Kapitel 36:
Iroh/Suzuran/ Hafen/ Ba Sing Se
Iroh saß in einer ruhigen Ecke von Suzurans Brücke um Listen und Eventualitäten für ihr Vorhaben zu prüfen und sortieren. Ein Teil von ihm sehnte sich danach, selbst in die Stadt zu schleichen, richtig den Helden zu spielen und seine Geliebte über die Schulter zu werfen und hinaus zu tragen, danach mit fliegenden Feuerbällen galant den Sieg zu erringen.
… Was ihm prompt einen von Amayas Schneebällen den Rücken hinunter einbringen würde. Auch wenn sie ihn ebenso sehr vermisste wie er sie.
Ah, nun gut. Er konnte nur hoffen, dass sie den General ebenso guthieß, wie den Teemacher. Und als General wusste er, wo sein Platz war. Und das hieß eben nicht hinter feindliche Linien zu schleichen wie jüngere und stürmischere Seelen. Sein Platz war hier, um zu koordinieren, zuzuhören und den Männern ein beruhigendes Lächeln zu gewähren, während Vorräte in die Lagerräume hinunter huschten und Kapitän Donghais Bekannte sich ihrer Verschwörung anschlossen.
Denn es ginge gar nicht, dass ihr Wahnsinnsplan fehlschlug, nur weil nicht genug auf die Details geachtet wurde.
Nicht ganz Wahnsinn, reflektierte Iroh. Doch ich hoffe, dass Azula das glaubt. Unter anderen Umständen hätte sie Recht. Kein Kommandant der Feuernation konnte es wagen sich einem Lord der Erde zu nähern und ein besseres Schicksal erwarten, als von einer Lawine begraben zu werden.
Doch der Erdkönig kannte seinen Neffen, wenn auch in einer anderen Maske. Er kannte Lee und vertraute ihm als Boscos Heiler. Zumindest sollte Kuei ihn nah genug heranlassen, um ihn anzuhören.
Und Kuei sollte zuhören, versicherte sich Iroh, während er einem Besatzungsmitglied zunickte, das gerade lange genug stoppte, um ihm über den Verlauf des Beladens zu berichten. Shirongs Bericht besagte, dass der Erdkönig über den Plan informiert wurde. Und dass er ihn für gut befand.
Doch Iroh wusste zu seinem Leidwesen auch, wie Herrscher dachten. Und was sie beschlossen, wenn ein möglicher Verbündeter außer Reichweite war konnte sich auf schreckliche Weise ändern, wenn das Blut eines Feindes zum Greifen und Vergießen nah war.
Wenn dem so war… nun. Sein Neffe hatte sich dem Avatar gestellt und es überlebt. Zuko würde tun, was notwendig war, um für ihr Volk die Freiheit zu erringen.
Er hat das Feuer um zu führen, auch wenn die ganze Welt verrückt erscheint. Er hat ein Ziel gefunden, für das es sich zu kämpfen lohnt. Und er ist der Sohn meines Bruders. Er mag Ursas gütiges Herz haben, doch er hat den ganzen, stählernen Willen Sozins.
Und das führte zu einem etwas leichteren Seufzer, als Iroh wieder wünschte, mit hinter Teruko herzuschleichen. Kueis Gesichtsausdruck musste wunderbar anzuschauen sein. Und er verpasste es.
„Sir?" Matrose Saburo stoppte vor ihm, das wettergegerbte Gesicht des Falkners war ausnahmsweise mal unsicher.
„Nur der Wunsch, ich könnte an drei Orten gleichzeitig sein", Iroh lächelte. „Ich hatte in diesen vergangenen sechs Jahren vergessen, wie frustrierend die Aufgaben eines Generals sein können. Doch alles läuft im Moment gut."
„Wenn sie es sagen." Saburo zögerte. „Sir. Es gibt ein Problem."
Ein Problem, dachte Iroh ein paar Minuten später, als er zwei Ebenen weiter unten eine Offiziersmesse betrat. Gut gesagt. „Master Sergeant Yakume", sagte er sanft, als er den Mann und seinen Begleiter vom Erdkönigreich betrachtete, wie sie in der Mitte eines halben Dutzend nicht sehr erfreuter Seemänner, die als Wachen fungierten, standen. „Es ist lange her." Er sah zur Seite zu Kapitän Jee, der so ernst und entschlossen wirkte, wie er ihn je gesehen hatte. „Danke sehr, Kapitän. Ich kümmere mich um diese Angelegenheit."
„Sir." Sorge, Beunruhigung, der immer stärker werdende Druck der Zeit; das alles lag in einem Blick.
„Wir haben Sergeant Aoi und seinen Männern ein Versprechen gegeben, das wir noch zu erfüllen haben", zeigte Iroh auf. „Ich glaube der Master Sergeant wird das für uns alle sicherer machen. Für das allein schulde ich ihm Antworten. Unter vier Augen." Auf Jees reflexartiger Anspannung lächelte Iroh nur. „Es gibt noch viel zu tun."
Einen Moment lang wirkte Jee rebellisch. Dann seufzte er und nickte, schickte die Wachen hinaus. „Zwingen sie mich nur nicht, das erklären zu müssen, General." Mit einer Verbeugung ging er und schloss die Luke hinter sich.
„Ist er verrückt?", brach es aus dem Wachkapitän heraus. „Wir könnten –"
„Sterben", sagte Yakume ungeschönt. „Wir zwei, eingeschlossen mit dem Drachen des Westens? Wir sind tot, wann immer es ihm passt." Doch straffte er sich trotzdem. „Ich habe Kapitän Lu-shan mein Wort gegeben, dass ich ihn hier beschützen werde."
„Es wird geehrt werden", sagte Iroh großzügig. „Doch wenn sie wussten, dass ich hier sein würde, warum haben sie Kapitän Lu-shan in Gefahr gebracht?"
„Er sollte erfahren, welcher Klan einen der seinen gestohlen hat."
„Ah", sagte Iroh leise. „Huojin." Er neigte seinen Kopf zu dem Kapitän. „Die Schuld liegt bei mir. Ich war der Lehrer meines Neffen. Und durch meine eigene Ausbildung bin ich… widerstandsfähig gegen den Ruf eines anderen Feuerbändigers. Ich hatte nicht erkannt, wie stark mein Neffe geworden war. Und auch nicht, wie bereitwillig er jene von Ba Sing Se verteidigen würde, obwohl er sie erst seit einer kurzen Weile kannte."
„Sie wollen mir erzählen, dass sie einen guten Wachmann völlig unbeabsichtigt zu einem Verräter gemacht haben?" Lu-shans Fäuste ballten sich und ein tollkühnes Licht stand in seinen Augen.
„Huojin ist kein Verräter", sagte Iroh streng. „Selbst jetzt dient er dem Volk dieser Stadt mit der Zustimmung des Erdkönigs." Hoffe ich. „Von der Feuernation. Ja, von dort stammt er her, ebenso wie wir. Aber wir sind nicht ihre Feinde." Sein Blick ruhte auf Yakume. „Und deshalb sind sie hier. Nicht wahr?"
„Wie?" Ein ersticktes Wort und Yakume zitterte vor Wut und Schmerz. „Wie konnten sie den Feuerlord verraten? Ihre Leute verraten? Sie haben uns quer durch das Erdkönigreich geführt, sie haben 600 Tage lang die Belagerung von Ba Sing Se gehalten! Und dann, als wir sicher waren, dass die Erdbändiger uns alle abschlachten würden, haben sie sie abgebrochen und uns herausgeführt –"
„Und um diese Belagerung zu beenden", schnitt Iroh durch seine Worte, „brach ich meine Loyalität zu Feuerlord Azulon."
Yakume erbleichte. Lu-shan schaute zwischen ihnen hin und her, Wut ebbte zu Unsicherheit und zu einem gewissen, argwöhnischen Interesse.
„Der Wille meines Vaters lautete, dass Ba Sing Se niedergeworfen werden sollte", legte Iroh dar. „Ganz gleich, was es kostete. Das war sein Wunsch, so lauteten seine Befehle unter vier Augen, zwischen uns beiden. Ich widersprach nicht, nicht damals. Denn die Geister hatten mir eine Vision gewährt, wie ich die Mauern von Ba Sing Se überwinde und die Stadt im Sturm erobere." Er wog Yakume in einem Blick. „Ich wusste, als ich den Rückzug befahl, dass es mich das Leben kosten würde. Und vielleicht noch mehr, den Geistern ihre Vision zu verweigern. Doch da mein Lu Ten, mein Sohn fort war… kümmerte es mich nicht länger. So handelte ich, wie ein General sollte und entschied meine Männer zu retten." Er lächelte, traurig und ironisch. „Stellen sie sich meine Überraschung vor, als ich Tage später erwachte und erkannte, dass ich überlebt hatte."
„Aber…" Yakume schwankte fast, weiß vor Schock. „Wenn das der Befehl des Feuerlords war…"
„Hätte ich nicht hingerichtet werden sollen?", beendete Iroh den Satz für ihn. „Ja. Wenn erst Kunde meines Verrats Azulon erreichte… Ich kannte meinen Vater und er war kein nachsichtiger Mann. Doch die Ereignisse verliefen zu meinen Gunsten. Obwohl ich wusste, dass mein Leben verwirkt war, wusste ich doch auch, dass die Geister mir jene Vision von Ba Sing Se geschenkt hatten. Und so beschloss ich zu verschwinden so gut ich konnte und die wenigen Wochen, die mir noch blieben bis mein Vater mich ergriff, einer Geister-Queste zu widmen. Um zu erfahren warum." Er lachte leise, nicht ganz bitter. „Und Azulon starb und mein Bruder bestieg den Thron. Und Ozai war nie anwesend, als unser Vater mir persönliche Befehle gab. Mein Bruder betrachtete mich als Versager, jedoch nicht als Verräter. Und so, als ich die Antworten gefunden hatte, die mir die Geister gewährten… kehrte ich nach Hause zurück." Er seufzte. „Und das war auch gut so. Denn ich entdeckte, dass die Ehefrau meines Bruders, Lady Ursa, verschwunden war. Und zwar noch in der Nacht von Azulons Tod. Niemand wollte sagen wohin oder warum. Und ich entdeckte meinen Neffen, verängstigt und allein. Mutter fort, Vater hingerissen in dem Ruhm Feuerlord zu sein, der seinen Dunklen Drachen von einer Tochter in allem, nur dem Namen nach noch nicht als Erbe vorzog." Irohs Augen wurden schmal, nur kurz zeigte sich ein wütendes Funkeln. „Ozai gab ihn in meine Obhut, Yakume. Ein fehlgeschlagener Erbe einem fehlgeschlagenen Prinzen. Diese Worte wurden nie ausgesprochen, doch mein Bruder hat nie Worte gebraucht, um zu verletzen."
„Aber… der Prinz ist ein Feuerheiler", protestierte Yakume.
„Eine Gabe, die er erst im Exil perfektionierte", sagte Iroh unerschütterlich. „Eine Macht, die jemandem gehört, der nicht länger dem Feuerlord loyal ist. Er hat überlebt, Yakume. So wie ich überlebt habe." Iroh holte tief Luft. „Doch falls der Feuerlord ihn jetzt gefangen nehmen sollte, wird er exekutiert werden. Eben weil er ein Feuerheiler ist."
„Das ist verrückt", sagte Lu-shan ungläubig. „Ihr seid alle verrückt."
„Nein." Yakumes Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber beständig. „Ich weiß was er meint. Oh, Agni..."
„Die Loyalität zu brechen, heißt das eigene Innere Feuer zu löschen." Iroh beobachtete sie beide. „Ein Heiler kann dieses Feuer nähren. Kann die Glut nähren, selbst gegen die Kälte des Todes, bis die Seele neue Kraft schöpft... oder vergeht."
„Prinz Zuko kann Deserteure retten." Yakumes Augen waren ernst.
Iroh nickte. „Und wenn das bekannt wird, wird mein Bruder versuchen seinen Sohn zu töten. Wieder."
„Wieder?" Yakume war totenbleich, als ob das Stahldeck unter ihm zu einem Eismeer zersplittert war und er auf der letzten eisigen Kante vor dem Abgrund stand.
„Ich bin neugierig", überlegte Iroh, Samt über Stahl. „Nehmen alle an, dass mein Neffe einen Trainingsunfall erlitten hat?"
„Sagen sie nichts dazu."
Iroh bewegte sich nicht, als Lu-shan vortrat, sondern zog nur eine graue Augenbraue hoch.
„Ich kann ihn nicht leiden", grollte der Wachkapitän und zuckte sein Kinn zu Yakume. „Er kann mich, meine Männer und meine Stadt auch nicht ausstehen. Aber bisher hat er sein Wort gehalten. Das stellt ihn weit über einen Eidbrecher und Verräter." Lu-shans Augen wurden schmal. „Warum sollten wir ihnen irgendwas von dem was sie uns erzählen abkaufen?"
Iroh zuckte zusammen, nickte jedoch. „Sie haben mit dem Dai Li gelebt, sie wissen, wie leicht es für Anführer ist, die Wahrheit zu verschleiern. Und das ist mehr als manche der Feuernation gelernt haben." Er seufzte. „Glauben sie es, oder auch nicht. Ich bitte sie nur, unsere Handlungen zu beobachten und ihr eigenes Urteil zu fällen." Er wendete sich zu Yakume. „Sie waren immer ein loyaler Soldat. Ich hege keinen Zweifel, dass sie, jetzt, da sie mich gesehen haben, meine Anwesenheit ihren Vorgesetzten melden werden. Deshalb müssen wir sie beide hier festhalten, bis wir bereit sind." Er hielt inne. „Wenn sie dann so gütig wären Sergeant Aoi und die anderen der Mannschaft, die Kapitän Jee nicht folgen wollten in ihre Obhut zu nehmen, dann haben wir unsere Pflicht gegenüber guten und loyalen Männern erfüllt, sie nicht unter Feinden stranden zu lassen. Und sie werden wertvolle Informationen haben... Verzeihen sie, ich will offen sein. Sie werden Informationen haben, die Prinzessin Azula davon abhalten werden, zu genau die Einzelheiten ihres Besuchs hier zu hinterfragen. Ich fürchte, dass sie das brauchen werden."
„Die Prinzessin ablenken?", sagte Yakume vorsichtig.
Irohs Nackenhaare stellten sich auf. „Geister, was hat sie jetzt schon wieder getan?"
Lu-shan schaute sie beide an und stieß genervt den Atem aus. „Es geht nicht um das, was sie gemacht hat, sondern was ihr Junge machen wird. Sie herausfordern zu diesem – Agni-soundso, um die Stadt zurückzugewinnen. Das heißt nur, dass wir von einem Erben der Feuernation an den anderen abgegeben werden, also warum ihr glaubt, dass das irgendeinen von uns kümmert..." Die Stimme des Wachmanns ebbte ab, er beäugte Iroh. „Aber das ist gar nicht der Plan, oder?"
„Nein, das ist nicht der Plan", sagte Iroh schlicht. „Wenn wir Glück haben, wird keiner von uns Azula begegnen. Weder ich noch Prinz Zuko, noch irgendeiner jener Flüchtlinge, die wir versuchen zu retten."
Yakume trat einen Schritt zurück, riss seinen Blick fort und sah sich Suzuran mit frischen Augen an. „Sie... sie können nicht meinen..."
„Unser Volk ist wichtiger als jeder Befehl", erklärte Iroh. „Ich bin sehr stolz auf meinen Neffen."
„Aber sie hat seinen Platz als Erbe eingenommen!", protestierte Yakume. „Er muss sie herausfordern!"
„Nein", sagte Iroh scharf. „Sie steht jetzt als einziger Erbe. Die Geister selbst haben es für Prinz Zuko unmöglich gemacht, je Feuerlord zu werden."
„Aber –"
„Unmöglich." Iroh schnitt ihn mit einer scharfen Handbewegung und düsterem Gesicht ab. „Sprechen sie mit Sergeant Aoi und sie werden verstehen. Admiral Zhao, in seiner Arroganz und Selbstüberschätzung hat sich gegen den Mond gewendet. Er hat einen Großen Geist verwundet, Yakume! Und nur durch ein beherztes Opfer konnte der Schaden geheilt werden. Doch das ist unwichtig. Einer der Feuernation hat einen Schlag gegen das Gleichgewicht der Welt geführt. Und Prinz Zuko war dort."
„Er wurde verflucht." Yakume schüttelte langsam den Kopf, wollte es abstreiten.
„Der Mond selbst hat ihre Hand auf meinen Neffen gelegt und wird sich nicht abschütteln lassen", legte Iroh dar. „Prinzessin Azula steht als Erbe. Und als Erbe wird sie Verräter an der Feuernation exekutieren." Er stoppte kurz. „Durch den Erlass meines Bruders sind jene, die aus unseren Grenzen fliehen, die sich verbergen, die nichts weiter wünschen, als ehrliche Bürger sicher vor dem Krieg zu leben... sie sind Verräter. Sie alle."
Die Offiziersmesse schien kälter zu werden. „Zivilisten", protestierte Lu-shan.
„Es wird keine Rolle spielen", sagte Iroh tiefernst.
„Bei Guanyins gnädigem Schleier, Mann – Frauen und Kinder!"
„Es wird keine Rolle spielen." Iroh starrte ihn nieder. „Azula hat den Tod ihres Bruders angestrebt, seit sie sechs Jahre alt war. Glauben sie, sie wird zögern andere Kinder zu erschlagen? Das wird sie nicht."
Lu-shan prallte zurück. „Und sie haben vor, das als Erbe zu erlauben?"
„Ich beabsichtige", begann Iroh mit der trockensten Ironie, „zu sehen, was der Avatar beschließt mit ihr zu tun. Denn das ist, alles betrachtet, die einzige Wahl, die die Geister mir gelassen haben. Oder hätten sie es lieber, wenn ich meinen eigenen Bruder und seine Tochter erschlage? Wenn ich es überhaupt könnte. Ich glaube nicht, dass ich die Macht dazu habe." Er schüttelte den Kopf. „Avatar Kyoshi hat die Linie des Feuerlords unserem Volk auferlegt. Es wird die Entscheidung ihres Erben sein, ob das andauert und die Welt Feuerlord Azula erleben wird." Er begegnete Lu-shans Blick und ließ den Mann tödliches Gold sehen. „Oder folgen sie wohin die Feuernation führte und zweifeln am Avatar?"
Lu-shan funkelte ihn an, wie ein Stachel-Eber einen Rivalen und schüttelte den Kopf. „Wenn sie schon so lange wussten, dass sie ein Monster ist, dann hätten sie schon vor Jahren etwas tun müssen."
„Ja", bestätigte Iroh. „Das hätte ich. Ich war stolz und blind und glaubte unsere Nation hätte das Recht die Welt zu erobern. Doch selbst damals hätte ich etwas tun sollen." Er blickte in seine Erinnerung. „Welche Weisheit ich auch errungen haben mag, hat mich meinen einzigen Sohn gekostet. Beten sie, dass die Weisheit des Erdkönigs Ba Sing Se nicht mehr kostet, als bisher." Er machte eine Geste zur Luke. „Meine Herren, erlauben sie mir jetzt, dass ich ihnen Sergeant Aoi vorstelle."
Zeit, dachte Iroh, als sie sich argwöhnisch in Bewegung setzten. Wir haben so wenig Zeit.
Und doch, es wäre gelogen, hätte er behauptet, dass er das hier nicht genoss. Meisterschaft der Details, Meisterschaft über Männer; die messerscharfe Klarheit der Welt, während er sich an der List seines Feindes testete.
Ich frage mich, ob Kuei es auch genießt?
Iroh grinste schief; dachte an eine Nacht vor Jahren, als er einen zitternden, blutbeschmierten Jugendlichen beruhigt hatte. Falls sein junger Neffe irgendwelche letzten Illusionen über ruhmreiche Kriege und Schlachten genährt hatte, so waren sie in den Hintergassen eines Hafens gestorben. Kueis erste Todesopfer waren nur durch seine Befehle geschehen, nicht durch seine eigenen Hände, doch… Wahrscheinlich nicht.
Shirong, Kuei, Quan/ Zuflucht/ Ba Sing Se
„Ich glaube, ich muss mich übergeben." Kuei schluckte.
Möglichst unauffällig kräuselte Shirong den Boden, um einen Mülleimer günstig in die Reichweite von Boscos Tatzen zu stupsen. Er hätte mehr für den Erdkönig tun können, doch Quan und Bon wichen dem jungen Monarchen nicht von der Seite...
Der Erdkönig, dachte Shirong bis in die Seele erschöpft. Nicht mein König.
Oma und Shu – ich habe um Hilfe gebeten, aber nicht darum! Ich wollte unserer Stadt helfen. Ich wollte... Lee helfen.
Sein möglicher Rekrut. Der junge Mann, der vor gerade ein paar Minuten aus diesem Beratungsraum gegangen war, mit einer Karte in der Hand und einem leicht betäubten Ausdruck auf dem Gesicht. Der, dem Shirong vor allen anderen traute, das Richtige zu tun.
Der Sohn des Feuerlords. Shirong wand sich. Was soll ich nur machen?
„Ich kann es mir kaum vorstellen." Quans Augen waren überschattet. „Eroberung ist eine Sache. Doch aus freiem Willen auf einen Teil des Königreichs zu verzichten – ich kann den Geist des Landes nicht spüren, und trotzdem ist mir mulmig. Feuernation, die auf unserer Türschwelle wohnen. Das wird irgendwann noch ein Problem werden." Er hob die Schultern, als Kuei ihn stirnrunzelnd ansah. „Jetzt ist es das wahrscheinlich wert, um die Besatzung hier zu stören, doch geborene Killer neben einen Tempel von Pazifisten zu setzen? Ich weiß, seit Chins Zeit hat sie keiner mehr leiden können, aber … nun. Ich kann verstehen, warum ihr aufgewühlt seid."
Kuei schaute ihn einen langen Moment an. Dann wandte er sich zu Bosco, kratzte ihm die Ohren und blickte wieder zu ihm.
Jetzt ist er etwas weniger grün, urteilte Shirong und erhaschte den Anflug eines Lächelns auf Kueis Gesicht. Interessant.
„Agent Quan", begann Kuei nachdenklich, „haben sie dem Prinzen zugehört? Oder mir?"
Quan schwieg. Bon zögerte, dann warf er Shirong einen eindringlichen Blick zu.
„Das hat er", sagte Shirong und beugte sich der schweigenden Bitte nach Rettung. „Und wenn er gehört hat, was ich gehört habe, dann hat er eine Menge Gründe erhascht, warum Prinz Zukos Leute jetzt alle Hände voll zu tun haben werden. Aber in zehn Jahren? Zwanzig? Dann könnten sie eine Macht sein, mit der man rechnen muss. Außer etwas anderes hält sie in Schach. Und obwohl der Nordpol in der Nähe ist, ist es beim Nördlichen Wasserstamm unüblich in großer Zahl fortzusegeln." Er stoppte. „Oder zumindest jetzt nicht. Glaube ich."
„Sie wissen es nicht?", fragte Bon überrascht.
„Ich weiß zwar viel über die Feuernation, doch habe ich nicht viel über den Norden gelesen", antwortete Shirong. Er begegnete wieder dem bebrillten Blick. „Wir studieren nicht alle die Geschichte, Eure Majestät. Und es findet sich eine Menge Geschichte in eurer Bücherei." Shirong lächelte schief. „Es ist nicht nur möglich, dass ihr etwas wisst, was wir nicht wissen, es ist sogar sehr wahrscheinlich."
„...Oh." Kuei wirkte gescholten. Er straffte die Schultern und holte tief Luft. „Es gibt eine Redensart aus Avatar Yangchens Zeit. 'Willst du eine Stadt belagern, nutze Wasserbändiger. Willst du sie halten, nutze Erdbändiger. Willst du sie einnehmen, nutze Feuerbändiger. Willst du sie vernichten...'"
Er musste nicht ausreden. Quan nahm es auf und runzelte die Stirn. „In den Geschichten heißt es, die Luftnomaden waren friedliche Leute."
„Ja, ich weiß", sagte Kuei trocken. „Doch mir fällt es schwer zu glauben, dass der 21. Erdkönig aus reiner Herzensgüte zugestimmt hat, den Nördlichen und Westlichen Lufttempel auf ewig und unbegrenzt zu versorgen. Nur weil friedliche Leute ihn darum baten."
Er kratzte wieder hinter pelzigen Ohren und Bosco lehnte sich in seine Hand. „Meine Vorfahren waren gut, schlecht, oder auch gleichgültig, doch sie waren nie freigiebig. Ich habe jeden Vertrag gelesen, der Ba Sing Se bindet. Ich muss wissen, woran mein Volk gebunden ist." Er zog den Kopf etwas ein. „Ich habe versucht ein guter König zu sein."
„Versucht es weiter, Sire", sagte Bon schlicht. „Es ist eine harte Aufgabe."
„Es ist eine große Aufgabe", sagte Kuei leise. „Viel größer, als ich dachte." Er seufzte. „Also. Ich habe die Abmachungen und Verträge gelesen, die Bitten um gegenseitige Unterstützung und … Guanyin sei gnädig, ich habe die niedergelegten Bedingungen gesehen, als Ba Sing Se einen Feind überwältigt hatte." Er hielt inne, die Augen beunruhigt. „Die Formulierungen waren nicht ganz klar, doch ich könnte schwören, jenes eine Mal war es der 21. Erdkönig, der überwältigt wurde."
Quan zögerte, dachte offensichtlich zweimal nach, ehe er sprach. „Wir haben Avatar Aang beobachtet, Eure Majestät. Er ist eine sehr... friedliche Person. Die meiste Zeit über."
„Sie meinen, wenn er nicht meine Armee wie Streichhölzer beiseite wischt, Teile meines Palastes einstürzen lässt und Leuten, denen ich vertraue, Verrat vorwirft?", sagte Kuei trocken. „Diesem Standard zufolge ist Prinzessin Azula eine friedliche Person. Meistens." Er schauderte.
Shirong räusperte sich. „Eure Majestät, ich glaube, darum geht es gar nicht. Die Leute, die heute im Tempel leben, das sind keine Luftnomaden. Sie sind vom Erdkönigreich und sie werden jetzt von der Feuernation bedroht. Ich denke ‚friedlich' wird für sie keine Priorität haben." Er warf Quan einen Blick zu. „Ich habe Feuerbändiger heilen sehen. Wie könnte ich zweifeln, dass nicht auch manche Luftbändiger imstande sind zu töten?"
„Wenn man zum Äußersten gedrängt wird", begann Quan.
„Wir werden hier ebenfalls zum Äußersten gedrängt." Kuei deutete zu einer der Schriftrollen auf dem Tisch des Beratungsraums, die unter den verschiedenen Karten und Dokumenten hervorlugte, die er in der Verhandlung mit Zuko gebraucht hatte. „Schauen sie sich diesen Bericht an, Agent Quan. Lesen sie. Unsere Leute, tot, weil – wegen meiner Befehle." Er schluckte trocken. „Ich wusste, dass es passieren würde. Ich wusste es. Aber es zu sehen –" Er stockte. „Aber ich habe es gar nicht wirklich gesehen, oder? Sie müssen mich zur Oberfläche bringen."
„Eure Majestät", Quan schüttelte den Kopf, „es ist nicht sicher –"
„Ich muss es wissen!" Kuei packte die Schriftrolle, seine Fingerknöchel waren weiß. „Ich war im Palast sicher, Agent Quan! Während Menschen verletzt wurden und starben und – und schlimmeres." Er schluckte. „Niemand wird mehr das Gedankenbändigen lernen. Haben sie mich verstanden? Kein Dai Li darf das je wieder tun!"
Quan verbeugte sich beinahe. Dann biss er die Zähne zusammen und blieb bebend aufrecht stehen. „Eure Majestät. Irgendwer muss es wissen."
„Es gibt keinen Grund jemals –"
„Es wurde schon einmal erfunden, es könnte wiederentdeckt werden", schaltete sich Shirong ein. „Ich würde auf ihn hören."
Quan nickte knapp. „Wenn jemand anderes lernt Gedanken zu bändigen, muss jemand das erkennen können. Für eure Sicherheit, Sire. Für die Sicherheit der Welt. Wenn ihr wollt, dass wir es geheim halten, dann werden wir das tun. Wenn ihr wollt, dass wir es nie wieder anwenden – das ist euer Befehl und wir werden gehorchen. Doch irgendwer muss davon wissen."
Kuei atmete tief durch. Er betrachtete seinen Dai Li. „Wir werden uns später darüber unterhalten."
Wobei er offensichtlich streiten meinte. Doch Quan verbeugte sich. „Ich stehe zu eurer Verfügung, Eure Majestät."
„Dann können sie auch einen Weg finden, damit ich sehen kann, was mit meinem Volk passiert", schoss Kuei zurück. „Es ist mir gleich, ob es gefährlich ist. Ich muss es wissen."
„Prinz Zukos Plan –"
„Könnte die beste Zeit sein", sagte Shirong nachdenklich. „Die Prinzessin sollte sehr abgelenkt sein."
Kuei blinzelte. „Sie haben vor sie zu vermeiden."
„Das weiß ich", sagte Shirong traurig. „Geisterwunden, Eure Majestät. Lee – Prinz Zuko ist genauso tief gezeichnet wie ich. General Iroh stammt von Sozins Blut ab. Min Wen wurde von einem Palastspuk durch massiven Fels gezerrt. Und seine Mutter und Lady Mai und jeder Flüchtling der Feuernation der je vor dem Krieg geflohen ist, verweigern sich dem Feuerlord und so auch Avatar Kyoshi." Er wendete den Blick ab, wollte keinen Schmerz zeigen. „Es ist ein guter Plan. Es ist ein kluger Plan. Und für jeden anderen würde er wie geschmiert laufen. Aber sie verlassen Ba Sing Se und damit den Schutz des Dai Li. Das heißt, sie werden Missgunst anziehen, wie Aas Fliegen." Er wand sich. „Lee und Amaya sind stark. Sie kennen die Geister. Aber –" Er schnitt sich ab, war sich bewusst, dass er schon zu viel gesagt hatte.
Schweigen. Bon wirkte verwirrt, Quan zweifelnd. Doch Kuei seufzte und schob seine Brille lächelnd hoch, als ob er endlich etwas eingestand, das er von Anfang an gesehen hatte. „Dann ist es nur gut, dass ein Experte was feindselige Geister betrifft mit ihnen geht."
„Tatsächlich?" Shirong blickte auf, erleichtert. Und eigenartig traurig. „Wer? Ich habe die Listen derer überprüft, die evakuieren, aber ich habe mich größtenteils um die Schriftrollen gekümmert..." Und warum schauten sie alle ihn so an?
„Ich habe von den Yaoren gelesen, Agent Shirong", sagte Kuei bekümmert. „Sie müssen das Feuer ausbilden, oder jemand wird verletzt werden. Und die einzigen Feuerbändiger, die dem Erdkönigreich Hilfe angeboten haben, die einzigen, denen ich einen meiner Dai Li anvertrauen würde, verlassen uns." Er lächelte schwach. „Ich weiß, ihr alle glaubt, dass ich beschützt werden muss. Und ich schätze, das stimmt auch. Doch ich muss auch ein Auge auf einen Großen Namen halten. Wenn ich ihnen den Befehl gebe, werden sie gehen?"
Ein Klumpen Hoffnung erstickte seine Worte. Shirong fiel wortlos auf die Knie.
„Erheben sie sich, Agent Shirong." Kuei lächelte. „Ihre Familie wartet auf sie."
Tingzhe, Shirong, Amaya, Zuko/ Zuflucht/ Ba Sing Se
Drachenaugen, dachte Tingzhe während er zusah, wie diese unheimlichen, blassgoldenen Augen blinzelten, als Amaya ihre Hände von dem Kopf des Prinzen nahm. Meixiang, Liebste, mein Leben lang hätte ich es nicht geahnt.
Es war schwer genug zu wissen, dass seine Frau von einer anderen Nation stammte. Doch hatte er gelernt es zu akzeptieren, es zu schätzen und sich auf ihre Stärken zu verlassen, um die seinen zu ergänzen. Doch zu wissen, dass ein Teil ihres Erbes, die Vorfahren seiner Kinder, schlicht nicht menschlich waren...
Meixiang schenkte ihm ein Lächeln, als sie sich hinkniete und ihren jüngeren Kindern half, die letzten Haushaltsgegenstände zu packen.
Tingzhe konnte nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern, selbst als das Packen ihn daran erinnerte, dass Luli und ihre Familie das gleiche taten. Genau wie unzählige andere Familien. Die geschäftigen Aktivitäten ließen ein Rauschen erklingen, wie Wellen gegen Stein, das ihn im Bewusstsein der verrinnenden Zeit erschaudern ließ.
Doch er schob den Anflug von Furcht beiseite und rollte seine Augen leicht zu Zukos Seite des Raumes. Dort beobachtete Leutnant Teruko Mai wie eine Katze das Loch einer Käfer-Ratte. Mai erwiderte den Blick mit einem sorgfältig ausdruckslosen Gesicht und Min bemühte sich keine der beiden zu fest anzusehen, aus Furcht einen zweiten Krieg auszulösen.
Meixiang verbarg ein Kichern hinter ihrer Hand, dann zurrte sie die Bänder der leichten Holztruhe fest. „Also, wie hat er das Wasser aus seinen Augen bekommen, Amaya?"
„Irgendwie unabsichtlich?", sagte Zuko unbeholfen. „Ich war... krank."
Loyalitätskrankheit. Ein Feuerbändiger. Tingzhe hauchte ein stummes Gebet. Um auch nur zu überleben hatte der junge Prinz wahrscheinlich jedes letzte Bisschen Wohlwollen der Geister aufgebraucht. Wenn das denn ausreichte.
„Und als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin... war es einfach weg." Zuko hob die Schultern.
„Du scheinst dir keinen Schaden zugefügt zu haben", urteilte Amaya. „Diesmal." Sie warf ihm einen schrägen Blick zu. „Doch ich könnte besser schlafen, wenn du nie wieder einen Blitz auffängst."
„Da sind sie nicht die einzige", grummelte Zuko. „Wenigstens habe ich es richtig gemacht." Er runzelte die Stirn. „Also stimmt alles in meinem Kopf?"
„Körperlich ja", sagte die Wasserbändigerin gemessen.
Zuko fuhr auf. „Also ist da doch etwas."
„Ich habe noch nie einen Geist berührt, den der Avatar berührt hat. Ich kann nicht beschwören, dass es Yangchen war." Amaya wirkte ernst. „Doch irgendetwas hat versucht, dich zu beeinflussen. Versucht", betonte sie, als Zuko das Gesicht verzog. „Du hast es abgewehrt."
„Sind sie sicher?" Verzweiflung flackerte in blassem Gold. „Wenn es nur um mich ginge – Agni, ich bin es gewohnt, dass Geister sich auf mich stürzen. Aber ihr alle verlasst euch auf mich. Ich muss einen klaren Kopf behalten." Zuko schluckte trocken. „Und ich erinnere mich an Dinge, die ich nicht wissen kann."
Mais Kopf fuhr alarmiert hoch und schwang zu Teruko, ihre dunkelgoldenen Augen wurden schmal. „Was wissen sie?"
Ertappt. Die Marinesoldatin blickte in plötzlich unfreundliche Gesichter. Sie holte tief Luft und seufzte. „Sir, es ist kompliziert. Und sie haben völlig Recht, sie brauchen einen klaren Kopf und müssen sich darauf konzentrieren, uns hier heraus zu holen." Sie biss sich auf die Lippe. „Es gibt einen Grund, warum sie wissen, was sie wissen. Einen sehr guten Grund. Vielleicht hat Yangchen nur die richtige Stelle angestupst, um es aufzuwecken. Vielleicht war es pure Verzweiflung. Aber das, woran sie sich erinnern ist wahr. Und es stammt nicht von Yangchen."
„Und wo kommt es dann her, Leutnant?" Amayas Stimme war kühl und ihre Hand hing bei ihrem Wasserschlauch.
„Kompliziert Ma'am", sagte Teruko standhaft. „Aber General Iroh weiß davon." Sie schaute zu Zuko. „Und Toph weiß es auch."
Ein Teil der Anspannung in Zukos Schultern löste sich. „Toph weiß es?"
„Sie hatte dieses gruselige kleine Grinsen auf dem Gesicht", bestätigte Teruko. „Sie gab ihr Wort, dass sie es nicht erwähnen würde."
Amaya warf ihnen beiden einen Blick zu und lachte leise. „Du vertraust ihr und Iroh traut ihr. Irgendwann muss ich mit diesem Mädchen reden."
„Sie ist so zäh wie die Berge und so scharf wie ein Piandao-Schwert", sagte Teruko fest. „Sokka ist auch nicht so übel. Wenn der Avatar nach den Plänen der Wasserstammflotte noch am Leben ist, dann wette ich darauf, dass es wegen diesen beiden ist."
„Was haben sie denn vor?" Tingzhe runzelte die Stirn.
„Katara hatte Pläne der Generäle des Erdkönigs bei sich, als ich sie geschnappt habe", sagte Zuko zu ihm. „Als ich in der Bucht aufgewacht bin, habe ich nichts von diesen Plänen mehr gesehen. Vielleicht hat sie sie behalten und Häuptling Hakoda gegeben. Oder..." Er schüttelte den Kopf. „Nicht unser Problem. Nicht jetzt. Seid ihr bereit? Ich wollte niemanden behindern."
„War aber ganz gut so." Shirong kam um die steinernen Sichtschirme herum, eine gepackte Tasche über die Schulter geschlungen und ein vorsichtiges Lächeln auf dem Gesicht. „Ich verpasse den Zug nur ungern."
„Sie kommen mit?", stieß Min hervor. „Ich meine, natürlich solltest du mitkommen, du gehörst zur Familie – Geister ist das komisch – ich meine –" Mit hochrotem Kopf suchte er nach Worte.
„Es braucht schon etwas, bis man sich daran gewöhnt hat", stimmte Shirong zu und in seinen grünen Augen funkelte Humor. „Glaube aber nicht, dass es deinen Unterricht einfacher macht. Und Unterricht brauchst du dringend. Dieser Palastspuk hat dich halb aus der sterblichen Welt gezerrt, um dieses kleine Wunder hinzukriegen. Entweder trainierst du gegen die Geister zu kämpfen, oder du begnügst dich mit einem sehr kurzen, sehr glücklosen Leben." Er warf Tingzhe einen kurzen Blick zu.
Der Archäologe seufzte, nickte aber. „Es ist nicht das Leben, das ich dir gewünscht hätte", sagte er offen und hielt den Blick seines Sohnes. „Doch wenn ihr zwei den Dai Li wieder zu dem machen könnt, was er einmal war und unsere Leute verteidigt – Ich bin stolz auf dich."
„Papa." Einen Moment lang wirkte es, als ob Min ihn umarmen wollte, doch dann legte er stattdessen eine Hand auf Mais Arm, vorsichtig nicht dorthin greifend, wo er die Messer stören könnte. „Das ist jetzt nicht ganz so anständig und wir haben keine Überbringer und nicht wirklich Zeit – ähm." Er schluckte trocken. „Papa? Das ist Mai."
„Oh, na dann, viel Glück", murmelte Zuko und schlug errötend eine Hand vors Gesicht, als Mai ihn anfunkelte.
„Wirklich, junger Mann." Meixiang schmunzelte als sie sich erhob und die Hände abklopfte. „Wie unfreundlich, so etwas über deine beiden Cousins zu sagen."
Tingzhe blinzelte. Min stotterte. Jia und Suyin schlugen glotzend ihre Hände über Jinhais Augen und Ohren. Und Mai lächelte selbstgefällig.
„Cousins?", japste Zuko.
„3. Grad, brüderliche Abstammung", legte Mai dar, kühl, wie gelangweilt. Nur das Schimmern in ihren Augen verriet wie sehr sie es genoss zu sehen, wie der Prinz sich wand. „Meixiang hat mich von vorne bis hinten meinen Stammbaum abgefragt, bis wir uns sicher waren."
„Brüderliche Abstammung?" Erleichtert stieß Zuko den Atem aus. „Agni sei Dank."
„3. Grad, das verstehe ich", warf Tingzhe ein, als Jia und Suyin ihren zappelnden Bruder losließen. Die Adeligen und Händlerklans von Ba Sing Se heirateten manchmal viel enger verwandt und Gerüchten zufolge betrachteten manche Wüstenstämme Halbgeschwister als völlig akzeptable Ehepartner. „Aber warum brüderliche Abstammung?"
„Drachenblut", erklärte Teruko. „Wenn Kinder von Schwestern heiraten, kann das eine schlechte Mischung sein. Bei Brüdern ist es in Ordnung. 3. Grad ist noch besser." Sie runzelte die Stirn. „Darf ich die Stammlinie erfahren? Ich dachte ich weiß von allen Linien von Byakko."
„Wir sind nicht von Byakko." Meixiang lächelte. „Dieser Geist ist zu dir gekommen, Min, weil sie wusste, dass du die Macht hast, ihr zu helfen sich zu manifestieren. Diese Verbindung zu den Geistern hat meine Generation übersprungen, doch mit dem Blut deines Vaters… hast du sie doch." Sie nickte bestimmt. „Mein Urgroßvater war Feuerweiser Gyokuro, Bruder von Ilah und Momiji. Sohn von Ta Min und Avatar Roku."
Zuko wurde totenblass.
Zuko, Amaya/ Zuflucht/ Ba Sing Se
Nein, nein, das kann nicht sein –
„Tief durchatmen, mein Junge." Kühle Hände waren an seinen Schläfen, eine vertraute Stimme murmelte in sein Ohr. „Zuko. Lee. Atme."
Lee. Er klammerte sich daran, wie an einen Anker in einem Hurrikan. Lee war vom Wasserstamm, kam aus dem Nebelsumpf, weit weg von den Machtspielen der Adeligen und Verwüstungen des Krieges. Lee kümmerte es nicht, wer aus welchem Klan geboren war. Nicht wenn das alles seine Leute und sie in Gefahr waren.
Die Evakuation. Azula. Reiss dich zusammen!
Einatmen. Anhalten. Ausatmen. Nochmal.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich erkannte er die besorgten blauen Augen vor sich.
Agni. Alles tut weh.
„Du hast es nicht gewusst", erkannte Amaya, eine Hand lag noch auf seiner Schulter, als sie sich etwas zurückschob, um ihm etwas Luft zu verschaffen. „Deine Leute sind von Familienstammbäumen besessen. Wie ist es möglich, dass du es nicht gewusst hast?" Sie fuhr zu Mai herum, ihre Augen blitzten. „Aber du hast es gewusst."
„Ich wusste von Momiji", protestierte Mai. „Ich wusste, dass sie die Tochter von Ta Min und Avatar Roku war. Zur Adoption freigegeben, weil sie keine Feuerbändigerin war. Der halbe Hof wusste das. Niemand hat je was von Geschwistern gesagt! Ich wusste nicht, dass Roku noch andere Kinder hatte, nicht bis Zuko mir gesagt hat, dass General Iroh Ilahs Mutter aufgespürt hatte." Sie warf Zuko einen Blick zu und wurde blass.
Onkel hat es gewusst und mir nichts davon gesagt. „Ich muss jetzt was niederbrennen", sagte Zuko sehr ruhig.
Zumindest meinte er, dass es sehr ruhig war. Der Art nach, wie Teruko und Shirong seine Schultern packten und das Peitschen des Wassers um Amayas Händen nach, hatten sie es nicht so aufgenommen.
Ich könnte sie abschütteln. Will ihnen aber nicht weh tun. Vielleicht, wenn ich es erkläre? „Ich kann nicht anders", sagte Zuko zu ihnen. „Sozins Schuld. Vielleicht. Aber Onkel hätte es sagen sollen." Schien sie nicht zu beeindrucken. „Über Ilah. Der Stammbaum ist leer."
„Das stimmt", sagte Mai argwöhnisch, zwischen ihren Fingern blitzte Stahl. „Feuerlady Ilah, Gemahlin von Feuerlord Azulon. Die Aufzeichnungen enden dort." Sie schluckte. „Ich hielt das immer für Prahlerei. Ein Teil der Macht der Feuerlords. Sozins Geblüt ist so mächtig, dass sie eine wandernde Feuerbändigerin als Braut erwählen können, ohne sich je dazu herabzulassen, ihren Klan anzuerkennen."
„Aber Onkel hat es gewusst", beharrte Zuko, noch während er spürte, wie diese glitzernde Klarheit zu einem Ozean voll Schmerz zerrann. „Er hat Ta Min gefunden. In den Aufzeichnungen. Er hat es gewusst."
„Ich schätze mal, er dachte, dass du es nicht gut aufnimmst", sagte Shirong trocken.
Zuko warf ihm einen Blick zu. In meinem Leben habe ich schon so einige hirnverbrannte Sachen gehört, aber das übertrifft alles.
„Offensichtlich", murmelte Shirong bei sich. „Ruhig. Ganz ruhig. Ich weiß, du gibst Roku genauso die Schuld wie Sozin für das ganze idiotische Durcheinander –" Er stoppte und verzog das Gesicht. „Ah. Ja. Ich denke, wenn ich jemanden, den ich für einen unbelehrbaren Idioten halte, im Familienstammbaum hätte, würde ich auch ein paar Sachen kaputt machen wollen."
Ja!, dachte Zuko, vor Wut in den Händen, die ihn festhielten, zitternd. Ja, genau, und jetzt lasst mich endlich los, damit ich –
Hände, die ihn festhielten. Hände von Shirong und Leutnant Teruko.
Wohin ich führe, wird sie folgen.
Dieses Vertrauen kann ich nicht entehren. Das darf nicht sein.
Zuko biss die Zähne zusammen und griff nach Lee, zog den Stamm des Wassers um sich, als Schild gegen das schmerzliche Wissen, dass noch jemand, dem er vertraut hatte, ihn belogen hatte.
Einen Jungen aus dem Nebelsumpf kümmerten Familienstammbäume nicht. Er würde nicht das quälende Wissen spüren, dass er einen Ahnengeist respektlos behandelt hatte. Egal wie sehr dieser Ahne es auch verdient hatte. Lee wusste, dass die Leute hier zu seinem Stamm gehörten, dass Onkel, trotz der Unterlassungslüge, zu seinem Stamm gehörte. Und Roku gehörte nicht dazu.
Er erschlaffte, widerstand dem Bedürfnis, sich einfach gegen ihre Hände zu lehnen. „Sie sollten den Befehl übernehmen", brachte er heraus. „Ich… sollte jetzt besser nicht das Kommando haben."
„Wenn es so schlimm um sie stünde, könnten sie kein Wort herausbringen, Sir." Teruko ließ ihn los. „Es gibt einen guten Grund, weshalb Lady Kotone ihren Großvater die Idioten überlässt, die sie nicht mehr am Leben lassen will. Er ist gut darin. Aber er kann auch sein Temperament zügeln, wenn es nötig ist. Also weiß ich, dass sie das auch können." Sie warf ihm ein verschmitztes Grinsen zu. „Ich gebe ihnen mein Wort, wenn wir es erst hier heraus geschafft haben, helfe ich Sergeant Kyos Truppe den General festzunageln, damit sie ihn anbrüllen können."
Oh. Zuko blinzelte und unterdrückte ein hysterisches Kichern, sonst könnte er nicht mehr aufhören. „Das ist das Netteste, was ich heute gehört habe." Er blinzelte wieder, zerrte den Schmerz und das alles verdeckende Weiß in Augen und Ohren weit genug zurück, um zu denken. „Plan. Zug. Im ersten Plan wollten wir einen in der Nacht schnappen. Jetzt ist es Tag, wir haben ausgeknobelt wie wir es trotzdem schaffen, aber bei allem, was gestern Nacht passiert ist, werden überall Wachen patrouillieren…"
Tingzhe runzelte die Stirn. „Sollten wir warten, bis es Nacht ist?"
„Nein, wir müssen los", sagte Zuko knapp. „Azula lebt, sie ist schlau, sie nimmt nicht einfach an, dass alles gut läuft, sondern prüft nach. Wir sind nicht genug Leute, um uns den Weg freizukämpfen. Wenn wir das versuchen, sterben viele unserer Leute. Wir müssen los. Ein guter Plan, der jetzt energisch durchgeführt wird –"
„Ist besser als ein perfekter Plan später." Shirong nickte. „General Katsus Abhandlungen haben mir immer gut gefallen. Immer kurz und bündig." Er lächelte listig. „Und was das angeht, wie wir alle in einem Stück in den Zug bekommen… da habe ich eine Idee."
Azula, Ty Lee/ Palast des Erdkönigs/ Ba Sing Se
„Du machst dir echt Sorgen", bemerkte Ty Lee.
Azula überblickte die Ländereien des Palastes mit hinter dem Rücken verschränkten Händen aus schwindelerregender Höhe. Sie drehte den Kopf gerade weit genug, um zu beobachten, wie Ty Lee vergnügt auf dem Balkongeländer Rad schlug. Die ganze Furchtlosigkeit der Luft, die mit einem Lächeln den Schrecken dieses Morgens überwand.
Furchtlos, impulsiv und auf eine Art von der Welt losgelöst, die einfach nicht gesund war, überlegte Azula. Aber nicht dumm. Ty Lee wusste, was sie wollte, vom Zirkus bis zu den süßesten Kerlen ihrer Feinde als Gegner im Kampf und richtete ihr Leben so, dass sie es bekam.
Überhaupt nicht dumm, beschloss Azula. Schlicht… fremdartig.
„Geht es um Agent Chans Bericht?" Ty Lee stellte sich auf die Fingerspitzen und grinste als ein plötzlicher Windstoß sie um die Balance kämpfen ließ.
„Ja und nein", sagte Azula nachdenklich. Warum sollte sie ihre Ideen nicht mit Ty Lee durchsprechen? Das Mädchen hatte gegenwärtig keinen Grund für Verrat und ein anderer Blickwinkel konnte genau das sein, was sie brauchte. „Die Berichte der Dai Li sind Teil eines Puzzles. Ich sollte besser sagen, Teile mehrerer unzusammenhängender Puzzles."
„Ohh!" Ty Lee drehte sich, ihre Hände waren jetzt flach auf dem Geländer und die Füße über ihrem Kopf als sie hoch sah. „Du meinst, als ob jemand drei verschiedene Sets miteinander vermischt hat?"
Überhaupt nicht dumm, nickte Azula bei sich. „Exakt. In Neu Ozai konnte der Widerstand des Erdkönigreichs eine Massenevakuation durchführen und unsere Suche nach dem Avatar stark zurückwerfen. Und doch hatten sie Wochen um sich zu organisieren. Hier sehen wir sogar noch mehr Schaden, doch wer auch immer Kuei hat, hatte nur ein paar Tage, um einen Plan zu schmieden. Niemand kann verängstigte Zivilisten und versprengte Militärkräfte so schnell organisieren."
„Nicht mal wir?" Ty Lees Brauen hoben sich in ehrlicher Neugier.
Verdammt. Das war ein guter Punkt. Einer, den sie übersehen haben musste, als ihr Gehirn angeschlagen gewesen war. „Du hast Recht", stimmte Azula zu. „Nur weil sie Verräter sind, heißt das nicht, dass sie nicht von unserem Blut wären. Zivilisten der Feuernation wären dazu fähig. Wenn sie einen Lord haben, um den sie sich sammeln können." Sie schritt auf dem Balkon auf und ab, dachte nach. „Kein Großer Name kann es überleben hierher zu fliehen, aber sie brauchen jemanden als Fokus. Wasser kann fast ebenso gut ziehen wie Feuer. Ich bezweifle, dass sie sie führen könnte, doch wenn sie die Klugheit hätte zu sagen ‚Wir brauchen Sabotage' um dann beiseite zu treten, und sie mit jenen, die Kuei haben, verhandeln zu lassen… ja. Das könnte funktionieren." Ein weiterer langsamer Kreis. „Wenn sie sie seit Jahren versteckt hat, könnte das ihre Verbindung mit der Organisation von Pinselmacher Tu erklären." Und der hatte einen verlassenen Laden und verwirrte Nachbarn hinterlassen. Sie hatte den Ort buchstäblich auseinandernehmen lassen müssen, ehe sie den mit Holz ausgekleideten Fluchttunnel gefunden hatten. Und selbst der war spurlos in einer Sackgasse in einer natürlichen Steingrotte unter der Stadt geendet. „Also wissen wir von zwei Mitspielern."
„Tu gehört nicht zu Amaya?" Ty Lee runzelte die Stirn.
„Nein." Azula wog gedanklich Fakten und Intuition ab. „Nein, wozu Tu auch immer gehört, es ist eine Organisation. Und das läuft schon eine ganze Weile so. Er hatte Codewörter, verborgene Bereiche, Fluchtrouten. Organisierte Spionage. Die Vorbereitungen der Wasserbändigerin waren nicht verborgen. Sie erschienen einfach nicht als das was sie wirklich waren." Was hatte Quan doch über Zuko gesagt? Er hatte sich vor aller Augen versteckt indem er so wirkte, was er war: ein verzweifelter Flüchtling. Er hatte nur nicht alles gezeigt.
Kein Plan. Ein Wagnis. Eine Improvisation.
Kein Wunder, dass es ihm nicht schwergefallen war, als Amayas Lehrling durchzugehen. Die Wasserbändigerin musste seit Jahrzehnten improvisiert haben.
„Zwei unterschiedliche Vorgehensweisen", folgerte Azula. „Zwei verschiedene Organisationen. Eine Wasser und Feuer. Die andere… wahrscheinlich Erde. In dieser Stadt hegt keiner Wohlwollen für die Dai Li." Sie schaute zu einer als Bär zugeschnittenen Hecke tief unten hinab und überlegte kurz, wie das wohl brennend aussehen würde.
Hübsch. Aber jetzt ist keine Zeit für Vergnügungen.
Trotzdem waren noch zu viele Fragen unbeantwortet. Zwei lose verbündete Gruppen hätten das Chaos von letzter Nacht in Ba Sing Se anrichten können, sicher. Und doch…
Drei Sets hatte Ty Lee gesagt. Und obwohl die Akrobatin sich schwer mit genauen Fakten tat, war ihre Intuition gut genug, um selbst erfahrene Generäle zu beschämen.
Tu's Gruppe schien sich eingegraben zu haben, um zu beobachten und zu verschwinden, mehr ein Spionagenetzwerk. Amayas Verräter hatten sich als gewöhnliche Bürger getarnt, doch waren sie Feuer. Als Mai Hilfe gebraucht hatte, um ihren halbblütigen Schwarm zu retten, hätten sie den Anstoß gegeben, um die behäbige Erde in Bewegung zu setzen.
Doch einige der Handlungen waren unsinnig. Warum wurde die königliche Bibliothek gestohlen? Ganz gleich, was Agent Chan ihr über die Leselust des Erdkönigs erzählt hatte – diese Bücherei bedeutete Informationen, schlicht und einfach, und aus irgendeinem Grund wertvoll genug, dass Shirongs zusammengewürfelter Haufen das Leben riskiert hatte, um sie sich unter den Nagel zu reißen. Mehr noch, warum sollte man ein halbes Dutzend anderer Sachen stehlen, die letzte Nacht verschwunden waren? Waffen – ja, das war verständlich, aber Ackerwerkzeuge? Gelagertes und getrocknetes Hartholz? Kupfer- und Eisenbarren? Die Liste war um einiges länger als das, aber warum sollte man so eine gute Ablenkung wegen solch ordinärer Vorräte vergeuden …
Suzuran ist ein Vorratsschiff.
Kommandiert von Jee, der Zuko gedient hatte, mit Iroh.
Und wenn Iroh schon den Verrat am Nordpol überlebt hatte, dann hätte er auch dort überlebt, wo Zuko vergangen war.
Einen Moment lang wagte sie nicht zu atmen. Es war wie ein Kaleidoskop – plötzlich passten alle verstreuten, chaotischen Elemente zusammen. Wunderschön.
„Wir sind in einem Plan meines Onkels verstrickt", murmelte Azula. Langsam und gnadenlos lächelte sie. „Zum Bahnhof. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
„General Iroh ist hier?" Mit aufgerissenen Augen flippte Ty Lee vom Geländer und landete auf den Füßen.
„Ja. Ja, ich denke so ist es." Azula gönnte sich ein messerscharfes Lächeln. „Wir sollten Hallo sagen."
Jee, Iroh/ Suzuran/ Hafen von Ba Sing Se
„Kapitän!" Saburo stoppte noch bei der Luke der Brücke, sein wettergegerbtes Gesicht sorgenvoll zerfurcht. „Falken fliegen. Vom Palast zum Armeelager und sind auf dem Weg zum Hafen. Kei und ein paar seiner Männer halten Ausschau, aber..."
„Von hier aus kann man nicht alles sehen." Ein kalter Schauer rann Jees Rücken hinab, doch er nickte. „Danke sehr, Matrose." Er schaute zum General. „Sir?"
„Ich schätze Prinzessin Azula hat ihr Frühstück beendet", sagte der General trocken. „Wahrscheinlich wurden wir entdeckt."
Jee witterte nach dem Stand der Sonne und warf dem General einen beunruhigten Blick zu. „Sir. Selbst wenn der Prinz den Zeitplan einhält ..."
„Werden Azulas Truppen uns vor ihm erreichen." Iroh starrte in die Ferne, reglos und grimmig. „Geben sie den Befehl aus, mit dem Ablegemanöver zu beginnen."
Das hieß, dass die segelnden Wasserfahrzeuge zuerst ablegten, um einander den Weg freizumachen. Suzuran konnte manövrieren, egal wie der Wind stand und war viel schneller als sie alle. Deshalb warteten sie noch. Und doch... „Sir. Die Zeit."
„Mein Neffe wird einen Weg finden, um uns zu erreichen", sagte Iroh ernst. „Das muss er. Er kann nicht noch mal untertauchen. Azula hat einen Preis verloren, mit dem sie beabsichtigte, unsere Leute ins Verderben zu locken. An Zivilisten und eine Heilerin. Sie wird Ba Sing Se Stein um Stein auseinandernehmen lassen, um sie zu finden. Wenn diese Schiffe genommen werden, verlieren wir unsere beste Fluchtchance."
„Sir." Jee hielt sich gerade. Er sollte die Befehle des Generals sofort ausführen. Das sollte er wirklich. „Wenn es nur um ihn und Leutnant Teruko ginge – natürlich würden sie es schaffen. Aber Tausende Zivilisten... und er weiß vielleicht nicht, dass etwas nicht stimmt."
„Oh, er wird es erfahren", sagte General Iroh trocken und machte eine Geste zum Hafen. „Unser Signal wird unübersehbar sein."
Zuko, Shirong/ Güterbahnhof/ Ba Sing Se
„Nicht dran ziehen." Shirong schmunzelte, er sprach gerade laut genug, um über dem Klirren und Klacken, als ein weiterer Waggon voll Vorräte aus dem Lager heraus rollte und an die Passagierwaggons ankuppelte, gehört zu werden. Hoffentlich kümmerte es keinen, dass viel mehr Waggons herauskamen, als in das Gebäude passen konnten. Die Waggons mussten sowieso immer auf Gleishöhe gehoben werden, deswegen war es nicht unüblich, dass findige Händler ganze Schiffsladungen unterirdisch durch Ba Sing Se transportierten, um ihre Konkurrenten auszustechen. „Hör auf, daran herumzufummeln. Du ruinierst noch die ganze Arbeit der Damen."
Zuko schnitt eine Grimasse, riss aber die Hand von dem mit einem smaragdgrünen Band gebundenen Zopf, der in seinem Nacken kitzelte. Er wusste nicht genau, wie Meixiang und ihre Töchter es in seine eigenen Haare festgesteckt und verwoben hatten und er war nicht sicher ob er es wissen wollte. Er hätte auch gut darauf verzichten können, Min bei dem Ergebnis kichern zu hören. Und dann dieses neckische Funkeln in Amayas Augen, als sie ihren eigenen Dreh zu dieser Demütigung hinzufügte...
Ich bin verdammt.
Selbst wenn er es schaffte, alles herauszureißen, ehe er Suzuran erreichte – besser noch, es alles wegbrannte – konnte er trotzdem Onkels Neckereien nicht verhindern. Leutnant Teruko mochte loyal Schweigen bewahren, egal wie aufgebracht sie war, dass sie ihre Position als Leibwächter zeitweilig an Shirong abtreten musste. Aber Amaya würde Onkel alles erzählen.
Das Universum hasst mich.
Aber Shirongs Plan könnte klappen, verflixt noch mal. Die ganze Stadt war in Aufruhr und Dai Li und Soldaten der Feuernation inspizierten jeden Zug? Dann musste es auch Dai Li und Soldaten geben, die diesen Zug inspizierten. Ihre eigenen.
„Jeder weiß, dass ich ohne Partner arbeite", hatte Shirong direkt gesagt, als er die Uniform mit einem amüsierten Wirbel ausbreitete. „Wenn sie also ein Paar Dai Li sehen und Min nicht sehen, wissen sie, dass ich es nicht bin."
„Ich bin kein Erdbändiger", hatte Zuko protestiert, als Jia unheilvoll gequietscht und nach ihren Schminkutensilien geangelt hatte.
„Das nicht, aber du bewegst dich mehr wie ein Dai Li, als die meisten Erdbändiger", hatte Shirong gekontert. „Wenn wir jemanden in die Uniform stecken, der vielleicht vom Dach fällt, der sich auch nur so verhält, als ob er Angst hat abzustürzen – ist das Spiel vorbei, ehe es überhaupt angefangen hat."
Das ist kein Spiel.
Ein Spiel machte ihm nicht so viel Angst. So viel könnte schief gehen. So viel war schon schiefgelaufen. Zivilisten zu bewegen ging nicht annähernd so schnell wie Truppen. Und er hatte gedacht, dass er es wusste, er hatte dafür geplant –
Wir sind spät dran.
Sie könnten den Zug stärker anschieben, um Zeit zu gewinnen. Wenn sie nichts dagegen hatten, jedes misstrauische Auge im Umkreis von Meilen anzuziehen. Und was ein Erdbändiger einem Zug mit nur etwas Vorwarnung antun konnte... kein schöner Gedanke.
Doch das war ein leichterer Gedanke, als an die Schreie zu denken, die noch immer in seinen Ohren klangen. Kinder verstanden nicht, was es hieß, das Leben für seine Leute zu riskieren. Kinder verstanden Krieg nicht und Lords zu wählen und warum Familien, die immer da gewesen waren, sich plötzlich trennten.
Amaya und die Kräuterheiler, die mitkamen, hatten ein paar der Kleinen sedieren müssen. Ganz besonders ein kleines Mädchen, das in letzter Minute in einem der Waggons aufgetaucht war und weit und breit keine Eltern in Sicht...
Agni, bitte, lass sie irgendwo in diesem Zug sein.
Es war viel einfacher, die Hürden vor ihnen noch einmal in Gedanken durchzugehen. Zuerst aus diesem Bahnhof herauskommen, einem massiven, steinernen Bauwerk, in dem die verschiedenen Waggons der niederen Klassen gewartet wurden, ehe sie in das himmelhohe Netz von steinernen Gleisen rumpelten. Dann das gewaltige Gebiet zwischen hier zwischen Äußeren Ring und dem Hafen selbst überqueren. Im Hafen ausladen... Geister, das allein würde sie auffliegen lassen. Zumindest waren alle Waggons zum größten Teil aus Stein, mit hölzernen Dächern und Lehm, damit es nicht ganz so viel wog. Wenn sie schnell waren, konnten ihre Erdbändiger ganze Waggons einfach auf die einzelnen Schiffe verladen –
In dem Waggon, den er gerade inspizierte, brach plötzlich Geschrei aus, ein Speer stieß durch das Papier aus einem Fenster hinaus, ein Ball aus blau-grünen Flammen war auf die Spitze gespießt.
Hinotama!
Ein weiterer feuriger Ball schwebte unter dem Waggon hervor, dicht gefolgt von drei weiteren.
… Und wir wollten doch unauffällig sein. Klar doch.
Azula, Ty Lee/ Güterbahnhof/ Ba Sing Se
Nach allem, was sie die vergangenen Tage gesehen hatte, konnten ein Paar Dai Li, die bei einem Zughangar gegen Geisterflammen kämpften, Azula kaum mehr überraschen.
„Au weia." Ty Lee zuckte, als einer der Agenten zu Boden ging, dann eine Hand auf die Plattform klatschte und spitze Stalagmiten hervorschießen ließ, die einen glühenden Feuerball aufspießten.
„Ich sehe, jemand hat den einen oder anderen verdächtigen Todesfall nicht gut aufgenommen." Azula beäugte die übrigen Bälle, als sie einen Moment anzuhalten und zu zögern schienen, dann aber in den Waggon zurück sausten. Der Partner des Dai Li verschwendete keine Zeit mit Flüchen, sondern sprang ihnen durch das brennende Fenster nach und mörderische Wut war in jeder Falte seiner Uniform zu sehen.
„Merkwürdiger Ort für sie", überlegte Azula, als in dem Waggon ein Heidenlärm losbrach. Normalerweise lauerten diese Kreaturen in Sümpfen, um ihre Opfer anzulocken, damit sie ertranken. „Wie wollen sie hier jemanden vom Weg abkommen... ah." Sie schaute von den erhöhten Verladeplattformen zu den hoch aufragenden Gleisen und dem schwindelerregenden Abgrund zwischen ihnen und dem Ackerland. Waren die Erdbändiger, die den Zug lenkten, abgelenkt, brachte der Absturz mehr als genug sterbende Seelen, an denen sie sich nähren konnten.
Dreckige Biester.
„Vielleicht sollten wir helfen", sagte Ty Lee unruhig.
„Wir haben einen General aufzuhalten", erwiderte Azula bestimmt und machte sich auf den Weg zu den Bahnsteigen für Passagiere und den Besatzungstruppen, deren Aufgabe es war, die Züge zu kontrollieren. Am Fuß der Treppe darunter, auf der nördlichen Seite tränkten ein paar Reiter ihre gelangweilten Komodo-Rhinos.
Hier ist alles ruhig. Aber das ist keine Entschuldigung schlampig zu werden.
Deswegen prüfte sie auch jede Station, die sie erreichte und fuhr nicht direkt zum Hafen durch. Ihre Botschaften waren schon vorgeschickt worden und es wäre sträflich nachlässig, wenn ihr durch Ungeduld welche von Irohs Verrätern entwischten.
„Außerdem", bemerkte Azula und warf einen Blick zurück, als der Lärm abebbte und ein paar mutige Bürger das Feuer am Fensterrahmen erschlugen, „sie hören sich nicht so an, als ob sie tot wären."
Aber stoisch genug, dass sie sich doch etwas wunderte. Doch wahrscheinlich waren sie einfach noch wegen der Invasion betäubt. Im Waggon wurde es ruhiger und der jüngere Dai Li kam heraus – durch die Schiebetür und klopfte sich so ärgerlich ab, dass er buchstäblich qualmen sollte. Die zwei kletterten auf das Dach und klammerten sich dort fest, als die Erdbändiger den Zug ruhig anschoben...
Diese Bewegungen kenne ich.
„Azula?"
Da war ein Zopf und eine Uniform und sie witterte kein Feuer und er sollte tot sein, vereiste Schwärze, tot, tot, tot!
Er entkommt –!
„Holt mir Erdbändiger her!", knurrte Azula und rannte zum Hauptgebäude der Station, mit Ty Lee an ihrer Seite. „Sie sind in dem Zug!"
Shirong, Zuko/ Zug/ Ba Sing Se
„Weißt du", sagte Shirong nachdenklich, als ein einzelner Waggon aus der Station herausschoss und ihnen hinterher raste, „ich hatte fast schon Vertrauen in diesen Plan."
„Ach", murmelte Zuko und starrte zu dem heran rauschenden Untergang.
„Das Universum hasst uns", seufzte Shirong.
„Ja."
„Du hörst dich nicht überrascht an", sagte Shirong trocken.
„Nein."
„Ich schätze Kürze sehr", Shirong warf dem Feuerbändiger einen Blick zu, „aber Leutnant Teruko hat gesagt, es ist kein gutes Zeichen, wenn du nicht sprechen kannst."
Sie hatte noch einiges mehr gesagt, als er ihr geduldig erklärt hatte, warum sie nicht als Leibwache an der Seite ihres Prinzen sein konnte, während dieser so tat als sei er ein Dai Li. Viel davon in der Normalen Sprache. Manches davon in der Hofsprache und nur ein Teil davon konnte man in anständiger Gesellschaft wiedergeben.
Falls sie das hier überlebten, musste sie ihm das mal aufschreiben.
„Können sie die Gleise abschneiden?"
Shirong verschluckte sich fast. Die Bahngleise durchtrennen? Die Stadt beschädigen und den Kommerz und das Prestige des Dai Li –
Die wildgewordene Feuerbändigerin aufhalten, die kommt, um euch alle abzumurksen? raunzte ein Teil von ihm.
Ah. Ja. Guter Punkt. „Nicht von hier aus", sagte Shirong und rannte zum Ende des Zuges, Zuko einen halben Schritt hinter ihm. Er konnte spüren, wie ihre Geschwindigkeit nachließ, als die Erdbändiger, die ihren Zug schoben, sahen, was auf sie zukam –
Ein Ruck ging durch den Zug und warf ihn fast ab, bevor er mit Chi und Zehen nach den gelben Lehmziegeln des Dachgiebels griff und sich festklammerte.
Lee!
Der Feuerbändiger ließ sich fallen, landete auf dem Dach mit einem fast beiläufigen Griff, als ob menschliche Finger sich in grüne Holzschindeln krallen konnten –
Knirsch.
Imperialer Feuerbändiger, erkannte Shirong und zögerte nicht weiter und rannte zu dem letzten, absichtlich leeren Waggon. Sein Partner konnte sich offensichtlich selbst in einem Stück halten, und ihre Zeit wurde knapp. Mit dem Chi die eigene Kraft verstärken. Verdammt, das ist ein echt guter Trick. „Geht weiter nach vorn!", rief er den Anschiebern zu, während der Zug wieder erzitterte; wahrscheinlich Tingzhe und seine Studenten aus der Universität, die im vorderen Teil des Zuges versuchten, einen Rhythmus zu finden, für den die meisten von ihnen nie trainiert worden waren. „Sagt den Passagieren, dass sie weiter vor sollen! Geht wenigstens drei Waggons weiter vor und schiebt von dort!"
„Aber –" einer der Erdbändiger schluckte und schaute mit weit aufgerissenen Augen zurück, es war gut möglich, dass er ganz vom Zug absprang.
Kann's ihm nicht verübeln, dachte Shirong flüchtig, als er die Mordlust in den angespannten Schultern der Feuerprinzessin las. „Na los!", brüllte er. „Wollt ihr, dass sie euch kriegt?"
Das genügte. Die zwei Anschieber kraxelten an dem schmalen Steinsims der Waggons entlang und verschwanden nach vorne.
Ich wünschte ich könnte auch verschwinden – Guanyin!
Trainierte Reflexe retteten ihn gerade so. Er zog ein langes Schild aus Ziegeln vom Dachgiebel und warf sich zur Seite. Er spürte, wie der Blitz einschlug, wie in seine eigenen Knochen.
Zuko packte ihn an der Robe und riss daran, zerrte ihn zurück auf grüne Schindeln, ehe er über die Kante fallen konnte.
Feuer brüllte.
Einen Moment lang konnte er nur glotzen. Der andere Zug war immer noch mehrere Meter entfernt, doch blaue Flammenjets schossen aus Händen und Füßen und die Prinzessin raste durch die Luft auf sie zu –
Keramik zerbrach und Zuko warf die Splitter mit tödlicher Zielgenauigkeit. Azula musste sie mit den Händen abwehren und fiel außer Sicht.
Ich habe keinen Aufprall gehört...
Und dann konnte er sich keine weiteren Gedanken darüber machen, was er nicht gehört hatte, denn etwas Pinkes hüpfte durch die Luft und landete fast auf ihm. Reflexartig schleuderte er Ketten, ein Netz, das jeden Sterblichen und jeden Geist einfing, der es wagte, so nah zu kommen –
Sie wich aus.
Und bekam das Gesicht voll nassen Sand.
Ty Lee war der Feind. Ty Lee würde ihn töten, oder sein Bändigen rauben und mit Azula auf Kriegsfuß brachte ihn das um. Shirong wusste das alles, doch er musste sich trotzdem zwingen, sich abzuwenden, als sie auf der Kante schwankte. Sie erschien einfach so unschuldig.
Der Feuerball, der ihm den Hut wegbrannte, war das genaue Gegenteil.
Splitter und Scherben – der ist aus unbrennbarem Leinen! Wenn Azula selbst das versengen kann …
„Bleib zurück, Ty Lee", knurrte Zuko. „Ich will dir nicht wehtun!"
Die Chi-Blockerin rieb Sand aus den Augen und brach auf die Knie. „Zuko?", hauchte sie, über den Wind kaum hörbar. „Aber... du bist tot."
„Nicht ganz." Azula lächelte dünn und flippte auf das Dach, starrte sie alle an. „Ich hätte wissen sollen, dass du nicht genug Ehre hast, um einfach draufzugehen."
Zuko, Azula/ Zug/ Ba Sing Se
Ehre. Zuko atmete langsam und kontrolliert, wartete darauf, dass das Wort an ihm riss. Drei Jahre – drei schreckliche lange Jahre – hatte es sein Leben beherrscht. Drei Jahre lang hatte er für jeden der zuhörte erklärt, dass er seine Ehre zurückerlangen musste …
Ich wollte keine Ehre, ich wollte meine Familie.
Und war es nicht armselig, etwas zu begehren, was man niemals haben konnte?
Meine Familie ist auf Suzuran und in diesem Zug. Es ist unwichtig, was ich will. Es ist unwichtig, dass sie meine Schwester ist. Azula wird sie alle umbringen.
Außer, er hielt sie auf. Hier und Jetzt.
„Geh weg", grollte Zuko und zwang seine Stimme nicht zu zittern. „Geh einfach, Azula. Du bist jetzt die Erbin. Diese Leute hier sind keine Feinde. Lass sie in Ruhe."
„Sie haben Vater verraten." Azulas Haltung wurde angriffsbereit, als ob der Wind nicht mehr war als eine Frühlingsbrise. „Es gibt nur ein Urteil für Verräter."
Blut rauschte in seinen Ohren und Zuko spürte, wie die Welt um ihn herum auf einen Punkt zusammenschrumpfte.
„Hast du zugesehen?", brachte er durch die Zähne heraus, hielt durch schiere Willenskraft an den Worten fest. „Als Mama eine Verräterin war?"
Das Dach ging in Flammen auf.
Azula, Zuko/ Zug/ Ba Sing Se
Normalerweise schickte sie zuerst Wachen oder Mai und Ty Lee rein, um ihre Feinde weichzuklopfen und dann einen kalkulierten zweiten Schlag führen. Ganz besonders gegen Zuko, der von einem Moment zum anderen in eine gedankenlose, berserkerartige Weißglut fallen konnte, wenn man ihn einen vaterlosen Bastard nannte.
Normalerweise. Aber sie hatte ihre überlasteten Dai Li überholt, Mai war wahrscheinlich irgendwo in diesem Zug und Ty Lee wirkte, als ob sie gebrochen war. Und was Zuko anging...
Blasses Gold funkelte sie an, doch sein Atem war ruhig. Kontrolliert. Sogar, als sie einen knisternden Feuerstoß auf ihn schoss und er eine dreckige Hand hob, als ob er ihn auffangen wollte, der Idiot...
Kein Dreck, erkannte Azula in dem Moment bevor die Schreie beginnen würden. Warum ist seine Hand mit Sand bedeckt?
Dampf brodelte im Wind und Flammen versanken wie Wasser in Sand.
...Was?
Zuko schüttelte seine Hand – seine unversehrte Hand, wo Brandblasen und verkohltes Fleisch sein sollten und Schreie – verdammt sei er, warum schrie er nicht –
Sand erhob sich in Spiralen über seine Handfläche, wie ein Mini-Staubteufel und Hitze schimmerte wie über den Dünen der Si Wong Wüste.
Heißer Sand, erkannte Azula in einem Augenblick schockierter Klarheit. Agent Quan sagte, dass er heißes Wasser bewegen kann, wenn er den Trick mit noch etwas anderem gelernt hat...
Feuer gegen Feuer konnte sie es jederzeit mit ihrem Bruder aufnehmen. Diese Umgebung sollte ihr Vorteile bringen. Sie war leichter, wendiger, hatte viel mehr Willenskraft und Disziplin, was bedeutete viel mehr Feuer.
Aber wenn Zuko mehr als nur Feuer bändigen konnte...
Unwichtig. Es ist ein Trick. Der Schachzug eines Feiglings, um sich in den Menschenmassen hier zu verstecken. Ich habe keinen Grund ihn zu fürchten. Niemals.
Zuko wirbelte den Sand über seiner linken Hand, sein Blick verließ sie nie, sogar als seine rechte die Flammen des Daches lockten, wie die Wasserbändigerin des Avatars einen Fluss –
Und das war der Moment, als die Steinbrocken, die Shirong aus dem Waggon herausgebrochen hatte, auf sie zuschossen wie Mais Pfeile und plötzlich war sie zu beschäftigt um irgendetwas zu analysieren.
Yakume, Lu-shan, Aoi/ Bahnstation/ Ba Sing Se
Ein Wasserbändiger, dachte Yakume, als er noch einmal das, was er von Sergeant Aoi und seinen Männern erfahren hatte in der kühlen Bahnstation überdachte. Das ist unmöglich.
„Wir sollten Alarm geben", grummelte Sergeant Aoi. Er funkelte jeden der Matrosen an, der Anstalten machte in die Nähe des Schutzgeländers der Plattform oder der vereinzelten Bauern des Erdkönigreichs zu geraten. Ein paar von denen in der Station erledigten ihre Geschäfte mit den Bürokraten, nachdem sie aus der Stadt heraus waren; andere warteten auf den nächsten Zug. Keiner sah glücklich aus, Männer in rot und schwarz gekleidet zu sehen... aber bisher hatten alle einfach nur Abstand gehalten.
„Sie haben doch gesehen, wie schnell ihr General uns abgeladen hat", grollte Kapitän Lu-shan. „Ich würde sagen, dass der Alarm schon längst gegeben wurde."
Matrose Koki warf ihm einen schmalen Blick zu. „Was sie nicht sagen –"
„Es ist mir gleich, was sie von mir halten, sie salzverdrehter Idiot", schnitt Lu-shan ihn ab, „aber der Mann, der sie von diesem Schiff geholt hat, hält es für eine gute Idee, sich eine Weile bedeckt zu halten. Ich würde auf ihn hören. Sie waren nicht da, als der Master Sergeant ihrer Prinzessin Informationen über Rebellen direkt unter ihrer Nase überbrachte. Diese… junge Dame... mit der stimmt was nicht." Er rollte die Augen. „Und sagt es nicht. 'Sozins Geblüt soll gefährlich sein'. Ich habe gefährlich gesehen. Und ich habe total durchgeknallt gesehen. Man spricht nicht schlecht von Adeligen, aber ich weiß schon, in welchen Topf ich sie stecke."
Aoi funkelte ihn an und warf einen Blick in Yakumes Richtung. Lu-shan tat es ihm gleich, ein Fuß klopfte auf den Boden. Abwartend.
Alle warteten, erkannte Yakume plötzlich und wendete sich von dem faszinierenden Anblick der auf Steinsäulen verlaufenden Bahngleisen und tief darunter liegenden grünen Feldern ab. „Kapitän?"
„Master Sergeant", sagte Lu-shan trocken. „Heute hatte ich es schon mit einem Paar eurer Marinesoldaten zu tun, bin ihnen auf eine Jagd gefolgt, die man besser den Dai Li überlassen hätte, wurde vom Drachen des Westens mit vorgehaltenem Feuerball festgehalten und musste diesem Haufen Matrosen in einer Zugfahrt die Hand halten, während ihnen das Hirn rotiert. Reden sie."
Aoi plusterte sich auf, wie eine zottelige Klippe. Doch er warf ihm auch einen stillen, flehenden Blick zu.
Yakume seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich habe versucht, die Dinge zu durchschauen", gestand er. „Ein Teil von dem was ich weiß, ist immer noch unverständlich. Und ich ziehe es vor, einen vollständigen Bericht abzuliefern." Einen, den er hoffentlich niederschreiben und arrangieren konnte ihn nicht persönlich abliefern zu müssen. Um sich aus der Schusslinie zu halten.
Er war der Feuernation loyal. Vor allem anderen. Aber er war nicht blöd.
Ich denke, dass sie auf der Kippe steht. Lu-shan denkt es. Das heißt... vielleicht ist sie das tatsächlich.
General Iroh hatte sie einen Dunklen Drachen genannt. Und das, obwohl niemand über das Drachenblut in der Linie der Feuerlords sprach. Offiziell.
Der General musste sich irren. Es konnte nicht anders sein. Die Feuerlords führten ehrenvoll ihre Nation. Es konnte nicht wahr sein, dass Feuerlord Ozai wollte, dass... eine solche Kreatur ihn beerbte.
Doch wenn er das glaubte... der General irrte sich. Oder er log.
Er hat uns nie angelogen. Nicht uns. Nicht seine Männer.
Doch Yakume wusste, dass der General trotzdem etwas... selektiv mit der Wahrheit umgehen konnte. Ganz besonders, wenn er eine Falle aufstellte.
Und wir sind die Falle.
Lu-shan... beäugte ihn. Wieder.
„Wir sind eine Falle für die Prinzessin", erklärte Yakume. „Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht was der General zu erreichen hofft – aber wir sind eine Falle. Irgendwie. Er ist ein Mann von Ehre und er und Prinz Zuko haben ihr Wort gegeben... aber ich kenne den General. Wenn er uns gehen lässt, dann erwartet er einen Vorteil davon." Er ließ seinen Blick über die Seemänner schweifen. „Deswegen kehren wir noch nicht zum Palast oder auch nur zur Stadt zurück. Noch nicht. Prinzessin Azula ist General Irohs Feindin und ich werde keine Gefahren an ihre Türschwelle bringen."
Nervös begannen Koki und die anderen voneinander zurückzuweichen.
„Es ist nicht so eine Falle", sagte Yakume ungeduldig. „Er ist subtiler als das, das könnt ihr mir glauben. Es ist keine Waffe. Es ist nicht mal eine Person." Er senkte den Blick, versuchte, sich an alles was er je über Kriegszüge, die der General geführt hatte, zu erinnern. „Er hat uns gehen lassen, damit wir der Prinzessin berichten, was wir gesehen haben. Irgendwas an diesen Informationen muss gefährlich sein."
„Wohl eher alles daran, so jähzornig wie sie ist", sagte Lu-shan trocken. „Gefährlich für jeden armen Bastard in Reichweite zumindest."
Yakume spürte mehr, als dass er sah, wie die anderen bei dem Ausdruck zusammenzuckten und hob beschwichtigend eine Hand. „Das bedeutet hier nicht das gleiche", sagte er steif. „Und der Kapitän deutet etwas Wichtiges an. Der Drache des Westens ist bekannt für seine Anwendung von Gewalt und Masse, doch kennt er auch den Wert einer gut gewählten Ablenkung."
Es konnte sein, dass das alles war, was der General beabsichtigte. Möglicherweise. Wenn ich nur entwirren könnte, was ich erfahren habe. „Sie sagten, der Prinz wurde verflucht?" Yakume studierte Sergeant Aoi.
„Hab ich doch gesagt. Ein Wasserbändiger." Der bullige Sergeant erschauderte. „Agni, das ist einfach nicht richtig."
„Heißes Wasser." Lu-shan schnaubte.
Aoi funkelte ihn an. „Er hat den verdammten Geist in Eis eingefroren."
Und das schien ein unwiderlegbarer Beweis zu sein. Und doch... „Der General sagte, Prinz Zuko ist ein Feuerheiler", begann Yakume.
„Jee hat auch vom Feuerheilen geredet", grollte Aoi. „Er hat wohl den General gemeint. Am Ufer war es der Verräter der krank war. Und wir haben alle das Eis gesehen."
„Und der General hat bestätigt, dass –" Yakume verzog das Gesicht und hatte den Drang sich gegen die Stirn zu schlagen. „Nein. Er hat impliziert, dass der Prinz verflucht ist. Er hat es nie gesagt." Der Mond hatte ihre Hand auf den Prinzen gelegt, na klar doch. Feuerbändiger, der dazu verflucht wurde, ein Wasserbändiger zu sein, das seinen Geist verdrehte? Dadurch wurde alles klar.
Und doch wieder nicht. Die Dai Li waren sich sicher gewesen.
„Wasserbändigen ist ein Fluch?" Lu-shan beäugte sie alle.
Yakume zuckte die Schultern. „Was würden sie von einem Wachmann halten, der Feuer bändigt?"
„... guter Punkt." Lu-shan seufzte, wie das ferne Grollen eines Vulkans. Dann warf er wieder mal einen Blick zu einem der anderen Matrosen, der sich zum Schutzgeländer verirrt hatte und zog eine Augenbraue in Aois Richtung hoch.
„Norimichi!", knurrte der Sergeant. „Bei Agnis Flammen, Mann, du kannst später gaffen wie ein tumber Hinterwälder!"
„Äh, Sergeant?" Norimichi, der immer noch über das Geländer lehnte, rieb seine Augen. „Sollen die Leute nicht in diesen Dingern fahren?"
Yakume fand sich mit den anderen gegen das Geländer gedrückt und erwartete halb zu sehen, dass etwas Seltsames einen der vier oder fünf Waggons langen Züge, an die er sich fast schon gewöhnt hatte, dekorierte –
Der Zug war lang, sehr lang. Und er war schnell. Flammen loderten und prallten gegeneinander und Schemen in rot und pink und grün rangen auf den Dächern miteinander. Es waren orangene Flammen… und wilde, tödliche Blaue.
„Oma und Shu, sind die Erdbändiger verrückt?", fluchte Lu-shan.
Die Erdbändiger?, dachte Yakume. Er riss seine Augen kurz weg, um dem Wachmann einen ungläubigen Blick zuzuwerfen.
„Niemand schiebt einen Zug so schnell an!", fauchte Lu-shan, während der Zug kreischend über die Gleise auf die Station zuschoss und die Schemen mit der verblüffenden Geschwindigkeit größer wurden. „Selbst wenn sie jetzt anfangen zu bremsen, werden sie nie bei uns anhalten!"
Yakume starrte zu dem verzweifelten Kampf und an dem langen Zug entlang. Und dem verschwommenen Grün, aus dem jetzt Dai Li – Uniformen wurden –
Nur war einer der Dai Li kleiner, schlanker. Und er parierte einen Flammenstoß mit einem Schlag der Handkante.
Yakume zwang sich zu atmen und hörte das Knistern der Flammen im Wind. „Sie werden nicht anhalten."
„Sind sie verrückt?" Lu-shan starrte mit aufgerissenen Augen auf den heran rauschenden, unaufhaltsamen Koloss aus Holz und Stein. „Züge halten immer –"
Heulend raste der Zug vorbei, eine endlose Abfolge von Fenstern und ängstlichen Gesichtern und Feuer.
Yakume winkte verwirrt, ganz besonders zu dem ersten Waggon, an dem ein Paar Erdbändiger, die wie Vater und Sohn wirkten, den Zug in sichtlich nicht vorschriftsmäßiger Weise schneller antrieben. Und wo ein goldäugiges Mädchen blitzende Messer bereithielt, um sie gegen jeden zu schleudern, der sie aufhalten wollte.
Endlose Herzschläge später waren sie fort.
Yakume starrte ihnen die Gleise hinab nach und schüttelte sich. Er wendete sich zu Lu-shan. „Ich schätze, sie haben Wache Huojin gesehen?"
Sprachlos starrte Lu-shan ihn an.
„Das dachte ich mir", murmelte Yakume. Und er schüttelte ungläubig den Kopf, wollte über die schiere, tollkühne Frechheit lachen... und zürnen, dass solche wilde Brillanz für die andere Seite brannte. „Irohs Erbe in allem, nur nicht der Geburt nach."
„Ich – aber – er –!" Lu-shan warf frustriert die Hände hoch.
„Er wurde geboren als einer von Sozins Geblüt und er wird auch als einer von Sozins Geblüt sterben", sagte Yakume und bemühte sich, ruhig zu klingen. „Geister, sie brennen so hell."
„Sie wollen sich da einmischen?", stotterte Lu-shan.
„Sie sind Große Namen." Yakume hörte die Sehnsucht in seiner eigenen Stimme, ohne zu versuchen, es zu verbergen. „Wer würde nicht folgen wollen?" Seufzend wendete er sich zu Aoi. „Ich schätze, wir brauchen nicht länger hier zu warten... was ist los?"
„Sie sind auf dem Weg zum Hafen", sagte Aoi erschüttert.
Stirnrunzelnd nickte Yakume.
Aoi schüttelte den Kopf und sprach, als ob er es mit einem neuen und besonders begriffsstutzigen Rekruten zu tun hatte. „Sie sind auf dem Weg zum Wasser."
...Oh.
Zuko, Azula/ Zug/ Ba Sing Se
Zu langsam, dachte Zuko, das ist eine Finte.
Es war keine Finte.
Keine Zeit, Azulas Feuerrad zu blocken; er schlug es mit heißem Sand beiseite und die Erdstückchen schluckten die Hitze wie eine Taverne voll durstiger Matrosen Schnaps. Geschmolzenes Glas schlängelte und peitschte nach seinem Willen; er roch ihr versengtes Haar, ehe der Wind den Rauch fortriss.
Ich muss es nicht mal erhitzen, dachte Zuko trocken, in einem kurzen Moment, als sie mit Shirongs geschleuderten Ketten beschäftigt war. Das macht sie für mich.
Und das war das einzige was an diesem Kampf nicht verwirrend war. Das hier war Azula. Er sollte entweder vor Angst zur Salzsäule erstarrt sein, oder in blinde Raserei verfallen. Und nichts davon passierte.
Er war besorgt, ja. Rang verzweifelt darum, sie so weit am Ende des Zuges zu halten, wie er konnte, weg von unschuldigen Zivilisten. Falls der Zug beschleunigte und Shirong den Waggon, auf dem sie war, abtrennte...
Aber mehr noch war er in einem Schleier von manischer Freude verfangen. Hier war ein Feind. Hier war jemand, der genauso tief in dem Roku-Ilah-Sozin – Mist steckte wie er. Jemand, der genauso viel Schuld in den Augen der Welt trug, von dessen Blut jede andere Nation sagte, dass es ebenso sehr zwischen Gut und Böse zerrissen war...
Als ob Sozin nur böse war. Und Roku nur gut.
Katara würde sagen, dass seine Schwester böse ist. Toph würde es sagen – Himmel, sogar Aang.
Und du kapierst es einfach nicht. Sie glaubt an den Feuerlord. So wie du an Gyatso glaubst, Aang. Deswegen hat sie dich getötet. Deswegen wird sie dich wieder töten.
Und er konnte gegen Azula kämpfen und noch denken. Es war unsinnig – Moment, was machte sie –
Sein Training sagte wirbelnder Feuerkick. Ein tieferes Flüstern sagte ja, Sichtlinie verdecken, achte auf –
Der Feuerverstärkte Schlag brach durch seine Flammenwand und er flog.
Shirong, Azula, Zuko/ Zug/ Ba Sing Se
Lee!
Guanyin sei Dank für Training und Übungsstunden bis zum Umfallen. Shirong wusste genau, wie man Steinhandschuhe schleuderte, um einen Körper auf sicheren Boden zurückholte. Auch wenn der Boden das Dach eines anderen Waggons war.
Er ist am Boden, pass auf –
Blaue Flammen versengten seine Schulter, die Welt färbte sich rot und schwarz.
Es ist nur Schmerz, verdammt!
Shirong trat in den Schlag, sah ihr kaltes Grinsen und wusste, dass er keine Steine mehr hatte und falsch stand um Ketten zu schleudern.
Du hast noch nie mit erschöpftem Chi gekämpft, oder?
Er landete einen Hammerschlag, der eine Zone traf, die, wie kalte Erfahrung ihn gelehrt hatte, eine Frau ebenso schnell außer Gefecht setzen konnte, wie ein Treffer zwischen die Beine einen Mann.
Sie wich ihm aus. Einem Teil davon.
Shirong sah, wie sie vor Schmerz erbleichte, als sie nach hinten schlitterte, ein Arm schützte instinktiv ihre Brust. Dann errötete sie wütend und peitschte Feuer mit Tritten und Schwüngen, um ihn zurück zu treiben und umzubringen.
In diesem Augenblick erkannte er ein ganzes Leben.
Adelig. Wunderkind. Von den Besten unterrichtet. Von den Besten trainiert. Immer, immer die begünstigte, erwählte Erbin.
Niemand hätte es gewagt, in deinem Training dreckig zu kämpfen, oder?
Du bist nicht wie dein Bruder, Azula. Das kannst du gar nicht.
Allerdings war Zuko in diesem Kampf auch nicht ganz wie er selbst. Und das war nicht der Unterschied von Wasser und Feuer.
Er hat die Fähigkeiten, um sie zu erledigen, aber er glaubt es nicht. Er ist sich nicht sicher. Verdammt, Lee, sie ist nicht besser als du –
Blaues Feuer raste auf ihn zu –
und wurde zur Seite gerissen, in einer Kugel aus orangenen Flammen, so knapp, dass seine Augen tränten.
Zuko, Azula/ Zug/ Ba Sing Se
Hör auf zu grübeln. Kämpfe!
Er verstand nicht, warum er Azulas Züge kommen sah. Er verstand nicht, woher er wusste – mit absoluter Gewissheit – was ein Berg-Feuerbändiger als Antwort erwartete, und wie er es wie Wellen gegen Klippen kontern konnte. Er verstand es einfach nicht...
Aber er verstand die Welt schon seit dem Südpol nicht mehr. Das war er langsam gewöhnt.
Sie ist gut, murmelte etwas in seinem Kopf. Aber nicht mit der Angst, die er hätte haben sollen. Einfach... anerkennend. Sie ist sehr, sehr gut.
Aber sie ist jung.
Jung genug, um sich von dem Kampfrausch hinreißen zu lassen, der völligen Vernichtung ihrer Feinde. Jung genug, um zu glauben, wenn jemand sie nicht tötete, es war, weil er es nicht konnte.
Ich könnte sie töten, wenn ich riskieren wollte, dass wir beide sterben.
Aber es gab einen besseren Weg.
Stahl rammte sich durch das angesengte Dach und er grinste.
Azula, Zuko, Shirong/ Zug/ Ba Sing Se
Ich bring ihn um, dachte Azula grimmig und wich Speerspitzen, die von unten herauf gestoßen wurden, aus. Schnell und gründlich. Diesmal mach ich es richtig.
Zuko wich dem Stahl so leicht aus, wie sie, verdammt sei er. Weil er auch ein Auge auf seine Umgebung hatte und nicht nur auf sie.
Wie kannst du es wagen!
Sie war die Beste. Die Allerbeste. Sparring mit ihrem Bruder sollte lächerlich sein, ein Spaß. Ein Weg Ursa zu trotzen, indem sie ihr ins Gesicht rieb, wie armselig das Kind, für das sie sich entschieden hatte, wirklich war.
Nur hielt Zuko sie auf Abstand. Und er ließ es auch noch einfach aussehen.
Wenn dich dieser Dai Li nicht decken würde...
Doch er war da. Shirong schien nur Steine bis zur Größe seiner Handschuhe gut bändigen zu können, doch der Agent war mehr als bereit dazu, den ganzen Waggon unter ihm für Munition auseinander zu nehmen, Stück um schmerzhaftes Stück.
Sie konnte sie beide aufreiben. Sie konnte ihnen weh tun. Aber sie konnte sie nicht zurückdrängen.
Und wenn Shirong genug Steinstücke abschneiden konnte, um einen Waggon mit ihr und Ty Lee darauf abzukoppeln –
Nein. Das macht er nicht.
Du hast keine Verbündete mit aufs Schlachtfeld gebracht. Du hast dir Belastungen geholt.
Ich kenne deine Schwäche.
Springen und landen und Feuer durchs Dach donnern –
Oh, was für hübsche Schreie.
Huojin/ Zug/ Ba Sing Se
„Raus hier!", brüllte Huojin, verschaffte sich Gehör über Panik und tosenden Flammen. Der Gestank von verbranntem Fleisch und Erbrochenen waberte durch die Luft, drehte ihm den Magen um. Er schluckte hart und unterdrückte seine Gefühle. „Bewegung! Alle weiter vor!"
Sie bewegten sich, bis auf drei unglückliche Kerle, die sich nie wieder bewegen würden.
Die Kinder sind alle vorne, sagte sich der Wachmann grob, als er einen der wirklich vom Pech geschlagenen, die noch atmeten, obwohl verbrannte Haut abriss und an verkohlten Holzsitzen kleben blieb, mit sich zerrte. Amaya konnte ihn retten, oder auch nicht. Meine Mädchen sind vorne, bei Teruko...
Und er wollte schreien, weil Teruko nicht hier war. Weil sie Befehle befolgte, dem Plan folgte und sich an die Waggons mit Frauen und Kindern hielt. Ein lebender Feuerschutz, bereit zu verhindern, dass das, was hier passiert war, dort geschah.
Falls sie das überleben sollten, würde Huojin alle Alpträume annehmen, die der heutige Tag brachte. Er würde sie annehmen und dankbar sein. Weil seine Mädchen in Sicherheit waren.
Teruko, dachte Huojin grimmig, als die Schiebetür aufglitt und der Wind herein peitschte. Er zerrte seine stöhnende Bürde durch die Windböen zwischen den Waggons. Andere Hände streckten sich ihm entgegen, zogen ihn hoch. Jia und die anderen Erdbändiger sorgen dafür, dass die Gleise intakt bleiben, falls irgendwer an ihnen herumfummelt. Amaya.
Zuko hatte Bändiger wie lebende Mauern aufgereiht und die Waggons voller Zivilisten in ein bewegliches Bollwerk verwandelt. Hatte bewusst die weniger wichtigen Vorratswaggons nach hinten gestellt, so dass, falls das Schlimmste eintraf und er und Shirong fielen, Erdbändiger den Zug um ein Drittel kürzen konnten, wie ein Maulwurf-Skink, der seinen Schwanz abwarf, um zu überleben.
Übertrieben, hatte Huojin gedacht, als sie es aufstellten. Er hatte von Zukos Schwester gehört, aber er hatte es nicht geglaubt. Sicher, Soldaten der Feuernation konnten fürchterlich sein und böse und Zivilisten abschlachten ohne mit der Wimper zu zucken... aber ein vierzehn Jahre altes Mädchen?
Aber du hast es gewusst, Bursche. Du hast es gewusst.
Und jetzt, statt über die Paranoia des Jungen zu lachen, betete er verzweifelt, dass Zuko paranoid genug war.
Geh uns da draußen nicht drauf, hörst du? Überlebe!
Zuko, Azula, Ty Lee/ Zug/ Ba Sing Se
Nicht meine Leute!
Zuko schlug ihr eine Feuerwelle entgegen, schleuderte einen Wirbel von Feuerbällen. Er sah Azulas gemeines Grinsen und hasste es. Hasste sich.
Ich hätte es wissen sollen. Ich hätte es wissen müssen.
Azula bekam immer, was sie wollte. Und was sie wollte, war seine Aufmerksamkeit.
Wenn dabei jemand draufging, war das nur ein Bonus.
Verkohltes Holz gab unter seinen Füßen nach, er sprang als es zusammenbrach, landete auf dem Dach des nächsten Waggons und schleuderte eine Feuerpeitsche, um Shirongs Sprung zu decken.
Azula wich aus. Natürlich. Aber es beschäftigte sie, als sie landete, gerade lange genug, damit Shirong noch etwas Munition herausschneiden konnte.
Es beschäftigte auch sie beide. Ty Lees Salto zwischen den Waggons war nicht so elegant, wie sonst, doch sie landete in einem Stück, wand sich aus Shirongs Ketten und schleuderte sie davon. Ihre grauen Augen waren immer noch aufgerissen und ihre Hände schlaff, formten keine tödliche Fäuste, die einen Gegner paralysierten. Aber sie war noch da, wurde von Azula mitgerissen, wie ein Blatt im Sturm.
Blätter sind brennbar, Ty Lee.
Das war ein Kampf zwischen uns beiden, Azula. Ich dachte, du hast genug Ehre, um dich daran zu halten.
Aber wann hatte sie sich schon jemals darangehalten?
Du bist meine Schwester …
Zuko verschloss seine Ohren vor dem Aufschrei seiner Seele und schätzte seinen Feind ab.
Ruhig. Atme, murmelte jenes aus der Tiefe dringendes Flüstern. Die ganze Welt ist deine Waffe.
Alles brennt.
Shirong/ Zug/ Ba Sing Se
Feuersturm.
Shirong hatte dieses Wort von den Feuerwehrmännern in Ba Sing Se gehört, die rußbeschmiert ihre Toten mit starken Alkohol und harten Kummer betrauerten. Die Vernichtung von Leben und Wohnhäusern; das heulende Monster, das Fleisch und Holz und sogar Stein verzehrte und wie Glas zerschmetterte. Manchmal waren bösartige Geister dafür verantwortlich; das waren die Alpträume, die ihm in zwei Jahren genauso viele Partner geraubt hatten, ehe er endlich Soloeinsätze verlangt hatte. Aber meistens war es nur Feuer.
So was wie nur Feuer, dachte Shirong wie benommen, gibt es nicht.
Er war im Herzschlag tobender Drachen gefangen, die das Dach, den Wind und alles hier gnadenlos in Stücke rissen. Blaue Flammen, die nach Schmerz brüllten und nach langsamen Tod und Versager, du hast verloren und wirst dafür brennen –
Orangenes Feuer sprang und wirbelte und bog sich, niemals zweimal gleich. Keine Herausforderung. Keine Drohung. Es war einfach, als ob ein zorniger Geist des Eisens Lava zu Nebel und Mondlicht gehämmert hätte.
Selbst angesengt und mit Schmerzen konnte Shirong es nicht fürchten. Es gehörte dazu. So wie der Atem in seinen Lungen, der Stein in seinen Händen –
Grinsend zerdrückte Shirong Stein zu Sandpuder und schleuderte es ins Getümmel.
Ty Lee, Zuko, Azula/ Zug/ Ba Sing Se
Zuko lebt, dachte Ty Lee wie betäubt. Zuko kann nicht am Leben sein.
Diese zwei Fakten scheuchten einander durch Ty Lees Kopf wie zwei wütende Lemure, während der Kampf und die Flammen um sie herum tobten. Azula war stärker als ihr Bruder. Ty Lee wusste das. Ihre Klanältesten wussten das. Der Feuerlord wusste das.
Aber Zuko lebte. Das hieß, er hatte den Feuerlord verraten und überlebt.
Ihre Ältesten sagten, dass in diesem Jahrhundert nur zwei Feuerbändiger überhaupt das geschafft hatten. Und wenn Zuko die Stärke von Jeong Jeong dem Deserteur hatte...
Oder die des Großen Verräters.
Sie weigerte sich seinen Namen auch nur zu denken. Sie würde den Geist dieser Kreatur, die so viele ihrer Verwandten vor einem Jahrhundert gestohlen hatte, nicht damit ehren.
Er hatte sie gestohlen, geraubt, wie der Rauch einer Feuerbestattung waren sie vergangen, fort und er hatte nie auch nur einen Hauch der Wahrheit denen, die geschickt worden waren, um ihn sanft zu befragen, gewährt...
Er hatte sie einfach abgeschlachtet.
Es war nicht richtig irgendwem den Tod zu wünschen, doch als ihre Familie ihr diese Gutenachtgeschichten erzählt hatte, war sie doch immer froh darum.
Also hatte sie nie vergessen, wessen Enkelin Lady Ursa war. Auch wenn Azula so tat, als wüsste sie es nicht.
Azula stammt von denen ab, die Tengris Blut den Tod bringen. Von beiden Seiten, hatten die Ältesten gesagt. Diene ihr, damit wir alle überleben.
Natürlich war Zuko das auch. Doch er hatte nie so getan. Unbeholfen, schüchtern, immer zehn Schritte hinter seiner überragenden Schwester.
Das Feuerbändigen, das jetzt um sie herumflog, war nicht unbeholfen. Es war anders, als alles, was Ty Lee je gesehen hatte, während Zuko zwischen ihnen glühend heißen Sand wirbelte, um wieder einen blauen Feuerstoß zu absorbieren. Er schwitzte nicht. Er war nicht panisch. Er atmete noch nicht mal schwer.
Atem ist Chi und Chi ist Feuer, flüsterten ihre erfrorenen Gedanken. Wie kann er Feuer machen, ohne zu atmen?
Ein trügerisch sanftes Wirbeln seiner Hände zupfte Feuer von brennendem Holz um es gegen Azulas Schienbeine zu schmettern –
Azula teilte es mit einem Stampfen und warf ihm ein brüllendes Gegenfeuer ins Gesicht –
Zuko wirbelte und sprang, Sand wirbelte mit ihm um Feuer zu fangen, aufzusaugen und glühend den Rest zur Seite zu wischen –
Er macht gar kein Feuer, erkannte Ty Lee. Er lässt es von ihr machen!
Wie der Große Verräter. Wie Byakko, die immer noch ihren Klan hetzten, wenn sie es wagten, auch nur einen Zoll weit in die Gewässer zu segeln, die diese heimtückische Insel als ihre beanspruchten. Sie hatte nie bemerkt, dass Lady Ursa dem Prinzen dieses pervertierte Feuerbändigen beigebracht hatte, doch irgendwie musste sie es doch geschafft haben...
Er kämpft nicht, um sie zu töten, weil er das gar nicht musst! Wenn er länger durchhält als sie –
Das kann nicht sein!
Wenn Zuko stärker war, dann sollte er der Erbe sein. Aber das war er nicht, das konnte er gar nicht sein. Er hatte den Feuerlord verraten und wenn ihre Leute ihm folgen sollten, dann würden sie sterben. Sie wären tot und Tengris Wege wären vergangen. Und er war doppelt ein Verräter, er kämpfte nicht mal darum der Erbe zu sein, nicht wenn er versucht hatte, nach Ba Sing Se hinein und wieder hinaus zu schleichen, ohne sich Azula zu stellen –
Und wie konnte er sich Azula nicht stellen wollen? Wie? Wie konnte er Ty Lee verraten, alle ihre Leute verraten, indem er jetzt seine Kraft fand, wo es völlig nutzlos war? Wie konnte er solchen Mist bauen, so wie Zuko immer Mist baute und ihren Leuten keine Wahl lassen, als Azula zu folgen? Denn selbst wenn Zuko stärker war...
Und das kann nicht sein!
Aber auch wenn es doch so war, er war allein. Gegen die Armeen des Feuerlords. Jeder, der zu ihm hielt, würde sterben.
Nein, nein, Zuko würde das nicht machen! Das kann er nicht machen! Er …
Ty Lee hatte nicht den Atem, um eine Warnung zu rufen, als der Zug durch einen Tunnel in der Mauer schoss. Aber dann war das hier ja Azula. Das brauchte sie auch gar nicht.
Doch Ty Lee musste sich ducken, als sie aus der Dunkelheit rauschten und Felsen von Soldaten auf der Mauer auf sie herab donnerten. Und selbst von hier aus sah sie, wie sich auf Shirongs Gesicht ein wildes Grinsen ausbreitete und er geschleuderten Stein packte und ihn in einer Explosion von messerscharfen Splittern gegen Azula schmetterte.
Sie bringen sie noch um.
Sie stehen dem Feuerlord im Weg.
Jeder auf Suzuran, jeder in diesem Zug... Zuko wird sie alle mit in den Tod reißen.
Das lasse ich nicht zu!
Der Wind des Zuges heulte um ihr herum und Ty Lee bewegte sich.
Zuko/ Zug/ Ba Sing Se
„Sozin hat die Luftnomaden aus vielen Gründen vor dem Erdkönigreich angegriffen", hatte Onkel einst gesagt, auf dem Deck der Wani. „Wenn ihr den Avatar lebend gefangen nehmen wollt, müssen wir ihn schnappen, ehe er Erde meistert. Die Vereinigung der Gegensätze kann unaufhaltsam sein."
Es war keine Zeit mehr, um auszuweichen. Keine Zeit, um zu planen. Es gab nur einen Augenblick, eine Bewegung, zu hoffen, dass unter ihnen im Waggon keiner mehr war und zu beten, dass er genügend Splitter abwehren konnte.
Drache folgt Mond.
Feuer rauschte vom brennenden Dach heran, tosende Wirbel, die tödliches Schrapnell nicht so sehr abwehrten, sondern es auffingen und beiseite schleuderten.
Das meiste davon.
Oh, verd –
Schmerz.
Shirong, Ty Lee, Azula, Zuko/ Zug/ Ba Sing Se
Wenn man Blut riecht, ist es ein schlechter Tag.
Er lag flach auf dem Bauch, hielt sich mit einer Hand am verkohlten Holz auf dem Dach fest und Shirong umklammerte den Arm des halb bewusstlosen Feuerbändigers mit einem Steinhandschuh. Er arbeitete mit seinen Fingerspitzen, bis Stein floss und Zuko neben ihm auf dem Dach verankerte, ihn trotz des zerrenden Windes festhielt.
Besser krieg ich es jetzt nicht hin.
Er sah nicht zu den geschwärzten Steinklingen, die Zukos letzte Verteidigung durchstoßen hatten, oder die kleineren Splitter, die in sein Fleisch eingedrungen waren. Sie waren beide verwundet. Es sah nicht gut aus. Aber wenn er Ty Lee nicht sofort aufhielt, dann waren sie beide so gut wie tot.
Oh, wunderbar, wie soll ich sie denn aufhalten, hier, wo wir von Wind buchstäblich umgeben sind?
Aber die Akrobatin – die Luftbändigerin – gab ihnen nicht den Rest. Sie stand einfach da, so bleich wie Pergament. Sie erzitterte und drehte sich um, um Azula zu helfen –
Die schon wieder auf die Füße gekommen war, mit einer akrobatischen Bewegung, wie spielend leicht. Und sie hatte einen forschenden, berechnenden Gesichtsausdruck. „Warum?"
„Du bist meine Freundin", sagte Ty Lee einfach. „Und du bist schlauer als Feuerlord Sozin und Azulon. Sie haben meine Leute gejagt. Du passt auf uns auf."
Shirong wurde kalt bis ins Mark. Er versuchte das unschuldige Lächeln mit diesen Worten zusammenzubringen. Es ging nicht.
Unser unschuldiger Bücherwurm Kuei hat Territorium der Feuernation überlassen. Um uns davor einen Puffer zu verschaffen.
Wenn wir das hier überleben, sind alle Dai Li ihm eine Entschuldigung schuldig.
Falls sie das überlebten. Oma und Shu. Er blutete aus dutzenden kleinen Wunden, Zuko bewegte sich nicht, Ty Lee war eine Luftbändigerin, die den Wind des ganzen Zuges zum Greifen hatte und Azula lächelte auf eine Art, die in ihm den Wunsch weckte, direkt aus der Haut zu fahren.
Wenn ich die Splitter zurückschleudere, blendet es sie nur für einen Augenblick. Und sie wartet genau darauf. Ich kann es spüren.
Nein, erkannte Shirong, als ein erstickter Laut von Zuko kam und Azulas Lippen sich zu einem grausamen Lächeln hochzogen. Sie wartete genauso wenig auf den Zug des Agenten, wie jemand auf einen Moskito-Floh wartete, den man zerquetschen wollte.
Sie wartet darauf, dass er stirbt.
Geister. Und er hatte nicht ein Stück Kette übrig. Doch konnte er eine seiner Ketten sehen, um einen brennenden Dachsparren verfangen, mehrere Meter entfernt. Flammen ließen die Luft darüber flirren und die Glieder klirrten und schwangen spöttisch, schmerzhaft weit entfernt.
„Mutter hat dich verhätschelt, aber Vater respektiert mich", erklärte Azula mit giftigem Spott in der Stimme. „Ich werde es genießen, ein Einzelkind zu sein."
Shirong knurrte. Friss geschmolzenes Glas, du kleine –
Zorn blockte den tosenden Wind in seinen Ohren. Alles was er hörte, war Zukos keuchender Atem... und das Klirren einer Kette.
Metall ist Erde. Hitze ist Feuer.
Er rollte auf die Knie und zog.
Eine brennend heiße Kette peitschte wie Würgeranken um Beine und riss die Mädchen mit einem Schrei vom Dach.
...Au.
Auf dem Dach zusammenzubrechen kam ihm wie die beste Idee der Welt vor. Wenn einfach nur alles weggehen und ihn in Ruhe seine Wunden lecken lassen würde.
Doch er hatte es schon mit Geistern zu tun gehabt, die mit Schmerz zuschlugen und Schlaf und reiner Langeweile. Disziplin bedeutete, dass man sich nicht hinlegte und starb, bis man absolut sicher war, dass der Feind tot war.
Er sammelte sich und spähte über die Seite des Zuges.
… Das ist einfach nicht möglich.
Sie waren nicht mehr auf dem Zug, den Geistern sei Dank für diese kleine Gnade. Doch ein Flecken aus vertrautem Rot und Pink klammerte sich an eine der stützenden Pylonen der Gleise.
Noch während der Zug davon raste, konnte er die Wut in den goldenen Augen förmlich spüren.
„Guanyin, gnädige Mutter, vergib mir", hauchte er. „Was braucht es nur, um dieses Mädchen zu erledigen?"
„Mehr als irgendwer bisher hatte", keuchte Zuko, noch während er Fäden aus grünem Feuer heranzog, um die schlimmsten Blutungen zu stoppen. „Helfen sie mir hoch."
„Bleib liegen!", schnappte Shirong. Geister, das Tempo, das sie draufhatten – und der Hafen war so nah... „Wenn du aufstehst und der Zug bremst, verliere ich dich diesmal wirklich."
„Schau dir die Docks an!"
Die Docks? Der ganze Hafen brannte, was sollte er sich da –
Die Docks brannten. Genau wie die Schiffe. Abgesehen von den roten Segeln, die schon in den See flohen... und Suzuran, die in Reichweite ihrer Trebuchets vom Ufer entfernt die Stellung hielt und brennenden Teer auf jede Gruppe Soldaten schleuderte, die sich organisieren wollten.
„Sie haben uns zurückgelassen", erkannte Shirong, zu verblüfft, um wütend zu werden. Der Zug raste kreischend die Rampe zum Ufer hinunter. „Oh, Oma und Shu. Sie haben uns zurückgelassen."
„Benutz deinen Kopf!", zischte Zuko, als er einen der kleineren Splitter mühsam herausholte. „Erdbändiger! Schaltet Wasser euch das Hirn ab, oder was? Wir halten den Zug nicht an!"
„Wä?", brachte Shirong heraus. Weil, das war Wasser, tief und tödlich und es lauerte nur darauf, einen unvorsichtigen Erdbändiger hinab zu zerren und zu ertränken. „Lee. Wir. Sinken." Oh, Geister, gleich ist es soweit.
„Hilf mir hoch!"
Ein Befehl, ohne einen Hauch von Furcht. Shirong bewegte sich. Der Zug verließ die Schienen ganz, zerschmetterte brennende Schutzgeländer; Holz und Stein kreischten auf dem Weg in aufschäumende Wellen.
Zuko stand und breitete die Hände aus, der linke Fuß ging vor und zur Seite. Er zog die Hände zusammen, lehnte sich zurück und breitete wieder die Hände aus, mit einem zitternden Atemstoß.
Wasser raste vorwärts, packte den Zug, rauschte schäumend an Fenstern vorbei und Schreie erklangen –
Zuko zog die Hände zu seiner Körpermitte zurück und schob.
Wellen wurden knisternd zu Eis und eine wie ein Pfeilkopf gebogene Scholle breitete sich von den Seiten des Zuges aus, ließ sie in den Hafen gleiten, mit dem Tempo und der Anmut eines verängstigten Plattfisches.
„Wenn wir's hier herausschaffen", hustete Zuko und erschlaffte gegen ihn lehnend wie eine Pflanze im Hochsommer, „bläue ich dir ein, was Auftrieb heißt."
Kuei, Bon, Quan/ Große Mauer/ Ba Sing Se
Mit rasendem Herzen und in einer Nische versteckt, die die Agenten Quan und Bon in einem Rest der Äußeren Mauer geschnitten hatten, beobachtete Kuei wie der Zug mit Flügeln aus Eis in einem donnernden Rauschen in den Hafen glitt. Und er bemühte sich, nicht von der Mauer zu fallen. Das – er –
Er war innen bewacht und verborgen worden, also hatte er nicht gesehen, wie der Avatar und seine Freunde den Palast angegriffen hatten. Er fragte sich, ob es sich auch so angefühlt hätte.
Nein, entschied Kuei, gleichermaßen ehrfürchtig wie aufgeregt. Aang war wie ein unaufhaltsamer Sturm gekommen, auch wenn er freundlich sein wollte. Aber, auch wenn er ein zwölf Jahre alter Junge war, so war er doch immer noch der Avatar. Wer konnte gegen den Geist der gesamten Welt bestehen?
Aber das hier war nicht das Werk eines Geistes. Es war eine Verzweiflungstat von Menschen, unterstützt von Talent und schierer, sturer Tollkühnheit.
Das könnten wir auch machen, erkannte Kuei. Wenn wir es wagen. Oder – nun, nicht das, wir haben jetzt keine Wasserbändiger, aber – Oma und Shu. Er hat Recht. Wir können für die Welt kämpfen. Und das werden wir auch.
Genau wie Zuko. Und es funktionierte. Der Zug war nicht seetauglich. Er konnte sehen, wie die Waggons langsam zur Seite kippten und die Feuer, die auf den Docks wüteten, erzeugten genug Hitze, um ein Dutzend Eisberge zu schmelzen. Aber er schwamm. Suzuran warf den Passagieren schon Seile zu, holte den Zug nah genug heran, so dass Erdbändiger ganze Sektionen der Waggons abbrechen und Stein, Vorräte und Flüchtlinge auf das stählerne Deck hieven konnten.
Es ging nicht reibungslos. Es war nicht schön anzusehen. Aber es ging schnell und entschlossen und –
„Ich glaube es einfach nicht", hauchte Bon neben ihm, starrend. „Sie schleppen ihn ab!"
„Es geht auch nicht anders", erkannte Kuei, als im Angesicht der Realität dutzende Texte über Schiffe sich in seinem Kopf zusammenfügten. „Suzuran sieht neben unseren Dschunken groß aus, aber sie ist eines der kleineren Versorgungsschiffe der Feuernation. Wenn sie versuchen, alle an Bord zu nehmen, kentern sie." Er schützte seine Augen vor der Sonne. „Dort. Sie schließen zu den Fähren auf." Er konnte einen Anflug von Sehnsucht nicht verhehlen. Alles wurde von Rauch und der Entfernung verzerrt. Wenn er nur mehr sehen könnte.
Etwas rundes, metallenes tippte ihn an den Arm. Kuei schaute zu dem Teleskop, dann zu Quans trockenem Schmunzeln. „Oh, vielen Dank."
„Man kann von der Feuernation halten was man will, aber sie machen gute Linsen", sagte Quan trocken. „Ich schätze mal Feuerbändigen ist doch zu etwas gut."
„Wohl wahr", murmelte Kuei und lugte durch das Fernrohr zu dem gefährlichen Tanz von Stahl und Holz und Eis. Er erinnerte sich an einen anderen, wagemutigen, unmöglichen Plan, verkörpert durch den Bohrer, der die Äußere Mauer durchbrochen hatte und nur vom Avatar selbst aufgehalten werden konnte.
Er sah ein paar weitere Minuten zu, wie Leben den Klauen des Wassers entrissen wurden, dann seufzte er, übergab das Teleskop an Bon und spähte hinab zu den Flammen, die Asche, die einmal der Hafen der Stadt gewesen waren. „Ich wusste nicht, dass Vernichtung so schön sein kann."
„Sire –"
„Ich weiß, es ist schrecklich", sagte Kuei ernst. „Ich wünschte, dass es nie hätte geschehen müssen. Aber es liegt eine gewisse … raue Klarheit darin. Wie feine Kalligrafie." Wo jeder Strich eine Bedeutung hatte. Und ein wahrer Künstler gebrauchte nur, was nötig war und nicht einen Tropfen Tinte mehr. „Schauen sie sich das an, Agent Quan." Er machte eine Geste zum rauchverhüllten Ufer, wo rot gerüstete Soldaten damit begannen, die Brände unter Kontrolle zu bekommen. „Prinz Zuko beschloss, sein Volk zu evakuieren und das hat er auch. Prinzessin Azula beschloss, unsere Mauer zu brechen und das hat sie. General Iroh beschloss vor Jahren in unsere Stadt einzudringen und er tat es." Kuei schüttelte den Kopf und schaute zu seinem führenden Dai Li. „Feuerlord Ozai hat beschlossen, das Erdkönigreich zu erobern, nicht wahr?"
„Ja, Sire", sagte Quan mit leiser, ernster Stimme.
Kuei schauderte, aber er schluckte den Klos in seinem Hals hinunter. „Können wir ihn aufhalten?"
„Ich weiß es nicht, Eure Majestät", sagte Quan schlicht. „Aber für unser Volk, für die Welt... wir müssen es versuchen." Er stieß einen langsamen, gemessenen Atemzug aus. „Allerdings gefallen mir unsere Chancen jetzt viel besser als gestern noch." Er deutete zum Hafen. „Ich bin nicht vom Militär, aber ich sehe trotzdem, dass Feuerlord Ozai ein paar interessante Entscheidungen zu fällen hat. Soll er seine Armee hier verstärken und seinen Griff um Ba Sing Se festigen? Truppen hinter Prinz Zuko herschicken? Oder beides?" Das Lächeln des Agenten war dünn, eine Rasierklinge dunkler Schadenfreude. „Und wenn er dem Prinzen Truppen hinterher hetzt, wie viele ist er bereit zu verlieren?"
„Ich hasse es, auf den Tod zu hoffen", sagte Kuei niedergeschlagen. „Selbst den unserer Feinde."
„Ich sagte verlieren, Eure Majestät. Ich habe damit nicht den Tod gemeint."
„Das verstehe ich jetzt nicht", gestand Kuei.
„Ein Erdbändiger, der seine Verträge bricht, kann sterben", sagte Quan und sprach das schmerzhaft Offensichtliche aus. „Genau wie jeder der Feuernation, der seine Loyalität bricht. Und abgesehen von dem verrückten Einsiedler Jeong Jeong, sterben Feuerbändiger immer." Er hielt inne. „Ich hätte sterben sollen, Eure Majestät. Aber ich habe überlebt, weil ihr und Erd-Heiler mich zurückgebracht habt."
Und Lee... Zuko war ein Heiler. Ein Feuer-Heiler.
Doch wie sollte das irgendetwas ändern? Die Adeligen herrschten und die gewöhnlichen Bürger und Bauern folgten ihnen. So war der Lauf der Welt. Selbst der Avatar hatte sich mit dem Adel des Südlichen Wasserstammes verbündet. Die junge Katara mochte glauben, dass Long Feng ihm die Realität vorenthalten hatte und wenn es den Krieg betraf, hatte sie Recht. Doch der Anführer der Dai Li hatte seine Pflichten gewiss nicht vernachlässigt, wenn es darum ging, das Erdkönigreich über Einzelheiten der Erbfolge auf dem Laufenden zu halten!
Zugegeben, Lady Bei Fong hatte einen etwas merkantilen Hintergrund. Doch ihr Titel war anständig genug. Auch wenn ihr Verhalten etwas... exzentrisch war.
Also beabsichtigten der Avatar und seine Adeligen die Welt gegen die Feuernation zu führen. Natürlich folgten die Untertanen der Welt ihnen.
Nichts davon hatte irgendetwas mit Prinz Zuko zu tun. Gewiss konnte er versuchen, die Bürger seiner eigenen Nation für sich zu gewinnen, doch war er ein Verbannter. Die, die der Armee des Feuerlords dienten, waren das wiederum nicht. „Ich bin immer noch verwirrt, Agent Quan", gestand Kuei. „Sie scheinen zu implizieren, dass die Truppen der Feuernation, die gegen Prinz Zuko geschickt werden... ihre Befehle verweigern könnten."
„Oh, ja." Quan nickte. „Den Befehl verweigern und desertieren. Die Generäle wahrscheinlich nicht, aber die niederen Offiziere? Ja. Manche von denen schon."
„Offiziere?", protestierte Kuei ungläubig. „Wer adeliges Blut hat, ist auserwählt zu Herrschen. Jene, die es nicht sind, müssen folgen. So ist die Tradition."
„Im Erdkönigreich, Sire", warf Bon ein. „Nach allem, was ich von Shirong gehört habe, ist die Feuernation anders. Dort gibt es", er hielt inne und sprach die Worte sorgfältig aus. „Beförderung nach Verdienst."
„Was bei Guanyins Namen soll das bedeuten?", murmelte Kuei.
„Es ist wie das, was beim Dai Li praktiziert wird", sagte Bon vorsichtig. „Wenn man seine Aufgabe gut macht, erhält man eine Position mit mehr Verantwortung." Er zögerte. „Außer man ist so schlimm dran wie Agent Shirong und ist einfach zu gefährlich, um ein Team zu führen. Aber das ist nicht seine Schuld, Sire. Es war brillant von Long Feng, ihn als Anwerber einzusetzen. Er konnte seine Fähigkeiten nutzen und die Kandidaten wurden immer mit einem Hauch der Kamuiy-Bosheit konfrontiert, um sie zu testen. Normalerweise war das nicht tödlich."
„Normalerweise?", sagte Kuei unruhig. Er beäugte Bon und bemühte sich, im Auge zu behalten, was wichtiger war. „Agent, wenn man dieser Logik folgt, könnte ein gewöhnlicher Bürger zum Offizier werden!"
Bon erstarrte.
Nach einem Moment räusperte sich Quan. „Eure Majestät. Bis er vor etwa zehn Jahre aus dem Dienst ausschied... Colonel Piandao, einer von Azulons mächtigsten Schwertkämpfern? Er war nicht nur kein Adeliger, er war noch nicht mal ein Feuerbändiger."
Kuei blinzelte. Er polierte seine Brille mit dem Ärmel und lugte zu Quan. „Zukos Rede. Er implizierte, dass sie sich entscheiden können, hier zu bleiben –"
„Nein, Sire", sagte Quan fest. „Er sagte, sie können sich entscheiden, euch zu folgen. Ehrenhaft. Oder sie können ihm folgen."
„Soll das heißen, gewöhnliche Bürger können sich ihre Adeligen aussuchen?" Kuei schüttelte wie betäubt den Kopf. Soll das heißen, dass ich sie behalten werde? Er hatte gedacht, dass die Zurückgebliebenen die Risiken, die der Plan des Prinzen mit sich brachte, einfach nicht eingehen wollten, trotz Prinz Zukos höflicher, schockierender Ansprache. Denn alles in allem waren das eine ganze Menge Risiken. „Das – das ist Chaos! Die Menschen sind das Land; und das Land erhebt sich nicht einfach und geht weg um einem Lord zu folgen. Nicht wenn er nicht mal ein Erdbändiger ist! Wie könnten Adelige in ihrem althergebrachten Platz ruhen und mit anderen Lords Abmachungen treffen, wenn ein Teil ihres Landguts versucht woanders hin zu gehen... oh." Kuei lehnte sich mit großen Augen an die Innenseite der steinernen Aushöhlung und spürte, wie die Welt schwankte. „Aber sie sitzen nicht ruhig an einem Platz, oder? Er sagte sie müssen kämpfen. Wenn die eigenen Untertanen einfach – fortgehen können... Oma und Shu, wie könnten sie überhaupt je aufhören zu kämpfen?"
„Wenn Madame Wens Geschichte wahr ist", warf Bon vorsichtig ein, „hat Avatar Kyoshi sie gezwungen aufzuhören."
Kuei schluckte. Er zählte das zu dem was Zuko gesagt hatte und versuchte sich vorzustellen, wie das Erdkönigreich wäre, wenn Avatar Roku jede befestigte Stadt niedergerissen und kategorisch verboten hätte, dass sie je wiederaufgebaut würden.
Guanyin sei gnädig. Wir würden uns gegenseitig abschlachten.
Doch Roku hatte das nicht und es war die Feuernation, die stattdessen versuchte sie alle abzuschlachten – oh. „Er ist nicht nur eine Ablenkung für Azulon, oder?" Kuei tastete seinen Weg zu einer wirklich schockierenden Idee. „Geister, er könnte die ganze Invasion des Feuerlords brechen!"
„Das bezweifle ich, Eure Majestät", sagte Quan direkt. „Feuerlord Ozai sucht sich seine Generäle selbst aus. Und obwohl die Truppen der Feuernation nicht an Adelige glauben, sind sie doch ihren Befehlshabern loyal. Es werden nur wenige sein, die es riskieren diese Loyalität zu beschädigen, selbst wenn sie wissen, dass der Prinz ein Feuer-Heiler ist. Doch nach allem was die Wens uns berichtet haben, wissen sie jetzt das erste Mal seit Jahrhunderten, dass Befehlsverweigerung möglich ist." Noch ein gefährliches Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. „Der Feuerlord ist an die unverbrüchliche Loyalität seiner Soldaten gewohnt. Das macht ihre Eroberungsfeldzüge so tödlich. Und jetzt... jetzt kann sie doch gebrochen werden." Er lachte leise. „Glaubt einem Dai Li, Sire. Eine Drohung kann besser sein, als ein Schwert."
„Deshalb haben sie sich nicht gegen meine Vereinbarung mit Prinz Zuko ausgesprochen", erkannte Kuei. „Sie wussten, dass sie uns helfen, allein indem sie da draußen sind." Er murmelte etwas einem König nicht angemessenes. „Quan, sie müssen mir diese Dinge sagen!"
„Es war keine Zeit –" Quan unterbrach sich und verbeugte sich seufzend. „Verzeiht mir, Eure Majestät. Wir sorgen ab jetzt dafür, dass wir diese Zeit finden." Er ließ seinen Blick über den Grund unter ihnen schweifen, hielt nach Flecken von vertrautem Grün Ausschau. „Aber könnten wir das unter der Erde machen?"
Nach einem letzten Blick zu den ersterbenden Feuern nickte Kuei und blinzelte in der Dunkelheit, als Bon ihr Versteck versiegelte und noch mal in dem trüben grünen Licht, als Bon einen Tunnel zur Treppe öffnete, die hinab führte. „Also, wie wird Prinz Zukos Plan die Invasion des Avatars beeinflussen?"
„Ich weiß es nicht, Sire." Quan runzelte die Stirn. „Es wäre hilfreich, wenn ich die Einzelheiten des Plans erfahren könnte."
Kuei spürte eine kränkliche Unsicherheit, als sie die Stufen erreichten; Bon ging vor und Quan übernahm die Nachhut. „Sie kennen sie nicht."
Quan stoppte auf der obersten Stufe. „Ihr kennt sie auch nicht?"
„Nun... nein", gestand Kuei. „Sokka hatte den Einfall und der Fünferrat hat die Botschaft geschickt, dass sie fast fertig waren, bevor Prinzessin Azula – oh nein." Er schluckte trocken. „Oh, ich... komme mir jetzt wirklich wie ein Idiot vor. Sie weiß davon. Von der Sonnenfinsternis", fügte er bei Quans scharfem Blick hinzu. „Der Plan war noch nicht fertig, als ich... der Anführerin der Kyoshi-Kriegerinnen davon erzählte."
„Ah," sagte Quan sehr ruhig gehalten.
„Eine Sonnenfinsternis?" Bon schaute ungläubig zu ihnen beiden hoch. „Soll das heißen, die gibt es tatsächlich?"
„Die Sonne verdunkelt sich und der Tag wird zur Nacht", sagte Quan zu ihm. „Aber ich habe gehört, dass es für Feuerbändiger noch schlimmer ist. Sie sind dabei machtlos. Selbst wenn der Avatar noch nicht alle Elemente gemeistert hat, sollte er kein Problem haben, den Feuerlord zu besiegen."
„Genau!" Kuei strahlte. Dann runzelte er die Stirn, immer noch besorgt. „Aber ich habe keine Ahnung, wie sie den Feuerlord erreichen und dem Avatar immer noch acht Minuten verschaffen wollen, um ihn zu besiegen."
„Acht Minuten?", wiederholte Quan vorsichtig.
„Die Sonnenfinsternis", erinnerte ihn Kuei. Er blickte zwischen den Agenten hin und her, als ihr Staunen zu Schrecken wurde. „Ich weiß, dass die Sonne mehrere Stunden teilweise verdeckt ist, aber richtig dunkel ist es nur für... oh nein." Er fühlte sich der Ohnmacht nahe. „Ist das eine der Sachen, die die meisten Leute nicht wissen?"
… Schlug Bon da wirklich seinen Kopf gegen die Wand?
„Nun." Quan seufzte. „Falls die Generäle dieses Problem gelöst haben, war die Antwort hoffentlich in den Plänen, die Katara zu euch bringen sollte, Eure Majestät."
„Also wissen sie es nicht?" Ein Kälteschauer rann seinen Rücken hinab. „Ich dachte, ein Teil unseres Plans letzte Nacht war, so viel unserer Armee zu befreien wie möglich."
„Das haben wir auch, Sire." Bon hob den Kopf aus der Delle und verzog das Gesicht. „Prinzessin Azula war bei den Generälen schneller. Den Überlebenden zufolge wurde der Fünferrat entweder exekutiert oder ins Territorium der Feuernation deportiert." Er hielt inne. „Sie sind weg, Sire."
Kuei zitterte. Die wenigen Male, als er ihnen begegnet war, hatte er die Generäle nicht wirklich ausstehen können. Sie schienen anzunehmen, dass er gar nichts wusste.
… Und ja, das stimmte teilweise, doch wie konnte er das ändern, wenn sie nicht erklärten, was sie machten? Und warum?
Aber er hatte sie nicht ausstehen können und deswegen fühlte er sich jetzt noch schlechter. Denn er musste ihren Tod beiseite legen und sich darauf konzentrieren, was er für die Lebenden tun konnte. „Also haben wir keine Ahnung, was der Avatar plant."
„Das stimmt, Sire", stimmte Quan, offensichtlich unglücklich darüber, zu. Er ballte die Fäuste an seiner Seite und zwang die nächsten Worte zögernd hervor. „Aber wenn es um Strategie und Hinterlist geht, übertrifft uns die Feuerprinzessin alle."
„Außer, sie wird vom Zug überrollt", sagte Bon trocken.
Quan schnaubte. „Sicher doch. Als ob wir so etwas... Sire?"
Geistesabwesend tappte Kuei gegen die Jadeperlen, die unter seinem Mantel verborgen waren, während er nachdachte. Und langsam breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
Autor-Notizen: Tai Chi – Formen für die Flucht mit dem Zug – 'Auf den Meeresgrund greifen, zum Himmel schauen' und 'Wellen bewegen'.
Ja, mir haben Speed und Alarmstufe: Rot 2 gefallen. Wie kommt ihr nur darauf?
Ehrlich, schon als ich auf die Avatar Weltkarte geschaut und gesehen habe wie schnell die Gaang mit dem Zug in die Stadt kam, habe ich gehofft, dass wer einen Kampf auf einem Zug für Ba Sing Se schreibt.
'unbrennbares Leinen' – im antiken China (und an ein paar anderen Orten) wurden ein paar Kleidungsstücke aus Asbest gemacht. Bedenkt man, dass wir sehen wie sich Soldaten des Erdkönigreichs sich ducken und Flammen mit ihren breiten Hüten abwehren, biete ich euch das als mögliche Erklärung für den Kanon an.
Übersetzer-Notizen: Nur zur Info: die Tai-Chi Formen, die Vathara meint findet man unter Tai Chi Qi Gong – die 18 harmonischen Übungen, bzw. Shibashi.
