an ihn heran. „Wenn du mich hören kannst, bitte komm zurück zu mir. Ich brauche dich und ich habe mich entschieden. Ich will mit dir zusammen sein. Ich will dich heiraten. Aber bitte komm zurück zu mir." Sie küsste ihn auf die Lippen. Ein paar ihrer Tränen fielen auf sein Gesicht.
„Claire", Rebecca legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Geh bitte schlafen. Du siehst fürchterlich aus. Ich werde dich sofort rufen, wenn sich etwas tut."
„Ich möchte hier bei ihm bleiben. Ich will bei ihm sein, wenn er aufwacht", entgegnete Claire. Nun da sie wusste, dass Wesker noch am Leben war, wollte sie keinen Augenblick mehr von seiner Seite weichen.
„Claire, das bringt doch nichts …" Rebecca meinte es nur gut, aber Claire hörte ihr nicht zu.
„Ich gehe hier nicht weg." Und damit war die Diskussion für Claire beendet. Rebecca musste sich geschlagen geben. Chris, Jill, Jake und Barry sahen sich nur an, aber sagten nichts. Alex warf Chris einen verstohlenen Blick zu, der ihm zu verstehen gab, dass er nicht mit Claire diskutieren sollte.
Die nächsten drei Tage wich Claire nicht von Weskers Seite. Sie wollte nichts essen und hielt sich so lange wach, bis die Müdigkeit sie zum Schlafen zwang, nur um ja kein Lebenszeichen oder auch nur die kleinste Regung ihres Geliebten zu verpassen. Die ganze Zeit über wachte sie neben Wesker, fühlte seinen Körper, der spürbar wärmer wurde, und seinen Herzschlag, der von Stunde zu Stunde schneller und stärker wurde. Niemand schaffte es, sie von seiner Seite wegzubewegen – weder ihr Bruder, noch Rebecca, noch Leon, noch Piers. Sie wusste instinktiv, wo sie im Moment sein musste. Ihr Platz war an der Seite des Mannes, den sie liebte.
Das Leben außerhalb von Weskers Zimmer ging weiter. Die Aussicht, dass Albert Wesker abermals von den Toten zurückgekehrt war, stürzte Chris diesmal in einen tiefen Konflikt. Er hatte weite Teile seines Lebens darauf verbracht, Albert Wesker auszuschalten. Er hatte es einmal widerwillig akzeptieren müssen, dass sein Erzfeind dem Tod von der Schippe gesprungen war. Beim zweiten Mal nun, wusste er nicht mehr, ob er den Umstand bejubeln oder für schlecht befinden sollte. Für seine Schwester jedenfalls war es der glücklichste Moment seit langem. Und auch der andere Wesker bereitete ihm Kopfzerbrechen. Es war nicht mehr zu leugnen, dass er und Alex ihren Weg zueinander gefunden hatten, auch wenn er sich so lange dagegen gewehrt hatte. Er und sie trafen sich heimlich nachts, wenn alle anderen bereits schliefen. Sie hatten verdammt guten, leidenschaftlichen und befriedigenden Sex, wobei sie es nach Möglichkeit vermieden, den anderen anzusehen oder für andere Zärtlichkeiten lange zusammenblieben. Zwischen ihnen schien sich ein Kraftfeld aufgetan zu haben, dass sie mit voller Wucht in die Arme des anderen trieb und sie dann mit ebenso gewaltiger Kraft wieder gegenseitig voneinander abstieß. Chris fühlte sich miserabel. Weswegen er Alex tagsüber aus dem Weg ging. Ihr Verhältnis schien nun noch angespannter und komplizierter geworden zu sein. Es kostete ihn einiges an Überwindung, sie zu fragen, wie ihre Arbeit verlief.
„Alex, ich weiß, dass diese Frage im Moment eigentlich unangebracht ist, aber die Zeit drängt nun mal", sagte Chris. „Wie sieht es mit dem Heilmittel aus? Und hast du das Gerät schon untersucht, das dir Albert vor unserem Abflug gegeben hat?"
„Ja, habe ich, Chris", sagte Alex, wobei sie ihren Unmut über die Frage nicht ganz verbergen konnte.
„Was war drauf?"
„Ein paar interessante, aber auch beunruhigende Dinge, Chris", sagte Alex. „Wenn Albert wach ist, dann rufen wir alle zu einer großen Besprechungsrunde zusammen. Ich werde euch dann zeigen, was ich gefunden habe. Ist das in Ordnung für dich?"
„Ja, ist es", sagte Chris. „Aber was ist nun mit dem Heilmittel?"
Sie hatten Weskers Labor in Louisiana kurzerhand ausgeräumt und seine gesamte Arbeit von dort in ihr Versteckt gebracht. Alex hatte sich alle Aufzeichnungen und Forschungen ihres Bruders angesehen. Sie hatten endlich das Heilmittel, das Wesker ihnen so lange vorenthalten hatte. Ingrid Hunnigan hatte ihnen inzwischen mitgeteilt, dass man sich auf Weskers Forderung eingelassen hatte. Wenn er das Heilmittel übergab, was sein ursprünglicher Plan gewesen war, dann wollte man ihm Immunität gewähren, damit er mit Claire ein normales Leben führen konnte.
„Wir haben noch nicht angefangen daran zu arbeiten, Chris", erklärte Alex ihm. „Aber wir haben alles beisammen, was wir brauchen. Das Blut der kleinen Magdalena-Sophia ist der Schlüssel. Durch die Beschaffenheit ihres Blutes können wir die Wirkung des Heilmittels stabilisieren und die Infizierten wieder zu Menschen machen. Sobald Albert aufgewacht ist, werden wir zusammen daran arbeiten."
Chris wollte etwas sagen, aber er ließ es gut sein. Er freute sich stattdessen über die gute Nachricht.
Claire half Rebecca dabei, das verkrustete Blut von Weskers Körper abzuwaschen und ihm neue Kleidung anzuziehen. Die Wunden, die ihm der mutierte Hai zugefügt hatte, schlossen sich jeden Tag ein Stückchen mehr, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Auch die Schnittwunden, die er sich am Arm selbst beigebracht hatte, und die Verletzung am Oberarm, die er sich auf der Queen Tisiphone zugezogen hatte, verheilten. Weskers Puls, Herzschlag und Atmung wurden immer schneller und kräftiger, bis sie sich wieder wie bei einem Gesunden normalisiert hatten. Zuletzt war sogar schon sichtbar, wie sich sein Brustkorb hob und senkte. Seine Körpertemperatur stieg auf 37° und blieb dort. Claire konnte nicht glauben, dass Wesker wirklich zu ihr zurückkehrte. Sehnsüchtig wartete sie jeden Tag neben ihm in der Hoffnung, dass er aufwachte.
„Es ist unglaublich", sagte Rebecca eines Nachmittags. Sie war eben mit Ergebnissen von Weskers Blutanalyse zurückgekehrt.
„Was ist?", wollte Claire wissen.
„Ich habe leider hier nur begrenzte Möglichkeiten, aber ich habe etwas Erstaunliches in Weskers Blut entdeckt", erklärte Rebecca aufgeregt. „Wesker wollte doch seine Kräfte zurückhaben, nicht?"
„Ja, er hat erzählt, dass er sich mithilfe des R-Virus einen neuen Virus entwickelt hat, aber das hat nicht funktioniert", sagte Claire, die sich nur allzu gut an Weskers Enttäuschung erinnern konnte, weil sein Experiment nicht geklappt hatte. „Er hatte keine Kräfte."
„Weil erst sein Tod den Virus aktiviert hat", entgegnete Rebecca und grinste. „Der Virus hat unglaubliche Selbstheilungskräfte aktiviert. Die Zellregeneration ist der Wahnsinn. Zumindest seine Heilkräfte hat er auf jeden Fall zurück. Ich habe auch festgestellt, dass seine Organe, Knochen und Muskeln sich verändert haben. Es findet viel mehr Sauerstofftransport in die Zellen statt als bei einem gewöhnlichen Menschen. Ich bin wirklich gespannt darauf zu sehen, was er alles drauf hat, wenn er aufwacht. Ich denke, dass er stärker sein wird als früher."
„Wann wirst du zu mir zurückkommen?", hauchte Claire Wesker ins Ohr. „Du fehlst mir so."
Zusammenhanglose Bilder, die sich langsam zu einem Gesamtbild ordneten. Ein Haus. Ein Garten. Eine Frau und ein Mann. Lachen. Wind. Ein Wohnzimmer. Ein weicher Teppich unter seinen Fingern.
Ein Anwesen. Ein Labor. Fremde, unheimliche Menschen. Albträume.
Albert Wesker stand vor den Bildern wie vor einer Kinoleinwand. Er sah einen Teil seines Lebens, an den er sich bislang nur schemenhaft hatte erinnern können – seine Kindheit vor der Entführung und vor der Gehirnwäsche. Er wusste, dass ein paar der Barrieren, die einst von Spencer errichtet worden waren, nun eingerissen waren.
Das Paar, das er sah, waren seine Eltern. Das von Bäumen umringte Haus war das Haus seiner Kindheit, wo er aufgewachsen war. Selbst ihn ergriff Wehmut, als er seine glückliche, unbeschwerte Kindheit sah. Was wäre aus ihm geworden, wenn Spencer ihn seiner Familie nicht entrissen hätte? Wohin hätte ihn sein Weg geführt? Er hätte nie Anna Muller getroffen und Jake gäbe es nicht. Er hätte nie William Birkin getroffen. Er hätte nie Chris, Jill und die anderen getroffen. Auch Claire wäre nie in sein Leben getreten. Wesker kam nicht umhin, seine Hand nach den Bildern auszustrecken, doch er griff ins Leere. Was auch immer geschah, diese Vergangenheit bestand nur noch aus Bildern. Sie war unumstößlich festgeschrieben. Er konnte über sie trauern, doch letztendlich war sie nicht mehr zu ändern.
Wesker wandte sich um und kehrte seinen Eltern den Rücken. Er erblickte eine Treppe, die nach oben in ein helles Licht führte. Dort warteten Menschen auf ihn, die ihn brauchten. Er setzte seinen Fuß auf die unterste Stufe und trat seine Reise an.
Als Albert Wesker erwachte, hatte er für einen Moment einen weißen Schleier vor den Augen, der sich nur langsam lichtete. Sein Geruchssinn verriet ihm, dass vertraute Menschen in der Nähe waren. Er konnte die Frauen und die Männer voneinander unterscheiden, weil er den Geruch eines jeden einzelnen erkannte. Die Geräusche aus der Umgebung kamen ihm unheimlich laut vor. Er hörte Stimmen von weit weg, so als erklängen sie direkt neben ihm.
Sein Körper kam ihm noch fremd vor, als er sich aufrichtete und seine Hände betrachtete. Er spürte jede einzelne Muskelfaser, jeden Knochen, ja sogar das Blut, das durch seine Adern strömte. Sein Kopf dröhnte noch von den vielen intensiven Sinneseindrücken.
„Albert?", fragte eine Frauenstimme sanft. Sie trat neben ihn und ergriff zärtlich seine Hand. Er atmete ihren lieblichen Duft ein und erkannte sie.
„Claire?"
„Ich bin hier. Wie geht es dir?"
„Sehr gut", antwortete Wesker. „Ja, mir geht es gut."
Seine Sicht stellte sich scharf und ihr Gesicht nahm deutliche Konturen an. „Claire …"
Er sah, wie Tränen ihre Wangen hinabrannen, Tränen der Freude und des Glücks. „Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe." Im nächsten Moment schlang sie ihre Arme um ihn und drückte ihn fest. Ihr Geruch überwältigte seine Sinne.
„Ist ja gut. Es geht mir gut, Claire", sagte Wesker. Noch kam ihm seine Stimme fremd in seinen eigenen Ohren vor.
„Rebecca glaubt, dass dein Virus doch funktioniert hat", flüsterte sie. „Dass du deine Kräfte zurückbekommen hast."
Wesker nickte. Es musste so sein. Er war auf dem Schiff gestorben, der Tod hatte seine dunklen, kalten Finger nach ihm ausgestreckt, um ihn zu sich zu holen, doch etwas hatte ihn hier auf der Erde festgehalten. Sein Virus hatte ihn zurück ins Leben geholt. Er hatte nicht versagt, aber wie vor so vielen Jahren in Raccoon City hatte er auch diesmal erst sterben müssen, bevor seine Kräfte aktiviert worden waren.
Als er aufstand, schwankte er hin und her, sodass Claire ihn stützen musste. Schwindel und leichte Übelkeit überkamen ihn. Wesker schüttelte den Kopf, um sich zu fangen und zu fokussieren. Sie waren alle da und beobachtete ihn. Chris, Jill, Barry, Leon, Ada, Piers, seine Schwester und HUNK. Und nicht zuletzt sein Sohn, der mit verschränkten Armen in der Tür stand und seinen Vater musterte. Die beiden Männer nickten sich zu.
„Willkommen zurück, Dad", sagte Jake und grinste.
Es tat gut, die Wahrheit nicht mehr verheimlichen zu müssen. HUNK ließ sich nach ihrer Rückkehr vom Schiff von seiner Frau verarzten. Er genoss einfach nur ihre zarten Hände, die geschickt seine Wunden reinigten und Verbände anlegten, und ihre gemeinsame Nähe, die nicht von kritischen Fragen und Vorwürfen gestört wurde.
„Wissen es die Mädchen schon?", fragte er, seine Stimme nur ein heiseres Raunen.
„Ich habe es ihnen schon eröffnet. Rebecca findet es aufregend, aber Kelly …"
„Kann sich nicht damit anfreunden?"
„Naja, ihre Reaktion war ganz interessant", sagte Patricia und lächelte. „Ich weiß jetzt, wie sich schwangere Teenagermädchen fühlen, wenn sie von ihren Eltern in die Mangel genommen werden."
HUNK sah seine Frau fragend an und zog eine Augenbraue nach oben. Sie lachte daraufhin. „Sie meinte doch tatsächlich, dass sie das nie von uns gedacht hätte und uns mehr Verantwortungsgefühl zugetraut hätte, vor allem angesichts der Situation. Und dann hat sie noch gefragt, ob wir uns eigentlich Gedanken um unsere Zukunft gemacht haben. Hätte noch gefehlt, dass sie uns fragt, ob wir aufgeklärt sind."
HUNK lachte laut auf.
„Ach ja, und sie wünscht sich diesmal einen Bruder", sagte Patricia und befestigte den letzten Verband. „Aber sie hat Recht, Matt, das war wirklich verantwortungslos von uns."
„Wir haben uns die Option für ein drittes Kind immer offen gelassen", meinte HUNK und zuckte mit den Schultern.
„Ja, schon, aber nicht 18 nach unserer letzten Tochter und auch nicht, wenn die Welt so im Chaos versinkt. Wir wissen doch nicht, wie es weitergehen soll. Vielleicht muss unser Kind in dieser Welt mit den wandelnden Toten aufwachsen, in einer Zombieapokalypse. Allein der Gedanke daran lässt mich erschaudern."
„Was auch immer passiert, ich werde euch beschützen", sagte HUNK und grinste. „Euch alle vier."
„Bevor du wieder irgendwo den Helden spielst und ich dich danach verarzten muss", sagte Patricia ernst, „wirst du mir jetzt alles erklären. Du hast geschworen, dass wir reden, wenn wir zurück sind."
„Ja, das hatte ich versprochen", meinte HUNK, auch wenn ihm nicht wohl dabei war, seiner Frau von seiner Vergangenheit zu erzählen.
Er begann zu erzählen. Von seiner Jugend angefangen, über seine Zeit in der Armee bis zur Rekrutierung durch Umbrella und seine Rolle in Raccoon City.
„Dann haben wir uns eigentlich schon kennengelernt. Umbrella ging pleite und ich wurde ein freischaffender Söldner", erklärte er ihr ruhig.
„Und was für Aufträge hast du da so erledigt?", fragte Patricia etwas ängstlich. HUNK verstand ihre Angst. Sie wollte das Bild, das sie von ihm hatte, das sie liebte, nicht verlieren. In ihrem Kopf malte sie sich schlimme Befürchtungen über seine möglichen Taten aus.
„Ich musste heikle Transporte gefährlicher Waren abwickeln, Zielpersonen beschatten, geheime Informationen beschaffen. B.O.W.s töten, Virenausbrüche vor der Öffentlichkeit geheim halten, seltener auch mal Personen schützen oder Entführungsopfer befreien. Ich hatte mit einer Menge zwielichtiger Gestalten zu tun, manchmal auch mit dem organisierten Verbrechen. Das war der Hauptgrund, warum ich dir meine wahre Tätigkeit verheimlicht habe."
„Wo bist du hingegangen, wenn du jeden Morgen das Haus verlassen hast? Im Büro bei der Versicherung warst du ja nicht", sagte Patricia.
„Ich habe dich nicht in jeder Hinsicht angelogen. Ich hatte einen Trainingsraum gemietet, den ich auch als Büro genutzt habe. Ich war jeden Tag dort."
„Verstehe. Deshalb bist du immer ans Telefon gegangen und sonst niemand. Ich habe mich immer gewundert, warum ich nie eine Sekretärin oder einen deiner Kollegen erreicht habe. Weil es ja nur dich dort gab. Was hast du alles gemacht? Ich meine, außer trainieren?"
„Manchmal habe ich mich um meine, unsere Finanzen gekümmert", erklärte HUNK. „Aber meistens habe ich mich mit Auftraggebern getroffen oder habe versucht, neue Aufträge zu bekommen. Die Konkurrenz ist hart in dem Geschäft. Du musst der Beste sein. Ich hatte einen Ruf zu verteidigen. Dieser Ruf hat mir die schwierigsten und die bestbezahlten Aufträge eingebracht. "
„Wie viel Geld haben wir denn eigentlich?", fragte Patricia. „Das Geld, das du jeden Monat verdient hast …"
„Ich habe jeden Monat denselben Betrag von meinen Konten abgehoben, damit es so aussah, als bekäme ich ein Gehalt", sagte HUNK. „Ich habe drei Konten, auf die ich das Geld meiner Aufträge eingezahlt habe. Sie liegen in Steueroasen. Ich habe eine Menge mit Geldanlagen zusätzlich verdient. Das ist der College-Fund für unsere Mädchen. Insgesamt haben sich über die Jahre gute 15 Millionen Dollar angehäuft."
„Ich verstehe. Wow."
„Wenn mir je etwas passiert wäre, dann hättet ihr das Geld automatisch ausgezahlt bekommen", sagte HUNK. „Mein Vermögensverwalter hätte sich dann bei dir gemeldet."
„Das, was du getan hast, war illegal, nicht wahr?"
„Nicht alles", widersprach HUNK. „Die meisten Operationen liefen inoffiziell, das stimmt, aber ein paar der Dinge, die ich erledigen musste, waren zwar unorthodox, aber nicht illegal. Wenn du natürlich Steuern meinst, dann ja, dann bin ich schuldig im Sinne der Anklage."
„Hast du mal … Hast du mal jemanden …"
HUNK wusste, was sie fragen wollte. „Du willst wissen, ob ich Menschen getötet habe? Ob ich auch solche Aufträge hatte?"
Sie nickte beschämt.
„Ich musste ein paar Mal in meinem Leben Menschen töten", sagte HUNK ernst, „aber nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ oder um zu euch zurück zu kommen. Meine Arbeit ist gefährlich. Manchmal geht es dabei um Leben und Tod."
„Und warum genau nennt man dich dann Mr. Death?"
„Weil ich praktisch immer mein ganzes Team verloren habe und als einziger lebend zurückkam. Die Leute begannen zu munkeln, ob ich vielleicht eine Art Todesengel bin. Ob ich Unglück über die Soldaten gebracht habe."
„OK. Gruselig."
„Die anderen haben sich das ausgedacht", verteidigte sich HUNK. „Ich habe einfach nur nie widersprochen und so bildete sich um meine Person eine Art Legende. Aber ich bin und bleibe HUNK und sonst niemand. Die Human Unit Never Killed."
Patricia nickte. „Und du warst wirklich Ausbilder?"
„Ja. Beim U.S.S. war ich der Leiter des Alpha-Teams und ich habe Soldaten ausgebildet."
„VECTOR auch, oder? Der war dein Schüler. Ihr habt euch bei diesem U.S.S. kennengelernt?"
„Ja, wobei ich VECTOR nicht viel beibringen musste. Mit allen neuen Rekruten habe ich am Anfang ein Probetraining gemacht, um zu sehen, was sie können. Kein einziger hatte je eine Chance gegen mich. Nur VECTOR. Unser erster Kampf ging unentschieden aus. Damit hat er sich eine Menge Respekt bei mir verdient", sagte HUNK. „Er ist der einzige, mit dem ich nach Umbrella in Kontakt blieb. Uns verbindet bis heute eine tiefe Freundschaft. Er ist einer der wenigen Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde."
„Er scheint ein netter Kerl zu sein. Auch wenn er glatt noch geheimnisvoller ist als du. Ich konnte mich noch gar nicht richtig bei ihm bedanken, weil er uns vor ein paar Tagen bei sich aufgenommen hat."
„Das weiß er auch so", sagte HUNK. „Wie geht es ihm mittlerweile? Ich habe mir große Sorgen gemacht. Er ist ein zäher Bursche, aber er war sehr schwer verletzt."
„Wir haben ihn wieder hinbekommen, aber es war knapp. Die Bauchverletzung war nicht unerheblich und er hat eine Menge Blut verloren. Er ist noch die meiste Zeit bewusstlos, aber wenn er wach ist, dann flirtet er." Patricia grinste.
„Mit wem?"
„Mit dieser Helena Harper, der Agentin vom DSO. Die beiden schienen sich auf Anhieb sehr gut zu verstehen. Sie flirten jedenfalls wie die Weltmeister."
„Das habe ich nicht erwartet", musste HUNK zugeben. „Aber Zeit ist es für ihn geworden. Er war einsam. Er wollte immer der einsame Wolf sein, aber er hat eine Frau gebraucht. Man kann nicht für den Rest seines Lebens allein bleiben. Das habe ich auch lernen müssen. Auf dem Schiff hat er angedeutet, dass etwas mit ihm nicht stimmt."
„Was meinst du?"
„Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann geht es ihm körperlich nicht gut. Hast du erfahren, was mit ihm los ist?"
„Ja, wir mussten ihn fragen, ob er Medikamente einnimmt", sagte Patricia. „Nach einigem Hin und Her hat er zugegeben, dass er Rheumamittel einnimmt. Er hat in einigen Gelenken beginnende Arthritis. Ungewöhnlich in dem Alter, aber das gibt es, wenn jemand familiär vorbelastet ist."
„Er wollte mir nicht sagen, was mit ihm los ist", sagte HUNK. „Ich hätte gedacht, er vertraut sich wenigstens mir an."
„Er schämt sich dafür", sagte Patricia.
„Wenn bei jemandem wie VECTOR der Körper versagt, kommt das einer Katastrophe gleich", erklärte HUNK ihr. „Als Soldat, wenn man seine Kräfte verliert … Unser Körper ist unser Arbeitsmittel."
HUNK zögerte kurz, dann wechselte er das Thema und stellte seiner Frau die Frage, die ihm schon die ganze Zeit im Kopf herumschwirrte. „Siehst du mich jetzt eigentlich mit anderen Augen, da du die ganze Wahrheit über mich kennst?"
Patricia betrachtete ihn eine Weile. Ihr Hand glitt sanft über seinen Arm. „Nein, ich sehe dich jetzt nicht mit anderen Augen. Ich hätte mir nur einfach gewünscht, dass du dich mir anvertraut hättest. Ich war so verletzt, weil es sich für mich so angefühlt hat, als ob du glaubst, mir nicht vertrauen zu können. Aber das kannst du, Matt. Du hast so viel erlebt in deinem Leben und das hast du für dich behalten. Du konntest nicht mal mit mir sprechen. Das muss doch belastend gewesen sein."
HUNK überlegte. Er besaß seit jeher die Fähigkeit, zu jeder Zeit im Hier und Jetzt zu sein. Er war stets bei der Sache, immer auf das Ziel seines Auftrages fokussiert. Er war in der Lage, sich abzugrenzen, seine Erlebnisse von sich fernzuhalten und seine Vergangenheit zügig abzuhaken. Er war berechnend und pragmatisch und tat, was nötig war. Manche mochten sagen, dass er kalt und emotionslos war, dass er nach außen hin eine Rüstung, einen Schutzpanzer trug, doch HUNK hatte seine Robustheit und Resilienz immer als Geschenk gesehen. Er war kein Mann der großen Worte und es hatte ihm nie etwas ausgemacht, niemanden zu haben, mit dem er über seine Jugend und seine Arbeit sprechen konnte. Aber er sah ein, dass Patricia das anders sah. Sie hatte HUNKs Art als mangelndes Vertrauen und als Geheimniskrämerei empfunden.
„Es tut mir leid, dass ich dich an meinem Leben nie habe teilnehmen lassen", sagte er langsam. „Ich selbst lebe nicht in der Vergangenheit und Teile meiner Vergangenheit bleiben besser unangetastet."
„Ich verstehe jetzt, warum du nie über deine Jugend gesprochen und mir nie deine Eltern vorgestellt hast", sagte Patricia. „Das tut mir leid. Ich habe Verständnis dafür, dass du mir erzählt hast, sie seien gestorben."
„Schnee von gestern." HUNK hatte sein Zuhause mit 16 verlassen und hatte seitdem nie wieder an seine Eltern gedacht, bei denen er eine solche Kindheit verbracht hatte, die kein Kind erleben sollte. Er wusste nicht, ob sie noch lebten. Weil er peinlichen Fragen aus dem Weg gehen wollte, hatte er Patricia erzählt, sie seien vor langer Zeit bei einem Autounfall gestorben.
„Den College-Abschluss hättest du da aber nicht erfinden müssen. Du hättest mir sagen können, dass du Soldat bist."
HUNK zuckte mit den Schultern. „Ich musste mir eine Geschichte ausdenken."
Sie lächelte schwach, aber wurde sofort wieder ernst. „Wie soll es denn in Zukunft weitergehen? Mal angenommen, wir finden ein Heilmittel und alles wird wieder normal … Jetzt da ich weiß, was du tust, wenn du aus dem Haus gehst, glaube ich nicht, dass ich noch eine ruhige Nacht schlafen kann. Und ich brauche dich jetzt. Ich stehe total neben mir. Als ich damals mit Anfang 20 mit Kelly schwanger war, war ich nicht so aufgeregt wie jetzt. Ich fühle mich gerade überfordert, Matt, und ich habe Angst."
HUNK hatte seine Entscheidung bereits getroffen. „Ich werde meine Arbeit aufgeben, damit ich bei dir, bei euch sein kann. Dieser Zeitpunkt musste irgendwann kommen. Ich schiebe die Entscheidung ohnehin seit einer Weile auf und jetzt habe ich einen Anlass."
Patricia umarmte und küsste ihn. „Das würdest du für uns tun?"
„Ja. Und du bist dir immer noch sicher, dass du mich noch willst?", fragte HUNK. „Nachdem du jetzt weißt, wer ich bin und zu was ich fähig bin. Nachdem du einen Einblick in meine Welt genommen hast?"
„Matt, ich liebe dich", sagte Patricia. „Ich will dich, seit ich mich damals auf Hawaii Hals über Kopf in dich verliebt habe. Ich habe mehr Zeit mit dir als ohne dich verbracht. Wir haben zwei, bald drei wunderbare Kinder. Niemals würde ich das wegwerfen, was wir haben. Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Und ganz ehrlich? Du warst immer mein Held, aber nachdem ich gesehen habe, was du drauf hast, bist du zum Superhelden aufgestiegen. Und für die Mädchen bist du sowieso der beste Vater der Welt. Gib mir, uns, einfach ein bisschen Zeit, das alles zu verdauen. OK?"
Damit konnte er leben. Sie verbrachten die Nacht miteinander. Patricia war überglücklich, dass sie wieder in den Armen ihres Mannes liegen konnte.
Claire lehnte sich entspannt an Weskers Brust, als sie sich zu langsamer Musik bewegten. Sie war genau dort, wo sie sein wollte – an seiner Seite. Und nichts konnte sie mehr trennen. Er hatte sogar den Tod überwunden, um zu ihr zurückzukommen. Nun schuldete sie ihm nur noch eine Antwort auf seine Frage.
„Ich habe nachgedacht", raunte sie. „Ich nehme deinen Antrag an. Ich möchte dich heiraten."
„Meinst du das ernst, Claire?", fragte Wesker. „Bist du dir sicher?"
„Ich bin sicher, aber ich trage eine Menge Ängste mit mir herum, was das anbelangt."
„Zum Beispiel?"
„Das, was wir haben, bestand bisher nur aus unserem Training und … naja, dem Sex. Beides habe ich immer genossen, ganz im Gegenteil, ich habe mich selten im meinem Leben so … lebendig gefühlt. Aber wir haben nicht mal eine richtige Beziehung, im Grunde genommen kennen wir uns noch nicht einmal. Das ist nicht gerade eine gute Grundlage zum Heiraten. Weißt du, Heiraten bedeutet, dass man immer zusammen ist, dass man füreinander da sein muss. Das möchte ich gerne. Wenn es einen Mann gibt, mit dem ich das möchte, dann bist du es."
„Aber?"
„Hast du jemals mit einer Frau eine längere Beziehung geführt? Hast du jemals mit einer Frau zusammen gewohnt?", fragte Claire.
„Nein, weder noch", antwortete Wesker.
„Siehst du. Ich aber schon. Wenn wir verheiratet sind, dann leben wir zusammen. Dann wachen wir jeden Morgen nebeneinander auf, wir essen zusammen, wir bekommen Einblicke in das Leben des anderen, die wir vorher nicht hatten. Und das macht mir Angst."
„Was verängstigt dich daran?", fragte Wesker.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihre Gefühle richtig in Worte fassen konnte. „Du bist dieser geheimnisvolle, mysteriöse Mann hinter der Sonnenbrille, mit dem ich die schönsten Nächte meines Lebens verbracht habe und der … wahrscheinlich so tief in meine Seele geblickt hat wie kein anderer, aber der trotzdem ein Rätsel für mich geblieben ist. Ich genieße die Zweisamkeit, aber es gibt diesen respektvollen Abstand zwischen uns. Ich kann für mich sein und du kannst für dich sein. Wenn wir uns aufeinander einlassen und heiraten, dann … Ich habe Angst, dass das, was wir haben, was perfekt ist und was mir wirklich guttut, vom Alltag eingeholt wird, und dass es dadurch kaputt gehen könnte. Dich zu verlieren, könnte ich mir nicht verzeihen." Sie hatte vergraueln sagen wollen, aber hatte das Wort nicht über ihre Lippen gebracht. „Mal abgesehen davon, dass ich schon mit einer Verlobung gescheitert bin und ich Angst vor einer Wiederholung habe", fügte sie schnell hinzu.
Wesker schien trotzdem verstanden zu haben. „Hast du Angst, dass ich dich zurückstoßen könnte, wenn ich dich zu menschlich sehe? Oder hast du Angst, dass dein Bild von mir kaputtgehen könnte und du damit nicht fertig werden könntest?"
Sie nickte. Er hatte mit beidem ins Schwarze getroffen. „Tut mir leid."
„Das muss dir nicht leidtun, Claire", sagte Wesker. „Ich verstehe dich, diese Gedanken sind mir nämlich auch durch den Kopf gegangen."
„Was ich im Flugzeug gesagt habe, habe ich ernst gemeint. Wir werden nicht jünger. Wir werden älter und irgendwann werden wir sterben. Was ist, wenn einer von uns ernsthaft krank wird? Können wir das schaffen? Können wir uns um einander kümmern? Auch in schlechten Zeiten? Was ist, wenn wir uns streiten? Was ist, wenn wir uns trennen? Ich habe einfach diese Ängste, verstehst du? Dabei möchte ich nichts lieber, als für immer mit dir zusammen zu sein."
Sie umarmte ihn fest.
„Natürlich verstehe ich dich, Claire", meinte Wesker. „Angst vor der Zukunft ist normal, genauso wie die Angst vor dem Ungewissen. Man braucht Mut, um die Zukunft anzugehen. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, Claire, sondern die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst. Du bist mir jedenfalls wichtiger als meine Sorgen über Ereignisse, die Jahrzehnte in der Zukunft liegen."
„Schön gesagt", meinte Claire mit einem Lächeln.
„Du wirst einen Ring bekommen", sagte Wesker. „Wenn das Heilmittel wirkt und wir wieder zur Normalität zurückgekehrt sind, dann werde ich dir einen Ring schenken, damit es offiziell wird."
„Einen Ring? Wow." Sie fühlte sich geehrt. „Chris weiß es ja schon, aber die anderen werden ausflippen. Wie sollen wir ihnen das sagen? Und wer soll zur Hochzeit kommen? Ich meine, dann brauchen wir ja so etwas wir Trauzeugen und Brautjungfern und Blumen und Essen und …"
„Ein Kleid?"
„Mein Gott …" Wehmut ergriff Claire. Sie hatte vor Jahren ein Kleid für ihre Hochzeit gekauft. Es hing in ihrem Zuhause, das sie verlassen hatte, im Schrank. Es hing in der hintersten Ecke, wo sie es nicht sehen musste, und steckte immer noch in der Schutzfolie, weil sie es nie ausgepackt hatte. Mit dem Kleid waren ein paar schmerzhafte Erinnerungen verbunden und ein paar Mal hatte sie mit dem Gedanken gespielt es wegzuwerfen oder zu verkaufen, aber aus irgendeinem Grund hatte sie es nicht übers Herz gebracht und so fristete es sein Dasein unbenutzt in ihrem Schrank. „Ich habe schon eins. Das alte von damals. Ich habe es aufgehoben und ich weiß nicht mal, warum."
„Vielleicht weil man manchmal eine zweite Chance bekommt, Claire", meinte Wesker. „Türen schließen sich, Türen öffnen sich."
„Du hast Recht." Plötzlich kam ihr ein Gedanke und sie musste laut loslachen. „Die Familienfeiern werden dann bestimmt lustig. Dann bist du Chris' Schwager und ich bin Jakes Stiefmutter. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken. Vergessen wir das."
Wesker grinste. „Komm her du." Er hob sie mit einem Schwung hoch und trug sie zum Bett. Claire lachte und wollte protestieren, doch ehe sie es sich versah, fand sie sich schon unter ihm und küsste ihn leidenschaftlich.
„Das ist unglaublich", raunte Rebecca ehrfürchtig, als sie gebannt Albert Wesker beobachte. Sie standen alle draußen auf dem Hotelgelände versammelt und sahen Wesker zu, wie er sein neuen Kräfte erprobte.
„Das hätte ich selbst nicht erwartet." Wesker konnte mit einem Satz mehrere Meter hoch und weit springen. Mit einem Schlag konnte er einen dicken Baumstamm durchschlagen. Sogar Kugeln konnte er mühelos ausweichen. Er hatte nicht nur seine alten Kräfte zurückerhalten, seine Kräfte waren sogar noch viel größer als früher. Noch hatte er seine neuen Kräfte nicht vollständig unter Kontrolle und musste trainieren. „Ich dachte, mein Mittel hätte nicht funktioniert."
„Du musstest erst sterben, Albert", meinte Alex. „Dein Tod hat das Virus aktiviert."
„Habt ihr mein Blutbild untersucht?", fragte Wesker. „Wie ist die Zellaktivität?"
„Dein Körper kämpft nicht mehr gegen das Virus an", sagte Rebecca. „Anders als damals bei dem Prototyp-Virus brauchst du jetzt kein Serum mehr, Wesker. Dein Körper hat das Virus vollständig in deine Zellen integriert. Es ist stabil."
„Das ist sehr gut", sagte Wesker, während er abwechselnd seine Finger zu Fäusten ballte und wieder lockerließ. Er spannte und entspannte seinen Nacken und seinen Rücken. Obwohl er lange geschlafen hatte, war er nicht steif. Seine Muskeln fühlten sich sehr geschmeidig an.
„Nun da Wesker seine Kräfte zurück hat, haben wir endlich eine realistische Chance gegen Raphael. Wenn wir unsere Kräfte vereinen, dann können uns seine B.O.W.s nichts mehr anhaben", sagte Piers.
„Das sehe ich auch so", sagte Wesker. „Aber wir sollten trainieren, Piers, dass wir vorbereitet sind."
Piers nickte.
Jake trat aus der Menge der versammelten nach vorne. „Ich habe zwar keine solchen Kräfte wie du, aber durch den C-Virus, den ich bekommen habe, bin ich doch stärker als ein normaler Mensch. Ich bin nicht von schlechten Eltern."
„Äh, Jake …", mahnte Sherry. „Was hast du vor?"
„Ich will sehen, was mein Dad so drauf hat. Ich will sehen, ob ich meinen alten Herren in die Tasche stecken kann", sagte Jake und grinste verschmitzt.
„Soll das eine Herausforderung sein?", fragte Wesker zurück und grinste.
„Oh ja."
Die beiden Männer gingen in Angriffsposition. Ein angeregtes Raunen ging durch die Reihe der Zuschauer. Jill und Chris wechselten einen besorgten Blick miteinander.
„Ich bin gespannt, was der Junge auf dem Kasten hat", sagte HUNK und verschränkte die Arme.
„Ich werde mich zurückhalten", sagte Wesker.
Jake griff zuerst an. Er schlug erst mit Fäusten zu, dann kickte er – vorwärts, seitwärts, rückwärts. Wesker wehrte alle Angriffe mit Leichtigkeit ab. Jake hatte Mühe, den Rückangriffen seines Vaters auszuweichen und er schaffte es auch bei weitem nicht so elegant. Es war sofort ersichtlich, dass Wesker seinem Sohn in jeder Hinsicht überlegen war. Jake gab sich Mühe, aber sein Vater war schneller. Er griff Jake an der Kehle, bevor dieser den Angriff voraussehen konnte.
„Erzwinge nichts, Jake. Du erzwingst es", sagte Wesker und schubste seinen Sohn ein Stück nach hinten.
Jake fing sich schnell und griff erneut an. Diesmal jedoch beendete Wesker das Spiel. Er blockte Jakes Fauststoß gekonnt ab und brachte Jake mit einem Fußfeger zu Fall. Jake konnte nicht mehr reagieren, da war sein Vater auch schon über ihm und drückte ihn nach unten.
„Du bist sehr stark, Jake, und mutig, aber du hast keine richtige Technik. An der musst du dringend arbeiten", sagte Wesker, dann bot er seinem Sohn eine Hand an und half ihm auf die Beine. „Aber sonst, muss ich schon sagen, nicht übel."
„Wo er Recht hat, hat er Recht", meinte HUNK amüsiert.
„Du bist richtig gut", sagte Jake. „Hab dich wohl unterschätzt."
„Wer hat dir das beigebracht, Jake?"
„Mit 15 bin ich ein Söldner in Edonien geworden. Der Leiter unserer Einheit hat mich trainiert. Er hat mir alles beigebracht, was er wusste. Über die Jahre habe ich alles aufgeschnappt, was so kam. Das meiste war Learning by Doing."
„Du bist sehr gut, Jake. Du hast ausbaufähiges Potential. An der Technik können wir arbeiten", sagte Wesker. „Vielleicht schließt sich uns ja auch Agent HUNK an?"
„Mit Vergnügen", meinte HUNK.
Claire trat aus dem Kreis der Zuschauer nach vorne und ging auf Wesker zu.
„Albert, wollen wir die Gelegenheit nutzen, und es gleich hier verkünden?"
Wesker überlegte kurz. „Warum eigentlich nicht. Sie müssen es erfahren und sie sind gerade alle versammelt."
„Was müssen wir erfahren?", fragte Leon.
Nach Chris' Gesichtsausdruck zu schließen, ahnte er bereits, was kommen würde. Er sah aus, als hätte er gerade eine sehr bittere Pille geschluckt.
„Ich glaube, inzwischen habt ihr es ja alle mitbekommen, dass Wesker und ich … ähm, zusammen sind", sagte Claire langsam und sah der Reihe nach in alle Gesichter. „Wir haben Neuigkeiten für euch. Wir haben uns verlobt und wenn die Welt wieder normal ist und wir Raphael besiegt haben, dann wollen wir heiraten." Sie ergriff haltsuchend Weskers Hand und wartete auf die Reaktion ihrer Freunde. Alle bis auf drei schienen wenig begeistert zu sein. Sherry trat nach vorne und umarmte Claire.
„Ich freu mich für euch. Ich wünsche mir so sehr, dass du glücklich wirst, Claire."
„Danke, Sherry."
Sherry schenkte Wesker ein Lächeln. HUNK und Piers nickten ihnen zu. Die beiden würden mit Sicherheit keine Einwände vorbringen.
„Ich weiß, dass das schwer für euch zu verstehen ist und dass ihr meine Entscheidung wahrscheinlich nicht gut findet, aber bitte respektiert sie wenigstens. Zwischen uns ändert sich nichts. Ich bin immer noch eure Claire. Ich habe eine schwere Zeit durchgemacht und bin nicht mehr dieselbe wie früher. Mein Leben hat einen ganz außergewöhnlichen Weg eingeschlagen, für den ich aber sehr dankbar bin. Seid versichert, dass ich mir das gut überlegt habe. Ich liebe Albert und ich bin glücklich mit ihm zusammen. Und ich möchte diesen besonderen Tag mit euch feiern, den Menschen, die ich liebe, meiner Familie und meinen Freunden."
Chris, Jill, Barry, Rebecca, Leon, Helena, Ada, Claire, Piers, HUNK, Jake, Claire und die beiden Wesker hatten sich zu einer Besprechungsrunde in einem Büro im Obergeschoss des Hotels zusammengefunden. Alex hatte einen Laptop vor sich stehen und tippte angeregt auf der Tastatur.
„Kleine Krisenbesprechung, Leute", sagte Chris. Er war besorgt. „Wir haben unsere Vorräte gesichtet. Wir haben die ganze Umgebung, so weit es sicher war, komplett ausgeräubert und alles Nützliche, was wir finden konnten, hierher geschafft. Wir haben noch ausreichend Dosenvorräte und Trockenvorräte, aber die frischen Lebensmittel gehen uns aus. Barry musste uns zwei Hirsche im Wald schießen, damit wir Fleisch hatten. Es wird eng, wir müssen uns etwas einfallen lassen. Ich frage nur ungern, aber wie geht es mit dem Heilmittel voran?"
„Wir arbeiten daran", sagte Rebecca. „Wir haben schon einen Prototypen, für den wir auch das Blut von Jakes und Sherrys Tochter benutzt haben, komplett fertiggestellt. Der nächste Schritt ist der Test am lebenden Objekt. Wenn es funktioniert, dann übergeben wir es an die Regierung. Ich habe schon mit Hunnigan gesprochen. Sie werden das Heilmittel in Zusammenarbeit mit ein paar Pharmakonzernen in großen Mengen herstellen und dann an die UNO übergeben. Der Plan für die großangelegte Immunisierung läuft bereits. Das Heilmittel wird auf er ganzen Welt gleichzeitig verteilt."
„Das sind doch mal gute Nachrichten", sagte Chris und atmete erleichtert auf. „Uns läuft die Zeit davon. Der Erkundungstrupp, den wir rausgeschickt haben, hat uns leider besorgniserregende Nachrichten zurückgemeldet. Die Infizierten arbeiten sich weiter ins Landesinnere vor. Es kann sich nur noch um wenige Wochen handeln, bis sie hier sind. Und je näher sie an uns heranrücken, desto seltener können wir raus und Vorräte holen."
„Das ist ein Problem. Wir dürfen nicht riskieren, dass uns wichtige Vorräte wie Medikamente oder Benzin ausgehen", warf Jill ein. „Wir müssen immer weiter entfernt suchen, aber wenn die Infizierten näher kommen, dann werden unsere Ausflüge nach draußen gefährlicher."
„Dann gehen nur noch Wesker und ich, wenn es notwendig ist", sagte Piers. „Wir haben Kräfte, mit denen wir uns verteidigen können. Oder wir leiten Teams. Sollten die Infizierten zu nahe an unser Unterkunft kommen, dann werden wir sie verteidigen."
„Ein passabler Vorschlag", sagte Albert Wesker.
„Gut", sagte Chris. „Das klingt vernünftig."
„Wie sehen unsere Munitionsvorrate aus?", wollte Leon wissen.
„Wir sind sparsam, aber wir haben vielleicht noch Vorräte für maximal zwei Einsätze", sagte Chris. „Wir brauchen Vorräte hier, falls wir uns verteidigen müssen."
„Abgesehen von uns hier und meiner Tochter", sagte HUNK, „wie viele Leute von hier können schießen und sich mit uns um die Verteidigung kümmern?"
„Sherry kümmert sich gerade darum. Ich habe sie gebeten, die Leute zu fragen", erklärte Chris. „Bislang haben wir 35 Leute gefunden, die uns im Notfall helfen können."
„Damit können wir arbeiten", meinte HUNK. „Wie steht es eigentlich um VECTOR?"
„Er hat es gut überstanden. Der ist ein zäher Bursche", sagte Helena. „Aber wir mussten improvisieren. Glücklicherweise haben wir neben Ihrer Frau, HUNK, noch zwei andere Krankenschwestern hier. Ich fürchte aber, dass wir nicht die Kapazitäten haben, um nochmal jemanden mit so starken Verletzungen zu versorgen. Wir sind kein Krankenhaus. Wir müssen mit den medizinischen Vorräten gut haushalten."
„Darüber werden wir noch gesondert sprechen", sagte Chris. „Kommen wir jetzt bitte zum eigentlichen Thema – Raphael. Er ist immer noch da draußen und er hat es abermals geschafft, Raketen mit seinem Virus loszuschicken. Wir müssen davon ausgehen, dass wir noch ein paar Millionen mehr Infizierte auf der Welt haben. Wir müssen den Kerl endlich stoppen. Alex hat die Daten, die Albert von Raphaels Schiff mitgebracht hat, analysiert. Stell uns bitte deine Ergebnisse vor."
Alex nickte. „Einen Moment bitte." Sie tippte noch ein paar mal auf dem Laptop, dann erhob sie sich und sah mit einem vielsagenden Grinsen in die Runde.
„Mach es nicht so spannend, Alex", meinte Jake.
„Ich lege ja schon los", sagte Alex und machte eine bedeutungsschwangere Pause, bevor sie schließlich begann. „Wir haben sehr lange Zeit nach Raphael gesucht, ihn aber nicht gefunden. Vielleicht haben wir bei der Suche nicht die richtigen Fragen gestellt. Wir haben ihn nur dort gesucht, wo er auch sein konnte, aber wir haben ihn nicht dort gesucht, wo er auf keinen Fall sein konnte."
Chris' Augenbrauen zogen sich zusammen. „Ich kann dir nicht ganz folgen, Alex." Den anderen schien es ähnlich zu gehen.
Ihr Bruder ergriff das Wort. „Ganz einfach, Chris", meinte Albert, „wenn du Raphael wärst und dich verstecken müsstest, wo würdest du dich dann verstecken? Ganz banal."
„Wo mich niemand findet", meinte Chris im Scherz, aber Wesker nickte.
„Ganz genau. Wo ihn niemand findet, ist genau dort, wo ihn niemand suchen würde."
„Kommt zum Punkt", sagte Leon ungeduldig.
„An welchem Ort würden wir ihn nicht suchen?", fragte Jill.
„Ach, ich weiß nicht … Würdet ihr in Raccoon City nach ihm suchen?"
Auf Albert Weskers Frage legte sich Totenstille über den Raum. Alle sahen sich fragend an. Selbst HUNK und Ada Wong schienen verwirrt.
„Raccoon City?", fragte Rebecca kopfschüttelnd und ihr war anzumerken, dass sie skeptisch war. „Wie meint ihr das?"
„Ich habe auf der Queen Tisiphone einige Daten aus Raphaels Netzwerk herunterladen können", erklärte Albert Wesker. „Die waren auf dem Gerät, das ich Alex gegeben habe, bevor wir zur Queen Megaira aufgebrochen sind. Alex hat die Daten in der Zwischenzeit analysiert."
Alex Wesker nickte. „Ich dachte, ich falle vom Hocker, als ich sah, was Albert ausgegraben hat."
„Spannt uns nicht weiter auf die Folter! Raus mit der Sprache!", forderte Chris.
„Zeig es ihnen, Alex", bat Albert seine Schwester. Alex tippte kurz auf dem Laptop und rief den Bauplan einer unterirdischen Anlage auf. Die Gruppe trat näher an das Gerät heran, um das Bild in Augenschein nehmen zu können.
„Man nennt diese Anlage die Pyramide", erklärte Wesker den Umstehenden. „Die Familie hat sie vor gut 15 Jahren gebaut. Der Name kommt von der quadratischen Grundform und den vier Dreiecken, die nach unten in die Spitze auslaufen. Sie diente Raphael von Anfang an als Basis, von der aus er operiert hat. Ich gehe davon aus, dass er dort ein Forschungslabor zur Herstellung des R-Virus hat. Sie befindet sich an genau dem Ort, wo wir niemals gesucht haben, nämlich Raccoon City. Deshalb war es so schwer für uns, ihn ausfindig zu machen. Der Kerl wird sich die ganze Zeit dort versteckt haben."
„Wie ist denn das möglich?", fragte Claire. „Die Stadt ist doch vollkommen zerstört. Und wie konnten die unbemerkt eine solche Anlage an diesem Ort bauen? Ist das Gebiet nicht weiträumig abgeriegelt? Gibt es nicht sogar eine Sperrzone?"
„Ich vermute, dass sie die bestehende unterirdische Infrastruktur, die nach der Explosion noch halbwegs intakt war, dafür genutzt haben", sagte Alex. „Ja, um Raccoon City gibt es eine Sperrzone in einem Umkreis von 50 Meilen. Näher darf niemand an die Stadt heran. Es ist sogar verboten, das Gebiet zu überfliegen. Dort herrscht eine Flugverbotszone. Es ist der ideale Ort, um sich zu verstecken, weil dort niemand sucht."
„Die Familie schert sich wohl kaum um solche Verbote", meinte Leon. „Sie haben Kontakte nach ganz oben. Sie haben sogar Behörden und die Regierung in der Hand. Simmons war nicht umsonst Nationaler Sicherheitsberater."
„Ich sage es nur ungern Leute, aber wir müssen da rein", sagte Piers entschieden. „Diesmal werde ich mitkommen. Ich lasse euch kein zweites Mal allein gehen. Ohne meine Kräfte seid ihr aufgeschmissen."
„Da ich nun auch meine Kräfte zurückhabe", sagte Wesker, „wird Raphael diesmal kein so leichtes Spiel mit uns haben. Sollten sich uns irgendwelche Tyranten oder andere B.O.W.s in den Weg stellen, werden Mr. Nivans und ich uns um sie kümmern."
„Aber Leute, wartet mal", warf Jill ein. „Wenn sich Raphael wirklich in dieser Anlage befindet, dann werden wir doch wohl kaum unbemerkt da rein spazieren können. Die Anlage muss doch ein Sicherheitssystem haben. Wir können uns dem Komplex mit Sicherheit auf maximal 50 Meilen nähern. Sobald wir die Sperrzone passieren, lösen wir Alarm aus. Wie lösen wir das Problem?"
„Albert hat uns nicht nur einen Plan der Anlage besorgt, sondern auch die komplette Struktur des Sicherheitssystems", erklärte Alex. „Es wird nicht leicht werden, aber ich glaube, dass ich in der Lage bin, es zumindest zeitweise abzuschalten und uns so ein wenig Zeit zu verschaffen. In dem kleinen Zeitfenster müssen wir es in die Anlage schaffen. Wenn das Sicherheitssystem abgeschaltet ist, öffnet sich der Eingang an der Oberfläche."
„OK. Dann werden wir uns in den nächsten zwei Tagen einen Plan überlegen und uns vorbereiten", sagte Chris zum Abschluss. „Bis dahin hat jeder seine Aufgaben. Claire, bleibst du bitte noch?"
Die Gruppe setzte sich in Bewegung, nur HUNK fügte noch hinzu: „Einen Moment bitte. Raphaels Reaktion, als Albert Wesker Gabriel Simmons erwähnt hat, sprach Bände. Wesker hat einen Nerv getroffen. Raphaels Onkel muss mit der Sache zu tun haben. Wann werden wir uns um den kümmern?"
„HUNK hat vollkommen Recht, Chris", sagte Wesker. „Gabriel Simmons."
„Ich habe das im Hinterkopf", meinte Chris, „ich bin nur der Meinung, dass wir uns erst um Raphael kümmern sollten. Er ist jetzt die größere Bedrohung. Wenn wir ihn ausgeschaltet haben, dann ist Gabriel Simmons dran. Vielleicht erfahren wir ja von Raphael noch etwas über seinen ominösen Onkel. Die einzige Spur zu ihm führt zwangsläufig über Raphael."
„Also gut. Aber wir sollten uns auf alles vorbereiten", meinte Wesker.
„Ja. Claire?"
„Ich komme gleich nach", sagte Claire an Albert Wesker gewandt. Dieser nickte und verließ mit den anderen den Raum.
„Was gibt es, Chris?", fragte Claire.
„Na was wohl, kleine Schwester?", meinte Chris nur. „Du heiratest. Als dein Bruder geht mich das ja doch etwas an."
Claire war peinlich berührt. Verlegen sah sie zu Boden und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Chris, ich …"
„Hey, es ist dein Leben, Claire, und ich bin wirklich der Letzte, der dir dein Glück nicht gönnen würde. Vor allem nach all dem, was du durchgemacht hast. Aber da dich dein letzter Verlobter sitzen gelassen hat und ich dich danach in einer Klinik abliefern musste, Claire, kannst du da verstehen, dass ich mich sorge? Und dann ist da noch … Scheiße, es ist Wesker. Von allen Männern auf dem Planeten, warum zum Teufel willst du den heiraten? Ich habe keine Ahnung, wie ich mit der Tatsache umgehen soll, dass ich bald mit Wesker verwandt sein werde."
„Er ist der Richtige, Chris", sagte Claire.
„Das hast du beim Letzten auch gesagt", entgegnete Chris.
„Aber diesmal ist es anders. Weißt du, beim letzten Mal, da habe ich mich so getrieben gefühlt. Ich hatte das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Ich war glücklich mit ihm, aber … eigentlich wollte ich nicht den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. Ich dachte nur, ich müsste es, weil ich sonst niemanden mehr haben würde", sagte Claire nachdenklich. „Wesker und ich haben einfach zusammengefunden, obwohl wir nicht nach einander gesucht haben. Es hat sich entwickelt. Und es fühlt sich richtig an, Chris. Ich weiß, dass ich für immer mit ihm zusammen sein werde, egal was kommt."
„Ihr seid verschieden, Claire. Es gibt eine Menge Differenzen. Wesker ist viel älter als du, er kommt aus einer völlig anderen Welt. Nein, er lebt in einer völlig anderen Welt als du."
„Nein, Chris. Wir leben alle in derselben Welt, nur standen wir auf unterschiedlichen Seiten. Aber jetzt sind wir alle auf einer Seite. Es hat sich einfach so entwickelt. Die Dinge haben ihren Lauf genommen. Was ist mit dir und Alex? Ihr seid auch völlig verschieden. Du hast sie nicht aufgegeben, das sehe ich dir an."
Chris fühlte sich ertappt. Vor seinem inneren Auge erschienen plötzlich die Bilder ihrer gemeinsamen Nächte, die sie in er letzten Zeit miteinander verbracht hatten.
„Ihr müsst doch keine Freunde werden", fügte Claire hinzu. „Aber respektiert euch wenigstens. Und respektiert mich. Ich bin deine Schwester, an dieser Tatsache lässt sich nichts ändern. Wesker muss das akzeptieren. Und Wesker ist der Mann, den ich mir ausgesucht habe. Daran wirst du nichts ändern können, Chris, das musst du akzeptieren. Weißt du noch, was du mir damals erzählt hast, als du und Piers Jake gerettet habt? Piers meinte, dass es Ironie sei, dass ausgerechnet du, der Wesker getötet hat, bevor er die Welt zerstören konnte, dessen Sohn, der die Welt vor ihrem Untergang bewahren muss, retten würde. Du hast geantwortet …"
„Ich sagte, es sei Schicksal", meinte Chris, der sich noch genau an die Szene im Aufzug der Unterwasseranlage erinnern konnte.
„Ja. Natürlich hat es irgendwie etwas Ironisches, aber … vielleicht hat uns ja das Schicksal mit den beiden Weskern zusammengeführt. Auf eine Weise, die auch die beiden nicht vorhersehen konnten. Denk mal drüber nach."
Chris nickte. Er hatte eine Menge zum Nachdenken.
„Ihr sollt alle dabei sein. Ich möchte keine große Feier. Ihr müsst euch nicht mal feierlich rausputzen, aber einen Wunsch habe ich. Dass ihr diesen Tag dann mit mir teilt", sagte Claire.
Chris lächelte, dann umarmte er seine Schwester.
Was Chris an diesem Abend erneut zu Alex Wesker trieb, das vermochte er selbst nicht genau zu sagen. Er dachte die ganze Zeit unentwegt über Claires Worte nach, bis ihm schwindelig war und er Kopfschmerzen hatte. Er fühlte sich wie ausgelaugt und wollte für den Moment einfach nur alles vergessen.
Alex empfing ihn schon ungeduldig und überaus willig. Als sie ihre Zimmertür öffnete, trug sie nur einen dünnen Morgenmantel und nichts darunter. Sie hatte ihn schon erwartet. Die Rolle von Natalia hatte sie völlig abgelegt. Chris hatte jetzt das Gefühl, nicht mehr mit einer jungen Frau Anfang 20 zusammen zu sein, die noch Erfahrungen sammelte, sondern mit einer erfahrenen, reifen Frau, die genau wusste, was sie wollte. Als sie noch zusammen waren und sie die Rolle von Natalia gespielt hatte, hatte sie sich bewusst kindlich, lieb und nett gegeben. Seit sie sich nicht mehr verstecken musste, wurde sie mehr und mehr zur alten Alex Wesker. Sie zog sich anders an. Sie legte viel mehr Wert auf ihr Äußeres und plötzlich legte sie eine bisher für Natalia ungewöhnliche Arroganz und Überheblichkeit an den Tag. Die Liebenswürdigkeit der jungen Frau war verschwunden und an ihre Stelle war der Sarkasmus und der Zynismus einer alten vom Leben gezeichneten Frau getreten. Chris fühlte sich zur neuen „Natalia" einerseits noch mehr hingezogen als früher, andererseits fühlte er sich von der wahren Alex regelrecht abgestoßen. Zwischen ihm und seiner Geliebten war eine Art Hassliebe entstanden.
Sie sahen sich kaum an und sie sprachen auch fast nichts miteinander, außer wenn sie sich gegenseitig Befehle erteilten. Der Sex wurde grober, härter. Sie kratzte und biss ihn, Chris packte sie so fest an, dass sie blaue Flecken davontrug. Sie war sein Ventil zum Abbau seiner Aggressionen und seines Frustes geworden. Wenn sie zusammen waren, dann dachten sie nicht an den nächsten Tag. Sie dachten an nichts und niemanden, sondern kosteten nur jeden Moment ihres Zusammenseins aus, bis sie beide die Befriedigung gefunden hatten, nach der sie strebten.
Heute Abend lagen sie danach erschöpft nebeneinander. Alex hatte ihr Gesicht an Chris' Hals vergraben und einen Arm und ein Bein um ihn geschlungen. Egal wie nah sie ihm war, ihr Bedürfnis nach Nähe schien nicht gestillt werden zu können.
„Was willst du von mir, Alex?", fragte Chris in die Stille hinein. Seine Stimme war tief und heiser und klang fremd in seinen Ohren. „Warum ich?"
„Ich wollte Rache, Chris."
„Ja, aber jetzt. Was willst du jetzt von mir?"
Sie schnaufte tief durch. „Vielleicht amüsiere ich mich ja mit dir. Vielleicht gefällt es mir mit dir. Was ist mit dir? Warum hast du dich wieder auf mich eingelassen?"
Er wollte sagen, weil er einsam war. Er wollte sagen, weil er sich nach der Berührung einer Frau sehnte. Er wollte sagen, weil er sich insgeheim nach ihr gesehnt hatte. Doch stattdessen sagte er: „Vielleicht weil es mir auch mit dir gefällt."
„Das ist doch etwas, Chris Redfield." In nächsten Augenblick war sie auch schon an ihn geschmiegt eingeschlafen. Chris schloss die Augen und kurz darauf war auch er eingeschlafen.
Es fühlte sich seltsam an, an den Ort zurückzukehren, an dem alles begonnen hatte, an dem ein neuer Kurs für die Welt bestimmt wurde. Sie waren alle versammelt, die die Zerstörung von Raccoon City überlebt hatten: Claire, Leon, Ada und HUNK. Sie waren alle versammelt, denen Raccoon City einst ein Zuhause gegeben und ihnen dann alles weggenommen hatte: Chris, Jill, Rebecca und Barry. Der Mann, der einst ihr Leben ins Chaos gestürzt hatte, Albert Wesker, führte ihre Truppe an. Begleitet wurden sie von Piers, Jake und Alex.
„Willkommen Zuhause", sagte Barry und lud sein Gewehr durch.
Nun entschied sich das Schicksal der Welt. Sie traten zum finalen Kampf gegen Raphael Simmons an.
