Mit einer Flasche Bier in der Hand saßen beide Männer auf der Couch in Semirs gemütlichem Wohnzimmer und genossen für den Moment die Ruhe, nach der so ereignisreichen Nacht.

Semir war es nach einer ganzen Weile, der die Stille durchbrach:

„Du hast also wirklich ein Auge auf die Engelhardt geworfen..." Tom warf ihm einen Seitenblick zu, ehe er sich vorbeugte und seine Flasche auf dem Couchtisch abstellte. Sich mit beiden Händen über das Gesicht fahren nickte er schließlich. „Das habe ich, ja... Und ich fürchte nicht nur ein Auge..." Jetzt war es Semir der ihn von der Seite ansah. „Wie meinst du das?"

„Du hattest am Samstag schon recht. Ich... Wir haben ‚Blödsinn' gemacht..." Semir hielt mitten in der Bewegung inne, als er gerade einen Schluck aus der Flasche nehmen wollte. Hatte er da gerade richtig gehört? ‚Wir haben Blödsinn gemacht'?

Ihm war zwar durchaus das veränderte Verhalten von Tom aufgefallen und wie sein Freund ihre Chefin angesehen hatte, war aber bis gerade felsenfest davon überzeugt gewesen, dass es einseitiges Interesse war und sich die Engelhardt niemals auf irgendetwas in die Richtung eingelassen hätte!

„Wie kann ich das denn jetzt verstehen?"

„Das sie die Nacht bei mir geblieben ist und wir miteinander geschlafen haben." Sagte Tom nach kurzer Pause schließlich rundheraus, um jegliches Missverständnis zu vermeiden.

Semir sah ihn mit großen Augen und völlig perplex an. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet!

„Okay, wow...! Also... also das kommt jetzt etwas... Überraschend...!" gab Gerkhan ehrlich geschockt zu.

„Ich weiß... War es für mich auch..." Tom zuckte hilflos mit den Schultern. „Es ist aber passiert. Und ich bin froh darüber." Semir sah ihm an wie ernst ihm das war. „Natürlich wissen wir beide das das ein riesen Schlamassel ist und nicht hätte passieren dürfen. Aber das ist es nun mal und wir müssen jetzt schauen wie es weiter geht. Und im Zweifelsfall mit den Konsequenzen leben müssen oder eine Lösung dafür finden."

Obwohl es Semir immer noch anzusehen war, dass er wirklich geschockt war, verstand er seinen Freund, der ihn jetzt direkt ansah und nach einer Pause fragte: „Verlange ich zu viel von dir, wenn ich dich bitte das erst einmal für dich zu behalten? Das ist alles noch so frisch und mit allem was heute noch passiert ist... "

Ohne zu zögern schüttelte Semir den Kopf. Er konnte sich denken das es Tom nicht leichtgefallen war so offen zu ihm zu sein. Würde das rauskommen, hätte das unangenehme Konsequenzen für beide. „Nein ist es nicht... Dafür sind Freunde doch da." Er grinste. „Du musst mir nur ein bisschen Zeit geben, dass ich das selber überhaupt in den Schädel bekomme..." Er schüttelte erneut den Kopf. „Du und die Chefin..."

„Anna und ich." Nickte Tom bestätigend, was Semir dazu brachte seine Flasche fast in einem Zug zu leeren und wieder den Kopf zu schütteln.

„Danke übrigens." Sagte Kranich nach einer Weile in der sie schweigend nebeneinandergesessen hatten. „Du hast mir heute da draußen mehr als einmal den Hals gerettet! Wenn du nicht dazu gekommen wärst, würde ich jetzt wohl nicht mehr hier sitzen."

„Ist doch selbstverständlich! Du bist mein Partner." Semir grinste. „Mit wem soll ich denn sonst die ganzen Dienstwagen zu klump fahren? Dabei hat mir bis jetzt niemand so gut geholfen wie du." Auch Tom musste grinsen, sagte dann aber wieder ernst: „Nein wirklich: Danke!"


Die nächsten Tage und Wochen verbrachten Tom und Semir recht viel Zeit mit Mark Haverlant, der sich trotz seines gebrochenen Arms sofort wieder in die Arbeit gestürzt hatte.

Gemeinsam hatten sie mit der Hilfe von weiteren BKA Kollegen mittlerweile alle Beteiligten aus der Kiesgrube verhört und dabei einige Dinge in Erfahrung gebracht die ihnen geholfen hatten noch weitere Clan Mitglieder zu verhaften.

Nach und nach hatten einige der Festgenommenen sich auf Deals mit der Staatsanwaltschaft eingelassen und sich bereit erklärt gegen Betim Kastrati auszusagen. Tom und Semir war bei der Schilderung mancher Gräueltaten der Brüder regelrecht schlecht geworden und sie waren heilfroh darüber das sie dieses Tier von der Straße geholt hatten.

Betim selber verweigerte jegliche Aussage und wiederholte nur immer und immer wieder das die Polizei dafür büßen werde, was sie ihm und vorallem seinem Bruder angetan hatten.

Der Innenminister persönlich lobte und bedankte sich bei Tom, Semir und Mark für die außergewöhnlich gute Arbeit und die vorbildliche Zusammenarbeit der Kollegen, die diesen wichtigen Schlag gegen das organisierte Verbrecht möglich gemacht hatten.

Die Polizisten hatten den Dank amüsiert zur Kenntnis genommen und sich bei einem anschließenden gemeinsamen Bier darüber lustig gemacht wie ‚gut' die Zusammenarbeit tatsächlich gewesen war.

Allerdings mussten sowohl Gerkhan und Kranich als auch Haverlant feststellen das die jeweils anderen in Wirklichkeit gar nicht so schlimm waren und eine Zusammenarbeit tatsächlich sehr gut funktionieren konnte. Von den anfänglichen Startschwierigkeiten mal abgesehen.

Im Gegensatz zu Haverlant, ließ es die Chefin, nachdem sowohl Tom als auch ihr Vater und ihre Schwester mit Engelszungen auf sie eingeredet hatten, dieses Mal tatsächlich etwas ruhiger angehen. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte sie gut drei Wochen zu Hause verbracht.

Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen dabei zu sein, als Ilija Koslov die Ausreise nach Montenegro gewährt wurde.

Gemeinsam mit Tom war sie zum Kölner Flughafen gefahren, von wo aus Koslov mit einer Privatmaschine nach Podgorica fliegen würde.

Gerade fuhr der dunkle Mercedes Van vor, aus dem Koslov in Begleitung von Mark ausstieg.

Der Albaner schien etwas überrascht die Chefin zu sehen, ging dann aber nach kurzer Rücksprache mit Haverlant zielstrebig auf sie zu.

„Jetzt heißt es wohl auf nimmer Wiedersehen..." Ilija grinste kurz, ehe er wieder ernster sagte: „Ich weiß das es wohl nichts ändert, aber ich habe das im Verhörraum vor ein paar Wochen ernst gemeint: Es war wirklich ein Versehen, dass ich auf sie geschossen habe und es tut mir leid. Auch wenn sie es mir vermutlich nicht glauben, aber ich finde es echt gut das sie das überlebt haben." Anna sah ihn einen Moment lang schweigen an und nickte dann. „Sie haben das richtige getan, als sie sich gegen die Kastrati Brüder gestellt haben. Und das respektiere ich. Aber glauben sie mir: Es wäre besser für sie, wenn wir uns tatsächlich nie wiedersehen." Koslov grinste und nickte ihr zum Abschied zu. „Frau Hauptkommissarin."

Während Ilija im Flugzeug verschwand, trat Tom neben sie. „Alles gut?"

„Ja... Ja ich denke schon."