Semir hielt es in der Einsatzzentrale nicht länger aus!
Er hatte mitbekommen das einige Kollegen verletzt waren und sich die Situation in der Fabrik zuspitzte. Von seinem Freund und seiner Chefin hatte er seit geraumer Zeit nichts mehr im Funk gehört.
Er griff mit einer derartigen Entschlossenheit im Blick nach einer der kugelsicheren Weste, das keiner der übrigen Anwesenden in der Zentrale auch nur auf die Idee kam ihn davon abzuhalten sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Seine Waffe etwas umständlich mit dem Gips Arm durchladend stürmte er aus dem Anhänger, der die Einsatzzentrale bildete.
Anna und Mark pressten sich im Inneren der Fabrik eng an eine der kahlen Betonwände. Um sie herum flogen unzählige Kugeln und der Lärm war ohrenbetäubend. Putz und Staub die von einschlagenden Projektilen aufgewirbelt wurden rieselte auf sie herab und in der Luft lag der beißende Geruch von Schießpulver der ihnen Tränen in die Augen trieb.
Vorsichtig und langsam schoben sich die Kommissare um die nächste Ecke und fanden sich in einem recht schmalen, fünf Meter langem Korridor wieder der sie in einen weitläufigen Raum brachte, in dem noch einige große Maschinen standen, die still vor sich hin rosteten.
Hinter ebenso einer Maschine hatte sich einer von Kastratis Handlanger verschanzt, der jetzt mit einem gezielten Schuss von Anna außer Gefecht gesetzt wurde, da er ihrer beider Aufforderung sich zu ergeben nicht nachkam.
Mit den MP5's schussbereit im Anschlag gingen sie gemeinsam zu dem schwerverletzten Mann, entwaffneten ihn und fixierten seine Hände trotz der Verletzung hinter seinem Rücken. Im Anschluss traten sie hinter der alten Maschine hervor und wollten den Raum in Richtung eines weiteren Korridors auf der gegenüberliegenden Seite durchqueren. Dazu kamen sie jedoch nie.
Im selben Moment als die Polizisten hinter dem Stahlkoloss hervortraten, traten Besnik und Betim Kastrati aus eben jenem Korridor, in den die Polizisten wollten. Die Brüder erspähten die Beamten den Bruchteil einer Sekunde eher bevor sie selber gesehen wurden. Es war pures Glück und glich einem kleinen Wunder, das die sofort abgefeuerten Kugeln aus den Sturmgewehren der Albaner weder die Chefin noch Haverlant trafen.
Zweiterer hatte Anna reflexartig am Kragen der kugelsicheren Weste gepackt und grob hinter die Maschine zurück gezogen. Weitere Kugel schlugen in das Metall, dann wurde es kurz ruhig. Diesen Moment nutzte die Polizistin, um sich wieder aufzurappeln. Wie sich herausstellt, keine Sekunde zu früh:
Einen guten Meter neben ihr landete mit einem metallischen Klang eine von Betim's Handgranaten!
Nackter Überlebens-Instinkt hatte von Anna Besitz ergriffen als sie ihre MP5 Maschinenpistole fallen ließ, sich umdrehte und den wenigen Abstand, der sie und Mark trennte, als kurzen Anlauf nutzte, um sich mit aller Kraft gegen ihn zu werfen.
Als sie kurz zuvor hinter die stillgelegte Maschine getreten waren, um den Schützen zu entwaffnen, war ihr aus dem Augenwinkel an der Wand ein Stück dahinter ein Treppenabgang aufgefallen, den sie in dem Moment jedoch nicht weiter beachtet hatte.
Als die Handgranate jetzt hinter ihnen explodierte, wurden beide Polizisten durch den zusätzlichen Anschub der Druckwelle eben jenen Treppenabgang heruntergeschleudert und entgingen nur so der ansonsten tödlich gewesenen Explosion.
Anna fühlte noch die Hitze der Explosion in ihrem Nacken, ihren Kollegen halb neben, halb unter sich und den stechenden Schmerz in ihren Rippen vom ersten Aufprall auf eine der Betonstufen.
Dann wurde alles Schwarz als sie mit dem Kopf gegen einen Pfosten des metallenen Geländers schlug.
Draußen war Tom noch immer kein Stück näher an das Gebäude herangekommen. Bei ihrem letzten Versuch vorzustoßen war Zeidler nun doch von einer Kugel getroffen worden. Kranich kniete neben ihm und war gerade dabei das verletzte Bein mit seinem Gürtel abzubinden, um so die Blutung zu stoppen als sie eine Explosion aus dem Inneren der Fabrik hörten.
Panisch sah Tom auf, als er realisierte das sich die Explosion in dem Teil des Gebäudes ereignet hatte, in den Anna und Mark verschwunden waren.
Als eine zweite, weitaus heftigere Explosion das Gebäude kurz darauf erschüttern ließ, sprang er blindlinks und ohne nachzudenken auf, um ebenfalls in die Fabrik zu rennen, aus der langsam dunkler Rauch aufzusteigen begann. Zeidler der seinen Namen brüllte ignorierte er. Für ihn zählte im Moment nur eins: Er musste zu Anna und sicherstellen das es ihr gut ging!
Wie aus dem Nichts kam plötzlich Semir angeflogen und riss ihn mit sich zu Boden! Beide Männer schlitterten über den sandigen Untergrund und kamen ein paar Meter weiter zum Liegen.
Dort wo Tom Sekunden zuvor gestanden hatte, schlugen mehrere Kugeln in den Sand.
Nur die präzisen abgefeuerten Schüsse eines SEK Kollegen der dem verletzen Zeidler zu Hilfe geeilt war, verhinderte, dass derselbe Schütze weiter auf Tom und Semir schießen konnte.
Den Schmerz in seinem Arm ignorierend, packte Semir seinen immer noch völlig perplexen Freund am Kragen und zog ihn wieder hinter den Sandhaufen, wo sie fürs Erste sicher waren.
„Bist du jetzt völlig bescheuert!?" schrie Gerkhan Tom umgehend laut und aufgebracht an. „Du bist dem Typen geradewegs in die Schussbahn gelaufen! Willst du sterben, oder was?!" Semir war regelrecht außer sich vor Wut und Sorge um seinen Partner.
„Ich muss da rein Semir!" Ein Flehen lag in Toms Augen, das Semir jeden Zweifel daran nahm, dass sein Kollege und Freund viel mehr als nur Kollegialität für seine derzeitige Partnerin empfand.
„Du musst dich vor allem erst mal zusammenreißen du Idiot!" brüllte der Deutschtürke wütend. Hätte er doch nur darauf bestanden das die Chefin und Tom bei ihm in der Einsatzzentrale geblieben wären!
Das musste ja alles fürchterlich schief gehen!
Sich drüber jetzt allerdings Gedanken zu machen, würde sie auch nicht weiterbringen und niemandem helfen.
Also packte er Kranich erneut mit einer Hand am Kragen, um sicherzustellen, dass er ihm zuhörte und sagte schließlich eindringlich: „Wir gehen da jetzt gemeinsam rein und suchen sie! Aber: Reiß dich verdammt noch mal zusammen! Sonst geht ihr noch beide drauf!"
An Toms Augen konnte Semir erkennen das er begriffen hatte. Zur Bestätigung nickte Tom und atmete einige Mal tief ein und aus. „Also schön!" auch Gerkhan nickte knapp, ehe er sich umwandte und gemeinsam mit Tom in das Gebäude ging, aus dem immer mehr Qualm anfing aufzusteigen.
Die Explosion von Betims Handgranate hatte Restemengen von Öl und Hydraulikflüssigkeit, die sich noch in der Maschine befunden hatten, entzündet.
Wie sich herausstellte, war im Boden unter der Maschine ein Tank eingelassen, der noch knapp zur Hälfte mit Benzin gefüllt war. Die Benzindämpfe hatten sich binnen Sekunden ebenfalls entzündet und lösten die zweite, schwere Explosion aus. Die beiden Clan Brüder wurden durch die Wucht dieser Explosion auch zu Boden geworfen. Das anschließende Feuer, begann sich rasch auszubreiten.
Nachdem er die erste Benommenheit nach dem Sturz abgeschüttelt hatte, rappelte Besnik Kastrati sich als erster wieder auf.
Glühender Hass lag in seinen Augen als er ein neues Magazin in sein Sturmgewehr lud. Er hatte das Miststück von Polizistin die Koslov gestern verhaftet hatte wiedererkannt und schlagartig begriffen das die Bullen ihn verarscht hatten!
Trotz des sich ausbreitenden Feuers ging er auf die Stelle zu, wo er die beiden Bullen vor der Explosion zuletzt gesehen hatte. Er würde sicherstellen, dass sie tot waren! Die Rufe seines Bruders abzuhauen ignorierte er.
