Kapitel 19

„Du greinst wie ein Mädchen, wenn du kommst."

„Und du grunzt wie eine Wildsau."

„Eber."

„Nein, Sau." Neville sah sich zu Draco um, der mit hinter dem Kopf verschränkten Händen neben ihm in den Kissen lag. „Eine gewaltige Wildsau mit mindestens fünfzehn Frischlingen, die versucht, einen Schwarm Krähen loszuwerden."

Draco blinzelte. „Wenigstens greine ich nicht."

Neville grinste verstohlen und schloss die Augen. Seine Brust war zu eng für alles, was er fühlen wollte. Es drückte ihm die Luft ab und gleichzeitig war es wie schweben. Er war der Luftballon, der aufpassen musste, dass er nicht gegen die Nadel stieß.

Und dann war da eine Hand in seinen Haaren. Er fuhr unmerklich zusammen und musste sich dazu zwingen, nicht sichtbar darauf zu reagieren. Seine Mundwinkel zuckten und als die Hand wieder verschwand, seufzte Neville. „Was glaubst du, wann Snape das Gift einsetzt?"

Draco holte tief Luft und das Rascheln der Kissen, als er sich auf die Seite drehte und den Kopf in die Hand stützte, war in der Stille des Raums der Wünsche so laut wie Seamus' Weckruf morgens um fünf. Mindestens.

„Ich denke, er tut es schon."

„Meinst du, er vergiftet sie langsam?" Darüber hatte Neville noch gar nicht nachgedacht.

Draco zuckte mit der linken Schulter. „Sie sehen ziemlich mies aus seit ein paar Tagen. Fast so wie du, als ich dich aus dem Korridor im dritten Stock gefischt hab."

„Ziemlich riskant", überlegte Neville. Die Carrows waren zwar nicht von der intelligenten Sorte, aber trotzdem bestand das Risiko, dass sie etwas bemerkten und Snape mit seinem Plan aufflog. Er für seinen Teil war froh, nicht mehr die Finger in diesem Spiel zu haben.

„Riskanter wäre es, sie einfach umzubringen. Du-weißt-schon-wer würde der Sache auf den Grund gehen."

„Hm." Für ein paar Minuten versank Neville in seinen Gedanken, den Blick an die Decke des Raums geheftet. Über Du-weißt-schon-wen und den Verlauf dieses Krieges nachzudenken, machte ihn nervös. Etwas Unbändiges begann sich dabei in seinem Bauch zu regen. Und so kehrte er mit seinen Überlegungen rasch ins Hier und Jetzt zurück. Niemals hätte er zu hoffen gewagt, dass er einmal so entspannt neben Draco Malfoy liegen würde und das auch noch bei vollem Bewusstsein.

Besagter Draco Malfoy streckte schließlich seine freie Hand aus und drehte Nevilles Gesicht in seine Richtung. Als wäre es das Natürlichste der Welt, beugte er sich über ihn und küsste ihn. So wie die Männer in den Liebesromanen seiner Oma die Frau küssten, die sie seit Seite fünfzehn wollten und erst auf Seite vierhundertdreiundsechzig tatsächlich bekamen.

„Was schaust du mich so an?", fragte Draco, als er sich wieder zurückzog.

Neville stieß die Luft aus seiner Nase. „Ich frage mich, wie es kommt, dass du so …" Er grinste. „… gefügig bist." Draco zog die Augenbrauen hoch. „Nach deinem 'Du hast mich schwul gemacht!'-Auftritt hätte ich mit mehr Gegenwehr gerechnet."

Draco ließ sich seufzend in die Kissen zurückfallen. „Müsst ihr Gryffindors eigentlich immer alles bis ins kleinste Detail hinterfragen und … sezieren?"

„Ja."

„Das ist echt anstrengend."

„Und?"

Er sah ihn an. Mit einer steilen Falte zwischen den Augenbrauen und geschürzten Lippen. Und dann platzte die Antwort aus ihm heraus, als hätte er schon ewig darauf gewartet, dass ihm jemand die dazu passende Frage stellte: „Ich bin verdammte siebzehn Jahre alt! Ich will was erleben, ich will tun, was mir in den Sinn kommt! Ich hab keine Lust, mir … alles zu verbieten, das sich irgendwie gut anfühlt! Und gerade fühlt es sich eben gut an, dich zu ficken. Muss ja nicht gleich jeder erfahren."

„Sehr charmant", brummte Neville.

„Hast du eine Liebeserklärung wie in diesen Weiber-Schundblättchen erwartet?"

Er mochte es zwar nicht mal vor sich selbst zugeben, aber er hatte zumindest darauf gehofft. Das hieß, nein, er hatte auf eine slytherinsche Version dieser kitschigen Liebeserklärungen gehofft. Aber vermutlich war 'Ich will tun, was mir in den Sinn kommt und gerade fühlt es sich gut an, dich zu ficken' die slytherinsche Version.

„Kommt es dir auch in den Sinn, andere zu …?" Er verräusperte das letzte Wort seiner Frage.

„Zur Zeit nicht", entgegnete Draco spitz. „Aber bevor das hier ausartet, mach ich mich lieber aus dem Staub und schau mich mal auf dem Markt um." Mit diesen Worten sprang er auf die Füße, beinahe ebenso leichtfüßig wie Ginny, und zog sich die noch immer verrutschte Hose wieder hoch.

Neville setzte sich auf, machte aber keinerlei Anstalten aufzustehen. Stattdessen beobachtete er Draco dabei, wie er seine zerzausten Haare mit den Fingern zu glätten versuchte und das Hemd mit dem Slytherin-Wappen wieder in die Hose stopfte.

Schließlich stand er vor ihm, die Hände in die Hüften gestemmt, und erwiderte Nevilles Blick. „Willst du hier Wurzeln schlagen?"

„Nein. Ich versuche, ein möglichst attraktives Angebot zu sein. Hilft es, wenn ich mein Hemd ausziehe?"

„Oh, halt die Klappe!" Draco beugte sich zu ihm und küsste ihn so besitzergreifend, wie ein Niffler vielleicht einen Goldfund umklammerte. Dann war er verschwunden.


Aberforth Dumbledore hatte das Gesicht in die Hand gestützt. Sein Kinn presste er dabei so weit vor, dass seine Lippen von ganz alleine schmollten. Mit der freien Hand hielt er das Pergament und je weiter er las, desto tiefer wurde die Furche zwischen seinen Augenbrauen.

Neville und Ginny tauschten einen nervösen Blick. Sie hatte lange überlegt, wie sie drei Viertel der Schülerschaft mit Essen versorgen konnten, ohne dass Aberforth dabei Bankrott ging. Letztendlich war ihnen nur eine praktikable Idee gekommen und das Ergebnis davon stand auf dem Pergament, über dem der Wirt gerade brütete.

„Und?", fragte Ginny, als ihr die Wartezeit zu lang wurde.

Aberforth brummte, ohne den Blick vom Pergament zu nehmen.

„Ist das ein gutes oder ein schlechtes Brummen? Sollten wir die Beine in die Hand nehmen oder können wir sitzen bleiben?"

Nun sah er sie doch an, sein Gesichtsausdruck wurde jedoch nicht einen Deut freundlicher. „Ich überlege noch."

„Oh, okay." Sie sank auf ihren Stuhl zurück und knetete die Hände im Schoß.

Neville räusperte sich. „Uns fiel keine andere Möglichkeit als diese ein. Also haben wir ein Schreiben an die Eltern aufgesetzt, jedenfalls an alle magisch-stämmigen Eltern mit einem Verlies in Gringotts. Niemand hat sich geweigert, einen monatlichen Beitrag zu leisten. Die meisten waren sogar froh, ihre Kinder in der Sicherheit der Schule belassen zu können."

„Schöne Sicherheit", brummte Aberforth. Das Pergament mit der Liste aller teilnehmenden Eltern glitt auf die Tischplatte. „Mit Snape als Direktor und den Irren als Lehrer. Die Schule ist infiziert und wenn ihr mich fragt, wird es nicht lange dauern, bis alle sich anstecken. Entweder das oder es gibt ein Massensterben."

„Das werden wir nicht zulassen", entgegnete Ginny mit fester Stimme. „Wir haben trainiert, viel trainiert. Wir sind mittlerweile richtig gut geworden. Wenn Du-weißt-schon-wer angreift, wird er zumindest auf Gegenwehr stoßen."

„Ich denke zwar immer noch, dass es ihn nicht interessieren wird, wenn ein paar Gören an seinem Bein hängen, aber bitte. Ihr werdet mittlerweile wirklich ganz schön teuer, also … bin ich mit eurem Plan einverstanden."

Neville spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Er sah sich zu Ginny um, die ihn mit roten Wangen ansah und strahlte, als hätte man ihr eben das friedliche Ende des Krieges verkündet.

„Aber", fuhr Aberforth da fort, „ich will euch nicht alle häppchenweise hier haben. Dann komm ich ja gar nicht mehr zur Ruhe. Holt euch den Kram ab und seht zu, wo ihr essen könnt."

„Klar, kein Problem." Ginny sprang von ihrem Stuhl auf. Sie sprühte regelrecht vor Tatendrang, schlug die Hände aneinander und sah sich um, dass die roten Haare flogen. „Wir kommen mit ein paar Leuten und holen das Essen und …"

„Das will ich alles gar nicht wissen." Aberforth schnappte sich eine Feder und kritzelte etwas auf das Pergament. „Das ist mein Verlies. Das Essen liegt hier jeden Morgen um sieben bereit. Ich lass den Gang von sieben bis halb acht offen. Holt es und verschwindet wieder."

Neville grinste verstohlen angesichts dieser brummigen Art, Gutes zu tun. Albus und Aberforth – so verschieden sie auf den ersten Blick auch schienen – hatten doch eigentlich eine Menge gemein.

„Danke!", sagte Ginny inbrünstig, nahm das Pergament und konnte sich nur gerade so eben davon abhalten, Aberforth zu umarmen. Er wies sie mit einem weiteren Brummen ab und deutete mit dem Kinn zum Geheimgang. Und da traten sie lieber den Rückzug an.


Am nächsten Morgen um sieben traf sich die erste Gruppe zum Frühstück im Raum der Wünsche. Ginny und Neville huschten durch den Geheimgang und wie Aberforth es versprochen hatte, thronte ein gewaltiger Berg Lebensmittel auf dem Tisch in seinem Hinterzimmer. Sie verkleinerten so viel wie möglich und verstauten es in ihren Umhangtaschen, dann verließen sie den Pub so leise, wie sie ihn betreten hatten.

„Meinst du, wir kommen mit unserer Planung aus? Das sieht so wenig aus", überlegte Ginny, während ihr Magen vernehmlich knurrte.

Neville zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen. Sonst müssen wir Aberforth eine Nachricht da lassen."

Ginny seufzte. Aber die gedrückte Stimmung verschwand, als sie mit großem Hallo von der wartenden Schar begrüßt wurden.

Die Gruppe bestand hauptsächlich aus Erstklässlern und als sie die verkleinerten Speisen auf dem großen Tisch im Raum der Wünsche ausbreiteten, war auf vielen Gesichtern große Enttäuschung zu lesen.

„Das ist alles?", fragte ein Mädchen missmutig.

Und erntete von einer Klassenkameradin einen Hieb in die Seite. „Mensch, das ist verkleinert, du Schnarchnase."

Sie lief rot an und zog den Kopf zwischen die Schultern, als sie sich der Blicke der anderen unangenehm bewusst wurde.

Als sie auch die letzte Toastscheibe aus ihren Taschen gefischt hatten, hob Neville den Miniaturzauber auf und von einer Sekunde auf die andere schien sich die Tischplatte einen Zentimeter durchzubiegen unter dem Gewicht der Lebensmittel.

Ein Raunen lief durch die Gruppe der wartenden Schüler und als Ginny und Neville sich in eine Ecke des Raums zurückzogen und es sich auf einer dort stehenden Couch gemütlich machen, begann der Ansturm auf das Essen.

Ginny beobachtete das Treiben mit schockiertem Blick. „Sie sind wie Raubtiere! Meinst du, wir sollten sie zur Ordnung ermahnen?"

Neville legte den Kopf schief und beobachtete das Treiben. Am Tisch herrschte definitiv das Recht des Stärkeren, Ellbogen kamen exzessiv zum Einsatz und die gegenseitigen Beschimpfungen rutschten immer mehr in die Gosse ab. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich in da einmischen will. Ich glaube, sie legen gerade die Rangordnung fest."

Ein Würstchen flog in ihre Richtung und schlitterte unter die Couch. „Vermutlich hast du recht."

Aber der Tumult war auch fast so schnell wieder vorbei, wie er begonnen hatte. Ruhe senkte sich über den Raum der Wünsche, alle waren beim Essen.

Seufzend lehnte sie sich zurück und verschränkte die Arme über dem Bauch. „Was meinst du, wann das alles vorbei ist?"

„Bisher hat Du-weißt-schon-wer sich immer gegen Schuljahresende blicken lassen", überlegte Neville.

„Aber wir haben gerade Oktober!"

„Ich weiß."

Sie ließ ein tiefes Seufzen vernehmen und schloss die Augen. „Ich bin froh, wenn ich über Weihnachten nach Hause kann. Essen, wann und was ich will, schlafen ohne Angst, keine Todesser in meiner Nähe."

„Hm."

„Was?"

„Ich frage mich, wie viele sich weigern werden, nach Weihnachten wieder hierher zurück zu kehren."

Ginny schürzte die Lippen. „Viele. Und ich kann es ihnen nicht verdenken."

„Hoffentlich sind es nicht so viele, dass wir uns nicht mehr verteidigen können."

„Wir werden sehen."


Das nächste Training der DA war hart und schmerzhaft. Neville lernte Muskeln in seinem Rücken kennen, von denen er nicht gewusst hatte, dass sie existieren. Und weil ihm keine gute Ausrede für Madam Pomfrey einfallen wollte, musste er die Schmerzen der Zerrung auch noch ertragen. Er musste sich durch den nächsten Tag schleppen und durfte sich nicht anmerken lassen, dass er überhaupt Schmerzen hatte. Zusammen mit der Angst und dem Desinteresse am Unterricht war das viel, was er sich nicht anmerken lassen durfte.

Das alles ging ihm durch den Sinn in den zehn Sekunden, die zwischen seinem Aufprall auf der Trainingsmatte und dem Auftauchen der Gesichter über ihm lagen.

„Ist alles in Ordnung?", fragte Ginny und rutschte auf Knien an seine Seite.

„Hast du dir wehgetan?", fragte eine andere Stimme.

„Das war bestimmt immer noch dieser Hüpfschleicher", murmelte Luna, was in Nevilles Ohren verrückt genug klang, um ihn die Schmerzen für eine Sekunde vergessen zu lassen.

Dann aber ging Luna davon, mit den Händen immer wieder in die Luft schnappend und etwas murmelnd, das verdächtig nach „Er muss hier noch irgendwo sein" klang und die Schmerzen kehrten zurück.

Neville rang sich ein Lächeln ab. „Alles gut", keuchte er. Mit Ginnys Hilfe setzte er sich auf. Er konnte nicht mehr rekonstruieren, welche Verrenkung im Flug dazu geführt hatte, dass ein Besenstiel quer in seinem Rückgrat zu stecken schien, aber der zerknautschte Umhang, auf dem er gelandet war, machte die Sache nur unwesentlich besser.

„Bist du dir sicher?", fragte Ginny mit eindringlichem Blick.

Er nickte. „Was mich nicht umbringt …" Er versuchte aufzustehen, aber der Schmerz zwang ihn zurück auf den Boden. „Ich denke, ich bleibe einfach noch ein bisschen hier liegen. Macht ruhig weiter. Ich komm schon klar." Er wedelte mit der Hand durch die Luft und während ihm Hitze ins Gesicht stieg, schloss er die Augen und versuchte, irgendwo anders zu sein. Nur nicht hier.

Oder höchstens hier mit Draco.

Über diesem Gedanken zog der Rest der Trainingseinheit wie im Flug an Neville vorbei und er erschrak milde, als Ginny ihn an der Schulter berührte. „Seamus hätte gerne seinen Umhang zurück", informierte sie ihn.

Neville zog verwirrt die Augenbrauen hoch, bis etwas unter seinem Kopf hervorgezogen wurde. „Oh, Entschuldigung."

„Kein Ding", entgegnete Seamus. Und dann an Ginny gewandt: „Kommst du?"

Ginny jedoch biss sich auf die Unterlippe. „Ich weiß nicht, ob es so klug ist, Neville alleine gehen zu lassen."

Er setzte sich auf und stellte fest, dass sie tatsächlich die letzten im Raum der Wünsche waren. „Es geht mir gut", versicherte er. „Es tut nur noch ein bisschen weh. Wie Muskelkater."

„Sicher?"

„Ganz sicher." Um ihnen zu beweisen, dass er fähig war, auf sich selbst aufzupassen, stemmte Neville sich auf die Beine und schaffte es sogar, aufrecht stehen zu bleiben. „Siehst du?"

Ginny schien nicht endgültig überzeugt, fügte sich jedoch seinem Lächeln und Seamus' Ungeduld. „Ich warte im Gemeinschaftsraum auf dich!"

„Brauchst du nicht", versicherte Neville. „Ich finde den Weg in mein Bett auch alleine."

Seamus grinste, Ginny blickte verlegen zu Boden. „Sehr witzig", nuschelte sie und dann stapfte sie noch vor Seamus aus dem Raum der Wünsche, nicht ohne sich vorher nach beiden Seiten umzuschauen.

Als es still geworden war, stützte Neville sich mit den Händen auf den Knien ab und atmete ein paar Mal tief durch. Dann bog er sich in die eine und in die andere Richtung, was zwar schmerzhaft, aber nicht unerträglich war. Mit ein bisschen Zeit würde sich das wohl von alleine wieder geben.

Nach einigen Minuten öffnete auch er die Tür und sah sich um – zumindest hatte er das geplant. Stattdessen kollidierte etwas mit ihm, so heftig wie es sonst nur ein Klatscher tat (jedenfalls nach Harrys Berichten). Tatsächlich jedoch war es Draco, der ihn in den Raum der Wünsche zurückdrängte, was Neville erst bemerkte, als er ihn ein scharfes „Wusste ich's doch!" ausstoßen hörte.

Sie landeten beide auf den Trainingsmatten, Neville keuchte, die Tür klickte ins Schloss und Draco nagelte ihn auf dem Boden fest. „Was wusstest du?"

„Dass ihr euch trefft. Hier. Ich wusste es!" Draco sah triumphierend auf Neville hinab.

„Oh, okay. Und was willst du jetzt tun?"

„Es genießen, dass ich recht hatte." Was er neuerdings anscheinend tat, indem er Neville küsste. Denn genau das tat er jetzt, heftig und an der Grenze des Schmerzhaften.

Dracos Zunge in Nevilles Mund war warm und verheißungsvoll. Er entspannte sich und gab sich hin, die Augen geschlossen. Ein winziger Teil seines Verstandes fragte sich, ob es wirklich so war, wie die Romane seiner Oma immer berichteten. Aber auch dieser Teil gab sich hin, spätestens als Draco seine Hand in Nevilles Schritt legte und ihn massierte. Fordernd.

„Hast du heute noch was vor?", fragte Draco an Nevilles Ohr. Der warme Atem verfing sich in seiner Ohrmuschel und drang von dort aus in seinen Körper ein wie ein Buschfeuer. Er raste durch ihn hindurch und hinterließ eine Schneise der Verwüstung.

„Nein", hauchte Neville.

„Gut", entgegnete Draco gedehnt. Er saugte und leckte an Nevilles Hals, grub eine Hand in Nevilles Haare und zog seinen Kopf zurück, so dass seine Kehle offen unter ihm lag. Sein Adamsapfel flatterte, als die warmen Lippen ihn streiften, Neville drängte sein Becken gegen Dracos Hand.

Ein kehliges Lachen ließ Neville zusammenzucken und sein Herz setzte aus in dem winzigen Augenblick, in dem er dachte, er wäre einem ausgeklügelten Streich zum Opfer gefallen. Aber dem war nicht so. Draco schien einfach nur zu mögen, was er sah und spürte.

Denn sonst hätte er wohl kaum Nevilles Hose geöffnet, oder? Und er hätte sie auch nicht über seine Hüften gezerrt, zusammen mit der Unterhose und so rücksichtslos, dass ein paar Nähte krachten. Oder?

Ihre Blicke kreuzten sich und erst da beruhigten sich Nevilles flatternde Nerven ein bisschen. Dracos sonst so helle Augen waren dunkel vor Verlangen, seine Wangen gerötet und die Lippen geschwollen. „Wollen wir es … versuchen?" Dracos Gesicht glühte noch mehr, die Frage war ihm sichtlich unangenehm.

Neville nickte. „Ja." Und lächelte, als er Draco tief durchatmen sah, so als sollte er gleich einen Besen besteigen und nicht … ihn.

Danach zog Draco seinen Zauberstab aus der Umhangtasche und erschuf eine Phiole aus dem Nichts. Sie war gefüllt mit einer klaren öligen Flüssigkeit, die er in seinen Händen verteilte. Und dann kehrte er zu Neville zurück.

Neville empfing ihn über sich, glitt mit gespreizten Fingern durch die blonden Haare und war von der fremdartigen Berührung zwischen seinen Beinen und noch weiter unten so überrascht, dass er verdutzt aufstöhnte. Draco massierte die Unterseite seiner Erektion, die zarte Haut seiner Hoden und glitt mit einem Finger in Richtung des Anus.

Neville bog den Rücken durch, hörte etwas knacken und spürte einen scharfen Schmerz, der nur langsam abebbte. Er wimmerte, was Draco zum Glück nicht als Schmerzenslaut wahrnahm, sondern als Bestätigung seines Tuns. Einer seiner Finger schlüpfte mühelos durch den festen Muskelring und in Neville wallte etwas auf, von dem er bisher nur vermutet hatte, dass es existierte. Und nun, da er es gefunden hatte, wollte er alles dafür tun, es nicht wieder zu verlieren.

Fordernd drängte er sich Dracos Hand entgegen, klammerte sich mit beiden Händen an den Schultern des Slytherins fest und jammerte, als er wenig später von Neville abließ.

„Was tust du?"

Draco schnaubte. „Soll ich dich durch meine Hose ficken oder was?" Dem folgte das eigentümliche Ratschen eines Reißverschlusses.

„Nächstes Mal", entgegnete Neville tollkühn, was Draco dann doch lachen ließ.

„Du bist schlimmer als … jedes Mädchen, das ich bisher hatte."

„Ich bin ja auch kein Mädchen."

„Das diskutieren wir später", beschloss Draco diplomatisch und ehe Neville etwas dagegen einwenden konnte, spürte er etwas, das kein Finger war. Und auch nicht zwei oder drei Finger.

Er schnappte nach Luft und als Draco sich ganz langsam vorwärts schob, riss Neville den Mund auf, drehte die Augen nach oben und wusste für einen Moment nicht, ob es ihn zerriss oder willenlos machte.

„Willst du immer noch über die Größe diskutieren?", flüsterte Draco hämisch an Nevilles Ohr.

Der Gryffindor schüttelte heftig mit dem Kopf, schlang die Arme um den schlanken Körper über sich und …

„Was tust du da, Neville?"

Die Stimme ließ ihn erstarren, als hätte ihn ein Stupor getroffen, denn es war die Stimme von Dean. Das Herz rutschte Neville in die Hose und er zwang sich, die Augen zu öffnen. Erstaunlicherweise war es nicht Dracos Gesicht, das über ihm schwebte, sondern das von Dean (was immerhin den Ursprung seiner Stimme klärte). Und das von Seamus. Und von Ginny.

„Was ist los?", murmelte Neville verwirrt.

„Du bist eingeschlafen", erklärte Ginny.

„Und hast so komisch gegrunzt", fügte Seamus hinzu.

„Und da wollten wir gucken, ob du genug Luft kriegst", fuhr Dean fort.

„Aber dann hast du Deans Fuß umklammert."

Alle Blicke glitten zum Stein des Anstoßes. Neville zog die Hand zurück, als hätte er sich an Deans Knöcheln verbrannt.

Ginny ging neben ihm in die Hocke. „Bist du in Ordnung?"

Er runzelte die Stirn und versuchte, so unauffällig wie möglich die Beine anzuwinkeln; zum Glück hatte seine Oma darauf bestanden, ihm Hosen mit besonders festem Stoff zu kaufen, andernfalls hätte sein Körper mehr von dem verraten, was er geträumt hatte, als Neville selbst unter Einfluss des Cruciatus bereit gewesen wäre zuzugeben.

„Ja, alles bestens", hauchte er und setzte sich hin. „Nur etwas müde."

Die anderen tauschten einen Blick, der Neville die Hitze ins Gesicht trieb. Aber letztendlich schienen sie ihm zu glauben. „Wir sind gleich fertig", erklärte Ginny, „ruh dich noch ein bisschen aus."

Und dann ließen sie ihn alleine, Merlin sei Dank!