Mark Haverlant stöhnte vor Schmerzen laut auf, als er kurze nach dem Sturz die Treppen herunter wieder zu sich kam. Sein linker Arm war offensichtlich an mehr als einer Stelle gebrochen und auch in seinem Kopf dröhnte es.
Behutsam fing er, so gut es ging, an sich wieder aufzurappeln. Eine weitere Explosion ließ ihn den Kopf jedoch wieder einziehen und er warf sich schützend über den leblosen Körper seiner Kollegin, die ihm kurz zuvor wohl das Leben gerettet hatte. Einige kleine Betonteile flogen die Treppe herunter, von größeren Stücken wurden sie, zu mindestens bis auf weiteres, verschont.
Trotzdem wusste Mark, das die Zeit drängte und sie schleunigst hier raus mussten. Beißender Rauch begann die Treppe herunterzuziehen und das unbarmherzige Knistern eines sich schnell ausbreitenden Feuers war zu hören.
Mit seinem unverletzten Arm und vor Schmerzen zusammengebissenen Zähnen drehte er Anna vorsichtig auf den Rücken. Blut aus einer Platzwunde oberhalb ihrer linken Schläfe lief ihr über das von Staub verschmutztes Gesicht. Auf seine Rufe aufzuwachen, reagierte sie überhaupt nicht. Erst als er anfing sie leicht zu schütteln und zu ohrfeigen, glaubte er eine Regung zu erkennen.
Ganz langsam verloren die Schatten an Dunkelheit und sie glaubte Worte aus dem Rauschen in ihren Ohren ausmachen zu können. Konnte es sein das da jemand ihren Namen rief?
Ein plötzlicher, heftiger Schmerz durchfuhr ihren Körper als sie bewegt wurde und die Schatten gewannen für einen Moment wieder an Intensität, ehe sie endgültig diffusem Licht und dem Umriss von Mark Haverlants Gesicht wichen, als sie begann vorsichtig die Augen zu öffnen.
Unwillkürlich fasste sie sich an die Stelle ihrer Rippen, von der ein heißglühender Schmerz ausging und auch ein gequältes Stöhnen konnte sie nicht schnell genug unterdrücken, bevor es über ihre Lippen kam. Anna biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich darauf ihren Kollegen anzuschauen. Der stieß erleichtert angehaltene Luft aus, als er merkte das sie wieder zu sich gekommen war.
Das Gefühl der Erleichterung hielt jedoch nur wenige Sekunden an.
Ein Schatten fiel auf sie herab und als die Polizisten den Blick hoben, erkannten sie Besnik Kastrati, der auf der obersten Treppenstufe stand und hinterhältig grinsend auf sie hinunterschaute.
Das Sturmgewehr in seiner Hand war auf ihre Köpfe gerichtet.
„Sieh an, wen wir hier haben...!" Er deutet mit dem AK47 kurz auf Anna. „Und ich dachte vor allem ihr scheiß Autobahnbullen hättet eure Lektion, sich nicht mit uns anzulegen, gelernt!" Die Chefin zeigte keine Regung und hielt Kastratis Blick stand. Haverlant neben ihr suchte fieberhaft, aber unauffällig mit seinen Augen den Boden ab. Wo zum Teufel war seine Waffe? Er musste sie während des Sturzes die Treppe herunter verloren haben...
Ihre eigene Pistole befand sich immer noch in ihrem Holster am Oberschenkel. Sie wusste aber das es zwecklos war danach zu greifen. Kastrati hätte sie beide mit unzähligen Kugeln hingerichtet, bevor sie auch nur die Sicherung geöffnet hätte.
Resignation fing an von ihr Besitz zu ergreifen und Anna fand sich mit dem Gedanken ab, das sie dem Tod kein zweites Mal ein Schnippchen schlagen konnte.
Wehmut erfasste sie als sie an Tom dachte. Hätte sie ihn doch bloß nicht so nah an sich herangelassen! Dann würde er so viel besser über ihren Tod hinwegkommen!
Als Anna sah wie Besnik noch einmal anlegte und sein Ziel leicht justierte, schloss sie die Augen. „Zeit zu sterben, Miststück!"
Eine einzelne stumme Träne lief über ihre Wange und hinterließ eine deutliche Spur. Sie fühlte wie Mark neben ihr sich auch seinem Schicksal fügte und merklich zusammensackte. Beide Polizisten warteten auf den Tod, der in Form von dutzenden Geschossen angeflogen kommen würde.
Semir und Tom kamen in der Fabrik unter den gegebenen Umständen einigermaßen zügig voran. Immer mehr der Verbrecher wurden von den übrigen Kollegen überwältigt, und der Rest hatte es sehr eilig aus dem brennenden Gebäude zu fliehen. Nur der dichter werdende Rauch machte es ihnen immer schwerer sich vernünftig zu orientieren und ließ sie schwer atmen.
Lange würden sie es in dem Gebäude ohne Atemschutz nicht mehr aushalten. In einem schmalen Korridor zu ihrer linken war der Rauch bereits besonders dicht und am Ende des Ganges konnten sie deutlich das orange Leuchten eines Feuers ausmachen.
Beinahe wären sie in eine die andere Richtung weiter gegangen, als Tom jedoch glaubte eine Bewegung und die Umrisse eines Menschen, der eine Waffe in den Händen hielt, durch den Rauch zu erkennen. Semir auf die Schulter tippend und die Luft anhaltend schob er sich durch den verrauchten Gang in Richtung des orangenen Scheines. Semirs Gips Hand auf seiner Schulter bestätigte Tom das sein Partner an seiner Seite war.
Als die beiden Polizisten näher an den angrenzenden, weitläufigeren Raum herankamen, lichtete sich der Rauch ein wenig. Dafür schlug ihnen jetzt die Hitze des Feuers, das sich von einer der Maschine ausbreitete und die unheilverkündenden Worte eines Mannes entgegen: „Zeit zu sterben, Miststück!"
Semir konnte gar nicht so schnell reagieren, wie Tom nach vorne schoss und die letzten Meter in den Raum rannte.
Nur aus dem Augenwinkel sah Kranich den Mann mit dem Sturmgewehr zu seiner Rechten. Ohne nachzudenken und mehr aus Reflex als irgendetwas anderem, feuerte Tom gleich mehrere Kugeln aus der MP5 in seiner Hand auf ihn ab.
Alle Kugeln trafen ihr Ziel und Besnik Kastrati war tot bevor er auf dem Boden zusammensackte.
Was Tom nicht gesehen hatte, war Betim Kastrati, der sich immer noch am anderen Ende des Raumes aufhielt. Erst durch den animalischen Schrei, der jetzt aus seiner Kehle drang, wurde Tom auf ihn aufmerksam.
Und wieder war es Semir, der ihm das Leben rettete indem er noch aus dem Korridor heraus mehrere Schüsse in Betims Richtung abfeuerte und den Albaner nur so davon abhielt genau zu zielen, als er seinerseits auf Tom schoss.
Betims Kugeln verfehlten ihr Ziel um Haaresbreite und mit eingezogenem Kopf hechtete der Polizist hinter die brennende Maschine wo er knapp neben der Leiche von Besnik zum liegen kam. Die unbändige Hitze der Flammen war hier immer deutlicher zu spüren und sofort formten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.
Eine von Semirs Kugeln traf Betim in der Schulter und das Sturmgewehr fiel klappert zu Boden. Allerdings hielt die Verletzung den Albaner nicht davon ab, auch seine zweite Handgranate in Richtung der Polizisten zu schleudern.
Semirs gebrülltes: „Deckung! Handgranate!" war die einzige Warnung die Tom bekam.
