Faramir erwog ob er sich einfach bis zum Rest seines Lebens in diesen Gemächern verstecken sollte. Immerhin hatte er genug zu lesen, und Abbas würde ihm sicher auch etwas zu Essen bringen. Der Balkon war ebenfalls groß genug um ab und zu die laue Abendsonne zu genießen. Aber es half nichts.

Seufzend raffte er sich auf und knickte wieder zusammen. Sein Kopf dröhnte immer noch und er kniff die Augen zusammen. Er raunte laut auf und fuhr sich abermals durch seine dunkelblonden Locken. Dieses verdammte Getränk. Wie hielt Boromir das nur aus?

Auf einmal hörte er ein heiseres Lachen.

Er erkannte es sofort.

Einige Sekunden verharrte er und wog seine Möglichkeiten ab. Schließlich nahm er sich zusammen und blickte auf.
Seine neue Ehefrau sah ihn amüsiert an. Ihre Augen strotzten vor Schadensfreude, sehr zu seinem Missfallen. Im Gegensatz zu ihm erinnerte sie sich scheinbar an alles.

Großartig, einfach nur großartig, dachte sich Faramir.

„Kopfweh?"

Sie bemühte sich nicht einmal, ihre Belustigung aus ihrer Stimme bannen. Kurz bereute er Boromir in selben Situationen sooft ausgelacht zu haben.

Er blickte sie gespielt mürrisch an und nickte leicht.

Sie sah wunderschön aus.

Er nicht.

Wenn er nur ansatzweise so aussah, wie er sich fühlte- würde sie die Ehe sofort annullieren lassen. Es wäre noch dazu relativ einfach, da sie nicht vollzogen wurde, dafür hatte er schließlich gesorgt.

Sie lachte leise und er schloss erneut seine Augen, diese öffnete er sogleich erschrocken wieder als er etwas kühles an seiner Hand fühlte. Sie hielt ihm einen Becher mit einer milchigen Flüssigkeit vors Gesicht.

„Trink, dann geht es dir besser."

Vorsichtig nahm er den Becher und roch daran nur um sofort angewidert seine Nase hochzuziehen.

Es roch schrecklich. Für seine Reaktion erntete er erneut ein Lachen seiner Frau. Trotz seines Zustandes genoss er ihr Lachen. Er mochte den klang, es war so echt und pur. So schwerelos.

Faramir beschloss, dass er sich genug Blöße in der Nacht gegeben hatte und würgte das Gebräu hinunter. Er hatte Mühe ein Aufstoßen zu unterdrücken, schaffte es immerhin jedoch das ganze beinahe geräuschlos zu bewerkstelligen.

Alyah sah überrascht aus. Sie hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass er das unbekannte Getränk ohne Widerwillen einfach so trinken würde.
Er wagte es nun sie in Gedanken so zu nennen, schließlich waren sie verheiratet. Kurz überlegte er die vergangene Nacht anzusprechen, doch er entschied sich dagegen. Er war in keinem Zustand so ein Gespräch zu führen und würde sich lediglich noch mehr blamieren. Doch scheinbar hatte sie andere Pläne.

„Es war meine Schuld, ich hätte dich vorwarnen sollen. Unsere Traditionen können sehr... ungewohnt sein."

Sie blickte beinahe ein wenig wehmütig drein und nahm unsicher den Becher aus seiner Hand. Faramir starrte sie mit offenem Mund an und ignorierte den unangenehm süß- herben Nachgeschmack in seinem Mund.

Er schüttelte langsam seinen Kopf und wollte etwas entgegnen doch als ob sie seine Entschuldigung ahnen würde, brachte sie ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Ausser du, ich und Abbas weiß niemand von der Nacht."

Das war zwar nicht das was er sagen wollte, doch er gab sich damit zufrieden. Er war unsagbar erleichtert, dass die Kunde seiner Blamage nicht schon in Richtung Gondor unterwegs war. Gondor. So froh er über die Abwesenheit seines Vaters war, so sehr vermisste er seinen Bruder.

Gerade jetzt könnte er seinen Rat mehr als gebrauchen. Er war mit der Situation heillos überfordert, er wusste nicht wie er sich verhalten sollte. Wollte sie die Nacht nachholen? Sollte er die Initiative ergreifen oder war sie über den Ausgang des Abends gar erleichtert. Womöglich hatte sie ihm deshalb nichts von dem Brauch erzählt. Vielleicht schreckte sie der Gedanke mit ihm auf diese Art zusammen zu sein derart ab, dass sie ihn lieber in diesem Zustand versetzte.

Bevor er seinen Ängsten weiter nachgeben konnte, bemerkte er, dass er immer noch auf dem Bett saß und sie immer noch vor ihm stand. Scheinbar wartete sie auf eine Antwort.

„Danke, das ist gut zu hören."

Stumm blickten sie sich an und Faramir fühlte die unangenehme Stille. Anders wie zuvor, lag etwas in der Luft. Eine Frage die wartete gestellt zu werden, aber von wem? Er hasste seine Ahnungslosigkeit. Er hasste seine Unbeholfenheit. Faramir wusste nicht was er sagen sollte. Doch anscheinend erging es ihr nicht besser.

Er erinnerte sich an einen Moment seiner Kindheit den er lieber vergessen würde. Sein Vater lobte beim Abendmahl die unzähligen Tugenden Boromirs. Er erwähnte Faramir in keinem Wort. Erst als Boromir bemerkte, dass Faramir ein begnadeter Bogenschütze war, blickte ihn sein Vater mit kalten Augen an. Faramir nahm seinen ganzen Mut zusammen, atmete tief ein und wollte etwas sagen, doch er konnte bereits die Missgunst in den Augen des Mannes vor ihm sehen. Also blieb er wie so oft stumm. Sein Vater wertete dies wie so vieles an ihm als Schwäche und lachte lautlos auf.

„Faramir der Bogenschütze." Seine Worte waren verächtlich und beißend. Faramir war damals 8 Jahre alt.

Man könnte meinen, dass sich ein Mann an soviel Abneigung bereits gewöhnt hatte, doch Faramir konnte das Gefühl der Unzulänglichkeit niemals abschütteln. Entgegen der Annahme zerstörte die unfaire Behandlung des Vaters nicht die Liebe der Brüder, im Gegenteil, sie verstärkte sie zusätzlich. Was Faramir in seinem Vater vergeblich suchte, fand er in Boromir wieder. Und so schmerzte dessen Abwesenheit zusätzlich.

Wieder bemerkte er, dass die Stille zu lange anhielt doch diesmal unterbrach Alyah sie.

„Wenn es dir wieder besser geht, können wir auf den Markt gehen etwas essen."

Wie immer sprach sie langsam und war bemüht ihren Akzent nicht die Überhand zu lassen, völlig unbegründet denn gerade ihr Akzent machte ihre Stimme so fremd und interessant. Er lächelte sie an und versuchte nicht all zu begeistert zu wirken.

„Das wäre sehr schön."

Sofort schickte er ein Stoßgebet an alle Götter die er kannte. Er musste sich zusammenreißen. Nach so einem Abend konnte er nicht den gesamten Tag wie ein Kleinkind im Bett verbringen.

Überraschenderweise zeigte das Gebräu langsam Wirkung. Er fühlte sich nicht mehr ganz so elend wie zu vor.

Faramir atmete tief ein.

Er konnte das.

Boromir hatte bereits unzählige Kater überwunden, also konnte er das auch.

Die Prinzessin ließ ihn alleine und er stand voller Tatendrang auf.

Schwerer Fehler.

Sogleich spürte er die Übelkeit in sich aufsteigen und sein Kopf wurde seltsam leicht. Langsam sank er auf die Matratze zurück und zischte aus zusammen gepressten Zähnen einen Fluch hervor. Der Tag würde doch nicht so einfach werden wie er sich das gedacht hätte. Verdammte Traditionen. Wütend starrte er die mit für ihn fremden Zeichen verzierte Decke an. Vielleicht war der Gedanke an Essen doch etwas übereilt.

Der erste Brief. Die erste Antwort. Die Freude die ihn durchzog konnte er nicht ausdrücken. Er hielt das Schriftstück in den Händen und es brauchte all seine Kraft nicht sofort zurück in den Palast zu rennen.

Er hatte es endlich geschafft aufzustehen und schlenderte tatsächlich mit seiner durch verwinkelte Straßen. Wie damals auf seiner Reise, waren rechts und links Händler die lautstark ihre Waren anpriesen.

Dazwischen gingen farbenprächtig gekleidete Frauen und Männer die sich unterhielten oder mit einem der Händler im forschen Ton feilschten. Die Kultur war wahrlich eine andere, so war es in Gondor zwar auch üblich den Preis etwas zu diskutieren, jedoch wurde man hierbei selten lauter. Zwischen ihren Beinen wuselten sich Kinder die eine Katze oder dergleichen jagten.

Sie aß, er schaute ihr zu. Sein Magen weigerte sich vehement und warnte Faramir bei jedem Blick auf das Essen mit einem drohenden Grummeln. Schließlich gab er auf und genoß einfach nur die Atmosphäre.

Das Klima war zwar wesentlich wärmer als in seiner Heimat doch es war durchwegs angenehm. Es wehte sogar eine laue Brise durch die Gassen. Wenn es ihm nicht so miserabel gehen würde, könnte er den Ausflug tatsächlich genießen.
Still und heimlich leistete er sich einen Schwur von dem er gleichzeitig wusste ihn nicht einhalten zu können. Es waren die Worte die er von seinem Bruder so oft schon gehört hatte.

Er würde nie wieder etwas trinken. Nie wieder.

Also ging er da, den Brief hielt er fest in seiner Hand und hin und wieder warf er einen Blick drauf, als würde er sichergehen wollen, dass das Schriftstück immer noch da war.

Alyah betrachtete den Mann neben sich und schmunzelte. Sie war oft monatelang von zu Hause weggewesen und sie wusste, wie tröstlich ein paar Worte aus der Heimat sein konnten. Sie vergönnte es ihm.
Nach dem Desaster konnte er sicherlich ein paar aufmunternde Worte gebrauchen. Sie bemerkte natürlich, dass er nichts aß und konnte es ihm nicht verübeln. Sie hatte einen einzigen Mann noch nie so viel erbrechen sehen. Und mit so einer Ausdauer.
Sie würde lügen wenn sie über den Ausgang ihrer Hochzeitsnacht nicht enttäuscht wäre. Natürlich war es ihre eigene Schuld, sie hätte ihn schließlich auch warnen oder retten können.
Doch sie wusste auch, dass ihr fremder Ehemann mit strengem Blick bewertet wurde. Seine Schritte wurden genau beobachtet und ein Traditionsbruch- egal aus welchem Grund- würde ihm mehr Schaden als ein verkaterter Tag.

Wobei.

Als sie ihn am späten Vormittag noch immer so im Bett liegen sah, zusammengerollt wie ein kranker Kater, wäre es wohl mit einem Tag nicht getan.

Es erfüllte sie ein wenig mit Stolz wie lange er es ausgehalten hatte und vor allem hatte er sich wirklich bemüht mit zu halten.

Doch dieses Spiel endete nie gut.

Niemand sprach darüber aber sie bezweifelte, dass auch nur ein Kind in ganz Harad in der Hochzeitsnacht empfangen wurde.

Trotzdem wäre sie gespannt gewesen, wie der Abend wohl ausgegangen wäre.

Hatte er Erfahrung?

War er genauso schüchtern und zurück haltend im Schlafzimmer wie außerhalb?

Sie war zwar kein unbeschriebenes Blatt, so wie fast niemand in ihrer Heimat, doch ihre Partner waren alle samt wie sie. Sie wuchsen gleich auf, hatten sie gleichen Werte und Temperamente. Doch gerade dieses Fremde machte ihn noch interessanter. Vor allem fragte sie sich, ob er Anstalten machen würde den Abend nach zu holen. Als sie ihn so beobachtete, dachte sie dass er wohl ein Leben lang geduldig warten würde.

Die Westlinge waren schon ein wenig seltsam.

Kein Mann von Harad würde sich das nehmen lassen. Niemals.

Doch ermahnte sich- sie wollte schließlich keinen Mann von Harad.

Also musste sie ihn so akzeptieren wie er war und wohl oder übel den ersten Schritt machen. Aber wie? Sie hatte keine Ahnung wie die Rituale in seiner Heimat waren oder wie die Beziehung zwischen Mann und Frau generell aussah. Von seiner entsetzten Reaktion her konnte sie zumindest erahnen, dass ein Mann und eine Frau vor ihrer Hochzeit kein Gemach und schon gar kein Bett in Gondor teilten.

Faramir hatte dies alles gemeistert, das Mindeste war, dass sie nun den ersten Schritt für ihn machte. Sie warf erneut einen Blick auf ihren Gatten. Er war noch etwas bleich und es zeichneten sich dunkle Ringe unter seinen Augen ab. Vielleicht sollte sie doch eher mit ihrem Angriff warten bis er sich erholt hatte.