14. September 2001

Die katastrophalen Ereignisse von vor drei Tagen hallten auch bei der Autobahnpolizei in Köln immer noch nach. Unzählige Sonderschichten wurden überall gefahren, um eine durchgehende Polizeipräsenz auf den Straßen zu jeder Tages- und Nacht Zeit zu gewährleisten.

Semir war seit zwei Tagen wieder für den Außendienst freigegeben und hatte seitdem fast die Gesamte Zeit mit Tom auf der Autobahn verbracht.

Die Chefin hatte seitdem ihr Büro nur verlassen, um zu Hause kurz zu duschen und sich umzuziehen.

Als es jetzt an ihrer Bürotür klopfte und Mark Haverlant mit seinem Gips Arm zur Tür hereinkam, sah sie trotz der Müdigkeit überrascht auf.

„Stör ich oder haben sie ein paar Minuten Zeit für mich?"

„Nein, es passt gerade. Kommen sie rein." Mark setzte sich vor ihrem Schreibtisch und nahm die angebotene Tasse Kaffee dankend an. Auch er hatte seit den Anschlägen auf das World Trade Center kaum ein Auge zugemacht.

Über den Rand seiner Tasse sah er die Chefin der Autobahnpolizei einen Moment lang an ehe er sagte: „Da wir derzeit beide in Arbeit ersticken, komme ich gleich zum Punkt: Ich will das sie in mein Team kommen."

Anna stellte völlig überrascht ihre eigene Tasse auf den Tisch und sah ihn perplex an. „Bitte was?"

„Nach den Anschlägen hat es keine 24 Stunden gedauert bis das Innenministerium festgestellt hat, das wir hier in Deutschland recht schlecht aufgestellt sind, was die Bekämpfung des organisierten Verbrechens und, im Moment viel wichtiger, Terrorabwehr angeht." Fing der BKA Beamten an zu erklären.

„Als wir uns hier das erste Mal begegnet sind hatte ich ihnen gesagt das ich mir meine Gedanken dazu gemacht habe, wie es dazu kommen konnte das unter unserer Nase eine Verbrecherbande wie die Kastratis entstehen konnte." Die Chefin nickte. Daran konnte sie sich erinnern.

„Ich habe schon vor Monaten die Gründung einer Sondereinheit des BKAs vorgeschlagen, die deutschlandweit- und gegeben Falls auch europaweit agieren darf und sich gezielt um genau solche Dinge kümmert: Organisiertes Verbrechen, Bandenkriminalität und Terrorabwehr. Wären die Informationen über die Machenschaften der Kastratis alle an einer Stelle gebündelt zusammengelaufen, wären sie vermutlich nie unbemerkt so groß geworden. Die schlechte Kommunikation zwischen den einzelnen Bundesländern war wohl der Hauptgrund warum wir sie nicht vorher auf dem Schirm hatten. Allerdings habe ich für diese Sondereinheit vor Wochen eine Abfuhr erhalten, da man es als für nicht notwendig und zu teuer erachtet hat." Er grinste gequält. „In Anbetracht der aktuellen Ereignisse haben die obersten Damen und Herren in der Politik sich plötzlich an meinen Vorschlag erinnert und mir binnen Stunden ein astronomisch hohes Budget zur Verfügung gestellt und mich mit der Gründung eben jener Sondereinheit beauftragt."

Anna sah ihn immer noch skeptisch und mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Und dann kommen sie ausgerechnet zu mir?"

„Ich hatte ja schon bei unserer ersten Begegnung gesagt das ich mich ein wenig über sie schlau gemacht habe. Ich brauche Leute, die außerhalb der Box denken und vielleicht wenn es nötig ist hier und da mal eine kreative Lösung um die Vorschriften herum finden. An ihren Führungsqualitäten hat eh nie ein Zweifel bestanden und in den letzten Wochen haben sie bewiesen das sie auch recht eindrucksvoll im Außendienst zupacken können." Er lächelte. „Außerdem haben sie mir den Hintern gerettet."

Er wurde wieder etwas ernster als er sagte: „Ich will das sie mit mir dieses Team aufbauen und leiten." Anna war von dieser Aussage völlig überrumpelt. „Ist das ihr Ernst?"

„Absolut, mein voller Ernst! Ich biete ihnen eine Führungsposition beim BKA an. Roter Ausweis, Gehaltserhöhung und jede Menge Sonderrechte. Das gesamte ‚Rund um sorglos Paket'."

„Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll... Was ist denn mit Herrn Zeidler? Wäre der nicht eigentlich prädestiniert für diese Rolle?" Mark lächelte matt. „Anton ist ein guter Kerl und auch ein guter Polizist. Aber er ist keine Führungskraft."

„Das ist ein wirklich großzügiges Angebot, aber sie werden sicher verstehen, dass ich das jetzt nicht einfach hier entscheiden kann..."

„Ja das habe ich leider schon befürchtet. Mehr als ein paar Tage Bedenkzeit kann ich ihnen aber leider nicht geben, da ich sie jetzt brauche. Wenn sie ‚Ja' sagen, fangen sie am 1. Oktober an."


Der Abend war der Erste seit mehreren Tagen den Tom und Anna gemeinsam verbrachten.

Müde von der vielen Arbeit der letzten Tage lagen sie einmal mehr auf der Dachterrasse in Annas Wohnung und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

„Penny for your thoughts?" fragte Tom nach einiger Zeit in der sie schweigend einfach nur die Nähe des Anderen genossen hatten und er abwesend mit ihren Haaren spielte.

„Hm?" Anna hob leicht den Kopf von seiner Brust, um ihm besser ins Gesicht schauen zu können. „Du grübelst schon den ganzen Abend über irgendetwas nach." Sie ließ den Kopf wieder sinken und nickte schließlich langsam. „Mark Haverlant war heute bei mir im Büro."

„Ach? Was wollte er denn? Hat er sich jetzt doch wegen seines Arms beschwert?" Anna schmunzelte, schüttelte aber den Kopf.

„Er hat mir einen Job angeboten." Jetzt war es Tom der sich ein wenig umsetzte, um ihr besser ins Gesicht schauen zu können. In seinen Augen spiegelte sich Überraschung wider.

„Was für einen Job?"

„In einer neugegründeten Sondereinheit des BKA. Ich würde mit ihm ein Team leiten das sich Deutschlandweit vor allem mit Bandenkriminalität, organisiertem Verbrechen und Terrorabwehr befasst." Tom ließ diese Information für ein paar Sekunden sacken, bevor er fragte: „Und? Was denkst du darüber?"

„Ich war überrascht, dass er mir überhaupt so ein Angebot macht. Aber wenn ich ehrlich bin, stand meine Antwort schon fest bevor er wieder gegangen ist."

„Und?" Tom sah sie erwartungsvoll an. „Die PAST wird ab Oktober wohl ohne mich auskommen müssen..."

„Oktober schon? Das geht jetzt aber sehr schnell!" Er sah die kurze Unsicherheit in Annas Augen aufflackern und fügte sofort hinzu. „Aber das ist genau die richtige Entscheidung! So ein Angebot bekommt man nicht alle Tage und es wäre dumm es nicht anzunehmen!"

„Ich weiß... Es ist im Moment nur so viel Veränderung auf einmal."

Tom schoss plötzlich ein Gedanke in den Kopf, der ihn dazu veranlasste, sich recht abrupt aufzusetzen, was Anna ein kurzes „Autsch!" entlockte. Ihre Rippen verheilten zwar gut, es würde aber wohl noch ein, zwei Wochen dauern bis sie komplett schmerzfrei war.

„Tut mir leid!" entschuldigte Tom sich sofort ehe er sie recht ernst ansah. „Du machst das doch nicht nur wegen mir, oder? Anna, wenn du auf der PAST bleiben willst, dann finden wir eine andere Lösung. Ich kann..." Das vehemente Schütteln ihres Kopfes ließ in mitten im Satz aufhören zu sprechen.

„Nein, ich mach das nicht nur wegen dir oder wegen uns." Ein beschämter Ausdruck trat auf ihr Gesicht und sie sagte leise: „Daran habe ich im ersten Moment überhaupt nicht gedacht. Ich wollte das vor allem in erster Linie für mich selber..." Tom merke umgehend das hinter den Worten noch mehr steckte. „Nu sag schon... Was ist wirklich los?" er lächelte sie aufmunternd an.

Sie wandte sich von ihm ab, sagte dann aber noch leiser: „Ich mag den Gedanken, erst einmal nicht mehr jeden Tag in die PAST zu müssen. Vor allem aber mag ich die Vorstellung nicht mehr mehrere Stunden am Tag in meinem Büro sitzen zu müssen..."

Tom begriff sofort was sie ihm damit sagen wollte. Vorsichtig, um ihr nicht wieder wehzutun, zog er sie so fest es ihr Rippe zuließen an sich. „Das ist völlig in Ordnung und verständlich! Und kein Grund sich zu schämen!"

„Es kommt mir trotzdem so vor, als ob ich die Kollegen im Stich lassen..."

„Das ist aber nicht so! Du lässt niemanden im Stich. Und ich bin mir zu 100% sicher das keiner der Kollegen so denken wird!" Tom grinste frech.

„Und außerdem kannst du sagen das es ganz alleine meine Schuld ist das du gehen musst." Er lehnte sich vor und gab ihr einen langen, leidenschaftlichen Kuss. „Unendlich charmanter, unglaublich gutaussehender Polizeihauptkommissar verführt seine Vorgesetzte... Du hattest eigentlich nie eine Chance!" Anna bereute das Lachen zwar recht schnell, als sich ihre Rippen wieder bemerkbar machten, konnte es aber dennoch nicht unterdrücken. Es war das Erste, wirklich herzhafte Lachen seit Wochen.

Ein verschmitzter Ausdruck trat in ihre Augen. „Ich hätte schwören können das es anders herum war..."