Kapitel 19

„Ich will – nicht mehr – darüber reden!"

„O-kay!" Hermine sagte es im gleichen Tonfall und in der gleichen Lautstärke, die er genutzt hatte. Das überraschte ihn genug, um sie endlich anzusehen. „Ich habe nichts dergleichen verlangt", fuhr sie ruhiger fort.

Severus schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. „Es tut mir leid."

„Erklär es mir, das reicht schon."

Er massierte sich die Nasenwurzel. „Du verlangst es nicht, aber ich kann an nichts – anderes – denken. Ich ertrage das nicht mehr, Hermine."

Sie neigte den Kopf zur Seite und zupfte mit den Zähnen an einem Stück Haut an ihrer Unterlippe, bis es wehtat. „Ich wünschte, ich könnte mehr tun, als dir zuzuhören."

Er schnaubte. „Es ist mir schon unbegreiflich, dass du das immer noch tust. Hängt es dir noch nicht zu den Ohren raus?"

„Nein." Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich höre auch nur das, was du mir erzählst, und nicht das, was dein Kopf dir die ganze Zeit aufzwingt. Ich sehe, wie sehr es dich zermürbt und wenn es dir hilft, darüber zu reden, dann höre ich mit Freuden zu."

Er zog eine Augenbraue hoch. „Das 'mit Freuden' war zu dick aufgetragen."

„Ich werd's mir merken", entgegnete sie und genoss das kleine Lächeln, das über seine Lippen huschte. „Lass uns trotzdem reden."

Er holte tief Luft, dann stand er auf und begann durch das Wohnzimmer zu laufen. Eine Runde, zwei. Schließlich blieb er stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Er schien mit sich selbst zu debattieren, blickte zur Decke und sagte schließlich: „Es ist die Erleichterung."

Hermine zog die Augenbrauen hoch, aber sie wagte es nicht, etwas zu sagen. Sie wartete, dass er weitersprach. Bevor er das tat, wandte er sich ihr wieder zu. Er reckte das Kinn vor und sagte: „Seitdem Lucius diese Erinnerungen weggesperrt hat, hatte ich kein so starkes Bedürfnis mehr, mich … absichtlich zu erbrechen." Er presste die Zähne aufeinander, so dass seine Kiefermuskeln deutlich hervortraten. „Aber jetzt …" Er stand da, wandte plötzlich den Blick ab.

„Verstehe", sagte sie leise.

Er sah sie verdrossen an und sie formte ein lautloses „Entschuldigung!" mit den Lippen. Severus schnaubte. Dann wurde er wieder ernst. „Ich kann kaum noch an etwas anderes denken. Nicht mal Okklumentik hilft."

Sie atmete langsam aus. „Es tut mir leid, dass dich das so quält. Aber … überraschen tut es mich nicht."

„Natürlich nicht", grollte er.

Sie seufzte. „Das war für eine sehr lange Zeit eine deiner Bewältigungsstrategien. Natürlich ist mit den alten Gefühlen auch wieder der Drang da, sie auf die alte Art zu bewältigen. Du hast diesen Weg so oft gewählt, da ist eine gewaltige Autobahn in deinem Kopf. Und auch eine seit Jahrzehnten nicht mehr befahrene Autobahn bleibt eine Autobahn …"

„Und wie werde ich die los?", fragte er gepresst.

„Nimm den Trampelpfad daneben, so oft du es kannst. Und verzeih es dir, wenn du es nicht kannst."

Er rümpfte die Nase und wandte sich ab. Ging zu den Fenstern und sah hinaus auf die menschenleere Straße. Hermine musste sich weit herumdrehen auf ihrem Sessel, um ihn weiterhin sehen zu können. Seine Schulterblätter zeichneten sich unter dem weißen Hemd ab. „Was denkst du jetzt von mir?", fragte er nach einer Weile leise.

„Nichts anderes als vorher."

Es war eine Mischung aus Schnauben und Lachen, das er ausstieß. Er drehte sich halb zu ihr herum und fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Das ist schwer zu glauben."

Auch Hermine drehte sich noch ein Stück weiter zu ihm um. „Mag sein, aber es ist trotzdem wahr. Dir wurde so viel Schlimmes angetan … du musstest Wege finden, um damit umzugehen. Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen."

„Aber es macht mich zu einem erbärmlichen Menschen."

Hermine schüttelte instinktiv den Kopf, sagte aber nichts. Es würde nichts ändern, es würde ihn nicht erreichen. Sie presste die Lippen aufeinander und sah ihn traurig an.

„Schau mich nicht so an", knurrte er, als er es sah.

Sie seufzte. „Wie soll ich dich denn anschauen, Severus? Du stehst da und nennst dich erbärmlich und ich sitze hier und … weiß einfach nicht, was ich sagen soll, damit du anfängst, besser von dir zu denken. Ich wünschte, du könntest dich nur für fünf Minuten durch meine Augen sehen."

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Und was würde ich dann sehen? Vor zwei Jahren hast du mich angeschrien, dass du mich hasst und nie wieder sehen willst. Und jetzt ist das alles anders? Warum?" Er breitete die Arme aus. „Nur weil du jetzt weißt, dass genug andere mich wie Dreck behandelt haben? Ich bin immer noch der gleiche wie vorher, wenn du mich damals gehasst hast, musst du mich auch jetzt hassen. Also hör doch auf, mir was vorzumachen!"

Hermine wich unwillkürlich ein Stück zurück, als sein Ausbruch wie eine Sturmböe über sie hinwegfegte. Dann stand sie auf, weil sie nicht wie ein Schulmädchen vor ihm sitzen wollte, während er sie anschrie. „Das ist unfair", sagte sie, ihre Stimme schwankte.

„Das Leben ist nicht fair", ätzte er mit gerümpfter Nase.

„Nein. Aber Menschen können es sein."

Er schnaubte. „Niemand war jemals fair zu mir."

„Und das gibt dir das Recht, es genauso zu tun?", fragte sie provokant.

Mit einem Schulterzucken wanderte er zu seinem Sessel zurück. Seine dünnen Finger strichen über die Lehne wie Spinnenbeine.

„Schlimme Erlebnisse sind keine Entschuldigung dafür, unfair anderen gegenüber zu sein."

Er schnaubte abfällig. „Wenn ich mich die letzten fünf Minuten durch deine Augen gesehen hätte, hätte ich vermutlich nicht viel Neues gesehen."

Hermine schluckte und massierte sich die Stirn. Sie nahm sich einen Moment, bis ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatte. „Severus, was genau bezweckst du mit diesem Streit?"

Er stützte sich mit beiden Händen auf der Lehne des Sessels ab und senkte den Kopf zwischen seine Arme. „Andere Gedanken", sagte er zum Boden.

Sie atmete scharf aus. „Wir könnten auch einfach über das letzte Quidditchspiel reden, weißt du? Ginny fand es frustrierend, viele verpasste Schnatz-Fangchancen."

Nun lehnte er sich mit den Ellbogen auf den Sessel und presste den Handballen gegen seine Stirn. „Ich interessiere mich nicht für Quidditch."

„Ich auch nicht", entgegnete Hermine und ging zu ihm. Sie zögerte, aber dann hob sie doch die Hand und legte sie auf seine Schulter.

Severus zuckte zusammen unter ihrer Berührung, hob den Kopf, warf ihr einen flüchtigen Blick zu, schüttelte sie aber nicht ab. Er starrte angespannt ins Feuer. Durch das dünne Hemd konnte sie die Hitze seines Körpers spüren.

„Ich sehe keinen erbärmlichen Menschen in dir, Severus. Egal, wie du damals oder heute mit den Erinnerungen umzugehen versuchst, egal ob du absichtlich erbrichst oder die Hand über das Feuer hältst … Ja, es macht mich betroffen. Ja, ich wünschte, du würdest stattdessen mit mir reden. Aber ich verstehe dich. Und ich verstehe, dass manchmal nichts – anderes – hilft. Es ist okay. Du machst das gut."

Er schnaubte leise, wischte sich wieder mit der Hand über den Mund. „Woher willst du das wissen? Vielleicht geb ich mir einfach nicht genug Mühe."

„Gibt es denn irgendetwas, das du nicht versucht hast, obwohl du es gekonnt hättest?"

„Ja, vielleicht …"

„Nenn mir ein Beispiel."

Er schwieg einen Moment. „Essen kann nicht so schwierig sein, oder?"

„Doch, kann es. Du gibst dein Bestes und das ist genug." Sie übte leichten Druck auf seine Schulter aus. Er wandte ihr das Gesicht zu. So nahe bei ihm zu stehen, direkt in seine schwarzen Augen zu schauen, verschlug Hermine für einen Moment den Atem. „Wollen wir uns nicht wieder setzen?", fragte sie heiser.

Sie war froh, als sie sich in den Sessel sinken lassen konnte. Ihre Knie fühlten sich weich an. Sie zitterte irgendwo tief drinnen, auch wenn ihre Hände es nicht zeigten. „Wenn du die ganze Zeit an die Erleichterung durch das Erbrechen denkst, schon der Anblick von Essen aber Panik auslöst, dann muss es extrem anstrengend gewesen sein in letzter Zeit", sagte sie, nachdem sie das, was Severus ihr gestern und eben erzählt hatte, nochmal überdacht hatte.

„War es", grollte er, „ist es." Er sah ins Feuer und rieb langsam die Handflächen gegeneinander. „Es ist wie verdursten, weil man wasserscheu ist."

„Und die Panik macht die Sehnsucht nach der Erleichterung vermutlich noch größer, oder?"

Er nickte.

Hermine schwieg eine Weile mit ihm und überlegte, was sie dazu sagen könnte. Aber es gab keine Worte, die irgendetwas an seiner Lage verbessert hätten. „Hat sich eigentlich etwas verändert, seitdem du gestern von deiner Panik erzählt hast?"

Mit einem tiefen Atemzug riss er sich aus seinen Gedanken. „Nicht an meiner Reaktion, aber ich kann sie etwas besser aushalten."

„Das ist gut. Versuchst du, dich langsam wieder ans Essen zu gewöhnen?"

„Ich werde mich wieder daran gewöhnen, indem ich esse. Und bis dahin lenke ich mich ab beim Essen."

„Wie lenkst du dich ab?"

„Ich lese oder arbeite nebenbei im Labor."

„Du isst im Labor?", fragte sie gespielt entsetzt. Eines der größten Tabus des Zaubertrankunterrichts waren Essen oder Trinken auf den Labortischen gewesen.

Severus warf ihr einen verdrossenen Blick zu.

„'Tschuldige", murmelte Hermine und er verdrehte die Augen. „Wenn das funktioniert, ist das im Moment eine gute Strategie. Aber ich nehme an, irgendwann würdest du dich auch gern mal wieder in Ruhe hinsetzen zum Essen, oder?"

Er schwieg. Sah sie nur an und das war Antwort genug.

„Vielleicht kannst du versuchen, dich auch wieder an das bewusste Essen zu gewöhnen."

„Wie stellst du dir das vor?", fragte er dunkel.

Hermine setzte sich aufrecht hin. „Wasser trinken geht doch, oder?" Er nickte. „Du könntest da anfangen. Nimm dir zwei-, dreimal am Tag ein paar Minuten, um ganz bewusst das Wasser im Mund zu spüren, bevor du es schluckst. Mach das solange, bis es keine Angst mehr auslöst. Dann trink statt Wasser zum Beispiel gesüßten Tee. Oder Brühe. Wenn das geht, versuch es mit einer cremigen Suppe und so weiter. Taste dich langsam vorwärts zu Essen, das du kauen musst, bevor du es schlucken kannst. Geh den nächsten Schritt immer erst, wenn der letzte keine Angst mehr auslöst."

Es war ihm sichtlich unangenehm, ihren Worten zuzuhören. „Ich werd es ausprobieren", murmelte er, vielleicht auch um das Thema so bald wie möglich wieder zu verlassen.

Hermine sank ein bisschen in sich zusammen und rang das Bedürfnis nieder, ihm ihre Hilfe anzubieten. Zum Einen wusste sie nicht, wie die hätte aussehen sollen (von künstlicher Ernährung einmal abgesehen und die hatte er bereits abgelehnt), zum Anderen war das offensichtlich etwas, das er mit sich ausmachen wollte. Seine schlechte Ernährung machte ihr zwar Sorgen, aber ihr blieb nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass er sie ansprechen würde, wenn er Hilfe brauchte.

Sie senkte also den Blick und biss sich auf die Unterlippe, zwang ihre Gedanken fort von diesem Thema. Sie fanden schnell einen anderen Moment dieses Abends: „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich vor zwei Jahren diese Dinge zu dir gesagt habe."

Severus seufzte. „Ich weiß, das sagtest du schon mal."

„Es scheint dich noch zu beschäftigen."

„Tut es. Aber nicht, weil ich es dir nachtrage."

„Sondern?" Sie sah ihn von der Seite an.

„Sondern weil ich mich frage, ob unsere Wege sich auch wieder gekreuzt hätten, wenn ich nicht dieses … Problem … bekommen hätte."

Hermine zuckte langsam mit den Schultern. „Ich war überzeugt, dass ich von mir aus wohl nie wieder Kontakt zu dir aufgenommen hätte. Professor McGonagall ist da anderer Meinung. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht." Sie sah ihn nicken, er hatte einen bitteren Zug um seinen Mund. „Aber ich bin froh, dass es so gekommen ist. Nicht, dass es dir gerade so schlecht geht, aber … Ich bin froh, dass Professor McGonagall mich dazu überredet hat, dir zu helfen."

„Aus ganz und gar eigennützigen Gründen bin ich das auch", entgegnete Severus mit einem feinen Lächeln, das Hermine erwiderte. Dann runzelte er die Stirn. „Wenn es dir recht ist, würde ich heute gern noch mit der nächsten Erinnerung anfangen. Diese Geschichte mit dem Essen ist offensichtlich langwierig und ich … möchte endlich mal wieder über etwas anderes nachdenken."

„Grundsätzlich hab ich keine Einwände dagegen. Aber ich muss morgen arbeiten, Spätschicht. Entweder bist du also nach dem ersten Ansehen über eine Woche lang allein mit der Erinnerung oder ich komme morgen Vormittag nochmal her."

„Das war es, was ich mit 'wenn es dir recht ist' meinte." Er zog eine Augenbraue in die Stirn.

„Dann ist es mir recht. Darf ich?" Severus machte eine ungeduldige Geste mit der Hand, aber sie konnte an seinem Blick sehen, wie dankbar er ihr immer noch war für jedes Einverständnis, das sie sich von ihm holte.

Hermine schlüpfte in seinen Geist, der dieses Mal deutlich unruhiger war, als sie es gewohnt war. Die Erinnerungsfäden bewegten sich schneller als sonst, es waren mehr da und viele davon drängten sich auf. Auch die ehemals eingesperrten Erinnerungen waren da, rosa und immer noch aktiver als die anderen. Sie waren nicht mehr so beladen mit Energie wie vorher, aber Hermine konnte sich jetzt noch besser vorstellen, wie anstrengend es sein musste, das alles die ganze Zeit zu ertragen.

Ihr fiel allerdings auch auf, dass er trotz allem, was dieser Blick in seinen Geist ihr über ihn verriet, keine Okklumentik anwandte. Sie hatte gesehen, dass er ihr nur einzelne Erinnerungsfäden zugänglich machen konnte, wenn er das wollte. Sicherlich könnte er auch seinen Geist komplett leeren und ihr nur den Käfig zeigen, damit sie ihrer Aufgabe nachkommen konnte. Aber er tat es nicht. Er ließ sie sehen, wie es in seinem Kopf zuging. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

Die nächste Erinnerung aus dem Käfig zu lassen, war eine Sache von Sekunden. Als sie sich davon überzeugt hatte, dass der Käfig wieder sicher verschlossen war, zog sie sich zurück.

„Es ist unruhig in deinem Kopf", stellte sie fest.

„Ist es", bestätigte er und dann zog die Erinnerung ihn auch schon mit sich.

Hermine seufzte tief und lehnte sich zurück. Draußen vor den Fenstern war es inzwischen stockdunkel, nur die wenigen Laternen beleuchteten die nasse Straße. An den Scheiben hingen noch die Wassertropfen des letzten Regenschauers, in der Ferne war leises Grollen zu hören.

Severus stöhnte und das Geräusch ließ sie zu ihm ins Wohnzimmer zurückkehren. Er hatte sich versteift und den Rücken durchgedrückt, als wolle er sich etwas entziehen, das hinter ihm lauerte. Hermine kannte diese Position; so hatte er sich auch verrenkt, als er sich der ersten Erinnerung gestellt hatte, nur war es da noch ausgeprägter gewesen. Sie stützte das Kinn in die Hand und beobachtete ihn mit einem Ausdruck von Mitleid, den sie sich zu verkneifen versuchte, wenn er es sehen konnte. Jetzt gerade konnte sie ihn sich für einen Moment erlauben.

Nach einer Weile lockerte sich seine Haltung wieder etwas und er sank in den Sessel zurück. Dafür wurde seine Atmung sehr flach. Hermine musste sich zu ihm lehnen, um überhaupt noch das Heben und Senken seiner Brust sehen zu können. Sie beschwor die Sauerstoffsättigung seines Blutes herauf und eine Kurve, die seine Atmung darstellte. Obwohl er so flach atmete, rutschte er nicht in einen Sauerstoffmangel, was sie beruhigte. Aber es musste sich für ihn anfühlen, als würde er nicht genug Luft bekommen.

Nach gut zehn Minuten öffnete er die Augen und starrte an die Decke. Sonst bewegte er sich nicht. „Severus?", fragte sie vorsichtig. Sein Blick traf sie und Hermine keuchte. Es stand nackte Angst darin.

„Severus, du bist in Sicherheit!" Sie stand auf und ging vor ihm in die Hocke, griff nach seiner Hand. Sie war eiskalt und feucht. „Was auch immer du gerade erlebt hast, es ist vorbei. Niemand außer uns ist hier, ich passe auf dich auf." Sie griff auch nach seiner anderen Hand und strich mit ihren Daumen über seine Handrücken, während sie weiter mit ihm redete und versuchte, seine Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt zurückzuholen, fort von was auch immer ihn hatte erstarren lassen.

Nach einigen Minuten begannen seine Finger zu zucken und er erwiderte ihren Griff. Die Starre löste sich langsam aus seinem Körper und er lehnte sich mühsam vor, die Unterarme auf die Knie gestützt.

„Geht es wieder?", fragte Hermine. Sie hatte sich inzwischen hingekniet und sah zu ihm auf.

Severus nickte; hinter dem Vorhang seiner schwarzen Haare konnte sie sein Gesicht nicht sehen.

Sie blieb vor ihm auf dem Boden, solange er ihre Hände festhielt. Als er sie einmal fest drückte und dann losließ, stand sie auf und kehrte auf ihren Platz zurück. „Kannst du erzählen, worum es in der Erinnerung ging?"

Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, erstarrte aber mitten in der Bewegung und ließ die Hand sinken. „Mein Vater hatte mich mal wieder … verkauft", begann er leise. Seine Stimme klang etwas verwaschen, so als hätte er zu viel Alkohol getrunken. Ihm schien es selbst auch aufzufallen, denn er räusperte sich, ehe er fortfuhr: „Dieser Mann … Er zahlte extra, damit er mich … hinterher ins Bett bringen durfte. Mein Vater ließ ihn ins Haus. Hierher …" Sein Blick wanderte zur Tür, die in die Küche führte, als würde er sich selbst dabei zuschauen, wie er mit dem Mann, der ihn gerade missbraucht hatte, das Wohnzimmer betrat. Severus kniff die Augen zu. „Er schaltete das Licht aus, als ich im Bett war. Befahl mir, die Augen zu schließen. Streichelte meine … Haare …" Er ballte die Hand zur Faust, die, mit der er eben seine Haare berührt hatte. „Er blieb im Zimmer. Wartete, dass ich einschlief. Ich konnte ihn atmen hören." Seine Stimme war immer leiser geworden, seine Atmung immer flacher. „Er sitzt in der Dunkelheit neben meinem Bett", flüsterte er, „Ich spüre es."

„Severus", sagte Hermine, aber er reagierte nicht. Sie griff über den Tisch hinweg nach seinem Unterarm. Severus zuckte zusammen, riss sich von ihrer Berührung los, sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Entschuldige", sagte sie und hob die Hände. „Er ist fort, Severus. Du bist in Sicherheit."

Er schluckte schwer und nickte. „Ich hab mich nicht getraut zu atmen. Ich konnte mich nicht bewegen." Er presste Daumen und Zeigefinger auf seine Augen. „Irgendwann … ich weiß nicht, wie das passieren konnte, ich weiß nicht, wie … ich hätte das nicht zulassen dürfen, ich …"

„Severus!", unterbrach sie ihn mit lauter Stimme. Er sah sie an. „Was ist passiert?"

Er schluckte. „Ich – ich bin eingeschlafen und … als ich wieder aufwachte, wusste ich nicht, ob er noch da war oder nicht." Wieder kniff er die Augen zusammen. „Ich hab mich nicht getraut, das Licht anzumachen. Oder mich zu bewegen."

„Das ist schrecklich", sagte Hermine.

„Er war einer von den Stammkunden", murmelte Severus gedankenverloren. „Er kam immer wieder …"

Hermine spürte Wut in sich aufsteigen. Am liebsten hätte sie dieses Schwein gerade in Stücke gerissen, aber vermutlich war er schon tot. Sie atmete einige Male tief durch, um ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, dann konzentrierte sie sich wieder auf Severus.

Es sah nicht so aus, als ob er etwas davon mitbekommen hätte. Er wirkte, als würde er noch halb in der Erinnerung hängen. Jedenfalls war er mit seiner Aufmerksamkeit nicht hier im Wohnzimmer. Er saß wieder ganz still da, atmete flach, starrte blicklos auf den Boden.

Hermine nahm ihren Zauberstab und erleuchtete den Raum, als sollte hier gleich ein Quidditchspiel stattfinden. Sie beschwor Vogelgezwitscher herauf und sprach ihn wieder an und das alles zusammen brachte Severus dazu, sie anzuschauen. „Es ist vorbei", sagte sie langsam und deutlich. „Heute ist niemand außer uns hier."

Severus kniff die Augen zusammen und nickte. „Heute", murmelte er.

„Schau mich an, Severus." Vorsichtig griff sie wieder nach seiner Hand, diesmal wehrte er sich nicht dagegen. „Nenn mir fünf blaue Dinge hier im Raum."

Es kostete ihn sichtlich Mühe, nicht nur ihre Worte zu verstehen, sondern auch deren Zusammenhang. Aber nach ein paar Sekunden begann er sich umzuschauen und zählte auf: „Der Buchrücken da vorne rechts … ich meine, links." Er hob die Hand und deutete darauf. „Links. Der Lampenschirm auf meinem Schreibtisch." Sein Blick wanderte durch den Raum und blieb bei ihr hängen. „Deine Hose." Hermine lächelte. „Das Muster im Teppich und … mein Finger, den ich mir gestern in der Schublade geklemmt habe."

Hermine lachte leise, als er ihr seinen tatsächlich blau unterlaufenen Fingernagel zeigte. „Okay, das lass ich durchgehen. Vier grüne Dinge."

Wieder begannen seine Blicke zu schweifen und diesmal wirkte er schon konzentrierter. „Das Ziffernblatt der Uhr auf dem Kamin. Noch ein Buchrücken, der neben der Tür rechts." Wieder deutete er darauf. „Die Gardinen am Fenster." Dieses Mal musste Hermine sich umdrehen, um zu sehen, ob er recht hatte. Die Gardinen waren tatsächlich dunkel olivgrün. Sein Blick hatte etwas Triumphierendes, als sie ihn wieder ansah. „Und die Mappe auf meinem Schreibtisch."

„Gut. Ich glaube, das reicht, oder?"

Severus nickte und ließ ihre Hand los. „Ja. Könntest du die Vögel ein bisschen zurückpfeifen? Ich bekomme Kopfschmerzen davon …"

Hermine beendete das Zwitschern mit einem Wink ihres Zauberstabes. „Soll ich das Licht auch wieder dimmen?"

„Ein bisschen, nicht ganz." Er atmete auf, als sie seinem Wunsch nachkam. „Danke."

„Kein Problem."

„Was war das?", fragte er dann.

„Kennst du so was nicht?"

„Nein." Er schwieg kurz, die Stirn in tiefe Falten gelegt. „Doch", korrigierte er sich dann und sah ein bisschen fassungslos aus. „Aber ich wusste auch damals nicht, was das ist."

„Wie fühlt es sich denn an?"

Er runzelte die Stirn auf der Suche nach den richtigen Worten. „Als … wäre ich wieder zehn Jahre alt. Ich konnte sogar die Bettdecke unter meinen Fingern spüren."

„Man nennt es Flashback."

Er sah sie an, als würde er auf etwas warten. „Ist das alles, was du dazu sagst?"

Hermine holte tief Luft. „Was soll ich sagen? Sie passieren, manchmal wegen der blödesten Dinge. Sie fühlen sich schrecklich an, aber irgendwann erkennt man es, wenn es passiert, und das macht es etwas leichter." Ein Schaudern lief durch ihren Körper.

„Du kennst das auch."

„Ja. Sie haben mich sehr gequält nach dem, was im Krieg passiert war."

Er sah sie nachdenklich an. „Du hast nie erzählt, wie es dir damals ging."

Sie verdrehte die Augen und schmunzelte leise, als sie murmelte: „Niemand sollte es wissen."

„Was du nicht sagst", entgegnete Severus mit der gleichen bitteren Heiterkeit in der Stimme.

„Du warst und bist mein einziger Zeuge." Sie zuckte mit den Schultern.

„Und nun wirst du meiner."

Hermine schaffte es nicht, ihren Blick von seinem abzuwenden. Es war ein Moment absoluter Ruhe, zumindest für sie. Sie hatte zwar nur eine Erinnerung dieser Art gehabt, aber sie konnte manche Dinge, die er gerade durchmachte, nicht nur verstehen, sondern sie hatte sie zeitweise selbst erlebt. Und so, wie sie einige seiner Erinnerungen durch seine Augen gesehen hatte, hatte er ihre Erinnerung durch ihre Augen gesehen. Was sie jahrelang beschämt hatte, fühlte sich auf einmal anders an. Es war okay. Es war irgendwie sogar gut, dass sie nicht die einzige war, die sich daran erinnern konnte.

Bevor dieser Moment und ihre Gefühle dazu ihr Tränen in die Augen treiben konnten, blinzelte Severus und fragte: „Wie hast du es geschafft, diese Zustände zu beenden?"

Hermine schluckte. „Die ersten Male gar nicht. Ich wusste ja selbst nicht, was das ist. Also hab ich gelesen. Hogwarts' Bibliothek ist übrigens schlecht ausgestattet mit Themen außerhalb der Magie."

Severus zog eine Augenbraue in die Stirn. „Es ist die Bibliothek einer Schule für Hexerei und Zauberei, was erwartest du? Strickmuster?"

„Oh, die gibt es in der Hogwarts-Bibliothek!", sagte sie aufgebracht.

„Tatsächlich?", fragte er desinteressiert.

Hermine kniff ein bisschen die Augen zusammen, bevor sie fortfuhr: „Ich hab dann jedenfalls in den Sommerferien in London ein Buch zu dem Thema besorgt und da standen einige Strategien drin. Eben solche Übungen, wie ich sie gerade mit dir gemacht habe. Hilfen, um sich wieder im Hier und Jetzt zu orientieren."

„Hm", machte er unzufrieden. „Gibt es da auch Übungen, für die man niemanden braucht, der einem Aufgaben stellt?"

Hermine legte den Kopf zur Seite. „Sag du es mir. Du hattest damals doch bestimmt auch Strategien."

Severus runzelte die Stirn und dachte nach. „Okklumentik", sagte er dann.

Hermine machte einen überraschten Laut. „Ich wusste nicht, dass man Okklumentik auch dafür nutzen kann."

„Kann man. Jedenfalls konnte ich es. Ich wusste damals nicht, dass man es so nennt, ich hab das instinktiv gemacht. Statt meinen Geist nach außen zu schützen, hab ich mich innerlich abgeschottet, wenn ich spürte, dass … es mich überkam. Ich hatte diesen kleinen Teil in meinem Kopf, in den ich mich zurückziehen konnte. Ich hab Trankrezepte auswendig aufgesagt, bis es vorbei ging. Wirklich anwesend bin ich bestimmt nicht gewesen, aber zumindest wusste ich, wann und wo ich bin und war ansprechbar. Ich glaube, es ist nie jemandem aufgefallen."

Hermine schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Als nach Malfoys Tod all die Erinnerungen seinen Geist geflutet hatten, hatte er genau das gleiche getan – nur ausgeprägter. „Ist dir das eben wieder eingefallen?", fragte sie.

Er nickte langsam. „Ich hab in den letzten Jahrzehnten wohl alles verdrängt, was das betraf."

„Ohne die Erinnerungen ergab es auch keinen Sinn mehr, dass du solche Dinge getan hast."

„Nein." Er wischte sich mit der Hand über das Gesicht. „Welche Übungen standen also noch in deinem schlauen Buch?"

Hermine überlegte kurz. „Man kann von einhundert aus in siebener Schritten runterrechnen. Das war meine Lieblingsübung. Aber nach zwei Tagen konnte ich die Zahlen auswendig, also hab ich angefangen, jedes Mal einen anderen Ausgangspunkt zu nehmen. Je schlimmer es sich anfühlte, desto höher hab ich angefangen. Manchmal hab ich auch andere Zahlenschritte genommen."

„Das klingt, als hättest du Stunden mit Rechnen verbracht."

„Hab ich. Meistens nachts. Schlafen konnte ich ja eh nicht." Als er sie ansah, glaubte sie, in seinem Blick etwas zu sehen, das sie in letzter Zeit auch oft für ihn empfand: Mitgefühl. Sie lächelte mühsam. „Auch starke Sinnesreize können helfen. Zum Beispiel in eine Chilischote beißen, die Hände unter eiskaltes Wasser halten oder an etwas intensiv Duftendem riechen. Das könnte für dich vielleicht besonders gut funktionieren, weil viele Gerüche für dich mit dem Labor verknüpft sind. Tränkebrauen scheint hilfreich zu sein."

„Ist es", sagte Severus mit dunkler Stimme.

„Auch Bewegung hilft. Rausgehen aus der Situation. Spazierengehen. Und wenn du dich richtig fordern willst, kannst du mit Bällen jonglieren oder etwas ähnliches. Je mehr du dazu gezwungen bist, dich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, desto besser. Aber es sollte nicht zu riskant sein. Vom Apparieren würde ich in solchen Momenten abraten."

„Selbstverständlich", entgegnete er.

„Was einem hilft, ist unterschiedlich. Das musst du ausprobieren. Und wenn du ein paar Dinge gefunden hast, ist es hilfreich, sie auf ein kleines Kärtchen zu schreiben, das du dir in die Tasche stecken kannst. Manchmal kommt man auf die einfachsten Sachen nicht."

„Hattest du auch ein Kärtchen?"

Hermine nickte. „Ja, hab ich. Ich hab es erst weggelegt, nachdem ich es ein Jahr lang nicht mehr gebraucht hatte. Aber weggeworfen hab ich es nie."

Severus schluckte.

„Oh, das wichtigste, das auf der Karte stehen sollte …" Sie suchte seinen Blick. „Atmen. Es geht vorbei."