Liest hier überhaupt noch jemand mit? Ich hab schon so lange nichts mehr gehört... :/
Auf jeden Fall wünsch ich euch einen guten Start in die neue Woche!
Kapitel 20
„Ich informiere dich hiermit darüber, dass ich den Trunk des Friedens nehmen werde", sagte Severus abfällig, als er ihr am nächsten Morgen die Tür öffnete.
Hermine holte schon Luft, um ihm zu antworten, aber die Worte starben irgendwo auf dem Weg zwischen ihrem Kopf und ihrem Mund. Stattdessen starrte sie ihn an. Sie vergaß sogar, was er überhaupt gesagt hatte, weil sein Anblick … Er durchfuhr sie wie ein kleiner Stromschlag. Seine Haare waren kurz. Richtig kurz. Sie hatte … das … Er sah aus wie ein anderer Mensch. Und gleichzeitig nicht, denn der verdrossene Ausdruck auf seinem Gesicht war unverkennbar.
„Hermine!"
„Was?" Sie blinzelte heftig und zwang sich, ihm in die Augen zu schauen. Und in eben diesen Augen, genauso wie um seinen Mund herum stand die stumme Bitte, nichts dazu zu sagen. Nicht ein Wort. „Was hast du gesagt?", fragte sie also.
„Ich werde den Trunk des Friedens nehmen", wiederholte er.
„Oh, okay … Darf ich erst mal reinkommen?" Er trat zur Seite und machte eine ungeduldige Geste. Hermine konnte nicht anders, sie musterte ihn, während sie ihren Umhang auszog. Er stand mit verschränkten Armen bei der Tür und sah sie übernächtigt an. Mit kurzen Haaren. Sie hatte nicht gedacht, dass das möglich wäre, geschweige denn jemals passieren würde. Sie konnte kaum den Blick davon abwenden. „Hast du überhaupt geschlafen letzte Nacht?", fragte sie, nachdem sie sich gesetzt und ihre Gedanken zur Ordnung gerufen hatte.
„Ja, etwas. Heute morgen gegen drei hab ich eine kleine Dosis vom Trank der Lebenden Toten genommen", entgegnete er müde.
„Was war los?"
Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und rieb sich die Augen. „Ich hab das Licht ausgemacht und war überzeugt, er sitzt neben meinem Bett. Natürlich war da niemand. Das Spielchen hab ich mehrmals gespielt, also ließ ich das Licht an. Ich machte die Augen zu und war überzeugt, ich spüre, wie er …" Er gestikulierte zu seinen Haaren, verzog das Gesicht.
Wieder starrte sie seine kurzen Haare an und versuchte sich vorzustellen, wie heftig diese Körpererinnerung gewesen sein musste, dass er sie sich tatsächlich abgeschnitten hatte.
„Hör auf mich so anzusehen", grollte Severus und sie versuchte, eine neutrale Miene aufzusetzen. „Der Mistkerl ist längst tot, aber etwas in mir will das offensichtlich nicht begreifen. Ich habe gerechnet und Dinge in meinem Schlafzimmer gesucht, aber … Ich will schlafen, Hermine. Irgendwann muss ich aufhören, meinen Kopf zu beschäftigen." Er rieb sich wieder über die Augen, bis sie ganz rot waren. „Ich bin mehrmals weggedämmert und genauso oft wieder aufgeschreckt. Einmal hat die Erinnerung mich mitgerissen und ich lag danach eine halbe Ewigkeit in meinem Bett und konnte mich nicht bewegen. Jedenfalls fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Ich …" Er brach ab und rümpfte die Nase. „Ich werde den Trunk des Friedens nehmen", schloss er.
Sie seufzte. „Ja, den hätte ich auch vorgeschlagen. Er macht nicht abhängig, hat dafür aber eine anständige Halbwertszeit."
Er nickte knapp.
„Hast du den Trank da?"
„Noch nicht."
„Möchtest du ihn alleine brauen oder soll ich dir helfen?"
Severus schüttelte den Kopf. „Nein, das mach ich alleine. Mir ist es gerade wichtiger, die Erinnerung noch einige Male anschauen zu können, solange du Zeit für mich hast. Ich will nicht nochmal ungewollt hineingezogen werden."
„Okay. Nimm erst mal nur zehn Tropfen und schau, wie du damit zurechtkommst. Wenn du zu schnell wieder aufwachst und in die Ängste rutschst, nimm solange jeweils fünf Tropfen mehr, bis es passt."
Er kniff die Augen zusammen. „Ich bin ein erwachsener Mann, Hermine. Wie lange soll ich mit zehn Tropfen hinkommen? Zwei Stunden?"
Sie sah ihn herausfordernd an. „Du bist ein erwachsener Mann mit dem Gewicht einer durchschnittlichen Frau. Zehn Tropfen hauen dich mindestens vier Stunden lang um. Und ich sehe eine gute Chance, dass die Wirkung so langsam nachlässt, dass du einfach weiterschlafen kannst." Er sah sie zweifelnd an. „Auch wenn der Trank nicht körperlich abhängig macht, manipuliert er deinen Körper und deinen Geist. Es besteht immer ein Risiko, dass du psychisch abhängig wirst. Ich würde das gern vermeiden."
Er war sichtlich unzufrieden mit ihrer Erklärung, weil er nichts dagegen sagen konnte. „Fein", schnappte er schließlich. „Ich versuch es mit der Damen-Dosis."
Hermine verdrehte die Augen. „Wollen wir dann?"
Er warf ihr noch einen verdrossenen Blick zu, dann ließ er sich in die Erinnerung sinken.
Hermine fühlte sich unvermittelt zur Seite gezogen, hinein in eine kleine Abstellkammer kurz vor den Flügeltüren, die zur Janus Thickey-Station führten. Instinktiv zog sie ihren Zauberstab, bis: „Hast du morgen Abend Zeit, Hermine?" Als sie die Stimme von Miriam erkannte, atmete sie auf und ließ die Hand sinken.
„Tu das nie wieder!", schimpfte sie mit ihrer Kollegin. „Ich meine das ernst!" Sie deutete auf den Zauberstab und Miriams Augen weiteten sich.
„Entschuldige!", sagte sie mit weit aufgerissenen Augen. „Aber … hast du morgen Abend Zeit?"
Hermine fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Ihr Herz raste immer noch. „Ich glaube schon. Warum?"
„Ich bin mit ein paar interessierten Kollegen verabredet und wir würden uns freuen, wenn du zu uns stoßen könntest."
Hermine brauchte einen Moment, bis ihr wieder einfiel, dass Miriam sie darum gebeten hatte, ihnen ein paar Behandlungen aus der Muggelmedizin zu zeigen. Sie seufzte leise. „Ich hab mich noch gar nicht vorbereitet."
„Oh, das macht nichts! Wir haben alle viele Fragen. Selbst wenn du nur ein paar davon beantworten kannst, wird es schon ein inspirierender Abend." Sie sah sie an wie Arthur Weasley, als er Hermines Pager entdeckt hatte.
„Also gut", stimmte sie zu, hauptsächlich weil sie es nicht übers Herz brachte, sie zu enttäuschen. Miriam hatte schon viel für sie getan, sie konnte sich ja zumindest mal anschauen, wie sie sich das vorgestellt hatte. „Wann und wo?"
Die Begeisterung, die sich auf Miriams Gesicht ausbreitete, ließ Hermine schwach lächeln. „Meine Schwester hat einen kleinen Pub in einem Dorf an der schottischen Grenze, sie stellt uns einen Tisch ins Hinterzimmer. Wir treffen uns um acht. Ich schick dir morgen einen Portschlüssel nach Hause, ja?"
„Okay …", entgegnete Hermine vorsichtig. „Miriam, wie geheim genau ist das, was du dir da überlegt hast?"
Sie sah sich um, obwohl die Tür geschlossen war und es hier nirgendwo eine Möglichkeit gab, sich zu verstecken. Nicht mal mit einem Tarnumhang hätte hier noch jemand reingepasst, ohne dass sie es gemerkt hätten. Dann lehnte sie sich Hermine entgegen und flüsterte: „Sagen wir mal so, wenn das Ministerium davon Wind bekommt, bin ich mir nicht sicher, ob wir noch einen Job haben."
Hermine lachte kurz auf. Das musste ein Scherz sein. Aber Miriams Miene blieb ernst. „Was genau soll ich euch denn zeigen?", fragte sie mit großen Augen.
„Darüber reden wir morgen. Nicht hier!" Sie wandte sich um und marschierte aus der Abstellkammer.
Hermine sah ihr sprachlos hinterher. Sie hatte das dumpfe Gefühl, blindlings in eine Revolution zu stolpern. Und nicht nur das! Wenn sie ihre Rolle richtig verstanden hatte, könnte sie sich bald in der Rolle als deren Galionsfigur wiederfinden. Hermine rieb sich mit den Fingern über die Stirn, bevor sie ihre Haltung straffte und ihre Schicht begann.
„Ich kann keinem von ihnen helfen", erklärte Hermine dem Klinikchef Bruce Halfpipe am nächsten Morgen und legte ihm einen Bericht auf den Schreibtisch, in dem sie für jeden der Langzeitpatienten dargelegt hatte, warum die gestellten Diagnosen richtig waren und es keine Heilung für sie gab – in einer Sprache, die hoffentlich auch er verstehen konnte.
„Bedauerlich …", murmelte er und wackelte unzufrieden mit seinem Schnurrbart. Als er ihrer hochgezogenen Augenbraue begegnete, fügte er hinzu: „Für die Patienten!"
„Natürlich", entgegnete Hermine.
Er wandte sich wieder seinen Unterlagen zu, aber als sie weiterhin vor seinem Schreibtisch stehen blieb, sah er zu ihr auf. „Sonst noch was?"
„Ja. Ich bin noch für die nächsten zwei Wochen auf der Janus Thickey-Station eingeteilt und habe mich gefragt, ob Sie meine Arbeitskraft tatsächlich noch weitere zwei Wochen dafür nutzen wollen, unheilbar kranke Patienten zu waschen, zu füttern und zu beschäftigen, wo Ihnen doch sicherlich noch diverse Praktikanten und Auszubildende im ersten Jahr zur Verfügung stehen, die dort ihre Grundkenntnisse prima erweitern könnten."
Er legte seine Feder zur Seite und verschränkte die Hände auf dem Schreibtisch. „Nachdem kürzlich Ihretwegen das Ministerium hier im Krankenhaus gewesen ist, glauben Sie da tatsächlich, Sie seien in der richtigen Position, Forderungen zu stellen?"
„Ja", entgegnete sie kühl. „Nachdem Sie mir aufgetragen haben, jeden der Langzeitpatienten daraufhin zu untersuchen, ob ihm mit Muggelmethoden geholfen werden kann, glaube ich das absolut."
Er kniff die Augen zusammen und ließ ihren Bericht mit einer Hand in der Schublade seines Schreibtisches verschwinden. „Sie sollten die Patienten ganz generell neu beurteilen und nicht unter dem Aspekt der Muggelmedizin." Er spie das Wort verächtlich aus.
„Natürlich", wiederholte Hermine in dem gleichen Tonfall, den sie eben schon benutzt hatte.
Er kräuselte die Nase. „Nun verschwinden Sie schon! Ich sag der Personalabteilung Bescheid, dass sie schon wieder den Plan Ihretwegen umschmeißen sollen."
„Machen Sie sich keine Mühe, ich gehe selbst hin. Auf Wiedersehen, Mr Halfpipe!" Hermine schenkte ihm das freundlichste Lächeln, das sie aufbringen konnte, wandte sich um und verließ das Büro des Klinikchefs.
Wenige Minuten später stand sie vor Rowenas Schreibtisch und wurde freundlich begrüßt: „Nein!"
„Wie, nein?", fragte Hermine.
„Einfach nein!", wiederholte Rowena und drehte sich auf ihrem Stuhl um, so dass Hermine vor ihrem Rücken stand. Sie begann Akten in einem kleinen Schrank durchzusehen.
Hermine verzog das Gesicht. „Ich weiß, ich bin anstrengend."
„Das trifft es nicht mal ansatzweise!"
„Ein Quälgeist!"
„Nope."
Hermine seufzte. „Ich bin die schlimmste Nervensäge, die die Zaubererwelt je gesehen hat – und da schließe ich Peeves mit ein."
Rowena drehte sich wieder ein Stück zu ihr und wischte sich die langen schwarzen Haare über die Schulter. „Schon besser."
„Es tut mir wirklich leid, Rowena. Aber es war nicht vereinbart, dass ich für die Janus Thickey-Station eingeteilt werde."
„Nein, das war die zweitgrößte Nervensäge", entgegnete sie und zeigte mit einem perfekt manikürten Fingernagel nach oben, wo das Büro von Bruce Halfpipe lag.
Hermine lachte leise, dann seufzte sie. „Ich geh ein da oben, Rowena. Das Highlight der letzten Woche war ein Niesen von Chuck. Ich konnte gucken gehen, ob er sich erkältet hat. Überraschenderweise hat er das nicht, weil er seit drei Jahren nicht mehr draußen gewesen ist!"
„Erzählt Lockhart gar keine Geschichten mehr?", fragte Rowena scheinheilig.
„Ich sagte 'interessant', nicht 'absurd'", erwiderte Hermine. „Kannst du meinen Plan nicht einfach mit einem der Auszubildenden tauschen? Ich halte es keine zwei Wochen mehr dort aus."
„Nichts an deinem Plan ist 'einfach', Hermine. Deine komische Drei-Tage-Regel muss schließlich auch irgendwo untergebracht werden."
Hermine presste die Lippen aufeinander, denn wenn sie sich zu einer verbalen Antwort hinreißen ließ, hätte sie mit Severus das nächste Problem.
Rowena sah es und seufzte schwer. „Also gut. Ich schau, was ich machen kann. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass du gleich auf deine Station zurück kannst! Eventuell musst du ein bisschen springen in den nächsten zwei Wochen."
Hermine strahlte. „Das macht gar nichts!"
„Und dafür schuldest du mir was!", rief Rowena ihr hinterher, als sie schon aus dem Büro stürmen wollte.
„Damit kann ich leben", sagte Hermine. „Danke!"
Wie Miriam es ihr versprochen hatte, landete am Abend eine Eule auf der kleinen Stange vor Hermines Küchenfenster. Sie trug eine alte Herrenfliege im Schnabel und als Hermine das Fenster öffnete, hüpfte sie auf die Arbeitsplatte und ließ sie dort fallen. Die Eule verschwand so schnell wieder, dass Hermine ihr nicht mal einen Eulenkeks anbieten konnte.
Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie den Portschlüssel. Sie bereute es zutiefst, dem Treffen heute Abend zugestimmt zu haben. Der Wechsel von Spät- auf Frühschicht hing ihr immer nach und deswegen hatte sie sich nach Feierabend auf die Couch gelegt, um eine halbe Stunde zu schlafen. Daraus waren zweieinhalb geworden und als sie aufgewacht war, hatte sie im ersten Moment nicht mal gewusst, welches Jahr gerade war.
Gähnend rieb sie sich über die Augen und wanderte hinüber ins Bad. Das einzige, das sie jetzt noch wieder wach kriegen würde, war eine anständige Dusche. Zum Glück hatte sie noch etwas Zeit.
Trotzdem schaffte sie es gerade so eben noch, pünktlich den Portschlüssel zu berühren und sich zu dem Pub tragen zu lassen, in dem das Treffen stattfinden sollte. Zu ihrer Überraschung landete sie direkt in dem Hinterzimmer, das Miriam erwähnt hatte. Vier ihrer Kollegen waren bereits da, unter anderem auch ihr Vorgesetzter und ihre Kollegin von der Vergiftungsstation, Heiler Matthews, der sie breit anlächelte, und Annabeth. Sie war gerade mal zwei Jahre älter als Hermine und wirkte ein bisschen nervös. Die anderen beiden kannte sie nur vom Sehen; obwohl sie bereits auf jeder Station mehrere Monate lang gearbeitet hatte, hatte sie nicht mit jedem Heiler im St.-Mungos Bekanntschaft gemacht.
„Schön, dass du es geschafft hast", sagte Miriam in diesem Moment und schloss Hermine kurz in die Arme, bevor sie auf den letzten freien Platz am Tisch deutete. „Was möchtest du trinken? Und möchtest du auch etwas essen?"
„Ähm", machte Hermine, während sie sich setzte. An der Tür stand eine junge Frau mit einem Notizblock und einer Flotte-Schreibe-Feder, die sie gelangweilt ansah. „Ich nehme ein Ginger Ale, nichts zu essen, Danke", sagte Hermine, die Frau nickte, wandte sich um und verließ den Raum.
Miriam hatte sich an den Kopf des Tisches gesetzt und sagte nun: „Ich freu mich, dass das heute geklappt hat. Ich weiß nicht, ob alle sich untereinander kennen …" Sie machte eine kleine Pause, in der viele peinlich berührte Blicke getauscht wurden. „Anscheinend nicht", stellte sie fest. „Ich denke, wir können uns beim Vornamen nennen?" Einstimmiges Nicken. „Schön. Da niemand Vorstellungsrunden mag, übernehme ich das jetzt einfach, mich kennen ohnehin alle. Hier vorn haben wir Augustus Pye aus der Abteilung für Verletzungen durch Tierwesen, zu seiner Linken Annabeth Markins und ihren Kollegen Patrick Matthews aus der Abteilung für Vergiftungen, Rupert Channings arbeitet in der Abteilung für Infektionskrankheiten und natürlich Hermine Granger, die im Moment noch bei mir auf der Station tätig ist." Wieder wurden verlegene Blicke gewechselt.
Zu ihrer aller Erleichterung kam in diesem Moment die Bedienung wieder und verteilte die Getränke. Hermine nahm dankbar einen großen Schluck von ihrem Ginger Ale. Das süße Getränk war angenehm kühl auf ihrer Zunge. Durch die offene Tür konnte sie den Betrieb im Schankraum hören, ein deutlich angetrunkener Mann brüllte etwas Unverständliches. Eine Glocke läutete, jemand rief: „Hört sofort auf!" Dann ging die Bedienung wieder raus, schloss die Tür hinter sich und es wurde still.
„Also." Wieder war es Miriam, die das Wort ergriff. Sie wandte sich Hermine zu. „Wir waren alle sehr beeindruckt davon, wie du Mr Snape gerettet hast. Erzähl uns doch erst mal, wie du das gemacht hast."
Hermine rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Ich bin mir nicht sicher, ob Mr Snape einverstanden damit wäre, wenn ich Einzelheiten seines Falls hier offenlege."
Miriam machte eine ungeduldige Geste mit der Hand. „Wir wollen nicht wissen, was du in seinem Kopf gefunden hast. Die Ursache für seinen Zustand haben wir registriert und falls uns nochmal ein Patient in diesem Zustand erreichen sollte, werden wir hoffentlich daran denken. Nein, wir wollen wissen, wie du ihn davon abgehalten hast, zu verhungern."
„Oh, okay." Hermine wischte sich die feuchten Hände unauffällig an ihrer Hose ab. „Das war keine große Sache. Die Muggel nutzen diese Art der Ernährung für Patienten, die nicht oder nicht ausreichend auf natürliche Art ernährt werden können. Man legt einen Zugang in eine Vene und alles, was der Körper braucht, wird direkt ins Gefäßsystem geleitet." Hermine ließ ihren Blick über die anderen Heiler gleiten, als sie verstummte, und musste feststellen, dass es für die anderen möglicherweise doch eine große Sache war.
„Und das hat tatsächlich funktioniert?", fragte Augustus beeindruckt.
„Ja. Warum sollte es nicht?"
Nun lagen alle Blicke auf ihm und Hermine atmete auf. „Na ja, ich hab … vor Jahren mal eine Methode der Muggel ausprobiert und das hat … gar nicht funktioniert."
Wie bei einem Tennisspiel sahen nun alle wieder Hermine an. „Es kommt natürlich darauf an, wo das Problem liegt. Die meisten magische Probleme lassen sich mit Muggelmethoden nicht behandeln, weil sie in der Muggelwelt nicht vorkommen. Ich nehme an, es war ein magisches Problem?"
„Ähm, ja."
Kollektives Nicken.
„Was war denn das Problem bei Mr Snape?", fragte Heiler Matthews … Patrick … in diesem Moment.
Hermine holte tief Luft und lehnte sich mit den Unterarmen auf die Tischplatte. „Er hat den Ernährungszauber nicht toleriert und aufgrund seines Zustandes war es nur eingeschränkt möglich, ihn zu füttern. Die Umgehung des Verdauungstraktes war hier der einzige Weg und hatte den gewünschten Erfolg."
„Warum hat er den Ernährungszauber nicht toleriert?", fragte Annabeth von der anderen Seite des Tisches. Ihr Gesicht war vor Aufregung gerötet, sie sah Hermine aber neugierig an.
„Das hatte keine medizinischen Gründe", antwortete Hermine ausweichend. „Aber wenn ihr nochmal eine so heftige Reaktion darauf erlebt, könnt ihr es mit kleineren Portionen häufiger am Tag versuchen. Das könnte helfen."
„Und wenn es nicht hilft, sagen wir dir Bescheid", fügte Miriam hinzu und tätschelte Hermines Hand.
Diese runzelte die Stirn. „Und was genau soll ich dann tun? Das Ministerium hat die Verwendung von Muggelmedizin verboten."
Es wurde spürbar unruhig am Tisch. Es sagte zwar niemand etwas, aber alle sahen Miriam an, Gläser wurden über die Tischplatte geschoben, Füße scharrten über den Boden und Stühle knackten.
„Das Ministerium muss es ja nicht wissen."
„Wie willst du das sicher stellen, Miriam? Ich habe Mr Snape nur für eine Woche an der Infusion hängen gehabt. Es war deutlich sichtbar, dass es ihm hilft und seinen Zustand verbessert. Und trotzdem gab es jemanden, der es dem Ministerium gemeldet hat. Es wird immer jemanden geben, der das tut."
Miriam sah sie verdrießlich an. „Ich weiß es noch nicht, Hermine. Aber wie du selbst sagtest: Es hat ihm geholfen und seinen Zustand verbessert. Das ist etwas, das ich mit meinen Methoden nicht erreichen konnte. Ich kann es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, existierende Methoden nicht zu nutzen, nur weil ein paar Greise im Ministerium es mir aus ihrer Ignoranz den Muggeln gegenüber verbieten!"
Am Tisch erhob sich zustimmendes Gemurmel. Schließlich sagte Patrick: „Wir sind erst mal hier, damit du uns mehr erzählen kannst, Hermine. Wie wir es dann schaffen, diese Methoden auch umzusetzen, darum kümmern wir uns später. Okay?"
Hermine sah sich nachdenklich um. Ihre Kollegen sahen sie genauso erwartungsvoll an, wie ihre Mitschüler damals bei Dumbledores Armee Harry angesehen hatten. Sie seufzte. „Also gut. Was wollt ihr denn wissen?"
Als wäre das ein Startschuss gewesen, fingen alle an, in ihren Taschen zu wühlen und Pergamente, Notizblöcke, Federn, Tintenfässer und Stifte auszupacken. Hermine sah ihnen sprachlos dabei zu und als die Geschäftigkeit sich legte, hatte jeder von ihnen eine Liste mit Fragen vor sich liegen. „Schön, dass du fragst", sagte Rupert neben ihr trocken.
Hermine nickte langsam. „Ich glaube, ich möchte doch etwas zu essen bestellen."
Zwei Stunden lang beantwortete Hermine geduldig fast jede Frage, die ihre Kollegen ihr stellten. Gut die Hälfte der auf den Listen stehenden Fragen hatte sie gleich am Anfang ausgesiebt mit dem Hinweis: „Magische Ursache – magische Behandlung." Es waren trotzdem noch so viele Fragen übrig geblieben, dass sie sich jetzt fühlte wie nach jedem Mal, das sie Harry und Ron in Hogwarts etwas zu erklären versucht hatte – als gäbe es keine Worte mehr in ihr, weil sie sie einfach alle benutzt hatte. Dafür hatte sie dieses Mal den Eindruck, dass es tatsächlich etwas gebracht hatte.
Nach und nach brachen nun ihre Kollegen auf. Am Ende waren sie und Patrick als einzige übrig. „Danke für die vielen Antworten", sagte er und kam zu ihr, nachdem er seinen Stuhl unter den Tisch zurückgeschoben hatte.
„Keine Ursache. Wie hilfreich sie sind, wird sich zeigen."
Er wog nachdenklich den Kopf. „Meistens werden die magischen Varianten der Behandlung schon ihren Dienst tun. Aber für die Ausnahmen vorbereitet zu sein, schadet nicht."
„Erzähl das mal dem Ministerium …"
„Besser nicht." Er lächelte schief.
Hermine seufzte. „Ja, genau das meine ich. Ich hab kein Problem damit, euch Fragen zu beantworten, aber was wollt ihr mit dem Wissen anfangen? Ihr dürft es nicht nutzen. Ich darf es nicht nutzen."
„Und trotzdem hast du es dir angeeignet."
„Ja."
„Warum?" Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tischplatte und sah sie neugierig an.
Sie holte tief Luft. „Ich hatte nach dem Ende des Krieges genug von Magie. Ich musste mal eine Weile raus. Und ich weiß gern so viel wie möglich über ein Thema."
„Aber wie willst du mit dem nächsten Patienten, dem mit Muggelmethoden geholfen werden könnte, zurecht kommen? Du kennst die Möglichkeiten, darfst sie aber nicht nutzen."
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich werde ich gar nicht damit zurechtkommen."
Er nickte. „Deswegen sind wir hier."
„Also habt ihr ernsthaft vor, Gesetze zu brechen?"
Patrick lächelte verschmitzt. „Muggelmedizin bei Zauberern und Hexen anzuwenden, verstößt gegen kein Gesetz. Das Ministerium mag es nur nicht, wenn ihm vor Augen geführt wird, dass die andere Seite etwas besser kann als wir."
Hermine schnaubte. „Der Stolz des Ministeriums hätte Mr Snape fast das Leben gekostet."
Patrick nickte. „Darum geht es. Das Ministerium ist zu weit gegangen und wir sind nicht bereit, das zu akzeptieren."
„Und was genau wollt ihr tun? Selbst wenn es jetzt noch nicht gegen das Gesetz verstößt, Muggelmedizin anzuwenden, wird das Ministerium sicherlich dafür sorgen, diese Gesetzeslücke zu schließen, wenn wir sie zu oft nutzen."
„Das sollten wir verhindern, indem wir uns erst mal bedeckt halten. Aber ganz grundsätzlich finde ich, wir sollten nicht nur die Muggelmedizin für uns nutzen …"
Hermine zog die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?"
Patrick sah sie eindringlich an. „Nun komm schon, Hermine … Du weißt, was ich meine. Denk an deine Mutter."
Sie atmete scharf aus. „Du willst magische Methoden für Muggel zugänglich machen?"
„Zumindest für die Muggel, die eh von unserer Welt wissen."
„Das wird niemals geschehen", entgegnete Hermine düster und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Gesetze lassen sich ändern."
„Das ist nicht nur ein Gesetz, sondern das Internationale Geheimhaltungsabkommen. Die Existenz der gesamten Zauberergesellschaft basiert darauf."
Er verdrehte die Augen zur Decke. „Ich sage ja auch nicht, dass wir hingehen und die ganzen Welt über die Existenz von Magie in Kenntnis setzen sollten. Aber unter den Verwandten von muggelstämmigen Hexen und Zauberern oder den Muggel-Ehepartnern von Magiern wird es Ärzte geben, die ein Bindeglied sein können. Die verstehen, wie wichtig die Geheimhaltung ist und die sowohl Muggelmethoden an Hexen und Zauberern praktizieren können, als auch eingeweihte Muggel an uns vermitteln können, wenn ihre eigenen Methoden nicht mehr reichen. Wir müssen vorsichtig sein, aber es gibt Wege. Wir müssen uns nur trauen, sie auch zu beschreiten."
Hermine sah ihn nachdenklich an; der Gedanke an die Revolution drängte sich ihr wieder auf. „Das klingt, als wolltest du das gesamte magische Denken über den Haufen werfen."
Er zuckte mit den Schultern. „Wenn es sein muss …"
„Da hast du dir viel vorgenommen."
„Ich hoffe, dass ich es nicht allein machen muss." Er sah sie an, seine Augenbrauen zuckten.
„Was, ich?" Hermine legte sich eine Hand auf die Brust, die Augen aufgerissen.
„Sag jetzt nichts dazu. Lass es dir durch den Kopf gehen. Ich halte nicht viel davon, es langfristig so zu machen, wie Miriam sich das vorstellt. Du hast recht, es wird irgendwann auffliegen und dann haben wir ein Problem. Wir sollten es richtig tun. Und wenn wir den richtigen Plan haben, dann halte ich es für möglich."
„Aber …"
Er hob die Hand und brachte sie damit zum Schweigen. „Sag – nichts. Denk darüber nach. In Ruhe."
Hermine schürzte die Lippen. „Also gut."
„Schön." Er stieß sich von der Tischplatte ab. „Wann kommst du eigentlich wieder in meine Abteilung?"
„Ich hoffe bald! Ich hatte es so vereinbart, aber Halfpipe hat mich auf die Janus Thickey-Station gepackt, weil er dachte, wenn ich einmal einen Totgesagten ins Leben zurückholen kann, schaffe ich das auch wieder."
Patrick verdrehte die Augen. „Leute wie er sind das Problem. Leute, die noch nie einen Patienten aus der Nähe gesehen haben."
„Ja, ich weiß. Aber ich sollte spätestens in zwei Wochen wieder fest auf deiner Station sein."
Er lächelte breit. „Sehr gut. Dann bis bald, Hermine!"
„Bis bald!"
Er hob die Hand zum Abschied, ehe er disapparierte. Und Hermine tat es ihm gleich.
