talk to me (part II)
So viel Glück hatte der erste Detektiv dann nicht. Noch war Bob mit seinen bohrenden Fragen nicht am Ende. Etwas hilflos wedelte der dritte Detektiv mit seinen Händen durch die Luft
"Aber wie hast du das denn all die Zeit über verstecken können?"
Justus zuckte mit den Schultern. Das konnte er zum Glück sehr einfach beantworten. Das war nicht schwer. Ob es allerdings auch Bob reichen würde... er hoffte es. "Ich habe halt aufgepasst, das nichts zu sehen war."
Bob verzog den Mund.
"Hm. Klar. Aber tat das nicht auch manchmal weh, wenn du dich bewegt hast oder so?"
Justus schluckte. Ganz so einfach machte es ihm sein bester Freund dann doch nicht. "Natürlich tat das manchmal weh, aber..."
"Ja?"
"Aber... das war ja auch der Sinn des Ganzen."
Dann biss sich der erste Detektiv auf die Lippen. Justus hatte den Schmerz so manches mal regelrecht genossen. Die Ruhe, die dann durch seinen Körper strömte. Er konnte sich dann endlich wieder fokussieren, konzentrieren. Er wusste, solange er den Schmerz spürte, lebte er. Es lenkte ab. Tat so unendlich gut. Justus liebte den Schmerz, die Endorphine, die dabei frei wurden.
Nichts davon würde er Bob sagen können, wollen. Das war zu intim.
Der dritte Detektiv schien zu spüren, dass da noch mehr war, denn er sah Justus mit durchbohrendem Blick an. Dann schüttelte er den Kopf und blickte zu Boden. Es entstand eine kurze Stille, die Justus auf ein Ende des Gesprächs hoffen lies. Aber Bob hatte sich nur kurz gesammelt.
"Ist das schon eine Sucht?"
DIe Frage traf den ersten Detektiv. Traute Bob ihm das zu? So die Kontrolle über sich selbst zu verlieren? "Nein. ich... so schlimm ist das wirklich nicht."
"Aber das kann doch eine werden, oder nicht?"
Justus nickte. "Ja. "
"Und du bist dir sicher, dass du nicht... dass es bei dir noch nicht so weit ist?"
Justus schluckte. War er sich sicher? Eigentlich schon. Aber was hieß das schon? Wo war es nur gelegentliches Verletzten, ab wann war es schon krankhaft? Wobei, war es nicht schon krank, sich überhaupt selbst zu verletzen? Spielte es da noch eine Rolle, wie oft und wie schwer das geschah?
Für Justus war jedenfalls klar: er wollte es nicht ausweiten, sich nicht davon beherrschen lassen. Denn nichts anderes war eine Sucht für ihn. Eine Beherrschung durch etwas anderes. Er wollte sich nicht diktieren lassen, was er sich antat. Wollte nicht immer weiter abrutschen, immer blutiger werden. Wer wusste schon, eines Tages vielleicht sogar so schlimm, dass es genäht werden müsste. Das war etwas, das Justus auf jeden Fall vermeiden wollte.
Denn wenn das geschah, wenn er blutend zu einem Arzt gehen müsste, dann hätte er ein großes Problem. Dann wäre es definitiv eine Sucht. Aber soweit war es bei ihm nicht. Seine Verletzungen waren eigentlich minimal. Mehr kleine Kratzer als alles andere. Meistens zumindest. Deswegen konnte Justus auch mit ruhigen Gewissen Bob antworten. "Ich bin mir sicher."
Dieser nickte erleichtert. "Eine Sorge weniger."
Justus verzog das Gesicht. Auf der einen Seite fand er es angenehm, dass sich der dritte Detektiv Sorgen um ihn machte. Auf der anderen Seite sollte dieser aufhören, über solche Sachen nachzudenken. Es kam Justus falsch vor, das sich seine besten Freunde damit beschäftigen mussten.
Viel Zeit zum nachdenken hatte der erste Detektiv nicht, denn Bob zögerte nur eine Sekunde, ehe er die nächste Frage stellte.
"Stört es dich nicht, dass du blutest?"
Justus wurde schlagartig rot. Nein, es störte ihn nicht. Im Gegenteil, er mochte es, sein Blut zu sehen. Er war von dem rot fasziniert. Und ja, es machte ihn auf gewisse Weise auch an. Aber das war etwas, was er niemals vor anderen zugeben würde. Es war etwas, das für ihn selbst schon fast pervers war. Krankhaft. Es laut auszusprechen war für ihn undenkbar. Schon alleine es zu denken war schwierig.
Entsprechend ausweichend war seine Antwort. "Es gehört halt dazu." Ein Schulterzucken unterstrich seine Gleichgültigkeit noch. Zumindest hoffte Justus, das Bob ihm das so abnahm.
Wieder entstand ein Schweigen zwischen ihnen. Bob wurde leicht rot und rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her. Mehrfach machte er anstalten zu reden. Öffnete seinen Mund, nur um ihn sogleich wieder ohne einen Ton heraus gebracht zu haben wieder zu schließen. Schließlich gab er sich einen Ruck.
"Würdest du dich vor anderen selbst verletzen?"
Justus wurde schlagartig blass. Heftig schüttelte er den Kopf. "Niemals"
"Warum?"
"Das ist zu... das ist meins, verstehst du? Das ist privat!"
Stille.
"Warum fragst du? Würdest du das etwa gerne mal sehen?" Etwas im inneren von Justus zog sich zusammen. Stumm betete er, dass die Antwort negativ ausfallen würde. Und zwar richtig würde er machen, sollte Bob das sehen wollen? Wie würde er damit umgehen?
Bob riss die Augen auf. "Niemals!"
Das glaubte ihm Justus sofort. Er war froh über die Antwort, und doch tat sie auch weh. War es doch auch wenig ein Zeichen, dass Bob das nicht ertragen nicht ertragen konnte.
Dabei wollte er doch gar keine andere Antwort haben. Aber da waren seine Gefühle chaotisch. Auf keinen Fall wollte er, das sein Freund das sehen wollte, und doch war er... naja, fast schon beleidigt, dass dem so war. Diese Ambivalenz verwirrte ihn. Was wollte er denn nun? Und warum hatte sein bester Freund gefragt? Wollte er das überhaupt wissen?
Aber Bob hatte gedanklich schon ein wenig das Thema gewechselt. Schon ging der Fragenmarathon für Justus weiter.
"Ich... wie versorgst du die Verletzung? Ich meine, machst du dann Salbe drauf, oder wie?"
Justus zuckte mit den Schultern. Die Versorgung seiner Verletzung fiehl meist eher spärlich aus. Sich hinterher darum kümmern hatte etwas von Selbstfürsorge. Und Justus mochte sich im allgemeinen nicht besonders gerne. Von daher kümmerte er sich auch kaum um seine Schrammen.
Aber durfte er das Bob sagen? War das etwas, was der dritte Detektiv hören mochte? Was Justus zugeben würde? Wohl eher nicht.
"So in der Art..."
"Also bist du ziemlich gut in erster Hilfe..."
"Das war nicht gerade angebracht, Bob." Hart biss der erste Detektiv die Zähne aufeinander, um nichts weiter zu sagen. Wut stieg in ihm auf. Musste sein bester Freund so eine Spitze verteilen? War das ganze Gespräch nicht schon schlimm und demütigend genug?
"Sorry, Just. So hab ich das nicht gemeint. Ich meine... ach ich weiss auch nicht. Das ist alles irgendwie... viel" Hilflos zuckte der dritte Detektiv mit den Schultern.
"Schon okay," brummte Justus. Was sollte er auch sonst sagen? Seine Nerven lagen ein wenig blank, er war gerade etwas dünnhäutiger als normal. Und Bob hatte es nicht böse gemeint."
"Weiss sonst einer Bescheid?"
Justus lachte tonlos auf. "glaubst du wirklich, ich habe das irgend jemandem erzählt? Wem denn auch?"
"Keine Ahnung. Aber das ist eine gute Frage, Just. Warum hast du eigentlich bisher nichts gesagt gehabt? Ich meine das anfassen und so."
Justus schluckte.
Ja, Warum hatte er nichts gesagt? Das war eine Frage, die er sich beinahe täglich stellte. Was er sich jeden Tag aufs neue vorwarf. Und doch war ihm klar: weil er nicht gekonnt hatte und auch immer noch kaum konnte.
Schuld. Scham. Verantwotlichkeit. Das Gefühl, es auf eine gewisse Art und Weise nicht nur geduldet und ertragen zu haben (schlimm genug!), sondern auch gewollt und gefordert zu haben.
Er hatte nicht geschrieen, nicht um sich getreten, sich gewehrt bis seine Knochen brachen. Nein, er hatte still gehalten. Hatte es wortlos zugelassen. War das nicht auch in gewisser Weise auch ein wollen?
Er hatte Gefühlt. Verwirrendes, unbekanntes, ungewolltes und doch auch anregendes. Der Ekel dabei zählte für ihn nicht, nur dieses fitzelchen Erregung, das er gespürt hatte war ihm wichtig.
Warum?
Weil es ihm eben bewies, dasss er es genossen hatte. Irgendwie zumindest. Es gewollt hatte. Oder nicht?
Und dafür schämte er sich. Für seine Mitverantwortung. Das konnte ihm keiner schön reden. Das war DA. Eine Tatsache, auch wenn er sie und sich selbst dafür hasste.
Er hatte ja versucht, das alles in einem anderen Licht zu wieder ging er die Punkte im Geiste durch. Und kam doch zu keinem anderen Ergebnis.
Er hatte es nicht gewollt. Aber war er sich dessen sicher?
Er hatte Angst gehabt. Aber stimmte das? Oder wollte er sich das nur einreden, um alles erträglicher zu machen?
Er hatte Ekel verspürt. Sicher, aber es hatte nicht gereicht, um sich zu wehren. Wie viel Wert war dann dieses Gefühl?
Überhaupt - er hatte sich nicht gewehrt. Er hatte nicht geschrien. Tatsachen.
Dann die leichte Erregung. Auch eine Tatsache. Eine schlimme, kaum auszuhaltende Tatsache. Und doch leider wahr.
Dann die Wut auf sich selbst. Hätte er alles 'richtig' gemacht, gäbe es keinen Grund, wütend auf sich selbst zu sein. Aber so... wie viel hatte er nur falsch gemacht...
Verwirrung. Wenn er das Ganze nicht gewollt hatte, was verwirrte ihn dann? Sollte ihm dann nicht alkles klar sein?.
Seine Schuld. Ja, er war Schuld. Irgendwie zumindest. Das sagte ihm sein Gefühl, auch wenn er es selbst kaum in Worte fassen konnte.
Und Scham. So viel Scham. Aber ohne Schuld müsste er keine Scham haben, oder?
Außerdem machte das Ganze ihn besonders. Die anderen kannten so etwas nicht. damit war er besonders. Und besonders sein war gut. Machte ihn das besser? auf jeden Fall machrte es ihn anders als die anderen. Einzigartig.
Das einzige, was ihm diese Auflistung zeigte, war, wie wenig er dagegen gewesen war. Wie wenig er dagegen unternommen hatte, wie viel er zugelassen hatte. Wie sehr es seine Schuld, seine Entscheidung gewesen war.
Nichts davon konnte Justus aussprechen. Er war zum Schweigen gezwungen.
Die Konsequenz aus dem Schweigen war ja auch positiv, oder nicht? Keiner wusste, wie schlecht er in Wirklichkeit war. Keiner täuschte Mitleid vor. Keiner Verurteilte ihn. Keine Witze, Spott, oder lustig machen der anderen.
Also war es gut, wenn er schwieg. Der Teil in ihm, der alles heraus schreien wollte, hatte Unrecht. Der weinen wollte und sage, ihn träfe keine Schuld. Denn der Rest war einfach zu übermächtig.
Und so blieb ihm nur eine einzige Antwort auf die Frage von Bob. Ein stilles Schulterzucken.
Dieser machte eini verkniffenes Gesicht, sichtlich unzufrieden mit der schlichten Antwort. "Und warum hast du nichts von der Selbstverletzung gesagt?
Ebenfalls ein stummes Schulterzucken war die Antwort. Wie sollte Justus das auch erklären? Wie sollte er so einen intimen akt erklären, ohne in eine Peinlichkeit abzurutschen?
In seinem Kopf verglich er seine Selbstverletzung immer irgendwie mit Selbstbefriedigung. Keiner redete darüber, man tat es nur für sich, und es ging auch keinen etwas an. War es denn im Grunde auch so viel anders? Für Justus jedenfalls nicht. Es befriedigte ein Grundbedürfnis, wenn auch ein anderes. Etwas, das er nie vor anderen machen würde.
"Hättest du uns das alles irgendwann erzählt?" Bob sah den ersten Detektiv mit schief gelegtem Kopf an. Nachdenklich wirkte er. Und sehr müde. Auch an ihm war das Gespräch nicht spurlos vorbei gegangen.
Entschlossen schüttelte Justus den Kopf. "ich... nein. Hätte ich eine Wahl gehabt, nein."
Justus hoffte, dass dies endlich der Abschluss des Gespräches war. Er konnte nicht mehr, war vollkommen fertig. Er versuchte nur noch, nach aussen hin stark zu wirken. Im Inneren merkte er schon nichts mehr. Sein Kopf war ein einziges Summen, seine Glieder bleischwer. Er wollte nur noch ins Bett.
