Kapitel 21

In den Tagen danach hatte Hermine nicht viel Zeit, um sich über Patricks Pläne Gedanken zu machen. Sie war jeden Tag für eine andere Station eingeplant, aber eigentlich fiel ihr das kaum auf, denn durch die Beltane-Feiern wurden alle Stationen des St.-Mungos gleichermaßen mit Brandwunden, Alkoholvergiftungen und den mal mehr, mal weniger heftig ausgefallenen Folgen betrunkener Ideen überschwemmt. Hermine hörte immer wieder haarsträubende Geschichten, die grundsätzlich begann mit den Worten: „Also sagte ich, halt mein Bier!" Und mit einer oder mehreren gebrochenen Gliedmaßen, einer oder mehreren Platzwunden und mindestens einer Gruppe johlender Männer im Krankenhaus endete.

Etwa ab der Mitte der Woche kehrte im St.-Mungos alles wieder zum üblichen Ablauf zurück, ebenso wie Hermine auf Patricks Station. Erst als sie am Morgen ihrer ersten Schicht auf der Station für Vergiftungen aufstand, fiel ihr das Gespräch mit ihm wieder ein und sie erwartete die ganze Zeit, dass er sie darauf ansprach und fragte, ob sie es sich überlegt hatte. Aber das tat er nicht. Er ließ sich nicht mal anmerken, dass sie sich außerhalb des St.-Mungos getroffen hatten. Nur auf die Benutzung seines Vornamens bestand er weiterhin, so wie alle anderen Heiler auch. Es war, als wäre sie mit ihrer bestandenen Abschlussprüfung einem Club beigetreten.

Als Hermine dann am Freitagabend vor Severus' Tür stand, war sie das erste Mal erleichtert, das St.-Mungos in den nächsten 48 Stunden nicht mehr betreten zu müssen. Sie lehnte sich gegen die Wand neben der Haustür, während sie wartete.

Severus' Blick glitt irritiert ins Leere, als er die Tür öffnete, dann fand er sie. „Du siehst müde aus", stellte er fest.

„War eine anstrengende Woche", erwiderte Hermine mit einem halben Lächeln und stieß sich ab, um an ihm vorbei ins Haus zu gehen. Sie zog sich den Umhang aus und hängte ihn an die Garderobe, dann wandte sie sich um und blieb überrascht stehen. „Langweilig war es bei dir aber auch nicht, oder?"

Severus trat neben sie und sah sich mit verschränkten Armen um. „Nein."

Nachdem sie beim letzten Mal ihn kaum wiedererkannt hatte, war nun auch das Wohnzimmer kaum wiederzuerkennen. Die vielen Bücherregale, die jeden freien Zentimeter der Wände inklusive der Türen ausgefüllt hatten, waren auf drei ordentlich sortierte Regale geschrumpft. Die Durchgänge zur Küche und ins Obergeschoss und den Keller waren jetzt nicht mehr dahinter verborgen. Unter dem alten Teppich war ein wunderschöner Dielenfußboden zum Vorschein gekommen, der Schreibtisch stand unter einem der beiden Fenster und wo vorher der Schreibtisch gestanden hatte, stand jetzt eine Vitrine mit altem Werkzeug und Besteck für die Trankzubereitung. Nur die Kaminecke sah noch genauso aus, wie Hermine sie in Erinnerung hatte.

„Was ist mit all den Büchern passiert?", fragte sie, nachdem sie sich ausreichend umgesehen hatte.

„Ich hab vieles aussortiert und plane, sie zu verkaufen." Er ging zum Schreibtisch und hob einen Karton hoch, der daneben auf dem Boden gestanden hatte. „Ich wollte dich fragen, ob du Verwendung für diese Bücher hast. Sie sind alle von meiner Mutter, Medimagier-Fachliteratur."

Hermine ging zu ihm und nahm ein paar der Bücher in die Hand. Sie waren sichtlich alt, aber gut gepflegt. „Brauchst du sie nicht mehr?"

„Wenn ich sie noch bräuchte, hätte ich sie nicht aussortiert."

„Natürlich." Sie lächelte. „Dann nehme ich sie gern, Dankeschön!"

Severus nickte knapp und bat sie mit einer Geste zu den Sesseln. Er entzündete ein Feuer im Kamin und erst, als es wieder knisterte, fiel Hermine auf, wie sehr sie dieses Geräusch bis eben vermisst hatte.

„Ich wusste gar nicht, dass deine Mutter Medimagierin war."

„Es war nicht wichtig", entgegnete Severus.

Das sah Hermine zwar anders, denn dass eine Medimagierin den Ernährungszauber nutzte, um ihren Sohn zu missbrauchen, empfand sie als noch unbegreiflicher, als wenn sie einen anderen Beruf ausgeübt hätte; aber sie behielt diesen Gedanken für sich. „Ich nehme an, die Umgestaltung des Wohnzimmers hat mit den Flashbacks zu tun?", fragte sie stattdessen.

„Ja", antwortete er verdrießlich.

„Hat es geholfen?"

„Etwas."

„Das ist gut. Wie kommst du mit dem Trunk des Friedens zurecht?"

„Gut."

Sie nickte. „Und wie läuft es mit dem Essen?"

Er kniff die Augen ein wenig zusammen. „Gut." Er zog das Wort in die Länge.

„Es widerstrebt dir sehr, diese Fragen zu beantworten, oder?"

„Wie kommst du denn darauf?", fragte er ölig.

„Nur so ein Gefühl …" Sie lehnte sich im Sessel zurück und schlug die Beine übereinander. Severus' Verdruss lag so greifbar in der Luft, dass sie zu knistern schien wie das Feuer im Kamin. Gedanklich begann sie langsam von zehn runterzuzählen.

Sie war bei zwei, als es aus ihm herausbrach: „Ich war ein Spion, Hermine! Ich habe den grausamsten Magier der Neuzeit ausspioniert, jahrelang. Ich hab ihm verkauft, sein Spion zu sein und jede Unachtsamkeit hätte mich das Leben kosten können. Ich hab das gut gemacht! Gut genug jedenfalls. Und jetzt sitze ich hier und kriege Panik, weil ich eine Schüssel voll verdammten Porridge vor mir stehen habe!"

Er sah sie so gereizt an, als würde er nur darauf warten, dass sie ihm das richtige Stichwort gab. Hermine jedoch schwieg, den Kopf so in die Hand gestützt, dass ihr Mund dahinter verborgen war. Aber innerlich freute sie sich, dass er schon bei Porridge war.

„Es widerstrebt mir nicht nur, deine Fragen zu beantworten, ich verabscheue es zutiefst! Sie sind übergriffig und betreffen absolut private Themen. Du hast kein Recht, diese Dinge zu wissen." Er schnaubte und ballte die Hände zu Fäusten. „Aber du musst sie wissen und das raubt mir den Verstand. Fehlt nur noch, dass du mich nach meinem Stuhlgang fragst …"

Hermine biss sich auf die Zunge. Es gab mehr als eine unangemessene Antwort, die ihr Heiler-Gehirn dazu ausspuckte und zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie ansatzweise verstehen, wie viel Selbstbeherrschung Harry jede Zaubertrankstunde abverlangt hatte.

Severus schien ihr Amüsement zu bemerken, denn als sie nicht antwortete, sah er sie an und schnappte: „Was?"

„Nichts." Sie blinzelte ihn unschuldig an, versteckte aber ein Lächeln hinter ihren zusammengekniffenen Lippen.

Severus' Blick hingegen ließ ihr das Lachen schnell vergehen. „Schön, dass ich zu deiner Erheiterung beitrage."

Hermine sah ihn lange an. „Du hast recht. Ich muss diese Dinge wissen, wenn ich dir helfen soll. Und ich verstehe, dass sich das für dich übergriffig anfühlt. Deine Erfahrungen mit dem Zeigen von vermeintlichen Schwächen sind nicht die besten, es muss nahezu unerträglich sein, sie mir zu zeigen."

„Ist es!", warf er ein.

„Ich weiß. Es ist, als würdest du mir eine Waffe in die Hand geben. Du weißt nie, ob und wenn ja wie ich sie benutzen werde."

Er atmete scharf aus, sah sie aber nicht an.

„Dir ist aber schon klar, dass du auch eine Waffe in der Hand hältst, oder?"

Nun wandte er ihr doch den Kopf zu. Seine Augenbrauen zuckten, ein irritierter Ausdruck lag um seine Augen.

Hermine lächelte kurz. „Du bist der einzige, der weiß, was Ron mir damals angetan hat. Wenn du wolltest, könntest du meine Freundschaft zu ihm, Harry und Ginny mit einer einzigen Bemerkung mindestens mal erschüttern, schlimmstenfalls sogar zerstören. Ich denke nicht, dass Ron mir jemals wieder vertrauen würde, wenn er wüsste, dass ich seine Erinnerungen gelöscht habe, egal welche Motivation dahinter stand. Auf jeden Fall könnte er mir nicht mehr in die Augen sehen, wenn er wüsste, was er getan hat." Sie sah ihn nachdenklich an. „Ich weiß, ich bin komplett anders aufgewachsen als du, mein Vertrauen ist nie großartig erschüttert worden, für mich hat es sich letztendlich immer ausgezahlt, anderen zu zeigen, wer ich bin. Trotzdem hatte ich damals Angst, was du mit deinem Wissen tun könntest. Ich mochte es nicht, dir vertrauen zu müssen. Aber ich tat es zu recht. Dafür bin ich dir so dankbar, dass du dir sicher sein kannst, dass ich das gleiche für dich tun werde. Ich werde die Waffen, die du mir gibst, niemals benutzen." Sie hielt seinen Blick einige Sekunden lang fest, dann fügte sie schmunzelnd hinzu: „Aber wenn es dir hilft, könnte ich dir auch Bericht über mein Ess- und Schlafverhalten erstatten."

Severus verdrehte die Augen. „Danke, ich verzichte."

„Ein Glück. Du hättest mich sonst nie wieder ernst genommen", entgegnete Hermine.

Er schnaubte. „Und das als Heilerin …"

„Wir sind die schlimmsten." Sie lächelte schief.

„Offensichtlich." Severus dachte einen Moment lang nach. „Aber wenn du so auskunftsfreudig bist, könnten wir heute ja mal damit anfangen, dass du mir erzählst, wie es dir geht."

Sie holte tief Luft, während sie über ihre Antwort nachdachte. „Ich bin erschöpft. Die Woche war anstrengend, Beltane." Sie schüttelte den Kopf. „Aber es ist nicht nur das. Ich wollte dich ohnehin mal fragen, was du davon hältst."

Er hob interessiert die Augenbrauen.

„Seitdem ich dich auf Muggelart behandelt habe, sind einige meiner Kollegen ganz scharf darauf, mehr über Muggelmedizin zu erfahren. Ich hab ihnen am Samstag über zwei Stunden lang Fragen beantwortet, obwohl sie nichts davon verwenden dürfen, wenn es nach dem Ministerium geht. Patrick – ich meine, Heiler Matthews … Er will sogar noch einen Schritt weiter gehen und nicht nur gegen den Willen des Ministeriums Muggelmedizin verwenden, sondern auch die magische Medizin den eingeweihten Muggeln zugänglich machen. Er meint, Gesetze kann man ändern, aber …" Sie brach ab und schnalzte mit der Zunge.

„Aber?", hakte Severus nach.

Hermine seufzte. „Ich lebe jetzt seit zwanzig Jahren in der Zauberergemeinschaft, mal mehr, mal weniger intensiv. Aber ich habe noch nicht erlebt, dass sich etwas geändert hätte. Die Muggel entwickeln sich weiter, es gibt inzwischen Technologien, die dich auch ohne Kamin mit jemandem auf einem anderen Kontinent von Angesicht zu Angesicht reden lassen. Man kann diese Technologie in der Hosentasche herumtragen! Viele wollen vorwärts kommen, veraltete Gesetze überdenken, Dinge besser machen als ihre Vorfahren. Aber hier … Es ist, als würde man gegen Windmühlen kämpfen."

„Sagt diejenige, die in ihrem vierten Schuljahr den Bund für Elfenrechte gegründet hat", entgegnete Severus.

Sie sah ihn überrascht an. „Das weißt du noch?"

Er zog eine Augenbraue hoch. „Du hast damit einen Elfen-Aufstand in Hogwarts ausgelöst, der Thema in vier Lehrerkonferenzen war. Und in deinem fünften Jahr ging das genauso weiter mit diesen Hüten, die du überall versteckt hast. Es gibt vieles, das ich vergessen habe, Hermine, aber das wird niemals Teil davon sein."

Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Jedenfalls …", sagte sie dann und sah Severus lächeln. „Das hat schon nicht funktioniert und dabei ging es nicht mal um das Geheimhaltungsabkommen."

„Warum bist du dann in die magische Gemeinschaft zurückgekehrt?"

„Weil …", begann Hermine, aber dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte. „Ich weiß es nicht."

Severus schnaubte. „Doch, das weißt du."

Sie sah ihn unzufrieden an. „Ich bin halt eine Hexe. Ich könnte nicht auf Dauer ohne Magie in der Muggelwelt leben."

„Müsstest du nicht. Du müsstest nur aufpassen, sie nicht vor Muggeln zu benutzen."

„Ich könnte es nicht aushalten, zu wissen, was möglich ist, es aber nicht immer nutzen zu dürfen."

„Und kannst du es von der anderen Seite aus? Kannst du wissen, was die Muggel können, ohne es zu nutzen?"

„Nein", sagte sie leise.

„Nein", wiederholte Severus. „Wozu also die falsche Hoffnungslosigkeit? Du hast eine Rechnung offen mit der magischen Welt, sie hat immerhin deine Mutter sterben lassen. Heiler Matthews hat recht, Gesetze lassen sich ändern. Und wenn sie jemand ändern kann, dann du."

„Warum bist du dir da so sicher?"

Er sah sie an, so intensiv, dass ihr eine Gänsehaut über den Rücken lief. „Du veränderst mich und ich könnte dir ohne nachzudenken ein Dutzend Menschen nennen, die überzeugt waren, dass das unmöglich ist."

Gegen ihren Willen musste Hermine lächeln, schüttelte aber den Kopf. „Es sind deine Erinnerungen, deine Gefühle und dein Umgang damit, die dich verändern. Ich begleite dich nur dabei."

„Richtig", erwiderte Severus langgezogen und mit sehr tiefer Stimme, „Und der Lokführer fährt nur den Zug. Das ändert aber nichts daran, dass keiner der Fahrgäste sein Ziel erreichen würde, wenn er es nicht täte."

„Die Fahrgäste und du, ihr habt eines gemeinsam: Ihr wollt woanders hin. Bei der Zauberergemeinschaft bin ich mir nicht sicher."

„Dann finde es heraus. Lade sie ein in deinen Zug. Und zwar nicht nur die Leute im Ministerium. Sorg dafür, dass alle erfahren, was ihr plant. Erzählt allen, warum ihr es plant. Wenn der Druck von außen groß genug ist, hat das Ministerium keine Wahl mehr." Er wurde einen Moment still, dann fügte er hinzu: „So wie ich."

Hermine sah ihm in die Augen und eine ganze Weile lang sah keiner von ihnen weg. Genauso wie früher schauderte sie auch jetzt beim Anblick seiner schwarzen Augen, aber es gab keine zwei Reaktionen, die weniger miteinander gemein hatten als diese beiden. Sie nickte langsam. „Hat es dir geholfen, über mich zu sprechen?", fragte sie schließlich.

„Kurz", sagte er und seine Schultern versteiften sich.

„Wir können auch ein anderes Mal weitermachen."

Severus seufzte und rieb sich mit den Fingern über die Stirn. „Nein. Ich will die Erinnerungen fertig ansehen. Danach hab ich noch genug damit zu tun, wieder normal zu werden."

Einen Moment lang überlegte sie, eine Diskussion über die Bedeutung von 'normal' zu beginnen, aber Severus tat sich heute auch so schon schwer genug. „Dann also die nächste Erinnerung?"

Er zögerte, sah so aus, als wollte er etwas sagen. Aber es war nicht das, was er letztendlich sagte: „Ja. Fühl dich frei." Bevor sie fragen konnte. Und so tauchte sie wieder ein, zuerst in seine schwarzen Augen, dann in seinen Geist.

So war jedenfalls der Plan, doch zum erste Mal seit ihrer Geduldsphase im St.-Mungos spürte Hermine einen anhaltenden Widerstand. Severus schützte seinen Geist mit Okklumentik. Sie zog sich zurück.

„Entschuldige", murmelte er, schloss die Augen und forderte sie mit einer Geste auf, es noch einmal zu versuchen.

Hermine runzelte die Stirn, schwieg aber und versuchte es erneut. Dieses Mal gab es nichts, das sie abhielt. Dafür wäre sie beinahe von alleine wieder rausgestolpert, denn in Severus' Geist herrschte Chaos.

Es schwebten so viele Erinnerungsfäden durch seinen Geist, dass sie kaum etwas anderes sehen konnte. Eine gewisse Anzahl freier Erinnerungs- und Gedankenfäden war normal, die sah sie bei ihm immer. Aber das … Das war anders. Das waren so viel mehr als sonst, dass sie es nur sprachlos beobachten konnte. Viele der Erinnerungsfäden waren aktiver als normale Erinnerungen, viele waren rot, aber keine war so extrem aufgeladen wie die, die sie in den Käfig gesperrt hatte. Trotzdem blieb die Frage, wo sie auf einmal alle herkamen.

Hermine beschloss, seinen Geist wieder zu verlassen, ohne eine neue Erinnerung aus dem Käfig zu holen. Sie holte tief Luft, als sie wieder durch ihre eigenen Augen sah, und begegnete Severus' unzufriedenem Blick. Deswegen war er also so angespannt gewesen.

„Warum hast du nichts gesagt?", fragte sie.

Er schloss kurz die Augen. „Ich hab es dir gezeigt, oder?"

Hermine schluckte. „Ja", murmelte sie, fuhr sich durch die Haare. Das hätte er nicht tun müssen, sie wusste, dass er seinen Geist komplett leeren konnte, wenn er das wollte. „Was ist passiert?", besann sie sich daher auf das eigentliche Problem. Ihr Herz schlug schnell, der Anblick hatte sie erschreckt.

Severus stand auf und ging um seinen Sessel herum. Wie schon einige Male zuvor stützte er sich mit beiden Händen darauf ab und starrte ins Feuer. „Ich weiß es nicht. Sie kamen im Laufe der letzten Tagen auf einmal irgendwoher. Alles hat mich an etwas erinnert. Gerüche, Geräusche, dieses Haus … Ständig fiel mir etwas ein, das ich … lange vergessen hatte." Er drehte den Kopf auf dem Nacken. „Erst dachte ich, der Käfig wäre … undicht. Aber diese Erinnerungen sind anders."

„Ja, sie sehen auch anders aus", murmelte Hermine. „Die waren nie weggesperrt, weder in Malfoys Käfig, noch in meinem." Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Warum hast du dich nicht schon eher gemeldet?"

Er sah sie düster an. „Was hättest du schon dabei machen können? Noch einen Käfig?" Er schüttelte den Kopf.

„Das heißt doch aber nicht, dass du alleine damit bleiben musst. Selbst wenn ich nicht aktiv etwas tun kann, kannst du mit mir darüber reden."

Er stieß sich schnaubend vom Sessel ab und fuhr nun seinerseits mit gespreizten Fingern durch seine Haare, wobei ihm wieder einzufallen schien, dass sie jetzt kurz waren, denn er verzog das Gesicht und ließ die Hände wieder sinken. „Was soll das schon bringen? Sie werden trotzdem nicht aufhören, mich zu quälen."

Hermine seufzte. „Vielleicht werden sie das doch. Etwas laut auszusprechen, sich jemandem mitzuteilen, das verändert vieles."

Er verschränkte die Arme vor der Brust. So wie er da stand in seiner schwarzen Hose und dem weißen Hemd, sah er so dünn aus, dass er fast zerbrechlich wirkte. Er hatte die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes geöffnet, seine Schlüsselbeine zeichneten sich deutlich unter der blassen Haut ab. Er atmete heftig. „Was willst du denn hören, Hermine?", fragte er schließlich. Es klang zu ihrer Überraschung nicht sonderlich wütend, nur überreizt und sehr bitter. „Soll ich dir erzählen, wie meine Eltern sich stundenlang anschreien konnten? Dass ich zu Hause mehr Flüche gelernt habe als später in Hogwarts, weil meine Mutter sich meinen Vater vom Hals halten musste? Soll ich dir von dem Nachbarn erzählen, der mich jeden Dienstagabend missbraucht hat, wenn seine Frau beim Bingo war? Wie er …" Er brach ab, verzog angewidert das Gesicht, schüttelte den Kopf. „Soll ich dir erzählen, wie mein Vater mich gezwungen hat, nach dem fünften Ernährungszauber noch eine halbe Stunde lang am Tisch sitzen zu bleiben, während ich gegen den Brechreiz gekämpft habe? Oder wie er mich verprügelt hat, wenn ich es nicht geschafft habe? Soll ich dir erzählen, dass es meiner Mutter egal war? Dass sie zur Arbeit gegangen ist, während ich da saß und kaum atmen konnte? Oder soll ich dir erzählen, wie die anderen Jungs aus meinem Schlafsaal auf mein Bett gepinkelt und die Decke darüber gelegt haben, so dass ich es erst merkte, als ich mich reinlegte? Was genau willst du hören?"

Hermine starrte ihn mit großen Augen an. Er hatte immer noch die Arme vor dem Körper gekreuzt, aber es sah nicht mehr abweisend aus, sondern als würde er versuchen, sich selbst zusammenzuhalten. Er zitterte. Und Hermine war übel. Bei jedem seiner Sätze hatte sich etwas in ihr mehr verkrampft. Eigentlich wollte sie nichts davon hören. Eigentlich wollte sie nicht, dass ihm das alles passiert war. Aber es war passiert. „Ja", sagte sie also, „Alles davon. Ich will alles hören, Severus."

Er krallte die dürren Finger in den Stoff seines Hemdes und stieß ein Lachen aus. Es war die Art Lachen, das sich irgendwann in Tränen auflösen würde, aber bevor das passierte, hielt er die Luft an und schluckte es runter. „Es geht mir nicht besser, wenn ich darüber rede", sagte er hohl.

„Natürlich nicht", entgegnete sie, „Besser kommt später."

Severus stand einfach da und sah sie an. Möglicherweise bildete sie sich das nur ein, aber es sah aus, als würde er immer heftiger zittern.

„Willst du dich nicht wieder setzen?", fragte sie vorsichtig.

Er schien eine Weile lang darüber nachzudenken, dann setzte er sich mechanisch in Bewegung, so als müsste er über jeden Schritt gezielt nachdenken, um ihn tun zu können. Schließlich saß er in seinem Sessel wie eine Puppe. Als hätte man ihn ausgeschaltet. Die Arme lagen nutzlos in seinem Schoß, er starrte stumm ins Feuer. „Woher kommt das bloß alles?", fragte er schließlich leise.

„Meinst du die Erinnerungen?"

Er nickte.

Hermine hob die Schultern an. „Vielleicht sind es Erinnerungen, die du selbst verdrängt hast. Vielleicht kommen sie jetzt, weil du dich wieder an die anderen Dinge erinnerst."

„Ich wünschte, sie wären da geblieben, wo sie all die Jahre über waren."

„Ich weiß", sagte sie leise. „Du könntest sie in ein Denkarium legen und schauen, ob das hilft."

Severus schüttelte den Kopf. „Ich will das nirgendwo haben, wo es jemand ohne meine Erlaubnis sehen könnte."

„Wer könnte es denn hier …", setzte Hermine verwundert an.

Aber Severus unterbrach sie: „Ich will es nicht!"

„Okay!" Sie sah ihn mit großen Augen an, während er kurz die Augen schloss und durchatmete. „Dann erzähl mir davon."

Er holte tief Luft. Endlich sah es wieder so aus, als gäbe es tatsächlich Leben in seinem dünnen Körper. Gerade so. „Ich kann gerade nicht reden, Hermine."

Sie nickte. „Soll ich gehen oder soll ich bleiben?"

Er massierte sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. „Würde es dir etwas ausmachen zu bleiben?"

„Dann hätte ich es dir nicht angeboten."

Ein Nicken. „Danke." Dann wandte er den Blick wieder ins Feuer und lehnte sichtlich erschöpft den Kopf zurück.

Hermine stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. Die Kiste mit den Büchern seiner Mutter stand noch immer auf der Arbeitsplatte und auch wenn der Gedanke an den Menschen, dem diese Bücher gehört hatten, sie schaudern ließ, nahm sie sich zwei heraus und kehrte damit zu Severus zurück. Er sah kurz zu ihr und lächelte flüchtig, als sie es sich im Sessel bequem machte und das erste Buch aufschlug.


Hermine wusste später nicht, wie lange sie auf diese Art beieinander gesessen hatten, schweigend. Sie hatte sich nach einer Weile so in die Bücher vertieft, dass sie alles um sich herum vergessen hatte. Das Knistern des Feuers, das Rascheln der Seiten, wenn sie umblätterte, und hin und wieder ein Knacken in diesem alten Haus, das war alles, was sie hörte. Als sie zwischendurch aufsah, hatte Severus die Augen geschlossen und atmete ruhig. Auch ihre Augen juckten, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn jetzt zu wecken. Und die Ruhe wirkte auch auf sie wie ein Balsam. Also las sie weiter, Seite um Seite.

Und dann schrak Severus zusammen. Heftig. Weswegen auch sie sich erschreckte. Hermine schlug im Affekt das Buch zu und schloss die Augen, legte sich eine Hand auf die Brust und versuchte, ihren rasenden Puls zu beruhigen.

„Entschuldige", murmelte Severus. Er rieb sich die Augen und als sie zu ihm sah, hatte er sich nach vorn gelehnt. „Ich muss eingeschlafen sein."

„Ja, bist du. So vor etwa 150 Seiten …"

Er sah zu ihr auf. „Du musst müde sein."

Hermine streckte die Beine aus. Sie waren ihr schon vor geraumer Zeit eingeschlafen, aber sie hatte Angst gehabt, ihn zu wecken, wenn sie zu viele Geräusche verursachte. „Etwas", gab sie zu.

„Du hättest mich wecken sollen."

„Du hattest ein bisschen Schlaf ohne Hilfe dringend nötig."

„Ich hatte deine Hilfe."

Hermine lächelte. „Ich mache aber nicht abhängig und hab auch keine Nebenwirkungen." Sie gähnte. „War es ein Albtraum, der dich geweckt hat?"

„Ja." Als sie die Augenbrauen hochzog, winkte er ab. „Heute nicht mehr. Geh nach Hause. Ich komme zurecht."

Hermine zögerte, aber er machte nicht den Eindruck, als ob er seine Meinung ändern würde. „Okay. Ich hab morgen frei, brauchst du Hilfe im Labor?"

„Hast du keine anderen Pläne?"

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Die Revolution gegen das Geheimhaltungsabkommen hat auch noch ein paar Tage Zeit."

Er schnaubte. „Ich danke dir."

„Kein Problem." Da ihre Beine langsam aufhörten zu kribbeln, legte sie das Buch auf den Tisch und zog ihre Schuhe an. „Soll ich mir was zu essen mitbringen?", fragte sie vornüber gebeugt, während sie ihre Schnürsenkel zuband.

Severus brauchte länger als gewöhnlich, um zu antworten. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, was ihn aus seiner Überraschung zu reißen schien. „Nein", sagte er, „Nein, ich bereite wieder etwas vor."

„Sicher?", hakte sie nach. „Es macht mir nichts aus."

„Mir schon", entgegnete er und zog eine Augenbraue in die Stirn.

„Okay." Sie nahm die beiden Bücher, durchquerte den Raum und legte sie zurück in die Kiste. Dann nahm sie diese mit zur Garderobe und schnappte sich ihren Umhang. Es fröstelte sie beim Gedanken an das nasskalte Wetter draußen. Zum Glück musste sie nicht raus, um nach Hause zu kommen. „Ist es okay, wenn ich erst um zehn komme morgen?"

„Wann immer es dir passt", erwiderte Severus, der ihr gefolgt war.

Sie lächelte. „Gut. Bis morgen, Severus!"

Er nickte und Hermine disapparierte.