Kapitel 18
Es regnete in Strömen, als Hermine am Mittwochabend vor Severus' Tür apparierte. Sie klopfte eilig und zog ihren Umhang über den Kopf, um sich vor der Nässe zu schützen, aber der Regen war so heftig, dass sie schon nach wenigen Sekunden merkte, wie ihr das Wasser in den Nacken sickerte und den Rücken hinablief. Sie sprang Severus quasi direkt in die Arme, als er endlich die Tür öffnete.
„Es tut mir leid!", sagte sie schnell, „Ich hab nicht mit Regen gerechnet. In London war es trocken!"
Severus, der einen Schritt zur Seite getreten war, sah hinab auf die kleine Pfütze, die sich unter ihr auf dem Boden bildete. „Hier nicht."
„Was du nicht sagst", entgegnete Hermine und verdrehte die Augen. Sie zog ihren am Rücken völlig durchnässten Umhang aus und trocknete ihn mit Hilfe ihres Zauberstabes. Kleine Dampfwolken stiegen in die Luft.
„Dreh dich her, ich trockne deinen Pullover", bot Severus an. Die Wärme des Zaubers strich über ihren Rücken und die aufsteigende warme Luft trocknete auch ihre Haare. Sie kräuselten sich jetzt wild am Hinterkopf und Hermine versuchte, sie mit den Fingern zu bändigen, aber es war zwecklos.
Schließlich wandte sie sich wieder zu ihm um und lächelte. „Danke."
Er nickte mechanisch, während er der noch immer offen stehenden Tür einen Stoß versetzte.
Kurz darauf kuschelte Hermine sich in ihren Sessel vor dem Kaminfeuer. „Ich hab es vermisst, hier zu sein", sagte sie ohne groß nachzudenken und steckte die Hände in die Ärmel des jeweils anderen Arms.
„Tatsächlich?" Severus saß ein bisschen nach vorn gelehnt, die Ellbogen auf die Armlehnen des Sessels gestützt. Selbst im warmen Licht des Feuers sah er blass aus.
„Ja."
Er sah ihr tief in die Augen, als sie es sagte, so als wolle er sehen, ob das die Wahrheit war. Anscheinend bestand sie seine Prüfung, denn er nickte und sah hinab auf seine verschränkten Hände. „Ich hab gehört, du hast Minerva besucht."
„Ja, hab ich. Woher wusstest du, dass ich zu ihr gehen würde?"
„Ich wusste es nicht. Ich habe gehofft, dass du zu ihr gehen würdest, wenn es … dir zu viel wird." Er machte eine kleine Pause, dann fügte er hinzu: „Und nicht zu Ginevra."
Hermine nickte langsam. „Danke für deine Erlaubnis, mit Professor McGonagall offen zu reden."
„Danke, dass du sie nicht genutzt hast."
Sie senkte den Blick. „Ich dachte wirklich, ich bräuchte jemanden, mit dem ich über all das reden kann, was du durchgemacht hast. Professor McGonagall war … ein Kompromiss. Ich wusste, dass ich nicht so offen mit ihr reden könnte, wie ich es wollte, aber sie wusste wenigstens etwas. Erst als ich deine Erlaubnis in der Hand hielt, wurde mir bewusst, dass ich nicht reden wollte, weil der Inhalt deiner Erinnerungen mich überfordert hatte, sondern weil … ich Angst hatte, ich hätte das hier kaputt gemacht."
Severus schnaufte leise. „Wie kamst du darauf?"
„Du hast mich beim letzten Mal quasi rausgeworfen und wolltest mich anderthalb Wochen lang nicht sehen."
„Ich bat dich zu gehen, höflich. Ein Rauswurf sieht bei mir anders aus. Was du eigentlich wissen solltest, denn ich habe dich vor nicht allzu langer Zeit rausgeworfen und das schien dich nicht so verunsichert zu haben."
„Stimmt", entgegnete Hermine nachdenklich. „Das entsprach mehr dem Verhalten, das ich schon von dir kenne. Dieses Mal warst du so … ruhig. Das hat mir Angst gemacht."
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Wenn das so ist, werde ich mir Mühe geben, nächstes Mal wieder mehr dem Verhalten zu entsprechen, das dir bekannt ist."
Sie lächelte schief. „Das brauchst du nicht. Professor McGonagall hat mich daran erinnert, dass du es mir sagen würdest, wenn sich etwas zwischen uns ändert."
„Das würde ich", stimmte Severus zu. „Ich bat dich auch nicht deinetwegen zu gehen, sondern weil ich allein sein musste. Der Tag, das Thema, die Offenheit … das war anstrengend."
Hermine biss sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe. „Lohnt sich diese Anstrengung denn?"
Severus sah ihr direkt in die Augen, vielleicht um ihr die gleiche Ehrlichkeit zu zeigen, die er eben bei ihr gefunden hatte. „Ja, es lohnt sich."
Sie atmete auf. „Das ist gut."
Er nickte nachdenklich, wandte den Blick ins Feuer und runzelte die Stirn.
„Worüber denkst du nach?"
„Darüber dass du sagtest, das hier würde dich nicht überfordern." Er sah sie an. „Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn du mit Minerva offen geredet hättest."
„Hättest du das denn gewollt?", fragte sie und neigte den Kopf ein bisschen zur Seite.
„Darum geht es nicht", grollte er.
„Für mich schon."
Er kräuselte die Nase und sagte: „Für mich ist es wichtiger, dass dich das hier nicht kaputt macht."
„Das tut es nicht", entgegnete sie mit fester Stimme.
„Ach nein?", fragte er und es klang ein bisschen spöttisch. „Würdest du es überhaupt bemerken, wenn es anders wäre? Du hast diesen schrecklichen Hang dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen …"
„Dito", sagte sie leise und als er die Augen verdrehte, lächelte sie ein bisschen. Dann wurde sie wieder ernst. „Manchmal … ist es wirklich schwer auszuhalten, was du mir erzählst, denn ich hab nicht nur diesen schrecklichen Hang dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sondern auch, mich in andere hineinzufühlen."
„Wär mir gar nicht aufgefallen", sagte Severus ölig.
„Ich geb mir Mühe, es für mich zu behalten." Sie lachte leise, als er die Augenbrauen hochzog. Dann suchte sie seinen Blick und sagte: „Ich pass auf mich auf, Severus. Versprochen. Und wenn ich das nicht schaffe, dann tut Ginny es. Sie hat einen sechsten Sinn dafür … Aber ich arbeite jetzt auch wieder, was mich zumindest mal davon abhalten wird, mich mit nichts anderem als unseren Treffen zu beschäftigen. Und wenn es mir wirklich zu viel wird, weiß ich ja jetzt, zu wem ich gehen kann."
Er atmete langgezogen aus, aber er nickte.
Es wurde still zwischen ihnen. Hermines Blick lag auf Severus' schmaler Gestalt. Er sah nicht gut aus. Noch ausgezehrter als vor ihrer Pause, blass und irgendwie … rastlos. Er saß immer noch ein Stück nach vorn gelehnt, so als wollte er gleich aufspringen und flüchten. Auch die ineinander verschränkten Finger konnten diesen Eindruck nicht trügen. Seine Kiefermuskeln bewegten sich, er rieb den Daumen der rechten Hand immer wieder fest gegen den linken Handballen.
Sie wartete, ob er von alleine anfangen würde zu erzählen, aber er schwieg. Schließlich fragte sie: „Wie war die Pause für dich?"
Severus holte tief Luft und lehnte sich endlich zurück. „Ich hatte keine."
Hermine runzelte die Stirn. „Wie oft hast du dir die Erinnerung denn anschauen müssen?"
„Nicht so oft, wie ich es getan habe." Er fing ihren irritierten Blick ein, doch bevor sie fragen konnte, erklärte er: „Ich hatte gehofft, an einen Punkt zu kommen, an dem ich sie mir anschauen kann, ohne dass mir … übel wird. Aber diesen Punkt scheint es nicht zu geben."
„Das tut mir leid, Severus."
Er machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand. „Nachdem ich das eingesehen hatte, hatte ich Schwierigkeiten mit … der Nahrungsaufnahme. Es wird erst seit vorgestern langsam besser."
Sie runzelte die Stirn. „Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hätte dir helfen können."
Er schnaubte. „Du hättest mir nur wieder diese Nadel in den Arm gestochen."
„Und es hätte geholfen", beharrte Hermine.
„Das mag sein", gab Severus zu, „Aber wie du siehst, hab ich es auch alleine wieder in den Griff bekommen. Ich bevorzuge es, keine Nadeln in meinem Körper zu haben, wenn es nicht unbedingt sein muss."
Sie seufzte. „Du magst den schweren Weg, oder?"
„Für dich mag es so aussehen, aber für mich war das tatsächlich der leichtere Weg." Er rieb sich die Stirn. „Mit meinem Körper wurden schon zu viele Dinge getan, die ich nicht zugelassen hätte, wenn ich eine Wahl gehabt hätte. Jetzt hatte ich sie."
Sie schluckte schwer. „Darüber hab ich nicht nachgedacht."
„Du hast mir auch immer die Wahl gelassen, warum solltest du also?"
Es wurde einen Moment lang still zwischen ihnen, dann fragte Hermine: „Wie bist du eigentlich in der letzten Woche mit den Tränken zurechtgekommen? Wenn die Erinnerung dich so beschäftigt hat, ist bestimmt viel liegen geblieben."
„Nein, nicht so viel. Du hattest eine Menge Zutaten vorbereitet, als du mir zur Hand gegangen bist. Damit konnte ich noch arbeiten. Und in den letzten zwei Tagen hab ich viel aufgeholt. Die Erinnerung war ruhig und … die Pausen fielen kürzer aus."
Hermine überlegte kurz, was sie dazu sagen sollte. „Ich freu mich, dass du die Arbeit gut geschafft hast, aber die kurzen Pausen gefallen mir nicht so", entgegnete sie schließlich.
„Es hätte mich auch gewundert." Er verzog den Mund zu einer Art Lächeln und musterte sie einen Moment. Hermine erwiderte seinen Blick besorgt. Sie wusste, dass ihre Gedanken sich deutlich auf ihrem Gesicht widerspiegelten. Sie konnte sie ein wenig verbergen, wenn sie es musste, aber sie sah keinen Sinn darin, es jetzt zu tun. Schließlich sagte Severus: „Na, mach schon."
„Was denn?", fragte sie scheinheilig.
„Mach deinen Heiler-Hokuspokus, damit du aufhören kannst, auf deiner Lippe herumzubeißen."
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie zückte ihren Zauberstab und beschwor seine Werte herauf. Ihr Blick tastete die kleinen leuchtenden Worte und Zahlen ab, die über seinem Kopf in der Luft schwebten. Sie waren nicht großartig, aber doch besser, als Hermine erwartet hatte.
„Zufrieden?", fragte Severus und klang dabei ungewohnt einfühlsam.
„Na ja", sagte Hermine, „zumindest mal beruhigt."
„Gut."
Sie legte ihren Zauberstab auf den Tisch und zog die Ärmel ihres Pullovers über ihre Hände. „Möchtest du über die Erinnerung reden oder möchtest du weitermachen?"
Er schlug ein Bein über das andere. „Worüber soll ich reden? Du kennst die Erinnerung."
„Darum geht es nicht. Reden kann entlasten."
„Es war nicht entlastend, als wir letzte Woche darüber geredet haben", sagte er düster.
„Manchmal reicht es nicht, Dinge einmal zu erzählen, manchmal muss man sie fünf-, sechs- oder auch zehnmal erzählen, bis es gut ist." Er schloss die Augen. „Wenn du reden willst, höre ich dir zu, Severus. Egal, wie oft du etwas erzählst."
Er sah sie an und schluckte. Schluckte nochmal. Seine ineinander verschränkten Finger lagen jetzt in seinem Schoß. Während er eben noch seinen Handballen massiert hatte, fing er nun an, mit dem einen Daumen über den anderen zu streichen. Hermine hatte nicht den Eindruck, dass es ihm bewusst war. Sie sah es aus dem Augenwinkel, während sie seinen Blick festhielt. Sie konnte sehen, dass die letzten Tage schlimmer für ihn gewesen waren, als er es bisher dargestellt hatte. Sie konnte das Grauen sehen, das ihm durch die Glieder fuhr, als er daran zurückdachte. Sie sah es an den zwei Zentimetern, die er seine Schultern hochzog und an dem leichten Aufeinanderpressen seiner Lippen.
Hermine holte zitternd Luft. „Die letzte Woche war schlimm." Es war keine Frage.
Er wandte den Blick ab, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Als er etwas sagen wollte, versagte ihm die Stimme und er musste sich räuspern. „Ich hatte viele … Panikattacken in letzter Zeit. Jedes Mal, wenn …" Er stockte und fuhr sich mit einer Hand über den Mund. „Jedes Mal, wenn ich mich mit dem Thema Essen beschäftigen musste."
„Jedes Mal?", fragte Hermine.
Er rümpfte die Nase. „Ja, jedes verdammte Mal."
„Wie bist du damit umgegangen?"
Er schnaufte leise. „Atmen. Trinken. Aushalten …" Er schloss kurz die Augen. „Nicht essen."
Sie nickte nachdenklich. „Du sagtest, du hast es in den Griff bekommen. Kannst du inzwischen wieder essen, ohne Panik zu bekommen?"
„Manchmal. Wenn ich mich dabei ablenke."
„Weißt du, was genau diese Panik auslöst?"
„Wissen …", spottete er. „Ich sehe es, Hermine. Jedes verfluchte Mal sehe ich das Gesicht meines Vaters, höre meine Mutter diesen Zauber ausführen und spüre …" Er brach ab und Hermine sah, dass allein die Worte ihm die Erinnerung wieder so nahe brachten, dass es ihn würgte. „Ich ekele mich so sehr, dass ich keine Worte dafür finde."
„Versuch es", bat Hermine ihn mit gequälter Miene.
Ihm wich der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht, er schloss die Augen. Die Ader an seinem Hals pochte heftig. „Warum?"
„Solange es unaussprechbar bleibt, behält es die Macht über dich. Such Worte dafür."
Severus richtete seinen Blick starr nach vorn und krallte die Hände ineinander. Hermine sah ihn konzentriert atmen, die Sekunden zogen vorbei, während er mit sich kämpfte. Als er anfing zu sprechen, klang seine Stimme anders als sonst. Hermine hatte es früher nie erlebt, dass er Schwierigkeiten gehabt hatte, etwas auszusprechen. Selbst die entsetzlichsten Gemeinheiten waren ihm problemlos über die Lippen geglitten und er hatte es genossen dabei zuzusehen, wie die Worte ihr Ziel trafen. Aber jetzt … Es sah aus, als müsste er jeden Buchstaben einzeln herausprügeln. Sie schluckte.
„Wenn ich … das Essen sehe", begann er stockend, brach ab, atmete wieder. „… dann zieht sich alles in mir zusammen. Der Gedanke, es in den Mund zu nehmen …" Er verzog das Gesicht, ballt die linke Hand zur Faust und presste sie gegen seinen Mund. Hermine sah ihn würgen. Sie griff nach ihrem Zauberstab, leerte ihr Wasserglas und verwandelte es in eine Schale, die sie ihm reichte. Severus warf einen Blick darauf, war regelrecht abgestoßen davon. Sein Blick zuckte hinüber zur Tür, aber wenn Hermine seine Körpersprache richtig deutete, dann war er der Panik gerade so nahe, dass Gehen nicht in Frage kam. Er nahm ihr die Schale aus der Hand.
Hermine schauderte bei seinem Anblick. Es stand in seinem Gesicht, in seinem Körper: Er hatte es so satt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, dass sie es beinahe körperlich spüren konnte. Der Verdruss, die Erschöpfung, die Machtlosigkeit des Kindes, das er gewesen war, standen in der Falte zwischen seinen Augenbrauen, in dem zuckenden Muskel unter seinem Auge, in seiner zitternden Hand.
Ihr standen Tränen in den Augen, weil sie ihn dazu zwang, sich durch diese Gefühle durchzukämpfen. „Atme, Severus", sagte sie und zählte die Übung an, mit der sie ihm schon mehrmals geholfen hatte. Nach ein paar Minuten schien es ihm etwas besser zu gehen, aber sie hätte diese Situation trotzdem am liebsten beendet. Alles war besser, als ihn dazu aufzufordern, weiterzureden. „… es in den Mund zu nehmen", wiederholte sie trotzdem seine letzten Worte, die ihr noch in den Ohren hallten. Ihre Stimme bebte.
Severus schluckte mehrmals. „Und zu kauen …", sagte er mit hohler Stimme, „Es zu … schlucken …" Wieder überkam ihn das Würgen und diesmal schaffte er sich nicht, sich dagegen zu wehren. Er erbrach etwas hellen Schleim in die Schale. Seine Augen tränten, er wischte sich mit der freien Hand darüber.
Hermine deutete mit dem Zauberstab auf die Schale. „Evanesco! Sprich weiter", sagte sie leise.
Severus schnaubte, räusperte sich wieder. Er nahm sein Glas und trank einen Schluck Wasser. Hustete. „Es fühlt sich an, als … würde jemand meinen Hals zudrücken. Als wäre mein Magen aus Stein und … jeder Bissen ist zu viel und es tut weh." Er verzog wieder das Gesicht und krümmte sich ein wenig nach vorn. „Ich halte es nicht aus, dass … etwas … in mir ist. Es war so abartig, dass sie mir das aufzwang, es selbst zu essen ist …" Er schüttelte den Kopf, atmete langsam aus und beschwor auf beinahe unmenschliche Weise eine Selbstkontrolle herauf, bei deren Anblick es Hermine schauderte. „Es ist, als würde ich … weitermachen. Als hätten sie doch noch gewonnen. Als würden sie in ihren Gräbern sitzen und mich auslachen, weil sie es schaffen, mich selbst jetzt noch zu quälen. Als würden … sie mich benutzen. Ich kann das nicht, Hermine. Ich … ich kann nicht essen und so tun, als … ich kann das nicht! Es soll raus, ich kann nicht …" Jetzt überkam ihn der Ekel so plötzlich und so heftig, dass er das Wasser erbrach, das er gerade eben erst getrunken hatte. Seine Augen tränten so sehr, dass seine Wangen ganz nass waren.
Hermine ließ wieder den Inhalt der Schale verschwinden, dann stand sie auf und ging mit weichen Knien zu Severus. Er hielt die Schale so fest, dass seine Finger weiß waren. Sie nahm sie ihm ab und stellte sie auf den Tisch, legte auch ihren Zauberstab weg. Er stützte den Kopf in die andere Hand und wischte sich über das Gesicht. Ob er tatsächlich weinte oder ob es Tränen des Ekels waren, konnte sie nicht beurteilen.
Sie hatte sich niemals bewusst dazu entschieden, sie folgte nur ihrem Instinkt, als sie ihre Hand auf seine Schulter legte. Sie spürte die Falten des Hemdes unter ihren Fingern und die Hitze seines Körpers. Spürte seine Muskeln, die sich unter ihrer Berührung anspannten.
„Hermine, bitte …"
„Soll ich aufhören?", fragte sie leise und begegnete seinem Blick. Ihr schlug das Herz bis zum Hals und für einen Moment verschwamm alles um seine schwarzen Augen herum. Das Bedürfnis, ihn zu trösten wie ein kleines Kind – wie das kleine Kind, das er gewesen war, als seine Eltern ihm das angetan hatten – ließ ihre Finger regelrecht kribbeln. Sie konnte nicht ändern, dass ihm das passiert war, aber sie würde gern versuchen, es jetzt besser zu machen. Nachdem sie ihn dazu gebracht hatte, all diese Dinge auszusprechen, wollte sie es jetzt wiedergutmachen.
Aber sie würde sich sofort zurückziehen, wenn er das nicht wollte. Sie hatte ihn nie zu etwas gezwungen, sie würde jetzt nicht damit anfangen.
Ob all das in ihrer Mimik stand oder ob er einen Blick in ihren Geist geworfen und es dort gefunden hatte, wusste sie nicht. Sie hörte ihn nur seufzen, sah ihn den Blick senken und spürte seine Muskeln unter ihren Fingern weicher werden. Hermine zog ihn an der Schulter zu sich und als er das zuließ, legte sie die Arme um seinen zitternden Oberkörper.
„Du bist in Sicherheit, Severus. Atme", sagte sie. „Es wird gleich besser."
Hermine zuckte zusammen, als er mit einer Hand nach ihrem Arm griff. Sie dachte, er wollte sich nun doch aus ihrer Umarmung befreien und ließ ihn los, aber stattdessen hielt er sie fest und die Kälte seiner Hand sickerte durch ihren dünnen Pullover. Sie lehnte sich tiefer in diese anscheinend doch nicht so unwillkommene Umarmung und es dauerte Minuten, vielleicht fünf, vielleicht acht, bis er sich beruhigt hatte und sie los ließ. Hermine ging zu ihrem Sessel zurück.
„Ich hab nicht geweint", murmelte er und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, wagte es nicht, sie anzusehen.
„Okay."
„Es ist nur …"
„Ich weiß."
„Es gab keinen Grund, mich zu trösten."
„Doch."
Er reagierte nicht darauf, trank stattdessen etwas Wasser. Anscheinend fiel ihm dabei wieder ein, dass sie ihm ihr Wasserglas geopfert hatte, denn er stand auf, nahm die Schale und flüchtete in die Küche.
Hermine seufzte, während sie ihm hinterher sah. Sie lehnte erschöpft den Kopf gegen den Sessel und wartete, dass er zurückkam. Weitere Minuten vergingen, viel mehr, als ein Glas Wasser rechtfertigen würde. Hermine wandte den Blick ins knisternde Feuer und konzentrierte sich auf die Wärme, die über ihr Gesicht leckte. Sie zitterte noch immer.
Vermutlich sollte sie sich von Severus' Gefühlen nicht so mitreißen lassen. Vielleicht hätte sie sich sogar davon distanzieren können, so wie sie es tat, wenn sie Angehörige über den Tod eines Patienten informierte. Aber Severus war kein Angehöriger, den sie nicht kannte und mit dessen Leben sie nichts zu tun hatte. Sie war nicht nur die behandelnde Heilerin. Er war ein Teil ihres Lebens, seitdem sie knapp zwölf Jahre alt gewesen war – mal mehr, mal weniger, lange Zeit auch gar nicht. Aber er war der Grund, warum sie überhaupt noch hier saß. Und emotionale Distanz war das Letzte, das er gerade brauchte, denn genau diese Distanz war ein Grund dafür, dass er jetzt hier saß.
Seine Rückkehr riss sie aus ihren Gedanken. Mit einem dumpfen Geräusch stellte er ein frisches Glas Wasser auf den Tisch und setzte sich. Er sah jetzt deutlich aufgeräumter aus als vor einigen Minuten.
„Wie geht es dir?", fragte sie.
Er massierte sich mit einer Hand die Stirn. „Ich wünschte, du würdest aufhören, mich das zu fragen."
„Warum?"
„Weil ich es nicht weiß, Hermine. Es hat nie jemanden interessiert, wie es mir geht." Seine Stimme war angespannt, so wie der Rest seines Körpers.
„Mich interessiert es", erwiderte sie schlicht. „Aber wenn du Schwierigkeiten hast, die Frage zu beantworten, helfe ich dir."
Er warf ihr einen gereizten Blick zu. „Wie stellst du dir das vor?"
„Ich könnte dir beschreiben, wie mein Eindruck von deinem Zustand ist und du schaust, ob sich das richtig anfühlt oder nicht. Wenn nicht, dann tasten wir uns vorwärts, bis es passt."
Er schnaufte. „Wozu soll das gut sein?"
Hermine sah ihn lange an. „Ob es für etwas gut ist oder nicht, musst du entscheiden. Ich kann deinen Zustand auch einfach schätzen, aber wenn ich mich dann unpassend verhalte, übernehme ich keine Verantwortung dafür." Er sah sie verdrossen an und sie zuckte mit den Schultern.
„Also gut", grollte er und verschränkte die Arme vor der Brust, „Wie ist denn dein Eindruck von meinem Zustand?"
„Jetzt gerade hab ich den Eindruck, dass du gereizt bist und hoffst, dass ich mit meiner Wahrnehmung so weit neben der Realität liege, dass du es einfach als sinnlos abtun kannst."
Er kniff die Augen zusammen. „Das hätte ich dir tatsächlich auch sagen können."
„Stimmt, das war leicht", gab Hermine schmunzelnd zu. „Aber eigentlich glaube ich, dass hinter deiner Gereiztheit Überforderung steht. Diesen Eindruck hatte ich zumindest eben, als du rausgegangen bist. Du wirktest, als ob du nicht wüsstest, wie du mit … dem Moment eben umgehen sollst, jetzt wo das Gefühl, das dich überkommen hat, abgeklungen ist. Ich hatte den Eindruck, dass du dich schämst, so verletzlich gewesen zu sein und dir wünschst, ich würde gehen, damit du das wegschieben kannst."
Er wandte den Blick ab. „Nächstes Mal sag ich einfach, dass es mir gut geht", schnarrte er leise.
Hermine lächelte kurz. „Möchtest du, dass ich gehe?"
Ein Kopfschütteln. „Nein."
„Okay. Was möchtest du jetzt tun? Möchtest du über die Erinnerung reden oder über irgendwas anderes? Ich denke, eine neue Erinnerung zu beginnen, ist im Moment zu viel."
Er holte tief Luft, vermutlich dankbar für den Themenwechsel. „Ich würde gern über irgendwas anderes reden, aber das alles ist wie ein Ohrwurm in meinem Kopf. Ich werde die Gedanken nicht los."
„Dann lass uns darüber reden."
Er stieß missmutig die Luft durch die Nase. „Kannst du dir vorstellen, wie leid ich es nach fast zwei Wochen bin, mich mit dem immer gleichen Thema zu beschäftigen? Wie leid ich es bin, mich vor dir übergeben zu müssen? Mich trösten lassen zu müssen?"
„Ja, kann ich. Ich hab es dir vorhin angesehen."
„Es ist erniedrigend. Es war erniedrigend, als meine Eltern es taten, es ist erniedrigend, was deswegen aus mir geworden ist, und es ist erniedrigend, es dir zeigen zu müssen." Seine Stimme triefte vor Abscheu.
„Ich weiß", sagte sie.
„Und es ist immer noch nicht genug!" Seine Stimme wurde lauter, Wut zerfurchte sein Gesicht. „Ich erzähle das Eine und mein Geist zerrt etwas Neues hervor und lässt mir keine Ruhe, weil es auf einmal mitgeteilt werden muss. Es reicht nicht mehr es wahrzunehmen. Ich muss es … erzählen! Das ist alles deine Schuld!" Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Was ist das bloß mit diesem Gerede?"
„Ist das eine ernst gemeinte Frage?"
Er schloss die Augen, griff sich an die Nasenwurzel. „Natürlich hast du eine Antwort …", murmelte er.
„Natürlich", wiederholte sie schmunzelnd.
„Dann erleuchte mich!", sagte er zynisch.
Sie neigte den Kopf zur Seite. „Du warst allein, als all das passiert ist. Es gab niemanden, der auf deiner Seite gestanden hat. Niemanden, der es gesehen hat. Der wusste, was du durchgemacht hast. Wenn du davon erzählst, bist du zumindest heute nicht mehr allein. Jahrzehnte später bekommt der kleine Junge von damals endlich den Zeugen, den er gebraucht hätte."
Er sah sie an. In seiner Wut sahen seine Augen noch dunkler aus als sonst, das flackernde Feuer spiegelte sich darin. „Aber ich will keine Zeugen, Hermine. Ich will nicht, dass du das alles von mir weißt. Niemand soll es wissen!"
„Weißt du, was hinter diesem Wunsch steht?"
Er biss die Zähne aufeinander und fuhr sich mit der Hand über den Mund, nickte. „Schniefelus", sagte er leise. Hermine dachte erst, sie hätte ihn falsch verstanden und runzelte irritiert die Stirn. Dann fuhr er fort: „Nicht mal seine Eltern konnten ihn mögen. Und pathetisch, wie er ist, kriegt er es nicht auf die Reihe, darüber hinwegzukommen."
Hermine verschlug es die Sprache, als sie ihn so über sich reden hörte. Und eine Sekunde später war da der Impuls, ihm zu widersprechen und ihn zu erinnern an all die Dinge, die er getan und erreicht hatte. Sie musste ihn regelrecht niederkämpfen. Schließlich sagte sie: „Mit diesen Gedanken im Kopf würde ich auch nicht wollen, dass jemand solche Dinge über mich weiß."
Severus verzog angewidert den Mund, dann verlor sich sein Blick im Feuer.
Hermine beobachtete ihn; das flackernde Licht warf zuckende Schatten auf seine blasse Haut. Sie fragte sich, in welchen Gedanken er sich gerade verloren hatte. Er sah nicht so aus, als ob es gute wären. Nach einer Weile streckte sie die Hand aus und berührte seinen Unterarm. Er erschrak und riss den Kopf zu ihr herum. „Komm hierher zurück, Severus."
Er nickte und reckte das Kinn vor.
„Was ist es, das dir gerade nicht aus dem Kopf gehen will?"
„Was meinst du?"
„Du sagtest eben, du erzählst das Eine und dein Geist zerrt etwas Neues hervor. Was ist gerade das Neue?"
Er schnaubte müde. „Das Veilchenmuster auf den Tellern."
Hermine schluckte. Sie erinnerte sich daran. Inzwischen sah das Geschirr anders aus, sie hatten es während der Renovierung der Küche auch verändert. Aber sie erinnerte sich daran. Sowohl aus seiner Erinnerung, als auch vom gemeinsamen Essen vor anderthalb Wochen.
„Ich schließe die Augen und sehe Veilchen." Er schüttelte den Kopf. Stützte ihn dann in die Hand und sah sie aus halb geschlossenen Augen an. „Ich weiß, ich hab gerade gesagt, ich möchte nicht, dass du gehst, aber … ich bin so müde, Hermine."
„Das verstehe ich. Es war anstrengend heute."
Er nickte, verzog das Gesicht.
„Wenn du möchtest, kannst du ruhig nochmal den Trank zum Schlafen nehmen."
„Ich weiß."
„Gut." Sie zog ihre Schuhe an und wischte sich die Haare über eine Schulter, damit sie die Schnürsenkel sehen und schließen konnte. Dann stand sie auf. „Ich hab morgen den ganzen Tag frei. Brauchst du Hilfe im Labor?"
Auch er stemmte sich aus dem Sessel, nur dass ihm die Erschöpfung dabei deutlich anzusehen war. „Nein, ich hab gerade keine offenen Aufträge. Ich hab morgen auch frei."
„Hast du was vor?", fragte sie auf dem Weg zur Tür.
„Bisher nicht. Aber ich denke, ich werde mir noch was überlegen."
„Ja, tu das. Ich komm wieder um sechs her?"
Er nickte.
„Prima. Dann bis morgen, Severus."
„Bis morgen, Hermine."
