Anna hörte die Schüsse und zuckte unwillkürlich zusammen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie begriff, dass die Schüsse von weiterweg gekommen waren und viel wichtiger: Sie noch am Leben war!

Blinzelnd öffnete sie die Augen. Mark neben ihr tat dasselbe und zu ihrem maßlosem erstaunen und unendlicher Erleichterung, lag Besnik Kastrati leblos vor dem Treppenabgang.

Das Nächste was sie hörten war der markerschütternde Schrei eines Mannes, gefolgt von weiteren Schüssen aus unterschiedlichen Richtungen.

Nach einem kurzen Moment, in dem sie nur das Lodern der Flamme über sich hören konnten, hörte Anna eine ihr vertraute Stimme rufen: „Deckung! Handgranate!"

Automatisch zogen sie und Mark ihre Köpfe ein und legten schützend die Arme, oder in Marks Fall, seinen einen unverletzten Arm darüber.

Dadurch hätte sie fast nicht mitbekommen, wie kurz vor der folgenden, weiteren Explosion, jemand zu ihnen in das Treppenhaus gehechtet war und nun einige Stufen über ihnen gerade noch rechtzeitig in Deckung ging.

Annas Herz machte einen Satz, als sie erkannte wer da über ihr auf den Stufen kauerte und sich gerade den aufgewirbelten Staub der Explosion aus den Augen wischte.

„Tom!" rief sie und Erleichterung schwang deutlich in ihrer Stimme mit. Ihre Erleichterung war jedoch nichts zu der, die sich in Toms Gesicht wiederspiegelte als er zu ihr hinuntersah. Im ersten Augenblick bemerkte er nicht einmal das Haverlant auch auf dem Treppenabsatz lag. Sein Blick fixierte Anna und das Einzige was in dem Moment zählte, war das sie am Leben war!

Ein Stöhnen, das über Marks Lippen kam als er begann umständlich aufzustehen, holte Tom aus seiner kurzen Trance. Mit einem Satz war er bei Haverlant und half ihm auf die Füße.

„Können sie laufen?" fragte Tom besorgt als er in Marks Gesicht blickte. „Ja, das geht schon... Die Beine sind heil, nur der Arm ist hin..." Kranich nickte knapp und wollte sich zu Anna herunterbeugen, um auch ihr auf die Beine zu helfen, als er eine Bewegung am Eingang des Treppenabgangs über ihnen war nahm. Sofort richtete er seine Waffe auf die Stelle, nur um sie gleich wieder herunterzunehmen.

Semir sah auf die kleine Truppe herab und war sehr erleichterte zu sehen, dass alle am Leben waren.

Er selber war zurück in den Gang geflohen, aus dem er und Tom gekommen waren und so der zerstörerischen Kraft von Betims Handgranate entkommen.

Gleich nachdem er die Granate in Richtung der Polizisten geworfen hatte, wurde der Albaner von mehreren GSG9 Beamten überwältigt und unter lauten Protestschreien und wüsten Drohungen abgeführt.

Das immer lauter werdende Tosen des Feuers mahnte die vier Polizisten zur Eile.

Semir half Haverlant die letzten Stufen hoch und stützte seinen verletzten Kollegen danach auch weiterhin, als sie sich auf den Weg nach draußen machten.

„Kommt ihr klar?" rief Semir Tom noch fragend vom Treppenabsatz zu, was sein Freund mit einem schnellen „Ja!" beantwortete.

Anna hatte es in der Zwischenzeit immerhin geschafft sich in eine sitzende Position aufzurichten. Als Tom sich zu ihr runterbeugte und sie behutsam auf die Füße zog, wurde ihr umgehen schwindelig und alles um sie herum begann sich zu drehen. Nur Toms Arme bewahrten sie davor nicht wieder auf den Boden zu sacken.

Kranich erkannte das es keinen Zweck hatte sie wieder auf die Beine zu ziehen und da die Zeit immer mehr drängte legte er sie sich kurzerhand über die Schultern. Anna schrie vor Schmerzen auf, als Toms rechte Schulter in ihre wohl gebrochenen Rippen drückte.

Es fiel ihm schwer, aber er ignorierte die Schmerzenslaute der Frau, in die er sich in den letzten Wochen Hals über Kopf verliebt hatte so gut es ging, als er sich daran macht, sie beide aus dem Gebäude zu bringen.


Vor der Fabrik, die mittlerweile fast zur Hälfte in Flammen stand, wurden Tom und Anna von zwei Kollegen des SEK in empfang genommen, die sie zu mehreren, abseits geparkten Krankenwagen begleiteten.

Dort warteten auch schon Haverlant und Semir. Mark wurde bereits ärztlich versorgt und auch auf Tom kam sofort ein Sanitäter zugelaufen, der ihm half, Anna vorsichtig auf eine bereitgestellte Trage zu legen.

Sie hatte auf dem Weg nach draußen zwischendurch erneut kurz das Bewusstsein verloren, sah Tom jetzt aber fest in die Augen. Zuneigung lang in ihrem Blick und ihre Lippen formten ein stummes ‚Danke'. Er drückte lächelnd ihre Hand und besann sich in letzte Sekunde nicht noch mehr zu tun, bevor sie genau wie Mark zu einem der RTWs gebracht wurde.

Erleichtert aber auch erschöpft ließ sich Tom neben Semir auf den Boden sinken.


Es war bereits kurz nach 03:00 Uhr in den frühen Morgenstunden des 15. August, als sich Semir im Wartebereich des St. Vincents Krankenhaus neben seinen Partner auf eine der dunklen Plastikbänke sinken ließ. Neben Tom stapelten sich die leeren Kaffeebecher und er sah ihn aus müden Augen an als er fragte „Dein Gips wieder in Ordnung?"

Gerkhan hob seinen Arm und nickte. „Alles wieder wie neu. Die haben mich aber noch mal daran erinnert, dass es besser für den Heilungsprozess ist, wenn ich den Gips nicht alle paar Tage kaputt mache." Tom lächelte müde. „Wäre wohl wirklich besser..."

„Ich habe übrigens unseren geschätzten Kollegen vom BKA getroffen. Haverlant hat sich auch den Arm gebrochen. Und das an gleich zwei Stellen. Das ist wohl passiert, als die Chefin ihn die Treppe herunter geschupst hat." Beide grinsten und Tom sagte immer noch schmunzelnd: „Geschieht ihm ganz recht..."

„Weißt du wie es der Chefin geht?"

„Ihr Vater ist vor einer viertel Stunde wieder nach Hause und hat kurz berichtet das sie sich zwei Rippen gebrochen hat. Außerdem hat sie eine Gehirnerschütterung und soll für ein, zwei Tage zur Beobachtung hierbleiben." Semir nickte zufrieden. „Das ist doch alles halb so wild. Die Engelhardt ist hart im Nehmen. Wirst schon sehen, die ist im Nu wieder auf den Beinen!" Tom nickte abwesend, was Semir dazu bewog ihm aufmunternd eine Hand auf die Schulter zu legen und leise zu sagen: „Dich hat's ja voll erwischt..."

Bei den Worten sah Tom erschrocken auf. „Was?"

„Glaubst du ich bin dumm? Oder blind? Oder beides?! Ich habe sehr wohl gesehen wie du sie zwischendurch angeschaut hast, wenn du geglaubt hast das dich keiner sieht! Und wenn du mir jetzt wieder Mit: ‚Wir arbeiten ja auch zusammen' kommst, dann zieh ich dir den Gips übern Schädel!" Kranich musste kurz schmunzeln, ließ dann aber geschlagen die Schultern sacken. Ihm war klar, dass er seinem besten Freund nichts vormachen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir zu mir nach Hause fahren und du dich bei mir auf die Couch haust? Das ist viel näher als deine Wohnung und wir haben ein bisschen Zeit zu quatschen." fragte Semir versöhnlich.

Tom nickte mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen. Die bevorstehende Unterhaltung würde eh irgendwann unvermeidbar sein und er vertraute Semir. Auch wenn dieser vermutlich noch nicht ganz wusste, was ihm gleich offenbart werden würde...