Autor-Notizen: Achtung noch eine Azula-Warnung. Außerdem kommen am Ende viele Notizen.
Kapitel 34:
Aang, Sokka/ Küste/ irgendwo im Erdkönigreich
Mitten in der Nacht war der beste Platz an Appa gekuschelt. Zum Schlafen... oder wenn man nachdenken musste.
Aang wollte nicht wirklich nachdenken, aber, nun – wollen schien ziemlich oft unterzugehen, seit die Mönche ihm gesagt hatten, dass er der Avatar war. Und das war einfach nicht fair.
...Und niemand schien zu denken, dass es unfair war, dass es nicht fair war.
Und das verstand er nicht.
Und er konnte nicht Toph fragen, weil sie daraus noch eine Unterrichtsstunde machen würde. Und er konnte Katara nicht fragen, weil sie versuchen würde es besser zu machen. Und er wollte nicht, dass sie es besser machte.
… Naja, doch. Irgendwie wollte er das schon. Aber er hatte irgendwie das unschöne Gefühl, dass es besser zu machen es nicht löste. Und er wusste einfach nicht, was er tun sollte –
Unsäglich frustriert schlug Aang mit einer Faust auf den Boden.
„Aah!"
Aang grinste entschuldigend, als Sokka ihn schläfrig aus seinem Schlafsack, der von gebändigter Erde halb gehoben worden war, anfunkelte. „Ähm, Sokka, kann ich mit dir reden?"
Blaue Augen blinzelten ihn an. Sie beäugten Katara, die in ihrem Schlafsack tief schlief. Er wendete sich zu Toph, die selbst im Schlaf zu grinsen schien. Falls sie denn schlief. Aang war sich da nicht ganz sicher. Augen wurden schmal, als Sokka den Kopf neigte und nach sich bewegenden Dingen lauschte, die sich nicht bewegen sollten und in den von Sternen erhellten Wald spähte.
Warum musste sie es Stiefel nennen?, fragte sich Aang missmutig. Mir wäre ein besserer Name eingefallen.
Warum hatte Toph es überhaupt benannt, das fragte er sich wirklich. Gyatso hatte ihm ein paar Mal von Geistern erzählt. Und eines, woran sich Aang erinnerte, war, dass Namen wichtig waren. Der Mond und der Ozean hatten Namen. Koh hatte einen Namen. Jetzt hatte dieses Ding auch einen Namen. Das konnte einfach nichts Gutes bedeuten.
Aber, Name oder nicht, alles war still. Für den Moment.
Sokka rollte die Augen zu den Sternen, hob Momo vorsichtig auf und setzte ihn neben Katara ab. Er nahm seinen Schlafsack und ging um Appa herum auf seine andere Seite und tätschelte den dösenden Bison geistesabwesend. „Also, was ist los?"
Eintausend Sachen purzelten durch Aangs Kopf. Er ließ das erstbeste aus seinem Mund fallen. „Warum bist du dir so sicher, dass der Feuerlord die Yu Yan bei der Invasion da haben wird?"
„Bin ich nicht. Ich hoffe sogar, dass sie nicht da sind", sagte Sokka und blinzelte sich wacher. „Aber es wäre dämlich, wenn wir nicht dafür planen. Die haben dich schon mal geschnappt."
„Ja und?", sagte Aang ärgerlich. „Die Piraten doch auch."
„Als sie Katara als Lockvogel hatten. Das ist nicht das Gleiche."
„Zhao hat uns ein paar Mal fast gekriegt."
„Vielleicht hast du das nicht bemerkt, aber Zhao wurde von einem wütenden Geister-Fischmonster gefuttert", zeigte Sokka trocken auf. „Er ist irgendwie nicht mehr verfügbar."
„Bumi hat es – "
„Indem er uns komische Steinringe aufgesetzt hat, als du noch nicht Erdbändigen konntest. Das wird jetzt nicht mehr klappen." Sokka runzelte die Stirn. „Pfeile schon noch."
„Oh, komm schon!", stieß Aang heraus. „Sogar Zuko hat mich geschnappt! Und der Feuerlord wird ihn nicht dort haben."
Sokka, der jetzt ganz wach war, warf ihm einen langen Blick zu. „Sogar Zuko, was?"
„Naja..." Aang hob die Schultern, er fühlte sich unter dem Blick merkwürdig unruhig. „Es ist ja nicht so, als ob er schwer zu besiegen ist."
Sokka sagte nichts.
„Das hab' ich schon mal mit einer Matratze geschafft!"
„Eine Matratze?", sagte Sokka vorsichtig.
„Auf dem Schiff. Als er das erste Mal aufgetaucht ist." Aang grinste. „Mann, war der sauer."
„Ich habe keine Matratze gesehen, als du diese Soldaten vom Deck gespült hast", zeigte Sokka auf.
„Naja, da nicht", gab Aang verwirrt zu. „Aber er war am Boden und ich bin mit dem Gleiter weg um euch einzuholen und er ist mir nachgesprungen... Was?"
Sokka seufzte, ließ sich neben Appa zu Boden fallen und klopfte neben sich auf den moosigen Grund. „Komm her, Kumpel. Wir müssen reden."
„Also... das hab ich doch auch gesagt, aber..." Aang faltete sich neben Sokka herab. „Was ist los?"
Sokka wickelte Decken um sich, machte es sich an Appas Pelz bequem. Er betrachtete Aang wieder, diesmal mit einem mitfühlenden Blick. „Als du im Tempel aufgewachsen bist, da bist du nie mit den anderen Jungen aneinander geraten, keine Streitereien, oder Prügeleien, oder?"
„Eine Prügelei?", wiederholte Aang, unsicher worauf er hinaus wollte. „Wir hatten Training und Übungskämpfe. Die älteren Schüler konnten manchmal etwas grob werden... naja, das hat Gyatso zumindest gesagt. Wir haben nicht viel von ihnen gesehen." Er grinste. „Luftnomaden. Gyatso sagte immer, dass Jugendliche herumziehen und sich austoben sollten und die jüngeren der erwachsenen Mönche sollten wiederum ihre Energie dazu verwenden, dafür zu sorgen, dass sie nicht in Schwierigkeiten geraten. Die Ältesten blieben im Tempel. Und die Kinder."
„Also hast du nie eine richtige Auseinandersetzung gesehen, wie den Kampf gegen Zuko", schloss Sokka.
„Nein!", rief Aang, überrascht, dass Sokka das überhaupt dachte. „Wer will das schon?"
„Kerle prügeln sich manchmal", sagte Sokka schlicht. „Mädchen auch, wenn sie wirklich sauer sind. Allerdings hat Gran-Gran das immer schnell beendet... Aang. Wenn man in so einen Streit gerät? Man ist erst besiegt, wenn man zu Boden geht und auch unten bleibt."
„Aber... Zuko ist nicht..."
„Außer wir fliegen weg, oder er wird von einer paralysierenden Zunge getroffen, oder Katara begräbt ihn unter Eis, nachdem er sich schon durch einen Schneesturm gekämpft hat – nein. Tut er nicht", stimmte Sokka zu. „Wo wir gerade von Eis reden. Du weißt schon, was dieser Finale Zug von Pakku wirklich macht, oder?"
„Ich weiß, was ein Finaler Zug ist!" Aang zitterte etwas, plötzlich zutiefst erbost. Er war nicht blöd. Es war ihm egal was Zuko dachte. Zuko hatte dem besten, wunderbarsten Menschen dem er je begegnet war, weh getan. Was für eine Rollte spielte es schon, was Zuko dachte? „Was glaubst du eigentlich, warum ich nie jemanden so eingefroren habe? Es ist schrecklich jemanden so was beizubringen! Selbst wenn man es gegen einen Wasserbändiger einsetzt und sie es schmelzen können, wenn sie soweit denken können. Aber was ist wenn sie zu viel Angst haben? Ich krieg da wirklich Angst!"
Schweigen. Sokka starrte ihn an, mit weiten, überraschten Augen.
„Manchmal habe ich wirklich zu viel Angst", gestand Aang. „Ich lerne das alles von Katara, weil ich muss. Ich bin der Avatar. Ich muss das Wasserbändigen meistern. Auch wenn ich nie jemanden so was antun will." Er schauderte. „Luftbändigen hat keinen Finalen Zug. Wir sind einfach nicht so. Wir respektieren das Leben. Wir essen kein Fleisch, wir bringen niemanden um – wir haben keine bösen Leute!" Und – es war falsch das zu sagen, er wusste es einfach...
„Muss manchmal ziemlich einsam werden", sagte Sokka leise.
„Einsam?", sagte Aang schnell und spürte in seinem Herz einen komischen Stich, als ob es versuchte, woanders hin zu gehen. „Warum sollte ich einsam sein? Ich habe Appa und Momo und euch..."
Sokka lehnte sich vor, weg vom warmen Pelz. „Ja, aber es ist nicht das selbe. Als wir am Nordpol waren..." Er sah zum Himmel, wo das Mondlicht sanft von frischen Blättern gefiltert wurde. „Sie sind ein Wasserstamm, aber sie sind nicht unser Stamm. Sie sind... anders." Er stieß resigniert die Luft aus. „Aang, das lässt mich jetzt nicht so gut dastehen, aber ich glaube, du musst es wissen. Weißt du, was mich an Hahn echt gegen den Strich ging? Abgesehen davon, dass er Yue nur für einen Bonus hielt?" Sokka knurrte bei dem Gedanken fast, dann schüttelte er den Kopf und seufzte wieder. „Er sagte, ich wäre nur ein Bauernjunge vom Land, der nichts von der politischen Vielschichtigkeit ihrer Lebensweise verstünde. Und weißt du was? Er hatte Recht."
„Das stimmt doch gar nicht!", protestierte Aang und seine Hände flogen, als ob er den Schmerz in Sokkas Augen vertreiben könnte. „Du bist ein großartiger Freund."
„Aber nicht so einer", sagte Sokka ruhig. „Ich bin nicht wie Häuptling Arnook. Hochtrabendes Gerede und herumstolzieren, als ob diese schicken Pelze aus Eisen wären und wegen Yue nur ernst und traurig dreinschauen. Sie war seine Tochter und der sitzt einfach nur da. Mein Papa würde weinen. Später vielleicht, nachdem der Rest von uns in Sicherheit ist. Aber ich weiß dass er weinen würde."
Aang biss sich auf die Lippen. „Vielleicht hat er das und wir haben es nur nicht gesehen", schlug er vor. „Kuzon war oft so. Er war echt... zurückhaltend. Gyatso sagte mir, manche Leute sind einfach so." Er suchte in seiner Erinnerung. „Weil Kuzon aus den alten Klans stammt und die reden nicht viel." Und Gyatso hatte ihm einen Blick zugeworfen, die Art, die er manchmal beim Pai Sho hatte – pass gut auf, hier kommt ein Zug, den du nicht kommen sehen wirst.
Nur war Kuzon da mit Shidan aufgetaucht, den klaren, goldenen Augen nach, legte er beiseite, weswegen er aufgebracht fortgeflogen war. Und das war komisch, er hatte mit keinem reden können... aber der Himmel war klar, sie gingen fliegen, also wo war das Problem?
„Vielleicht", gab Sokka zu. „Ich bin trotzdem nicht so einer. Ich bin aber auch nicht das, wofür du mich hältst. Das ist keiner von uns." Er kramte in seiner Tasche und zog Bumerang heraus. „Ich rate hier nur und du musst mir sagen, ob ich mich irre. Du denkst auf die Jagd zu gehen ist falsch. So wie Menschen umzubringen falsch ist."
„Menschen umzubringen ist falsch", widersprach Aang. „Aber du bist nicht – du tust nicht – " Wie konnte er das nur richtig ausdrücken? „Ich weiß, die Wasserstämme gehen auf die Jagd. Ihr seid keine Mönche. Ihr lebt auf dem Eis und, naja, Seegurken... aber das Algenbrot ist ziemlich gut, ich weiß nicht, warum ihr nicht mehr davon esst – "
„Es gibt nie viel davon." Sokka zuckte die Schultern. „Man könnte den ganzen Frühling und Sommer sammeln und damit immer noch nicht das Dorf ernähren. Gran-Gran sagt, dass man davon krank wird, wenn man das versucht. Der Winter lässt das Fett direkt von den Rippen schmelzen. Wer nicht jagt, kann am Pol nicht überleben." Er befingerte Bumerangs Kante, direkt vor der messerscharfen Klinge. „Aber das hängt alles irgendwie miteinander zusammen, oder? Du respektierst das Leben. Also willst du nichts töten. Oder Niemanden."
„Genau!" Aang stieß erleichtert seinen Atem aus, der die Büsche auf der anderen Seite der Lichtung rascheln ließ. Sokka kapierte es. Und er war nicht sauer. Puhh. „Wenn man das Leben nicht respektiert – naja, du könntest nie so sein wie Azula. Aber schau dir die Feuernation an! Wie können die nur so leben?"
„Azula ist eine lausige Jägerin."
Aang konnte nicht anders. Er blinzelte Sokka an, unsicher, ob er richtig gehört hatte. „Aber... sie war in Omashu und dann in der Geisterstadt und in Ba Sing Se..."
„Sicher, sie ist in Omashu aufgetaucht", stimmte Sokka zu. „Ich glaube nicht, dass sie erwartet hat, uns zu sehen. Und dann ist sie Appas Fell gefolgt. Und dann war sie in dem Bohrer und sie wusste wo wir sein würden, so lange die Feuerarmee außerhalb der Mauern lagerte." Er schüttelte den Kopf. „Das ist keine Jagd, Aang. Eher... bei den Lagergruben herumhängen, um Käfer-Ratten zu erschlagen."
„Reden wir eigentlich in der gleichen Sprache?", befragte Aang den Himmel. „Jagen, umbringen – wo ist da der Unterschied?"
„Respekt."
Aang funkelte ihn an. „Wie kann man das Leben respektieren, wenn man es töten will?"
„Wenn man keinen Respekt hat, ist man ein lausiger Jäger." Sokka steckte Bumerang weg. „Vielleicht tue ich nicht immer respektvoll, wenn ich hier jage, aber ich weiß auch nicht, was Tiere, die nicht auf dem Eis leben, für ihren Seelenfrieden brauchen. Also jage ich und denke mir, dass ich später Dank sage. Wenn sie erlauben, dass ich sie erlege."
„Wenn sie erlauben?" Aang schüttelte den Kopf, hoffte, dass etwas Verstand sich los rüttelte. „Du bist ein Mensch, Sokka. Du bist größer und klüger als sie – "
„Hast du je ein Eishippo gesehen?", warf Sokka ein. „Die Geister haben uns Hirn geschenkt, Aang. So wie sie den Tieren bessere Augen und Ohren, Zähne und Klauen und so gegeben haben... Ein Eishippo kann einen umbringen. Leicht. Wenn man nicht klug vorgeht. Zebra-Robben haben Fänge, die einen in Stücke reißen können. Ein Jäger muss respektvoll sein. Er muss wissen, was er jagt. Es studieren. Er muss vorsichtig sein. Und er braucht Glück. Und wenn das alles passt, hat man eine Chance, Beute nach Hause zu bringen. Damit das Dorf lebt." Er breitete leere Hände aus. „Ich verlange ja nicht, dass du auf die Jagd gehen sollst, Aang. Wenn Luftnomaden die Geister respektieren, indem sie sie nicht essen – okay. Aber wenn du weiter glaubst, dass die Leute das Leben nicht respektieren, wenn sie es doch tun – dann wirst du nie kapieren, warum Menschen tun, was sie tun. Da könnte man genauso gut mit Sprenggummi herumspielen. Früher oder später geht beides in die Luft."
„Er hat Recht, Aang", sagte Katara knapp. „Aber ich denke, dass wir alle kapieren was Azula ist. Sie hat nicht nur keinen Respekt. Sie ist … böse."
Aang zuckte zusammen. Er lächelte die Mädchen an, die gerade um Appa herum kamen. „Äh... hey!" Ich hatte irgendwie gehofft, ihr schlaft weiter? Nee, das kommt nicht gut rüber –
„Wenn du Erde herumschiebst, spüre ich das", sagte Toph direkt. „Ich kenn' mich mit der Jagd nicht aus, aber ich stimme Katara zu. Azula respektiert niemanden."
„Sie riskiert sogar ein Baby zu töten, nur um ihren Kopf durchzusetzen", sagte Katara düster. „Ein Baby der Feuernation. Und Mai lässt sie einfach machen."
„Ich bin mir nicht sicher, ob Mai eine Wahl hatte", sagte Sokka nachdenklich. „Wenn du Recht hast, Toph, und sie tun müssen, was der Feuerlord will – Azula ist seine Tochter."
„Und?", sagte Aang missmutig. Nicht, dass er gerne glaubte, dass irgendwer das Leben eines kleinen Kindes riskieren wollte. Selbst Mai, die so aussah, als ob irgendwer ihr Gesicht aus saurem Eis geschnitzt hat. Aber da war ein großes Loch in Sokkas Idee. „Zuko ist sein Sohn."
„Zuko ist verbannt", sagte Sokka trocken. „Das ist normalerweise nicht so nett, wie das was mit Katara passiert ist." Er verschränkte die Arme und warf seiner Schwester einen ernsten Blick zu. „Beim Wasserstamm? Verbannung heißt, dass man nicht mehr zurückkommen kann. Niemand darf einem helfen. Niemand wird überhaupt mit einem reden, wenn sie es vermeiden können." Er warf Aang einen Blick zu. „Ich weiß nicht, wie es in der Feuernation läuft. Aber ich weiß was wir gesehen haben. Azula hatte Panzer und Bohrer und so viel Hilfe, wie sie brauchte, um die Kyoshi Kriegerinnen zu besiegen. Zuko hatte ein Schiff und Iroh und diese komische Kopfgeldjägerin. Das war's. Zhao hatte mehr als Zuko, als er hinter uns her war."
Aang erstarrte und glotzte Katara an. Man durfte nicht zurückkommen? Das war nicht schlimm. Vor dem Krieg hatten ihm Leute von anderen Nationen das oft gesagt – geh weg und komm nicht wieder. Und das war vielleicht nicht sehr nett, aber es gab immer noch andere Orte, die man besuchen konnte. Andere Leute, die man sehen konnte. Mehr Tiere zu reiten, ob es ihnen gefiel oder nicht.
Aber... keiner redete mit einem? Das war schrecklich. Das war... als ob man tot wäre. „Das hast du gemacht?", hauchte er. „Für mich?"
Katara schluckte trocken. „Aang – "
Sokka schnitt sie ab. „Sag nichts dazu."
„Sokka!"
„Das war eine private Unterhaltung unter Männern, und ich wäre froh wenn ihr zwei wieder weg geht und den Rest privat sein lasst. Und unter Männern." Sokka winkte zu Appas anderer Seite. Seine blauen Augen waren ernst.
„Oh, sicher. Ein Tag Felskreuzen, statt Eis und du bist ja so unglaublich männlich." Doch ihr Blick glitt von ihm weg und sie berührte Tophs Schulter. „Komm, die wollen sich wahrscheinlich nur gegenseitig ekeln."
„Dann mach die Augen zu", riet Toph, als sie fort gingen. „Es ist viel schwerer, eklig zu sein, wenn man es nicht sieht." Sie stach einen Finger in Sokkas Richtung. „Aber wenn Regenwürmer in meinen Nudeln landen? Dann weiß ich, wen ich ins Visier nehmen muss."
Aang grinste.
„Lass das!", zischte Sokka, als die Mädchen außer Sicht waren. „Du weißt, dass ich Toph das nicht antue."
„Klar weiß ich das", stimmte Aang zu, immer noch grinsend. „Aber weiß Toph das?"
„Sie wird es wissen, wenn ich ihr sage, dass ich es nicht war."
Ja. Das stimmte wahrscheinlich. Mist.
„Aang." Sokka wirkte plötzlich sehr ernst. „Frag Katara nicht, warum sie es gemacht hat. Nicht, wenn du nicht sicher bist, dass du es wissen willst."
„Aber sie ist fort gegangen wegen mir", sagte Aang verwirrt.
„Vielleicht."
„Vielleicht?", wiederholte Aang ungläubig. „Sie wollte nicht, dass ich allein bin, Sokka. Sie ist mit mir Pinguinrutschen gegangen, sie wollte mir helfen – "
„Sie wollte zum Nordpol um das Wasserbändigen zu lernen."
Aang starrte ihn an. Das... das tat weh. Und es war nicht wahr. Das konnte nicht wahr sein.
„Ich behaupte ja nicht, dass sie deswegen mit dir mit ist", sagte Sokka ernst. „Wir sind deine Freunde. Und deine Familie. Aber sie wollte schon immer eine Wasserbändigerin sein. Sogar bevor Mama – " Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf. „Hör mal. Die Leute können viele Gründe dafür haben, warum sie was machen. Und das was du siehst, ist nicht immer der, an den sie denken, okay?"
Aang schluckte. „Du meinst, so wie wir denken, dass die Feuernation einfach nur die Welt erobern will. Aber die denken", er unterbrach sich, ein Klos steckte in seinem Hals. „Sie denken, dass sie sich nur selbst beschützen. Vor dem Avatar." Und das war einfach nicht richtig. Der Avatar war die Hoffnung der Welt. Das sagten alle.
… Naja, fast alle.
„Ich bin mir sicher, dass ein paar so angefangen haben", sagte Sokka nachdenklich. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Iroh weiß, dass sie das jetzt nicht mehr machen." Er warf Aang einen Blick zu, seine Finger zupften am Saum seines Schlafsacks. „Und ich denke... wenn Zuko wirklich geglaubt hätte, dass du der Böse bist, dann wäre von uns keiner mehr hier."
Aang saß schon auf dem Boden. Jetzt wünschte er sich irgendwie, er könnte sich hinfallen lassen. Aber Appa war hinter ihm, wodurch das irgendwie nicht möglich war. „Aber Zuko würde nicht... Ich meine, selbst in eurem Dorf, mit dem ganzen Feuer, da wollte er keinem weh tun! Nicht wirklich." Aang rollte die Augen. „Also, ich kapier' nicht, warum er so sauer ist wegen einer Lüge. Er hat doch zuerst herumgetrickst."
Sokka schwieg.
Neugierig betrachtete Aang ihn. „Was ist jetzt los?"
Sokka zerrte Bumerang wieder hervor. Und diesmal knallte er seinen Kopf dagegen. „Aang. Woher weißt du das?"
„Meister des Luftbändigens, weißt du noch?", erinnerte ihn Aang. „Wir wissen es einfach." Er runzelte die Stirn. „Nur Jet... Ich schätze, er hat wirklich geglaubt, dass er das Richtige macht, wenn er den Damm wegsprengt. Oder wenigstens, als er mit uns geredet hat. Gyatso sagte, das so was passieren kann. Dass manche Leute einfach nur einen Teil der Wahrheit erzählen können und selber glauben, dass das alles ist, solange sie mit einem reden. Ich meine, ich wusste, dass Gyatso die Wahrheit sagt, aber es hat sich so komisch angehört..."
„Du hast gewusst, dass Zuko nicht versucht hat uns umzubringen", sagte Sokka tonlos.
„Wie Bumi." Aang hob die Schultern. „Er wollte euch Angst machen, aber er hätte nicht wirklich zugelassen, dass ihr zerquetscht werdet." Er runzelte die Stirn. „Dorf Chin – das war komisch. Die Kerle im Gefängnis sagten die Wahrheit, aber der Bürgermeister... der hat einfach erzählt was ihm passte. Sollte das nicht irgendwie anders herum sein?"
Sokka hielt Bumerang gepackt, als ob er der letzte Ast vor einer Klippe war. „Du hast die ganze Zeit gewusst, dass Zuko nicht versucht hat uns umzubringen?" Er presste die Kiefer zusammen, als er versuchte nicht zu stottern. „Du – du – hast du irgendeine Ahnung, wie schwer das ist?"
„Äh..." Aang schaute ihn zweifelnd an. „Leute umzubringen soll doch schwierig sein. Es ist falsch."
„Das habe ich nicht – Rah!" Sokka knallte wieder seinen Kopf gegen seine Waffe. Er zwang sich durchzuatmen, grummelte etwas bei sich, das sich wie das Knistern von brennenden, gedörrten Walspeck anhörte.
„Natürlich verstehst du es nicht", seufzte Sokka schließlich. „Du gehst nicht auf die Jagd. Du musstest dir nie Sorgen machen, dass, wenn du nicht triffst, du nichts zu Essen hast und auch deine Familie nicht..." Er zählte leise. „Aang. Zuko war auf der Jagd nach uns."
Aang schluckte, seine Gedanken huschten zurück zu dem Zelt und Irohs ernstem Rat über Drachen. „Er wollte uns essen?"
Sokka blinzelte ihn an.
„Er sagte die Großen Namen sind wie Drachen!"
Sokka schlug sich gegen die Stirn.
„Hat er doch", beharrte Aang.
„Ja. Iroh sagte aber auch, dass sie Menschen nur kauen. Töten, nicht fressen", sagte Sokka sachlich. „Wenn die Feuernation tatsächlich Menschen essen würde, denk ich mal, wir hätten davon schon gehört."
Oh. Ja. Die Leute erzählten von all dem anderen bösen Zeug, das die Feuernation machte. Mord, Brandstiftung, Raub, alles. Wenn das passiert wäre – nun. Irgendwer hätte ihnen davon erzählt. „Aber du hast gesagt, dass Zuko auf der Jagd nach uns war", zeigte Aang auf.
„Um uns lebendig zu fangen", klärte Sokka auf. „Gran-Gran sagte, dass manchmal Wasserbändiger Leute auf so eine Queste schicken. Jagen, nicht töten; es lebendig zurückbringen, damit Mond und Ozean es segnen können. Das ist schwer." Er schaute Aang direkt an. „Es beweist, dass man die Geister respektiert und seine Beute. Das man sie kennt."
„Und?", sagte Aang unruhig. Es gefiel ihm nicht, worauf das hinauszulaufen schien.
„Und deshalb glaube ich, dass die Yu Yan in der Feuernation sein könnten, wenn wir mit der Invasion loslegen", legte Sokka dar. „Wenn Avatar Kyoshi einen Feuerlord erschaffen kann, dann kannst du einen aufhalten. Und Ozai wird das nicht so einfach zulassen." Blaue Augen trafen auf Grau, ernst. „Zuko hat über Luftbändiger gelernt, um dich zu jagen. Und er blieb über die ganze Welt hinweg auf unserer Fährte. Das muss er von irgendwem gelernt haben."
Aang setzte zum Protest an – er war nicht so sicher wogegen, vielleicht, dass Zuko nicht so viel gelernt haben konnte, wenn er sie nie richtig gefangen hatte –
Er stoppte und schaute von Sokka weg und dachte über das nach, was sein Freund gerade gesagt hatte.
Jemand hat Zuko beigebracht wie – wie man mich jagt.
Jemand hat Zuko was über Luftbändiger beigebracht.
Und Sokka hatte gesagt, bei der Jagd ging es um Respekt. Respekt und... den Versuch, die Leute, die einem wichtig waren, am Leben zu erhalten...
„Aang?" Sokka betrachtete ihn stirnrunzelnd, sehr besorgt.
„Die Welt ist echt kaputt, oder?", sagte Aang etwas zittrig. Wenn das, was er dachte, stimmte...
„Ja, das stimmt." Sokka zog neugierig die Augenbraue hoch. „Geht dir was besonderes durch den Kopf?"
„Als Zuko mich aus Zhaos Festung befreit hat, haben die Yu Yan ihn ausgeknockt", antwortete Aang, während er an eine wilde, blaue Maske dachte und den Schock beim Anblick einer vertrauten Narbe. „Ich habe ihn im Wald versteckt. Und ich hab' gewartet, bis er aufgewacht ist; ich war mir nicht sicher, dass er überhaupt wieder aufwacht... Und dann hab' ich ihn gefragt. Wenn wir uns damals gekannt hätten, wären wir Freunde geworden?"
„Ich rate mal, er hat nein gesagt?", sagte Sokka trocken.
„Er hat Feuer nach mir geschleudert."
„Das kommt aufs Gleiche hin."
„Aber er hat nicht versucht, mich zu verfolgen", fuhr Aang fort. „Ich weiß nicht warum, oder ob er überhaupt aufstehen konnte, aber..." Er schluckte. „Oder vielleicht doch. Bevor ich wusste, wer er ist, hab ich ihm gesagt, dass ihr zwei krank seid, dass ihr diese Frösche braucht, und du sagst, dass er nur hinter mir her ist..."
„Oh, Mann", sagte Sokka leise.
„Aber irgendwie ist es egal, warum er das gemacht hat." Aang schluckte. „Ich habe das Falsche gefragt."
„Ach ja?"
„Damals habe ich an Zuko gedacht." Aang nickte. „Ich hätte jetzt an Kuzon denken sollen." Es war schwierig an Leute aus der Vergangenheit zu denken. Vor gerade mal ein paar Monaten – für ihn – waren sie alle noch lebendig und glücklich und echt gewesen...
Jetzt waren sie weg. Nur noch... Gespenster.
„Er wäre einer von den Guten", sagte Sokka bestimmt. „Wie Jeong Jeong."
„Junge, hoffentlich nicht", sagte Aang niedergeschlagen. „Ich meine – ich will nicht, dass er einer der Bösen wäre! Aber Jeong Jeong hasst Feuer. Alles was er sieht, ist, wie es Menschen weh tut. Und Kuzon... er wollte, dass Feuer Leuten hilft." Aang schluckte. „Und vielleicht konnte er das sogar. Ich habe ihn mal mit grünem Feuer gesehen, Sokka." Er wendete einen flehenden Blick zu seinem Freund. „Warum hat er mir nicht vertraut?"
„Ich weiß es nicht", sagte Sokka nachdenklich. „Aber ich finde es heraus."
„Du – hä?", rief Aang aus.
„Es ist wichtig", beharrte Sokka. „Iroh wusste über Kuzon Bescheid. Iroh wusste, dass er nach dir gesucht hat. Und wenn Kuzon vom Heilenden Feuer wusste, während der Rest der Feuernation glaubt, dass es von Avatar Kyoshi ausgelöscht wurde – " Er brach ab, seinen Mund unzufrieden verzogen.
„Sokka?" Aang runzelte die Stirn.
„Ich will nicht, dass du dir Hoffnungen machst."
„Hoffnungen?", wiederholte Aang in einem Hauch. Denn da war etwas eigenartiges in Sokkas Gesicht, so wie kurz bevor er einen unglaublichen Plan austüftelte –
„Kuzon war dein Freund", sagte Sokka schlicht. „Ich habe nicht drüber nachgedacht. Die Feuernation war so lange der Feind. Und selbst wenn er dein Freund war, wie hätte ein Junge aus der Feuernation irgendwohin kommen sollen?" Sein Lächeln wurde schief. „Aber er hatte einen Drachen."
„Ja, genau." Aang nickte. „Er hat mich ständig im Tempel besucht..." Worte erstarben in seinem Hals und er starrte Sokka mit einem komischen, wilden Flackern im Herzen an.
„Er war dein Freund und er hat nie aufgehört nach dir zu suchen", sagte Sokka eindringlich. „Und ich glaube nicht, dass das für den Feuerlord war." Er starrte in die Nacht, nickte, als ob er Bruchstücke von Fakten zusammensetzte, wie das Netz einer Spinnen-Fliege aus leerer Luft. „Er musste wissen, dass es gefährlich ist. Dass der Feuerlord ihn durchschauen könnte. Doch, wenn er vom Heilenden Feuer wusste, dann hat er schon längst Zeugs vor dem Feuerlord verheimlicht."
Aang schluckte. „Du meinst – Kuzon hatte einen Plan?"
Sokka warf ihm einen überraschten Blick zu, als ob er selbst gerade darauf gekommen war. „Wie schnell war Shidan?"
„Äh... kam irgendwie aufs Wetter an", antwortete Aang überrascht. Sokka fragte nach den komischsten Sachen. „Und wie weit wir flogen. Appa ist schneller an einem stillen Tag, aber wenn Shidan einen warmen Wind schnappt, oder wenn es stürmisch wird... warum?"
„Wenn man schnell genug ist, um dort zu sein, wo einen niemand erwartet, dann kann man Zeug abziehen, das alle für unmöglich halten", legte Sokka dar. „Aang, das ist noch was, dass du über Familien wissen solltest. Kuzon war nicht nur dein Freund. Er hätte sich – Mann, wie sag' ich das am Besten? Verpflichtet gefühlt. Gyatso war das, was für dich einem Vater am nächsten kam. Die Kinder mit denen du aufgewachsen bist? Wie deine Brüder. Wenn Kuzon dir nicht helfen konnte, dann hätte er auf jeden Fall ihnen geholfen."
Aang wand sich, kämpfte gegen Tränen an. „Aber... du hast Gyatso gesehen."
„Ja", sagte Sokka sanft. „Und ein ganzer Haufen Feuerbändiger. Erwachsene, Aang. Ich habe keine Kinderschädel gesehen. Nicht einen."
Aang erstarrte. Einen Moment lang bekam er keine Luft.
„Ich weiß nicht, was er versucht hat", gab Sokka offen zu. „Ich weiß nicht, ob es geklappt hat. Einhundert Jahre. Alles hätte schief gehen können. Aber ich habe mit Ji dem Mechaniker geredet. Ich musste mit irgendwem darüber reden, was wir in deinem Tempel gesehen haben und ich dachte mir, er muss auch – dafür gesorgt haben, dass deine Leute anständig bestattet wurden..." Sokka schluckte. „Er hat Feuerbändiger gefunden. Und Kinderknochen. Eine ganze Menge."
Luft, sagte sich Aang. Du musst atmen.
„Aang." Sokka warf ihm einen ernsten Blick zu. „Ich weiß, dass Gyatso wusste, dass sie kommen."
„Das kann nicht sein", flüsterte Aang. „Er wäre fortgegangen, wenn er es gewusst hätte, er wäre noch am Leben!"
„Nicht, wenn es etwas gab, das wichtiger war, als nur zu leben", sagte Sokka leise. „Mein Papa würde es genauso machen, wenn irgendwer versucht uns umzubringen. Er würde bleiben. Und kämpfen."
Er wollte nicht hoffen. Nicht nach allem, was er im Tempel gesehen hatte. Was er hatte akzeptieren müssen. Es tat weh. „Aber... wenn irgendwer sonst es weggeschafft hat, wo...?"
„Jeder, der es geschafft hat, muss sich in irgendeinem Loch verkrochen haben", sagte Sokka schonungslos. „Teo, sein Papa – die hätten es nicht überlebt, diese Gleiter zu bauen, wenn die Feuernation nicht gewollt hätte, dass sie beschützt werden." Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Aang. Ich habe keine Beweise. Alles was ich habe, ist was wir nicht gesehen haben." Er hielt inne. „Nur eines wissen wir sicher. Kuzon war Zukos Urgroßvater. Und Zuko gibt nicht auf."
Und wenn Sokka und Katara Recht hatten und Leute einer Familie einander ähnlich waren... „Du meinst – Kuzon hat nicht aufgegeben." Aang schluckte. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich wünschte fast, du hättest nichts gesagt..."
„Ich weiß. Hoffnung ist schwer", sagte Sokka ernst. „Schau dir nur Katara an." Er beäugte Aang. „Vielleicht ist noch jemand übrig. Vielleicht nicht. Die Sache ist, irgendwer hat es versucht. Normale Leute. So wie ich und Katara und Toph und Suki. So wie Papa und der ganze Stamm. Und wir versuchen es immer noch." Er winkte in die Nacht. „Ja. Die Welt ist kaputt. Wir biegen sie wieder hin. Nicht heute. Vielleicht nicht in hundert weiteren Jahren. Aber wir sind nicht geschlagen, bis wir aufgeben. Sicher, wir haben Ba Sing Se verloren. Für den Moment. Aber wir haben uns und meinen Papa und die Flotte und die ganzen Freunde, die wir bisher gefunden haben. Wir können das immer noch schaffen."
„Also... glaubst du doch an den Avatar", sagte Aang nachdenklich, halb bei sich.
„Auf keinen Fall." Sokka schnaubte.
Aangs Mund klappte auf.
„Ich glaube an dich."
„... Hä?", brachte Aang heraus.
„Ich glaube an den Jungen, der schlau genug war, Katara dazu zu bringen, mit ihm Pinguin-Rutschen zu gehen", sagte Sokka ernst. „Der verrückt genug war, den Unagi zu reiten. Der den Mumm hatte, Zuko zu retten – Mann, ich glaub's einfach nicht, du hast Zuko gerettet! – statt ihn von Zhao schnappen zu lassen." Er lächelte trocken. „Das ist es, was die Welt retten wird. Sicher, wir brauchen Pläne und Waffen und Bändiger, stark genug, um den Feuerlord aufzuhalten. Und das wird nicht hübsch sein. Aber danach? Danach brauchen wir dich."
Aang schluckte, versuchte Sokkas Gedanken zu folgen. „Die Feuernation – manche von denen kämpfen nur für ihre Familien..."
„Wenn wir die dazu bringen, aufzuhören, wird alles einfacher." Sokka nickte. „Du hast den Mechaniker dazu gebracht, seine Meinung über den Krieg zu ändern. Und auch Harus Leute. Vielleicht können wir noch ein paar mehr dazu bringen ihre zu ändern."
Aang schüttelte den Kopf. „Toph sagt, gegen den Feuerlord zu handeln, kann sie umbringen – "
„Ja. Also glaube ich irgendwie nicht, dass sie an unserer Seite kämpfen", stimmte Sokka zu. „Aber Kapitän Jee hat nur die Regeln verbogen, um es nicht mit Papas Flotte aufnehmen zu müssen. Vielleicht können wir sie nicht auf unsere Seite ziehen. Aber wenn wir ein paar von ihnen dazu bringen, nicht zu kämpfen..." Er breitete seine leeren Hände aus.
Ja, dachte Aang und drehte es in Gedanken hin und her. Ja, vielleicht... „Meinst du, das kann ich?"
„Ich glaube, dass du der einzige bist, der es schaffen kann", sagte Sokka ernst. „Wir haben Ba Sing Se verloren. Ich weiß, das hasst du. Ich hasse es auch. Wir alle. Aber für den Moment müssen wir damit leben. Wenn wir erst Ozai in den Hintern getreten haben, dann können wir Azula..." Er ebbte ab, seine Augen weiteten sich in entsetztem Staunen. „Oh, niemals."
„Was?", sprang Aang besorgt darauf an.
„...Ähm." Sokka blinzelte, schüttelte den Kopf, als ob er etwas losrütteln wollte. „Nur – etwas worüber ich nachdenken muss." Er schüttelte wieder den Kopf. „Auf keinen Fall. Das wäre einfach... verrückt..."
„Was wäre verrückt?", beharrte Aang.
„...Lass mich erst drüber nachdenken." Er stand auf und packte seine Schlafrolle. „Vielleicht mal drüber schlafen. Verrückt ist es..."
„Kannst du nachschauen, ob Toph noch wach ist?", sagte Aang impulsiv. „Ich will sie was fragen."
„Ja, klar", sagte Sokka geistesabwesend und stolperte beinahe über eine von Appas Pfoten. „Tschuldige, Kumpel. Oh, Junge..."
Oh, Junge, was?, wollte Aang verlangen zu wissen. Doch Sokka hatte gesagt, dass er darüber nachdenken musste und, dass es verrückt war. Und vielleicht, als Bumi davon geredet hatte, wie ein verrücktes Genie zu denken, hatte er nicht nur den Avatar gemeint.
Oder vielleicht hat er überhaupt nicht vom Avatar geredet. Vielleicht hat er mich gemeint. Aang.
Das war irgendwie verwirrend. Guru Pathik hatte gesagt, dass er akzeptieren musste, dass er der Avatar war. Die Menschen schauten zu ihm auf, weil er der Avatar war. Die Feuernation hatte vor ihm Angst, weil er der Avatar war.
Aber Sokka hatte gesagt, dass er Aang war. Dass er sich nicht schuldig fühlen sollte, was Roku und Kyoshi getan hatten, oder auch nicht. Nur für das was er selber tat. Und Katara hatte gesagt, das er nicht da gewesen war, als die Tempel angegriffen wurden, aber er war jetzt hier und er gab sein Bestes. Und Toph –
Schmiede einen Plan und dann Bewegung, Traumtänzer, würde sie sagen. Erde wartet und lauscht, sicher. Aber wenn der richtige Moment da ist, dann Bewegung.
Das hatte alles etwas gemeinsam. Er musste nur drauf kommen, was.
Toph, Aang/ Küste/ irgendwo im Erdkönigreich
Als sie mit den Zehen auf den nachtkalten Boden tappte, spürte Toph, wie Aang sich bewegte, als ob er etwas entschieden hatte. Sie nickte bei sich und ging herum, dort hin, wo sie schätzte, dass Aang sie sehen konnte. „Also, was hast du ausgeknobelt?"
„Jetzt", erklärte Aang. „Du und Sokka und Katara – ihr alle wollt, dass ich ans Jetzt denke. Nicht die Vergangenheit, nicht die Zukunft."
Er hörte sich nicht besonders glücklich an deswegen. „Nicht das was Gyatso dir beigebracht hat?"
„Nein!" Er zögerte. „Nicht ganz. Bevor die Ältesten es mir gesagt haben... zum Fliegen braucht man Freiheit. Man muss in der Zukunft sein, dort wo der Wind einen hintragen wird. Das Jetzt – das soll nicht wichtig sein."
Toph bohrte einen Finger in ihr Ohr. „Irgendwie höre ich da ein Aber."
„Nachdem sie mir gesagt hatten, dass ich der Avatar bin... Gyatso sagte, dass wir uns keine Sorgen um das was gewesen war machen können. Wir müssten uns darum kümmern, was ist."
„Hört sich nach einem echt guten Kerl an." Toph nickte.
„Aber Luftbändiger sollen nicht so sein!"
Autsch. Das hörte sich nach Gejammer an. Aber so wie sie spürte, wie Aang sich krümmte, wie er versuchte es zu verbergen... Das tut ihm echt weh.
Und sie könnte ihm sagen, dass er nicht der einzige war. Dass er nicht allein war.
Aber ich hab's versprochen.
Und würde es wirklich helfen, ihm zu sagen, dass Zuko im gleichen Boot saß? Dass ein Feuerbändiger versuchte Wasser in seinen Schädel zu kriegen... und dass Zuko überhaupt nicht wegen Katara die Zeit davongelaufen war?
Ich weiß es nicht.
Also, dann fing sie am Besten mit dem an, was sie kannte. „Es ist wie bei einem Erddonner – "
„Für dich ist doch alles wie ein Erddonner!" Die Erde zitterte. „Das hier ist wirklich ernst, Toph! Und kein protziger Wettbewerb im Erdbändigen."
„Da bist du gerade erst durchgestiegen, was?", sagte Toph spitz. „Na schön, dann lass dir mal was sagen, über den Teil meines Lebens, der kein Erddonner ist. Weißt du, der Teil, in dem meine Eltern massig Wachen haben, damit nichts rein kommt, um mir weh zu tun, aber sie erzählen nicht mal unseren Nachbarn, dass es mich gibt? Niemand hat mich so behandelt, als ob ich real wäre, Aang! Ich stand in keinen Schuldbüchern. Niemand hat mit mir gehandelt. Alle haben Handel um mich herum gebogen. Ein Erddonner war der einzige Ort, an dem ich ich sein konnte. Glaubst du, dass Erdbändiger so sein sollen?"
„Toph – "
„Die Welt ist nicht wie in deinem Tempel, Aang! In Ordnung? Tut mir leid, aber es ist einfach so!" Toph schluckte einen Atemzug und versuchte, ihre Wut wieder durch ihre Füße davon sinken zu lassen. Zu viel Zeit mit Funkenfresser.
„Es tut mir echt leid", sagte sie etwas leiser. „Es ist nur – " Ein Gedanke traf sie aus dem Nichts, wie einer von Kataras Schneebällen und Toph stöhnte. „Oh, Mann. Entschuldige, echt. Aang, denk nach. Gyatso hat dir anderes Zeug erzählt nachdem die Ältesten dir sagten, dass du der Avatar bist, stimmt's?"
„Äh, ja..."
Toph blies ein paar widerspenstige Haarsträhnen weg und nickte. „Also – was, wenn er es bis dahin auch nicht wusste?"
Schweigen. Zuerst ungläubig, dann langsam spürte sie, wie seine Anspannung nachließ. „Aber... ich war immer noch ich", sagte Aang. „Ich hab mich nicht geändert."
„Ja, aber du bist nicht nur ein Luftbändiger", sagte Toph sachlich. „Nachdem Gyatso erfuhr, dass du der Avatar bist, wusste er, dass du die anderen Elemente erlernen musst. Und wir sind viel geerdeter. Viel mehr im Jetzt."
„Er hat mir versprochen, dass sich nichts ändert!"
Verärgert trat Toph einen Stein gegen seinen Kopf.
Stein zerbröselte an einer defensiv gehobenen Faust. „Wofür war das denn?"
Toph verschränkte die Arme und legte den Kopf schief. „Du bist hier nicht derjenige, der einen Steinkopf haben sollte. Komm schon, Aang! Was, wenn ich nicht blind geboren wäre? Was, wenn ich einfach eines Tages blind aufgewacht wäre? Würdest du mich Poster aufhängen lassen? Du hast dich nicht geändert. Was Gyatso wusste, dass du tun kannst, das hat sich geändert!"
Stille. Fast unheimlich still, wenn sie nicht seinen Atem spüren könnte. Etwas schnell, ein kleines, verstörtes Stocken lag darin – aber er war noch da.
„Also." Toph stieß die Luft aus. „Du bist Aang. Und du bist der Avatar. Ich wünschte, irgendwer könnte dir helfen. Dass es jemanden gäbe, der dir sagt, was du tun sollst. Aber das können wir nicht. Du musst selber drauf kommen, wer du sein willst." Sie hielt inne. „Aber irgendwie denke ich, du solltest dir anschauen, was Kyoshi gemacht hat, und was anderes versuchen."
Mehr Atemzüge. Jetzt aber etwas langsamer. Gut, er dachte nach...
Ein paar Meter entfernt stampfte und raschelte etwas und Toph grinste. „Hey – "
„Benenn es nicht!"
Toph schloss ihren Mund vor Stiefel und drehte ein Ohr zu Aang. „Warum nicht?"
„Ich weiß es nicht."
Ihre Zehen trommelten auf den Boden, ein anderer Rhythmus, als der des frustrierten, kleinen Geistes und Toph wartete.
„Du hast gesagt, ich soll mir anschauen, was Gyatso mir danach erzählt hat." Aang rutschte etwas hin und her. „Er hat neue Schriftrollen gelesen. Geister-Märchen. Mit Bändigern drin. So was in der Art habe ich mit Hei Bai versucht, nur haben in den Geschichten die Geister von Anfang an auf die Bändiger gehört... Die Dörfler haben ihn schon den Hei Bai-Geist genannt, oder ich hätte ihn nicht benannt. Vielleicht ehrenwerter Onkel", überlegte Aang langsam. „Das gefällt ihnen manchmal. Aber man gibt Geistern keine Namen. Da können Sachen passieren."
„Was für Sachen?", bohrte Toph nach.
„Die Geschichten waren alle anders."
So hörte sich kein glücklicher Luftbändiger an. „Manchmal schlechtes Zeug?", fragte Toph.
„Ja", sagte Aang leise. „Ich weiß, es sind nur Geschichten, aber – "
„In Ordnung." Toph nickte.
„... In Ordnung?"
Stiefel rasselte am Boden, aufgebracht.
„Es sind also nur Geschichten. Der Avatar ist auch nur 'ne Geschichte", zeigte Toph auf. „Gyatso war dein Lehrer und er hört sich nach einem echt guten Kerl an. Wenn du meinst, dass er dich vor den Geistern gewarnt hat, dann höre ich zu."
„Aber ich weiß es nicht!", protestierte Aang.
„Sokka wusste doch auch nicht, wie man den Bohrer aufhält, als wir gerade über ihn gestolpert waren." Toph zuckte die Schultern. „Manchmal muss man sich auf dem Weg was einfallen lassen." Sie wendete sich dem Stampfen und Scharren des aufgeregten Geistes zu. „Tschuldige. Aber bis wir jemanden finden, der es uns sagen kann – na, du willst doch, dass wir Freunde sind, oder?"
Ein schmollendes Scharren.
„Wir wissen doch nicht, wen wir fragen können", zeigte Toph auf. „Außer, du weißt, wo ein Schamane zu finden ist, oder so was?"
Ein nachdenkliches Trappeln entfernte sich langsam in die Nacht.
„Du denkst, dass ich Recht habe?" Aang klang hoffnungsvoll.
Gah! „Alles, was ich weiß, ist, dass ich es nicht weiß", sagte Toph unverblümt. „Also werde ich so tun, als ob es Schwierigkeiten bedeutet."
Und das konnte gut sein. Sie hatte sich Sorgen gemacht, dass Zuko einen Felsen oder zwei Aang an den Kopf werfen wollte. Das könnte es sein.
Könnte auch egal sein, ob es auf uns losgeht. Funkenfresser will Aang in den Boden gestampft sehen, er weiß, dass Katara ihn hasst und er weiß, dass Sokka direkt hinter ihr sein wird. Und er weiß auch, dass ich auf mich selbst aufpassen kann.
Sie glaubte nicht, dass Zuko so schlampig war. Zuko hasste es Zeug zu treffen, auf das er nicht gezielt hatte. Aber er war auch echt sauer auf Aang.
Und es kann gut sein, dass er nicht viel mehr über Geister weiß, als wir. Auch wenn ein paar versucht haben ihn zu fressen.
Wie man's auch drehte, es konnte nicht schaden, es nicht Stiefel zu nennen. Hoffte sie. „Versuch zu schlafen", riet Toph und umrundete Appa zurück zum Lager. „Morgen haben wir einige Felsen zu brechen."
„In Ordnung..."
Hmm. Decken auf denen ein Hauch Staub verstreut war, damit sie wusste, was sie packen und zurückziehen –
„Toph?", flüsterte Sokka.
Unterdrückt knurrend kroch Toph unter die Decke. „Ich. Will. Schlafen."
„Richtig. Dann ganz schnell. „Ich weiß, das hört sich verrückt an, aber ich habe an ein paar von Gran-Grans Geschichten gedacht. Die alten, wo der Häuptling mehr als einen Sohn hatte und was für ein Durcheinander passieren kann – " Sokka brach ab und holte tief Luft. „Ist Zuko verrückt genug um wieder nach Ba Sing Se zurück zu gehen?"
Toph blinzelte. Sie bohrte einen Finger in jedes Ohr und prüfte ihre Erinnerungen gegen Sokkas Worte. Nein, sie hatte richtig gehört. „Oha."
„Also doch." Sokka hörte sich wie betäubt an. „Warum?"
Kann ich dir nicht sagen, wollte Toph sagen. Aber sie konnte es doch. Einen Teil zumindest. „Was wohl? Er ist Lee. Amaya gehört zu seinem Stamm und Onkel ist echt in sie vernarrt." Und vielleicht noch ein kleines bisschen mehr. „Dort sind Leute, die ihm wichtig sind. Du meinst doch nicht, dass er zulässt, dass Verrücktes Blaues Feuer sie kriegt?"
„Und wenn er ihre Pläne durcheinander bringt, dann sieht sie als Erbin vielleicht doch nicht so gut aus", dachte Sokka nach. „Ich wünschte fast, wir könnten helfen."
„Echt?", stieß Toph heraus.
„Ich mag Zuko nicht. Ich traue ihm nicht", sagte Sokka grimmig. „Aber Azula ist schlimmer." Er seufzte, legte es beiseite. „Wenn Aang dorthin zurückgeht, will er gleich die ganze Stadt befreien. Und ich glaube nicht, dass wir das können. Also müssen wir wohl mit dem leben, was der Mistbändiger hinkriegt." Seine Stimme wurde weicher, widerwillig. „Oder nicht hinkriegt."
„Er schafft es schon", sagte Toph fest.
„Schildkröten-Robben", warf Sokka zurück.
„Und da hat er es auch geschafft", zeigte Toph auf. „Das passt schon so, Sokka. Ich weiß, was wir zu tun haben. Aang unterrichten und den Feuerlord schlagen. Ich hab' 'ne Abmachung mit euch und ich halte mich dran."
„Es ist nur... ich weiß, er ist dein Freund", gestand Sokka.
„Und ich vertraue ihm." Toph nickte. „Er wird überleben, oder ich trete ihm in den Hintern." Hörst du, Funkenfresser? Bleib am Leben.
Mann, ich wünschte, ich wüsste, was in Ba Sing Se los ist...
Azula, Ty Lee, die Dai Li/ Versammlungsraum der Dai Li/ Ba Sing Se
Grün flackerte von der Feuerstelle in Long Fengs ehemaligen Beratungsraum aus verspielt über ihr Haar, als Azula ihre versammelten Dai Li studierte. Etwas Abseits versuchte Ty Lee zu verbergen, wie sie an ihrer Lippe nagte.
Du glaubst, ich schaffe das nicht, oder?, überlegte Azula bei dem Versuch nicht zu grinsen. Ich weiß, du suchst nach einem Heiler. Aber ich bin nicht so schwach. So ein Verrat ist ein Klacks für mich.
Vater erwartet nichts weniger.
„Unser Ziel wird bald seinen Zug machen", erklärte Azula. Sie sah wie Ty Lee zuckte, als sie Mai ein Ziel nannte und schmunzelte fast.
„Suzuran wird morgen früh einlaufen", fuhr Azula fort. „Unser Ziel weiß, dass es möglich ist, Hilfe von diesem Schiff zu rekrutieren. Doch dafür braucht es Zeit. Und je mehr Zeit ich habe, desto wahrscheinlicher wird Mai ihr Ziel nicht erreichen. Min Wen ist ihr wichtig; sie wird jedes Risiko eingehen, um ihn aus meiner Hand zu befreien."
„Sie kennt den Jungen kaum", protestierte einer der Agenten. „Sie hat ihn besucht, ja, doch..."
„Agent Chan." Azula betrachtete den Dai Li beinahe sanft. „Min, bedauerlicherweise für ihn, war in der Position ihr das Leben zu retten, als sie beschloss sich mir zu widersetzen. Mai ist von der Feuernation. Sie ist stark an ihn gebunden." Aber nicht an mich. Verdammt soll er sein. Dafür würde er langsam sterben, aber später. „Und selbst wenn das nicht so ist, so hat sie doch erkannt, dass ich weiß, dass sie eine Verräterin ist. Wenn der Junge ihr auch nur im Geringsten etwas bedeutet... wenn ich ihn breche, dann weiß sie, wer ihr Henker sein wird."
...Oh, was für süße Furcht stand in ihren Augen. Gut. Gut. Long Feng und jetzt Quan; zu viele der Dai Li unterschätzten sie und was sie für ihr Volk tun würde.
Nie wieder.
„Mai wird nicht auf Suzuran warten", fuhr Azula fort. „Sie wird heute Nacht zuschlagen."
„Wir werden die Wachen verstärken – " setzte Chan an.
„Das genügt nicht", schnitt Azula ihn ab. „Jetzt, mit der kleinsten Ablenkung, könnte Min aus seiner Zelle spazieren und einfach verschwinden."
„Unmöglich!", rief ein anderer Agent. „Diese Zellen sind ausbruchssicher. Wir haben sie gründlich durchsucht. Sie kann ihm nicht mal eine Nagelfeile zugesteckt haben."
„Ihr habt sie durchsucht und nichts gefunden, also habt ihr angenommen, dass es nichts zu finden gab", sagte Azula scharf. „Ich suche meine Diener niemals leichtfertig aus. Mai ist so gut ausgebildet, klug und tödlich wie jeder in diesem Raum. Mich ausgenommen."
„Prinzessin." Chan verbeugte sich. „Da ihr sie kennt, was hat sie an unseren Wachen vorbeischmuggeln können?"
„Da kann ich nur raten", sagte Azula trocken. „Was es war, ist unwichtig. Mai überlässt eine Flucht nicht dem Zufall. Sie wird nie darauf zählen, dass sie sich den Weg hinein erkämpfen kann. Das heißt, sie hat einen Weg gefunden, damit Min sich selbst befreien kann." Sie nickte. „Später am heutigen Abend – nach Sonnenuntergang, sie könnte auch bis zur Geisterstunde warten – wird Min auf jeden Fall zur Flucht bereit sein."
Min/ Gefängniszelle/ Ba Sing Se
Ein Ärmel schützte seine Finger vor dem Diamantdraht beim Sägen, als Min einen weiteren vorsichtigen Zug über die Innenseite des Bolzens, der seine Zellentür verschloss, machte. Das sollte reichen, denke ich.
Min steckte den Draht wieder in seinen Ärmel und berührte die Tür, streckte sein Chi. Man konnte Metall nicht bändigen, das wusste jeder... aber Tingzhe hatte ihm vor Jahren etwas interessantes gezeigt. Damals, als er noch ein Kind und von allem, was sein Vater tat, begeistert war, egal ob es half den Krieg zu gewinnen, oder nicht.
„Nur ein Stück Rost, hmm?" Tingzhe hatte bei seinem enttäuschten Blick gelächelt und den alten Dolch wieder in sein Loch in der Ausgrabung gelegt. „Erspüre ihn. Versuch nicht, die Erde zu bändigen. Spüre es nur."
Und das hatte er. Sein Mund war aufgeklappt, als er erkannte, was sein Vater ihm zeigen wollte; dass da ein Regenbogenschimmer von Anders zwischen Erde und dem Herz des Stahls lag, mit Rost wie dieser eigenartige grüne Blitz zwischen Sonnenuntergang und der Dunkelheit.
Keiner konnte Metall bändigen. Aber wenn man aufmerksam war und daran arbeitete, dann konnte man Rost bändigen. Und jedes Metall rostete. Selbst dieser polierte Stahl seiner Zelle. Es war nicht viel, nicht mal so viel wie der Diamant auf seinem Draht. Nicht wirklich genug, damit man es benutzen konnte. Doch er konnte es spüren.
Und wenn man den Rost erspürte, konnte man beurteilen, wie dick das Metall darunter war. Und indem er ihm lauschte, wusste er genau, wann er genug Metall durchtrennt hatte, dass der Bolzen die Außenseite gerade so noch hielt... und nicht mehr.
Die Angeln waren schwieriger gewesen. Sie befanden sich natürlich auf der Außenseite der Tür; das hieß, dass er nicht nur Zeit stehlen musste, wenn die Wachen nicht zu seiner Zelle sahen, sondern er musste den Diamant auf dem Draht selbst bändigen, ihn zwingen so fest wie Stahl zu sägen, während er eigentlich wie eine schlaffe Nudel hätte herabhängen sollen.
Er musste tatsächlich den Geistern danken, dass sie ihn hier eingesperrt gelassen hatten. Essen rein, Nachttöpfe raus, durch die Klappe in der Tür. Wenn irgendwer die Tür tatsächlich geöffnet hätte... nun, er war nicht sicher, dass die Angeln gehalten hätten.
Min blies Metallstaub fort, schlüpfte zu seiner Pritsche zurück und wickelte Ketten um sich, um ihre durchtrennten Enden zu verbergen. Dann erschauderte er. Die letzten Tage über war er konzentriert gewesen. Beschäftigt. Doch jetzt... jetzt blieb ihm nur noch das Warten.
Und zu hoffen, dass Mai es zuerst zu ihm schaffte.
Azula, Chan, Ty Lee/ Versammlungsraum/ Ba Sing Se
„Natürlich braucht er eine Ablenkung." Azula studierte ihre Dai Li wieder. „Und hier kommen eure eingekerkerten Geister ins Spiel."
„Unsere was?", stotterte einer in der Menge.
Agent Chan hob sacht seine Hand und das Stottern stoppte. „Prinzessin. Ich weiß, wir haben irgendwie die Sandalen-Geister übersehen –"
„Das war kein Zufall, Agent Chan. Das war ein Probelauf." Azulas Augen wurden schmal als sie den Mann abwog. Er könnte der richtige dafür sein. Vielleicht. „Agent Quan arrangierte das um unsere Verteidigung zu testen. Und was nötig ist, um sie zu überwältigen."
Entsetztes Schweigen. Doch Chan hob seinen Kopf und begegnete ihrem Blick, seine grün-braunen Augen waren ernst. „Prinzessin, ihr deutet an, dass Agent Quan Geister gegen die Gebieterin der Stadt einsetzen würde." Er schüttelte langsam den Kopf. „Das ist... schwer zu glauben."
„Das wird er", verkündete Azula und Gewissheit schwang in ihrer Stimme mit. „Ich erkenne die Augen eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat." Natürlich hatte sie selbst Quan alles genommen. Aber das war nebensächlich...
„Wenn das stimmt, dann sollten wir ihn jetzt verhaften, eure Hoheit", erwiderte Chan, äußerlich ruhig. „Bevor Schaden angerichtet wird."
Und in euch Zweifel mir zu folgen wachsen zu lassen? Wohl kaum. „Agent Chan. Ich verdamme doch keinen Mann nur für den Ausdruck seiner Augen."
Das war natürlich eine dicke, fette Lüge. Aber das wollten sie nun mal hören, damit sie ihr glaubten.
So viel Spaß!
„Er ist gegenwärtig euer Befehlshaber und ihr braucht Beweise", sagte Azula mit größter Ehrlichkeit. „Ich vertraue voll darauf, dass ihr die Situation eindämmen könnt, damit wir genau sie bekommen." Sie neigte den Kopf. „Zuallererst reduzieren wir die äußeren Wachen eures Geister-Irrgartens."
Quan, Mai/ Geistergefängnis/ Ba Sing Se
Dai Li, Beschützer der Stadt.
Es hatte als ein Wispern in Quans Ohren begonnen, als er und Mai angefangen hatten Pläne zu schmieden. In diesen dunklen Korridoren unter dem Palast war es zu einem Heulen angeschwollen, ließ ihn beinahe taub wegen gegen äußere Bedrohungen. Er hatte es damals beiseite geschoben und schob es auch jetzt weg. Es war vorteilhaft, zu wissen, wie das Gedankenbändigen funktionierte. Besonders bei den eigenen Gedanken.
Dai Li, Beschützer von Ba Sing Se.
Knurrend schnitt Quan mit einer Hand im Erdhandschuh herab und durchtrennte einen Geisterbann mitsamt des Steins, der ihn geformt hatte. Halbwegs hindurch erzitterte er, sein eigener Arm rebellierte bei den Gedanken an Sabotage, an Verrat –
Dai Li, Beschützer der Stadt!
Bewusst nicht denkend vollendete er den Schnitt. Er spürte den Puls der Bosheit, als Kamuiy, tiefer im Irrgarten in Kammern versiegelt, ihre Grenzen testeten.
Dai Li, Beschützer von Ba Sing Se – !
„Nicht heute Nacht", biss Quan heraus. Und er schritt voran.
Da waren Wachen. Oder besser, da waren Wachen gewesen, ehe der goldäugige Schatten, der hinter ihm her glitt, mit einem Zischen von Stahl und Gift zugeschlagen hatte. Das hatten sie nicht kommen sehen.
Er ging an schlaffen Körpern vorbei, vermied anklagende Augen. Trotz allem musste er trocken lächeln. Wachen und Schlösser und Banne, ja; der Tunnel-Irrgarten hier unten hatte das alles. So wurden gefangene Kamuiy festgehalten und gereinigt und beschwichtigt, bis die rastlosen Geister schließlich befriedigt waren und in die Welt zurück drifteten, in die sie gehörten. Von jener dunklen Nacht, in der der letzte Erdkönig ermordet worden war abgesehen, war niemals etwas von hier ausgebrochen.
Bedauerlich, dass die Dai Li nie bedacht hatten, dass jemand einbrechen könnte.
Du brichst deinen Vertrag mit der Stadt – ! kreischte ein Teil seiner Seele.
„Ja", hauchte Quan und bemühte sich, zu Atem zu kommen, gerade vor einem weiteren versperrten Tor. „Das stimmt."
Ich weiß, dass ich dafür bezahlen werde. Aber das ist mir einfach egal.
Nicht, wenn er die Pläne der Feuerprinzessin zerschmettern konnte. Wenn er ihr schaden konnte, so wie sie mit dem Mord an Long Feng sein Herz herausgeschnitten hatte. Ihr schaden, auf die einzige Art, die diesem Monster etwas bedeutete, indem er ihren perfekten Sieg beschmierte...
Ein Schatten flackerte und er war nicht schnell genug – Stein hob sich, fing seine Füße, kletterte –
Pfeile pfiffen an seinem Kopf vorbei und ein Agent fiel. Mai sprang im nächsten Augenblick vorbei und Messer pinnten den Partner des Dai Li mit dem Kreischen von Stahl auf Stein an die Wand, ehe sie einen Pfeil in seine Schulter trieb.
Quan befreite sich und zuckte.
Mai holte ihre Messer zurück und warf ihm einen düsteren Blick zu. „Konzentration."
„Ich versuche es..." Quan schüttelte die Schwäche ab, sein Geist schrie immer noch. „Ich halte lange genug durch." Ich muss.
Mai studierte ihn aus schmalen Augen. Sie setzte an etwas zu sagen –
Dann schüttelte sie den Kopf und ließ bewusst seine Worte unangefochten. „Sie sagten, dass hier mehr Wachen wären."
„Es sollten auch mehr sein."
Gold traf auf Braun und er erahnte ihr Nicken mehr, als dass er es sah. Sie fanden schon bald genug heraus, wo die anderen Dai Li waren.
Es war eigenartig, überlegte Quan, als sie ein weiteres Tor aus durchbohrten Stahl zur Seite schoben. Die meisten Leute nahmen an, dass ein Dai Li-Gefängnis ganz aus geformten Fels bestand, ohne Erdbändigen undurchdringlich.
Die meisten Leute hatten noch nie was mit Kamuiy zu tun.
Es wurde von den Dai Li erwartet, sich für die Stadt zu opfern, gewiss. Doch nicht grundlos. Von einem Geist ausgelöscht zu werden, nur weil sie einem das ganze Chi abgezogen hatten, so dass man nicht Bändigen konnte – das war ein dummer, dummer Grund zu sterben.
Also. Dai Li-Gefängnisse für Menschen brauchten vielleicht Erdbändigen zur Flucht. Ihr Gefängnis für Kamuiy brauchte überhaupt kein Bändigen. Es war aus Fels geformt, ja, das stimmte – doch von Tunnels und Toren auf eine Art und Weise durchdrungen, die es zu einem einzigen gigantischen Geister-Irrgarten formte.
Ein Irrgarten, den er absichtlich schwächte, mit jedem zerstörten Tor, jedem durchtrennten Bann, jedem strategischen Loch, das durch Wände geschlagen war.
Nicht zu schwach, Guanyin sei gnädig...
Doch er musste sich rächen. Geister, er musste einfach. Das ganze Erdkönigreich brauchte Rache für Azulas Vergehen. Sie hatte ihr Herz gefangen genommen und beabsichtigte es von Erde zu Feuer zu verdrehen –
Er hatte noch nie jemanden so gehasst wie jetzt. Es kochte in ihm; brodelte wie die sauren Schlammquellen, die sich Legenden zufolge in der Si Wong Wüste befanden. Es verbrannte sogar das kreisende Licht des Gedankenbändigens und gab ihm gerade genug Raum, um sein Wort an Mai zu halten und an den glücklosen jungen Erdbändiger, der ihm die Sicherheit seiner Familie anvertraut hatte. Auch wenn er dafür jedes andere Versprechen brechen musste.
… Und vielleicht war das Guanyins Wille, die sein Flehen um Gnade hörte. Wie konnte es etwas anderes als ein Segen sein, zu vergehen? Viel, viel besser als zu überleben, während Hass seine Moral, Gewissen und Mitgefühl zerfraß, bis er bereit war das zu tun.
Ein gnädiger Tod. Aber noch nicht jetzt. Er zählte Korridore, als sie lautlos durch den Irrgarten eilten: der zweite links, der dritte rechts – dort!
Nicht das Herz des Irrgartens, nein. Nicht jener immer noch bewachte Korridor, wo er Stein zittern spürte, bereit, dem Willen der Dai Li zu folgen. Aber es gab keine Bewegung. Noch nicht.
Du hast sie gut ausgebildet, Long Feng.
Mehr als genug Dai Li bewachten das Herz des Irrgartens, um ihn und Mai zu überwältigen. Mehr als genug – doch sie kamen nicht. Sie hielten ihre Posten, bis das Geisterfeuer selbst sie verzehrte. Dai Li bewachten hier keine gewöhnlichen gemeine Geister. Was hinter diesen Mauern lauerte, war nichts weniger, als das reine Böse. Kopflose Hunde, mörderische geisterhafte Tiger-Hyänen, mit Fingern aus Rasierklingen bewehrte Schemen mit einem Lächeln aus schwarzen Dornen. Und mehr, unzählige mehr. Sogar ein paar jener dunklen Geister waren vor Jahrzehnten entkommen, als die ganze königliche Familie bis auf Kuei verging...
Haltet eure Stellung, Männer. Ich bin nicht wahnsinnig genug, um jene auf unsere Leute loszulassen.
...Nicht ganz.
Hände zusammen führen und knallen –
Stein riss los und trug bannenden Stahl mit sich. Tür um Tür in seinem ausgewählten Korridor brach auf und schrie Bosheit in die Nacht.
Für einen Moment konnte Quan nur keuchen, während er das schwache Flüstern von Kleidung hörte, als Mai wie geplant umkehrte und floh. Er konnte nur dastehen – Schleim und Frost lastete auf seiner Seele – als Kamuiy um Kamuiy ins Freie glitt, stampfte und rasselte.
Ich habe meinen Vertrag gebrochen. Quans Atem entwich mit einem Seufzen, als eine grinsende Gu ge nü ihren augenlosen Schädel zu ihm drehte, ihre fleischlosen Hände ausgestreckt. Hier ist es genauso gut, wie anderswo.
Warme Hände packten seine Schultern und zerrten. „Kommen sie schon!"
Er fiel in einen stolpernden Lauf, getragen von Stahl und Feuer.
Dummheit. Kann noch nicht sterben. Muss noch einen Tunnel öffnen – da –
Stein zerbröselte und brach in die Finsternis weg.
Azula, Ty Lee, Dai Li/ Versammlungsraum/ Ba Sing Se
Schock und Entsetzen stand in einer ganzen Reihe von Gesichtern. Nicht Zögern, sagte sich Azula und fachte ihr Inneres Feuer an, um den plötzlich aufflammenden Widerstand wegzubrennen. „Sie arbeiten mit Saboteuren, also haben sie schon längst einen Weg gefunden, der Geister zu den Gefängniszellen leitet. Und an andere Orte. Saboteure helfen ihnen nicht nur, weil es das Richtige ist." Ihre Stimme troff vor Ironie.
Ein Herzschlag um es einsinken zu lassen, dann nickte sie Ty Lee zu, die eine Karte der Stadt ausbreitete, markiert mit verschiedenen möglichen Problemzonen, so dass alle es sehen konnten.
Azula deutete zu ein paar im Mittleren Ring. „Die Armeebaracken." Wo loyale Soldaten des Erdkönigreichs jetzt eingeschlossen waren, bis zu der Zeit, an dem Befehle eintrafen, wie man mit ihnen verfahren sollte. „Die Saboteure werden ihre Freiheit als Lohn wollen. Oder zumindest den Versuch sie zu befreien." Sie berührte Punkte in Oberen und Unteren Ring. „Sie, meine Herren, werden auch mit den örtlichen Wachen und den Truppen der Feuernation koordiniert vorgehen. Die Saboteure nutzen Geister und ihr Fokus werden die Baracken sein, doch es wäre närrisch, nicht auch rein menschliche Sabotage und Zerstörung einzusetzen. An so vielen Orten wie sie können, nur um unsere Kräfte zu teilen. Ich erwarte, dass es mehrere kleine, örtlich begrenzte Erdbeben geben wird, die zufällig unschuldige Zivilisten treffen. Damit sie behaupten können, dass wir keine Absicht hätten, sie zu retten."
Yakume, An Lu-Shan/ Unterer Ring/ Ba Sing Se
Der Untere Ring brennt!
Ein Herzschlag reiner Panik. Das war alles, was Master Sergeant Yakume sich erlaubte; die Flammen wüteten nicht direkt bei ihrer Wachstation, also konnte er sich einen Moment des Schreckens nehmen. Ein Moment, in dem seine Seele atmen konnte; um einfach nur ein Mann zu sein, zornig und erschreckt –
Im nächsten Augenblick kettete er Gefühle mit jahrzehntelanger Disziplin an und bellte Befehle, die Läufer zu der Stadtfeuerwehr und dem nächstgelegenen Truppenkontingent der Besatzer schickte. Kapitän Lu-Shan knurrte schon seine Wachen an, schickte sie, um Gaffer fort zu schieben und an Türen, die von den Flammen bedroht waren, zu klopfen.
Einmal, nur ein einziges Mal, während sie die ganze herzzerreißende Nacht lang Feuer bekämpften, warf Lu-Shan ihm einen Blick zu, direkt und so kompromisslos wie Granit. Waren das ihre Leute?
Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon Gebäude gefunden, die wegen mehr als nur Feuer eingestürzt waren und Yakume starrte kühl zurück, während sie sich des Rauchs, der Flammen und der Zeit selbst erwehrten, um Zivilisten aus den Trümmern zu zerren. Waren es ihre?
Azula, Ty Lee, Dai Li/ Versammlungsraum/ Ba Sing Se
„Der Ausmaß des Schadens wird uns viel darüber verraten, wer die Saboteure befehligt", erklärte Azula. „Ich verlasse mich darauf, dass sie knappe und genaue Berichte abliefern, damit wir all jene finden können, die verantwortlich sind und in Ba Sing Se wieder Frieden schaffen." Halbwahrheiten waren die besten Lügen von allen. Sie verließ sich auf niemanden, doch sie wollte Frieden in der Stadt. Wie konnte sie ein produktiver Teil des Imperiums sein, wenn kein Frieden herrschte? Plünderung war schön und gut und hatte seine Zeit, doch das war nur von kurzer Dauer. Einwohner lernten Besitz zu verbergen und widerspenstige Narren versagten sich selbst Reichtum, statt irgendetwas davon ihren Feinden Zugute kommen zu lassen.
Narren. Verkauft Luxusgüter und kauft Ausbildung. Und kämpft!
So wenige würden das tun. Besser, viel besser, wenn sie friedlich unter dem Joch schufteten und dem Imperium Abgaben leisteten. Es war nicht so befriedigend wie Plünderung und Tod, nein. Doch langfristig war es viel produktiver.
Und es gab immer irgendwen, der dumm genug war, dass man ihn bei lebendigen Leibe verbrennen konnte.
Und wenn wir diesen kleinen Plan ausgemerzt haben, wird Ba Sing Se noch fester in unserer Hand sein, dachte Azula. Nicht nur weil sie die Störenfriede selbst auslöschen würde. Sondern weil die Bürger sehen würden, dass ihre sogenannten Anführer ihnen Leid zugefügt hatten und sich gegen sie wenden würden.
Narren, diese Erdkönigreich-Leute. Die der Feuernation verstehen den Niederen Krieg. Und sie würden uns umso mehr hassen. Azula lächelte bei sich. Ich frage mich, welcher idiotischer General es war, der mir durch die Finger schlüpfte und sich diesen Plan ausgedacht hat?
Bon, Kuei/ Zuflucht/ Ba Sing Se
„Menschen werden dabei zu Schaden kommen, nicht wahr?" Erdkönig Kuei suchte Zuflucht vor den anderen Flüchtlingen in diesen kleinen Räumen, die irgendein Adeliger vor langer Zeit im Herz dieser Höhle geformt hatte, und kratzte hinter den Ohren eines schläfrigen Boscos. Die Augen hinter poliertem Glas waren immer noch jung, doch entschlossen. Und traurig. „Auch wenn dieser Plan, den Agent Shirong uns geholfen hat zu formen funktioniert... Menschen werden zu Tode kommen."
„Das ist wahr, Eure Majestät", sagte Agent Bon schlicht. „Es tut mir leid."
„Ich hätte einen besseren Plan schmieden sollen", sagte Kuei tonlos. „Ich hätte einen der niederen Generäle diesen Plan machen lassen sollen –"
Bon räusperte sich. „Bei allem nötigen Respekt, Eure Majestät – nein. Das hättet ihr nicht."
Kuei warf ihm einen schmalen Blick zu. „Ich bin kein Soldat, Agent Bon. Ich bin auch gewiss kein Dai Li!"
„Nein, Eure Majestät." Bon neigte den Kopf. „Deshalb hat euer Plan die beste Chance zu funktionieren."
Kuei verzog das Gesicht, hob widersprechend eine Hand –
Stoppte. Und dachte nach, ging langsam über den Teppich auf und ab, den ein dankbarer Flüchtling gespendet hatte, um Kammern aus gebändigten Stein einen Anflug von Wärme zu geben. So wie fast alles innerhalb dieser Mauern geschenkt worden war – Teppiche, Möbel, selbst ein eigenartiges kleines Wasser heizendes Konstrukt, das in dem nächsten Raum platziert worden war, um eine Dusche zum Abschrubben zu erlauben. Alles Geschenke der Flüchtlinge des Erdkönigreichs – und der Feuernation.
„Ein Lord braucht seine Würde", hatte Pei – geboren als Maeda – gesagt, als Bon ihn gefragt hatte. Er war sichtlich erstaunt gewesen, dass der Agent überhaupt danach fragen musste. „Seine Majestät ist nicht unser Lord. Doch wir stehen unter seinem Schutz. Wie könnten wir uns da nicht um ihn kümmern?"
Hier und jetzt schüttelte Bon den Kopf, wegen der Aufrichtigkeit des Schmieds. Die ganzen Jahre im Dienst hatten ihn gelehrt, dass der Erdkönig Mauern und Wachen und Dai Li brauchte, um sein Leben zu schützen. Doch hier, unter diesen Leuten, deren Familien wenigstens zur Hälfte vom Blut des Feindes waren...
Hier ist mein König sicher.
Ein Teil dieser Gewissheit gründete sich auf rationalen Tatsachen. Sie waren verborgen, sie hatten Vorräte und sie hatten genug Erdbändiger, die aus ihrem normalen Leben geflohen, oder der Festsetzung der Armee entkommen waren, um sie zu warnen, wenn jemand einbrechen wollte. Doch ein anderer Teil, einer den Bon nur ungern zugab, war, dass er sich sicher fühlte.
Diese Leute hier sind von den Geistern berührt. Jeder einzelne von ihnen.
Nicht so sehr, wie ein Dai Li; nun, die meisten nicht. Doch haftete ein schwacher Hauch des Andersartigen an Amayas Leuten. Und all die kleinen Rituale, die sie hatten, Salz streuen und Sakeopfer und subtile Muster, die in Kleidung und Holz und Stein gearbeitet waren...
Mein König ist hier in Sicherheit. So sicher, wie sie es schaffen.
Keine dieser kleinen Abwehrmaßnahmen konnte einen wirklich entschlossenen Geist aufhalten. Doch kleine Kreaturen und der allgemeine Nebel der Missgunst, der normalerweise in der Luft lag, wenn Menschen um die Macht rangen – diese konnten Kuei nicht berühren. Nicht hier.
Ich weiß nicht, warum mich das überrascht, dachte Bon selbstironisch. Amaya beschloss, diesen Leuten zu helfen. Und sie hat unserer Stadt immer nur Gutes gewünscht.
Und rein pragmatisch konnte Amaya vielleicht nicht jeden perfekt einschätzen, doch diese Leute hier kamen fast alle aus dem Unteren Ring. Hätten sie etwas anstellen wollen, dann hatten sie schon mehr als genug Gelegenheiten dazu. Diejenigen, die hier waren, wollten ein ruhiges, friedliches Leben in Ba Sing Se.
Und wenn sie Männern wie ihm misstrauisch begegneten – nun, wer war das nicht, bedachte man, was die Dai Li taten? Aber sie waren nur misstrauisch. Nicht verängstigt. Die Familien der Dai Li, die er und Shirong und ein paar andere Überlebende hier herab geschmuggelt hatten, in voller Erwartung, sie fast ebenso wachsam zu bewachen, wie den Erdkönig –
Diese Familien waren in Sicherheit. Sie wurden Willkommen geheißen, auf eine Art, wie Leute so direkt wie Maeda ebenso wenig vortäuschen konnten wie sie fliegen konnten.
Bon rieb seinen schmerzenden Kopf. Hilfreiche Flüchtlinge der Feuernation. Heilungsschriftrollen – Erdheilung! – die in ihrem ureigenen Archiv entdeckt wurden. Und Beweise, dass ein unbekannter Geist in den Erinnerungen der Dai Li selbst herumgepfuscht hatte, so dass sie den kostbarsten Schatz seit Jahrhunderten übersehen hatten. Wusste Guanyin allein, wie lange es wirklich war. Doch bedachte man, dass sie diese Beeinflussung gefunden hatten nachdem Kuei sein Urteil gefällt hatte... nun, Bon hatte seinen eigenen Verdacht, welcher Geist verantwortlich war.
Die Welt ist nicht so, wie ich dachte. Nicht so, wie Long Feng uns sagte, dass sie sei, dachte Bon, immer noch etwas verblüfft. Und wenn sie es nicht ist –
Er war lange genug in den Rängen der Dai Li gewesen, um die Gerüchte zu hören, dass manche Dai Li waren, eben weil irgendwo in ihren Adern Blut der Feuernation floss und Gedankenbändigen nie halten würde. Er hatte es nicht glauben wollen, natürlich nicht...
Aber er konnte das Gefühl der Sicherheit nicht bestreiten. Das Gefühl... ihr Geister, wie eigenartig … normal zu sein.
Es war nicht jenes machtvolle Leuchtfeuer, dieser Sog, den er in der Gegenwart der Feuerprinzessin gewittert hatte. Azula – Geister, Azula war wie ein Erdrutsch, aus dem er sich gerade so freigekämpft hatte, nur um hilflos zuzusehen, wie sie die meisten Dai Li mitgerissen hatte. Hier unter den Flüchtlingen... es war, als ob er auf einem der Felder außerhalb des Äußeren Rings stand, das nach der Ernte abgebrannt worden war. Asche auf den Füßen, Rauchgeschmack auf der Zunge, doch konnte man spüren, wie Kraft in die Erde zurückkehrte.
Wir haben ein paar dieser Bauern hier. Bon schüttelte den Kopf. Wie sehr haben sie uns wohl verändert? Wir dachten, dass wir alle Traditionen des Erdkönigreichs hielten und doch... Wasserstamm, Feuernation. Nur einzelne Fäden, die in dem gewaltigen Teppich unserer Stadt verwoben sind. Doch alles sieht jetzt anders aus.
Bon wusste nicht, was es bedeutete, dass Shirong von dem Wen-Klan adoptiert worden war... Klan? Er hatte dieses Wort definitiv gehört und versuchte nicht zu sehr darüber nachzugrübeln. Er war nicht sicher, ob er es wissen wollte. Doch man konnte die Veränderung in dem Mann nicht übersehen. Er erschien – solider. Stabiler. Geister, manchmal lächelte der Mann sogar.
Und Shirong war jetzt da draußen und riskierte sein neu gefundenes Heim und Sicherheit, um einen Jungen zu retten. Und um den Plan des Erdkönigs auszuführen.
Kuei hatte endlich aufgehört, auf- und abzugehen und betrachtete Bon abschätzend, während Bosco schnaufte und sich gegen einen Stuhl rieb, um sich den Rücken zu kratzen. „Es heißt, der größte Schwertkämpfer fürchtet nicht den Zweitbesten, sondern den Schlechtesten."
„So ist es, Eure Majestät", sagte Bon ruhig.
„Wir haben hier Besatzungstruppen in unseren Mauern", legte Kuei dar, als er es langsam durchging. „Unsere Offiziere wurden nie dafür ausgebildet. Wir nennen uns die Uneinnehmbare, und sie denken auch so, während es doch offensichtlich ist, dass das nicht stimmt. Der Drache des Westens hat die Mauer durchbrochen. Und jetzt hat seine Nichte sie niedergeworfen."
Bon nickte.
„Doch die Feuernation, wie Lady Mai, ist es gewohnt in ihren eigenen Palästen zu kämpfen", fuhr Kuei fort. „Also ist jeder Plan, den wir geformt haben, sie und ich und Agent Shirong und Professor Wen und alle die geholfen haben... jeder derartige Plan, in dem sie bereit ist, ihr Leben zu riskieren..."
„Hat eine bessere Chance auf Erfolg, als einer, der von denen ausgedacht wurde, die sich auf Armeen und Mauern verlassen und darauf um jeden Preis die Stellung zu halten." Bon nickte. „Davon bin ich überzeugt, Eure Majestät." Er war seinem König einen nüchternen Blick zu. Ist er dafür bereit? Oma und Shu, gebt, dass es so ist. „Sire, wir sind vom Feind besetzt. Die Feuernation kann jetzt unsere Ressourcen den ihren hinzufügen und die erobern, die noch Widerstand leisten. Der Widerstand kann entweder sehen, wie Ba Sing Se versucht zu agieren, egal wie übereilt – oder wie es sich unterwirft, so hilflos wie ein Kaninguru mit gebrochenen Beinen."
Kuei schluckte und schloss kurz die Augen. „Und ich bin der Erdkönig. Ich trage für mehr die Verantwortung, als nur unsere Stadt."
„Ich bin kein General, Sire", sagte Bon ruhig. „Das werde ich auch nie sein. Doch ich kenne mich mit Geistern aus. Und spirituell seid Ihr das Herz des Erdkönigreichs. Wenn Ihr gegen unsere Feinde zieht, wird die Erde selbst es fühlen. Und sie wird handeln." Er beugte den Kopf; fühlte mit dem jungen Mann in den Roben eines Königs. „Sire, wenn ich offen sein darf? Selbst das Falsche zu tun, könnte die richtige Entscheidung sein. Solang euer Volk weiß, dass Ihr nicht aufgebt... So lang haben sie Hoffnung."
„Aber Menschen werden sterben", klagte Kuei. „Meine Untertanen."
„Wir sind im Krieg, Eure Majestät. Manche von uns werden sterben, egal was geschieht." Bon seufzte. „Ein Befehlshaber sorgt für seine Leute. Long Feng hat sich um uns gekümmert. Und er hat nie unser Leben verschwendet. Doch er wusste, dass er vielleicht von uns verlangen musste in den Tod zu gehen. Das ist unsere Aufgabe."
„Diese Leute sind keine Dai Li", sagte Kuei leise. „Sie wollten nie in die Schlacht ziehen."
„Doch sie sind vom Erdkönigreich, Eure Majestät", beharrte Bon. „Wir glauben an das Erdkönigreich. An unsere Sitten. Unsere Traditionen. Unser König. Sogar – Geister, ich hätte nie gedacht, dass ich das je sage – sogar Amayas verborgenes Volk der Feuernation glaubt an Euch. Sie wollen nicht sterben. Doch Ihr seid unser König. Ihr müsst entscheiden. Geben wir auf wer wir sind... oder kämpfen wir?"
„Ich denke es könnte so weit kommen, dass ich es hasse König zu sein", sagte Kuei halb bei sich. Er atmete tief durch und nickte. „Wir fahren fort. Guanyin sei uns allen gnädig."
Bon nickte und unterdrückte ein ironisches Lächeln. Sie hatten alle Kuei für einen naiven, hilflosen Bücherwurm gehalten, der um seinetwillen beschützt werden musste.
Genau das hatte Long Feng beabsichtigt.
Doch der Erdkönig war mit Büchern aufgewachsen. Und die Bücherei war mit den eigenartigsten Texten vollgestopft, von Büchern über Seidenraupenzucht, über Abhandlungen über Glasbläserei, bis zu Lexika über ausgestorbene Tiere der Pole, die sich einst wie pelzige Katzengatoren gegen die Ufer des nördlichen Erdkönigreichs geworfen hatten. Jedes Buch, das seit mindestens dem 10. Erdkönig im Königreich gedruckt worden war, hatte eine gute Chance irgendwo in diesem ausgedehnten Haufen von Wissen gestopft wurden zu sein.
Das hieß, dass es eine ganze Menge Schriften über Chin den Eroberer gab. Und Horden anderer Militärs, Freunde wie Feinde gleichermaßen. Eingeschlossen, wussten die Geister wo sie hergekommen waren, Texte über den Drachen des Westens selbst.
„Sie waren nicht datiert", hatte Kuei erklärt, als Bon über diese besondere Information gestottert hatte. „Ich dachte, dass er nur ein weiterer Kriegslord in Chins Zeit war. Dort waren sie einsortiert."
Von wem waren sie einsortiert worden, das wollte Bon brennend wissen. Long Feng hatte sie ganz gewiss nicht dort hin gelegt.
Dann wieder, nahm man die merkwürdigen Kontaktleute, die Amaya noch oben in der Stadt hatte – Kontakte, die unersetzlich für den heikelsten Teil von Lady Mais Plan waren... nun, es schien, als ob es mehr Verschwörungen in der Stadt gab, als nur die Dai Li.
Wenigstens ist diese auf unserer Seite. Momentan. „Ihr solltet euch ausruhen, Eure Majestät", sagte Bon sanft. „Vor Sorge krank zu werden wird niemandem helfen."
„Ich habe mich Jahrelang um nichts außer um Traditionen und der nächsten Zeremonie gesorgt", grummelte Kuei. „Und schauen sie nur, wo uns das hingebracht hat."
Bon wollte widersprechen. Doch dann runzelte er die Stirn und schwieg.
„Das ist ein interessantes Schweigen." Müde schob Kuei seine Brille hoch. „Wenn ich mich irre, wünschte ich, jemand würde es mir sagen."
„Ihr liegt nicht falsch", gestand Bon ein. „Doch Ihr habt auch nicht völlig Recht, Eure Majestät. Ihr seid der Erdkönig. Die Traditionen und Zeremonien sind wichtig. Geister benötigen Respekt und Verehrung... und hin und wieder eine strenge Zurechtweisung, wenn sie zu weit gehen. Ba Sing Se braucht einen Herrscher, der sich um die Angelegenheiten dieser Welt kümmert, das ist wahr. Doch ohne einen von königlichen Geblüt, der die Rituale für unsere Stadt durchführt, werden wir untergehen, so sicher wie durch die Flammen der Feuernation." Er schauderte. „Wenn Ihr Aufrichtigkeit wollt, Eure Majestät – ich habe gesehen, wie Geister den Tod brachten. Ich ziehe die Flammen vor."
Kuei warf ihm den eigenartigsten Blick zu. Er nahm seine Brille ab, polierte sie mit einem Ärmel und setzte sie wieder auf. „Agent Bon. Versuchen sie mir zu sagen, dass ich heiraten sollte?"
Bon erstarrte. Er hatte nichts dergleichen gesagt, aber...
Das ist der Nachteil daran, ein Erdbändiger zu sein. Wenn sich der Boden auftut um einen zu verschlingen, glaubt keiner, dass das ein Zufall war.
Bon sammelte seinen Mut und räusperte sich. „Es wäre klug, Sire." Mehr noch, es könnte lebenswichtig sein. Solange Kuei im Palast in Sicherheit gewesen war, während die Stadt sicher war, konnten sie warten. Jetzt jedoch...
Falls Kuei stirbt ist keiner vom Blut des Erdkönigs übrig um die Barrieren zu halten. Kälte rann Bons Rücken hinab. Er war noch zu jung gewesen, bei jener mondfinsteren Nacht, um sich an mehr als Geschrei zu erinnern, doch er hatte die Geschichten gehört. Und Shirongs infame Aura des Unheils war der deutlichste Beweis, den irgendwer brauchte.
„Ich schätze, das ist der Grund weshalb die adeligen Damen immer ihre Töchter auf diese Feste mitbrachten", überlegte Kuei. „Ich wusste nie, ob sie mir leid tun oder ob ich schreiend weglaufen sollte. Nicht, dass sie je nah genug heran durften, dass man vor ihnen wegrennen musste, aber... es schien nie so zu sein, als ob sie da sein wollten. So sollte es aber nicht sein. Zumindest", Kuei wirkte etwas schüchtern, „denke ich das. Es schien nicht so, als ob Männer und Frauen in Prinzessinnen des Goldenen Käfigs so sind. Oder in Blind wie ein Dachs-Maulwurf. Oder in Liebe unter den –" Kuei brach ab und errötete unter Bons Blick.
„Eure Majestät", sagte Bon mit etwas, von dem er hoffte, dass es ruhiges Interesse war. „Habt Ihr die Ehe durch... Liebesromane studiert?"
„Nun, ich wusste nicht... mir wurde nie... wie fragt man denn nach so etwas?" Kuei errötete noch tiefer.
„Es gibt ein paar verheiratete Dai Li, Sire", sagte Bon ernst. Er bemühte sich, nicht zu lachen oder zu weinen. „Ich... hole einen davon." Selbst wenn er denjenigen von seinem Wachposten zerren und die Schicht selbst übernehmen musste. Das war's dann mit Schlaf für heute Nacht.
Schlaf konnte warten. Sein König und seine Stadt brauchten es. Liebe, Ehe und einen Erben – nichts davon war trivial. Nicht für den Erdkönig.
Und auch nicht für Kuei, reflektierte Bon, während er bei sich etwas lächelte. Jetzt, da etwas Realität die ganzen Schichten von Büchern und Zeremonien abrieb, schien – bei den Geistern – ein echter, junger Mann hindurch zu schimmern.
Was für eine Art ihn zu finden.
Er konnte nur hoffen, dass der junge Mann die Konsequenzen dieser Nacht überlebte.
Azula/ Versammlungsraum/ Ba Sing Se
„Doch wer diese kleine Farce einer Rettung geplant hat, ist unwichtig, weil es ein totaler Fehlschlag sein wird", sagte Azula kalt. Eine Geste mit einem scharf gefeilten Fingernagel und Ty Lee entrollte eine weitere Karte; einen Plan des Palastes, der Ländereien und der unterirdischen Gefängnisse. „Die effizientesten und am leichtesten zu entdeckenden Tunnel aus dem Geister-Irrgarten werden hier enden. Eine Ebene über den Gefängniszellen." Azula lächelte dünn. „Und dort halten wir sie auf."
Shirong, Quan, Mai, Azula/ Palast/ Ba Sing Se
Es gab kaum Gegenwehr.
Shirong, der in seiner eigenen Tunnelsektion auf sie wartete, öffnete Stein in den Palast und packte Quan, erlaubte so Mai zu Seite zu tauchen, zu werfen und zu paralysieren und mit Messern fest gepinnte Dai Li zu verstreuen.
Dann drangen die Geister heraus.
Knochen sanken wie Klauen in Stoff und Haut. Hundertäugige Baiyanlian warfen Blicke des Wahnsinns und kicherten wie bösartige Kinder. Mianchang glitten wie sich windende Bettlaken raschelnd durch die Luft, schnappten nach Hälsen, um zu würgen.
Wir gewinnen, dachte Mai berauscht, als noch mehr Agenten fielen. Wir schaffen es –
Blaues Feuer toste und brannte Geister-Gewebe fort.
„Ich muss euch nicht mal verfolgen." Azula trat aus dem Schatten. „Wie nett von euch."
Nein...
Min/ Gefängniszelle/ Ba Sing Se
Stahl und Ketten und er zitterte. Nicht vor Kälte. Ihm war nicht kalt.
Ich will die Sonne sehen.
Auf seiner Pritsche in die Ecke gekauert, die Ketten um sich geschlungen, falls Besucher kamen, drückte Min seine Stirn gegen seine Handgelenke. Und er wünschte sich, er könnte abstreiten, dass er das je gedacht hatte.
Er war ein Erdbändiger. In Ba Sing Se geboren und aufgewachsen. So lange die Luft frisch und das Wasser klar war, sollte es ihn nicht kümmern, ob es Tag oder Nacht war, Winter oder Sommer. So lange es Erde gab –
Aber da war keine Erde. Nur ein Hauch von Rost auf Stahl und andere Stücke anderen Metalls, um sein Chi gewunden, so weit er reichen konnte. Nur ein schrecklicher, schmerzender Kummer, der ihn wie Eiswasser flutete; kalt und uralt und irgendwie nicht sein eigener –
Ich will die Sonne sehen.
Was tat man nur, wenn das eigene Blut vom Feind stammte –
Nein! So darfst du nicht denken. Sie will, dass du das denkst. Wenn du Mama hasst, hasst du deinen Klan und dann –
Min erschauderte, als er an Azulas Lächeln dachte.
Sie hatte ihn nicht angerührt. War nicht mal in die Zelle gekommen. Doch jeden Tag, wenigstens ein Mal am Tag kam sie, um ihn anzusehen. Sie beobachtete ihn durch das vergitterte Fenster, mit diesem heimlichen, wissenden Grinsen.
Und jede Sekunde, die sie dort stand, konnte er spüren, wie sie an seiner Seele zerrte.
Komm. Komm zu mir. Ich bin stark, ich führe dich, selbst durch Raserei und Feuersturm. Komm...
Nein, nein und nein. Er hatte es vor sich hin geflüstert, wie ein Mantra, hatte versucht dieses schreckliche Gefühl von ihr abzuwehren. Er hatte sich auf die Kraft, die von woanders her kam gestützt. Es war vielleicht das Blut des Feindes, es mochte von der Feuernation stammen, doch, Geister, alles war besser, als sich von ihr nehmen zu lassen...
Oma und Shu, vergebt mir.
Oh, Guanyin, sei gnädig. Er konnte fast schon schmecken, wie sich Sonnenlicht anfühlte. Honiggold und warm, so warm, sank in ausgekühlte Knochen, um die ganze schmerzende Leere zu füllen.
Sie bringt mich noch um.
Min blinzelte und atmete kontrolliert und versuchte, an der kalten Angst vorbei zu denken, zu den alten Lehren seines Vaters. Bändiger... Bändiger brauchten ihr Element, um ihr Chi zu nähren. Ein Erdbändiger auf einem See war schwach und verletzbar, ebenso wie ein Wasserbändiger in der Wüste, oder ein Feuerbändiger unter der Erde –
Ich bin kein Feuerbändiger!
Aber Jinhai schon. Und wenn das was Suyin von ihrem Unterricht gesagt hatte, stimmte und jeder Chi nutzte und er sich auf etwas von der Feuernation stützte, um dieses Monster aus seinem Kopf fern zu halten...
Keine Erde. Keine Sonne. Sie bringt mich um.
Und sie weiß es.
Min schloss seine Augen, Tränen rannen herab. Dumm. Er kam sich so dumm vor, er wollte keine Angst haben...
Mut ist nicht die Abwesenheit der Furcht, Min, murmelte Tingzhes Stimme in seiner Erinnerung. Wahre Tapferkeit heißt, Angst zu haben, sie zu akzeptieren und trotzdem zu tun, was getan werden muss.
… Vielleicht hatte sein Vater doch gewusst, wovon er da redete.
Genau wie ein Test in der Uni, in dem dir nicht alle Antworten einfallen, hm? Du hattest deinen Moment der Panik. Panik ist nichts falsches. Alle Lebewesen empfinden Angst. Was uns zu Menschen macht, ist sie zu überwinden.
Atme, mein Sohn. Tief und langsam. Sei der aufragende Berg. Atme. Und denk nach.
Ein und aus. Er umklammerte den diamantbestäubten Draht heimlich in seiner Hand verborgen und erspürte den verstreuten Erdhauch –
„Das klappt nicht."
Min erstarrte, die Ketten auf seinen Armen klirrten. Er starrte zu dem vergitterten Fenster, durch das einer der Dai Li – Wachen seelenruhig hindurch spähte. Er meinte, dass dieser Ling genannt wurde, und was sagte es über einen Mann, der sich 'Gespenst' nennen ließ...
Er hat den Draht nicht gesehen, oder? Oder die Eisenspäne; er war sehr, sehr vorsichtig gewesen, sie diskret außer Sicht zu blasen, in die Schatten. Und sie hatten gehorcht. Fast wie Erdkrümel... aber das war ein dummer Gedanke, alle wussten, dass man Metall nicht bändigen konnte. „Was klappt nicht?"
„Euer Plan."
„Ich bin hier angekettet, während die Feuerprinzessin unsere Stadt übernimmt und versucht meine Familie zu finden. Damit sie sie umbringen kann", knurrte Min. „Haben sie einen Plan? Denn ich würde liebend gerne einen hören."
„Netter Versuch." Der Wärter wirkte düster amüsiert. „Das mit der Familie ist wirklich schade, Junge. Es wäre so viel einfacher für dich, wenn wir dich einfach vergessen lassen könnten."
Min erschauderte.
„Aber wenn du tatsächlich ein loyaler Bürger von Ba Sing Se bist", Lings Stimme troff vor Sarkasmus, „dann musst du es einfach ertragen. Denn wenn du wahrhaftig zum Erdkönigreich gehörst – du weißt, dass es Dinge gibt, die die Feuernation nie erfahren darf." Er hielt bewusst inne. „Also, Kopf hoch. Du wirst es nicht erleben, der Feuerprinzessin zu dienen."
Sie weiß nicht, was sie mit Gedankenbändigen anstellen können, erkannte Min. Und sie haben vor, es so zu belassen.
Ein Teil von ihm fand es seltsam tröstlich.
Nein. Nein, ich werde hier drin nicht draufgehen. Ich gebe nicht auf.
Gib niemals kampflos auf.
„Oma und Shu, es ist wahr", murmelte Ling, der ihn mit schmalen Augen beobachtete. „Du solltest nicht so viel Kampfgeist übrig haben."
Das traf tief, selbst durch die Angst hindurch. Tiefer als Min es für möglich gehalten hatte. „Mein Vater hat nie aufgehört gegen euch anzugehen."
„Ein Archäologe?", sagte Ling verächtlich. „Und die Frau eines Professors. Glaubst du etwa, dass deine Eltern, die Alpträume verscheuchen und dich retten könnten?" Seine Oberlippe kräuselte sich. „Kind. Das hier ist das echte Leben. Es gibt keine Wunder."
Wind stöhnte durch den Korridor und jeder einzelne glühende Kristall zersprang.
Azula, Shirong, Mai/ Audienzsaal/ Palast/ Ba Sing Se
Eins, zwei, drei kleine Verräterlein. Azula schritt vor den zerschrammten und angeschlagenen Versagern, die vor ihr in Ketten gelegt waren auf und ab. Wenigstens einer hatte die Ketten getestet, sie hatte sie klirren hören – doch ihre Dai Li hatten sie in den Boden des Audienzsaals sinken lassen und es brauchte schon einen fähigeren Bändiger als diesen Abschaum, um sich zu befreien, wenn man keinen Raum hatte, die Arme zu bewegen. Und wenn es einer doch schaffen sollte, sich zu befreien, war Ty Lee da, kaum eine Haaresbreite entfernt, bereit, sie niederzustrecken.
Wie passend, sie hierher zu bringen. Der Thronsaal des Erdkönigs, wo Gerechtigkeit geschehen würde.
Ihre Gerechtigkeit.
Die Gerechtigkeit der Feuernation.
Das war ein und dasselbe. Sie diente dem Feuerlord und sie alle dienten Feuerlord Sozins grandioser Vision. Eine Feuernation so mächtig wie der Avatar; so mächtig, dass sie sich nie wieder dem sogenannten Willen der Welt beugen musste.
Und wir lassen es wahr werden. Hier und Heute.
Azula nahm elegant auf dem Thron Platz und lächelte die drei, die auf den Knien lagen dünn an. Eine ehemalige Dienerin, die Verrat überlebt hatte. Ein bald schon ehemaliger stellvertretender Kommandant der Dai Li, der gar nicht gut aussah; dagegen musste sie was tun, er hatte nicht die Erlaubnis zu sterben, bis sie es sagte. Und ein weiterer Dai Li, der zuletzt mit ihrem verstorbenen Bruder auf der Flucht gesehen worden war...
Azulas Augen wurden schmal und sie schoss von dem Thron hoch und schritt zu Shirong. Sie starrte ihn an, witterte nach ihm.
Er fühlt sich wie Feuer an.
Unmöglich. Er war ein Dai Li. Ein Erdbändiger; jeder bezeugte das. Es mochte ja stimmen, dass ein paar der Agenten vom Blut der Feuernation waren, doch –
Er fühlt sich nicht wie der kleine Narr da unten an. Er fühlt sich wie Feuer an. „Was bist du?", knurrte Azula.
Shirong, mit aufgeplatzter Lippe und einem anschwellenden blauen Auge, versuchte nicht mal sie abzulenken. „Du glaubst es ja doch nicht, auch wenn ich es dir sage."
Wahrheit. Sie konnte es sehen, in diesem fremdartigen, stetigen Blick. Dieser Blick, der erinnerte sie an –
Das Klatschen ihres Schlages sprengte die Stille. Sie schritt weg und ihre Hände zitterten vor Wut. Wie konnte er es wagen wie Zuko zu blicken, im Angesicht des Todes, sich dessen voll bewusst und nicht einen Hauch des Zweifels daran, dass er das Richtige tat. Wie konnte er es wagen!
„Wo ist Min?" Zorn glitzerte in Augen, die kaltes, ausdrucksloses Gold sein sollten.
Azulas Fäuste ballten sich bei dem Anblick, es drängte sie danach, dieses reglose Gesicht, bis auf die Knochen abzureißen. Dass Mai sich erlaubte, etwas anderes zu sein, als die nützliche Maske einer Hofdame... „Du hast dich von ihm ruinieren lassen!"
Mais Kopf fuhr hoch. „Ich habe nichts getan, was meinen Klan beschämt."
„Bist du da sicher?", sagte Azula seidig. „Nachdem du dich deiner Prinzessin widersetzt hast?"
„Ich habe meinen Eltern einen Brief geschickt und meine zurückgenommene Loyalität erklärt."
Wahrheit. Azula konnte es hören. Egal wie unmöglich es sein sollte, dass ein Brief Ba Sing Se verließ. Also hast du sie gerettet und dich selbst verdammt. Wie überaus edel. Azulas Lippen kräuselten sich. Wie überaus dumm. Ich habe dich zu lange bei Zuko gelassen...
„Du hast doch was du wolltest." Mais Stimme war wieder ausdruckslos. „Lass Min gehen."
Die Prinzessin lächelte schmal. „Du kennst mich doch besser, Mai. Wenn ich erst einen Feind in der Hand habe, lasse ich ihn nie wieder gehen."
Mais Gesicht änderte sich nicht.
„Du weißt es doch wirklich besser", überlegte Azula, plötzlich nachdenklich. Warum zuckt sie nicht zusammen? Sie hat verloren. Sie hat alles verloren. Ich habe jeden ihrer Pläne vorhergesehen, jeden Zug gekontert...
Eine der Dienertüren schwang auf.
„Lass uns allein!" Ihr Feuerstoß brannte das Ende des mit Schildpatt verzierten Kammes des adeligen Mädchens weg und durchzog die Luft mit Rauch. „Ich will nicht gestört werden!"
Für ein nutzloses Schmuckstück aus dem Erdkönigreich war das Mädchen aus hartem Holz geschnitzt. Sie fiel auf die Knie, blass, aber nicht ohnmächtig und hielt einen zugeklappten Fächer mit zitternden Händen hoch.
„Ooh!" Ty Lee kam aus dem Schatten gehüpft, auf ihrem Gesicht stand ein breites, eifriges Grinsen. „Es ist für dich!"
„Was?", sagte Azula verständnislos.
„Ich hab' im Zirkus davon gehört." Ty Lee lächelte. „Du musst auf einen süßen Kerl echt Eindruck gemacht haben."
Azula warf der Akrobatin einen ungläubigen Seitenblick zu, nicht bereit, ihre Augen von einer potentiellen Bedrohung zu nehmen. „Zu dieser Stunde?"
„Oh, natürlich." Ty Lee nickte, absolut ehrlich. „Man schickt keine Kissen-Gedichte am Tag. Das wäre unhöflich. Ganz besonders, wenn du schon mit jemanden gegangen bist. Oder mit zwei."
„Gegangen –" Feuer loderte in Azulas Händen und sie wendete ihren wütenden Blick zu dem schlotternden Mädchen.
„Es ist doch nicht ihre Schuld!" Ty Lee war direkt neben ihr, besorgt und beunruhigt. „Sie ist doch nur eine Botin."
… Richtig. Und die erste Regel von Boten war, sie nicht in Asche zu verwandeln. Gute Boten waren schwer zu finden. „Wer hat das geschickt?", zischte Azula.
„Er- er-" Das Mädchen schluckte, immer noch zitternd auf den Knien liegend. „Er trug eine Maske."
„Er hat wahrscheinlich das Gedicht unterzeichnet", warf Ty Lee ein. „Das haben mir ein paar Mädchen im Zirkus gezeigt."
Gut. Dann war seine eigene Arroganz sein Untergang. Azula erwürgte ihre Wut und hielt die Hand auf. „Bald brauchst du einen neuen Meister, Mädchen."
Kurz davor zu wimmern, präsentierte das Mädchen den Fächer in beiden Händen und legte ihn in ihre Hände, so sanft wie Flaum vom Löwenzahn.
Eine Sekunde lang zog Azula in Betracht einen Schritt zurück zu tun. Selbst ein verängstigtes Mädchen konnte eine Bedrohung sein.
Ich zeige keine Furcht. Die Dai Li, die Armee des Erdkönigreichs – da gibt es keine Frauen.
Eine nutzlose Verschwendung von Ressourcen. Zugegeben, durch die Taktiken, die die Generäle des Erdkönigreichs nutzten, wäre es unklug viele Frauen an die Front zu schicken. Aber man brauchte kein Mann zu sein, um Felsen von einer Mauer zu werfen!
Die Lippen verächtlich verzogen, öffnete Azula den Fächer mit Muster von Minze und saffronfarbenen Rand.
Farbige Roben
bringen warmen Frühlingswind
doch du bist eiskalt.
Keine Signatur. Azula betrachtete stirnrunzelnd den Fächer, wunderte sich über die Bedeutung, die fremde, aber beißende Beleidigung, die sie fast schmecken konnte –
Wohlerzogene Hände fuhren hoch und Stein bewegte sich.
Und ihr feuriger Schrei traf nichts, da war nichts in seinem Weg, denn Ty Lee hatte das Mädchen zur Seite gezogen...
In gebändigten Stein gefangen funkelte Azula die Chi-Blockerin an. „Verräterin!"
„Nein!" Ty Lee klang tatsächlich verletzt. Sie fiel auf die Knie – vorsichtigerweise außerhalb der Reichweite des Feueratems. „Du bist meine Freundin. Ich könnte dich nie verraten, nie!"
Sie hob den Kopf, Tränen standen in ihren grauen Augen. „Aber du bist verletzt, du weißt gar nicht wie schwer und du brauchst einen Heiler. Mehr als was man mit Kräutern erreichen kann. Ich musste jemanden für dich finden!"
„Idiotin!", fauchte Azula. „Glaubst du, auch nur ein Heiler in dieser Stadt wird etwas anderes tun, als mich umzubringen?"
„Ich hätte ganz gewiss nichts dagegen." Eine matronenhafte Frau trat durch die Tür, in einer grünen Robe, die der der Botin ähnelte gekleidet, doch ihre blauen Augen waren unverwechselbar.
Heilerin Amaya, erkannte Azula. Die Käfer-Ratte ist also doch noch aus ihrem Bau gekrochen.
„Ich weiß ein paar von den Sachen, die du getan hast." Amaya hielt bei Ty Lee an und wo sie sie mit ihrem Blick abwog. „Und ich kann mir kaum vorstellen, was du noch anrichten wirst."
Die Dai Li halten sie nicht auf. Azula wand sich, ihre Haut schrammte gegen Stein und sie war wütender als je zuvor. Sie sind mir loyal! Warum halten sie sie nicht auf?
„Doch wenn du hier stirbst, wird Feuerlord Ozai diese Stadt zu deiner Erinnerung in einen Scheiterhaufen verwandeln", sagte Amaya sanft und trat aus Azulas Blickfeld, als sie näher kam.
„Aber wenn ich das verhindern kann, dann tue ich das auch." Ihre Stimme wurde leiser. „Und wenn es um dein Leben geht... mein Lehrling, dein Bruder würde Berge versetzen, um dafür zu sorgen, dass du gesund wirst."
Nein! Das kannst du nicht mit mir machen. Du kannst mich nicht Zukos Gnade unterwerfen –
Kühles Wasser berührte ihren Kopf und die Welt verging.
Amaya, Azula/ Audienzsaal/ Palast/ Ba Sing Se
Als ob man barfuß über Messerklingen geht.
Amaya griff vorsichtig durch Wasser und Blut, lockte Flüssigkeiten aus angeschwollenem Gewebe und reparierte sanft feine Kapillaren. Geister, es war erstaunlich, dass das Mädchen überhaupt noch stehen konnte, gar nicht davon zu reden, dass sie sie so leicht überlistet hatte, wie von Mai vorhergesagt.
Du bist also doch Zukos Schwester. Zu stur um einfach ins Eis zu beißen.
Gehirnverletzungen waren eigenartig leicht und schwierig zugleich zu behandeln. Es gab nichts großes, das geheilt werden wollte; nicht wie ein Knochenbruch oder ein Muskelriss. Alles was Heilung bedurfte, war klein. Fragil. Fein verwoben mit allem anderen im Gehirn, so dass ein winziges Ungleichgewicht hier eine Kaskade dort auslöste und davon rauschte und möglicherweise Verstand und Geist überschwemmte.
Doch du bist aus Feuer und Lebenswillen geformt. Du überlebst das hier.
Flüssigkeiten bewegen. Heilen. Abwarten um zu lesen, wie der Sturm des Verstandes sich bewegte. Und noch mal Heilung…
So.
Der körperliche Schaden war behoben. Jetzt kam der schwierige Teil.
Mit geschlossenen Augen streckte Amaya sich über Körper und Verstand hinaus und griff nach einer winselnden Flamme des Geistes. Zuko hat dich lieb.
Flammen knisterten und spuckten – Abwehr, Verneinung. Hände drückten ein Kissen hinab um zu ersticken. Ein böses Lächeln, mit ihrem Vater geteilt, wann immer sie ihren Bruder in den Staub trat. Das traurige Gesicht einer Mutter, ein gehauchtes Monster…
Es verbrannte Amaya wie Säure. Doch sie hatte schon zuvor das Böse berührt. Sie konnte ihm nicht erlauben zu gewinnen. Das weiß er, murmelte sie diesem dunklen Geist zu. Das weiß er alles. Aber er weiß noch etwas. Du bist seine Schwester… Und du bist alles was dein Vater noch hat.
Lügnerin!
Mit Wasser und Geist bewehrt bahnte sich Amaya ihren Weg ins Inferno.
Shirong, Chan, Tingzhe/ Audienzsaal/ Palast/ Ba Sing Se
„Sie fügt keinem Patienten ein Leid zu", sagte Shirong eindringlich, als Azula keuchte und Chan sich anspannte. „Sie kennen Amaya. Sie wissen doch, dass sie das nie tun würde." Er nickte zu Ty Lee, was so ziemlich alles an Bewegung war, das ihm derart eng geschnürte Ketten erlaubten. „Ein Leben für ein Leben. Mins Freiheit für die Heilung der Prinzessin. Das war der Handel."
Agent Chan entspannte sich etwas. Doch er warf der immer noch zitternden Jia einen düsteren Blick zu. „Weiß dein Vater eigentlich, dass du dich benimmst wie…"
„Ich weiß es nicht nur", sagte Tingzhe ernst, als er durch die Tür trat, mit Meixiang direkt hinter ihm. „Ich heiße es auch aus ganzem Herzen gut." Er beugte sich, um seiner Tochter eine Hand anzubieten und sie auf ihre immer noch unsicheren Füße zu helfen. „Gut gemacht."
„Ich hatte solche Angst." Jia klammerte sich an ihn, Tränen rannen durch ihre perfekte Schminke. „Papa…"
„Schh. Es ist vorbei." Tingzhe strich ihr über das Haar, wiegte sie sanft. „Es ist vorbei."
Agent Chan hob eine Augenbraue.
Shirong schmunzelte trocken und betrachtete Meixiangs entspannte Haltung… die eine Klinge in dem Dai Li haben würde, der sich zuerst bewegte. „Ich weiß, ein Handel um Mins Leben zu retten, rettet nicht unseres. Doch ich denke, ihr solltet uns anhören."
Tingzhe ließ Jia los, griff in einen Ärmel und zog eine mit einem Band geschnürte Schriftrolle heraus. Er präsentierte sie Chan mit der rauen Würde eines Professors.
Der Agent entrollte sie und las sie sorgfältig. Seine Augen weiteten sich und er erbleichte, als er zu der unteren linken Ecke der Rolle blickte.
Ein Daumenabdruck in Blut, wusste Shirong. Das Zeichen des Erdkönigs.
Jeder im Erdkönigreich konnte mit einem Daumenabdruck unterzeichnen. Die Markierungen die Guanyin auf die Finger einer Person legte, waren einzigartig, ein Abbild des Geistes in sterblichem Fleisch. Doch kannten alle Agenten das Zeichen ihres Königs.
Chan senkte die Rolle, immer noch blass. „Er… befiehlt uns bei der Feuerprinzessin zu bleiben."
„All denen, die fühlen, dass sie nicht anders können." Shirong nickte. „Ba Sing Se muss vor Übel geschützt werden. Das können wir aber nicht, wenn wir alle uns verstecken. Ihr werdet unserer Stadt ehrenvoll dienen." Er ließ seinen Blick über die Agenten in Sichtweite gleiten. „Doch wenn irgendeiner von euch Zweifel hat, falls ihr für unser Königreich kämpfen wollt, selbst riskieren wollt, gehasst und gejagt zu werden – der Erdkönig braucht euch. Dringend." Er begegnete wieder Chans Blick, sich Quans Schweigen nur zu bewusst. „Ihr wärt überrascht, wie viel er schon gelernt hat, in so wenigen Tagen. Bon hat ihm anscheinend ein paar raue Lektionen erteilt, wie es ist, ein Dai Li zu sein. Er war überrascht zu hören, wie die Berührung der Geister uns vom Rest der Welt trennt." Leises, ungläubiges Murmeln folgte. Shirong hob die Schultern. „Denkt mal darüber nach. Woher sollte er es wissen? Er wurde sein ganzes Leben lang von normalen Leuten fern gehalten. Wann immer sie auftauchen sind sie ehrerbietig, eben weil er der König ist. Natürlich fürchten sie ihn."
Schweigen. Ein nachdenkliches Schweigen. Bitte, das muss klappen.
Chan räusperte sich. „Hier ist auch ein merkwürdiger Befehl was die Bücherei betrifft."
„Scheinbar hat der Avatar es geschafft Ihn-der-zehntausend-Dinge-weiß zu verärgern", legte Tingzhe dar. „Das war um gegen die Feuernation vorzugehen und das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen, doch Wan Shi Tong scheint das nicht zu kümmern. Seither hat er Texte und Dokumente gestohlen, die dem Avatar helfen könnten. Einer seiner Füchse nahm meine Gestalt an, um einen Brief zu entwenden, der dem Avatar Einsicht darin gewähren würde, wer in der Vergangenheit versucht hat, den Krieg aufzuhalten und wie er ihn möglicherweise künftig beenden könnte." Er breitete leere Hände aus. „Wenn Wan Shi Tong dem Avatar schaden will, so wünscht der König, ihn aufzuhalten. Wir werden Wissen in alle Richtungen der Welt verteilen und hoffen, dass wir Erfolg haben." Er räusperte sich. „Ich persönlich denke, dass er einfach seine Bücher vermisst. Er hält sich gut, doch ist er außerhalb des Palastes so entwurzelt wie jeder von euch außerhalb der Mauer. Es wäre eine Gnade, diesem Befehl Folge zu leisten."
Eine weitere lange Stille folgte und Chan wirkte unentschlossen. Shirong bewegte sich soweit er konnte hin und her. Seine Knie schmerzten. Chi aus dem Stein zu saugen half, doch die anderen Agenten wussten nur zu gut, wie man jemanden auf schmerzhaft unbequeme Weise band –
Seine Nackenhaare stellten sich auf, als Etwas schimmernd durch den Boden des Audienzsaales kam.
Ketten klirrten und rasselten und zischten durch flüchtige Roben wie durch Jade-Nebel. Sie flogen über den betäubt wirkenden Jungen, der auf dem Boden lag und nach Atem rang, den Stein und Geist ihm verwehrt hatten –
Min!
Shirong wagte es nicht genauer hinzusehen, nicht jetzt. Nicht während eine nebelhafte, jadegrüne Robe durch die Luft schwebte, eine weibliche Gestalt umwaberte, deren loses Haar mit Asche bestreut war und Tränen aus ihren blinden, weißen Augen rannen…
Der Geist fiel vor dem Thron auf die Knie und klagte.
Trauer traf Shirong wie ein Blitz. Keine Hoffnung, keine Wärme, kein Leben. Nichts außer graue Ketten der Verzweiflung, alles war aus den Fugen geraten, sogar die Zeit selbst. Sie trauerten, hatten getrauert, würden ewig trauern…
Der Palast ist leer.
Kein König herrscht in diesen Mauern.
Der Palast ist verloren, verloren; ein Ort für Katzen-Eulen und Ungetier und wird schließlich vergehen wie Staub im Wind…
Der Schrei verhallte. Die Gestalt verschwand und hinterließ nur arme, zerschmetterte Sterbliche, die versuchten, ihren erschütterten Seelen wieder Leben einzuhauchen.
„Quie gu gong you ling", hauchte Shirong.
Ein Geist, für den kein Dai Li ausgebildet war, ihn zu besiegen. Einer, den kein Dai Li je zu sehen hoffte, einer, der seit Jahrtausenden nicht gesehen worden war…
Sie, die nur erscheint, wenn der Imperiale Palast verlassen ist. Wenn hier kein König herrscht, entsann sich Shirong. Die Geister werden Azula niemals als unsere Herrscherin akzeptieren. Egal was es kostet.
Ketten fielen von ihnen ab und Chan selbst zog Shirong auf die Füße. „Nehmen sie sie mit und gehen sie", sagte Chan brüsk. „Gehen sie schon!"
Mit einem knappen Nicken half Shirong Quan sich aufzurichten. Er wand sich innerlich, als er merkte, wie Quan schwankte. Er ist verwundet und zwar schwer. Er blutet nicht, aber er ist… leer.
Amaya atmete tief durch und richtete sich auf. „Sie wird leben." Die Heilerin schaute zu Ty Lee und Chan. „Sie braucht Schlaf. Sorgt dafür, dass sie einen ruhigen Tag hat, damit alles zur Ruhe kommen kann. Ich habe geheilt was ich konnte. Ihr Verstand ist heil… zumindest so heil, wie er je war."
„Sag nicht so was!" Ty Lee flippte und pflanzte sich zwischen Amaya und der bewusstlosen Feuerbändigerin auf. „Azula ist ein phantastischer Mensch!"
„Phantastisch, na sicher." Amaya trat zurück und funkelte die Prinzessin an, als ob sie die tödlichste weiße Skorpion-Viper wäre. „Tui und La. Ich hätte sie noch in ihrer Krippe ertränkt."
Mai, die ihre von Eisen zerschrammten Handgelenke rieb, ruckte den Kopf hoch. „Sie ist doch nicht… so schlimm…"
„Nein. Sie ist schlimmer." Amaya rieb ihre Hände; ihr Gesicht war fest und entschlossen. Sie warf Ty Lee einen Blick zu und schüttelte den Kopf. „Ich hoffe nur, dass du eines Tages die Wahrheit erkennst."
Und hoffentlich sind wir weit, weit weg wenn das passiert, dachte Shirong grimmig. Doch so freudlos dieser Gedanke war, so trostlos ihre Situation immer noch sein mochte –
Wir sind nicht in Sicherheit, noch nicht, wir müssen los - !
- zog sich doch ein leises Lächeln über sein Gesicht, als Min sich, immer noch etwas benommen wirkend, vom Boden hoch stemmte und seine Eltern und Mai und sie alle mit verblüffter, erstaunter Hoffnung anstarrte.
Tingzhe nickte ein Mal, ein stolzes Lächeln war auf seinem Gesicht. „Gehen wir heim, mein Sohn."
Quan, Kuei, Amaya, Wen-Klan/ Zuflucht/ Ba Sing Se
„ – Verlieren ihn – "
„ – heilen? – "
„ – versuchen es, er braucht Erde. Sie haben alle erst angefangen – "
Lasst mich in Ruhe, dachte Quan erschöpft. Er war sich vage einer harten Steinplatte unter sich bewusst, flehenden Stimmen, Hände, die an seiner Robe zupften… und ein eigenartig tröstliches Knirschen von Sand, das in sich summte, als es über sein Herz gedrückt wurde. Lasst mich einfach gehen.
Er war ein Verräter. Er war vertragsbrüchig. Alles was er getan hatte, alles, was er sich erhofft hatte, war wie Staub im Wind vergangen. Und er wollte mit ihm verwehen.
Es reicht. Ich habe genug versagt, genug gelitten…
„Nein." Es war eine junge, vertraute Stimme. Jedoch war sie kräftiger und fester, als er sie je zuvor gehört hatte. „Nein, Agent Quan, das ist nicht wahr. Noch nicht."
Schmerzlich öffnete Quan seine Augen. Die Hände, die auf ihm ruhten, führten zu den unwahrscheinlichsten Gesichtern; Amaya, Shirong, Professor Wen und, Geister, war das Jia?
Am Kopf von Amayas Steintisch sah Erdkönig Kuei mit strengen Augen auf ihn herab. „Sie sind Long Feng gefolgt und haben mich verraten."
„Ja", hauchte Quan. Warum sollte er es abstreiten. Wenigstens konnte er im Tod ehrlich sein, wenn nicht im Leben.
„Sie haben Prinzessin Azula geholfen, unsere Stadt zu besetzen."
„Ja."
„Sie haben Ba Sing Se selbst bedroht, als sie die Geistergefängnisse geschwächt haben."
„Ja", gestand Quan leise.
„Und sie glauben, zu sterben kann das in irgendeiner Weise wiedergutmachen?"
Quan senkte den Blick. „Mein Tod ist alles was ich noch zu bieten habe."
„Oh, Affenfedern!"
Quan blinzelte.
„Ich brauche jeden ausgebildeten Erdbändiger, den wir retten können", sagte Kuei sachlich. „Selbst sie. Ganz besonders sie. Wer kann mich besser beraten, wie man jene Leute bekämpft, als einer, der der Feuerprinzessin entgegengetreten ist?"
Quan schüttelte schwach den Kopf. „Ich habe Euch verraten…"
Kuei zuckte. „Sie haben einen König verraten, der dabei war einen schrecklichen Fehler zu begehen", gab er zu, mit schmerzerfüllter Stimme. „Einen, der Treue immer als selbstverständlich angesehen hat. Einen, der darüber gelesen hatte, was ihr seid, was ihr tut und doch nie wirklich verstanden hatte, was es kostet." Kuei schluckte trocken. „Ich bemühe mich, nicht länger dieser König zu sein." Seine Augen wurden schmal und er versuchte streng zu wirken. „Bin ich ihr König, Agent Quan?"
„Ja, Sire", hauchte Quan.
„Dann nehmen sie mein Urteil an." Kueis Gesicht wurde sanft, als er Quans Stirn berührte. „Ich verurteile sie zum Leben."
Quans Herz setzte einen Schlag aus. Er konnte fast einen Schimmer um den König sehen, wie Luft, die über von Sommersonne aufgeheizten Fels waberte. Wie in den alten Legenden von Königen, die die wilden Zauberinnen der Wüste einfingen und ehelichten und die Kraft der Wüste direkt ins Herz von Ba Sing Se trugen. Aber das ist Äonen her. Unmöglich. „Es ist… nicht so leicht…"
„Ganz im Gegenteil, junger Mann." Professor Wens Stimme war rau, doch zufriedene Erschöpfung stand in seinem Gesicht, als er eine mit Sand bestäubte Hand zurückzog. „Ich denke, sie werden feststellen, dass es tatsächlich so leicht ist."
Die Erdbändiger traten zurück und verschafften Amaya Platz um Quans Herz und Kopf zu berühren.
Quan erzitterte. Amayas Berührung fühlte sich nicht nach Wasser an, oder wie Sand oder irgendein anderes Element, das er aufzählen konnte. Eher so, als ob jemand in ihn hinein griff. Als ob jemand seine Haut teilte, nur einen Herzschlag lang.
Sie nahm erleichtert ihre Hände zurück. „Ruhen sie sich aus", wies Amaya an. „Bändigen sie nicht mehr als es unbedingt sein muss, wenigstens eine Woche lang. Ihr Geist ist heil, doch ihr Chi ist ausgezehrt. Versuchen sie nicht, es mit Geistern aufzunehmen. Überlassen sie das anderen Dai Li." Sie hielt inne. „Und beten sie nicht zu Geistern, die nicht von Erde sind. Es könnte… Konsequenzen geben."
Shirong zuckte. Quan zog eine Augenbraue hoch, als er sich geistesabwesend fragte, ob er die Kraft aufbringen konnte, sich aufzusetzen.
„Konsequenzen?", fragte Kuei besorgt.
„Es ist schwer zu erklären." Amaya warf einen kurzen Blick zu Min. „Das gleiche gilt für dich, junger Mann. Das Metall hat dich ausgezehrt und ich weiß, dass du vielleicht nach… mehr gesucht hast."
Quan stemmte sich hoch und ignorierte das Schwindelgefühl. Shirong wusste etwas. Genau wie Professor Wen und sogar Min wirkte, als ob er gerade ein paar Sachen zusammengesetzt hatte. „Wir haben schon früher Erdbändiger in Stahl eingekerkert", zeigte Quan auf. „Es gab nie Konsequenzen. Von den üblichen abgesehen." Verzweiflung, Wahnsinn, Tod. Ein vorhersagbarer Verlauf. Nichts, weswegen irgendein anderer Heiler den er kannte raten würde nicht zu bändigen, falls man diesem Schicksal entkam.
Professor Wen stieß einen überraschten, verstehenden Laut aus. „Natürlich. Ein ritueller Entzug für eine Geister-Queste. Die Schriften besagen, dass die Schamanen von einst sich auf Queste begaben, um – mehr Macht zu erlangen…"
„Macht über die Geister?", spekulierte Quan. Amaya hatte gesagt, dass er überleben würde und er glaubte ihr. Doch seine Kopfschmerzen ließen ihn fast das Gegenteil wünschen. Sie verbergen etwas. Vor meinem König. Das kann ich nicht zulassen.
„Manchmal", warf Kuei überraschend ein. „Schamanen sind dafür da, um sich um die Geister zu kümmern. Doch manchmal, wenn ihre Leute es benötigen, suchen sie andere Kräfte. Um Stürme herbeizurufen oder Fluten zu bezwingen oder wohlbehalten durch tobendes Feuer zu wandeln…" Seine Augen hinter der Brille weiteten sich. „Yaoren! Natürlich. Es waren Yaoren!"
Man hätte einen Kiesel fallen hören können.
Sie wissen es, erkannte Quan, als er seinen Blich über den zusammengewürfelten Haufen Retter schweifen ließ. Sie wissen wovon er redet.
„Es tut mir leid, natürlich könnt ihr es nicht wissen", winkte Kuei ab. „Das steht in den ältesten Büchern. Zumindest sind sie am genauesten. Die Geschichten, die nach Avatar Yangchens Zeit geschrieben wurden… nun, sie verwechseln die Ratgeber des Avatars oft mit Geistern in menschlicher Gestalt. Oder implizieren einfach, dass das alles das Werk des Avatars war und das ist lächerlich. Wie könnte selbst der Avatar an zwei Orten zugleich sein, selbst auf einem fliegenden Bison? Und – " Er schüttelte den Kopf, nachsichtig lächelnd. „Unwichtig. Agent Quan, bitte folgen sie Heilerin Amayas Rat. Falls die Geister beschlossen haben, eine Legende wiederzubeleben, wüsste ich nicht, wo wir nach dem Geist-Heiler suchen sollten, den sie bräuchten – "
„Ihr könntet einer sein."
Kuei starrte Amaya an. „Ich bin noch nicht mal ein Bändiger!"
„Nicht der vier Elemente", räumte die Wasserbändigerin ein. „Doch ihr seid ein Geist-Bändiger, Eure Majestät. Ich spürte, wie ihr nach Quans Geist gegriffen habt, als ihr uns geholfen habt, ihn am Leben zu halten." Sie nickte. „Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich habe, um Euch zu unterweisen. Doch die Grundlagen des Geist-Heilens kann ich euch zeigen. Und das werde ich."
„Oh", sagte Kuei in einer sehr leisen Stimme. „Das ist… das wäre… vielen Dank."
Lächelnd neigte Amaya ihren Kopf.
„Aber selbst wenn sie mich lehren kann", Kuei wandte sich zu Quan, „bräuchten sie einen weiteren Lehrer. Und wir haben eine Wasserbändigerin und keine Feuerbändiger, denen wir trauen können und es gibt nur einen einzigen Luftbändiger überhaupt. Es wäre unklug."
„Einen Lehrer?", sagte Quan vorsichtig. Der Erdkönig konnte nicht meinen, was er zu implizieren schien. Unmöglich.
Kuei wirkte verlegen. „Ich weiß, es hört sich wie ein Geister-Märchen an, doch… nun, Yaoren stammen nun mal aus Geister-Erzählungen. Die Helfer des Avatars. Bändiger, die selbst mit gewissen Geistern vermitteln können. Oder sie bekämpfen, wie die Dai Li. Doch haben sie einen Vorteil, denn, wenn sie ausgebildet sind, können sie mit zwei …" Die Worte erstarben in Kueis Kehle und er wendete einen ungläubigen Blick zu Amaya. „Lee ist von der Feuernation. Und ein Wasserbändiger. Ist er… das kann nicht sein…"
Schweigen in dem Blicke getauscht wurden und Quan wusste es. Jedes Kind aus dem Hause Sozins war ein Feuerbändiger. Ohne Ausnahme. Doch, wenn die Berichte über das, was beim Haus der Wens passiert war, stimmten – heißes Wasser, möglicherweise. Doch welcher Feuerbändiger konnte Eis bändigen?
„Lee ist ein Yaoren, Eure Majestät", sagte Shirong leise. „Ebenso wie… ich." Ein tiefer Atemzug –
Und seine Hand hielt Feuer.
Quan erbleichte, der Raum um ihn schwankte. Unmöglich. Das kann nicht passieren!
Mit Shirongs Seufzen flackerten die Flammen davon. „Wie ihr gesagt habt, haben wir keinen Meister des Feuerbändigens hier. Lee hat mich unterwiesen, doch – ich hatte gerade erst erfahren zu was ich geworden war, als alles zerbrach. Und Lee…"
„Vor etwas mehr als einem Monat ist mein Lehrling unter meinen Händen ertrunken", sagte Amaya schlicht. „Er hat sich sehr bemüht zu lernen, selbst als das, was mit ihm geschehen war, ihn erschreckte. Doch hatten wir nicht genug Zeit."
„Erschreckt?", widersprach Kuei. „Das ist ein Geschenk der Geister!"
„Keiner von uns wusste das", sagte Amaya scharf. „Er wurde als Feuerbändiger geboren. In einem Land, dessen Idiot von einem Feuerlord lehrt, dass jede andere Form des Bändigens minderwertig ist. Er war halb zu Tode entsetzt! Mushi hat gerade genug Fetzen von einer Erzählung zusammenkratzen können, um uns einen Namen für… das zu geben, was passiert war." Sie schüttelte den Kopf. „Doch wir dachten, dass die Geister nur bei einer schweren Wunde eingreifen können."
„Nun, das sind die stärksten Yaoren in den Erzählungen", brachte Kuei mit immer noch großen Augen heraus. „Die Krieger. Jene, die die Geister zwischen uns und dem Leid stellen. Doch die Geschichten besagen, dass manche Bändiger auf Geister-Queste gingen, um zu Yaoren zu werden. Jedoch war das riskant. Man konnte sterben. Und selbst wenn nicht, war es nicht immer erfolgreich. Und die, die überlebten… nun, sie waren nicht das, was man erwarten könnte." Er warf Shirong ein zittriges Lächeln zu. „Wenn von Geistern erwählte Yaoren Löwen-Hunde waren, dann waren die durch Queste erlangte Yaoren Maus-Zikaden. Sie waren Heiler." Er rieb seinen Kopf. „Lee ist ein Yaoren? Er erscheint mir so jung…"
„Das war er", sagte Quan ernst, sein Herz schmerzte für Kuei. Er wusste nicht, was die Geister sich gedacht hatten, dass sie eine derartige Macht einem Erben Sozins gegeben hatten. Doch der Erdkönig hatte nur einen jungen Heiler gekannt, der sich bemüht hatte zu helfen.
„Ist er immer noch", berichtigte Shirong einfach.
Nein. Unmöglich, dachte Quan. Er hat seine Loyalität gebrochen – er musste gegen den Feuerlord handeln und seine eigene Schwester angreifen!
Min schluckte hörbar und betrachtete die Erwachsenen, als ob er nicht glauben konnte, dass es Shirong ernst war. „Azula sagte er ist tot."
„Azula", sagte sein Vater ernst, „begeht einen Fehler, der unter den Hochbegabten nur allzu häufig vorkommt. Sie glaubt, dass, wenn sie keinen Ausweg sieht, es niemand kann."
„Unterschätzt sie nicht." Amaya erschauderte. „Ich habe ihren Geist berührt, nicht ihren Verstand, doch… sie ist wie ein Messer aus Gletschereis. Hart, scharf, fokussiert. Wir hatten es mit ihr zu tun, als sie von einer Verletzung angeschlagen war. Ein Schlag, der die meisten von uns getötet und den Rest besinnungslos in einen Fieberwahn niedergeworfen hätte. Und sie hat uns trotzdem fast alle geschnappt." Die Heilerin atmete tief durch, zügelte ihre Furcht. „Aber dein Vater hat Recht. Sie mag ein Genie sein, doch sie macht trotzdem Fehler. Lee lebt."
„Und er bringt uns ein Schiff." Shirong grinste.
„Ein Schiff?", wiederholte Quan entgeistert. „Wie? Er ist –"
Verbannt, hielt Quan zurück, als er den puren Schalk in Shirongs Augen funkeln sah. Was um alles in der Welt hast du vor?
„Ein Schiff?" Kuei wirkte bestürzt. „In den Plänen wird aber kein Schiff erwähnt!"
„Noch nicht." Shirong schmunzelte. „Deshalb sollten wir noch einmal darüber schlafen, Euer Majestät. Morgen wird es interessant."
Autor-Notizen:
Gu ge nü = 'Skelettfrau', kommt vom japanischen hone-onna
Bai yan lian = 'Hundert Augen', vom japanischen hyakume – eine Kreatur mit hundert Augen
Mian chang = 'Baumwolle ehemals', vom japanischen ittan-momen – Stoff, der erstickt, indem er sich um das Gesicht wickelt.
Qie gu gong you ling = 'verlassener kaiserlicher Palast Gespenst', vom japanischen aonyoubou – ein weiblicher Geist, der in einem verlassenen kaiserlichen Palast lauert.
Für alle, die an der TVTropes-Seite herumspielen – ich grinse jedes mal, wenn ich sie besuche :)
Jetzt zu der Ungereimtheit im Handlungsbogen über Teruko... denkt dran, dass war Jees POV und sie hat mit ihrem vorgesetzten Offizier über Thema geredet, das auf sehr unsicherem Boden führte. Egal was Sozin den Drachen auch angetan hat, wurde er doch als Held dafür angesehen, dass er die „Luftbändiger-Bedrohung" ausgemerzt hat. Und auch wenn Teruko ernsthaft gegen Lügen allergisch ist, kann sie doch die Wahrheit verschleiern.
Was die Länge der Briefe an Iroh und Katara angeht: jemandem, dem man wirklich am Herzen liegt, muss man nur sagen „Es tut mir leid." Vielleicht noch zusätzlich „Ich hab mich wie ein Idiot benommen und mach so was nicht wieder." Es sind die Feinde, die man mit langen sorgfältigen Reden angehen muss. Zuko konzentriert sich auf Katara, weil sie das Herzstück der Gaang ist. Wenn man sie in eine bestimmte Richtung dreht, folgt der Rest ihr.
Und hier, mit eurer gütigen Nachsicht, komme ich zu etwas unsichererem Thema. Tolkien hat Jahre damit verbracht, den Leuten zu sagen, dass der Ringkrieg nichts mit der Atombombe, oder dem 2. Weltkrieg generell zu tun hat. Hier mache ich eine gleiche Erklärung, die Nuklearwaffen, den 2. Weltkrieg, oder den Krieg gegen Terror betrifft, was Embers anbelangt. Ich gehe etwas weiter in der Geschichte zurück, bis – unter anderem – zum Römischen Imperium, den Mongolen, der Japanischen Invasion in Korea und viele viele andere historische Ereignisse.
(Würde ich mich in irgendeiner Weise auf den Krieg gegen Terror beziehen, würde ich Bücher von Robert Spencer, Bat Ye'or, Mark Steyn, Nonie Darwish, Bruce Bawer und Melanie Philips aufzählen. Unter anderem. Viele andere. Na los, lest nach.)
In Mythen und Volkskunde, sind geisterhafte Verschmutzung, Spuks und Monster oft Nebeneffekte auf Orten gewalttätiger Schlachten, gewaltsamen Todesfällen und ungesegneten Begräbnissen. Bedenkt man, dass uns im Kanon explizit gezeigt wird, dass eine angemessene Bestattung für die Feuernation einen Scheiterhaufen beinhält, dann hat Koizilla echt einen riesen Einfluss gehabt. (Ja, es gab auch im Südlichen Lufttempel Skelette von Feuerbändigern. Ich schätze mal, Sozin wollte, dass der Ort verflucht bleibt.) Schlagt mal Shinto nach. Hölle, schaut bei irischen und schottischen Legenden über Schlachtfeldern nach.
In Volksgeschichten und Fantasy ist ein weit verbreitetes Thema, dass der Totengeist jemandes, der in einem 'Fairen Kampf' gefallen ist, missgelaunt sein kann, aber jemand, der an etwas starb, gegen das er absolut keine Chance hatte – egal ob Magie, Gift oder Hinterhalt – der ist regelrecht mordlüstern. Robert E. Howard hat ein paar großartige Geschichten darüber geschrieben. Ich kann Shadow Kingdoms nur empfehlen. Ganz besonders Kurzgeschichten wie Skulls in the Stars, Rattle of Bones und Dead Man's Hate. (Übersetzer: Ich hatte keine Lust, seine ganzen Bücher nach den richtigen Übersetzungen zu durchwühlen – er hat so einiges an Horror geschrieben, pickt euch da was raus)
Kurz gesagt, jemand, den Kanon als Super-Schamane präsentiert, für den war Koizilla was außerordendlich dämliches.
Und Koh hat absichtlich dafür gesorgt, dass Aang die Zeit weglief, damit er es tut.
Das Kennzeichen eines Xanatos Gambits ist, dass jedes Ergebnis zum Sieg führt. Aang verliert die Nerven und damit sein Gesicht? Sieg. Aang wird lang genug aufgehalten, damit die Feuernation den Nördlichen Wasserstamm auslöscht? Sieg. Aang und der Ozeangeist schreddern die Feuermarine und geben damit der ganzen Feuernation einen Grund ihn persönlich zu hassen (im Gegensatz zu nur weil er der Avatar ist) und schmieren spirituelle Verschmutzung von dem spirituellsten Ort im ganzen Nordpol bis durch den Ozean selbst? Sieg.
Und wenn ich mich tatsächlich auf Hiroshima und Nagasaki beziehen würde – zuerst schlage ich vor, dass ihr die „Noterklärung" von General Tojo Hideki im Februar 1944, die im Grunde genommen die ganze japanische Bevölkerung (plus Koreaner und Taiwaner) zum Massenselbstmord aufruft, falls es zur Niederlage kommt, anschaut. Denkt mal über die Optionen nach, die die Alliierten in Betracht ziehen müssten, um das zu verhindern.
Zweitens, schicke ich euch zu dieser Information, die auf der Seite verfügbar ist (Leerzeichen rausnehmen)
ww2db image. php?image_id=7350 (das führt zu einer englischen Seite)
„Am 1. August 1945, fünf Tage vor dem Bombenangriff auf Hiroshima warf die US Air Force über 1 Million Flugblätter über Hiroshima, Nagasaki und 33 weiteren japanischen Städten ab und warnten diese Städte, dass sie innerhalb der kommenden Tage zerstört werden würden und rieten den Einwohnern, sie zu verlassen, um ihr Leben zu retten.
„Der japanische Text auf der Hinterseite des Flugblattes hatte folgende Warnung:
„Lesen Sie diesen Text sorgfältig, damit er Ihr Leben, das eines Verwandten oder Freundes retten kann. In den nächsten Tagen werden ein paar oder alle Städte, die auf der anderen Seite benannt werden, durch amerikanische Bomben vernichtet werden. Diese Städte enthalten militärische Einrichtungen und Fabriken, die Militärgüter produzieren. Wir sind entschlossen alle Werkzeuge der Militärkreise zu vernichten, die diese nutzen, um diesen nutzlosen Krieg zu verlängern. Doch haben Bomben bedauerlicherweise keine Augen. Deshalb warnt die amerikanische Air Force, die keinen unschuldigen Menschen Leid zufügen will, Sie in Übereinstimmung mit den humanitären Zielen Amerikas, diese genannten Städte zu evakuieren und Ihr Leben zu retten. Amerika bekämpft nicht das japanische Volk, sondern die militärische Clique, die das japanische Volk versklavt hat. Der Frieden, den Amerika bringen wird, wird die Menschen von Unterdrückung durch die militärische Clique befreien und zum Aufstieg eines neuen und besseren Japan beitragen. Sie können den Frieden wiederherstellen, indem Sie eine neue und gute Führung verlangen, die den Krieg beenden. Wir können nicht versprechen, dass nur diese Städte angegriffen werden, doch ein paar oder vielleicht auch alle werden angegriffen werden, also beachten Sie diese Warnung und evakuieren Sie diese Städte sofort."
...Also. Entscheidet selber, wo Aang auf der Skala Idealismus vs. Zynismus fällt. Die Tatsache bleibt, dass, egal was Zhao gemacht hat, der Rest der Flotte dachte, dass es eine normale Invasion wäre, die sie durch Waffengewalt gewinnen würden und nicht indem man auf den Mondgeist losgeht. Sie hatten keinerlei Vorwarnung, ehe Koizilla sie in Stücke geschlagen hat.
Entscheidet ihr euch, ob sie das verdient haben.
Übersetzer-Notizen:
Zu dem Haiku, mit dem Jia Azula abgelenkt hat. Die englische Version ist wie folgt:
Overlapping robes
Should bring warm new beginnings.
But you are still cold.
Dazu nochmal die Übersetzung:
Farbige Roben
bringen warmen Frühlingswind
doch du bist eiskalt.
Und jetzt möchte ich euch was vorstellen, das Hermeneutischer Zirkel genannt wird. Kurz gesagt bezieht es sich auf das Vorwissen, das man hat, während man einen Text liest und die Interpretationen, die man dadurch vornimmt. Das heißt, man liest Buch 1 und gewinnt daraus Wissen oder die Ereignisse der Geschichte bleiben einem in Erinnerung oder markante Sätze. Und dann liest man Text 2 und kann mit dem Wissen aus Buch 1 seine eigenen Schlussfolgerungen und Gedanken über Text 2 treffen. Oder man entdeckt, dass Text 2 eine Inspiration für Buch 1 war oder umgekehrt. Und beides trifft genauso auf Ballade 3 oder Gedicht 4 oder Novelle 5 zu. Aber das Beste ist, dass der Hermeneutische Zirkel nicht umsonst so heißt, denn wenn man später wieder zu Buch 1 geht und es noch mal liest, findet man durch das Wissen der Texte die man danach gelesen hat wieder neue Nuancen und Beziehungen. Der Kreis schließt sich.
Alles was man weiß, beeinflusst alles andere. Erwartungen an Literatur und Kunst, die Interpretation von Karikaturen, der Spannungsbogen einer Erzählung. Und es ist uns oft kaum bewusst. Wusstet ihr zum Beispiel, dass die Art wie moderne Kinofilme ablaufen auf die Techniken der großen griechischen Tragödien zurückgehen? So lange wurde es in der westlichen Kultur schon weitergegeben.
Was ich damit sagen will, ist, dass natürlich auch der Autor eines Textes von dem was er weiß, was er erlebt hat, was er fürchtet und erhofft, beeinflusst wird. Natürlich wurde Tolkien vom Weltkrieg beeinflusst, allerdings nicht vom 2. sondern vom 1. Weltkrieg. Er hat nämlich auf der britischen Seite in den Grabenkämpfen auch gedient. Und wurde dabei traumatisiert. Beide Kriege waren schreckliche Katastrophen, die andere Kriege weit übersteigen. In beiden Kriegen wurden technische Neuerungen mit katastrophalen Folgen eingesetzt. Massenvernichtungswaffen? Im ersten Weltkrieg – Senfgas, im zweiten – Brandbomben über Städten. Kriegsschauplätze mit unvorstellbarem Gräuel? Erster Weltkrieg – Verdun, im zweiten – Russland, Stalingrad, Ostfront oder schlicht die Konzentrationslager. Technische Neuerungen? Erster Weltkrieg – Maschinengewehr, Panzer; im zweiten – Atombombe. Also, ja, Leser von Herr der Ringe können darin Parallelen zum ersten wie zum zweiten Weltkrieg ziehen, egal, ob der Autor das beabsichtigt hat oder nicht.
Was also Embers angeht und das atemberaubende Wissen der Autorin... nun, sie hat diese Fic sicher nicht auf den Krieg gegen den Terror gemünzt, aber sie weiß viel davon. Das hat ihre Sichtweise beeinflusst, als sie Embers geschrieben hat. Und sie kann auch nicht ändern, dass viele ihrer Leser auch vom Krieg gegen den Terror, dem zweiten Weltkrieg oder der Atombombe wissen und auch nicht verhindern, dass die Leser solche Assoziationen haben.
Puh. Soviel zum Hermeneutischen Zirkel und Embers und allem.
