Im Grunde war Willie ein ernster Junge. So zumindest schien es Mary, die neben ihm ging, den Stock, den ihr Nels geschenkt, tastend über den Boden bewegend. Sie hatte Willie noch einmal gefragt, was er gern tun wolle und er daraufhin: „Zu den Wiesen."

„Und warum?", hatte sie ihn daraufhin gefragt. Er hatte nicht sogleich geantwortet.

„Na, willst du's mir nicht sagen?"

„Vielleicht ist es so, wie bei Ihnen, vielleicht mag ich die Wiesen eben einfach", war's schließlich von ihm gekommen.

„Na ja, dann …"

So waren sie losgezogen, nicht ohne Nels, der im Laden stand, Bescheid zu sagen.

„Wohin denn?", hatte der gefragt.

„Zu den Wiesen …"

„Ach so … ja, dann … viel Spaß."

Und so war Willie, der sonst so freche Willie, Mary gefolgt, hinaus zu den Wiesen, auf denen er sich dann, so als hätte er es schon immer getan, neben ihr niederließ – einfach so. Mary wollte ihn nicht nur einmal fragen, warum er das täte, denn unvorstellbar war's für sie, dass ein so zappliger Junge das Sitzen auf den Wiesen als Beschäftigung überhaupt in Betracht zog. Sie schwieg jedoch, ließ sich nichts anmerken. Stattdessen schlug sie das Buch, das sie zuvor noch aus der Blindenschule mitgenommen hatte, auf.

„Hier, Willie", sagte sie, „das ist ein Buch für Blinde – im Übrigen ist es Tom Sawyer, den kennst du doch?"

„Ja", erwiderte der Junge, „den hat mir mein Vater zum letzten Geburtstag geschenkt."

„Magst du das Buch?"

„Na ja doch."

„Und warum?"

„Warum denn nicht?", erwiderte Willie ausweichend.

„Wenn du nicht darüber reden möchtest …", setzte sie an.

„Doch, doch, ich finde nur, dass Sie ziemlich viele Fragen stellen", sagte er.

„Aber das hast auch du, mir Fragen gestellt."

„Na ja …"

„Und schließlich wollen wir uns doch näher kennenlernen."

„Wollen wir das?", stieß Willie hervor.

Mary schwieg einen Moment, fragte dann jedoch: „Etwa nicht?"

„Wenn ich ehrlich bin, sitze ich hier nur, weil mir Vater versprochen hat, mit mir am Ende der Ferien wegzufahren …"

„Aber bis dahin ist noch viel Zeit", warf Mary ein, „sehr viel Zeit."

„Ich hab' ihm nur versprochen, nicht mehr wegzurennen, nicht aber, mich von Ihnen kennenlernen zu lassen."

„Willie, das ist frech", entgegnete Mary.

„Ich weiß. Soll ich mich in den Schmähwinkel stellen?"

„Wenn du willst, dann such dir einen aus. Du kannst aber auch hierbleiben und …"

„… und?"

Mary spürte, dass der Junge keineswegs dumm war. Wenn überhaupt, nur aufmüpfig. Außerdem stellte er sich schnell gegen Dinge, die er nicht mochte und somit auch nicht einfach so hinnehmen wollte. Er zeigte Mary ganz deutlich seine Grenzen, die sie allerdings bereit war, zu akzeptieren. Vorerst würde sie nicht in ihn drängen, hatte jedoch gehofft, ihn durch das Buch Tom Sawyers Abenteuer ein wenig aus seinem Versteck herauslocken zu können. Doch das schien ihr nicht zu gelingen. Er schwieg wieder.

„Kannst du dich daran erinnern, wie wir beide noch zu Miss Beadle gegangen sind?", fragte sie schließlich.

„Klar kann ich das", erwiderte er.

„Und nun sitzen wir hier beide zusammen auf der Wiese …"

„… und Sie sind meine Lehrerin …", fuhr er fort.

„Wie ist es dir damit?"

„Na ja, geht so."

„Warum hast du gesagt, dass du nicht von mir unterrichtet werden möchtest", fragte Mary weiter.

„Hab ich das?"

„Hast du."

„Na ja …"

„Liegt es vielleicht daran, dass wir vor wenigen Jahren noch gemeinsam die Schulbank gedrückt haben?"

Willie schwieg und Mary ließ ihm den Moment. Ihr war bewusst, dass sie eine sehr direkte Frage gestellt hatte, doch schließlich wollte sie ihn dazu bringen, offen darüber zu sprechen, was ihn bewegte. Ja, sie wollte irgendwie an ihn herankommen, das Eis brechen.

„Na ja, vielleicht", erwiderte er schließlich. „Damals waren Sie Mary, heute sind Sie Miss Ingalls …"

„Falsch, Willie, ich bin Mrs Kendall", korrigierte sie ihn.

„Ja, bitte verzeihen Sie."

„Macht nichts."

„Und doch macht es etwas", fuhr Willie fort. „Mein Vater hat mir gesagt, dass ich mich anständig benehmen soll."

„Da hat dein Vater recht getan."

„Aber ich möchte mich manchmal nicht so benehmen", erwiderte Willie.

„Und warum nicht?"

Er antwortete nicht.

„Willie?"

„Hab eben keine Lust."

„Und jetzt?", fragte sie weiter.

„Was?"

„Jetzt? Hast du jetzt Lust?"

„Keine Ahnung."

„Was würdest du denn jetzt gern tun?"

Wieder schwieg Willie.

„Angeln gehen? Oder mit anderen Kindern spielen oder …"

„Wie wäre es mit Einfach-hier-sitzen", kam's so unvermittelt von Willie, dass Mary stutzte.

„Gut", sagte sie schließlich, „dann bleiben wir hier sitzen."

Am Abend dann fand sie sich daheim ein, hungrig und müde. Den Tag über hatte sie vollends draußen verbracht – und das, nachdem Willie sie um die Mittagszeit verließ – vor allem weiterlesend in Tom Sawyer. Zunächst war sie etwas davor zurückgeschreckt, dieses Buch, das sie in der Kindheit nur einmal gelesen hatte, nun als Erwachsene noch einmal anzugehen. Ein Kinderbuch – was sollte das? Doch dann, als ihre Finger über die ersten Seiten geglitten waren und sie Tante Polly und Tom leibhaftig begegnet war, konnte sie sich diesem kleinen Lausbuben und dessen sprühender Intelligenz und Gewitztheit nicht mehr entziehen. Nur allzu gern wollte sie in Willie ein wenig von Tom erkennen, nur, dass der eben sehr ernst gewirkt hatte. Heute. Aber sie war davon überzeugt, dass er schon immer so gewesen war – im Grunde seines Wesens.

„Mary", riss Laura sie bei Tisch aus ihren Gedanken. „Albert und ich haben heute Mister Oleson gesehen … allein beim Angeln."

„So?", fuhr sie auf.

„Und er sagte, dass er sich wundere: du hättest Willie – statt ihn zu unterrichten – aus Tom Sawyer vorgelesen."

„Ja", erwiderte Mary und es durchzuckte sie leicht. „Willie wollte wissen, wie die Blindenschrift funktioniert und das habe ich ihm anhand von Tom Sawyer gezeigt. Wenn Mister Oleson damit Probleme hat …"

„Nein, nein", hob Albert an, „wir sollen dich schön grüßen und dir sagen, Willie hätte es wohl gefallen."