Die ganze Nacht über hatte Severus kein Auge zugetan, so sehr war er damit beschäftigt, was zwischen ihm und Arian in Hogsmeade passiert war. Was dort entstanden war. Seine Nerven flatterten, wenn er bloß daran dachte. Sie schien tatsächlich etwas an ihm zu finden und nicht bloß an seiner Nützlichkeit, so wie alle anderen. Es war verwirrend, überwältigend und angsteinflößend zugleich.

Als er übermüdet, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt zum Frühstück in der Großen Halle erschien, saß Arian bereits auf dem Platz neben seinem. Sobald er sich setzte, schob sie ihm wortlos die Teekanne zu, doch um ihre Mundwinkel spielte ein leichtes Lächeln. Seine Nervosität legte sich etwas. Sie schien nicht zu bereuen, dass sie sich… wieder nähergekommen waren. Der Gedanke raubte ihm noch immer den Atem – niemand hatte sich je ehrlich für die fettige Fledermaus aus den Kerkern interessiert, weder im freundschaftlichen noch gar im romantischen Sinne. Er hatte keine Familie, er hatte keine Freunde, er hatte niemanden. Und jetzt… Mit einem Kopfschütteln kehrte er auf den Boden der Tatsachen zurück. Wahrscheinlich würde das nicht lang halten, es sollte also besser keiner davon erfahren, damit die Demütigung am Ende nicht noch schlimmer ausfallen konnte.

Und des Weiteren dachte er darüber nach, was das alles mit seinen Gefühlen zu Lily machte. Es war schmerzhaft, darüber nachzudenken, sich ihr Gesicht vor Augen zu rufen, abzuwägen, was nun war. Doch irgendwie waren diese Gedanken auch nicht mehr ganz so schmerzhaft wie zuvor. Er liebte Lily, definitiv, aber – und das war der springende Punkt, das, was ihn immerzu gequält hatte – sie hatte ihn nie geliebt, zumindest nicht so. Mehr als eine freundschaftliche Umarmung war da nie gewesen, mit Arian hingegen… Sein Herz schlug schon wieder schneller, wenn er nur an diesen zärtlichen, verstörenden, betörenden Ausdruck in ihren Augen dachte, und ihm wurde leicht schwindelig bei der Erinnerung an ihre sanften Küsse… Nein, das mit Arian war definitiv anders. Zumindest hoffte er das… Dennoch…

Severus brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln, dann sagte er zu Arian: „Ich muss dich nachher in meinem Büro sprechen. Am besten gleich nach dem Frühstück." Ihr alarmierter Blick entging ihm dabei völlig.

Als sie sein Büro betrat, waren sie beide, jeder für sich, mit den Nerven am Ende. Severus, weil er befürchtete, hier und jetzt mit seiner Forderung wieder alles kaputt zu machen, und Arian, weil sie Angst hatte, er hätte seine Meinung erneut geändert.

„Du wolltest mich sprechen?", fragte sie beklommen. Selten hatte sie Severus so unschlüssig gesehen.

„Ja. Ich…" Er brachte es nicht über sich, sie anzusehen, und starrte stattdessen auf die eingelegten Tierchen und Pflanzen auf den Regalen hinter seinem Schreibtisch. Gelb, Blau, Rot… „Ich denke, ich weiß, was du… was du dir nach gestern vorstellst, aber…" Er räusperte sich. „Aber ich kann das nicht."

Alle Farbe wich aus Arians Gesicht. Das konnte nicht wahr sein! Wie auf Kommando schossen ihr Tränen der Wut und Hilflosigkeit in die Augen.

„Was?!", rief sie mit erstickter Stimme. „Ist das dein Ernst, mich so zu behandeln?! Was bist du nur für ein Riesenarschloch, Severus Snape!"

Nun war es an Severus, entsetzt aus der Wäsche zu schauen. Er verstand die Welt nicht mehr, also genau genommen noch weniger als zuvor. „Was-Was meinst du?"

Doch Arian registrierte seine Entgeisterung kaum. „Glaubst du echt, du kannst mir an einem Tag schöne Augen machen, mir weismachen, du hättest Interesse an mir, nur um am nächsten zu sagen, dass es gar nicht so ist?! Das ist allerunterste Schublade, das ist…!"

„Das stimmt doch gar nicht!", unterbrach er sie heftig.

„Ach ja?!"

„Ja! Ich meine, nein! Das meinte ich nicht, also zumindest…Ich meinte, ich kann das nicht mit… mit einer… Beziehung…", endete er leise und mit hochroten Wangen.

„Oh…" Arian hatte es die Sprache verschlagen. Peinlich berührt blickte sie auf ihre Schuhspitzen, die unter ihrer waldgrünen Robe hervorlugten.

„Ich möchte nicht, dass jemand davon erfährt, weil… Ich… verzeih mir…"

Mittlerweile war bei Arian angekommen, dass er ihr irgendetwas mitteilen wollte, für das er nicht die Worte fand. „Wofür? Es ist doch alles in Ordnung, oder? Es muss doch erstmal keiner von uns erfahren. Das ist OK, die würden eh nur tratschen." Sie trat auf ihn zu und wollte eine Hand beruhigend auf seinen Arm legen, doch er schüttelte sie unwirsch ab und drehte sich von ihr weg.

„Du verstehst nicht, Arian!"

„Dann hilf mir zu verstehen."

Als Antwort erhielt sie nur ein unzufriedenes Grunzen.

„Ehrlich gesagt – ich weiß nicht, was gerade dein Problem ist…"

„Das ist es ja, du weißt nicht… du verstehst nicht… du hast keine Ahnung, auf was du dich einlässt!", steigerte Severus sich hinein.

„Wie soll ich es auch verstehen, wenn du nur so kryptische Aussagen von dir gibst?! Schieb mir jetzt nicht die Schuld zu!"

„Du weißt nicht, wer und was ich bin!"

„Oooh, das beeindruckt mich jetzt sehr!"

„Vielleicht sollte es das aber!"

„Komm mal wieder runter von deinem Ego-Trip…!"

„Ego-Trip?! Du kapierst es nicht! Ich kann dir niemals bieten, was du verdient hast! Ich weiß ja noch nicht mal, wie man eine Beziehung führt!"

„Heißt das etwa, du…?"

„Ja, verdammt!"

Arian schluckte schwer. Hatte Severus ihr gerade in einem Schreiduell offenbart, dass er noch nie in einer Beziehung gewesen war? Ihr Gehirn brauchte eine Weile, um das zu verarbeiten, doch ja, es sah ganz danach aus.

Unterdessen hatte Severus sich abgewandt und wollte am liebsten im Boden versinken. So hatte er das Ganze nicht geplant. Ihr Schweigen war fast noch schwerer zu ertragen, als seine sterbenspeinlichen Geheimnisse preiszugeben. Sie hatte schließlich schon mindestens eine… erfahrungsreiche Beziehung gehabt…

„Severus? Severus, sieh mich an, bitte."

Langsam, fast scheu drehte er sich um und sah sie an.

„Es stimmt, dass wir uns in der Hinsicht vielleicht ein bisschen unterscheiden, aber… wollen wir es nicht einfach ausprobieren? Es ist ja trotzdem auch für mich ganz neu… Es gibt kein Patentrezept, jede Beziehung ist irgendwie Versuch und Irrtum…"

‚Du weißt nicht einmal die Hälfte…', dachte Severus verzweifelt, doch ein großer, erleichterter Teil von ihm wollte einfach nur dankbar „Ja!" sagen. Schließlich gab er sich diesem Teil geschlagen und nickte resigniert.

Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Arians Gesicht aus. „Das freut mich. Und… entschuldige, für vorhin… Aber eigentlich solltest du wissen, dass du mit mir einfach reden kannst. Man kann über alles reden, vergiss mir das nicht." Sie streckte eine Hand in seine Richtung aus und nach einem kurzen Zögern ergriff er sie. Sanft zog sie ihn zu sich und küsste ihn auf die Lippen. „Jetzt da das geklärt ist, muss ich mich allerdings darum kümmern, dass ich fürs nächste Trimester vorbereitet bin."

„Sicher, dass du stattdessen nicht dieses lächerliche Feuerwerk aufbaust?"

„Das kommt danach", grinste sie. „Du kommst doch?"

„Albus zwingt mich ja sowieso. Oder Pomona, je nachdem, wer schneller ist…"

„Vielleicht zwing' ja auch ich dich…?" Und mit einem letzten kleinen Kuss und einem frechen Grinsen verabschiedete sie sich von ihm.

OoOoO

Arians Unterrichtsvorbereitungen gestalteten sich schwieriger als gedacht, da ihre Gedanken ständig zu Severus abdrifteten. Vielleicht würde er dieses Jahr an Silvester ja etwas weniger grantig sein, jetzt wo sie mehr auf derselben Wellenlänge waren… Sie hatte eben in seinem Büro wirklich befürchtet, ihr erst kürzlich gefundenes Glück hätte sich bereits wieder in Luft aufgelöst. Glücklicherweise war dem nicht der Fall gewesen, auch wenn die Vorstellung, dass ein Mann in Severus' Alter noch nie eine Freundin gehabt haben sollte, etwas Fremdartiges an sich hatte. Doch was Severus anging, entsprachen mehrere Dinge nicht der Norm. Er war so komplett anders als jeder Mann, den sie zuvor gekannt hatte, und etwas sagte ihr, dass das auch nicht einfach nur Wunderlichkeit war, davon wollte sie sich allerdings nicht abschrecken lassen. Allein der Gedanke, ihm nahe zu sein und in seine wunderschönen dunklen Augen zu blicken, löste bei ihr ein unglaublich warmes Gefühl aus, von dem sie nicht genug kriegen konnte.

Endlich hatte sie alle Vorbereitungen für die ersten praktischen Versuche mit Keltischer Magie, nur möglich zu lernen, wenn man auch nach zwei Jahren das Fach weiterbelegte, beendet und konnte zum spaßigen Teil des Tages übergehen: Bowle zubereiten mit Minerva und Poppy im Büro der Schulkrankenschwester.

„Es muss unbedingt Sekt rein, damit es schön spritzig ist", stellte Poppy fest.

„Und etwas Stärkeres auch noch. Whisky schmeckt dabei allerdings nicht so gut – wir wollen doch immer noch Erdbeer-Stachelbeere?", fragte Minerva.

„Total blödsinnig, mitten im Winter, aber ja. Vielleicht Wodka?"

„Das geht immer, oder aber Rum, für mehr Geschmack", meinte Arian.

„Nehmen wir Wodka, das fällt nicht zu sehr auf, solange wir alles ganz süß machen", entschied Minerva und kippte zwei Flaschen mit kyrillischem Text darauf in den Kessel.

Arian kicherte bei dem Gedanken, Severus damit abzufüllen. Andererseits war der so alkoholresistent, wahrscheinlich würde es nicht einmal ansatzweise klappen.

Sie rührten noch literweise Saft unter und bereiteten die frischen Früchte vor, die ihnen die Hauselfen von Merlin-wusste-woher beschafft hatten und die erst ganz zum Schluss hinzugefügt werden würden.

„Hoffentlich verlangt Albus keine Kostprobe vorneweg", meinte Poppy kopfschüttelnd, als sie alle drei abgeschmeckt hatten. „Der Trank der Lebenden Toten ist ein gemütlicher Absacker dagegen."

Gemeinsam ließen die drei Frauen den bis zum Rand gefüllten Kessel auf den Astronomieturm schweben, wobei eine immer ein Stück vorausging, um etwaige herumstreunende Schüler abzulenken. Oben angekommen trafen sie auf Filius, Albus und Pomona, die das Feuerwerk vorbereiteten, wobei Letztere eher wie eine Mutter wirkte, die aufpasste, dass ihre Söhne nicht zu viel Unfug trieben – die Herren der Schöpfung hatten nämlich eindeutig zu viel Spaß an der Sache.

OoOoO

Bereits beim Abendessen wurde Severus von Albus und Pomona mit mehr oder weniger guten Argumenten überhäuft, die ihn dazu bewegen sollten, Silvester mit seinen Kollegen zu feiern. Hätte er es Arian nicht sowieso schon versprochen, wäre er sehr geneigt gewesen, genau wegen dieser Ruhestörung beim Essen nicht aufzutauchen.

„Wo warst du eigentlich letztes Jahr?", fragte Pomona beiläufig. „Ich habe dich vergebens gesucht – beinahe hätte ich deswegen selbst das Feuerwerk verpasst!"

„Und Arian war auch nicht da!", erinnerte sich Minerva. „Sie wollte noch Wein holen und dann war sie verschwunden. Ihr zwei habt doch nicht etwa die Neujahrs-Whiskyverkostung in Edinburgh ohne mich gemacht?"

„Das wäre ja noch erträglich gewesen", murrte Severus in seinen Weinkelch.

„Wieso, was war denn?"

„Irgendeine Knalltüte hat uns im Lehrerzimmer eingesperrt und das ziemlich perfide mit einem Spruch, der anscheinend über nebenmagische Ströme funktioniert", erzählte Arian wenig begeistert.

Dumbledore gluckste. „Oh, das war dann wohl ich. Ich habe etwas experimentiert und mir gedacht, dass spätestens die Hauselfen beim Putzen den Zauber wieder aufheben werden. Hauselfenmagie geht sogar noch über nebenmagische Ströme hinaus, müssen Sie wissen. Sehr faszinierend!"

Fassungslos starrten Severus und Arian den Schulleiter an, der selig lächelnd sein Eton Mess in sich hineinschaufelte.

„Ich glaube es nicht…!", knurrte Severus.

„Was habt ihr dann die ganze Zeit da drin gemacht?", wollte Minerva wissen und löste bei ihren beiden jüngeren Kollegen dabei unwissentlich Schweißausbrüche aus.

„Ach, was man mit Severus halt so macht – Meinungsverschiedenheiten haben und sich anschließend aus Frust besaufen", entgegnete Arian leichthin.

„Oh, wirklich?", meinte die Ältere, nun sehr amüsiert.

„Wirklich. Er war unausstehlich."

„Deswegen könnt ihr nun also normal miteinander umgehen", stellte Pomona fest. „Ihr habt einfach beide so lange getrunken, bis ihr gemerkt habt, dass der andere doch nicht so schlimm ist wie angenommen."

„Du hast keine Ahnung, Pomona. Es waren die schlimmsten Stunden meines Lebens", ätzte Severus, doch die anderen schüttelten nur belustigt die Köpfe. Immerhin schien keiner auf die Signifikanz der Situation vor einem Jahr gekommen zu sein. Ein Vorteil, den man hatte, wenn man ein absolut nicht liebenswertes, abstoßendes Arschloch war.

Um Mitternacht kam Severus gerade rechtzeitig auf dem Astronomieturm an, um zu sehen, wie Albus das Feuerwerk zündete und sich die ersten regenbogenfarbenen Spiralen in den tintenschwarzen Nachthimmel kringelten.

„Da bist du ja!" Arian kam mit zwei Gläsern schrillpinker Bowle auf ihn zu und drückte ihm eins davon in die Hand. „Dachte schon, du kommst doch nicht. Du weißt, dass ich das nicht ernst gemeint hab', was ich vorhin beim Abendessen gesagt hab'?"

„Ja, das weiß ich." Weiße Sterne zischten pfeifend durch die Luft und hinterließen Flecken auf seiner Netzhaut. „Ich habe das Gefühl, das hier wird jedes Jahr schrecklicher…"

„Unsinn, Severus!", mischte sich da Minerva ein, die den letzten Satz mitbekommen hatte. „Du bist nur spaßresistent. Arian, gib ihm mehr Bowle!"

„Aye!", lachte Arian und toastete Severus grinsend zu. „Auf ein gutes neues Jahr!"

Severus erwiderte nichts, sondern ließ den Blick über die Plattform schweifen. Wo war der Wolf? Er wollte keinesfalls von ihm überrascht werden… Ah, dort hinten bei Filius… Er würde ein Auge auf ihn halten…

Die gesamte Feier über war er in Gedanken permanent dabei, Lupin zu analysieren, doch dieser verhielt sich ausnahmsweise unauffällig und harmlos. Arian begann irgendwann ein lebhaftes Gespräch mit Poppy und Pomona über verschiedene Neujahrstraditionen in den unterschiedlichen europäischen Ländern und nachdem Severus sichergestellt hatte, dass Albus seine Anwesenheit registriert hatte, zog er sich heimlich wieder in seine Räume zurück. Sowas war einfach nichts für ihn.

Als Arian sich das nächste Mal nach ihm umguckte, war er bereits verschwunden. Sie versuchte, sich die Enttäuschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen, und trank zwei Gläser Bowle auf ex.

OoO

Am 2. Januar kehrten die übrigen Schüler nach Hogwarts zurück und noch einen Tag später begann der Unterricht wieder. Lupin erwähnte im Lehrerzimmer, dass er Potter den Patronus-Zauber beibringen wollte, da die Dementoren den Jungen so sehr beeinflussen konnten. Severus bezweifelte stark, dass er weit kommen würde – das war schon sehr hohe Magie – und Poppy warnte Lupin sehr nachdrücklich vor ihrem Zorn, sollte sie erfahren, dass Potters Gesundheit darunter litt. Insgeheim wünschte sich Severus, sie würde dem Wolf den Pelz über die Ohren ziehen.

Arian war die ganze Zeit etwas stiller als gewöhnlich, doch bei all den Neuerungen zwischen ihnen störte ihn das nicht großartig, denn er war selbst des Öfteren mit Nachdenken darüber beschäftigt, und solange sie trotzdem in seiner Nähe war, machte er sich keine allzu großen Gedanken darüber, dass sie eventuell doch etwas an Lupin finden könnte.

Am Sonntag war sein Geburtstag und eigentlich hatte er gehofft, dass Arian das vergessen hatte. Hatte sie allerdings nicht und sie war auch nicht die Einzige. Pomona schickte eine neue Teemischung – irgendwann würde sie ihn ganz sicher aus Versehen vergiften – und Arian kam persönlich vorbei. Sie schien die Zurückhaltung der letzten Tage abgelegt zu haben, denn sie eröffnete ihm nach einem „Geburtstagskuss", dass sie ihn am Abend zum Essen ausführen würde – bitte schick anziehen. Zuerst reagierte er etwas ärgerlich, da er es einfach hasste, so überfallen zu werden, doch als er Arians verstimmtes Gesicht sah, gab er eben nach. Sie schien Geburtstagen Wert beizumessen, auch wenn es sich ihm nicht erschloss, warum man fortschreitende Vergreisung feiern wollen sollte.

Als Arian ihn abends abholte – er trug seinen einzigen Festumhang – war sie in traumhafte, dunkelblaue Roben gekleidet, die ihre Figur umspielten und farblich perfekt zu ihren Augen passten. Ihr Haar lag lang und offen über ihrer linken Schulter, wie er es sonst zu Schulzeiten nie gesehen hatte. Allein dass sie sich für eine Verabredung mit ihm so hübsch gemacht hatte, ließ ihn noch einmal darüber nachdenken, ob sein Geburtstag gar so schlimm war. Sie verriet ihm nicht, wohin es ging, also musste er sich zähneknirschend damit zufriedengeben, dass sie sie beide an den Bestimmungsort apparierte.

„Was, bei Merlins durchgerostetem Kessel ist das denn?!" Verwirrt blickte Severus sich um, als sie aus dem Schatten eines Hauses traten. Er hatte das Gefühl, in Italien zu sein, jedoch in einem etwas fehlproportionierten, engen, knallbunten und vor allem ungewöhnlich kalten Italien. Überhaupt nicht so, wie er Italien von seinem Tränkestudium in Erinnerung hatte.

„Das, mein Lieber, ist Portmeirion, die Umsetzung eines fantasievollen Hirngespinsts von Sir Clough Williams-Ellis, einem Stararchitekten der Muggel."

„Was für einen Dachschaden hatte der denn?"

„Ach, ist doch eigentlich ganz schnuckelig. Komm, ich habe einen Tisch im Hotel Portmeirion reserviert."

„Aber… was ist mit den Muggeln?"

„Keine Sorge, heute ist ‚geschlossene Gesellschaft', heißt eigentlich nur magische Bevölkerung. Kommt nicht oft vor."

Severus blickte hinaus aufs Meer, aufgeraut von den starken Januarwinden, dann zurück zu Arian. „Wenn du meinst…"

Der Speisesaal des Hotels im Art Déco-Stil löste dann jedoch selbst bei ihm Staunen aus, auch wenn er es nicht zeige. Alles war exquisit hergerichtet, sie wurden zu ihrem Platz an einem großen Fenster mit Meerblick geführt – und augenscheinlich hatte Arian ein ganzes Menü vorbestellt, denn ohne dass sie etwas sagten, wurde schon ein Aperitif serviert.

Arian hob ihr Glas, sah ihm tief in die Augen und sagte leise: „Auf dich."

Severus nickte nur. Das elegante Ambiente, die wunderschöne Frau ihm gegenüber… ‚Gewöhn dich lieber nicht daran!', flüsterte ihm ein böses Stimmchen ein, doch dieses eine Mal brachte er es zum Schweigen. Es mochte Recht haben, doch für den Moment würde er so tun, als sei alles normal und in bester Ordnung, schon allein, weil Arian sonst enttäuscht wäre und das… das wollte er nicht verantworten.

„Das Menü, das ich ausgesucht habe, basiert viel auf traditionellen walisischen Rezepten, ist aber durchaus moderne, gehobene Küche mit hauptsächlich regionalen Zutaten. Ich hoffe, es ist nichts dabei, das du gar nicht magst…"

Sie war nervös. Sie fing immer das Plappern an, wenn sie nervös war. Warum hatte sie sich nicht jemand anderen aussuchen können? Dieser Jemand hätte vielleicht gewusst, wie man in so einer Situation angemessen reagierte und wäre nicht ebenso unsicher gewesen…

„Ich bin nicht wählerisch", entgegnete Severus vage und griff nach seinem Glas, nur um festzustellen, dass es bereits leer war. Verdammt. Peinlich.

Arian schmunzelte. „Die Alkoholversorgung ist ein bisschen eingeschränkt. Darum müssen wir uns dann kümmern, wenn wir wieder in Hogwarts sind. Vorausgesetzt, wir schaffen es dann ohne Kater morgen zum Unterricht." Sie schien sich nicht über ihn lustig zu machen, sondern es vollkommen ernst zu meinen.

Sie genossen ein vorzügliches Fünf-Gänge-Menü, das nicht billig sein konnte, und gingen schließlich im Licht der Laternen noch ein wenig durch die winterlichen Gärten spazieren. Auf einer kleinen, umzäunten Aussichtsplattform blieben sie stehen, blickten auf den schmalen Sandstrand hinunter und lauschten dem Meeresrauschen.

„Ich hoffe, der Abend war… adäquat", meinte Arian irgendwann mit etwas Unsicherheit in der Stimme. „Nachdem Weihnachten erst war, ist mir einfach nichts Gutes eingefallen…"

Sie hatte soeben einen Geldbetrag, dessen Höhe er sich gar nicht vorstellen wollte, auf ihn verschwendet, nur um ihm zu seinem völlig überbewerteten Geburtstag einen netten Abend zu bereiten, und frage jetzt, ob es adäquat gewesen war? Nein, war es ganz und gar nicht, aber eher, weil er diesen Aufwand nicht verdient hatte.

„Rede keinen Mist", entgegnete er schroff und war einmal mehr froh über die relative Dunkelheit. „Es war durchaus… schön."

Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Da bin ich aber froh!"

„Es war allerdings unnötig."

„Ich dachte mir schon, dass du das denkst… aber das ist auch Blödsinn. Besondere Anlässe muss man auch mal feiern."

„Du bist allein, wenn du meinen Geburtstag als besonderen Anlass siehst."

Arian gefiel sein emotionsloser Ton überhaupt nicht, doch sie wollte auf gar keinen Fall wieder schlechte Stimmung zwischen ihnen verursachen, dazu noch an diesem Tag. Doch später, als sie noch in ihrem Wohnzimmer saßen und den einen oder anderen Whisky tranken, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: „Warum magst du deinen Geburtstag nicht?"

Lange sagte Severus nichts, schien mit sich zu hadern, ob er überhaupt antworten sollte. Dann: „Ich verbinde einfach nichts Besonderes damit. Es ist nur ein Tag wie jeder andere." Ein Tag voller schlechter Erinnerungen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sich seine Eltern je große Mühe zu diesem Ereignis gemacht hätten; sein Vater sowieso nicht. Lily hatte ihm immer ein Geschenk mitgebracht, oft auch Selbstgemachtes, doch seit Potter und Black das in ihrem zweiten Schuljahr mitbekommen hatten, war der 9. Januar jedes Jahr aufs Neue zu einer demütigenden Tortur aus grausamen Streichen geworden…

Arian rutschte näher an ihn heran und lehnte sich an seine Schulter. Es überraschte ihn jedes Mal aufs Neue, dass sie ihn berührte, als wäre er auch nur ein ganz normaler Mensch.

„Da ist noch mehr, oder? Aber ist schon OK, du musst es mir nicht erzählen. Aber ich hör' dir immer zu, ja?"

Ein leises Miau ertönte und Seren sprang zu ihnen aufs Sofa. Sie kletterte einmal quer über ihre Beine, bevor sie sich halb auf Arian, halb auf Severus niederließ. Mit einem Lächeln begann Arian, ihre Katze zu streicheln, und nach kurzem Zögern schloss sich Severus ihr an. Seine Gedanken kreisten um das, was Arian gerade gesagt hatte. Wie hatte sie gemerkt, dass er ihr etwas verheimlichte? Sonst konnte ihn niemand durchschauen, solche Dinge konnte er sogar vor Dumbledore verbergen. Und weshalb nahm sie das auch einfach so hin? Sie brachte wirklich eine unwahrscheinliche Geduld für seinen verkorksten Charakter auf, die er ihr nicht zugetraut hätte – erst recht nicht, wenn er an ihr erstes Jahr als Kollegen zurückdachte.

Severus' Finger fuhren wieder und wieder durch Serens seidiges, dreifarbiges Fell, bis er dabei Arians Handrücken streifte. Ein warmes Prickeln schien seine Finger hinaufzuwandern und er hielt in der Bewegung inne. Sollte er…? Vorsichtig bedeckte er Arians weiche Hand mit seiner und wartete mit angehaltenem Atem auf ihre Reaktion. Mit einem leisen, zufriedenen Seufzer schmiegte sie sich enger an ihn, dann blickte sie mit einem Lächeln auf.

Unsicher wich er ihrem Blick aus. „Es tut mir leid, dass ich nicht besser sein kann…"

Arian zog ihre Hand unter seiner hervor, packte Seren, stellte die protestierende Katze auf dem Boden ab und wandte sich ihm mit ganzem Körper zu. Ihre Augen fixierten seine mit ernstem Nachdruck und mit einer Hand strich sie eine rabenschwarze Haarsträhne aus seinem Gesicht. „Du musst nicht besser sein, Severus – sch!" Sie legte einen Finger an seine Lippen, als er sie unterbrechen wollte. „Du magst da anderer Meinung sein und vielleicht hast du auch deine Gründe, aber für mich bist du so gut, wie du bist." Und als Bestätigung zog sie ihn in einen sanften, aber doch bestimmten Kuss.

Sie schmeckte, wenig verwunderlich, nach Single Malt Whisky und der Geruch von Jasmin und Minze entströmte ihrem langen Haar. Sie hatte Unrecht, doch er hatte weder die Kraft noch den Mut, es ihr zu erklären, noch wollte er es gerade wirklich.