Letzte Fehler


I.

„Wenn wir das tun, dann will ich nicht, dass es meine alleinige Entscheidung ist", erklärte Rick den anderen, „Ja, ich will Hilltop helfen und diese Erlöser aufhalten, bevor sie auf die Idee kommen sich Alexandria zuzuwenden, aber wenn ihr gegen diese Entscheidung seid, dann akzeptiere ich das. Das Letzte, das ich möchte, ist einen neuen Feind auf uns aufmerksam zu machen."

Er blickte fragend in die Runde. Sie hatten sich am Dorfplatz von Alexandria versammelt und nicht nur sein altes Rudel sondern auch die Bewohner von Alexandria waren anwesend. Aaron, Eric, Heath, Olivia, Spencer, Denise, Holly, Tobin, Scott, Gabriel, die Millers, Owen, alle waren hier.

Michonne ergriff als Erste das Wort. „Nun für mich hört sich dieser Negan nach einem dieser typischen verrückten Alphas an, mit denen wir es schon öfter zu tun hatten. Nach einen von denen, die wir aufhalten, weil schlimmeres passiert, wenn wir es nicht tun. Insofern ist es für mich keine Frage. Wir tun, was wir tun müssen", meinte sie.

Daryl nickte zustimmend. „Erledigen wir den Bastard und sein Rudel", verkündete er.

Ein zustimmendes Raunen ging durch die Menge. „Sind wir sicher, dass das notwendig ist?", ergriff nun Morgan das Wort, „Ich meine, vielleicht kann man mit diesem Negan ja reden. Ihn dazu überreden Hilltop in Ruhe zu lassen. Wenn wir ihm klar machen, dass kein Grund für ihn besteht so zu leben, wie er lebt, wenn er ein Einsehen hat und sich ändert, vielleicht haben wir dann alle mehr davon, vielleicht gewinnen wir dann neue Nachbarn."

Owen seufzte lautstark. „Du änderst dich wohl nie, was Morgan Jones?", meinte er dazu nur.

„Nach allem, was Gregory uns erzählt hat, sind diese Leute nicht gerade die einsichtige Sorte", meinte Andrea, „Wenn man so einfach mit ihnen reden könnte, dann hätte Gregory das bereits selbst getan. Es besteht kein Grund zu glauben, dass wir mehr Erfolg darin haben würden diese Erlöser zur Vernunft zu bringen als Hilltop."

Rick nickte zustimmend. „Der Gouverneur, Terminus, das Grady Memorial", zählte er auf, „Und jetzt die Erlöser, sie sind genauso wie diese Leute. Man kann nicht mit ihnen reden. Sie verstehen nur eine Sprache. Die der Gewalt."

„Was, wenn wir sie angreifen und sie sich dafür an uns rächen wollen?", wandte Tobin ein, „Es ist gut und schön, dass ihr diesen Ort – Hilltop – helfen wollt, aber was ist mit uns? Was ist mit Alexandria? Bis jetzt haben wir es noch nie mit diesen Leuten zu tun gehabt…"

„Nun, genau genommen einmal sehr kurz schon", warf Abraham ein, „Sehr sehr kurz zumindest." Sasha rammte ihm daraufhin ihren Ellenbogen in die Seite, und Rosita warf beiden einen wütenden Blick zu.

„Zumindest wussten diese Leute bisher nichts von uns", fuhr Tobin unbeirrt fort, „Würden wir sie damit, dass wir sie angreifen nicht erst auf uns aufmerksam machen? Würden wir unsere Heimat damit nicht erst in Gefahr bringen?"

„Das ist ein berechtigter Einwand", gab Rick zu, „Und das wollen wir natürlich nicht. Wir wissen aber auch, wie wir das verhindern können. Es ist im Grunde ganz einfach: Wir müssen dafür sorgen, dass wir sie alle umbringen und vor allem ihren Anführer erwischen, diesen Negan. Sobald er tot ist, sind wir alle in Sicherheit."

„Das klingt überzeugend", gab Tobin zu.

„Trotzdem stellt sich die Frage, ob es das Risiko wert ist. Was wenn es Überlebende gibt, die sich rächen wollen?", wandte Spencer ein.

„Mit denen werden wir schon fertig", meinte Rick, „Gemeinsam sind wir mit der Herde fertig geworden. Mit einer Hand voll verbitterter Alphas können wir es auch aufnehmen. Wir haben die Wölfe geschlagen. Diese Erlöser werden wir auch schlagen." Seine Zuversicht war nicht gespielt, er meinte jedes Wort wirklich so, wie er es sagte. Er war überzeugt davon, dass sie diesen Negan und seine Erlöser im Handumdrehen erledigt haben würden und sich dadurch Hilltops ewige Dankbarkeit und Freundschaft sichern würden. Er war überzeugt davon, dass der Kampf, der ihnen bevorstand, nicht schwerer werden würde als der Kampf gegen die Kannibalen von Terminus oder gegen die Wölfe.

Sie waren ein starkes Rudel, sie würden die Erlöser überstehen, so wie sie alles andere ebenfalls überstanden hatten. Immerhin: Was konnte schlimmsten Falls schon passieren? Mit ein paar vorlauten Alpha-Schlägern, die Schwächere unterwarfen, waren sie bisher noch jedes Mal fertig geworden. Dieses Mal würde es nicht anders sein. Wenn überhaupt dann würde dieses Mal einfacher werden als die Male zuvor.


II.

Sie überfielen weiterhin Außenposten. Der Plan sah vor, dass sie Simon so aus der Reserve locken würde. Da er all seine Leute beim Sanctuary versammelt hatte, wäre es Selbstmord dieses direkt anzugreifen, stattdessen sollte Simon zu ihnen kommen. Von ihren Gefangenen könnten sie nun mehr als jemals zuvor über die interne Organisation der Erlöser erfahren, mehr darüber, welche Außenposten essentiell und unentbehrlich für die Erlöser waren, doch natürlich waren die Informationen, die ihnen Negan anbot, mit Vorsichtig zu genießen und zu hinterfragen - er würde nichts opfern, das ihm wirklich wichtig war, das wussten sie - aber zumindest konnte er ihnen nicht direkt ins Gesicht lügen, da Shane ihm in diesen Fall widersprechen würde. Und bisher schienen seine Informationen zu halten, was er versprach.

Seit Richards Tod gab sich Negan etwas weniger selbstsicher als zuvor. Die Tatsache, dass er sich unter Feinden befand, schien ihm endlich in ihrer ganzen Tragweite bewusst geworden zu sein. Er war vorsichtiger, ein wenig höflicher, wenn auch immer noch unverkennbar Negan. Zumindest stellte er keine lautstarken Forderungen mehr.

Richards Tod hatte, wie es vorauszusehen gewesen war, Wellen in der Königreich-Fraktion ihrer Armee geschlagen, doch letztlich waren sich alle einig, dass sich der Alpha alles was ihm passiert war selbst zuzuschreiben hatte. Er hatte sich schon vor Negans Ankunft im Camp irrational verhalte, war mehrfach verwarnt worden, und hatte sich trotzdem gegen die Befehle seines Rudelführers und die Mehrheitsentscheidung ihrer Allianz gestellt. Carols Ansicht, dass er nach Negans Tod mit den restlichen Gefangenen weitergemacht hätte, wurde von den meisten, auch von seinen Freunden, geteilt. Keiner war glücklich über seinen Tod, und Carol war unter den Bewohnern des Königreichs nicht mehr sonderlich beliebt, aber niemand schien auf Rache aus zu sein. Und Richards Ableben sorgte außerdem dafür, dass es sich alle anderen dreimal überlegten, bevor sie ebenfalls einen Anschlag auf Negans Leben unternahmen. Selbst der Rachedurst von Oceanside schien erloschen zu sein, zumindest vorübergehend.

Es war ein belasteter Frieden, der sie alle zusammenhielt, aber nichts desto trotz war es Frieden. Ihr gemeinsamer Feind in Form von Simon und den restlichen Erlösern dort draußen vereinte sie, und die Aussicht auf eine Erlöser-freie Zukunft ließ sie diszipliniert durchhalten.

Nicht alles war eitler Sonnenschein, es gab Reibungen, es gab Fraktionen, es gab Leidtragende. Niemand litt mehr unter Richards Ende als Henry, den Ezekiel persönlich unter seine Fittiche nahm. Morgan war immer noch nicht wirklich gesund. Sein Blick irrte immer wieder mal ins Nichts und schien Verwirrung anzudeuten. Ihn mitkämpfen zu lassen war ein Risiko, das eigentlich nicht in Frage kam, doch ihn im Camp zurückzulassen, war ebenfalls nicht besonders klug, da man nicht wissen konnte, wann der nächste Anfall kommen würde. Doch es stellte sich heraus, dass neue Freunde zu haben neue Vorteile mit sich brachte. Ausgerechnet Beatrice, die selbst immer so wütend wirkte, brachte ihm neue Meditations- und Entspannungstechniken bei, und Cyndie und Doc Carson verabreichten ihm ein Gebräu, das eine ähnliche Wirkung zu haben schien wie tatsächliche Medikamente. Das alles sorgte dafür, dass Morgan ruhiger und gefasster wurde und manchmal beinahe wieder der alte Morgan zu sein schien.

„Manche Momente erscheinen mir unwirklicher als andere", vertraute er Rick an, „Aber der Drang verschwindet langsam. Ich habe nicht mehr das ständige Gefühl die Welt für euch alle sicherer machen zu müssen, sie von allem Bösen säubern zu müssen. Manchmal fühle ich mich sogar beinahe wieder normal. Aber dann …." Er deutete in Negans Richtung. „… sehe ich den da und erinnere mich daran, dass wir im Krieg sind und jederzeit die nächste Katastrophe stattfinden kann. Und wenn ich daran denke, dass Henry, oder Carl, oder Judith etwas zustoßen könnte…" Er schüttelte den Kopf. „Das hier muss bald vorbei sein, Rick, ansonsten weiß ich nicht, was aus mir werden wird."

„Es wird bald vorbei sein", versprach ihm Rick, „Wir nähern uns dem Endspiel."

Leider aber taten sie das nur schleichend. Simon war nicht Negan. Dieser hätte sie inzwischen schon längst persönlich konfrontiert, das wussten sie alle. Simon aber war entweder klüger als Negan, oder beherrschter, oder wie Negan behauptete einfach feiger. Er ließ sich nicht so einfach aus den sicheren Mauern des Sanctuary locken.

„Alles, was er braucht, ist ein guten Grund. Was wir brauchen ist ein Köder, etwas, das für Simon unwiderstehlich ist", meinte Shane, „Vielleicht sollten wir ihm Negan vor die Nase halten und abwarten, was passiert."

„Nachdem, was mit Olivia passiert ist, können wir nicht riskieren einen weiteren Boten zu ihm zu schicken", erklärte Rick entschlossen, „Wie also sollen wir …" Sein Blick fiel auf den Käfig mit den Gefangenen, und er verstummte nachdenklich.

Die Gefangenen waren zwar immer noch Gefangene, ihnen wurde aber inzwischen um einiges mehr an Freiheiten eingeräumt als zuvor. So wurden ihnen bewachte Spaziergänge gestattet, wer sich im Camp nützlich machen wollte und kochte oder putzte oder Eugene bei seinem Waffenbau zur Hand ging, konnte sich zusätzliche Rationen verdienen, und es war ihnen gestattet worden Briefe an ihre Angehörigen zu verfassen, die gegengelesen und in den überfallenen Außenposten zurückgelassen wurden.

Alden machte kein Geheimnis daraus, dass er sich seinen Unterhalt gerne verdiente, und er schien so eine Art Freundschaft mit Enid geschlossen zu haben, was Maggie und Glenn zunächst nicht so gerne gesehen hatten, doch nachdem es sich nur um harmlose Unterhaltungen zu handeln schien, hatten sie sich beruhigt und gingen nicht mehr ständig dazwischen um das Mädchen von dem jungen Mann fernzuhalten. Alles in allem gesehen, schien Alden ein anständiger junger Beta zu sein, den Simons Schandtaten im Königreich genauso sehr entsetzten wie alle anderen.

„Wie treu denkst du steht Alden zu dir?", wollte Rick von Negan wissen. Dieser warf einen nachdenklichen Blick zu dem jungen Mann hinüber. „Wieso fragst du?", wollte er dann wissen.

„Würde er für dich lügen?", forschte Rick weiter.

Negan grinste ihn an. „Aber klar doch. Willst du Simon eine Falle stellen? Das gefällt mir, Ricky, du denkst langsam richtig schön verschlagen. Was genau sollen wir ihm vorlügen, mhm? Oh, ich weiß, wie wäre es mit Negan konnte entkommen und wartet auf dich und seine Verstärkung …."

Shane nickte zustimmend. „Wenn ihn das nicht raus lockt, dann lockt ihn nichts mehr raus", sagte er.

Also schickten sie Alden mit einer Nachricht zu Simon, die besagte, dass es Negan und den anderen Gefangenen gelungen war zu entkommen und sie sich in den nächstliegenden überfallenen Außenposten gerettet hatten, von wo aus sie nun ihren Gegenschlag gegen Ricks Armee planten und wo sie auf Simons Verstärkung warteten. Wenn Simon seine Führungsposition wirklich so wichtig war, wie sie alle dachten, dann würde die Neuigkeit eines Negans auf freiem Fuß ihn ausreichend in Panik versetzen um ihn endlich dazu zu bringen das Sanctuary zu verlassen. Und sie würden ihn und seine Leute erwarten.

„Ich will dieses Mal mitkommen, Dad", meinte Carl zu Rick.

„Auf keinen Fall. Du hast wegen der Erlöser schon genug durchgemacht. Ich lasse nicht zu, dass du denen noch einmal in die Hände fällst. Du bleibst hier bei Judith, wo ihr sicher seid", würgte Rick die Bitte seines Sohnes ab. Er erinnerte sich nur zu gut an das, was Richards Sohn Benjamin passiert war. Nein, er würde keines seiner Kinder einer Gefahr aussetzen, vor der er sie bewahren könnte.

„Wenn das die letzte Schlacht sein sollte, dann will ich dabei sein", betonte Carl, „Dann muss ich dabei sein!"

„Nein. Es tut mir leid, aber nein, gerade weil es die letzte Schlacht sein könnte, darfst du nicht dabei sein. Wenn es schief gehen sollte, dann…."

„Dann will ich an deiner Seite sein! Ich bin kein Kind mehr! Ich habe es satt, dass du mich wie eines behandelst! Ich kann kämpfen!", brüllte sein Sohn ihn an.

„Du solltest aber nicht kämpfen müssen. Darum geht es doch! Genau darum!", rief Rick aus.

„Ich will was tun, ich muss was tun, ich kann nicht einfach …." Carl brach ab und rang mit einem Mal nach Luft. Rick zog ihn blitzschnell an sich und streichelte seinen Rücken. „Ganz ruhig, Baby, atme tief durch, ein und aus, alles ist gut, einatmen, ausatmen", murmelte er beruhigend. Die Blicke der anderen ignorierte er, stattdessen konzentrierte er sich auf sein Kind, das versuchte wieder ruhig zu atmen und sich zu beruhigen. „Alles ist gut, Carl", wiederholte Rick.

„Ich bin kein Opfer, Dad", murmelte Carl, „Ich bin nicht hilflos. Ich brauche das. Bitte lass mich mitkommen."

Rick presste seine Stirn an den Kopf seines Sohnes. „Ich kann dich nicht verlieren, verstehst du das? Ich würde es nicht überstehen dich zu verlieren", erklärte er hilflos, „Es ist mein Job dich zu beschützen, und wenn ich dich mitkommen lasse, dann bin ich verdammt mies in meinem Job."

„Es bringt mich um nichts tun zu können, verstehst du das denn nicht? Wenn du an meiner Stelle wärst, würde es dich dann nicht ebenfalls umbringen?", wollte Carl leise wissen.

Und Rick wusste, dass er sich unfair verhielt; er wusste genau, wie Carl sich fühlte, er kannte diese Gefühl genau, hatte es niemals ganz abgelegt, und jetzt empfand Carl es, und wenn er ihm verbot mitzukämpfen, dann verhielt er sich genauso wie sich alle anderen immer ihm gegenüber verhalten hatten, wie sich alle Alphas, von seinem Vater, über Shane bis hin zu Negan immer ihm gegenüber verhalten hatten, dann verhielt er sich wie jemand, der die andere Person für zu schwach hielt um für sich selbst einzustehen. Er küsste Carls Stirn. „Also gut, du kannst mitkommen", sagte er, „Aber bitte versprich mir nicht zu sterben."

„Ich werde mein Bestes tun", erwiderte Carl. Rick küsste seinen Sohn noch einmal.

Als er sich wieder erhob, stand Shane besorgt vor ihm, mit Judith in den Armen. „Alles in Ordnung?", wollte er wissen.

„Alles Bestens", erwiderte Rick, „Carl braucht eine Waffe, er kommt mit uns." Er erwartete Protest, doch es kam keiner. Shane sah ihn nur mit besorgten Augen an und nickte. „Okay", meinte er, „Rick, wenn das hier schlecht ausgeht, dann will ich, dass du weißt…."

„Ich weiß es. Alles", unterbrach ihn Rick, „Michonne und Andrea sagen sich niemals Lebewohl, weil sie denken, das würde Unglück bringen. Ich sage dir auch nicht Lebewohl, Shane Walsh, weil wir beide noch da sein werden, wenn Simon tot ist und wir mit den Erlösern über Frieden verhandeln, verstanden?"

Shane nickte. „Verstanden", bestätigte er und reichte Judith an Rick weiter. Dieser nahm seine Tochter entgegen, obwohl er sich auch von ihr nicht verabschieden wollte. Wenn das hier wirklich ihre letzte Schlacht werden würde, und alles schief gehen würde, dann würde zumindest Judith überleben, sagte er sich, und aus diesem Wissen schöpfte er Kraft und Hoffnung. Für Judith würde es eine Zukunft geben, nun lag es an ihm dafür zu sorgen, dass es eine sein würde, in der sie das bestmögliche Leben führen könnte, das er ihr ermöglichen konnte.


III.

Es war eine schnelle und präzise Aktion. Sie überfielen das Hauptquartier der Erlöser, töteten so viele von diesen, wie sie konnten, und töteten den Alpha, der sich Negan nannte. Sie waren erbarmungslos, weil sie es sein mussten. Und vollkommen überzeugt davon, dass das Ganze damit vorbei war. Dass sie Hilltop befreit hatten, Alexandria vor einer Gefahr bewahrt hatten, die noch nicht einmal auf sie aufmerksam geworden war. Sie waren vollkommen davon überzeugt richtig gehandelt zu haben.

Nicht alle steckten ihre neuesten Taten einfach weg. Während Tara mit Heath auf Versorgungsfahrt ging, verließ Carol Alexandria „weil sie nicht mehr so sein konnte". Morgan, der schon zuvor bemerkt hatte, dass sie dabei war zu zerbrechen, folgte ihr um auf sie aufzupassen und sie dazu zu überreden zurück nach Hause zu kommen.

Auf den ersten Hinweis, dass die Dinge nicht so waren, wie sie gedacht hatten, stieß Daryl aber noch bevor Carol ging. Auf den ersten Hinweis stieß er als er zusammen mit Rosita und Denise unterwegs war, nichts Böses ahnte, und Denise sich mitten in einer leidenschaftlichen Rede befand, die Daryl und Rosita aufrütteln sollte, die beiden dazu bringen sollte ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und zum Positiven zu ändern, als die Medizinstudentin von einem verirrten Pfeil unterbrochen wurde, der sie direkt ins Auge traf und auf der Stelle tot zu Boden gehen ließ.

Der Pfeil stellte sich heraus war für Daryl bestimmt gewesen, nicht für Denise, was alles aber nur noch schlimmer machte. Offenbar war er von Dwight abgefeuert worden, jenen Alpha, der zusammen mit diesen beiden Beta-Frauen auf der Flucht gewesen war vor, wie Daryl jetzt annahm, Negan und den Erlösern, als er vor einigen Monaten Daryl begegnet war.

Daryl hatte damals getan, was er konnte um der Gruppe zu helfen, war sogar bereit gewesen sie mit nach Alexandria zu nehmen, doch das Schicksal hatte es anders gewollt. Die Flüchtenden hatten sich nicht helfen lassen wollen, hatten Daryl bestohlen anstatt sich zu bedanken, und nach dem Tod der einen Beta-Frau war Dwight zusammen mit der anderen wohl in den Schoß der Erlöser zurückgekehrt. Und war von diesen entstellt worden. Die Hälfte seines Gesichts war jetzt verbrannt. Und aus Gründen, die nur er kannte, schien er daran Daryl die Schuld zu geben. Irgendwie war es immer das Gleiche mit diesen verrückten Alphas; sie trafen schlechte Entscheidungen, doch am Ende war es die Schuld von allen anderen, nie aber ihre eigenen.

Und nun hatte Denise für Daryls imaginäre Fehler bezahlt. Wie sollte er das Tara erklären, wenn sie zurückkam? Er verstand es ja nicht einmal selbst! Es gelang Daryl und Rosita Dwights Begleiter zu töten, doch der Omega-Mörder selbst entkam. Sie brachten Denise nach Hause, begruben sie, und mussten sich der Tatsache stellen, dass sie offenbar doch nicht alle Erlöser erwischt hatten, dass dort draußen immer noch welche waren, unter ihnen Dwight.

Daryl plante Denise zu rächen. Rosita wollte ihm beistehen. Eigentlich hätten sie sich alle geschlossen auf die Suche nach Dwight begeben wollen, doch Carol hatte sich abgesetzt. Und Maggies Schwangerschaft machte Probleme. Dwight musste warten, Rache musste warten, Sicherheit ging vor. Nach Denises Verlust gab es in Alexandria niemanden mehr, der Maggie helfen konnte. Also wurde beschlossen sie nach Hilltop zu dem dort ansässigen Arzt zu bringen.

Da Dwight und einige seiner Kumpanen möglicherweise immer noch dort draußen waren, erhielten Maggie und Glenn Geleitschutz. Daryl selbst fühlte sich hin und hergerissen, wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er nach Carol suchen? Nach Dwight? Maggie begleiten? Warum passierten die schlimmen Dinge eigentlich immer alle auf einmal?

Er konnte Denise nicht vergessen, wie sie ihm sagte, dass er sie an ihren Bruder erinnerte. Wie sie starb. Weil Dwight Daryl hasste und aus keinem anderen Grund. Er schuldete es Denise Dwight zu finden und zu töten. Er schuldete es Tara ihre Partnerin zu rächen. Zu diesem Zeitpunkt dachte er immer noch, dass es nur Dwight und wenige andere sein würden, die dort draußen lauerten. Immerhin war Negan tot, Rick hatte ihn persönlich umgebracht. Es war Dwight als Individuum, der seine Gedanken beherrschte, nicht die Erlöser als Gruppe, diese gab es für ihn schon gar nicht mehr.

Nie hätte er erwartet, dass sie sein Schuldgefühl und sein Rachdurst, seine Sorge um Carol und Maggie, die Frage um seine Prioritäten, dass sich das alles von einem Moment auf den anderen in Nichts auflösen würde und von der Erkenntnis ersetzt werden würde, dass sie einen furchtbaren Fehler begangen hatten. Nie hätte er erwartet, dass sie jemals mit den Konsequenzen eine Fehleinschätzung dieser Größenordnung klar kommen würden müssen.

Dwight war, wie sich zeigte, ihr geringstes Problem. Negan war keineswegs tot, wen auch immer Rick da getötet hatte, es war nicht Negan gewesen. Diese Erlöser, die sie ausgelöscht hatten, das war keineswegs der Großteil der Erlöser gewesen, sondern nur ein sehr kleiner Teil von ihnen. Sie hatten nicht ihr Hauptquartier überfallen, sondern nur einen kleinen Außenposten.

Die Erlöser gab es immer noch, und sie waren zahlreich. Sehr zahlreich. Und Negan lebte immer noch, und er war wütend. Sehr wütend.

Niemand kam in Hilltop an, Daryl konnte nicht einmal mehr davon träumen Rache an Dwight zu nehmen. Die Erlöser erwischten sie alle, nahmen sie alle gefangen, reihten sie nebeneinander mitten auf der Straße auf und präsentierten ihnen dann ihren Anführer, den echten Negan, den Alphas der Alphas, der sie mit einem stachelbesetzten Baseballschläger bedrohte und als die Arschlöcher, die seine Leute umgebracht hatten, bezeichnete.

Daryl starrte wie betäubt auf den Baseballschläger in der Hand des Alphas, und immer wieder blitzte das Bild von Denise vor seinem geistigen Auge auf, von Denise, wie sie mitten im Satz verstummte, von einem Pfeil aufgespießt wurde, der sich ihr direkt durch den Kopf, durch ihr Auge, bohrte. Daryl konnte einfach nicht anders als sich zu fragen, ob Denises Schicksal in Wahrheit nicht einfach nur ihrer aller Schicksal vorweggenommen hatte. Ob Carol nicht das einzige Richtige getan hatte, als sie gegangen war. Und er konnte nicht anders als sich zu fragen, wer von ihnen als nächster sterben würde, und dabei zu hoffen, dass er es sein würde.


IV.

Entweder Simon wusste, dass es eine Falle war, oder er war ein verdammter Verräter. Sei es wie es sei, er kam mit Verstärkung, aber offensichtlich nicht um sich mit Negan zu treffen, sondern um ihn umzubringen. Vermutlich hatte er seinen Leuten eingeredet, dass sie Ricks Leute angreifen würden, was insofern stimmte, da das tatsächlich der Fall war, aber da er eigentlich davon hätte ausgehen sollen, dass er sich mit Negan traf, war die Tatsache, dass er und seine Leute den überrannten Außenposten einfach angriffen ohne zuvor ihre Ankunft zu melden eher bedenklich.

Wie auch immer, es kam zu Kampf. Ob der Überraschungsmoment, den sich Rick von dieser ganzen Aktion versprochen hatte, immer noch auf ihrer Seite war, war unsicher, vielleicht war zumindest Simon überrascht, dass er hier tatsächlich das vorfand, was er seinen Leuten verkauft hatte, aber bald schon schossen beide Seiten aufeinander, und Ricks Leute warfen mit Eugenes kleinen explosiven Überraschungen um sich. Wie auch immer das hier ausgeht, ich hoffe das Omega-Genie überlebt, ich kann ihn noch gut gebrauchen, dachte Negan bei sich und wandte sich dann an seinen Wärter. „Gib mir endlich Lucille, ich will mitmischen!", verlangte er von Shane.

„Noch nicht", meinte dieser, „Es ist zu früh. Du bist unser Trumpf, schon vergessen? Keiner soll dich sehen, bevor wir sicher sein können, dass Simon auch wirklich persönlich anwesend ist und bei deinem Anblick nicht sofort die Flucht ergreift." Das war der Plan, das war schon richtig, aber Negan hasste den Plan. Was er wollte war Action. Aber nein, offenbar musste er die ersten Phasen der Schlacht aussitzen.

Das erste prominente Opfer auf der Seite von Ricks Armee war der verdammte Tiger. Ein Teil von Negan war erleichtert die Bestie zu Boden gehen zu sehen, ein anderer Teil sah faszinierte dabei zu, wie die Erlöser den Tiger gezielt angriffen und töteten, mit Schüssen und mit Speeren. Ezekiel nahm die Attacke auf sein Haustier nicht gerade wohlwollend zur Kenntnis und wurde regelrecht zum Berserker. Negan hätte ihm das gar nicht zugetraut.

Er sah von seinem Versteck hinter dem Eingang des Stützpunkts aus zu, wie diverse Kämpfer von beiden Seiten verletzt oder tot zu Boden gingen. Ein paar der verrückten Waldbetaladies gingen zu Boden, doch Negan nahm an, dass die meisten von ihnen überleben würden, die waren zäh. Was die Erlöser anging, so entging Negan nicht, dass Simon vor allem seine Konkurrenten an die vorderste Front geschickt zu haben schien. Jed und seine Leute kämpften ganz vorne mit, wild und entschlossen, als würden sie etwas beweisen wollen, und er erblickte Regina, wie sie von einer verirrten Kugel getroffen wurde und zu Boden ging. Von Simon gab es aber immer noch keine Spur. Ließ sich der Feigling wirklich nicht blicken?

Doch dann tauchte er auf. Schwang eine riesige Axt, was offenbar ein lächerlicher Versuch war Negan nachzueifern, und brüllte wütend: „Kommt schon, wenn ihr euch traut! Stellt euch mir!"

Der Erste, der sich ihm stellte, war Daryl, der Simon mit seiner Armbrust aber verfehlte. Dann versuchte er Simon mit einer von Eugenes explosiven Überraschungen in die Luft zu sprengen, doch diese ging nicht wie geplant hoch. Dann musste Daryl in Deckung springen, um nicht von der Axt geköpft zu werden.

Der nächste Angreifer war die verrückte Carol, die einfach wild schießend auf Simon losging. Doch Simon benutzte einfach seine eigenen Leute als Schutzschild um nicht getroffen zu werden und lachte triumphierend. „Kommt schon! Ist das alles, was ihr zu bieten habt? Omegas?!", spottete er.

„Okay, das reicht jetzt, gibt mir Lucille und …." Negan drehte sich nach Shane um und stellte fest, dass der Mann verschwunden war. Samt Lucille. Was zum Teufel…. Er blickte sich hektisch um und sah, dass Shane mit Lucille auf Justin eindrosch, der den Fehler gemacht zu haben schien auf Carl loszugehen. Carl, der überhaupt nicht hier sein sollte, aber Rick war noch nie jemand gewesen, der verstand, wen es wann zu schützen galt.

Negan ging hinüber zu der Szene und half Carl auf die Füße, der etwas unsicher auf den Beinen zu sein schien, aber Großteils unverletzt war. „Alles in Ordnung?", wollte Negan von dem Jungen wissen.

Der nickte nur. „Ich bin keine Jungfer in Nöten, ich komme klar", behauptete er.

„Klar kommst du das", meinte Negan und schlug den Jungen kameradschaftlich auf die Schulter. „Wo steckt dein Dad?"

„Was denkst du wohl….", lautete die Antwort, und tatsächlich, Rick versuchte seine Truppen näher an Simon heranzuführen. Negan schüttelte ungläubig den Kopf, musste Rick aber lassen, dass dieser tatsächlich Fortschritte dabei zu erzielen schien Simon einzukesseln und von seinen Leuten abzuschneiden. Es wird wirklich höchste Zeit für meinen Auftritt.

„Gib mir Lucille!", forderte Negan von Shane, der ihn einen Augenblick verwirrt anstarrte, ihm dann aber zögerlich den Schläger reichte.

„Ich regle das für uns. Wie versprochen", meinte Negan und spazierte dann durch die Kämpfer hindurch in Richtung Simon. Die Erlöser, die ihn erblickte, erstarrten teilweise ehrerbietig, was einigen von ihnen zum Verhängnis wurde, doch Negan achtete nicht auf sie. Er hatte nur Augen für Simon. Schließlich blieb er stehen und rief: „So sieht also deine Verstärkung aus, ja?!"

Das Waffenfeuer rund um ihn herum wurde eingestellt, und ein Raunen von „Negan" ging durch die Reihen der Erlöser. Simon blinzelte, als er ihn erkannte.

„Negan, du lebst", stellte er fest.

„Ja, ich lebe. Aber dir habe ich das nicht zu verdanken. Nicht nur hast du das Angebot um mein Leben zu verhandeln abgelehnt, nein, du hast absichtlich den Boten ermordet um meine Hinrichtung zu provozieren!", bellte Negan ihm entgegen, „Wie du siehst, hat es nicht funktioniert! Hier bin ich, in einem Stück und noch atmend! Wie es scheint, hast du meine Abwesenheit dazu genützt um einen Coup auszuführen!"

Er hatte erwartet, dass Simon leugnen würde, doch der Alpha lachte nur. „Ja, so könnte man sagen, nehme ich an", verkündete er, „Aber die Wahrheit ist, du bist weich geworden, Negan. Hast es nicht mehr verdient unser Alpha zu sein. Ich habe nur das getan, wozu du zu schwach warst: Eine Linie im Sand gezogen, unsere Position behauptet, klar gemacht, dass es für uns keine Kompromisse gibt, dass es keine Rolle spielt, ob man ein Alpha, ein Beta, oder ein Omega ist, eine Frau, ein Mann, oder ein Kind, dass sich alles und jeder uns zu unterwerfen hat, wenn er nicht sterben will."

„Schön. Das hast du gut gemacht. Dann kannst du mich ja jetzt wieder übernehmen lassen, damit ich das hier zu Ende bringe. Und über dein aufgeblasenes Ego sprechen wir nachher", erwiderte Negan unbeeindruckt, „Knie vor deinem Rudelführer, Simon. Sofort!" Er legte all seine Macht in den letzten Befehl hinein, und er konnte sehen, wie seine Pheromone und seine Autorität auf andere Erlöser wirkten, die sich beinahe automatisch auf den Boden warfen.

Simon jedoch stand weiterhin aufrecht da, genau wie Ricks Armee, unbeeindruckt und wütend. „Ich denke nicht", meinte Simon, „Ich habe keine Angst mehr vor dir, Negan. Du bist zu weich geworden. Die Erlöser sind jetzt mein Rudel. Tötet ihn! Tötet sie alle!"

Negan hätte nicht erwartet, dass diesem Befehl irgendjemand nachkommen würde, doch auf einmal schoss man auf ihn. Er sprang gerade noch rechtzeitig in Deckung.

„Das hat ja wirklich toll geklappt!", schimpfte Andrea, hinter deren Mülltonnendeckung er sich gerettet hatte, „Hast du noch ein paar so tolle Ideen?!"

„Ich muss ihn nur umbringen, dann bin ich wieder Alpha", gab Negan zurück, „Bringt mich einfach zu ihm nach vorne. Und gebt mir eine Waffe."

„Vergiss es. Wir brauchen unsere Waffen selbst!", fuhr ihn der blonde Beta an, „Bleib in Deckung, wenn du dich nicht nützlich machen kannst!"

Also das war eine Beleidigung! Er war sehr wohl nützlich, danke vielmals. Ja, man hatte gegen ihn gemeutert, aber das bedeutete nicht, dass er nutzlose geworden war. Er konnte hören, wie Rick seinen Leuten Befehle zurief und sie weiter versuchten Simon einzukesseln, doch der schien ihre Strategie durchschaut zu haben und versuchte auszubrechen.

„Lasst ihn nicht entkommen!", befahl Rick, während Simon seinen Leuten befahl unter allen Umständen sein Leben zu schützen. Pisser! Negan empfand nur noch offene Verachtung für seinen Stellvertreter, wenn er tapfer wäre, würde er um sein Rudel kämpfen anstatt sich hinter diesem zu verstecken. Jeder verdammte Omega hier hatte mehr Mumm als Simon.

„Gib mir eine Schusswaffe, Andy!", verlangte Negan erneut.

„Fick dich!", lautete die einzige Antwort.

Negan knurrte. Das hier lief gar nicht so, wie er sich erwartet hatte. Simon hätte sich vor ihm winselnd auf die Knie werfen sollen verdammt und nicht einfach weitermachen als wäre Negan irgendwer! Wenn ihn nicht einmal sein ehemaliger Stellvertreter respektierte, dann war es kein Wunder, dass ihn auch sonst niemand respektierte!

Dann sah er, wie Simon floh. Oder es zumindest versuchte. Bis ein knurrender Wolf in Menschengestalt sich ihn in den Weg stellte. Simon hielt perplex und offensichtlich erschrocken inne, bis er sich offenbar daran erinnerte, dass er ein Alpha war und Owen trotz all seiner Wildheit nur ein Omega war und mit seiner Axt nach dem Omega schlug. Dieser wich ihm spielend aus und entwand ihm dann die Axt.

Simon schnaufte überrascht und rang dann mit dem Omega, mit bloßen Händen. Die beiden Kämpfer schenkten sich nichts und rangen miteinander, bis Negan sah wie Simon ein Messer zückte und dann …

„Nein!" Es war Morgan Jones, der Alpha mit den Wutproblemen, der sich nun voller Zorn auf Simon stürzte. „Du Mörder!", rief Morgan, und zum ersten Mal, seit er ihn kannte, machte der Alpha Negan Angst. Er hatte von Morgans Anfällen gehört, aber nie einen gesehen. Nicht auf diese Weise. Er war wie ein wildes Tier mit nur einem Ziel vor Augen, dem Simon umzubringen.

Eigentlich hätte Simon keine Chance haben sollen. Aber Simon hatte nicht vor fair zu kämpfen. Während Morgan versuchte ihn mit bloßen Händen den Kopf abzureißen, ihn anschrie, dass er eine Gefahr wäre, dass die Welt von ihm gereinigt gehörte, nützte Simon die Rage des anderen um ihm sein sowieso schon blutbeflecktes Messer mitten ins Herz zu rammen.

„Nein!" Diesmal kam der Schrei von Rick, während Owen der Wolf, der sich keuchend seine Wunde an der Seite hielt, mühsam versuchte wieder auf die Beine zu kommen und in Morgans Richtung stolperte. Aber beide Omega kamen zu spät. Es gab nichts, was sie tun konnten. Das Messer steckte immer noch in Morgan, als der Mann zu Boden ging.

Owen kroch zu dem Alpha und zog eine Blutspur hinter sich her. „Morgan Jones….", keuchte er und griff nach dem bewegungslosen Alpha, „… du bist der dümmste Mensch …. den ich kenne …" Owen ignorierte Simon, der keuchend zurücktaumelte vollkommen, und zog Morgans Körper zu sich hin. „Verlass mich nicht … Lass mich hier nicht … zurück…", keuchte er und streichelte tollpatschig den Kopf des anderen. „Ich esse auch deinen scheußlichen … Eintopf…" Negan glaubte nicht, dass Owen der Wolf noch lange ohne seinen Alpha aus dieser Welt weilen würde müssen, er sah selbst ebenfalls bereits mehr tot als lebendig aus, als er seine Stirn gegen die des Toten presste.

Rick zitterte, voller Wut. Simon hatte sich aufgerappelt und wollte weiter fliehen. Negan stellte sich neben Rick, und legte ihm kurz seine Hand auf den Arm. „Ich mach das", sagte er bestimmt. Dann ging er los und hielt einige Meter von Simon entfernt inne.

„Stell dich mir, du Feigling!", forderte er mit Grabesstimme und einer Wut, die ihn selbst überraschte, „Ohne dein Messer bist du nichts!"

Simon wirbelte wütend herum. „Ich schulde dir gar nichts!", spukte er in Negans Richtung, „Niemand sagt, dass ich fair kämpfen muss! Niemand!"

„Aber wir sagen, dass du fair kämpfen musst, wenn uns anführen willst!", rief Regina aus, die mehr tot als lebendig neben Negan auftauchte und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, „Du willst der Alpha der Erlöser sein, Simon? Dann verdien es dir, verdammt noch mal!"

Simon warf einen kurzen Blick zu ihr, dann irrte sein Blick zu Negan, und dann an die Stelle hinter Negan, an der er seine Opfer zurückgelassen hatte. Negan hörte zwei kurze Schüsse hinter sich, wusste, dass sie den toten Alpha und den toten Omega zu ihrer letzten Ruhe gebettet hatten, und er weigerte sich darüber nachzudenken, ob es Rick gewesen war, oder Carl, oder sonst jemand, der sie geliebt hatte. Er konzentrierte sich nur auf Simon.

„Lass uns das regeln wie Alphas. Du denkst, du hast es drauf? Du denkst, du kannst Alpha sein? Dann beweis es mir!", forderte Negan, während er Lucille vorsichtig auf den Boden ablegte, „Komm her und beweis es mir."

Simon knurrte. „Dich schaffe ich alle Mal, alter Mann. Der Omega und sein verrückter Alpha waren eine größere Gefahr für mich als du!", verkündete er, und dann stürzte er sich auf Negan. Offenbar dachte er wirklich, er könnte gewinnen, dachte, er wäre der größte und böseste Alpha weit und breit. Negan konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wer der letzte gewesen war, der diesen Fehler gemacht hatte. Aber er würde sicherstellen, dass nach Simon niemand jemals wieder diesen Fehler wiederholen würde.


A/N: Bevor ihr mir Hassbriefe schickt, lasst euch gesagt sein, dass ich beinahe an meinen eigenen eigenen Schleim erstickt wäre, als ich Morgan und Owen umgebracht habe. Ich wurde also schon bestraft und habe geweint, als ich diese Szene geschrieben habe und ich weine nur sehr selten, wenn ich Todesszenen schreibe.

Um zu entscheiden, wer von Simon an dieser Stelle getötet wird, gab es so eine Art geheimen Contest. Manche Charaktere waren von Anfang an ausgeschlossen, ich habe ein paar absichtliche Red Herings in diesem Kapitel hinterlassen, bevor ich zu Teil IV kam.

Wer schließlich „gewonnen" hat wurde vom Verlauf dieser Fic entschieden. Obwohl meine TWD-Fics im Grunde wie die Serie selbst auch eine Ensemble-Serie sind, die mit Rick als Hauptcharakter beginnt und dann zunehmend mehr und mehr andere Charaktere wichtig in die Handlung miteinbezieht, gab es doch immer inhaltliche Schwerpunkte, was die Frage angeht, um wen es eigentlich geht. „Nach dem Ende der Welt" war im Grunde die Geschichte und Rick und Shane und von Andrea. „Nach dem Ende der Hoffnung" ist die Geschichte von Rick und Negan, aber auch von Morgan und Owen.

Morgan Jones zu töten war eine der schwersten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe. Eigentlich sollte Owen das hier überleben, aber er hat sich dazu entschieden, dass er ohne Morgan nicht weitermachen will. Und ich habe diese Entscheidung respektiert. Ich mache Owen dem Wolf keine Vorschriften, ich weiß es besser.

Im nächsten Kapitel erfahrt ihr, wer den Alpha-Kampf gewonnen hat: Simon oder Negan (als ob das eine Frage wäre) und was ein gewisser Jemand mit seinen Sieg anfängt.

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