Kapitel 19b
Freitag, 9. August 2002
Nachmittag und Abend
Severus saß an seinem Schreibtisch; das Kartenspiel war beiseite geschoben, und das böse kleine schwarze Buch lag offen vor ihm. Er hatte nicht lange gebraucht, um die hastig gekritzelten Bemerkungen durchzulesen – inklusive falsch geschriebener Wörter und fehlerhafter Grammatik. In der Tat war dies ein Problem, aber nicht in der Art, wie Ronald Weasley glaubte.
An der Tür hörte man ein Klopfen, und dann stand Dennis Creevey in seinem Büro, der nicht viel älter aussah als damals, als Severus sein Lehrer gewesen war.
„Sie … Sie wollten mich sprechen, Schulleiter?"
Der Junge hörte sich ängstlich an, obwohl Severus ihn nicht als feige in Erinnerung hatte. Tatsächlich erinnerte er sich an Dennis Creevey als einen draufgängerischen Gryffindor, zu allen Schandtaten bereit, solange es für sein Idol Harry Potter war. Der kleine Dummkopf hatte sich Dumbledores Armee angeschlossen und war mit seinem Bruder aufgetaucht, um in der Schlacht von Hogwarts zu kämpfen.
Nein, Creevey war kein Feigling.
„Nehmen Sie Platz, Mr Creevey", sagte Severus.
Creevey kam näher und setzte sich nervös auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch des Schulleiters. Seine Augen waren auf das kleine schwarze Notizbuch geheftet.
„Ich – ich wusste, dass ich es irgendwo verloren hatte", murmelte er kläglich.
Severus starrte den Jungen an, und wie er gehofft hatte, erwiderte Creevey seinen Blick und versuchte verzweifelt, keine Angst zu zeigen. Severus glitt in seinen Geist, und binnen sehr kurzer Zeit war ihm die Angelegenheit klar.
„Wer hat dafür gezahlt, dass Sie an der Veranstaltung teilnehmen?", fragte Severus.
Creeveys Augen glitten weg von seinen. „Ich weiß es nicht", sagte er. „Ein Mann kam zu mir – sagte, er sei bei einer Zeitungsgruppe angestellt – und bot an, meine Teilnahme hier und für Bilder und Berichte zu bezahlen, weil Reportern kein Zugang erlaubt war."
Severus rieb mit einem Finger über seine schmalen Lippen. „Und es kam Ihnen nicht in den Sinn, dass keine Reporter zugelassen waren, weil wir keine Berichte über die Aktivitäten unserer Gäste in den Zeitungen haben wollten?"
Creeveys Augen blitzten. „Ich brauchte das Geld", schnappte er.
Severus beugte sich vor. „Sie haben ihre Ausbildung nicht abgeschlossen, oder, Mr Creevey?"
Creevey schaute aufmüpfig drein. „Colin und ich konnten in diesem letzten Jahr nicht kommen – wir sind muggelstämmig! –, und dann starb Colin, und … es schien nicht wichtig zu sein."
Der Junge bezog sich auf das erste Jahr, in dem Severus Schulleiter gewesen war – das schreckliche Jahr, als der Dunkle Lord die Schulpolitik diktiert hatte, als die Carrows unterrichtet und in diesen Hallen des Lernens die Dunklen Künste praktiziert hatten –, das Jahr, in dem Schüler mit Muggelabstammung untertauchen mussten, um dem Gefängnis oder sogar schlimmeren Strafen durch die Todesser zu entgehen.
Creeveys Schultern krümmten sich, als wolle er sich selbst vor etwas schützen. Severus runzelte die Stirn, während er ihn beobachtete.
„Vielleicht sind Sie in eine Muggelschule zurückgegangen? Oder haben eine Art Handelsschule für Muggel besucht?"
Creevey seufzte empört. „Muggelschule? Wie hätte ich dorthin gehen können? Ich wusste lediglich das, was ich in der Grundschule gelernt hatte, nicht wahr? Und meine Mum und mein Dad waren nicht allzu scharf darauf, dass ich nach dem Krieg hierher zurückkam, nachdem Colin tot war und alles."
Nein, er hätte keine weiterführende Muggelschule besuchen können, nachdem er vier Jahre in Hogwarts verbracht hatte; er wäre für deren Fächer nicht vorbereitet gewesen. Und wer konnte Creeveys Eltern einen Vorwurf machen, dass sie schon allein gegen den Namen der Hogwarts Schule für Zauberkunst und Hexerei eine Abneigung hegten?
„Mr Creevey", fragte Severus zurückhaltend, „gibt es aus Ihrem Jahrgang weitere Muggelgeborene, die nicht nach Hogwarts zurückgekehrt sind?"
Creevey nickte lebhaft. „Etliche. Nach dem Krieg waren die Dinge so unsicher bezüglich des Wiederaufbaus der Schule, und eine Menge Leute hatten fliehen und das Land verlassen müssen, weil die Todesser hinter ihnen her waren." Er seufzte. „In letzter Zeit war es nicht einfach, ein muggelgeborener Zauberer zu sein, Professor Snape."
In Severus' Hinterkopf entstanden Ideen, die wie Blasen in Wasser aufstiegen, das langsam zu kochen begann. Severus erhob sich, und nervös stand Creevey ebenfalls auf.
„Werden Sie mich hinauswerfen?", fragte Creevey.
„Nein", antwortete Severus. „Ich würde mich jedoch gern noch einmal mit Ihnen unterhalten. Darf ich Sie später wieder rufen lassen?"
Creevey schien recht verwirrt. „Ja, natürlich, wenn Sie möchten." Er schaute um Severus auf das schwarze Buch auf dem Schreibtisch, aber er erwähnte es lieber nicht.
Als Creevey zur Tür hinausging, nahm Severus den Satz Karten in die Hand und mischte. „Herpie!"
Der Hauself ploppte in das Bür.
„Hol mir Mr Arthur Weasley", sagte er.
„Sofort, Schulleiter, Sir!"
Severus hob die Karten ab.
Die Herzdame.
~oo0oo~
Arthur, der sein Feenkostüm trug, diskutierte als Leiter der Abteilung für Wiedergutmachung für Muggel gerne seine Meinung. „Wir haben daran gearbeitet, die kriegsbedingten strukturellen Zerstörungen von Straßen, Brücken und Gebäuden zu reparieren", erklärte Arthur. „Und wir haben einiges Gold für Kriegswaisen an deren Ministerium geleitet. Aber nein, für muggelstämmige Schüler, die im Kriegsjahr aus der Schule verwiesen wurden, haben wir keine speziellen Vorkehrungen getroffen." Arthur legte seinen Kopf zur Seite. „Du wirst entschuldigen, wenn ich frage, Severus, aber hat die Schule das nicht weiterverfolgt?"
Minerva kam als Nächste herein und steuerte einen Stapel schwerer Akten mit ihrem Zauberstab vor sich her. „Nein, Severus, ich habe die Zahlen nicht im Kopf!", schnappte sie irritiert. „Wie du dich erinnern wirst, ging es dir bis nach Weihnachten nicht gut genug, um in die Schule zurückzukommen, und wir waren mitten im Wiederaufbau, während dessen die Klassenräume ständig wechselten, um die Renovierungsarbeiten hinzubekommen – wir haben nie formal erfasst, wie viele Muggelgeborene nach dem Krieg nicht in die Schule zurückgekehrt sind."
Sie ließ die Ordner mit einem lauten Geräusch auf einen Arbeitstisch fallen, wo sie eine große Staubwolke aufwirbelten.
„Falls du keine Angst hast, dir die Finger schmutzig zu machen, können wir sicher schnell eine Liste erstellen."
Severus hatte seine Liste, als Xeno Lovegood in sein Büro kam. Der ältere Zauberer war bereits für das Abendessen gekleidet und hatte sich herausgeputzt, indem er seinen Regencyrock und dazu passende Schuhe in Kanariengelb verwandelt hatte. Severus widerstand dem Drang, seine Augen vor dieser schneidertechnischen Pracht abzuschirmen.
„Xeno, wer von den Verlagen in der Zaubererwelt würde heimlich jemanden anheuern, um hierherzukommen und diese Art Information zur Veröffentlichung sammeln?"
Er schob Creeveys Notizbuch zu Xeno und mischte seine Karten.
Abheben. Herzdame. Abheben. Pikbube.
„Der Einzige, der mir einfällt, und den ich für hinterlistig genug halte, ist das Probe! Magazine", sagte Xeno und legte das Moleskinbuch sorgfältig wieder auf Severus' Schreibtisch. „Dieses Skeeterweib ist unter den Verlagsleuten nicht besonders beliebt."
Severus hielt sich im Zaum, auf diese Erklärung nicht so ungläubig zu reagieren, wie es angebracht sein mochte. Lovegood vom Quibbler sprach von journalistischer Integrität? Aber das wäre kontraproduktiv für seine Zwecke.
„Schulleiter", fuhr Xeno fort, „ich wollte mit Ihnen über Professor Trelawney sprechen."
Severus nickte aufmerksam und hoffte verzweifelt, der alte Knabe würde nicht um die Hand der Wahrsagelehrerin anhalten, da es nicht an Severus war, diese zu vergeben.
„Wären Sie ihr zu erlauben gewillt, eine monatliche Kolumne für den Quibbler zu schreibten", fuhr Xeno fort und ahnte nichts von den umherschweifenden Gedanken des Schulleiter.
Severus hielt einen Moment inne. Dies konnte er wahrscheinlich zu seinem Vorteil nutzen. „Vielleicht können wir einen Handel abschließen", sagte er.
~oo0oo~
Als Creevey darum gebeten wurde, kehrte er in Severus' Büro zurück; sein mausbraunes Haar war so durcheinander, als hätte er es wiederholt gerauft. Nervös setzte er sich auf den angewiesenen Stuhl.
„Ist dies zufällig der Mann, der Ihnen Geld für's Herkommen geboten hat?", fragte Severus und reichte Creevey ein verschwommenes Zeitungsbild.
Staunen trat auf Creeveys Gesicht. „Ja! Woher wussten Sie das, Sir?"
„Es war keine Allwissenheit, Mr Creevey, das versichere ich Ihnen", sagte er ruhig. „Dieser Mann heißt Bozo, und er arbeitet für Rita Skeeter vom Probe! Magazine."
Creevey legte den Zeitungsausschnitt auf den Schreibtisch. „Muss ich … das Gold zurückgeben, das sie mir gegeben haben?", fragte er. „Das meiste davon habe ich schon ausgegeben."
Severus lehnte sich zurück und beobachtete den jungen Zauberer genau. „Wenn Sie die Gelegenheit hätten, Mr Creevey, würden Sie zur Schule zurückkehren und ihre magische Ausbildung abschließen?"
Creeveys Gesicht verzog sich, als habe er Schmerzen. „Dafür bin ich zu alt", sagte er. „Ich bin neunzehn – älter als die Siebtklässler –, und ich hatte noch drei Jahre vor mir, als ich die Schule verlassen habe."
Severus strich mit einer Fingerspitze seine schmalen Lippen entlang und widmete dem Jungen seine ganze Aufmerksamkeit. „Ja, ich verstehe Ihre Bedenken – aber wenn Sie zurückkommen könnten, ohne in einem Schlafsaal mit jüngeren Schülern zu wohnen, sondern mit anderen zurückkehrenden Muggelgeborenen untergebracht würden –, wenn Ihnen Schulbücher und Materialien gestellt würden, würden Sie es tun? Um ein vollqualifizierter Zauberer zu werden?"
Creevey blinzelte. „Nun ja – wer würde das nicht? Aber … das kann nicht passieren, oder?"
Severus nickte feierlich. „Ich glaube, es kann passieren, Mr Creevey, – tatsächlich glaube ich, dass es passieren muss. Er gibt noch einige Details zu organisieren, aber ich bin sehr dazu entschlossen. Stellen Sie sicher, dass ich Ihre Kontaktdaten habe, ehe sie Hogwarts verlassen, ja?"
Der junge Zauberer trug einen Ausdruck des Erstaunens, als sei das abgesagte Weihnachten gerade wieder aktiviert worden. „Und das Gold, das ich genommen habe?", fragte er, als sei dies für ihn der einzige Haken bei der Sache.
„Denken Sie nicht mehr daran. Tatsächlich werden Sie noch weitere Zahlungen von der Zeitschrift erhalten, die Ihr Material veröffentlichen wird."
Creevey strahlte noch mehr. „Meine Güte!", hauchte er. „Aber wa ist mit diesem Bozo-Typen und Rita Skeeter?"
Severus lächelte eisig. „Überlassen Sie das mir."
~oo0oo~
Als Severus in die Große Halle zum Abendessen ging, hatte Hermione ihn beinahe aufgegeben. Sie hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, auf sein Erscheinen zu warten, und sich mit dem Gedanken gequält, warum er sich nach ihrem Kuss in den Ställen von ihr fernhielt. Hatte sie ihn gekränkt? Hatte er beschlossen, dass sie der Mühe nicht wert war?
Er nahm seinen Platz ein, erkundigte sich höflich, womit sie sich am Nachmittag unterhalten hatte und fuhr fort, als sei nichts Ungewöhnliches passiert – als sei er nicht nahe daran gewesen, sie zu erobern, um sie dann ohne ein Wort zu verlassen. Sie war so aufgebracht, dass sie kaum esen konnte. Und es war für ihren Gemütszustand keineswegs hilfreich zu sehen, wie Lucius und Leticia weitermachten, als seien sie allein. Sie widerstand dem Drang, ihnen zu empfehlen, sich ein Zimmer zu suchen.
Die Damen überließen die Herren ihrem Portwein, und Hermione war nicht in der Lage, im Salon herumzulungern, Handarbeiten zu bewundern und mittelmäßigem Klavierspiel zuzuhören. Sie ging in den Rosengarten hinaus und setzte sich auf eine Bank, starrte auf den Erdboden und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Nach wie ihr schien sehr kurzer Zeit erblickte sie unbeweglich stehende, schwarze Stiefel auf dem Pfad. Sie sah in Severus' Gesicht hinauf und erhob sich, weil sie nicht wollte, dass er über ihr stand.
„Sag mit, worüber du traurig bist, Milady", sagte er.
Sie wandte ihr Gesicht ab. „Nenn mich nicht so!"
Er antwortete ihr nicht, daher nahm sie sich nach einem Moment zusammen und sprach weiter.
„Wo warst du heute Nachmittag?"
„Ich war in meinem Büro."
Sie warf einen Blick auf sein Gesicht. „Was kann dich wohl den ganzen Nachmittag aufgehalten haben? Unsere Gäste waren …"
Er fiel ihr ins Wort. „Ich habe gearbeitet. Warum fragst du?"
Dies war ihr vernünftiger vorgekommen, als es nur durch den Kopf gerattert war. „Weil ich mich um dich gesorgt habe … Ich wusste nicht, wohin du verschwunden warst. Und du sagtest, wir seien Partner! Für Hogwarts, meine ich."
In seinen Augen lag etwas, das an Heiterkeit grenzte, aber sein Ton war ziemlich nüchtern, als er antwortete. „Miss Granger, Sie von allen Menschen sollten verstehen, wie es ist, auf etwas konzentriert zu bleiben und es ordentlich zu erledigen, egal, was andere von Ihnen erwarten mögen."
Hermione biss sich auf die Lippe und fühlte sich gedemütigt. Lieber Himmel, sie hörte sich wie eine vernachlässigte Freundin an! Wie viele Male hatte Ron bei ihr wegen ihrer Arbeit gequengelt – und wie oft hatte sie mit fast denselben Worten geantwortet, die Severus gerade gebraucht hatte?
Er bot ihr seinen Arm. „Die Schauspieler werden als Nächstes ihre Vorstellung geben. Sollen wir unsere Plätze einnehmen?"
~oo0oo~
Eine goldene Bühne, die eigens für diese Gelegenheit geschaffen worden war, befand sich an einem Ende der Großen Halle. Auf den Sitzen, die wie in einem echten Theater in Reihen angeordnet standen, waren Programmhefte ausgelegt.
Ein Mitsommernachtstraum
von William Shakespeare
Mitwirkende
THESEUS, Herzog von Athen – Lucius Malfoy
HIPPOLYTA, Königin der Amazonen, mit Theseus verlobt – Leticia Mortelle
EGEUS, Vater von Hermia – Fortescue Parkinson
LYSANDER – Finbar Quigley
PHILOSTRATE, Theseus' Zeremonienmeister – Horace Slughorn
HERMIA, Tochter von Egeus – Penelope Clearwater
HELENA – Gabrielle Delacour
QUINCE, ein Zimmermann – George Weasley
SNUG, ein Schreiner – Luna Lovegood
BOTTOM, ein Weber – Ronald Weasley
FLUTE, ein Blasebalgflicker – Romilda Vane
SNOUT, ein Kesselflicker – Viktor Krum
STARVELING, ein Schneider – Pansy Parkinson
OBERON, König der Feen – Arthur Weasley
TITANIA, Königin der Feen – Molly Weasley
PUCK oder Robin Goodfellow – Draco Malfoy
Begleitende Feen – Lavender Brown, Parvati Patil, Padma Patil
Harry ließ sich in den Sessel neben Hermione gleiten, Blaise Zabinis äußerst gewahr, der in der ersten Reihe lümmelte und groß und reich und attraktiv aussah. An diesem Nachmittag hatten Harry und Draco genau wie bereits die ganze Woche Federball gespielt, aber dass Zabini herumsaß und fiese Bemerkungen machte, verdarb Harry die Freude daran. Draco schien Harry wie immer um sich haben zu wollen, aber Harry hatte Zabini ein paarmal auch mit Draco gesehen, einmal in der Eingangshalle, und ein anderes Mal im Rosengarten. Beide Male hatten sie dicht beieinander gestanden, und Zabini hatte gesprochen, während Draco zu Boden starrte.
Harry wusste nicht, was er deshalb tun sollte. Vielleicht hatte Draco nur mit ihm geschäkert – vielleicht war es ihm nicht ernst gewesen, als er und Harry sich geküsst hatten –, möglicherweise hatte Draco nur darauf gewartet, dass Zabini zu ihm zurückkam.
Daran zu denken, weckte in Harry den Wunsch, auf etwas einzuschlagen.
Tausende von Kerzen, die über der provisorischen Bühne schwebten, wurden alle auf einmal entzündet, und gleichzeitig verloschen die Kerzen über dem Zuschauerraum. In prachtvoller Elisabethanischer Kleidung betrat Lucius Malfoy mit Leticia Mortelle und Pansy Parkinsons Vater die Bühne. Harry versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren, die sie sprachen, aber es war … nun, es war Shakespeare.
Er schaute zu Hermione hinüber, um zu sehen, ob sie den gleichen Rückblendeeffekt in die Grundschulzeit erlebte, aber mit ihr schien etwas völlig anderes vorzugehen. Sie sah Severus verliebt an, und obwohl Severus ihren Blick nicht erwiderte (Harry war nicht sicher, ob er einen verliebten Blick auf Severus' mürrischem Gesicht ertragen konnte), hielt er ihre Hand, und Harry fand dies fast genauso schlimm.
Er seufzte. Dies würde ein verdammt langes Stück werden.
Aber trotz allem begannen seine Ohren, den Sprachrhythmus aufzunehmen, und daher konnte er der Geschichte folgen. Es war schon lustig, Leute wie Neville und Fin, die er kannte, in Strumpfhosen zu sehen – und dann hatte Puck, der Hofnarr, seinen Auftritt, und Harrys Herz verkrampfte sich in seiner Brust. Draco strahlte wie das Sternbild, nach dem er benannt war, und Harry konnte die Augen nicht von ihm abwenden.
Insgesamt machten die Schauspieler ihre Sache gut, und Harry war von der Geschichte gefangen. Als Draco nach vorn trat, um Pucks letzten Text zu sprechen, spürte Harry einen riesigen Klumpen in seiner Kehle aufsteigen, der sich ganz ähnlich wie abends zuvor an Dobbys Grab anfühlte. Aber dieses Gefühl hatte nichts mit Trauer zu tun und alles mit …
Die Zuschauer reagierten mit donnerndem Applaus, und nach den Verbeugungen und Vorhängen mischten sich die Schauspieler unter das Publikum, um zu plaudern. Harry schlängelte sich durch das Gedränge und glitt mit der Eleganz eines Athleten durch die Menschenmenge, ohne dabei zu physischen Mitteln greifen zu müssen. Draco posierte vor der Waldkulisse, während Dennis Creevey ein Foto schoss, aber Draco schien sich Harrys Nahen voll bewusst zu sein, und als Harry auf die Bühne sprang, hatte sich Draco schon ihm zugewandt.
„Nun, Potter?", fragte er, und Unsicherheit hielt sich unter der Malfoy-Arroganz verborgen.
„Du warst großartig, du dämlicher Schwachkopf", sagte Harry, aber er blieb nicht stehen. „Du warst großartig, und ich …"
Dann erstarben ihm die Worte auf der Zunge, und er hielt inne und starrte hilflos auf den schönen, unerreichbaren Mann, den er für sich haben wollte.
Draco schien seine Gedanken zu lesen, denn er überwand den Rest des Abstands zwischen ihnen, und sie umarmten sich.
„Yeah", sagte Draco und legte eine Hand um Harrys Nacken. „Yeah, ich auch."
~oo0oo~
Leticia, prachtvoll in ihrem Königin-der-Amazonen-Kostüm gekleidet, hing an Lucius' Arm und nahm die Glückwünsche ihrer Mitgäste entgegen. Sie sah, was mit Harry und Draco geschah, und beobachtete sie mit spekulativem Blick. Es würde keinen besseren Zeitpunkt geben, um zu einer Klärung zwischen ihrem Geliebten und seinem Sohn zu kommen. Mit einem Nicken und einem Lächeln an die Gratulanten lenkte sie Lucius' Aufmerksamkeit auf die sich umarmenden Zauberer auf der Bühne.
Lucius schien zur Salzsäule erstarrt. Er murmelte, „Sind sie dabei …?"
„Sich zu küssen? Ja", antwortete Leticia. „Komm mit, Liebling." Sie führte ihn in Dracos Richtung, und er folgte.
Dann sprang Blaise Zabini wieder auf die Bühne und legte eine Hand auf Harrys Schulter. „Es ist mir egal, wie viele Dunkle Lords du getötet hast, Potter. Nimm deine Hände von meinem Mann."
Draco wandte den Blick nicht einmal von Harrys Gesicht ab, während er Blaises Hand fortstieß. „Geh weg, Blaise. Ich habe es dir gesagt: Wir sind fertig miteinander."
Blaise zog an Dracos grünem Trikot und warf sich zwischen Draco und Harry. Dort stellte er fest, dass er entlang des berühmten Phönixfeder-Zauberstabs sah, mit dem ein sehr selbstsicheres grünes Augenpaar auf ihn zielte.
Leticia, die darauf vorbereitet war, Hilfestellung zu leisten, lockerte den Griff auf ihren eigenen Zauberstab; offensichtlich benötigte Harry keine Hilfe.
Aber Lucius schien anderer Meinung zu sein, denn er nahm Blaise am Arm. „Es würde mir überhaupt nicht gefallen, wenn ich deiner Mutter den Grund für dein Ableben erklären müsste", sagte er ruhig. „Ich glaube, du verbringst am besten die Nacht im Manor, und morgen kannst du … anderswohin flohen."
Blaise sah rebellisch aus, aber Lucius verstärkte einfach seinen Griff auf den Arm des jüngeren Zauberer. Blaise sah hilfesuchend zu Draco, aber Draco achtete nicht auf ihn, denn er war viel zu beschäftigt damit, Harry das Haar aus den Augen zu streichen.
„Du hast den Mann gehört, Zabini", sagte Harry, den Zauberstab noch immer im Anschlag. „Geh weg. Es ist vorbei."
Lucius lächelte Leticia entschuldigend zu, als er losging, um Zabini aus dem Raum zu begleiten, aber es bestand kein Grund zur Sorge. Sie war höcht zufrieden mit seiner öffentlichen Zurschaustellung von Unterstützung für seinen Sohn.
Heute Abend würde sie dasein, um ihn zuzudecken.
~oo0oo~
Direkt nach dem Ende des Stücks brachte Severus Hermione nach oben. Es war ein verdammt langer Tag gewesen, und er fühlte sich zerschlagen. Er konnte keinen weiteren Moment irgendjemandes Gesellschaft ertragen außer ihrer.
Ihr Groll seiner Vernachlässigung am Nachmittag wegen hatte ihm geschmeichelt, und ihre Einwände, dieselbe Behandlung zu erleben, die sie Weasley hatte angedeihen lassen, waren fast amüsant. Sie hatte es jedoch verstanden, als er es ihr erklärt hatte; das hatte er klar erkannt. Dass er ihre Hand hielt, als die Lichter ausgingen, hatte sie ein wenig beruhigt – aber dies war für keinen von ihnen zufriedenstellend genug, und er wusste es.
Sie standen vor ihrer Tür, und sie legte ihre Hände an seine Brust.
„Komm herein", sagte sie.
Weiter unten im Korridor näherten sich Weasley und Romilda Vane, kicherten miteinander und verschwanden schnell durch ihre Tür.
Severus berührte Hermiones volle Unterlippe leicht, strich mit dem Daumen darüber und erinnerte sich an ihre Struktur, als er sie zwischen seine Zähne gesaugt und sanft zugebissen hatte.
„Du hast nach Stachelbeeren geschmeckt", sagte er und beobachtete, wie ihre Pupillen sich weiteten. Er wusste, dass sie erregt war und spürte eine korrespondierende Hitze.
„Ich … ich habe sie zum Frühstück gegessen, weißt du noch?", fragte sie mit gepresster Stimme.
Ein Klang von Stimmen, die einen fast ärgerlichenTonfall hatten, kam vom Ende des Korridors, und dann waren Draco und Potter an seiner Tür und rangen mit Ellenbogen, Nasenstübern und Verzweiflung um Dominanz. Potter schaffte es, die Tür zu öffnen und schnappte Draco an seinem Narrenkostüm, schob ihn ins Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Draco würde sich morgen von Potter Kleidung borgen müssen, falls er sich am Morgen in etwas anderem als den zerrissenen Narren-Strumpfhosen in sein Zimmer zurückschleichen wollte.
Hermione fasste seine Rockaufschläge und schüttelte sie. „Lass mich auf diesem Gang nicht die Einzige sein, die heute Nacht alleine schläft", flüsterte sie.
Er löste ihre Finger von seinem Rock und hob sie zu seinem Gesicht; sie strich mit zarten Fingerspitzen über seine kratzige Wange, die wieder eine Rasur nötig hatte. Er schloss die Augen und erlaubte sich selbst, ihre Berührung zu fühlen. Dann öffnete er wieder die Augen und sah auf sie hinab. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn.
„Du bist nicht die Einzige auf diesem Flur, die allein schläft", sagte er zärtlich. „Ich schlafe hier auch, weißt du noch?"
Er küsste ihre Hand, dann ihre Handfläche und schließlich den Puls an ihrem Handgelenk. „Gute Nacht, Hermione", murmelte er. „Bitte geh hinein."
Sie stieß den Atem aus, und er sah den Schmerz in ihren Augen. „Ich verstehe dich nicht", sagte sie traurig.
„Dann sind wir schon zu zweit, Milady."
Er griff hinter sich und drehte den Türknopf. Die Tür öffnete sich, und er trat von ihr zurück. Mit einer Verbeugung wandte er sich von ihr ab und ging die paar Schritte zu seiner dunklen Schlafzimmertür.
